Arsen und Apfelwein - Andrea Habeney - E-Book

Arsen und Apfelwein E-Book

Andrea Habeney

4,7

  • Herausgeber: Conte Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

"Sie rieb sich den Arm. Der Bruch war immernoch nicht richtig verheilt. Sie erinnerte sich an den Schmerz, als die Frau ihren Arm genommen und über dem Treppengeländer gebrochen hatte. Beinahe wäre sie ohnmächtig geworden." Tödliche Vorweihnachtszeit in Frankfurt. Gleich drei Verbrechen trüben die alljährliche Besinnlichkeit: ein grausam misshandeltes Mädchen, ein vergifteter Nikolaus und ein reicher junger Mann tot im Gebüsch. Bei den Ermittlungen decken die Kommissarin Jenny Becker und ihr Team ein Rätsel nach dem anderen auf. Da ist es keine Hilfe, dass sich Jennys Liebesleben ausgerechnet jetzt auf einer munteren Achterbahnfahrt befindet. Die Verbrecherjagd mit Kommissarin Jenny Becker und ihrem Ermittlerteam geht in eine neue Runde.

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Heute hatte sie wieder nichts zu essen bekommen, außer einem Stück Apfel, das ihr der Küchenjunge beim Aufräumen zugesteckt hatte. Ihr Magen knurrte so laut, dass sie Angst hatte, jemand könne es hören.

Sie hatte sich so bemüht, alles richtig zu machen und die Frau nicht zu erzürnen, doch dann war ihr der Müllbeutel umgefallen und verrottetes Obst hatte sich über den Fußboden ergossen.

Immerhin wurde sie nicht geschlagen. Die Frau schlug sie nie, wenn jemand in der Nähe war.

Sie rieb sich den Arm. Der Bruch war immer noch nicht richtig verheilt. Sie erinnerte sich an den Schmerz, als die Frau ihren Arm genommen und über dem Treppengeländer gebrochen hatte. Beinahe wäre sie ohnmächtig geworden.

Die Frau hatte sie geschüttelt und gehässig gezischt, sie solle sich nicht so anstellen. Ihr Arm wurde von der Köchin notdürftig geschient.

Es hatte so weh getan. Aber sie musste die gleiche Arbeit machen wie vorher. Manchmal brauchte sie dazu fast die ganze Nacht.

Auch jetzt war es wieder nach Mitternacht. Sie legte sich auf die dünne Matratze, die direkt auf dem Boden lag.

Vielleicht durfte sie morgen früh etwas essen.

Frankfurt zur Adventszeit

Mit einem Glas Sekt in der Hand schob sich Kommissarin Jenny Becker durch die Menge. Wie immer war die Weihnachtsfeier des Frankfurter Polizeipräsidiums gut besucht. Die Kantine fasste kaum die Menge der Gäste und die Feier hatte sich in die Gänge und benachbarten Räume ausgebreitet.

Hier und da blieb sie stehen und wechselte ein paar Worte mit dem einen oder anderen Kollegen.

Bis eben hatte sie sich mit Biederkopf unterhalten, dem Staatsanwalt, mit dem sie schon in vielen Fällen zusammengearbeitet hatte. Jetzt hatten ihn gesellschaftliche Verpflichtungen wegbeordert. Er stand in einer Ecke des großen Raumes und unterhielt sich mit zwei anderen Staatsanwälten.

Schon länger prickelte es zwischen ihnen, doch die Ereignisse der letzten zwei Jahre hatten verhindert, dass sie sich nähergekommen waren.

Ihr Blick wanderte weiter. Natürlich, ihr junger Kollege Sascha stand wie immer in der Nähe des Buffets, der Teller in seiner Hand war voll beladen.

An ihm vorbei lief gerade ein Weihnachtsmann in voller Kostümierung. Jenny schüttelte den Kopf. Wer den wohl bestellt hatte? Die Verkleidung war nicht ganz gelungen. Sein Bart war mehr grau als weiß und hing auf der einen Seite deutlich weiter nach unten als auf der anderen. Er schleifte einen Sack hinter sich her, der leer zu sein schien.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und sie machte einen Satz. »Mensch Logo, hast du mich erschreckt.«

Ihr langjähriger Kollege drückte sie und lachte. »Hier ist ja die Hölle los. Wenn’s was umsonst gibt, sind alle da. Wo ist der Kleine?«

»Am Buffet, wo sonst?«

»Warum frag ich? Ich geh mal rüber.«

Jenny nickte und sah ihm nach. Dann schlenderte sie weiter Richtung Bar. Zwei Kollegen von der Spurensicherung versahen den Thekendienst. Sie stellte das Glas Sekt auf den Tresen. »Den hat mir jemand aufgedrängt. Aber ich vertrage Sekt nicht, ich hätte viel lieber ein Bier.«

»Geht mir auch so«, grinste der eine und stellte ihr ein Pils hin. Dankbar nahm Jenny einen großen Schluck. Sie sah den Kollegen einen Moment zu. »Soll ich dich eine Zeit lang ablösen?«

»Lass mal. Wann fängt denn die Band an?«, fragte er.

»Keine Ahnung. Was ist mit diesem seltsamen Weihnachtsmann? Wie passt der ins Programm?«, wollte Jenny wissen.

Er lachte. »Das hab ich mich auch schon gefragt. Vielleicht verteilt er Geschenke?«

»Sah nicht aus, als hätte er viele dabei. Hallo, Prof!«

Der Gerichtsmediziner Dr. Schwind, von allen nur Prof genannt, war aus der Menge aufgetaucht und neben sie getreten. Ausnahmsweise war sein übliches todschickes Outfit hier angebracht. Seine Laune schien deutlich besser als sonst. »Frau Becker. Nett, Sie mal ohne Leiche und an einem warmen, trockenen Ort zu sehen.«

»Gleichfalls«, lächelte sie. Während der Prof sich über das bedauerliche Fehlen von Champagner ausließ, blickte sie sich um. Aus den Lautsprechern erklang melodische Tanzmusik. In einer Ecke baute die Band gerade ihre Ausrüstung auf. Dieses Mal war die Planung des Festes ganz entschieden in jüngere Hände gelegt worden. Der Kollege hinter der Bar verwickelte den Prof in ein Gespräch, was Jenny zum Anlass nahm, sich zu entfernen. Sie schlenderte quer durch den Raum zur improvisierten Bühne. Fritz Ehlers, ein Kollege aus dem Bereich Öffentlichkeitsarbeit, unterhielt sich gerade mit einem langhaarigen Musiker. Als er sich umdrehte, sprach Jenny ihn an. »Na Fritz, dieses Jahr keine Volksmusik?«

Er hob abwehrend die Hände. »Bloß nicht. Sonst laufen wieder alle weg. Dieses Jahr sind wir modern.«

»Nur dieser Weihnachtsmann passt nicht.«

»Keine Ahnung, wer das ist. Ich muss weiter, Jenny, Essen nachordern. Kannst du deinen Kollegen mal vom Buffet weglotsen?«

Jenny musste lachen. »Das werde ich nicht schaffen, aber ich geb mein Bestes.«

Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge Richtung Buffet, wo Logo und Sascha zusammenstanden, Teller in den Händen. »Sascha, du Buffetfräse. Lass den anderen auch was übrig!«

»Ist erst mein zweiter Teller«, nuschelte er mit vollem Mund.

Logo schüttelte den Kopf. »Ich wusste nicht, dass man Teller so voll laden kann. Wo isst du das nur hin? Wenn du wenigstens fett wärst.«

»Ich brauch den Teller nur anschauen und hab schon zugenommen«, seufzte Jenny. »Kennt ihr den Weihnachtsmann?«

»Was für’n Weihnachtsmann?«

»Sascha, du siehst nur dein Essen. Den, der vorhin direkt an dir vorbeigelaufen ist.«

Logo drehte sich um. »Ich hab ihn gesehen. Gehört er zum Programm?«

»Keine Ahnung. Vielleicht ein Kollege. Aber wer? Ob er eine Überraschung plant?«

Biederkopf tauchte vor ihnen auf. »Frau Becker, Sie möchten doch bestimmt mit mir tanzen. Erlauben die Herren?«

Jenny starrte ihn entsetzt an. Tanzen? Sascha hatte aufgehört zu kauen und Logo grinste. »Klar, erlauben wir.«

Jenny sah sich um. »Das ist ein Scherz, oder? Hier tanzt doch niemand.«

»Doch da vorne, guck mal Jenny, ganz viele!«, meinte Sascha hilfreich.

Jenny warf ihm einen mordlüsternen Blick zu. Dann lächelte sie den Staatsanwalt gezwungen an. »Ich kann eigentlich gar nicht tanzen.«

»Unsinn, jeder kann tanzen. Kommen Sie.« Er griff ihren Arm und steuerte sie geschickt durch die Menge. Dann nahm er ihre Hand und legte seine andere auf ihre Hüfte. Jenny überrieselte es warm. Er zog sie an sich und schob sie langsam zwischen den anderen Tänzern durch. »Klappt doch fantastisch«, murmelte er nahe an ihrem Ohr. Sie spürte, wie sie rot wurde. »Einfach locker lassen. Ich führe Sie.«

Darin lag ihr Problem. Momentan empfand sie es allerdings als ganz angenehm. Die Musik stoppte. Sie blieben stehen und lösten sich voneinander.

Offensichtlich war die Band bereit. Ehlers trat auf die Bühne und kündigte sie an. Sie begannen mit einer Rockballade und Biederkopf zog sie wieder an sich.

»Das habe ich mir lange gewünscht, Sie so nahe.«

Jenny glaubte, sich verhört zu haben. Der ging ja plötzlich ran. Ob er etwas zu viel intus hatte? Vorsichtshalber antwortete sie nichts. Sie musste sich sowieso auf ihre Füße konzentrieren.

Sie tanzten einige Zeit schweigend. Dann ließ er sie plötzlich los. »Wollen wir etwas trinken gehen?«

Suchend blickte sie sich um. »Ich hatte vorhin noch ein Bier …«

»Bier«, winkte er ab. »Das können Sie jeden Tag trinken. Frau Kaiser von der Technik hat nebenan eine Cocktailbar aufgemacht. Wie wärs mit einer Piña Colada? Oder einem Caipi?«

»Na gut.«

Er führte sie aus der Kantine und ein Stück den Gang entlang. Überall lehnten Kollegen und Kolleginnen an den Wänden, unterhielten sich, aßen und tranken und ein Pärchen küsste sich. Jenny sah verlegen zur Seite.

Zwei Türen weiter bogen sie in ein dämmriges Zimmer, aus dem ihnen Reggaeklänge entgegenschlugen. Auf einer Seite war eine mit karibischen Elementen geschmückte Bar errichtet worden. Hinter ihr stand Melanie Kaiser, eine alte Bekannte.

»Jenny!«, rief sie. »Musst unbedingt meine Margaritas probieren. Oh, und Herr Biederkopf, Sie auch!«

Jenny lächelte und blickte erst auf die handgeschriebene Karte, dann zu Biederkopf. »Ich nehme doch lieber eine Piña Colada. Da bin ich nicht ganz so schnell betrunken.«

Er grinste und bestellte zwei. Melanie sah von einem zum anderen, bevor sie anfing, die Cocktails zu mixen. Morgen würde die Gerüchteküche brodeln. Biederkopf zückte Geld. Jenny suchte auch in ihrer Hosentasche.

»Ich bitte Sie. Ich habe Sie eingeladen.« Er legte die Hand auf ihren Unterarm.

»Na dann, danke.«

Melanie nahm das Geld entgegen. »Ist für einen guten Zweck …«

Biederkopf nickte ernsthaft. »Das müssen wir unterstützen und noch mehr trinken.«

»Du meine Güte.«

Zwei Piña Coladas später war Jenny beschwipst, im Gegensatz zu Biederkopf. Als ein Mitarbeiter seines Büros erschien und sich zu ihm beugte, hörte er aufmerksam zu.

»Tut mir leid«, meinte er dann zu Jenny gewandt. »Ich muss kurz ins Büro. Ich bin aber bald zurück. Ich hoffe, Sie warten auf mich.«

»Das muss ich mir schwer überlegen«, lächelte sie. Meine Güte, jetzt flirtete sie auch noch …

»Ich finde Sie auf jeden Fall.« Er zwinkerte ihr zu. Als er hinausgegangen war, stellte sie ihr Glas ab. Keine Cocktails mehr für sie. Am besten ging sie etwas essen.

Im Hauptraum spielte die Band mit mehr Hingabe als Können. Viele tanzten. Andere standen an den Wänden und unterhielten sich. Sie trat an das schon reichlich geplünderte Buffet und nahm sich einen Teller.

Als Jenny fertig gegessen hatte, sah sie sich nach Logo und Sascha um, konnte sie jedoch nirgendwo entdecken. Sie schlenderte aus der Kantine und blieb unschlüssig stehen. Aus mehreren Nachbarzimmern drangen Stimmen, sie steckte den Kopf neugierig durch die erste Tür. Hier waren Spieltische aufgebaut. Soweit Jenny das erkannte, wurde 17 und 4 gespielt. Hier fand sie auch Logo und Sascha.

»Wo ist denn dein Staatsanwalt?«, meinte Logo grinsend.

»Musste kurz ins Büro und das ist nicht mein Staatsanwalt.«

»Noch nicht!«

»Du solltest nicht so viel trinken!«

Er lachte nur. Sascha prostete ihr zu. »Lass dich nicht von dem ärgern.«

»Sowieso nicht. Ich hol mir noch was zu trinken, wollt ihr auch was?«

»Ich komm mit«, meinte Sascha. Zusammen schlenderten sie auf den Flur hinaus. Jemand hatte die Deckenbeleuchtung ausgeschaltet. Die Leuchtgirlanden verbreiteten nur diffuses Licht. An der Bar mussten sie einige Zeit warten.

»Da ist dieser Weihnachtsmann wieder«, meinte Sascha und zeigte mit dem Kinn Richtung Bühne. »Scheint auch zu tief ins Glas geschaut zu haben.«

Jenny folgte seinem Blick. Tatsächlich sah er noch derangierter aus als früher am Abend. Schwankend schob er sich durch die Menge und rempelte immer wieder gegen einen der Feiernden.

»Voll wie ’ne Strandhaubitze!«

Vor ihnen an der Bar drehte sich jemand um. Jenny blinzelte im Dämmerlicht. »Johann. Wie geht’s?«

»Gut.« Er grinste. »Das ist der Mogler von der Sitte in dem Weihnachtsmannkostüm. So kenn ich den gar nicht. Sonst ist bei dem nach einem Bier Schluss.«

Jenny hob die Schultern. »Mogler … Mogler. Kenn ich vom Sehen. Der muss sich doch totschwitzen in dem dicken Kostüm.«

Die Schlange vor ihnen hatte sich aufgelöst und sie waren einen Moment abgelenkt. Jenny orderte noch ein Bier und Sascha einen Orangensaft. »Muss noch fahren«, meinte er säuerlich. »Muss ja morgen arbeiten.«

»Ich nehm mir ein Taxi. Hab ich schon erwähnt, dass ich morgen Urlaub habe?«

»Oft genug.«

Sie lachte und drehte sich um. »Muss mal für kleine Kommissarinnen«, meinte sie über die Schulter. Sie bahnte sich einen Weg nach draußen und lief den dämmrigen Flur entlang.

Die Toiletten befanden sich ein Stück entfernt hinter einer Biegung. Hier war es menschenleer. Jenny fiel ein, dass es einen weiteren Waschraum näher am Veranstaltungsraum gab. Egal, es tat gut, aus dem Gedränge herauszukommen.

Als sie den Waschraum verließ, nahm sie am entgegengesetzten Ende des Flurs eine Bewegung wahr. Sie sah gerade noch etwas Rotes hinter der Biegung verschwinden. Neugierig ging sie hinterher. Wer geisterte hier um diese Nachtzeit herum? Und in Rot? War der Weihnachtsmann auf Abwegen?

Als sie ums Eck bog, war niemand zu sehen. Sie stand am Anfang eines langen Ganges. Links und rechts gingen an die zwanzig Türen ab. Durch alle hätte er verschwunden sein können. Sollte sie jede Tür öffnen? Warum eigentlich? Mogler hatte jedes Recht, hier zu sein. Wer sollte sonst durch die Gänge schleichen? Schließlich handelte es sich um eine geschlossene Gesellschaft. Ins Polizeipräsidium konnte ja nicht jeder einfach reinspazieren. Sie hörte entfernt eine Tür schlagen. Wenn sie sich recht erinnerte, befand sich am Ende des Ganges ein Zugang zu einem Treppenhaus. Die Büros der Sitte befanden sich am anderen Ende. Die Sache kam ihr immer seltsamer vor.

Sie lief den Gang hinunter. Hinter allen Türen war es still. Als sie am Ende angekommen war, hörte sie aus dem Treppenhaus ein klirrendes Geräusch. Sie stieg die Treppe hinauf. Als sie ein Stockwerk höher aus dem Treppenhaus hinaustrat, stolperte sie fast über den Weihnachtsmann, der ausgestreckt auf dem Boden lag.

»Mogler?« Sie bückte sich und fasste ihn an der Schulter. Dass die Leute nicht rechtzeitig mit Trinken aufhören konnten … Mogler rührte sich nicht. Sie rüttelte etwas an ihm. Keine Reaktion.

Mühsam drehte sie ihn halb herum. Die Mütze war ihm tief ins Gesicht gerutscht. Sie schob sie nach oben und zog ihm gleichzeitig den schlecht sitzenden Bart vom Gesicht.

Erschrocken fuhr sie zurück. Der Mund des Bewusstlosen stand halb offen und Schaum hatte sich in den Mundwinkeln gebildet. Sie fühlte den Puls. Da war etwas, ganz schwach. Mit der anderen Hand angelte sie ihr Handy aus der Hosentasche und wählte den Notruf. Anschließend rief sie an der Pforte an. »Becker, K 11. Im ersten Stock vor dem Treppenausgang B liegt ein Bewusstloser. Der Krankenwagen kommt gleich. Bringt die Sanitäter nach oben. Und verständigt den Prof, ich meine Dr. Schwind. Er ist unten feiern.«

»Praktisch«, meinte der Angestellte trocken und legte auf. Jenny beugte sich wieder vor. Sie merkte sich, wie der Mann gelegen hatte, und brachte ihn in die stabile Seitenlage. Aus der Tasche angelte sie ein Papiertaschentuch und wischte ihm den Mund aus.

Die nächsten Minuten kamen ihr endlos vor. Der Prof traf ein und machte sich sofort an die Untersuchung. Jenny sah aufmerksam zu. »Alkohol?«, meinte sie vorsichtig.

Er schüttelte den Kopf. »Sieht eher nach einer Vergiftung aus. Ich kann nichts machen. Wir müssen auf den Rettungswagen warten.«

»Gift?«, echote sie ungläubig. »Wer ist das überhaupt? Mogler ist es nicht. Der hier ist viel jünger.«

Schweigend starrten sie auf den Bewusstlosen. Sie kniete nieder und durchsuchte vorsichtig die Taschen des Kostüms, doch er hatte keine Papiere bei sich. Sie fand einen Schlüssel, etwas Kleingeld und einen S-Bahnfahrschein.

Endlich kamen die Sanitäter. Nach kurzer Untersuchung legten sie eine Infusion und packten den unbekannten Mann auf die Trage.

Jenny fasste sich schnell. Inzwischen waren einige Kollegen herbeigekommen, über deren Köpfe hinweg sah sie Logo und Biederkopf aus dem Treppenhaus treten.

Sie übernahm das Kommando. »Herhören. Möglicherweise haben wir es mit einer Straftat zu tun. Ihr wisst, was ihr zu machen habt. Absperren, Spusi kann loslegen und jeder, der hier nichts verloren hat, verlässt den Flur. Kennt jemand den Jungen?«

Niemand kannte den Weihnachtsmann. Wenn sie ihn überhaupt früher am Abend bemerkt hatten, hatten sie gedacht, Mogler stecke in der Verkleidung. Einigen war aufgefallen, dass das Kostüm schlampig und das Verhalten seltsam war, doch sie hatten es auf Alkohol geschoben.

Jenny ließ sich die Telefonnummer Moglers geben und rief dort an. Eine verschlafene Frauenstimme meldete sich.

»Frau Mogler? Becker aus dem Präsidium. Könnte ich wohl Ihren Mann sprechen?«

»Ist etwas passiert?«, ertönte es erschrocken. »Manfred ist krank und schläft schon.«

»Bitte wecken Sie ihn.«

Kurze Zeit später meldete sich Mogler. »Was ist denn los?«

Jenny stellte sich vor. »Sie wollten doch heute den Weihnachtsmann geben?«

»Wollte ich, dann hab ich mir aber eine Magen-Darm-Grippe geholt. Bin den ganzen Tag nicht vom Klo gekommen.«

Jenny verzog das Gesicht. »Sie haben nicht vielleicht einen Ersatz geschickt?«

»Einen Ersatz? Wie kommen Sie darauf? Sicher nicht. War eh eine Schnapsidee. Ging um ’ne Wette.«

»Nun, hier war aber ein Weihnachtsmann und der ist jetzt im Krankenhaus.«

Es war einen langen Moment still. »Krankenhaus?«

»Wahrscheinlich vergiftet.«

»Ich verstehe nicht. Wer war denn nun der Weihnachtsmann?«

»Das wüssten wir gerne. Niemand kennt ihn.«

»Ich kann mir das nicht erklären.«

»Wir auch nicht. Gute Nacht.«

Sie legte auf und trommelte nachdenklich auf dem Tisch. Biederkopf streckte den Kopf ins Zimmer. »Mogler?«

»Liegt krank zuhause im Bett und weiß von nichts.«

»Wir sollten auch nach Hause gehen. Vielleicht bekommen wir morgen eine Identifizierung.«

Jenny blickte ihn an. Noch vor zwei Stunden hatte sie gedacht … egal.

»Bis morgen. Eigentlich hab ich zwar Urlaub, aber ich komme trotzdem.« Kurz ging sie noch bei den Kollegen vorbei. Die Befragung war beendet und die meisten nach Hause gegangen. Logo schüttelte den Kopf. »Nichts, rein gar nichts. Die Überwachungskameras zeigen, wie er das Gebäude betritt. An der Pforte haben sie ihn durchgewunken, weil sie dachten, es wäre Mogler. Das gibt noch einen Riesenärger. Scheint aus Richtung U-Bahn gekommen zu sein.«

»Macht jetzt Schluss. Morgen früh wissen wir vielleicht schon mehr.«

*

Wieder war ein Tag vorüber. Sie zählte sie schon lange nicht mehr. Wie viele Jahre war es her, dass ihr Onkel sie in die große Stadt gebracht hatte? Und wie dumm war sie gewesen. Aufgeregt, aus dem winzigen Dorf herauszukommen.

Erst als sie die Frau mit den bösen Augen sah, bekam sie Angst. Sie hatte ihr die Kleider abgenommen und sie persönlich ins Bad gebracht. Dann hatte sie zugesehen, wie eine Dienerin sie grob reinigte. Die Frau hatte ihr eine Ohrfeige gegeben, als sie wimmerte. Hart, so hart, dass sie mit dem Kopf gegen die Fliesen prallte. Da hatte sie das erste Lächeln im Gesicht der Frau gesehen.

Heute war es besonders schlimm. Der Herr war weggefahren und die Frau konnte ungehindert ihre Laune an ihr auslassen. Sie hatte sie zu sich bestellt und sich von ihr bedienen lassen. Alles, was sie machte, war falsch. Die Frau hatte verlangt, dass sie ihre Arme frei machte, und sich eine Zigarette angezündet. Sie wollte nicht schreien, aber bei der dritten Brandwunde tat sie es doch. Die Frau lächelte breit. Es sei nur zu ihrem Besten.

Tag nach der Weihnachtsfeier

»Moglers Sohn ist nicht nach Hause gekommen! Und sein Kostüm ist weg!«, rief Logo Jenny am nächsten Morgen schon auf dem Gang entgegen.

Verblüfft blieb sie stehen. »Das gibt’s doch nicht.«

»Ich bin auf dem Weg in die Uniklinik. Der Junge liegt im Koma. Mogler ist auch auf dem Weg dorthin.«

Jenny drehte sich auf dem Absatz um. »Ich komme mit.«

Logo hastete weiter. »Mogler wollte wissen, ob wir den Weihnachtsmann schon identifiziert hätten. Als ich verneint habe, hat er aufgelegt und geht nicht mehr ans Telefon.«

»Wo wohnt der Mogler?«

»In Seligenstadt. Er braucht mindestens ’ne halbe Stunde um die Uhrzeit. Das schaffen wir. Ich ruf von unterwegs im Krankenhaus an.«

»Ich mach das«, meinte Jenny und zückte im Laufen ihr Handy. Während sie über den Hof zum Dienstwagen rannten, telefonierte sie.

Logo fuhr, während Jenny ungeduldig aus dem Fenster starrte. »Koma. Furchtbar, wenn das Moglers Sohn wäre«, meinte sie. »Das Alter könnte hinkommen.«

Als sie in Frankfurt-Niederrad das Universitäts-Klinikum erreichten, hielt vor ihnen ein alter Ford Escort halb auf dem Bürgersteig. Bernd Mogler stürzte hinaus. Logo rannte hinter ihm her und hielt ihn am Arm fest. »Warte, Bernd. Wir gehen zusammen rein.« Er zog ein Foto aus der Tasche. »Ist er das?«»Max!«, stöhnte Mogler, riss sich los und rannte weiter.

Logo sah über die Schulter zu Jenny, die blass wurde. Zusammen hasteten sie ins Gebäude, Richtung Aufzüge. Jenny, die telefonisch die Station erfragt hatte, übernahm die Führung.

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