Are you finished? No, we are from Norway – Eine Kellnerin am Rande des Wahnsinns - Sophie Seidel - E-Book

Are you finished? No, we are from Norway – Eine Kellnerin am Rande des Wahnsinns E-Book

Sophie Seidel

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Beschreibung

"Are you finished? – No, we are from Norway" Abstruse Wortwechel wie dieser bleiben keine Seltenheit, wenn man beschließt, sich in einem Münchner Wirtshaus als Kellnerin zu verdingen. Sophie Seidel hat diese Tour de Force überstanden und schildert in ihrem humorvollen Erfahrungsbericht schräge Begegnungen, Gäste, die einen fast in den Wahnsinn treiben, und den ganz normalen Wahnsinn der süddeutschen Gastronomie. -

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Sophie Seidel

Are you finished? No, we are from Norway – Eine Kellnerin am Rande des Wahnsinns

 

Saga

Are you finished? No, we are from Norway – Eine Kellnerin am Rande des Wahnsinns

 

Coverimage/Illustration: Shutterstock

Copyright © 2022 Sophie Seidel und SAGA Egmont

 

Alle Rechte vorbehalten

 

ISBN: 9788728498736

 

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

 

www.sagaegmont.com

Saga ist Teil der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt.

Für D. S., die im Buch Leni heißt, meine Chefin.

Du hattest recht: »Wenn du das hier schaffen willst, musst du deinen Kaffeehaus-Service ablegen.« Du hast mir eine Chance gegeben und an mich geglaubt, als ich selbst an mir gezweifelt habe. Irgendwie hast du es geschafft, aus mir eine bayerische Bedienung zu machen. Manches wird mir für immer in Erinnerung bleiben; ich sage nur: Malaysia-Tisch.

Ich verdanke dir so viel! Deshalb sei dir dieses Buch gewidmet.

Alle Personennamen sind geändert, um die Persönlichkeitsrechte zu wahren. Ebenso habe ich bestimmte Merkmale und Lebensumstände verändert oder mehrere Personen zu einer verschmelzen lassen. Einige der Begebenheiten sind mir in einem anderen Lokal passiert.

Das hier beschriebene Lokal, das jedoch einen anderen Namen hat, liegt in der Touristenmeile Münchens. Also: Suchen Sie bitte nicht nach einem Bräufassl in der Münchner Innenstadt.

PROLOG

Kollegin, mit der Absicht abzuräumen:

»Are you finished?«

Gast: »No, we are from Norway.«

Es ist sechzehn Uhr und das Bräufassl ist leer, wie meistens um diese Zeit. Lilly und ich sitzen uns an Tisch vierzehn gegenüber und falten Servietten. Das ist eine ziemlich stupide Angelegenheit und es dauert ewig, weshalb man dabei über alles Mögliche plaudern kann. Man hat die Zeit dafür und ist auch in der richtigen Stimmung, weil die ewig gleichen Handbewegungen etwas Hypnotisches haben.

»Du schreibst doch«, sagt Lilly unvermittelt.

»Was?«

»Na, du bist doch so was wie ’ne Schriftstellerin oder so.«

Ich nicke. »Eine Schriftstellerin, die kellnert, oder eine Kellnerin, die schreibt.«

Lilly wirft mir einen amüsierten Blick zu und schiebt sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund. Lilly ist einundfünfzig und seit Jahrzehnten auf der Suche nach Mr. Right, schlittert von einer Beziehung in die nächste, aber es ist nie jemand dabei, der ihr die Sterne vom Himmel holt, wie sie es sich wünscht. Sie ist eine schöne Frau, hat aber nie einen müden Cent in der Tasche, weil sie so ziemlich alles in Klamotten, Kosmetik und den Friseur investiert, der ihr diese honigfarbenen Strähnen macht. Lilly hat beinahe azurblaue Augen und tolle Zähne, die sie nach jedem Essen mit Zahnseide reinigt. Ich frage mich, wie viel Zeit sie morgens im Bad verbringt, denn sie ist immer perfekt geschminkt: Smokey Eyes, keine Pore zu sehen, rosa Lipgloss, die Lippen mit einem Konturenstift in einer leicht dunkleren Schattierung umrandet... Nach ihrer eigenen Aussage hat sie zwei beste Freunde: Domenico Dolce und Stefano Gabbana. Natürlich gebraucht, aber in gutem Zustand. Lilly ist eine großartige Kellnerin: schnell, zuvorkommend und immer freundlich. Sie ist smart, charmant, hat eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau und ist bei ihrem Vater aufgewachsen, der seine elterliche Liebe eher seinem Sohn schenkte. Lilly hat diese Kälte nie verkraftet, und als sie sich mit zwanzig auf die Suche nach der Mutter machte, war diese kürzlich verstorben. Kinder hat sie keine, da die Jahre dafür draufgingen, den perfekten Mann zu finden.

»Wieso schreibst’n nicht ein Buch über uns?«, fragt sie plötzlich.

»Über uns?«

»Du weißt schon. Diese verrückten Sachen, die wir hier erleben.«

Ich winke ab. »Weißt du, was ich glaube? Manche Geschichten sind so verrückt, dass sie uns niemand glaubt.«

Lilly lacht kurz auf. »Ja, wie die Geschichte mit der Japanerin, die vor der Klotür gestanden ist und verwundert die Klinke angestarrt und abgetastet hat.« Lilly nimmt einen Stapel Servietten und legt ihn in die Kiste neben sich. »Oder der Chinese, der an seiner Haxe knabbernd durch das Lokal spaziert ist.«

»Schreib das Buch!«, befiehlt Lilly, »Der Chef hat gestern auch gesagt: ›Die Leute sind so deppert, da muss mal jemand ein Buch schreiben.‹«

»Na, wenn das der Chef gesagt hat«, meine ich ironisch, »sein Wunsch ist mir Befehl.«

»Ach, du wieder.«

Im Grunde habe ich gar nichts gegen unseren Wirt. Er taucht nur ein- bis zweimal täglich kurz auf und lässt uns sonst in Ruhe. Manchmal ist er sogar ganz nett. Übel nehmen wir ihm, dass er unsere Namen nicht kennt. Er beschreibt uns immer nur mit die Schwarzhaarige, der Große oder die Sommersprossige.

»Also gut, ich werde ein Buch darüber schreiben. Ehrlich gesagt, der Gedanke ist mir schon mal durch den Kopf geschossen.«

Lilly scheint zufrieden und lächelt. »Weißt du, ich würd’s ja selbst machen, aber ich kann das verdammte das nicht vom dass unterscheiden, und den Unterschied zwischen den und dem kapier ich immer noch nicht. Und irgendjemand muss es ja machen! Die Leute müssen erfahren, was wir mit denen so durchmachen. Verstehst?«

 

Vier Stunden später ist das Lokal brechend voll. Es ist ein typischer Freitagabend. Die Anzugträger haben wieder einmal eine Woche hinter sich gebracht und beschließen, das ausgiebig zu feiern, bevor sie ins Wochenende starten.

Ich stelle gerade zwei Weißbier vor Stan und Olli. Sie heißen natürlich nicht wirklich so, aber der eine ist klein und dick und der andere groß und hager. Also haben wir sie irgendwann Stan und Olli genannt. Manchmal beschreibt man die Gäste dadurch, dass sie jemandem ähnlich sehen oder bestimmte Assoziationen wecken. »Lenny Kravitz will zahlen« oder »Bonnie und Clyde« brauchen noch Ketchup« oder »der Axtmörder will noch einen Jack Daniels« oder auch »ZZ Top wollen noch Brezen«.

Stan und Olli kommen immer freitags gegen sieben und essen einen Zwiebelrostbraten und trinken ein paar Weißbier. Der Freitagabend gehört eindeutig den Anzugträgern, oder wie mein Kollege Basti sie nennt: BWLer. Vielleicht liegt es daran, dass er selbst mal BWL studiert hat. Um sich das Studium zu finanzieren, hatte er angefangen zu kellnern, und irgendwann wurde das Studium zur Nebensache statt umgekehrt. Außerdem wollte er nach seinem Outing und der intoleranten Reaktion seiner Eltern seinem akademischen Vater eins auswischen. Ich weiß nicht, ob ich es mir einbilde, aber es scheint mir, als würde er die Anzugträger manchmal wehmütig aus den Augenwinkeln betrachten. Wahrscheinlich bereut er seinen eingeschlagenen Weg. Das tun übrigens die meisten Kellner: Sie bereuen es, Kellner geworden zu sein. Es gibt eine Handvoll, die diesen Job aus Überzeugung machen – oder es behaupten. Viele andere haben irgendwann eine falsche Abzweigung gewählt und sind beim Kellnern geblieben. Allerdings bleibt es nicht dabei, Getränke und Essen an die jeweiligen Tische zu bringen. So ganz nebenbei wird man auch Ernährungsberater, Dolmetscher, Sozialpädagoge, Putzfrau und eine Art Profiler. Und das ist keine Übertreibung! Wer Menschenkenntnis entwickeln möchte, sollte entweder Psychologie studieren oder in die Gastronomie gehen. Es sind Begegnungen zwischen Himmel und Hölle. Menschen mit Güte und Herz werden Ihren Weg kreuzen, ebenso wie verrückte Exzentriker mit kaum vorstellbaren Abgründen.

Olli steht auf und tippt an seinem Handy herum, während er sich in die Abgeschiedenheit der Garderobe stellt. Ich stehe mit Basti in der Nähe, und wir hören jedes Wort von Olli. »Ja, Schatz. Mir tut es doch auch furchtbar leid«, meint er bedauernd, »du weißt doch, dass Freitagabend immer diese lästigen Besprechungen stattfinden. Glaubst du etwa, mir macht es Spaß hier zu sitzen?«

Basti und ich sehen uns an und schmunzeln. Im nächsten Augenblick kommt Olli um die Ecke und bestellt freudestrahlend noch zwei Schnäpse bei mir. Dann setzt er sich wieder zu Stan und wir hören, wie er sagt: »Erledigt.«

Stan lacht.

Ich sage es doch: menschliche Abgründe.

Während ich die zwei Schnäpse in die Kasse tippe, kommentiert Basti: »Es könnte schlimmer sein. Olli könnte auch Affären haben und da ist es doch besser, wenn er sich mit seinem Kumpel den Bauch vollschlägt und sich zuschüttet.«

»Ehre, wem Ehre gebührt«, murmle ich.

Auf meinem Weg zur Schänke kommt mir Lilly entgegengelaufen. »Sophie!« Sie packt mich am Arm und ich denke, dass gerade irgendetwas Aufregendes passiert sein muss.

»Was ist los?«, will ich wissen.

»Gerade hat bei mir einer Preiselbeeren im Eierbecher bestellt. Das musst du in deinem Buch schreiben.«

»Welches Buch?«, fragt Basti, der gerade vorbeiläuft.

»Die Sophie schreibt ein Buch über uns«, erklärt Lilly.

»Echt?« Basti sieht mich belustigt an.

»Ja«, sagt Lilly, »über die Gäste und was uns mit denen so passiert.«

Basti denkt eine Weile nach, dann sagt er: »Ein Buch, soso.« Er breitet die Arme aus und legt seine Hände auf meine Schultern. »Ach, Schätzchen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Gäste die Wahnsinnigen sind oder wir.«

MEIN WEG ZU WEIßWÜRST’ UND SCHWEINSBRATEN

Gast zeigt mir in der Speisekarte den Satz Ente nur auf

Bestellung und sagt: »Ich bestelle hiermit die Ente.«

Ich stehe in der Umkleide und will eigentlich noch entspannt eine Zigarette rauchen, bevor ich meinen ersten Arbeitstag beginne. Nichts mit Entspannung. Kaum dass ich mich umgezogen habe, kommt die Putzfrau herein und wischt um mich herum, was dazu führt, dass ich ständig ausweichen muss. »Da drieben hinstellen!«, befiehlt sie, dann: »Zurick!« Ich setze mich auf den Stuhl in die Ecke und hoffe, dass ich wenigstens noch die halbe Zigarette in Ruhe rauchen kann. »Du neu?«, fragt sie.

Ich nicke.

»Deine Name?«

»Sophie.«

»Aha.« Sie wringt den Putzlappen aus und sieht mich an.

Keine Ahnung, was ich sagen soll, aber irgendwie ist so eine komische Spannung in der Luft, die ich beenden will. Deshalb sage ich das Erste, das mir einfällt. »Sie sind die Putzfrau hier?« Als es raus ist, denke ich: Das kommt von der Nervosität an meinem ersten Arbeitstag.

»Nein, bin ich hier Hausbesitzer und mach ich bisschen sauber, weißt du.«

Okay, das ist die passende Antwort auf meine blöde Frage.

Ich schätze sie auf sechzig. Sie ist mollig und ihre Hände schrumpelig, wahrscheinlich vom vielen Arbeiten mit Wasser.

»Und wie heißt du?«, frage ich.

»Eleni.«

Ich lächle sie freundlich an. »Nett, dich kennenzulernen, Eleni.«

»Nett, ja, ja. Putzen, putzen, immer putzen. Scheiße nett ...«

»Verstehe.«

»Verstehst du, ja?«

Ich nicke.

»Fuße hoch.«

»Wie bitte?«

Sie zeigt in die Ecke, wo ich sitze. »Da noch nix wische. Fuße hoch!«

Die Tür geht auf und eine Frau kommt herein. Wahrscheinlich meine Kollegin, überlege ich. Sie hat mittellanges dunkelblondes Haar und ist elegant gekleidet. Allerdings ist ihr Schmollmund das Erste, was mir an ihr auffällt.

»Hallo«, begrüßt sie Eleni und mich.

»Gottes Wille.« Eleni hält mit dem Putzen inne und legt sich schockiert die Hand auf die Brust. »Was passiere mit dir?«

Ich sehe diese Frau zum ersten Mal, habe demnach keine Vergleichsmöglichkeit, aber wie es scheint, sieht sie normalerweise anders aus.

»Ich hab mir die Lippen aufspritzen lassen«, erklärt sie und stellt ihre Tasche auf den Tisch.

»Hä?« In Elenis Welt gibt es Lippen aufspritzen wohl nicht.

»Das vergeht«, winkt die Frau ab, »in ein paar Tagen sieht es nicht mehr so aus.«

»Aber was mache?« Eleni wirft den Putzlappen in den Eimer, ohne den Blick von ihr losreißen zu können. »Meine Gott, bist du gefalle auf die Maul?«

»Lippen aufspritzen lassen«, sagt diese nun etwas lauter.

»Hä?«

»Spritze. Große Lippen. Hat Arzt gemacht. Später wird besser. Später schöne Mund.«

»Meeeeiiiine Gott ...« Sie bekreuzigt sich.

Die Frau verdreht die Augen, dann streckt sie mir die Hand entgegen. »Übrigens, ich bin Bärbel.«

Eleni geht mit ihrem Eimer kopfschüttelnd aus der Umkleide, und ich höre, wie sie etwas murmelt, das sich anhört wie »alle ballaballa hier«.

»Manchmal spinnt sie schon ein bisschen«, kommentiert Bärbel, »aber was will man machen; die ist schon ewig hier.« Als sie ihre Pumps von den Füßen streift, erwarte ich, dass sie sich nun Sneakers, Ballerinas oder Bedienungsschuhe anzieht. Aber nein, sie zieht andere Pumps an. Geschätzt von zehn Zentimeter auf fünf; sind wohl ihre Arbeitsschuhe.

»Hältst du es mit diesen Schuhen aus?«, frage ich verblüfft.

»Ja, klar.«

Ich stehe vom Stuhl auf. »Ich geh schon mal runter ...«

»Warte, ich komme mit.« Sie bürstet sich die Haare, korrigiert den Nagellack an einem ihrer Finger, trägt Lipgloss auf, zieht sich die Augenbrauen nach ...

Als wir nach unten kommen, wird Bärbel von einer Bedienung namens Monika mit den Worten begrüßt: »Wie schaust’n du aus? Bist du in eine Schlägerei geraten?«

 

»Wie heißt’n du?« Nicole, meine neue Kollegin, steht vor mir und sieht mich direkt an. Sie ist mittelgroß und korpulent, hat eine dominante Art und schwarzes, lockiges Haar. An ihrer Wange ist eine Narbe. Ich schätze sie auf Mitte vierzig. Ihr Ausschnitt ist ziemlich tief, und ich komme mir wie Fräulein Rottenmeier aus Heidi vor, weil meine Spitzenbluse bis oben zugeknöpft ist.

»Sophie.«

»Sophie, aha«, meint Nicole und nickt, während sie mich weiter mit ihren haselnussbraunen Augen fixiert. »Wo hast’n vorher gearbeitet?«

Ich zähle meine Café-Restaurants auf. Ich bin fast ein wenig stolz, dass ich diese renommierten Namen aufzählen darf.

Nicole scheint darüber eine andere Meinung zu haben, denn sie runzelt die Stirn und schüttelt den Kopf. »Deine Cafés kannst du vergessen!«, meint sie ernüchternd. »Das hier, meine Liebe«, sie zeigt mit dem Finger gen Boden, »ist Hardcorekellnern.«

»Ach so?« Ich bin seit zwei Stunden hier und hatte erst zwei Gäste. Es ist siebzehn Uhr.

Nicole wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. »In ein bis zwei Stunden geht es los, dann kannst du zeigen, was du drauf hast.«

Plötzlich überkommt mich nackte Panik, die sich noch steigert, als sie hinzusetzt: »Wenn du drei Monate durchhältst, hast du’s geschafft. Ich geb dir zwei Wochen.«

Als sie sich umdreht und geht, bin ich erleichtert. Ich weiß nicht, was ich von ihr und den anderen halten soll. Permanent beobachten mich alle, zumindest kommt es mir so vor. Es ist keine besonders homogene Gruppe. Hier arbeiten Jüngere und Ältere, ein Schwuler, Missmutige und Nette ...

Monika scheint mir doch ziemlich direkt zu sein. Was ihre Aussage »Heute kotzen mich alle irgendwie an« bestätigt. Sie ist schon älter und ihr Gesicht wirkt etwas abgespannt.

Um meine Nervosität nicht offen zu zeigen, laufe ich durchs Lokal. Es ist ein rustikales und schönes Restaurant. Das Besteck steckt nicht in Bierkrügen, sondern wird vor dem Essen gebracht. Besonderes Augenmerk gilt den hellen Tischdecken, und Leni, die Chefin, macht mich darauf aufmerksam, dass die Kanten in einer geraden Linie zueinander liegen müssen. »Die Station wird nach Schichtende so verlassen, wie du sie vorgefunden hast.«

Ich sehe sie an und nicke nur. Sie ist eine attraktive und aparte Frau, hat aber auch eine Art, die streng und fordernd wirkt. Ich glaube, sie kann mich nicht leiden. Ich mag sie auch nicht besonders.

Nicole hat nicht zu viel versprochen. Um neunzehn Uhr weiß ich nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Leni hat mir eine normale Station gegeben, was heißt: vier große Tische drinnen und fünf Tische draußen im Garten. Es ist Spätsommer und die Gäste sitzen sowohl draußen als auch drinnen gern. Ich habe insgesamt fünfzig Sitzplätze zu betreuen, und um halb acht sagt Nicole im Vorbeigehen zu mir: »Gib Gas und trag nicht immer nur zwei fucking Teller raus.«

In meinen Cafés musste ich maximal drei Kuchenteller tragen. Im Bräufassl tragen die Bedienungen vier Speiseteller.

Tisch eins und zwei haben ihre Getränke, möchten aber bestellen. Die vier Japaner auf Tisch drei winken, kaum dass sie sich gesetzt haben.

Cornelia, offenbar die Netteste von allen, legt mir kurz die Hand auf die Schulter und schreit gegen den Lärm an: »Das kannst du erst mal ignorieren. Japaner winken nämlich immer.«

Tisch vier muss abgeräumt werden, aber ich muss jetzt das Essen für den Garten rausbringen und dafür mehrmals laufen. Ich funktioniere nur noch. Mein Mund ist ganz trocken, dafür zittern meine Hände vor Nervosität. Als ich meine neue Bestellung vom Garten in die Kasse getippt habe und zu. Tisch drei will, sehe ich, dass die Japaner schon ihre Getränke haben und auch die Speisekarten, die Cornelia ihnen gebracht hatte, nicht mehr am Tisch sind.

»Ich hab das boniert und hingebracht«, meint Leni und es hört sich vorwurfsvoll an. Ich spüre ihren Blick bei jedem Schritt, den ich mache.

Bärbel, die Kollegin mit den hohen Absätzen und dem neuen Schmollmund, rempelt mich im Vorbeigehen an und schnauzt: »Jetzt steh halt nicht dauernd im Weg rum.« So was. Dabei war sie in der Umkleide eigentlich noch ganz normal ...

Basti, der schwule Kellner mit dem unnahbaren Gesicht, schubst mich beinahe jedes Mal an, wenn er an mir vorbeigeht. Mittlerweile hege ich den Verdacht, er tut es absichtlich.

Hier geht es rau zu, soviel ist klar. Meine früheren Lokale glichen allesamt indischen Ashrams, wo man sich mit Freundlichkeit an den anderen wandte und sich auch ab und an ein Lächeln zuwarf, nur um der guten Atmosphäre willen. Im Bräufassl steigt man einander auf die Füße, weil der Platz am Küchenpass so klein ist. Für Entschuldigungen ist kaum Zeit. Es wird gerempelt, geschubst, und Erwartungen an mich formuliert man so: »Bring das endlich weg!« oder »Mach halt schneller!« Auf meine Frage, wo ich die Tischdecken finde, bekomme ich zur Antwort: »Mach die Schränke auf, dann siehst du es schon!«

Auf diesen Gedanken wäre ich auch gekommen, aber ich wollte eigentlich Zeit sparen.

Das penetrante Klingeln aus der Küche dringt an mein Ohr.

Ich laufe zum Küchenpass, aber da kommt auch schon Basti angelaufen und lädt sich die Teller auf die Arme. Ein Teller bleibt übrig, aber den gibt er lieber Cornelia, die erst jetzt hinzukommt. Er ignoriert mich mit voller Absicht.

Plötzlich fällt mir ein, dass ich bei meinem bestellten Sauerbraten vergessen habe, Kartoffelknödel statt Semmelknödel draufzuschreiben. Verdammt, jetzt muss ich mit dem Küchenchef reden, und der hat bisher keinen freundlichen Eindruck auf mich gemacht.

»Äh, Herr Hansen?« Ich bücke mich, um Einblick in die Küche zu bekommen. Die Küchenhelfer sind in voller Aktion, und niemand nimmt mich wahr. Herr Hansen steht seitlich zu mir, und ich sehe, wie er gerade einen Semmelknödel auf einen Sauerbraten tut. Mist, das ist bestimmt meiner. Entweder hat er mich nicht gehört, oder er hat mich absichtlich überhört.

Ich räuspere mich ein wenig, und es klingt krächzend, als ich sage: »Herr Hansen?«

Er dreht sich um, stellt den Teller ab, nimmt den Bestellbon und legt ihn auf den Teller. Als er das Essen nach vorne schiebt, sehe ich bedauerlicherweise meinen Namen darauf. »Herr Hansen? Ich ... hab da ein Problem.«

»Ihre Probleme interessieren mich einen Scheißdreck.« Oh, der Küchenchef scheint ein authentischer Typ zu sein. Normalerweise mag ich das, aber im Moment wäre mir aufgesetzte Freundlichkeit lieber.

»Nun ja, es geht um dieses Essen hier.« Ich zeige auf den Sauerbraten, worauf er mich hasserfüllt ansieht.

»Was ist damit?«, schreit er.

»Der Gast wollte lieber Kartoffelknödel statt Semmelknödel. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ...«

»Wollen Sie mich verarschen?« Herr Hansen klingt leise und ruhig, und das ist das Unheimliche daran.

»Nein.« Ich schüttle energisch den Kopf. »Ich hab einfach verge ...«

»Ja, glauben Sie denn, ich hab nix Besseres zu tun, als hier die Beilagen auszutauschen, oder was?« Er starrt mich an und wartet tatsächlich auf eine Antwort. Und ich dachte, das sei reine Rhetorik.

»Tut mir leid«, sage ich. Hinter mir steht Merve, eine Halbtürkin Anfang zwanzig, und schreit über meine Schulter hinweg in die Küche: »Herr Hansen, können Sie die Kräutersoße zum Kotelett bitte nicht über das Fleisch gießen, sondern in einer Sauciere ...«

»Ihr könnt mich mal am Arsch lecken!«, kommt es brüllend aus der Küche.

Ich lächle Merve unsicher an. Sie lächelt zurück und winkt ab in Richtung Küche. Vor zwei Stunden hat Merve mir erzählt, sie habe eine deutsche Mutter und einen türkischen Vater. Ihr Vater ist letztes Jahr gestorben, und irgendwie habe die türkische Kultur auf ihre deutsche Mutter ein bisschen abgefärbt. Die habe jetzt einen deutschen Freund, und als er kürzlich sagte, er würde heute das Essen kochen, hat die Mutter ihren Finger Richtung Tür ausgestreckt und gefordert: »Raus aus meiner Küche!«

Jedenfalls macht Merve in diesem Chaos einen recht ausgeglichenen Eindruck, wofür ich dankbar bin. Noch vor zwei Stunden, als das Lokal leer war, kamen sie mir alle recht umgänglich vor. Aber jetzt, wo das Essen sich stapelt und die Bons an der Schänke immer mehr werden, scheinen alle durchzudrehen.

Ich nehme meine bestellten Essen an mich, als gerade Berta um die Ecke biegt, um die schmutzigen Teller abzugeben. Sie ist Anfang sechzig, sieht aber älter und chronisch müde aus. Wie ich erfahren habe, macht sie diesen Job seit sie vierzehn ist. Nachdem sie das Geschirr über den Pass der anderen Seite zum Spüler geschoben hat, nimmt sie aus einer Ecke ein kleines Bierglas und nippt daran. Schlagartig wird mir klar, zu wem die kleinen Dunklen gehören, die irgendwie überall herumstehen. Einer meiner Teller wackelt, und Berta nimmt ihn und wartet, bis ich alles noch mal geordnet habe. »Die Teller sind so schwer«, jammere ich.

Sie nickt. »Ein Teller allein, ohne Essen drauf, wiegt 1,3 Kilo.«

»Oh, Gott«, sage ich nur, und sie nimmt einen großen Schluck, während ich an ihr vorbeiwackle.

Nachdem ich alles wohlbehalten zum Tisch gebracht habe, atme ich erst mal erleichtert auf. Die Erleichterung wird von Harry, dem Schankkellner, jäh unterbrochen. Er sieht mich wütend an und zeigt auf die Krüge, in denen der Schaum schon zusammengefallen ist.

Als ich angelaufen komme, sagt er: »Jetzt kann ich jedes verdammte Glas noch mal auffüllen, verdammte Scheiße.« Er nimmt den ersten Krug und zapft noch einmal nach.

»Ich nehme erst einmal vier«, sage ich freundlich, »weil ich zehn unmöglich tragen kann.«

Harry sieht mich an, als hätte ich gerade gesagt, dass ich eine Couch zum Ausruhen bräuchte.

Leni kommt näher und stellt sich neben mich. Mit ihrem Blick gibt sie mir zu verstehen, was sie von meiner Leistung hält: »Das fängst du gar nicht erst an. Was glaubst du, wie viel Zeit dadurch verloren geht und wie oft du laufen musst, wenn du dir so eine Arbeitsweise angewöhnst?«

Ich weiß, dass sie recht hat, aber ich kann doch nicht zehn Halbliterkrüge schleppen! Aus den Augenwinkeln sehe ich die Gäste, die auf ihr Bier warten und schon ungeduldig in meine Richtung blicken. Während mein Herz klopft und der Schaum schon wieder langsam zusammenzufallen beginnt, während ich darauf starre, schreit Harry mich an: »Bring’s endlich weg!«

Mit einer Hand nehme ich die einen fünf, mit der anderen Hand die anderen fünf Gläser. Sie hängen in alle Richtungen, und während ich zum Tisch renne, läuft der Schaum an den Krügen entlang und tropft auf meine neue Schürze und das teure Dirndl, das ich mir gestern gekauft habe.

Die nächste Stunde sehe ich in meiner Station nur noch winkende Arme und leere Teller, die ich abräumen muss. Ich versuche, das alles irgendwie zu schaffen und hinter mich zu bringen. Von der Geräuschkulisse bekomme ich Kopfschmerzen. Die Stimmen verschmelzen zu einem einzigen großen Murmeln.

 

Während ich eine Bestellung in die Kasse tippe, stehen Monika und Cornelia neben mir und tuscheln. »Polizei ist aber schon unterwegs«, sagt Cornelia gerade zu Monika.

»Polizei?«, frage ich, »warum?«

»Der Kerl auf zwanzig ...«, sagt Cornelia.

Ich drehe mich um und sehe einen normal aussehenden Mann, etwa Mitte vierzig. »Was ist mit ihm?«

»Er will nicht bezahlen, weil es ihm nicht geschmeckt hat.«

»Ach? Kommt das öfter vor?«

»Nein, nein«, lacht Cornelia. »Keine Sorge.«

»Wo bleiben die Bullen?« Monika scheint Angst zu haben, dass der zahlungsunwillige Gast aufsteht und geht. Würde ihn jemand zurückhalten? Die Tür zusperren? Gewalt anwenden?

Die Tür geht auf und plötzlich stehen zwei uniformierte Polizisten im Raum. »Hallo, Leni«, begrüßen sie die Chefin im Chor.

»Hallo.«

Oh, die scheinen sich zu kennen. Ob die Polizei hier öfter anrücken muss? Aber vielleicht kommen sie auch manchmal zum Essen ins Lokal.

»Wo ist denn der Zechpreller?«, fragt der Ältere von beiden.

»Der da drüben, mit der Platte auf’m Kopf.« Monika zeigt mit dem Finger in seine Richtung, aber der Mann sitzt mit dem Rücken zu uns und bekommt nichts mit.

Die beiden Polizisten sehen sich an, dann ruft der Jüngere: »Hey, das ist doch der Kerl aus Zelle drei.«

Der Ältere nickt. »Der ist doch erst seit zwei Stunden wieder draußen.«

Monika macht eine Grimasse. »Wieso ist er denn gesessen?«

Der Ältere kratzt sich am Kopf. »Äh ... Diebstahl und Zechprellerei und so.«

»Na super«, meint Monika. »Ich geh mal hin und sag ›Hopp, hopp, zurück in Zelle drei.‹«

»Nein, nein«, hält sie der Ältere zurück. »Das machen wir lieber selbst.«

 

Meine Verwunderung über diese Situation währt nicht lange, denn eine halbe Stunde später wundere ich mich noch viel mehr: Ein Paar in mittleren Jahren sitzt am Tisch und verzehrt gerade sein Dessert. Sie trinkt Apfelsaft und er Mineralwasser. Die Frau steht auf und geht zur Toilette. Kaum, dass sie durch die Toilettentür verschwunden ist, steht der Mann ruckartig auf und kommt zur Schänke gerannt. »Schnell, geben Sie mir einen doppelten Obstler! Ich bezahle gleich, damit es nicht auf der Rechnung steht.«

Nachdem der Schankkellner in Windeseile den Doppelten eingeschenkt hat, ist das Getränk auch schon im gierigen Rachen des Gastes verschwunden. Hektisch drückt er Berta das Geld in die Hand und rennt wieder zurück zum Tisch, wo er lässig an seinem Dessert weiterisst, als seine Frau zurückkommt.

Eine Viertelstunde später geht der Mann zur Toilette. Die Frau stürmt nach vorne und fordert geschwind eine doppelte Williamsbirne. Unnötig zu erwähnen, dass auch sie gleich bezahlen möchte.

Als Berta später die Dessertteller abräumt, fragt sie in leicht provokantem Tonfall: »Noch was zu trinken? Apfelsaft? Wasser? Oder vielleicht lieber ein Schnäpschen?«

Die beiden winken angewidert ab. »Nein, nein, auf keinen Fall!«

 

Am nächsten Tisch frage ich, ob es geschmeckt hat. Eine der Frauen sieht mich mit feuchten Augen (!) an, dann sagt sie mit zittriger Stimme: »Ich hatte mich so auf die Käsespätzle gefreut.«

Ich bin mir nicht ganz sicher, welche Reaktion meinerseits gerade erwartet wird, deshalb warte ich einfach, ob sie weiterredet. Sie tut es, und zwar sehr weinerlich. »Die haben sich gar nicht gezogen. Die Käsespätzle. Der Käse, meine ich. Und ich hatte mich so darauf gefreut.« Ihr Gesicht ist von Gram gezeichnet.

Da berichten die Nachrichten tagtäglich über solchen Fliegendreck wie Erdbeben und Kriege, dabei erfahren Journalisten nie etwas über so elementare Alltagsprobleme wie Der Käse auf meinen Käsespätzle hat sich nicht gezogen.

 

Irgendwann geht dieser erste Tag doch zu Ende. Cornelia zeigt mir an der Kasse, wie ich die Abrechnung machen muss. Mit dem Abrechnungszettel, dem Bargeld und den Kreditkartenabrechnungen gehe ich ins Büro. Leni sitzt am Computer und tippt die Tageskarte für morgen. Ich gehe hinein und lege ihr alles auf den Schreibtisch. Sie zählt es noch mal nach und sagt: »Okay.«

Nervös beiße ich auf meiner Unterlippe herum. Will sie mir denn nicht sagen, ob ich den Probetag bestanden habe?

Stattdessen sperrt sie in aller Seelenruhe den Safe auf und legt das abgezählte Geld hinein. Sie hat mir den Rücken zugewandt, und so muss ich ihr zumindest nicht ins Gesicht sehen, als ich verhalten frage: »Bekomme ich den Job?« Ich bin nicht besonders zuversichtlich und recht gut auf ein »Nein« vorbereitet. Ich werde mich einfach brav bedanken und erhobenen Hauptes hinausgehen. Sie dreht sich zu mir um, wirft ihr langes Haar nach hinten und meint: »Wir sehen uns morgen zum Spätdienst.«

 

An diesem Abend sitze ich auf dem Metallstuhl der Trambahnhaltestelle und warte. Ich kann nicht aufhören nachzudenken. Gleichzeitig fallen mir die Augen zu, und ich habe Angst einzuschlafen. Ob es eine gute Entscheidung ist, dort anzufangen? Es ist ein ziemlich raues Gewerbe, nicht vergleichbar mit einem Café.

Als die Tram näherkommt, schaffe ich es nicht aufzustehen. Ich kann mich nicht bewegen und komme nicht vom Fleck. Die Straßenbahn fängt an zu bremsen. Wenn ich es jetzt nicht schaffe aufzustehen, werde ich nachts um halb eins an der Maximilianstraße sitzen und auf die nächste Tram warten müssen, und die kommt erst in einer halben Stunde. Also nehme ich alle verbliebene Kraft zusammen, bewege zuerst meine Arme und schaffe es doch irgendwie in die Tram.

Top Five der Bestellungen:

»Bringen Sie mir in fünfzehn Minuten zwei Espressi und die Rechnung. Und in zwanzig Minuten rufen Sie mir ein Taxi.«

Wichtigtuer, der Deutsch mit italienischer Grammatik spricht. Das Gewünschte erledige ich gerne zu dem Zeitpunkt, zu dem es bestellt wird. Wir haben nämlich keine Eieruhr in der Tasche.

 

»Ein Weißbier mit einer schönen Schaumkrone und dazu eine nicht zu dicke und nicht zu dünne Zitronenscheibe. Kernlos.«

Aus biologischem Anbau und mit Liebe handgepflückt?

 

»Wir haben auf der Karte nichts gefunden. Bringen Sie uns einfach irgendwas.«

Ich schau mal, ob ich ein paar Reste von gestern zusammenkratzen kann.

 

»Ich hätte gerne eine Portion Emmentaler. Aber bitte nicht so viele Löcher, ja?«

Wie viele denn genau, damit ich es dem Hilfskoch sagen kann? Der hat eh nichts zu tun und sortiert den Käse immer nach Löchern.

 

»Ich nehme nur einen kleinen Beilagensalat ohne Dressing, weil ich auf Diät bin. Nein, warten Sie! Ich nehme doch lieber die Schweinshaxe. Mit drei Knödeln.«

Diät gerade in dieser Sekunde abgelaufen?

VORHANG AUF – UNSERE TÄGLICHE FREAKSHOW

Zwei Frauen kommen zur Tür herein. Eine der beiden fragt:

»Haben Sie noch freie Plätze für zwei schöne Menschen?«

Kollegin: »Freilich. Wann kommen die denn?«

Die nächsten Tage verbringe ich mit einem chronisch erhöhten Adrenalinspiegel. Ich arbeite ständig mit hoher Konzentration, und es ist ein ewiges Kopf-über-Wasser-Funktionieren. Wenn ich spätabends nach Hause komme, brauche ich etwas zur Beruhigung. Manche Kellner kompensieren das mit Alkohol, manche mit Essen, Shopping oder wechselnden Affären. Ich beruhige mich mit Musik. Nach dem Duschen liege ich im Bett und bin vom Stresspegel der Arbeit noch immer aufgedreht. Manchmal hilft mir Mozart, manchmal Pink Floyd, aber meistens Metallica. Bilder schwirren durch meinen Kopf. Immer wieder kleine Szenen des Arbeitstages, Wortfetzen und grelle Eindrücke, die ich nicht immer verarbeiten kann.

Tatsächlich sollte Nicole recht behalten: Es dauert ziemlich genau drei Monate, bis ich fit bin. Leni zeigt mir, wie man vier Teller trägt, die Krüge so fixiert, dass sie nicht in alle Richtungen zeigen, und wie man ein Manager im Kopf wird, wie sie es nennt. Das heißt, den Arbeitsablauf effektiv und zeitsparend zu gestalten.

Nicole legt irgendwann ihren Arm um meine Schultern und sagt: »So. Jetzt bist du eine von uns.«

Ich komme mir ein bisschen wie ein Cheerleader-Mädchen aus amerikanischen Filmen vor, die es geschafft hat, weil sie jetzt mit dem Kapitän aus dem Footballteam geht.

 

Manchmal schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: Hoffentlich kommt niemand, der mich kennt. Jemand aus dem Schriftstellerkreis; Lehrer meiner Kinder; Nachbarn ... Es ist immer wieder ein ambivalentes Gefühl: Ich weiß, dass mir nichts an diesem Job unangenehm sein muss, und trotzdem will ich es nicht an die große Glocke hängen.

 

Im Garten sitzen drei Franzosen, und als ich an ihren Tisch trete, bestellt einer von ihnen drei Kaffee. Ein anderer sitzt zusammengesunken da und fasst sich mit beiden Händen an den Kopf.

»Geht es ihm gut?«, frage ich und mache eine Kopfbewegung zu dem Leidenden.

»Er hat ganz furchtbare Kopfschmerzen, aber die Apotheken haben schon geschlossen.«

Ich nicke verständnisvoll und überlege, was zu tun ist. Zur Sicherheit habe ich immer zwei Aspirin in meinem Arbeitsgeldbeutel. Es ist verboten, eigene Medikamente an Gäste auszugeben. Vielleicht könnte ich deshalb sogar gefeuert werden, ich weiß es nicht genau.

»Sie haben nicht zufällig Schmerzmittel da?«, fragt der Dritte plötzlich.

»Im Büro haben wir keine, aber ich ... also, eigentlich darf ich das nicht, wissen Sie.«

»Bitte!«, fleht mich der Erste an. »Es geht ihm ganz schlecht.«

Also tut eine Frau, was eine Frau tun muss. Sie hilft.

Ich nehme die zwei Aspirin aus meinem Geldbeutel, gehe noch mal ins Lokal, um ein großes Glas Leitungswasser zu holen und bringe es ihnen.

»Vielen Dank. Das ist wirklich nett von Ihnen.«

 

Merve plaudert mit einer netten, älteren Dame über Merves hübsches Dirndl. Die Frau ist entzückt über Merves Attraktivität und äußert sich darüber, wie gut ihr das Dirndl steht. »Sind Sie Türkin?«, fragt die Frau.

Sie ist zwar Halbtürkin, aber wahrscheinlich nimmt sie es damit nicht so genau, deshalb sagt sie einfach: »Ja.«

»Und was sagt Ihr türkischer Mann dazu, dass Sie hier arbeiten?« Die Frau lacht kurz auf. »Mit all dem Schweinefleisch und so.«

»Mein Mann?« Merve hebt die Augenbrauen. »Ich habe keinen Mann. Ich bin mit einer Frau zusammen.«

Der Frau fällt die Gabel aus der Hand.

 

An einem Tisch, der mit sechs Personen besetzt ist, räume ich gerade die Teller ab und frage, ob es geschmeckt hat. Einer der Herren meint: »Es war ausgezeichnet. Sagen Sie, kann mir der Koch das Rezept aufschreiben?«

Ich lächle und staple weiter die Teller auf meinen Arm. Es kommt vor, dass die Menschen, wenn sie satt und zufrieden sind, einen kleinen Scherz vom Stapel lassen.

»Kann er das machen?«, beharrt der Gast.

Ich versuche, in seinem Gesicht zu lesen, ob er das wirklich ernst meint. Das Lokal ist bis auf den letzten Platz besetzt und somit bin ich ziemlich im Stress – und der Koch auch.

»Tut mir leid, aber so etwas geht nicht.«

Er sieht mich erstaunt an. »Aber wo ist denn da das Problem, dass er sich kurz an den Computer setzt und mir das Rezept aufschreibt?«

Das Gewicht der Teller auf meinem Arm wird langsam unerträglich, und den langen Weg zur Küche habe ich auch noch vor mir. »Restaurants geben ihre Rezepte nicht heraus«, erkläre ich geduldig, »abgesehen davon ist es ihm zeitlich völlig unmöglich.«

Er wendet sich schmollend ab und schüttelt verständnislos den Kopf. »Tsss ...«

 

Nachdem ich endlich das Gewicht des schmutzigen Geschirrs losgeworden bin, gehe ich in den Garten und an den Tisch mit dem Kopfschmerzpatienten.

»Geht es Ihnen besser?«, frage ich.

Der Franzose nickt und sagt: »Ja, danke. Ich würde gerne bezahlen.«

Als ich ihnen kurz darauf die Rechnung von sechzehn Euro vierzig hinlege, gibt er mir zwanzig Euro. Ich warte darauf, dass er sagt: »Stimmt so« oder »Achtzehn, bitte«, aber nichts dergleichen. Also gebe ich ihm sein Restgeld. Wahrscheinlich ist er gerade nicht konzentriert und lässt das Trinkgeld später auf dem Tisch.

Aber als ich später den Tisch abräume, liegt da kein Cent! Er hat es nicht mal für nötig befunden, die Tabletten zu bezahlen.

 

Leni kommt auf mich zu und sagt: »Zwanzig Gäste in einer halben Stunde. Schau, dass du bis dahin den Garten einigermaßen leer hast und die Leute zahlen.«

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. »Was?«

Sie sieht mich mit ihren grünen Augen scharf an. »Die sind sowieso fast im Aufbruch, sitzen doch schon lange. Du musst nur freundlich nachfragen, ob sie noch etwas wollen.«

In meinem Kopf drehen sich nur die Worte: ZwanzigLeute in einer halben Stunde.

»Wenn der Chef mitbekommt, dass wir zwanzig Leute wegschicken mussten, dann ...«

Ich sehe sie an. »Dann?«

»Dann ist Polen offen.«