Arenlais Kinder - Alex C. Weiss - E-Book

Arenlais Kinder E-Book

Alex C. Weiss

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Beschreibung

Die unsterbliche Pan ist in tiefer Apathie versunken. In diesem Zustand lässt sie unkontrolliert Wesen entstehen, die Arenlai überrennen. Ihre Ziehtochter Siva möchte Pan zurück in die Wirklichkeit holen. Die Wege, die sie hierzu wählt, sind allerdings ein Dorn im Auge ihres Stiefbruders. Wird Siva zu Pan durchdringen? Oder wird Arenlai in der Flut der finsteren Wesen ertrinken, die Pans Geist entspringen?

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Fantasy und Poesie dafür schlägt mein Herz, damit kann man Träume einfangen und jede Facette des Lebens spiegeln.

Alex C. Weiss

Arenlais Kinder

Finsternis erfasst Pans Geist, bedenke das, wenn du mit ihr reist. Willst du die inneren Dämonen nicht sehen, kannst du nicht nach Arenlai gehen. Schönheit und Grauen liegen zusammen, nichts von beiden kannst du bannen. Lässt dir das Grauen keine Ruh, schlag die dunklen Seiten zu.

Inhaltswarnung:

Depression

Dunkelheit

Psychische Krankheiten

Einsamkeit

Gefangenschaft

Tod

Hass

Angst

Verbitterung

Unerfüllte Liebe

Schmerz

Gewalt

Schuld

Inhaltsverzeichnis

1 . Sircalorn

2. Nesin

3. Das Lied

4. Der schwarze Wald

5. Pans Dunkelheit

6. Der dunkle Alb

7. Ungleiche Geschwister

8. Das Geheimnis

9. Ein Licht in der Dunkelheit

10. Erwachen

11. Eis

12. Orja

13. Dunkle Wolken

14. Trauer

15. Unerwartete Begegnungen

16. Narben

17. Unerwünschte Begleitung

18. Schmerzen

19. Unwissen

20. Dunkle Heimat

21. Alte Gefühle

22. Gedankenreise

23. Die Nachtalben

24. Das Tal der blühenden Bäume

25. Das Ende der Farben

26. Der Tag der Nachtalben

27. Ifarna

28. Die Persagur

29. Das Licht der Persagur

30. Die Reise nach Gard

31. Die Königin

32. Fragen ohne Antworten

33. Das Händlerviertel

34. Sterbendes Licht

35. Sivas Gesicht

36. Erwachen

37. Das Gleichgewicht

1 . Sircalorn

Hunderte Raben kreisten über den silbernen Wipfeln des Waldes. Dunkler Nebel kam mit ihnen und Siva wusste sofort, wer sich ihr näherte. Traurigkeit füllte ihr Herz, als die Schattenalben sich um sie versammelten. Sie waren seltsame Wesen in dunkler Kleidung, die immer von Nebel umgeben waren und auf ihm zu schweben schienen.

Pan kam nie allein. Ihre Alben begleiteten sie auf Schritt und Tritt. Siva hätte sich am liebsten zurückgezogen. Doch vor Pan vermochte man nicht zu fliehen. Die Unsterbliche musste sich nur in Nebel auflösen und schon konnte sie an jedem Ort Arenlais sein.

Wie oft hatte Siva sich gewünscht, diese Besonderheit ebenfalls zu haben. Doch alles, was sie von ihrer echten Mutter geerbt hatte, war ein langes Leben und die Fähigkeit in die Gedanken anderer einzudringen, wenn sie sie berührte.

Einen Moment lang verspürte sie Bitterkeit, doch sie schüttelte sie ab, wie ein lästiges Insekt. Pan hatte diese Gefühle mitgebracht, da war sie sicher. Sie hatte immer diesen Einfluss. Eine träge Melancholie, eine Dunkelheit umhüllte Sivas Ziehmutter wie ein Schatten, den man nicht ablegen konnte.

„Pan. Willkommen. Hast du einen besonderen Grund für deinen Besuch?“

„Warum kommst du nicht mit mir nach Talru? In den heimischen Wäldern ist es so viel wärmer als hier.“

„Du kannst die Wärme doch gar nicht spüren. Da kann es dir doch vollkommen egal sein, wie kalt oder warm es hier ist. Ich mag den Silberwald. Er ist sanfter und heller als die Wälder Talrus.“

Missbilligend zog Pan die Schultern hoch. Ihre weiße Haut schimmerte im Schein Arins. Der Stern ließ die Nacht niemals in völliger Finsternis versinken und schenkte einst den Bäumen Sircalorns ihren silbernen Schein. Siva musterte Pan. Sie sah aus wie immer. Eine Unsterbliche alterte nicht. Ihr schwarzes langes Haar lag wie ein glatter Schleier über ihren Schultern. Ein schlichtes dunkles Kleid reichte bis zum Boden.

„Heller. Das ist nicht das Wichtigste, weißt du. Die Dunkelheit hat Wunderbares zu bieten.“, belehrte Pan sie.

„Pan, wir alle lieben nunmal unterschiedliche Dinge und Lebensweisen. Das haben wir schon so oft besprochen. Ich werde nicht mit nach Talru kommen.“

Pan trat näher an Siva heran und all ihre Gegensätzlichkeiten wurden der jungen Usartar noch bewusster. Sie selbst hatte zwar weiße Haut, wie Pan, aber ihr Haar war ebenso weiß und ihre Augen von lichtem Blau. Auch ihre Kleidung wählte sie meist aus hellen Stoffen aus. Pan hatte das nie gefallen, dennoch hatte sie ihr immer ihren Willen gelassen.

„Du hast doch sicher andere Gründe, um herzukommen, Pan. Hat es was mit Kardas zu tun?!

Pan runzelte die Stirn, als der Name ihres Sohnes fiel. „Weißt du etwas von Kardas?“

„Er war vor einiger Zeit hier. Wollte das ich mit ihm komme. Es ist eine neue Stadt gegründet worden. Sie muss irgendwo zwischen Sircalorn und Kanuras liegen. Er erzählte was von einem See in der Nähe. Es wird wohl eine neue Handelsstadt werden. Kardas erhofft sich dort einträgliche Geschäfte.“

„Das wusste ich bereits alles. Aber warum hast du ihn nicht davon abgehalten?Wir sind eine Familie, wir müssen zusammen bleiben. Warum bist du nicht zumindest mit ihm gegangen?“

„Kardas will ganz andere Dinge vom Leben als ich. Sogar von unserer Beziehung, unserer Familie hat er eine ganz andere Vorstellung. Ich kann nicht mit ihm reisen. Und hier ist mein zu Hause. Hier in Sircalorn. Sieh dich um. Der Silberwald ist wunderschön, Pan. Die Wesen hier sind sanft und friedlich.“

„Sanft und friedlich.“, murmelte Pan. „Arenlai ist nicht sanft und friedlich. Ganz im Gegenteil. Menschen sind nicht friedlich, die wenigsten Wesen sind wirklich friedlich.“

Siva legte Pan sanft die Hand auf die Schulter, doch die Unsterbliche wich zurück, wie sie es immer tat.

„Warum lässt du mich nicht sehen, was du erlebt hast? Warum lässt du mich deine Traurigkeit, deine Wut nicht verstehen?“

„Das ist nichts, was du verstehen könntest mein Kind.“

„Du behandelst mich wie ein Kind, nach all den Jahren. Dabei bist du gar nicht so viel älter, Pan. Über hundert Jahre bin ich alt. WIe alt bist du? Hundertachtzehn? Hundertzwanzig? Genau wie du, hab ich liebgewordene Menschen verloren. Genau wie du hab ich sie sterben sehen. Und doch lass ich mich nicht vom Gram beherrschen. Warum lässt du mich dir nicht helfen? Lass mich sehen, was in dir begraben ist!“

„Siva. Ich hab dich aufgezogen wie mein eigen Kind. Doch meinen Schmerz kann ich dir nicht aufbürden. Eines Tages wirst auch du gehen, auch wenn du wer weiß wie alt wirst. Irgendwann lässt du mich hier zurück.“

Die Schattenalben kamen näher, als spürten sie Pans Traurigkeit. Auch für Siva wurde sie immer spürbarer und legte sich wie grauer Nebel um ihr Gemüt. So gern sie Pan mochte, so gut sie sich auch um sie gekümmert hatte, diese Gefühle konnte Siva nie lange aushalten. Ein Grund mehr, nicht nach Talru mitzukommen. Doch das konnte sie ihrer Ziehmutter unmöglich sagen.

„Warum gibst du Kardas`s Drängen nicht nach? Ihr beide seid Usartar. Eure Kinder hätten eine viel längere Lebensspanne als normale Sterbliche. Nach euch könnte eine ganze Menge an Menschen folgen, die lang leben. Viele Usartar, die euch folgen würden.“

„Usartar. Weißt du, das viele Menschen das als Beleidigung verwenden? Dass sie uns fürchten, uns hassen? Sie verstehen nicht, warum wir nicht alt werden wie sie. Sie welken, sie sterben und ich sehe immer noch aus, wie ein junges Mädchen. Niemand weiß, wie alt wir überhaupt werden. Niemand weiß, ob das gut ist. Und wenn du Sorge darum hast, dass es in Zukunft keine Usartar geben könnte, Kardas sorgt schon dafür, das mehr als genug geboren werden.“

Sie wandte sich ab und strich mit den Fingern sanft über die silberne Rinde eines Baumes, der dicht neben ihr stand. So unähnlich war sie Pan gar nicht, vieles hatte sie von ihr gelernt, das war ihr bewusst.

Pan nickte Siva zu. „Es spielt keine Rolle, weißt du. Ich will nur, dass ihr glücklich seid. Und manchmal denke ich, Kardas wäre glücklicher, mit dir an seiner Seite.“

Eine einzige Handbewegung von Pan reichte und die Schattenalben zogen sich zurück, entfernten sich schwebend in Richtung Ozean.

„Wenn du mich brauchst, dann ruf mich im Geiste.“, sagte Pan, wie sie es immer zum Abschied tat.

2. Nesin

Kardas liebte den Lärm der Stadt. Der Tag war noch jung, aber schon priesen die Händler lautstark ihre Waren an. Es roch nach Fisch und frischen Kräutern. Die nahe Flussgabelung und der See, der sich dort gebildet hatte, ließen die Felder rund um die Stadt gedeihen. Täglich kamen neue Menschen an, die am Reichtum des Wassers teilhaben wollten. Haus um Haus wurde neu gebaut. Es waren nicht die üblichen Gebäude aus Holz, nein, diese hier waren aus Stein, der mit einer haltbaren Tonart aufeinandergeschichtet wurde. Die Taverne gab es erst seit wenigen Wochen, schon wurde am Stadtrand eine zweite gebaut. Alles war frisch und es fühlte sich an, wie ein Neubeginn. Um die Wohnhäuser wurden kleine Gärten angelegt und Kardas liebte es, die Menschen zu beobachten, wenn sie liebevoll die Beete bepflanzten.

Hier in Nesin waren Leute aus allen Völkern. Gardener lebten zusammen mit Nureenern, Rashu und Talranern. Nur in den Handelsstädten war das so unkompliziert möglich und gerade deshalb liebte Kardas sie. Nicht einmal er fiel hier auf, obwohl er keinem der Völker wirklich zugehörig war. Sein schwarzes, glattes langes Haar ließ ihn wie einen Talraner aussehen, zumindest auf den ersten Blick. Doch er hatte schneeweiße Haut, so wie ein Gardener und seine Augen waren von strahlendem Blau, wie es bei den Rashu üblich war.

Doch hier in der neuen Handelsstadt war es den Leuten egal, wie er aussah. Und sie kannten ihn nicht lange genug um ihn als Usartar zu erkennen. Erst wenn die Zeit verstrich, wenn die Menschen bemerkten, dass er nicht wie sie Falten und graue Haare bekam, reagierten sie oft seltsam.

Doch bis dahin war noch Zeit. Neubeginn war etwas Wunderbares und Kardas lief mit einem Lächeln auf den Lippen hinüber zu seinem eigenen kleinen Haus. Es war eines der Ersten gewesen, die gebaut worden waren und stand direkt am See.

Er liebte den Blick am Morgen, wenn sanfter weißer Nebel sich über dem Wasser erhob und das Spiegelbild der Wolken am Himmel verschleierte. Die Fischer kamen bereits zurück, ihre Netze waren reichlich gefüllt. Er beobachtete sie bei der Arbeit.

In diesem Augenblick verdunkelte sich der Himmel. Kardas dachte zuerst, es wäre eine Regenwolke, doch dann sah er die Schattenalben näher kommen. Der Nebel, der sie umgab, war nicht annähernd so sanft wie der Morgennebel über dem See. Er war dunkel und grau und hatte etwas Erdrückendes.

Schon manifestierte sich aus dem Nebel seine Mutter. Warum nur musste sie immer auftauchen, wenn er sich wohlfühlte? Gerade noch hatte er die Lippen spitzen wollen, um eine Melodie zu pfeifen, doch die Töne wollten nun nicht mehr heraus und das fröhliche Glitzern in seinen Augen erlosch. Warum nur brachte sie immer diese Traurigkeit mit sich?

Die Leute gafften, als Pan sich vor ihm manifestierte. „Mutter, kannst du nicht einmal etwas weniger auffällig erscheinen. Die Leute fürchten sich.“

Verständnislos schüttelte Pan den Kopf. „Was kümmern dich die Leute.“

„Natürlich kümmern sie mich. Ich will mir hier etwas Neues aufbauen.“

Er ging auf sein Haus zu und betrat es, ohne darauf zu achten, ob sie ihm folgte. Aus dem Nichts erschien sie erneut vor ihm und stand mitten in seinem kleinen Wohnraum. Vor den winzigen Fenstern waberten die Nebelschwaden der Schattenalben.

„Mutter, du machst es einem wirklich nicht leicht.“, seufzte er und ließ sich auf einer breiten Holzbank rechts neben der Tür nieder. Er entledigte sich seiner Stiefel und legte den dunklen Wollmantel ab. Darunter war seine Kleidung vollständig schwarz, er konnte den Einfluss seiner Mutter nicht verbergen. Auch seine Gesichtszüge ähnelten den ihren sehr.

„Kardas, was machst du denn hier? Warum kommst du nicht nach Hause, nach Talru?“

Er schüttelte den Kopf. „Warum bist du denn dort ansäßig geworden? Du kannst überall hin, nur ein Gedanke und du bist dort. Und du verschanzt dich in den tiefsten Wäldern. Nimm am Leben teil, Mutter, dann hören die Leute auch auf Schauergeschichten über dich zu erzählen.“

„Du weißt doch, dass es mich nicht kümmert, was die Leute sagen. Sie können bis in alle Ewigkeit Geschichten über mich erzählen. Wer weiß, vielleicht sind ja auch einige wahr.“

Ihre Stimme klang so melancholisch. Am liebsten wäre er zu ihr hinübergegangen und hätte sie umarmt. Doch er wusste ja, dass sie das hasste und er wusste auch genau warum. „Gibt es einen Grund für dein Erscheinen?“

Pan nickte. Sie sah hinaus zum Fenster und sofort regten sich die Schattenalben und wandten sich ihr zu. Sie reagierten auf jede ihrer Regungen, als könnten sie ihre Gedanken lesen. Zu eng waren sie mit der Unsterblichen verbunden, fand Kardas. Andererseits war sie so nie allein. Doch diese Wesen waren genauso finster und melancholisch wie Pan selbst.

Ob sie immer so gewesen war? Zumindest konnte er sich nicht an eine fröhliche Mutter erinnern. Ihr ernstes Gesicht war stets liebevoll gewesen, doch gelächelt hatte sie nur in den seltensten Momenten.

„Ich habe das Gefühl unsere kleine Familie zerfällt. Wir sollten zusammen sein. Siva und du, ihr solltet zusammen sein.“

Wehmut beschlich sein Herz, als Pan den Namen seiner Ziehschwester erwähnte. „Siva hat ihren eignen Weg gewählt, Mutter. Und es ist normal, dass Familien zerfallen. Kinder gehen nunmal ihrer Wege. Du kannst nicht erwarten, dass wir für immer an deiner Seite bleiben.“

„Ihr solltet zusammen sein. Ihr solltet gemeinsam eine Familie gründen. Ich weiß, wie sehr du dir das gewünscht hast.“

„Bitte misch dich doch nicht immer ein, Mutter. Du kannst Siva nicht zwingen etwas zu fühlen, das sie nunmal nicht fühlt. Mach dir um mich keine Sorgen. Ich komm schon zurecht.“

„Es war so schön, als wir noch alle drei zusammen waren. Damals, mit Sachrod.“

„Vater ist schon lange tot. Was hilft es, den alten Zeiten nachzutrauern? Mutter, du must loslassen, du musst in die Zukunft schauen. Wenn du weiter nur so vor dich hinfristest, wirst du nur immer trauriger werden.“

„Ich weiß ja, ich weiß.“, flüsterte sie. „Komm mich mal besuchen. Und du weißt ja, wenn du mich brauchst, dann denk nur an mich.“

Er nickte und schon verschwand sie in finsterem Nebel.

3. Das Lied

Der Silberwald machte seinem Namen alle Ehre, als die Truppe vom fahrenden Volk die kleine Siedlung betrat, in der Siva lebte. Die Bäume rings um die Lichtung glänzten im Schein des hellen Sternes Ifra, der die Tage Arenlais begleitete. Der dunkle Himmelskörper Arengabur hatte sich schon lange verabschiedet und mit ihm war auch das Leuchten Arins, des Nachtsternes gegangen. Im hellen Licht schien der Wald immer verzaubert. Die Strahlen Ifras fielen durch die silbergrünen Blätter der Laubbäume und wurden durch sie in Farbe getaucht. Auch die Nadelbäume mit ihren dunkleren glänzenden Stiften und den unterschiedlich geformten Zapfen erschienen heller und freundlicher.

Die kleine Spielmannstruppe bestand aus fünf Leuten. Es waren drei Männer und zwei Frauen, die mit einem großen beladenen Wagen und mehreren kleinen stattlichen Pferden mit langem zottligem Fell unterwegs waren. Letztere sattelten sie nun ab und rieben sie trocken.

Siva mochte es, wenn Menschen sich gut um ihre Tiere kümmerten. Diese hier schienen ihre zu schätzen. Schnell ging sie in ihr kleines Haus, das nicht wie in Talru üblich hoch in die Bäume gebaut war, sondern am Boden stand. Es war rund und aus dem silbernen Holz der Bäume des Waldes gefertigt. In seiner Mitte erhob sich einer der großen Laubbäume und trug das Dach der Heimstatt. Im Inneren war es hell. Viele kleine Tassersteine erleuchteten den Raum. Es gab keine weiteren Räume, nur diesen einen. Ein großes Bett stand an der gegenüberliegenden Seite zur Tür. Darauf lagen Decken aus weißer Wolle gestrickt und mehrere Kissen. In der Mitte des Raumes in der Nähe des Baumes, der das Zentrum bildete, war ein geschlossener Kamin. Unten prasselte trotz der milde des Tages ein Feuer. Ein schlanker hoher Aufbau aus Stein, der sich am Stamm des Baumes zu orientieren schien und ihn doch nicht berührte, führte nach oben zur Decke.

Siva kümmerte sich nicht um das Feuer, sondern wandte sich einigen Schränken zu, die direkt an die runde Wand des Hauses angepasst worden waren. Sie holte einen großen Sack voller Futter und ging damit hinaus. Vorsichtig näherte sie sich einer der Frauen. Sie war weit größer, als Siva und ihre Rundungen waren in ein rotes Kleid gehüllt. Ihre Haut war von dunklem Braun und das Haar wallte in schwarzen Locken über ihren Rücken. „Entschuldige, darf ich dich stören?“, sprach Siva sie höflich an.

Die Nureenerin wandte sich um und lächelte sie an. „Ja?“

„Ich hab hier etwas Futter für eure Pferde.“

„Oh, danke. Das ist wirklich sehr nett. Mein Name ist Krashna. Freut mich, dich kennenzulernen.“ Sie nahm den Sack entgegen. „Ich fülle ihnen etwas ein und geb dir den Rest dann zurück.“

„Nein, behalte es. Mein Irjan ist vor kurzem gestorben und ich habe nicht vor, mir in nächster Zeit ein neues Reittier anzuschaffen. Ich heiße Siva“, sie hielt der Nureenerin ihre Hand hin. Diese ergriff sie beherzt und drückte sie kurz.

„Wie traurig. Ich hätte auch lieber ein Irjan, um ehrlich zu sein. Aber wir wollen hoch in den Norden und da sind diese zarten Waldtiere einfach nicht zu gebrauchen. Ihr Fell ist zu kurz und sie würden uns nur erfrieren.“

Siva nickte. „Ja, da käme höchstens ein Gelan in Frage. Sie sind den Irjan nicht unähnlich aber an die kälteren Gebiete des Nordens angepasst.“

„Viel zu teuer. Das kann eine arme Spielmannsfrau sich auf keinen Fall leisten.“

„Alles in Ordnung?“, hörte Siva hinter sich eine tiefe Stimme besorgt fragen.

„Ja, alles in Ordnung. Darf ich dir Siva vorstellen? Sie hat mir Futter für die Pferde gebracht.“

Siva wandte sich zu dem Mann um, der zu ihnen getreten war. Er war sehr viel größer als sie und erinnerte sie ein wenig an Kardas. Sein Haar war schwarz und glatt und fiel seidig über seinen Rücken. Anders als Kardas hatte er grüne strahlende Augen und seine Hautfarbe war von hellem Braungrün.

„Das ist Pagram. Keine Angst, er ist nicht immer so ein Griesgram. Nur macht er sich einfach zu viele Sorgen.“

Siva lächelte ihn an und reichte ihm die Hand. Einen Moment dachte sie, der Talraner würde sie nicht ergreifen, doch ihre Sorge war unbegründet. Seine Hand war schwielig und zeugte von einem arbeitsreichen Alltag.

„Den Rest der Truppe lernst du sicher heute Abend kennen. Wir müssen noch alles fertig machen, aber du wirst unsere Vorstellung genießen, da bin ich sicher.“

Siva nickte. „Ich freu mich darauf.“ Sie nickte auch Pagram zu und wandte sich dann ab.

Auf dem Weg zu ihrem Haus, dachte Siva darüber nach, wie viele Spielmannsleute sie schon hatte kommen und gehen sehen. Es waren Unzählige gewesen. Sänger, Gaukler, Zauberer, Tänzer, Akrobaten. Nach über hundert Jahren hatte man scheinbar jedes Kunststück schon einmal gesehen. Wer weiß, vielleicht hatten diese hier ja etwas Neues zu bieten. Und unterhaltsam war es meist sowieso.

Kaum wanderte Arengabur am Horizont nach oben und verabschiedete das Licht des Tages, versammelten sich die Bewohner des Dorfes auf ihrem kleinen Marktplatz. Siva hatte geholfen, die Baumstämme um den Platz zu legen, die nun als Sitzplätze dienten. Fackeln erhellten die Gesichter, die erwartungsvoll und freudig den Personen zusahen, die nun den Kreis betraten.

Noch plauderte die kleine Menge und ihre Stimmen und ihr Lachen übertönten die üblichen Geräusche des nächtlichen Waldes. Siva hingegen war still und genoss es, die anderen zu beobachten. Sie liebte es, unter Menschen zu sein, sie sah ihnen gerne zu, hörte ihre Stimmen gerne und genoss es, in ihrer Nähe zu sein.

Als Kind war sie sehr einsam aufgewachsen. Pan hatte jegliche Ansammlungen von Menschen gemieden und wenn Siva einmal die Gelegenheit gehabt hatte, auszubüchsen, war sie immer in die näher gelegenen Dörfer und Städte geflohen. Nun aber genoss sie die Gemeinschaft ihres kleinen Dorfes. Sie kannte jedes Gesicht, war überall willkommen und fühlte sich angenommen.

Als Pagram die Stimme erhob, wurde die Menge sofort leise. Erwartungsvoll starrten die Menschen ihn an. „Mein Name ist Pagram, Hüter der silbernen Flöten von Talru. Begrüßt mit mir zusammen die wundersame Spielmannstruppe Nais Kilegan.“

Applaus ertönte. Pagram wartete einen Moment und hob dann die Hände. Sofort wurde es wieder still.

„Krashna, die Meisterin der Trommeln. Sie lässt euch Klänge in den Magen fahren, die ihr nie wieder vergessen werden.“ Erneut brandete der Applaus auf.

Als Krashna nun den Platz betrat, hob Siva kurz die Hand zum Gruß und erntete dafür ein Lächeln von der Nureenerin. Krashna setzte sich auf den Boden, dort wo mehrere niedrige Trommeln bereits vorbereitet worden waren. Eine ältere Frau folgte Krashna und stellte sich neben sie. Ihr Haar leuchtete im silbernen licht Blau und war bereits von grauen Strähnen durchzogen.

„Erlebt mit uns Idris, sie spielt das Instrument Rashlands, das euch Klänge der Freiheit verspricht, das Ingklar.“

Idris hielt ein zartes Zupfinstrument in der Hand, das vorne breiter und hinten sehr schmal war. Sie ließ sanfte Klänge ertönen und erntete dafür sofort die positive Reaktion des Publikums.

„Und nun habe ich das große Vergnügen euch die wundersamsten Singstimmen des Landes anzupreisen. Lasst euch verzaubern von Vir und Lusar!“

Zwei Männer kamen näher, verbeugten sich, genossen den Applaus. Der eine war eindeutig ein Gardener mit der typischen weißen Haut und dem weißen Haar. Der andere sah ihm recht ähnlich, nur sein Haar hatte einen hellen Rotstich und die Augen waren hellbraun. Sie waren beide hochgewachsene schlanke Männer, nicht muskulös, eher schmal gebaut.

Als der Applaus erneut verebbte, begannen die Trommeln zu spielen. Kurz darauf setzten Zupfinstrument und Flöten gleichzeitig ein. Es war eine zarte sanfte Melodie, leicht melancholisch.

Siva genoss die Klänge, beobachtete aber gleichzeitig die Gesichter rund um sich. Hin und wieder gesellten sich die leisen Rufe der Nachttriaden zur Musik und schienen sie perfekt zu ergänzen. Siva liebte den Nachtgesang, der kleinen Insekten auch sonst schon, aber heute Nacht zog er sie in eine vollkommen neue Welt.

Dann setzten die Stimmen ein. Eine klar und hoch, die andere tief und vibrierend.

Siva sah erstaunt die beiden Männer an, die im vollkommenen Einklang miteinander harmonierten.

Hoch oben im Norden,

erzählt man von Morden,

erzählt man von Siegen,

von Schlachten und Kriegen.

Nur eine Stadt brach niemals entzwei,

nur ein Volk lebt für immer nun frei.

In Sicherheit hinter Mauern aus Eis,

ziehn Gardener im Norden den

mystischen Kreis.

Doch ihre Königin ist lange verschollen,

Ihre Erinnerung aufgequollen,

ihre Geschichte unendlich verzerrt,

doch wird sie immer noch verehrt.

Die weiße Königin wird sie genannt,

jeder kennt sie im kalten Land,

weiße Tränen stahl sie sich einst,

wunder dich nicht, wenn du sie weinst.

Schutz wollte Ifur für ihr eigen Blut,

kämpfte dafür mit all ihrem Mut,

ihrem Volk wollte sie ein Bollwerk bauen,

jeder konnte ihrem Wort vertrauen.

Doch andere fürchteten ihre kalte Gestalt,

wandten an Verrat und Gewalt,

sperrten sie in den finstersten Berg,

verhöhnten damit ihr Lebenswerk.

Auf ewig büßt Ifur, die Königin nun,

für ihre Taten, für ihren Ruhm,

wer kann die weiße Heldin befrein?

Wer wird der Retter der Gardener sein?

Siva stand abrupt auf. Kaum konnte sie den Applaus abwarten. Sie musste mit ihnen sprechen, mit diesen beiden Sängern. Woher kam dieses Lied? War es die Wahrheit oder nur eine Erfindung? Sie kannte die Barden, sie wusste, dass sie sangen, was auch immer die Leute hören wollten. Doch diese Geschichte war etwas anderes. Wie oft hatte sie Pan doch nach ihrer Mutter gefragt. Sie hatte nur die Antwort bekommen, ihr Name wäre Ifur gewesen und sie wäre einst eine Königin Gards gewesen. Wenn sie die Leute fragte, wandten sie sich ab und wollten ihr nicht antworten. Doch diese beiden hier schienen mehr zu wissen.

Schon wollte sie nach vorne stürmen, aber als der Applaus nachließ, begann schon das nächste Lied.

Es war vielleicht besser so, wie eigentümlich wäre sie erschienen, wenn sie einfach die Aufführung gestört hätte. Nun, dann würde sie eben warten. Früher oder später würde das Konzert enden. Nun konnte sie die Stimmung nicht mehr genießen.

Es schien, als würde pure Energie durch ihre Adern fließen. Handelte das Lied wirklich von ihrer Mutter? Konnte es so viele Zufälle geben? Es half nichts, herum zu Rätzeln. Sie würde die Antworten früh genug bekommen.

Lied um Lied erklang und das Publikum verlangte immer mehr. Längst waren die Kinder mit schweren Augen nach Hause getorkelt und in ihre Betten gefallen und noch immer schienen die Musiker kein Ende zu finden. An jedem anderen Abend hätte Siva sich über die Abwechslung gefreut und jede Minute genossen. Schlafen konnte sie auch in anderen, ruhigeren Nächten. Doch diesmal hatte die Ungeduld sie fest gepackt. Nach endlosem Applaus zerstreute sich die Menge und Siva konnte nach vorne gehen. Langsam, zögernd näherte sie sich den beiden Sängern. Gerade noch ungeduldig, zweifelte sie nun plötzlich an ihrem Vorhaben. Wahrscheinlich war es einfach nur ein erfundenes Lied, eine Geschichte, nichts weiter.

„Entschuldigt bitte, darf ich euch kurz stören?“, sprach sie die Männer an.

Der mit dem weißen Haar hob seinen Kopf. „Ja? Hat dir die Vorstellung gefallen?“. Er lächelte sie an.

„Ja, sehr. Aber ich hätte eine Frage, zu einem der Lieder.“

Nun schien auch der andere Mann, mit dem hellbraunem Haar interessiert zu sein. „Was willst du denn wissen?“, fragte er.

„Lusar, nicht wahr?“, fragte Siva und gab ihm die Hand.

„Ja, genau. Und das ist Vir.“ Er lächelte seinen Gesangspartner an. Der erwiderte das Lächeln freudig. Er legte seinen Arm um Lusar, fast als wolle er Siva zeigen, dass dieser nicht zu haben war.

„Es handelt sich um das erste LIed, das ihr heute gespielt habt. Das Lied über die weiße Königin.“

Lusar nickte. „Ja, ein trauriges Stück, nicht wahr. Ich überlege immer, ob es gut ist, es zu Beginn zu spielen. Vielleicht sollte man doch erst einmal die Stimmung anheizen. Aber Vir meint, man müsse langsam beginnen und sich nach und nach steigern.“

„Oh, ich fand es sehr gut geeignet, um den Abend zu beginnen. Das Publikum war sofort verzaubert.“

„Siehst du, Lusar. Hab ich doch gesagt. Die junge Dame kennt sich offensichtlich mit Musik aus.“

Junge Dame, wie oft hatte Siva das schon gehört, obwohl sie weit älter als die beiden Männer war, aber woher sollten diese das auch nur ahnen?

„Ich habe eine Frage zu dem Text des Liedes. Ist das eine erfundene Geschichte?“

„Erfunden?“ Vic schüttelte den Kopf und sah sie erstaunt an. „Keineswegs. Das ist doch die Geschichte unserer berühmten weißen Königin. Ich weiß, die anderen Völker kehren sie gerne unter den Teppich und auch in Gard wird nur hinter verschlossenen Türen über sie gesprochen, doch sie hat es verdient ein Lied zu bekommen. Sie hat gekämpft für Gard.“

„Naja, es gibt da auch andere Stimmen, die meinten, sie wäre eine Mörderin gewesen. Sicherlich hat sie nicht nur positives vollbracht.“, mischte sich Lusar ein.

„Das mag sein. Dennoch hat sie alles was sie getan hat nur getan um ihr Volk zu beschützen.“

„Das macht allerdings Mord und Entführung nicht besser.“

„Du siehst ja, wir sind hier nicht einer Meinung. Und genauso geht es auch den Menschen in Gard. Manche verehren sie noch immer und andere wollen nichts mehr von ihr hören. Seltsam ist es auf jeden Fall, dass sie damals einfach verschwunden ist. Über hundert Jahre ist das nun her. Da können wir wohl niemanden mehr befragen, der dabei war. Es wird auf ewig ein Rätzel bleiben.“

Die Worte kreisten in ihrem Kopf. Ihr könnt vielleicht niemanden fragen, der dabei war. Ich aber schon.

„Vielen Dank. Der Abend war bezaubernd. Kommt doch bald mal wieder hier im Dorf vorbei!“, verabschiedete Siva sich von den beiden Männern.

4. Der schwarze Wald

Es war ein leichtes für Siva zu Pan zu gelangen. Sie hatte es schon Hunderte Male getan. Kaum hatte sie intensiv an ihre Ziehmutter gedacht und dabei auch den Gedanken formuliert, dass sie zu ihr wollte, erschien auch schon die kleine Katze, die Pan fast immer begleitete. Ohne ihre Hilfe hätte die Reise viel zu lange gedauert. Sie hätte Sircalorn durchwandern müssen, hätte irgendwie den Ozean überqueren, durch ganz Rashland reisen, bis sie endlich in den Wäldern Talru angekommen wäre. Und diese waren riesig. Darin ein einzelnes Wesen zu finden, war fast unmöglich. Doch zum Glück musste Siva diese Reise nicht auf sich nehmen. Sie berührte die schwarze Katze und schon verschwand sie mit ihr in schwarzem Nebel. Seltsame Bilder tauchten auf, als sie mit der Katze verbunden war. Sie wechselten viel zu schnell, um eines richtig fassen zu können. Einen Moment lang erkannte Siva eine Maus, doch sie verschwand in schwarzem Wasser, dann flogen riesige dunkle Tiere über hohe Baumwipfel, die Siva noch nie gesehen hatte. Waren es Guareg? Pan hatte ihr einmal von diesen Wesen erzählt, doch Siva hatte vergessen, wie sie ausgesehen hatten. Schon war der Moment vergangen und sie hatte wieder festen Boden unter den Füßen.

Sie brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Dann sah sie sich um. Der Wald hatte sich verändert. Viele Jahre hatte sie hier gelebt, nachdem sie aus den Ebenen vor Zurna in Pans geliebten Wald umgesiedelt waren. Doch damals war es hier noch heller gewesen, lebensfroher, heiterer.

Nun war der Wald so eng verwachsen, dass kaum noch Licht durch die Wipfel der Bäume kam. Die unteren Pflanzen verkümmerten in der Dunkelheit zu dornigem Gestrüpp. Überall zwischen den Bäumen gediehen silberne Gewächse, die andere Pflanzen überwucherten. So schön ihr Glanz auch war, hatten sie doch etwas Bedrohliches. Das Grün des Waldes war kaum noch sichtbar. Zwischen den silbernen Pflanzen waren alle andere so dunkel, dass sie fast schwarz erschienen. Grauer Nebel lag über dem Boden und ließ alles noch unwirklicher erscheinen.

Siva strich gedankenverloren über einen Baumstamm neben sich und zog die Hand sofort zurück. Er war übersäht mit kleinen schwarzen Käfern. Hatten sie den Baum befallen? Sie schienen nicht die einzigen schwarzen Tiere zu sein. Nun, da Siva sich genauer umsah, konnte sie überall schwarze Wesen erkennen. Kleine schwarze Vögel, die in den Bäumen saßen, schwarze Nagetiere, die von Baum zu Baum sprangen und nach Nahrung suchten und die schwarzen Insekten bevölkerten den Wald. Wo waren die bunten Tiere hin? Wo waren die schillernden Vögel? Was nur, war hier geschehen?

Vorsichtig setzte Siva einen Fuß vor den anderen. Nun kam ihr festes Schuhwerk, das im kühleren Sircalorn üblich war, ihr zugute. Es schützte sie vor Dornen und spitzen Steinen. Die Luft war stickig und heiß und schnell wurde Siva ihr wollenes Kleid unangenehm. Sie kam nur langsam voran. Ein Fauchen ließ sie aufhorchen und sie bemerkte eine riesige schwarze Raubkatze, die sich langsam näherte. Pan, rief sie in Gedanken, wenn du da bist, dann wäre es gut, dieses Vieh zurückzurufen. Das ist doch dein Wesen, oder? Du hast es erschaffen!

Fast schon ärgerlich stapfte Siva stur weiter, ohne das große Tier weiter zu beachten. Es ließ sich nieder und beobachtete sie aus hellgrünen Augen. Die Hitze machte ihr zu schaffen. Früher war es hier nie so heiß gewesen. Was, bei Esher, hatte Pan hier nur gemacht? Was war hier los? Siva erinnerte sich noch gut an das sanfte Grün des Waldes, an den Geruch des Mooses und das weiche Bett, das es zu bieten hatte. Nichts davon war übrig. Der Wald war wie verwandelt.

Aus einer grünen Oase war ein finsterer trauriger Ort geworden. Sie wanderte vorsichtig weiter, versuchte sich dabei auf Pan zu konzentrieren. Warum hatte die Katze sie nicht direkt zu ihr gebracht? Je weiter sie kam, desto dichter wuchsen die Bäume. Dann erreichte sie eine Stelle, an der die Art der Bäume sich änderte und nun verstand Siva auch, wo die Hitze herkam. Die Bäume hier hatten eine schwarze Rinde, die von roten Furchen durchzogen war. Dunkelrote Blätter gaben heiße Dämpfe ab, die einen seltsamen süßen Geruch verströmten. Siva hatte solche Bäume noch nie gesehen. Hatte Pan sie erschaffen? Auch die Pflanzen am Boden hatten eine andere Beschaffenheit. Sie alle waren sehr dunkel und gaben Wärme ab. Manche hatten fedrige dunkelgrüne Blätter und kleine schwarze Beeren zu bieten, andere sahen aus wie die Tuljablüten Rashlands, nur viel dunkler und wieder andere trugen an langen dicken Stielen schwere dunkelrote Kelche, in der eine Flüssigkeit dampfte. Um sie herum brummten rote Käfer, angezogen vom Duft der Pflanze.

Schweißtropfen liefen über Sivas schmales Gesicht. Das weiße Haar hing ihr in nassen Strähnen über die Schultern. Unangenehm klebte das Wollkleid ihr mittlerweile am Körper. Angestrengt ging sie weiter und suchte nach einem Anhaltspunkt für Pans Anwesenheit. Doch der graue Nebel der Schattenalben tauchte nirgends auf. Dort wo sie waren, war auch Pan, da war Siva sich sicher.

Warum holte Pan sie nicht ab, wie sonst? Sie war doch erst vor Kurzem bei ihr gewesen und hatte sie gebeten, sie in Talru zu besuchen. Warum kam sie dann jetzt nicht? Sie musste spüren, dass sie hier war, das hatte sie immer getan. Das ungute Gefühl, das Siva schon vor einer ganzen Weile beschlichen hatte, wurde immer stärker. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht.

„Pan?“, rief sie ins Ungewisse. „Paaan!“ Sie stolperte vorwärts und achtete dabei zu wenig auf den Weg. Ihr Fuß verfing sich in einem Wurzelgeflecht und sie stürzte hart zu Boden. Der Länge nach lag sie da, ihr Knie schmerzte und der Waldboden fühlte sich viel zu warm an. Schnell rappelte sie sich hoch. Auf Höhe ihres Knies hatte sich ein Blutfleck auf ihrem hellen Wollkleid gebildet, der sich nun mit der Feuchtigkeit verband und sich verschwommen ausbreitete. Darum würde sie sich später kümmern. Jetzt musste sie zuerst Pan suchen.

Doch dieser Gedanke verflog schnell, als plötzlich in der Dunkelheit des Waldes Hunderte von gelben Augen auftauchten. Seltsame Geräusche erfüllten den Wald. Schlürfen, schmatzen und schnüffeln, als würden viele kleine Tierchen ein Festmahl zu sich nehmen, Siva erschauderte. Vorsichtig schlich sie rückwärts davon, immer bedacht, nicht erneut hinzufallen. Die Augen folgten ihr, kamen näher. Mäuler bildeten sich aus der Dunkelheit, Zähne blitzten in den einzelnen Lichtstrahlen, die durch die finsteren Baumkronen einen Weg herab fanden. Schwarze kleine Wesen mit glatter Haut, riesigen Mündern und gelb leuchtenden Augen wurden nach und nach sichtbar. Die Glieder viel zu dürr, als fänden sie in diesem Wald nicht genug Nahrung, wanderten suchend über den Boden. Unter ihren Füßen verdorrten die Pflanzen, zerfielen zu trockenem Staub, als wären die winzigen Körper aus Glut und Asche geformt.

Das Grauen stand Siva ins Gesicht geschrieben. „Paaaan.“, kreischte sie immer wieder schrill. Was für Wesen waren das? „Paaan.“, panisch wiederholte sie immer wieder den Namen ihrer Ziehmutter. Oh Esher, bitte. Sie wollte hier nicht sterben. Nicht so. Sie war noch nicht so weit. Es konnte nicht auf diese Weise zu Ende gehen, nicht hier, nicht in dieser Dunkelheit.

Hinter den schwarzen Vierbeinern tauchten weitere gelbe Augen aus dem Wald auf. Sie waren größer aber schmal und die Pupillen in der Mitte bildeten nur schwarze Striche. Voller Entsetzen öffnete Pan den Mund, um erneut nach ihrer Ziehmutter zu rufen. In diesem Augenblick sprang ein Nachtalb aus dem Dickicht hervor. „Verschwindet.“, zischte er die kleinen Tiere an und wie durch ein Wunder zerstreuten sie sich sofort.

„Eklantas!“, weinte Siva. „Dich schickt Esher.“

„Esher hätte schon früher jemanden schicken sollen. Jemanden der Pan helfen kann. Ich glaube, sie ist verloren. Sie ist der Dunkelheit zum Opfer gefallen, der Schwärze in ihrem Geist!“

„Was? Aber sie war doch erst vor kurzer Zeit bei mir.“

Der Nachtalb nickte. „Sie war auch bei Kardas, aber das war die letzte Bewegung, vielleicht wusste sie da schon, dass sie die Traurigkeit nicht länger beherrschen konnte. Vielleicht war es der letzte Ruf nach Hilfe. Seit dem sitzt sie in ihrem dunklen Hort hier im Wald. Die Schattenalben bewachen sie. Es ist seltsam. Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun soll. Ich kann sie gar nicht mehr erreichen. Und der Wald verwandelt sich. Ich weiß nicht, ob sie das bewusst tut, aber sie erschafft nach und nach eine finstere Welt hier in Talru. Wenn das so weitergeht, wird das ganze Land in ihrer Dunkelheit versinken.“

„Nein, nicht Pan. Ich muss ihr helfen. Das darf nicht passieren. Sie wollte das nie, sie wollte immer nur das Beste für Arenlai.“

„Ja, das wollte sie. Es ist sicher nicht ihre Absicht. Sie kann ihre Traurigkeit, ihre Leere nicht mehr beherrschen. Das Gleichgewicht ist schon so lange nicht mehr gegeben. Sie hätte es nicht tun solln. Ich hab es ihr gesagt. Und die Schuldgefühle all die Jahre. Sie weiß, dass es nicht richtig war. Wir müssen sie suchen, wir müssen das Gleichgewicht herstellen.“

„Wovon sprichst du da? Eklantas. Sag mir was du meinst.“

Der dunkle Alb schüttelte den Kopf. „Das würde sie mir nicht verzeihen. Bitte sprich du mit Pan. Vielleicht kannst du zu ihr durchdringen. Oder Kardas? Kannst du ihn herholen? Er muss kommen!“ Der Alb zischte mehr, als zu sprechen. Wie hatte Siva diesen Klang vermisst. Sie hatte die