Architektur der Gegenwart - Philip Ursprung - E-Book

Architektur der Gegenwart E-Book

Philip Ursprung

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Beschreibung

Die Architektur der Gegenwart (1970 bis heute) lässt sich weder in Perioden einteilen noch unterschiedlichen nationalen Schulen zuordnen. Stattdessen geht Architekturfachmann Philip Ursprung ausgehend von einzelnen exemplarischen Bauten versiert und kenntnisreich auf die aktuellen Themen, Diskussionen und Herausforderungen ein. So entsteht ein faszinierendes Panorama der wichtigsten Positionen und Tendenzen, die sich in unserer gebauten Umwelt manifestieren – etwa in Werken von Herzog & de Meuron, Zaha Hadid, Renzo Piano oder Rem Kohlhaas.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Titel

Philip Ursprung

ARCHITEKTUR DER GEGENWART

1970 bis heute

Verlag C.H.Beck

Übersicht

Cover

Inhalt

Textbeginn

Inhalt

Titel

Inhalt

I. Einführung: Von der Rezession zur Stararchitektur und zurück

Eingangspunkte

Welttheater

Performative Geschichtsschreibung

II. Das lange Ende der Wohlfahrtsstaaten

Großwohnbauten

Sorge und Pflege

Gesichter der Bildung

III. Neue Weltordnung

Terrain vague

Stararchitektur

Monumente der Globalisierung

IV. Jenseits der Globalisierung

Peripherie

V. Kulturfabriken

Kultur für alle

Überformte Geschichte

Social Condenser

Monumentale Leere

VI. Das Gespenst des Eigenheims

Anachronismen

Jenseits der Standardisierung

Pavillons

VII. Materie und Gedächtnis

Zugang zur Geschichte

Zwei Lieblingsmuseen

Postmoderne?

Gegen das Verdrängen

VIII. Computer und Container

Logistik

Blauer Wal

Hauptquartiere

Fließende Geometrien

IX. Erdgeschichten

Architektur und Geologie

Vulkane und Sturmfluten

Steinbrüche

X. Ausblick

Bildnachweis

Register der Personen und Architekturbüros

Zum Buch

Vita

Impressum

I. Einführung: Von der Rezession zur Stararchitektur und zurück

In einer sonnigen Märzwoche fuhr ich mit meinen Studierenden nach Rom. Die Jahre der Corona-Pandemie lagen hinter uns, und wir durften wieder reisen. Für unsere Gruppe war es ein Genuss, aber die ewige Stadt ächzte unter dem erneut anschwellenden Tourismusstrom. Die zahllosen Ferienwohnungen treiben die Mieten hoch, die neuen Restaurants und Bars verdrängen die alten Geschäfte und Handwerksbetriebe, und das Leben in der Innenstadt ist für viele Alteingesessene unerschwinglich. Lorenzo Romito und Giulia Fiocca vom Architektur-Kollektiv Stalker führten uns durch ihre Stadt. Der Name des 1995 gegründeten Kollektivs ist Andrei Tarkowskis Film Stalker (1979) entlehnt. Vergleichbar dem Stalker, der seinen Gefährten den Weg durch eine mysteriöse, streng bewachte «Zone» weist, gestaltet das Kollektiv Wanderungen entlang der Peripherie von Rom und anderen Städten, gemäß dem Motto «gehen – oder besser, hindurchgehen». Stalkers Methode verbindet Architektur, Kunst, Performance, Architekturlehre und Aktivismus. Das Kollektiv greift gemeinsam mit meistens neu zugezogenen, oftmals randständigen Gruppen aktiv in Prozesse ein, um Freiräume zu schaffen und zu schützen. In Romitos Worten: «Hindurchgehen ist zugleich eine Praxis der Ästhetik, der Freiheit und der Aufmerksamkeit».

Wir machten einen großen Bogen um das von der Tourismusindustrie vereinnahmte Wahrzeichen von Rom, das Kolosseum. Lieber wollten wir die Steinbrüche besuchen, aus denen das Material für dieses Amphitheater aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammt. Anstatt für Eintrittskarten Schlange zu stehen, wanderten wir durch die Vorortsiedlungen zu den Tuffsteinbrüchen von Salone. Sie sind seit Jahrhunderten erschöpft, liegen teilweise unter Wasser oder sind von Bäumen überwachsen. Statt durch die Ruinen des Kolosseums zu gehen, suchten wir den Weg durch Dickicht, über Absperrgitter, vorbei an Felsportalen, Höhlen, tief abfallenden Senken. Abgesehen von ein paar Fischern und der Jugend der umliegenden Dörfer kommt niemand hierher.

Aus der Perspektive des abgebauten Baumaterials zeichnete sich das abwesende Amphitheater überraschend klar in unserer Vorstellung ab. Die Leerstelle schärfte unsere Aufmerksamkeit und beflügelte unsere Imagination. Wir stellten uns vor, wie das poröse, leichte und zugleich stabile Tuffgestein aus den erkaltenden Lavaströmen hervorging, die vom vulkanischen Ringgebirge der Albanischen Berge in die Ebene geflossen waren. Wir diskutierten, wie Vespasians Kriegsgefangene die Steine brachen und dann über den nahen Fluss Aniene zur Baustelle des Kolosseums schifften. Wir reflektierten die Rolle des Amphitheaters als Schauplatz von Kämpfen und der Inszenierung von Gewalt. Wir sprachen über das spätere Schicksal des Kolosseums, das, von Erdbeben beschädigt, jahrhundertelang seinerseits als Steinbruch für die Bauten in Rom diente und inzwischen von der Tourismusindustrie verwertet wird. Was wir zum Thema der antiken Architektur, des «Hypertourismus» und des Anthropozäns gelesen hatten, materialisierte sich vor unseren Augen und unter unseren Füßen. Erdgeschichte und Architekturgeschichte, Geschichte der Antike und die Auswirkungen der neofaschistischen Regierung auf den aktuellen Alltag in Rom, Vergangenheit und Gegenwart durchdrangen sich, und die Differenz zwischen Belebtem und Unbelebtem zerrann wie der bräunliche Sand in unseren Händen. Wir konnten gar nicht anders, als das Amphitheater als Teil eines geologischen Prozesses zu begreifen, als eine Fortsetzung der Erdkruste. Wir befanden uns quasi in einem Negativabdruck des Kolosseums.

Eingangspunkte

Wie kommt es, dass ich mein Buch über die Architektur der Gegenwart mit dem Kolosseum beginne? Die gemeinsame Erfahrung unserer Gruppe in den Tuffsteinbrüchen vor Rom dient mir als Eingangspunkt. Die Idee des Eingangspunkts verdanke ich der Kunsthistorikerin Irit Rogoff, mit der ich mich einmal über die Frage unterhielt, wie man sich historischen Phänomenen methodisch annähert. Ein Eingangspunkt bietet einen konkreten Zugang und überwindet die vermeintlich objektive Distanz. Es kann ein persönliches Erlebnis sein, ein historisches Ereignis oder die Konfrontation mit einem Gegenstand. Mein Gegenstand stammt zwar aus der Antike, aber unser Zugang war durch die unmittelbare Beobachtung im Hier und Jetzt verankert. Jedes Kapitel im Buch beginnt mit einem solchen Eingangspunkt, sei es das leere Fenster eines Architekturfragments der Robin Hood Gardens, meine erste Begegnung mit dem Centre Georges Pompidou, der Einzug der Familie Gehry in ihr neues Haus, der Fall der Berliner Mauer, die Erinnerung an einen Vortrag, das Abholen eines Schlüssels oder der Besuch eines Logistikzentrums. Viele dieser Eingangspunkte hängen, wie der Steinbruch, mit einer Leerstelle zusammen. Was nicht mehr oder noch nicht da ist, lässt, so scheint es, mehr Raum für die Reflexion als das, was vor einem steht.

Die Eingangspunkte bieten verschiedene Annäherungen und Zugänge zur Geschichte der Architektur seit 1970. Im Unterschied zu Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Historismus, Jugendstil, Reformarchitektur, Neues Bauen, International Style etc. lässt sich die Architektur seit den 1970er Jahren weder unter einem Epochenbegriff subsumieren noch als Abfolge von unterschiedlichen Baustilen darstellen. Begriffe wie «Postmoderne», «Nachmoderne» oder «Zweite Moderne» zeugen zwar vom Ringen um eine historische Kategorisierung, aber es gibt keinen Konsens darüber, was sie bedeuten. Der Literaturwissenschaftler Fredric Jameson diagnostizierte in den 1980er Jahren die Ablösung des zeitlichen Nacheinanders durch ein räumliches Nebeneinander und sprach von einer «Krise der Historizität». Der Architekturhistoriker Manfredo Tafuri sah die lineare Geschichte abgelöst durch eine «Geschichte mit einem Loch in der Mitte». «Jede Generation passt die Geschichte ihrem Geschmack an», schrieb die Architekturkritikerin Ada Louise Huxtable. Wenn man davon ausgeht, dass so etwas wie «die» Moderne existierte, und sie als kulturelle Reflexion der Epoche der Industrialisierung vom ausgehenden 19. bis zum mittleren 20. Jahrhundert versteht, dann versiegt mit ihrem Ende auch die Periodisierung, der «Lebenssaft der Moderne», wie es der Philosoph Gary Shapiro nannte.

Ich beginne meine Geschichte der Architektur der Gegenwart um 1970, weil uns aus heutiger Perspektive jene Zeit nahesteht und etliche der damals virulenten Themen bis heute nicht gelöst oder überwunden sind. Viele wirtschaftliche Trends, die den Alltag noch immer bestimmen, namentlich die Deregulierung von Finanz- und Arbeitsmärkten, die Globalisierung der Wirtschaft, die Automatisierung und Digitalisierung der Industrien, aber auch die wachsende ökonomische Ungleichheit, setzten in jener Zeit ein. Das Buch Die Grenzen des Wachstums (zuerst Englisch, 1972) vermittelte die Erkenntnis, dass die Industrialisierung nicht nur Fortschritte gebracht hat, sondern das ökologische Gleichgewicht des Planeten gefährdet, und dass entsprechend auch die Architektur nicht losgelöst von der Umwelt gedacht werden kann. Edward Saids Buch Orientalismus (zuerst Englisch, 1978) zeigte auf, wie Kolonialherrschaft und Wissenssysteme zusammenhängen, und markierte den Beginn der postkolonialen Theorie. Angela Davis’ Buch Rassismus, Sexismus und Klassenkampf (zuerst Englisch, 1981) inspirierte die Diskussion über die engen Zusammenhänge von Autoritäts- und Herrschaftsformen, Ungleichheit und Ausbeutung in den gegenwärtigen Gesellschaften.

Mit der sexuellen Revolution und dem Feminismus änderten sich die tradierten Modelle der Familie und des individuellen Lebensentwurfs, was sich in neuen Formen des Wohnens, der Freizeitgestaltung und der Vorstellung von privatem, öffentlichem und kommunem Raum niederschlug. Auch im Hinblick auf die Berufsauffassung der Entwerfenden selbst gibt es Parallelen. Ein «verbindliches Berufsbild des Architekten, das als Leitbild für die Ausbildung dienen kann», lasse sich nicht mehr definieren, hieß es 1972 in einem Bericht der ETH Zürich. Einige heute tonangebende Architektinnen und Architekten, die damals am Beginn ihrer Laufbahn standen, waren ratlos. Jacques Herzog fühlte sich konfrontiert mit einer «großen Leere». Peter Zumthor spricht von der «Zäsur von 1968 bis 1978». Toyo Ito war «ziemlich frustriert». Rem Koolhaas erinnert sich, dass er in jener Zeit «skeptisch» war. Und laut Peter Märkli «herrschte ein Vakuum».

Woher rührte dieses Gefühl des Vakuums? Zum einen waren die vertrauten Leuchtfeuer der Architekturwelt erloschen. Mit Le Corbusier, Sigfried Giedion, Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius, Hans Schmidt und Louis Kahn waren jene Architekten und Theoretiker innerhalb weniger Jahre gestorben, die durch ihre Bauten, ihre Bücher und ihre Lehre die Architektur geprägt hatten. Sie verkörperten jene beiden Prämissen, welche die Architekturauffassung von den 1910er bis zu den 1960er Jahren dominierten, nämlich Autonomie und Historizität. Ihr Einsatz für die Unabhängigkeit und Eigengesetzlichkeit der Architektur und für deren Bezug auf die eigene Geschichte bildete über Jahrzehnte hinweg den Horizont der architektonischen Praxis und Theorie.

Eine weitere Ursache für die Ratlosigkeit um 1970 lag in den gesellschaftlichen Veränderungen. Das Image des Berufs hatte sich im Sog der 1968er Bewegung gewandelt. Das gesellschaftliche Prestige, das die Architektur in der Zwischen- und Nachkriegszeit genossen hatte, wich im Laufe der 1960er Jahre einer Ablehnung. Wer die Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg nicht miterlebt hatte, konnte die boomende Bauindustrie in den 1960er Jahren ihrerseits als zerstörerisch empfinden. Sie veränderte rücksichtslos die vertraute Umgebung und machte den Menschen die Kehrseiten der «Wohlstandsgesellschaft» bewusst. Die neuen Wohn- und Bürobauten, die in die Höhe schossen, wurden von vielen Menschen als Verlust von Identität aufgefasst. Der Künstler Gordon Matta-Clark forderte eine radikale Revision der Idee der architektonischen Autorität und plädierte für «Anarchitecture». Und Harald Naegeli, der Sprayer von Zürich, sprach für viele, als er in seinem Statement «Beton» Ende der 1970er Jahre schrieb, Betonfassaden seien «plumpe schwere Stirnen einer erstarrten Vernunft».

Der wichtigste Grund für die Erfahrung der Leere war allerdings die Rezession, die in den 1970er Jahren die Industriestaaten lähmte und die Bautätigkeit in Europa und den USA vorübergehend fast zum Erliegen brachte. Nach zwei Jahrzehnten der Prosperität sanken die Reallöhne und schnellten gleichzeitig die Arbeitslosenzahlen in die Höhe. Die Mittelklasse geriet unter Druck. Neben der Verteuerung des Öls führten auch die Aufhebung der festen Wechselkurse und das Ende der Anbindung des Dollars an das Gold zu Verwerfungen der ökonomischen Landschaft, deren Wirkungen bis heute spürbar sind. Der Generationswechsel und die kulturelle Revolution von 1968 waren zweifellos markante Ereignisse, aber sie allein können die Veränderung des Berufsbildes nicht erklären. Entscheidend für die Leere dürfte vielmehr das Wegbleiben der Bauherrschaft gewesen sein.

Welttheater

Die Rezession führte dazu, dass Alternativen zum Bauen entwickelt wurden. Die 1970er und frühen 1980er Jahre bedeuteten für die neue Generation am Beginn ihrer Laufbahn oft eine Phase des Experimentierens, des Schreibens, der Utopien und Manifeste. Die Grenzen zwischen Architektur, Kunst, Musik und Theater öffneten sich vorübergehend. Weniger das, was tatsächlich gebaut wurde, zählte, als das Nichtgebaute. Horizontal Tektonik, Malevich’s Tektonik, London (1977) hieß Zaha Hadids Abschlussarbeit an der Architecture Association in London, welche die Zukunft Londons mit den AvantgardeModellen der sowjetischen Suprematisten in Form eines Acrylgemäldes verwob. Daniel Libeskinds Micromegas (1979) ist eine Zeichnungsserie, die, zwischen Partitur, Poesie und Stadtplanung oszillierend, eine neue architektonische Formensprache entwickelt. Architektur Denkform lautete 1988 der Titel der ersten Ausstellung von Herzog & de Meuron in Basel. Und Peter Zumthor eröffnete fast gleichzeitig die Ausstellung Partituren und Bilder in Luzern. Exemplarisch ist die Laufbahn von Aldo Rossi, der in den 1970er Jahren beidseits des Atlantiks sowohl in den USA wie auch in Europa schulbildend war. Der kritische Intellektuelle und der Künstler, der Theoretiker und der Praktiker verschmolzen in seiner Person. Rossi realisierte durchaus einige Bauten, aber fast noch stärker interessierte die Welt der Architektur seine Bücher, Collagen und Ausstellungen. Der Höhepunkt seiner Wirksamkeit war das Teatro del Mondo, eine auf dem Wasser schwimmende, bewegliche Bühnenarchitektur, die er im Rahmen der Theater- und Architekturabteilung der Biennale Venedig im Winter 1979/80 errichtete. Sie führte die Ort- und Zeitlosigkeit der Architektur performativ auf. Und zugleich zeugte sie vom Potential der Architektur, eine Stadt nicht nur durch dauerhafte Gebäude, sondern durch ephemere Interventionen zu verändern. Sie gab den Startschuss für die im Herbst 1980 zum ersten Mal durchgeführte Architekturbiennale in Venedig. Ein eigener Markt für Architekturdarstellungen, Turnusausstellungen, diverse international verbreitete Zeitschriften wie Oppositions, Domus, Casabella, L’Architecture d’aujourd’hui, Quaderns, Arch +, Archithese sowie ein eng vernetztes System von Hochschulen und Instituten boten Grundlagen für Architekturkarrieren jenseits der realisierten Bauten.

Auf die Rezession der 1970er Jahre folgte, im Sog der neoliberalen Wirtschaftsordnung, eine Phase des Booms. Mit dem Ende des Kalten Kriegs trat der Kapitalismus in eine neue Phase ein, gekennzeichnet durch eine beschleunigte Expansion und die vorübergehende Nivellierung der nationalstaatlichen Grenzen. Die Kluft zwischen den Klassen verbreiterte sich rapide. Wer vom Aufschwung profitierte, entdeckte die zeitgenössische Kunst und Architektur als Statussymbol. Das lange Luftholen entlud sich ab den 1990er Jahren in einer bis dahin nie gesehenen architektonischen Produktivität. Die Stararchitektur, die eindeutig dem Stil einer Person zugeordnet werden kann, versprach gleichermaßen die Attraktivität von Kommunen oder Firmen wie ihre Identität zu stärken. Städte und Konzerne gaben ikonische Bauten bei bereits berühmten Büros in Auftrag, um Publikum und Kapital anzuziehen. Es war eine Zeit der Superlative, ein Wettstreit um den höchsten Turm, das größte Museum, das imposanteste Stadion.

Mit der Weltwirtschaftskrise und der Großen Rezession von 2007 bis 2009 begann sich die Rolle der Architektur abermals zu ändern. Das Platzen der US-amerikanischen Immobilienblase hat nicht nur unzählige Familien und Firmen ruiniert, sondern auch die Begeisterung für die Stararchitektur gedämpft. An ihre Stelle rückt seit den ausgehenden 2010er Jahren eine Architektur, welche unterschiedliche soziale Schichten verbindet, die Ressourcen schont und die Vergangenheit respektiert. Die Migrationskrise ab 2015 und die Kriege der jüngeren Vergangenheit haben das Bewusstsein dafür geschärft, dass die gebaute Umwelt Menschen nicht nur schützen, sondern auch separieren kann. In der Corona-Pandemie ab 2020 erfuhr man, wie sehr ein Balkon, ein Treppenabsatz oder ein paar Stühle auf dem Gehsteig das alltägliche Leben erleichtern können. Und die Studien zur Klimaerwärmung weisen nach, dass ein großer Teil der Emissionen von Treibhausgasen auf die Bauindustrie zurückgeht, auf die Extraktion und Verarbeitung von Baumaterialien, auf deren Transport und am Ende auf deren Entsorgung.

Performative Geschichtsschreibung

Indem ich die Einleitung «Von der Rezession zur Stararchitektur und zurück» nenne, beanspruche ich nicht, diese 50-jährige Phase aus der Distanz zu überblicken oder gar das letzte Wort zu haben. Das Neue ist eine fortwährende Herausforderung, den eigenen Standpunkt zu überdenken und zu revidieren. Ich bezeichne dies als «performative Geschichtsschreibung». Und ich verwende das Pronomen «ich», um als Historiograph lokalisierbar zu sein. Mein Standpunkt ist eklektisch, nicht systematisch, und er ist nur einer von vielen möglichen Standpunkten. Mein Narrativ, meine Erzählung, zeugt von meinen eigenen Interessen und Grenzen sowie von der Affinität zu bestimmten, meist auch akademisch tätigen Architektinnen und Architekten. Ich konzentriere mich auf Gebäude, die tatsächlich realisiert wurden und die sich, aus meiner Perspektive, aus der jüngeren Architekturgeschichte nicht wegdenken lassen. Die meisten habe ich selbst besucht. Ich gebe jeweils das Datum der Fertigstellung an, weil dann die Rezeption einsetzt, obwohl in vielen Fällen eine langjährige Phase der Planung und Ausführung vorangegangen ist.

«lch glaube, die Architektur ruft in uns Erinnerungen an das eigene Leben wach, aber kaum Erinnerungen an die Architekturgeschichte», sagte Jacques Herzog 1981 in einem Vortrag und erklärte: «Ich möchte versuchen, etwas über uns, über unsere Generation zu erfahren». Herzogs Appell, die eigene Generation, die eigene Situation klarer zu sehen, treibt auch mich an. Ich fokussiere auf die Beziehungen zwischen der Architektur und der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Umgebung. Vor der Folie der allgemeinen Geschichte zeichnen sich architektonische Veränderungen deutlicher ab. Umgekehrt artikuliert Architektur Phänomene, für welche die Begriffe fehlen, und hilft, die eigene Zeit besser zu verstehen. Ich will die Architektur nicht auf historische Ereignisse reduzieren. Aber ebenso wenig will ich die Rolle der Geschichtsschreibung für die Architektur auf Architekturgeschichte reduzieren.

Es gibt keine übergreifende Architekturtheorie. Begriffe wie die Vitruvianische Trias «Festigkeit», «Nützlichkeit» und «Schönheit» lassen sich ebenso wenig verifizieren oder falsifizieren wie Robert Slutzkys Begriff der «Transparenz», Rem Koolhaas’ Konzept der «Generic City», Peter Zumthors Vorstellung von «Atmosphäre», Anne Lacatons Plädoyer für «Transformation», Shelley McNamaras Interesse an «Translation» oder Kashef Chowdhurys Umgang mit «Magnetismus». Sie sind wie alle Begriffe, um mit der Kunsthistorikerin Mieke Bal zu sprechen, «Miniaturtheorien». Die Abwesenheit einer übergreifenden Theorie der Architektur ist allerdings kein Mangel. Vielmehr ist es, abermals, eine fruchtbare Leerstelle, die ein weites Spektrum von Beobachtungen, Reflexionen und kritischen Verhandlungen zur Frage öffnet, was Architektur ist und was sie sein könnte. Die Diskussion der Architektur übernimmt Impulse aus vielen Bereichen des Wissens, von der Philosophie, Soziologie, Psychologie, Anthropologie und Ethnologie über die Politikwissenschaft und Historiographie bis zur Kunst, der Archäologie, der Biologie und den Computerwissenschaften. Diese permanente schöpferische Auseinandersetzung, wenn man so will, der kontinuierliche Prozess der Theoriebildung, findet statt in den Kritiken der Architekturhochschulen, den Querelen um Architekturwettbewerbe, in Fachzeitschriften, Feuilletons, sozialen Medien, auf Symposien und Podiumsdebatten, in Protestkundgebungen, Leserbriefen und ganz besonders in Form der Architekturausstellungen. So wie das Kollektiv Stalker verschiedene soziale Gruppen, Orte, Geschichte und Gegenwart in Rom zu einer eigenen Form verwebt, so möchte ich mit diesem Buch einen Weg zu wichtigen Positionen der jüngeren Architekturgeschichte anbieten und Zusammenhänge aufzeigen. Wenn es die eine oder den anderen der Leserschaft, und ganz besonders die jüngeren Generationen, ermuntert, sich in Gedanken oder Taten in der lebendigen, verbindenden und produktiven Welt der Architektur zu bewegen, dann hat es seinen Zweck erfüllt.