Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner - Maurice Leblanc - E-Book

Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner E-Book

Leblanc Maurice

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

In Frankreich genießt Arsène Lupin seit Langem Kultstatus; bei uns wird der ebenso geniale wie galante Einbrecher zurzeit durch die Netflix-Serie Lupin mit Omar Sy in der Titelrolle einem größeren Publikum bekannt. Nun liegt hier der erste Band des Krimi-Klassikers von Maurice Leblanc als Hardcover-Ausgabe vor. Er versammelt neun Kurzgeschichten, die auch über 120 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung nichts von ihrem Charme eingebüßt haben. Begleiten Sie den gerissenen Verwandlungskünstler Lupin auf seiner Jagd nach edlem Schmuck und großer Kunst – der Polizei immer mindestens einen Schritt voraus.

  • Selbst der berühmte Herlock Sholmes bekam ihn nicht zu fassen
  • Arsène Lupin - bekannt aus unzähligen Büchern, Verfilmungen, Comics und Mangas
  • Der Netflix-Hit seit 2021: »Lupin« (mittlerweile 3 Staffeln)
  • Kriminell günstige Sonderausgabe

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Maurice Leblanc

Arsène Lupin

Der Gentleman-Gauner

Aus dem Französischen neu übersetzt von Felix Mayer

Anaconda

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Die französische Originalausgabe erschien 1907 unter dem Titel Arsène Lupin – gentleman-cambrioleur im Verlag Pierre Lafitte et Cie, Paris.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2025 by Anaconda Verlag, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 MünchenAlle Rechte vorbehalten.

[email protected](Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: Katja Holst, Frankfurt am MainUmschlagmotiv: Adobe Stock/vectorpocketLektorat: Katharina FokkenSatz: Achim Münster, OverathISBN 9-783-641-33340-9www.anacondaverlag.de

Inhalt

1 Arsène Lupin wird verhaftet

2 Arsène Lupin im Gefängnis

3 Arsène Lupin entkommt

4 Der mysteriöse Fahrgast

5 Das Halsband der Königin

6 Herz Sieben

7 Der Tresor von Madame Imbert

8 Die schwarze Perle

9 Herlock Sholmes kommt zu spät

1Arsène Lupin wird verhaftet

Was für eine sonderbare Reise! Und dabei hatte sie so gut begonnen! Ich jedenfalls war noch nie unter vielversprechenderen Vorzeichen in Erscheinung getreten. Die Provence ist ein schneller Transatlantikdampfer, der allen erdenklichen Komfort bietet und unter dem Kommando eines ausgesprochen umgänglichen Mannes fährt. An Bord hatte sich eine Gruppe erlesenster Passagiere eingefunden. Beziehungen wurden geknüpft, Vergnügungen organisiert. Wir genossen das köstliche Gefühl, abgeschieden von der Welt zu sein, wie auf einer unbekannten Insel auf uns selbst zurückgeworfen und daher gezwungen, uns einander anzunähern.

Und so geschah es auch …

Haben Sie sich jemals Gedanken darüber gemacht, welche außergewöhnlichen und unvorhergesehenen Dinge sich in einem solchen Kreis von Menschen ereignen können, die einander noch am Vorabend vollkommen fremd waren und nun mehrere Tage lang, zwischen dem unendlichen Himmel und der grenzenlosen See, in größter Nähe miteinander leben und gemeinsam dem Wüten des Ozeans die Stirn bieten, dem furchteinflößenden Ansturm der Wellen und der trügerischen Ruhe der stillen Wasser?

Im Grunde ist so eine Reise – in einer Art tragischer Verkürzung – ein ganzes Leben, mit seinen Stürmen und seinen glanzvollen Momenten, seiner Eintönigkeit und seiner Vielfalt; und vielleicht genießt man deshalb eine solche Fahrt, deren Ende man schon zu Beginn vor Augen hat, in umso fiebrigerer Hast und mit umso intensiverer Wonne.

Doch seit einigen Jahren tritt etwas hinzu, das den Empfindungen auf einer solchen Überfahrt auf bizarre Weise zusätzliche Nahrung gibt. Die kleine schwimmende Insel hängt noch an der Welt, von der man sich losgelöst geglaubt hatte. Es besteht weiterhin eine Verbindung, die sich, auf den Weiten des Ozeans, erst nach und nach auflöst und sich dann nach und nach, auf den Weiten des Ozeans, wieder erneuert: die drahtlose Telegraphie! Mitteilungen aus einer anderen Welt, aus der man Nachrichten erhält in einer Weise, wie sie sich geheimnisvoller nicht denken ließe. Die Vorstellungskraft kann keine Bilder von Metallkabeln mehr heraufbeschwören, durch deren Inneres die unsichtbare Botschaft rauscht. Dieses Geheimnis ist noch weitaus unergründlicher – und auch weitaus poetischer –, und um dieses neuartige Wunder zu erklären, muss man auf die Schwingen des Windes zurückgreifen.

Und so spürten wir, wie sie uns während der ersten Stunden folgte, begleitete, ja sogar vorauseilte, diese von weither kommende Stimme, die immer wieder einem von uns einige Worte aus ebendieser Ferne zuraunte. Zwei Freunde sprachen zu mir. Zehn andere, zwanzig andere sandten uns allen durch die Lüfte ihre betrübten oder heiteren Abschiedsgrüße.

Am zweiten Tag dann, an einem gewitterschweren Nachmittag fünfhundert Meilen vor der französischen Küste, übermittelte uns das Funkgerät eine Depesche folgenden Inhalts:

Arsène Lupin bei Ihnen an Bord, erste Klasse, blonde Haare, Wunde rechter Unterarm, alleinreisend, unter dem Namen R –

In genau diesem Augenblick dröhnte ein heftiger Donnerschlag am finsteren Himmel. Die elektrischen Wellen wurden unterbrochen. Der Rest der Depesche erreichte uns nicht mehr. Von dem Namen, hinter dem sich Arsène Lupin verbarg, kannten wir nur den ersten Buchstaben.

Bei jeder anderen Nachricht hätten die Besatzung des Funkpostens sowie der Purser und der Kapitän dieses Geheimnis zweifelsohne mit der größten Vorsicht für sich behalten. Es gibt jedoch Ereignisse, die selbst die allerstrengste Diskretion durchbrechen. Ohne dass irgendjemand hätte sagen können, wie die Sache ruchbar geworden war, wussten wir alle noch am selben Abend, dass sich in unserer Mitte der berühmte Arsène Lupin versteckte.

Arsène Lupin unter uns! Der nicht dingfest zu machende Einbrecher, von dessen tollkühnen Taten sämtliche Zeitungen seit Monaten berichteten! Diese rätselhafte Figur, mit der der alte Ganimard, der beste unter unseren Polizisten, einen Zweikampf auf Leben und Tod begonnen hatte, der auf so illustre Weise immer neue Wendungen nahm! Arsène Lupin, der Gentleman, der immer wieder für eine Überraschung gut war, der nur in Châteaus und vornehmen Salons operierte und der eines Nachts, nachdem er bei Baron Schormann eingestiegen war, mit leeren Händen wieder abgezogen war und seine Karte hinterlassen hatte, verziert mit folgender Nachricht: »Arsène Lupin, Gentleman-Gauner, wird wiederkommen, wenn das Mobiliar echt ist.« Arsène Lupin, der Mann der tausend Gestalten: nacheinander Chauffeur, Opernsänger, Buchmacher, Spross einer reichen Familie, Heranwachsender, Greis, Handelsreisender aus Marseille, russischer Arzt, spanischer Torero!

Man stelle sich vor: Dieser Arsène Lupin bewegte sich nun in der vergleichsweise überschaubaren Welt eines Transatlantikschiffes – was sage ich, in dem kleinen Winkel der ersten Klasse, wo man einander ständig begegnet, im Speisesaal, im Salon, im Rauchzimmer! Arsène Lupin, das war vielleicht der Herr dort drüben … oder jener … ein Tischnachbar … ein Kabinengenosse …

»Und das wird noch fünfmal vierundzwanzig Stunden lang andauern!«, rief Miss Nelly Underdown am nächsten Tag aus. »Das ist doch nicht hinnehmbar! Ich hoffe doch sehr, man wird ihn festnehmen.«

An mich gewandt fuhr sie fort:

»Und Sie, Monsieur d’Andrézy, der Sie mit dem Kapitän auf gutem Fuße stehen – Sie wissen nichts?«

Wie gerne hätte ich etwas gewusst, nur um Miss Nelly zu gefallen! Sie war eines dieser prachtvollen Geschöpfe, die, wo auch immer sie sich befinden, sofort im Rampenlicht stehen. Sie blenden ihr Umfeld sowohl durch ihre Schönheit als auch durch ihren Reichtum. Sie haben einen Hof, Verehrer und Bewunderer.

Miss Nelly war in Paris bei ihrer französischen Mutter aufgewachsen und reiste nun nach Chicago zu ihrem Vater, dem steinreichen Mister Underdown. Begleitet wurde sie von einer Freundin, Lady Jerland.

Schon im ersten Moment hatte ich meinen Hut in den Ring der Verehrer geworfen. Doch in der sich während der Reise rasch entwickelnden Nähe hatte mich ihr Charme schon bald in Verwirrung gestürzt, und wenn sie mich aus ihren großen dunklen Augen ansah, fühlte ich mich ein wenig zu aufgewühlt für einen bloßen Flirt. Dennoch nahm sie meine Huldigungen durchaus wohlwollend entgegen. Sie war so gütig, über meine Bonmots zu lachen und aufmerksam zuzuhören, wenn ich die ein oder andere Anekdote erzählte. Der Beflissenheit, mit der ich ihr gegenübertrat, schien sie mit einer vagen Sympathie zu begegnen.

Einen Rivalen gab es jedoch, der in mir eine gewisse Nervosität auslöste; ein recht ansehnlicher junger Mann, elegant und zurückhaltend, dessen schweigsames Temperament Miss Nelly bisweilen meinem »extrovertierten« Gebaren eines Parisers vorzuziehen schien.

Als Miss Nelly mich fragte, ob ich nicht etwas wisse, befand sich auch dieser junge Mann unter den Bewunderern, die sich um sie geschart hatten. Wir hatten es uns auf Deck in gemütlichen Schaukelstühlen bequem gemacht. Nach dem Gewitter vom Vortag war der Himmel wieder klar. Eine herrliche Stimmung.

»Ich weiß nichts Genaueres, Mademoiselle«, antwortete ich, »aber wäre es denn nicht denkbar, dass wir selbst eine Untersuchung durchführen, so wie der alte Ganimard es machen würde, Arsène Lupins persönlicher Gegner?«

»Na, na, da wagen Sie sich aber weit vor!«

»Meinen Sie? Ist das Rätsel denn so schwer?«

»Äußerst schwer.«

»Das erscheint Ihnen so, weil Sie die Anhaltspunkte außer Acht lassen, die wir haben, um es zu lösen.«

»Und die wären?«

»Erstens: Lupin reist unter den Namen Monsieur R…«

»Kein sehr konkreter Anhaltspunkt.«

»Zweitens: Er reist allein.«

»Wenn Ihnen dieses Detail ausreicht!«

»Drittens: Er hat blondes Haar.«

»Und das heißt?«

»Das heißt, wir müssen nur die Passagierliste zu Rate ziehen und nach dem Ausschlussprinzip vorgehen.«

Besagte Liste hatte ich in der Tasche. Ich holte sie hervor und ging sie durch.

»Wie ich sehe, gibt es nur dreizehn Personen, denen wir wegen des Anfangsbuchstabens ihres Nachnamens unsere Aufmerksamkeit zuwenden sollten.«

»Nur dreizehn?«

»In der ersten Klasse nur dreizehn, ja. Von diesen dreizehn Herren R… reisen, wie Sie sich gerne überzeugen können, neun in Begleitung ihrer Gattinnen, ihrer Kinder oder ihrer Bediensteten. Verbleiben vier Alleinreisende: der Marquis de Raverdan …«

»Ein Botschaftssekretär«, unterbrach mich Miss Nelly. »Ich kenne ihn.«

»Der Major Rawson …«

»Das ist mein Onkel«, sagte jemand.

»Monsieur Rivolta …«

»Hier!«, rief einer aus unserem Kreis, ein Italiener, dessen Gesicht sich hinter einem Bart von allerschönstem Schwarz verbarg.

Miss Nelly lachte lauthals los.

»Nun, Monsieur ist nicht gerade blond.«

»Dann müssen wir«, fuhr ich fort, »wohl schlussfolgern, dass der Gesuchte der letzte auf der Liste ist.«

»Und das wäre?«

»Das ist Monsieur Rozaine. Kennt jemand Monsieur Rozaine?«

Stille setzte ein. Dann wandte sich Miss Nelly an den schweigsamen jungen Mann, der sich zu meinem Unmut so beharrlich an ihrer Seite hielt.

»Nun, Monsieur Rozaine, haben Sie dazu nichts zu sagen?«

Aller Augen lagen auf ihm. Er war blond.

Ich will es gerne zugeben: Ich verspürte einen leichten Schock in meinem Inneren. Und das betretene Schweigen, das auf uns allen lag, ließ mich erkennen, dass auch die anderen Anwesenden diese Art Beklemmung empfanden. Was reichlich absurd war, denn nichts an dem Verhalten dieses Mannes gab auch nur den geringsten Anlass, ihn zu verdächtigen.

»Warum ich nichts sage?«, entgegnete er. »Nun, weil ich angesichts meines Namens, der Tatsache, dass ich allein reise, sowie meiner Haarfarbe bereits vergleichbare Überlegungen angestellt habe und zum selben Ergebnis gekommen bin. Ich rechne daher damit, dass man mich festnehmen wird.«

Als er das sagte, nahm sein Gesicht einen eigenartigen Ausdruck an. Seine Lippen, die schmal waren wie zwei starre Striche, wurden noch schmaler und erblassten. In seinen Augen zeichneten sich rote Äderchen ab.

Natürlich flunkerte er. Doch seine Miene und seine Haltung beeindruckten uns. Unbedarft fragte Miss Nelly:

»Aber Sie haben doch keine Wunde?«

»Das stimmt, die Wunde fehlt.«

Mit einem nervösen Nesteln schob er eine Manschette hoch und entblößte den Arm. Sofort fiel mir etwas auf. Miss Nelly und ich sahen uns an. Rozaine zeigte uns seinen linken Arm.

Ich wollte schon unverblümt darauf hinweisen, als unsere Aufmerksamkeit durch einen Zwischenfall abgelenkt wurde. Lady Jerland, Miss Nellys Freundin, kam herbeigeeilt.

Sie war völlig durcheinander. Wir scharten uns um sie, und erst nach mehreren Anläufen brachte sie stammelnd hervor:

»Mein Schmuck, meine Perlen! … Alles gestohlen! …«

Nein, es war nicht alles gestohlen worden, wie wir kurz darauf erfuhren, sondern – was sehr viel merkwürdiger war – der Täter war wählerisch gewesen!

Von dem Diamantstern, von dem Anhänger mit den Cabochons aus Rubin, von den Colliers und den durchbrochenen Armbändern waren nicht die größten Steine entfernt worden, sondern die kleinsten und kostbarsten, jene, die gewissermaßen den größten Wert auf dem kleinsten Raum versammelten. Die Fassungen lagen auf dem Tisch. Ich sah sie, wir alle sahen sie, ihrer Juwelen beraubt wie Blumen, von denen die schönsten, leuchtendsten und farbenfrohesten Blütenblätter abgerissen worden waren.

Und wer diese Tat vollbracht hatte, musste – am helllichten Tag, während Lady Jerland ihren Tee nahm – in einem belebten Korridor die Tür ihrer Kabine aufgebrochen haben, den kleinen Beutel, der gezielt auf dem Boden einer Hutschachtel versteckt war, gefunden haben, ihn geöffnet und eine Auswahl getroffen haben!

Einhellige Empörung erhob sich. Nachdem der Raub bekannt geworden war, wurde unter sämtlichen Passagieren nur eine einzige Meinung laut: Hier war Arsène Lupin am Werk . In der Tat entsprach dieses Geschehen ganz seiner Vorgehensweise: komplex, geheimnisvoll und unergründlich … dabei aber auch in sich schlüssig, denn das sperrige Bündel zu verhehlen, das die gesamte Schmucksammlung darstellte, wäre schwierig geworden, doch wie viel leichter ging das mit kleinen, einzelnen Stücken, mit Perlen, Smaragden und Saphiren!

Beim Diner an diesem Abend geschah nun Folgendes: Die beiden Plätze rechts und links neben Rozaine blieben leer. Und kurz darauf machte die Nachricht die Runde, dass der Kapitän ihn zu sich bestellt hatte.

Seine Verhaftung, an deren Berechtigung niemand zweifelte, zog eine spürbare Erleichterung nach sich. Endlich konnte man wieder durchatmen. Man vergnügte sich bei kleineren Spielen. Man tanzte. Vor allem Miss Nelly legte eine atemberaubende Ausgelassenheit an den Tag, aus der ich schloss, dass ihr Rozaines Avancen zunächst zwar geschmeichelt haben mochten, sie sich ihrer jetzt aber kaum noch entsann. Ihre Anmut ließ mich nun endgültig die Waffen strecken. Gegen Mitternacht gestand ich ihr im hellen Licht des Mondes meine Ergebenheit, und das mit einer Regung des Gefühls, die ihr nicht zu missfallen schien.

Tags darauf jedoch wurde zum allgemeinen Erstaunen bekannt, dass die Vorwürfe, die gegen Rozaine erhoben worden waren, haltlos waren und er wieder auf freiem Fuß.

Er hatte sich mit absolut makellosen Papieren als Sohn eines angesehenen Kaufmanns aus Bordeaux ausgewiesen. Darüber hinaus fand sich an keinem seiner Arme auch nur die geringste Spur einer Verletzung.

»Ausweisdokumente! Eine Geburtsurkunde!«, riefen seine Widersacher empört. »Davon bringt Ihnen Arsène Lupin so viele, wie Sie wollen! Und was die Verletzung betrifft – er hat sich nie eine zugezogen … oder er hat sie unkenntlich gemacht!«

Man hielt ihnen entgegen, dass Rozaine zur Tatzeit nachgewiesenermaßen an Deck spazieren gegangen war. Darauf erwiderten sie:

»Muss ein Mann vom Schlage eines Arsène Lupin bei einem Diebstahl, den er begeht, selbst dabei sein?«

Schließlich gab es jenseits aller möglichen bizarren Ansichten noch einen weiteren Punkt, dem auch die größten Skeptiker nichts entgegenzusetzen hatten: Wer außer Rozaine reiste allein, war blond und hatte einen Namen, der mit R begann? Auf wen hatte das Telegramm hinweisen wollen, wenn nicht auf Rozaine?

Und als Rozaine wenige Minuten vor dem Mittagsmahl wagemutig auf unsere Gruppe zusteuerte, erhoben Miss Nelly und Lady Jerland sich hastig und entfernten sich.

Aus ihrem Verhalten sprach die blanke Angst.

Eine Stunde später kursierte unter dem Bordpersonal, den Matrosen und den Passagieren sämtlicher Klassen ein handschriftliches Rundschreiben. Darin versprach M. Louis Rozaine demjenigen zehntausend Francs, der Arsène Lupin enttarnen oder den Besitzer der entwendeten Edelsteine ausfindig machen würde.

»Und wenn mir im Kampf gegen diesen Banditen niemand zu Hilfe kommt«, erklärte Rozaine gegenüber dem Kapitän, »dann werde ich ihm eigenmächtig das Handwerk legen.«

Rozaine gegen Arsène Lupin, oder vielmehr, nach der Formel, die im Umlauf war, Arsène Lupin höchstpersönlich gegen Arsène Lupin – dieser Kampf hatte durchaus seinen Reiz.

Er dauerte zwei ganze Tage lang.

Rozaine schwirrte durch die Gänge, mischte sich unter die Besatzung, stellte pausenlos Fragen, schnüffelte herum. In der Nacht sah man seinen Schatten umherstreifen.

Auch der Kapitän legte gewaltige Tatkraft an den Tag. Die Provence wurde von oben bis unten in sämtlichen Winkeln durchsucht. Ausnahmslos alle Kabinen wurden auf den Kopf gestellt, mit dem stichhaltigen Argument, das Diebesgut könne überall versteckt sein, außer in der Kabine des Täters.

»Über kurz oder lang wird man etwas finden, meinen Sie nicht?«, fragte Miss Nelly mich. »Trotz all seiner Zauberkünste ist er doch nicht in der Lage, Diamanten und Perlen unsichtbar zu machen.«

»Ganz gewiss«, erwiderte ich. »Anderenfalls wird man im Futter unserer Hüte und Westen suchen müssen, und überhaupt in allem, was wir auf dem Leib tragen.«

Ich hielt meine Fotokamera hoch, eine Kodak 9 x 12, mit der ich Miss Nelly, stets von ihr fasziniert, immer wieder in den verschiedensten Posen ablichtete.

»In einem Apparat, der nicht größer ist als dieser hier, hätten doch sämtliche Edelsteine von Lady Jerland Platz, meinen Sie nicht auch? Man tut so, als fotografiere man, und die Sache ist geritzt.«

»Aber wie ich einmal gehört habe, gibt es keinen Dieb, der nicht irgendein Indiz am Tatort hinterließe.«

»Einen gibt es: Arsène Lupin.«

»Warum?«

»Warum? Weil er nicht nur den Raub plant, den er begehen will, sondern auch sämtliche Umstände bedenkt, die ihn verraten könnten.«

»Anfangs waren Sie noch zuversichtlicher.«

»Doch zwischenzeitlich habe ich ihn am Werk gesehen.«

»Und zu welchem Schluss kommen Sie?«

»Meiner Ansicht nach vergeuden wir nur unsere Zeit.«

Und tatsächlich führten die Nachforschungen auch zu keinem Ergebnis, genauer gesagt, das Ergebnis, zu dem sie führten, entsprach nicht den allseitigen Bemühungen: Dem Kapitän wurde seine Armbanduhr gestohlen.

In seiner Wut verdoppelte sich sein Eifer, und er ließ Rozaine, mit dem er mehrere Unterredungen gehabt hatte, noch intensiver beobachten. Am nächsten Tag fand man die Uhr zwischen den Anknöpfkragen des Ersten Offiziers – eine Ironie nicht ohne Reiz.

All das hatte etwas von Zauberei und führte anschaulich die humoristische Ader von Arsène Lupin vor Augen, der zwar ein Einbrecher war, diesem Geschäft aber auch aus Liebhaberei nachging. Gewiss, er beging seine Taten, weil er Gefallen daran fand sowie aus Berufung, aber auch, um sich einen Spaß zu machen. Er wirkte wie jemand, der sich an dem Stück, das er aufführt, delektiert und hinter den Kulissen aus vollem Hals über seine geistreichen Einfälle und die Situationen lacht, die er sich ausgedacht hat.

Er war ganz entschieden ein Meister seines Fachs, und wenn ich Rozaine beobachtete, der weiterhin mit finsterer Miene hartnäckig bei der Sache war, und an die Doppelrolle dachte, die diese extravagante Persönlichkeit mutmaßlich spielte, konnte ich nicht anders, als mit einer gewissen Bewunderung von ihm zu sprechen.

In der vorletzten Nacht der Reise hörte der diensthabende Offizier an einer besonders finsteren Stelle an Deck plötzlich ein Stöhnen. Er näherte sich dem Geräusch. Auf dem Boden lag ausgestreckt ein Mann. Sein Kopf war von einem sehr dicken, grauen Schal umwickelt und seine Handgelenke mit einer dünnen Schnur zusammengebunden.

Man befreite ihn von seinen Fesseln. Man half ihm auf und versorgte ihn.

Der Mann war niemand anders als Rozaine.

Rozaine, der auf einer seiner Erkundungstouren überfallen, niedergeschlagen und ausgeraubt worden war. Auf einer Visitenkarte, die mit einer Nadel an seinem Mantel befestigt war, stand:

Dankend nimmt Arsène Lupin die zehntausend Francs von ­M. Rozaine entgegen.

Das geleerte Portemonnaie hatte jedoch zwanzig Tausend-Francs-Scheine enthalten.

Wie zu erwarten war, beschuldigte man den bemitleidenswerten Rozaine, den Angriff nur vorgetäuscht zu haben. Doch abgesehen davon, dass er sich unmöglich auf diese Weise selbst hätte fesseln können, stellte man fest, dass die Schrift auf dem Kärtchen sich deutlich von der Handschrift Rozaines unterschied, ja, vielmehr derjenigen von Arsène Lupin zum Verwechseln ähnlich sah, wie sie in einer alten Zeitung, die man an Bord gefunden hatte, einmal abgebildet gewesen war.

Rozaine war nun also nicht mehr Arsène Lupin. Rozaine war Rozaine, Sohn eines Kaufmanns aus Bordeaux! Und Arsène Lupins Anwesenheit an Bord war wieder einmal bekräftigt worden – und durch welch furchterregende Tat!

An Bord herrschte Angst und Schrecken. Niemand wagte es mehr, allein in seiner Kabine zu bleiben oder sich an zu weit abgelegene Orte des Schiffs zu begeben. Man ließ Vorsicht walten und gesellte sich zu jenen Passagieren, derer man sicher sein konnte. Doch auch diese engen Zirkel trennte ein instinktiver Argwohn. Denn die Bedrohung ging nun nicht mehr von einem einzigen Individuum aus, das für sich genommen weniger gefährlich gewesen wäre. Arsène Lupin, das war jetzt … jeder der an Bord Befindlichen. Unsere überspannte Einbildungskraft schrieb ihm eine wundersame und grenzenlose Macht zu. Man traute ihm die überraschendsten Verwandlungen zu, sah ihn abwechselnd im ehrenwerten Major Rawson oder im vornehmen Marquis de Raverdan, oder auch – denn nun hielt man sich nicht mehr an den verräterischen Anfangsbuchstaben – in diesem oder jenem Passagier, den alle kannten und der mit Frau, Kindern oder Bediensteten reiste.

Die ersten Nachrichten über den Telegrafen brachten keine Neuigkeiten. Zumindest ließ der Kapitän in dieser Hinsicht nichts verlauten, und sein Schweigen trug nicht gerade zu unserer Beruhigung bei.

Und so erschien der letzte Tag schier endlos. Wir verlebten ihn in ängstlicher Erwartung eines Unglücks. Diesmal würde es nicht bei einem Diebstahl oder einem tätlichen Angriff bleiben – diesmal würde ein Verbrechen geschehen, ein Mord. Man hielt es für undenkbar, dass Arsène Lupin es bei den beiden Bagatellen belassen würde. Er besaß die uneingeschränkte Herrschaft über das Schiff, die Besatzung war zur Untätigkeit verurteilt, er konnte tun, was er wollte, alles war ihm erlaubt, unser Eigentum und unser Leben waren ihm ausgeliefert.

Für mich waren das – ich gestehe es – köstliche Stunden, denn sie ließen zwischen mir und Miss Nelly eine vertrauensvolle Nähe entstehen. Sie, die schon von Natur aus sorgenvoll war, suchte, von den sich überschlagenden Ereignissen erschüttert, kurzentschlossen an meiner Seite Schutz und Sicherheit, die ich ihr mit Freuden gewährte.

Insgeheim ließ ich Arsène Lupin hochleben. Hatte nicht er uns zusammengeführt? Konnte ich mich nicht dank seiner mit gutem Grund den herrlichsten Träumen hingeben? Träumen von der Liebe, und auch Träumen von weniger entrückter Natur, das will ich gerne gestehen. Die Andrézy stammen aus dem Poitou und sind von tadelloser Abstammung, doch das Leuchten ihres Wappens ist ein wenig verblasst, und es scheint mir eines Edelmannes nicht unwürdig, davon zu träumen, seinem Namen wieder den verlorenen Glanz zu verleihen.

An solchen Träumen, das spürte ich, nahm Miss Nelly keinen Anstoß. Das Lächeln in ihren Augen gestattete mir, sie weiter zu hegen. Ihre sanfte Stimme hieß mich, die Hoffnung hochzuhalten.

Und so blieben wir, die Ellbogen auf die Reling gestützt, bis zum letzten Moment Seite an Seite, während sich vor uns auf dem Wasser die Küstenlinie Amerikas abzeichnete.

Die Durchsuchungen waren unterbrochen worden. Man wartete ab. Von der ersten Klasse bis zum Zwischendeck, wo sich die Emigranten drängten, wartete alles auf den großen Augenblick, in dem das unlösbare Rätsel endlich aufgeklärt würde. Wer war Arsène Lupin? Hinter welchem Namen, hinter welcher Maske versteckte sich der berühmte Arsène Lupin?

Und der große Augenblick kam. Sollte ich auch hundert Jahre alt werden – nicht das geringste Detail davon werde ich je vergessen.

»Wie bleich Sie sind, Miss Nelly«, sagte ich zu meiner Gefährtin, die sich, spürbar geschwächt, auf meinen Arm stützte.

»Und Sie«, entgegnete sie, »Sie wirken so ganz anders als sonst!«

»Wundert Sie das? Dies ist ein bewegender Moment, und ich bin glücklich, ihn an Ihrer Seite erleben zu dürfen, Miss Nelly. Und mir scheint, auch Ihre Erinnerungen werden einst hin und wieder innehalten …«

Sie hörte mir nicht zu, atmete schwer und war sichtlich nervös. Die Gangway wurde herabgelassen. Doch bevor uns die Freiheit gewährt wurde, sie hinabzuschreiten, kamen Leute an Bord, Zollbeamte, Männer in Uniform, Gepäckträger.

Miss Nelly murmelte:

»Würde man feststellen, dass Arsène Lupin während der Überfahrt entkommen ist, so würde mich das nicht überraschen.«

»Vielleicht hat er den Tod dem Verlust seiner Ehre vorgezogen und sich lieber in den Atlantik gestürzt als verhaftet zu werden.«

»Reden Sie keinen Unsinn«, erwiderte sie aufgebracht.

Da erzitterte ich plötzlich, und als sie nach der Ursache fragte, antwortete ich:

»Sehen Sie den kleinen alten Mann, der dort am Ende der Gangway steht?«

»Mit einem Regenschirm und in einem olivgrünen Gehrock?«

»Das ist Ganimard.«

»Ganimard?«

»Ja, der berühmte Polizist, der sich geschworen hat, Arsène Lupin eigenhändig zu verhaften. Jetzt verstehe ich auch, warum wir von dieser Seite des Ozeans keine Auskünfte erhalten haben. Ganimard war hier. Und er mag es nicht, wenn andere sich in seine Angelegenheiten einmischen.«

»Also wird Arsène Lupin nun gewiss festgenommen?«

»Wer weiß? Ich glaube, Ganimard hat ihn bis jetzt nur verkleidet und geschminkt gesehen. Außer er kennt seinen Decknamen …«

»Ach«, sagte sie mit der leicht grausamen Neugier, wie sie manchen Frauen eigen ist, »wie gern wäre ich dabei, wenn er verhaftet wird!«

»Warten wir ab. Mit Sicherheit hat Arsène Lupin seinen Gegenspieler bereits entdeckt. Also wird er als einer der letzten von Bord gehen, weil dann die Augen des Alten schon ermüdet sein werden.«

Die ersten Passagiere stiegen aus. Ganimard stand teilnahmslos da, auf seinen Regenschirm gestützt, und schien der Menschenmenge, die sich zwischen den beiden Geländern drängte, nicht die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Einer der ­Offiziere des Schiffs stand hinter ihm und sagte hin und wieder etwas zu ihm.

Der Marquis de Raverdan verließ das Schiff, Major Rawson, der Italiener Rivolta, und mit ihnen andere, viele andere … Mein Blick fiel auf Rozaine, der sich nun der Gangway näherte.

Der arme Rozaine! Er schien sich nicht von seinen Missgeschicken erholt zu haben.

»Vielleicht ist er es doch«, meinte Miss Nelly. »Was glauben Sie?«

»Ich glaube, dass es äußerst interessant wäre, Ganimard und Rozaine gemeinsam auf einer Fotografie zu haben. Nehmen Sie doch bitte meinen Apparat, ich habe etwas zu viel Gepäck.«

Ich gab ihr den Apparat, doch zu spät, als dass sie ihn hätte einsetzen können. Rozaine ging vorüber. Der Offizier beugte sich zu Ganimard und sagte ihm etwas ins Ohr, dieser zuckte nur mit den Schultern, und Rozaine ging an ihnen vorüber.

Aber wer war dann Arsène Lupin, Teufel noch eins?

»Ja«, sagte Miss Nelly, »wer ist es?«

Nur noch etwa zwanzig Passagiere warteten darauf, das Schiff zu verlassen. Miss Nelly musterte sie einen nach dem anderen, mit einer wirren Angst, er könnte unter ihnen sein.

Ich sagte zu ihr:

»Wir können nicht länger warten.«

Sie ging auf die Gangway zu. Ich folgte ihr. Doch wir hatten noch keine zehn Schritte gemacht, als Ganimard uns den Weg versperrte.

»Was ist denn?«, rief ich.

»Einen Augenblick, Monsieur. Warum so eilig?«

»Ich begleite diese Dame hier.«

»Einen Augenblick«, wiederholte er, nun schon herrischer.

Er musterte mich eindringlich, sah mir in die Augen und sagte:

»Arsène Lupin, nicht wahr?«

Ich lachte auf.

»Nein. Bernard d’Andrézy. Ganz einfach.«

»Bernard d’Andrézy ist vor drei Jahren in Mazedonien ums Leben gekommen.«

»Wäre Bernard d’Andrézy tot, so wäre ich nicht mehr auf dieser Welt. Und das ist nicht der Fall. Hier sind meine Papiere.«

»Das sind d’Andrézys Papiere. Und ich erkläre Ihnen gerne, wie sie in Ihren Besitz gelangt sind.«

»Sie sind doch von Sinnen! Arsène Lupin hat sich unter einem Namen eingeschifft, der mit R beginnt.«

»Ja, das ist eine weitere Ihrer Finten, eine falsche Fährte, auf die Sie Ihre Verfolger geschickt haben. Sie sind wirklich einfallsreich, mein Lieber. Aber jetzt wendet sich das Schicksal. Also, Lupin, erweisen Sie sich als guter Verlierer.«

Ich zögerte kurz. Ruckartig versetzte Ganimard mir einen Hieb auf den rechten Unterarm. Vor Schmerz schrie ich auf. Er hatte die Wunde getroffen, die das Telegramm erwähnt hatte und die noch nicht ganz verheilt war.

Also musste ich mich fügen. Ich wandte mich zu Miss Nelly. Sie hatte alles mitangehört, war leichenblass und rang mit der Fassung.

Sie sah erst mich an und blickte dann auf die Kodak, die ich ihr gegeben hatte. Sie zuckte zusammen, und mir schien, nein, ich war mir sicher, dass sie mit einem Mal alles begriff. Ja, genau hier, in diesem schmalen, mit Chagrinleder überzogenen Gehäuse, im Inneren dieses kleinen Gegenstandes, den ich aus Vorsicht in ihre Hände gegeben hatte, bevor Ganimard mich verhaften würde, dort drinnen befanden sich Rozaines zwanzigtausend Francs und die Perlen und Diamanten von Lady Jerland.

Ich schwöre: In diesem denkwürdigen Moment, als Ganimard und zwei seiner Helfershelfer mich umringten, war mir alles gleichgültig, meine Festnahme, die Feindseligkeit der Menschen, alles, bis auf Eines: die Entscheidung, die Miss Nelly bezüglich dessen treffen würde, was ich ihr anvertraut hatte.

Dass dieser handfeste und unwiderlegbare Beweis gegen mich vorlag, gab mir nicht den geringsten Anlass zur Sorge. Aber würde Miss Nelly sich dazu entscheiden, das Beweisstück auszuhändigen?

Würde sie mich verraten? Mich ins Verderben stürzen? Würde sie wie eine Feindin handeln, die nicht verzeiht, oder wie eine Frau, die sich erinnert und deren Verachtung durch ein wenig Nachsicht, eine unbewusste Sympathie besänftigt wird?

Sie schritt an mir vorüber. Ich grüßte sie stumm, ohne ein einziges Wort. Dann reihte sie sich zwischen die anderen Passa­giere ein und steuerte, meinen Fotoapparat in der Hand, auf die Gangway zu.

Vermutlich wagt sie es nicht, dachte ich, hier in aller Öffentlichkeit. In einer Stunde, jedenfalls aber sehr bald wird sie den Apparat übergeben.

Doch als sie die Mitte der Gangway erreicht hatte, ließ sie ihn mit einer Bewegung gespielter Ungeschicklichkeit ins Wasser fallen, zwischen der Kaimauer und der Bordwand des Schiffes.

Dann sah ich ihr nach, wie sie sich entfernte.

Ihre hübsche Gestalt verlor sich in der Menge, tauchte noch einmal auf und verschwand. Es war vorbei, für immer vorbei.

Einen Augenblick lang stand ich reglos da, traurig und zugleich erfüllt von einem Gefühl sanfter Rührung. Dann seufzte ich und sagte, zu Ganimards großer Verwunderung:

»Bisweilen ist es bedauerlich, wenn man kein anständiger Mensch ist …«

Mit diesen Worten erzählte mir Arsène Lupin eines Winterabends die Geschichte seiner Festnahme. Eine zufällige Verkettung von Ereignissen, von denen ich eines Tages berichten werde, hatte zwischen uns eine gewisse Verbindung entstehen lassen, die … soll ich sagen: die freundschaftlicher Natur war? Ja, ich glaube, annehmen zu dürfen, dass Arsène Lupin mir gegenüber durchaus freundschaftliche Gefühle hegt und dass diese ihn dazu bringen, bisweilen unangekündigt vor meiner Tür zu stehen und die Stille meines Arbeitszimmers mit seinem jugendlichen Frohsinn zu erfüllen, mit dem Glanz seines furiosen Lebens und der guten Laune eines Mannes, für den das Schicksal nur Gunstbezeugungen und ein Lächeln bereithält.

Seine Erscheinung? Wie könnte ich sie beschreiben? Zwanzigmal habe ich Arsène Lupin gesehen, und jedes einzelne dieser zwanzig Male stand eine andere Gestalt vor mir, oder vielmehr dieselbe Gestalt, von der mir zwanzig unterschiedliche Spiegel ebenso viele verzerrte Abbilder zurückwarfen, jedes mit seinem ganz eigenen Blick, seinem besonderen Wuchs, seiner ihm eigenen Gestik, seiner Silhouette und seinem Charakter.

»Ich weiß selbst nicht mehr so recht, wer ich bin«, sagte er einmal zu mir. »Wenn ich in den Spiegel sehe, erkenne ich mich nicht mehr.«

Natürlich äußerte er diese Paradoxie im Scherz, aber sie brachte die Wahrheit zum Ausdruck, die jene erleben, die ihm begegnen und nichts von seinen grenzenlosen Möglichkeiten wissen, seiner Geduld, seiner Kunstfertigkeit im Schminken, seiner stupenden Fähigkeit, selbst seine Gesichtszüge zu verwandeln und sogar die Proportionen zwischen diesen umzugestalten.

»Warum sollte ich auch stets die gleiche Erscheinung abgeben?«, fuhr er fort. »Warum sollte ich nicht die Gefahr umgehen, die eine stets identische Persönlichkeit mit sich bringt? Um mich zu kennzeichnen, genügen meine Taten.«

Und dann präzisierte er seine Worte, nicht ohne Stolz in der Stimme:

»Umso besser, wenn man nie mit letzter Gewissheit sagen kann: Dieser Mann ist Arsène Lupin. Entscheidend ist, dass man, ohne einen Irrtum fürchten zu müssen, sagt: Das ist das Werk von Arsène Lupin.«

Einiger dieser Taten, einige dieser Abenteuer werde ich nun zu berichten versuchen, nachdem er die Güte hatte, sie mir anzuvertrauen, an so manchem Winterabend, in der Stille meines Arbeitszimmers …

2Arsène Lupin im Gefängnis

Kein Tourist hat diesen Namen verdient, der nicht die Ufer der Seine gesehen hat und der nicht, auf seinem Weg von den Ruinen von Jumièges zu jenen von Saint-Wandrille, das kleine, eigenartige feudale Château du Malaquis betrachtet hat, das dort mitten im Fluss so stolz auf seinem Felsen thront. Mit der Straße ist es durch eine geschwungene Brücke verbunden. Die Fundamente seiner dunklen Türmchen verschmelzen mit dem Granit, der sie stützt, einem enormen Felsblock, der sich aus einem unbekannten Gebirge gelöst hat und durch ein gewaltiges Naturereignis an diesen Ort geschleudert wurde. Um ihn herum spielt das Wasser des breiten Flusses mit dem Schilf, und Bachstelzen stehen zitternd auf den feuchten Kuppen der Kiesel.

Die Geschichte von Malaquis ist rau wie sein Name, schroff wie seine Silhouette. Nichts als Kämpfe, Belagerungen, Sturmangriffe, Raubüberfälle und Massaker. Hier im Pays de Caux beschwört man bei den abendlichen Zusammenkünften mit Schaudern die Verbrechen herauf, die in diesem Château begangen wurden. Man erzählt sich geheimnisvolle Legenden. Man spricht von dem berühmten unterirdischen Gang, der das Château einst mit der Abtei von Jumièges verband und mit dem Landsitz von Agnès Sorel, der Mätresse von Karl VII.

In diesem geschichtsträchtigen Unterschlupf für Helden und Banditen residiert Baron Nathan Cahorn, oder Baron Satan, wie er früher an der Börse genannt wurde, wo er sich auf etwas zu grobe Weise bereicherte. Die Herren von Malaquis mussten ihm – ruiniert, wie sie waren – den Sitz ihrer Ahnen für einen Pappenstiel verkaufen. Der Baron hat dort seine bewundernswerten Sammlungen untergebracht: Möbel, Gemälde, Fayencen und Skulpturen. Er lebt allein auf dem Château, nur mit drei alten Bediensteten. Kein Mensch betritt je seine Gemäuer. Kein Mensch hat je in der Kulisse der altertümlichen Säle die drei Gemälde von Rubens betrachtet, die der Baron besitzt, oder die beiden Watteaus, den Prunkstuhl von Jean Goujon oder all die anderen zahllosen Kostbarkeiten, die er bei Versteigerungen den reichsten der regelmäßig anwesenden Bieter unter dem Einsatz beträchtlicher Summen entrissen hat.

Baron Satan hat Angst. Nicht um sein eigenes Wohlergehen, sondern um das seiner Schätze, die er mit so hartnäckiger Leidenschaft und dem Scharfsinn eines Liebhabers angehäuft hat, wobei nicht einmal die verschlagensten Händler sich rühmen können, ihn aufs Kreuz gelegt zu haben. Er liebt seine Schätze. Mit der verbitterten Liebe eines krankhaften Geizhalses, und mit der Eifersucht eines Liebhabers.

Jeden Abend bei Sonnenuntergang werden die vier eisenbeschlagenen Tore, die die beiden Enden der Brücke sowie den Zugang zum Innenhof sichern, verschlossen und verriegelt. Bei der geringsten Erschütterung würden elektrische Klingeln die Stille durchbrechen. Von der zur Seine hin gelegenen Seite ist nichts zu befürchten – der Fels fällt dort lotrecht in die Tiefe.

Eines Freitags im September stand wie üblich der Postbote am anderen Ende der Brücke. Seiner Gewohnheit entsprechend öffnete der Baron einen der schweren Türflügel.

Er musterte den guten Mann eingehend, als kennte er sie nicht schon seit Jahren, diese schelmischen Bauernaugen und dieses gutmütige, freudvolle Gesicht. Der Postbote lachte und sagte:

»Ich bin immer noch derselbe, Herr Baron. Ich bin nicht jemand anders, der sich meinen Rock und meine Mütze geschnappt hat.«

»Kann man da jemals sicher sein?«, murmelte Cahorn.

Der Postbote reichte ihm einen Stapel Zeitungen. Dann sagte er:

»Und jetzt, Herr Baron, gibt es noch etwas Neues.«

»Etwas Neues?«

»Einen Brief … Ein Einschreiben noch dazu.«

So abgeschieden, wie er lebte, ohne Freunde oder sonst jemanden, der an seinem Leben Anteil genommen hätte, erhielt der Baron niemals Briefe, und dass nun einer eintraf, erschien ihm sofort als ein schlechtes Vorzeichen, das Anlass zu Argwohn gab. Wer war der mysteriöse Absender, der ihn in seiner Zurückgezogenheit behelligte?

»Wenn Sie bitte hier unterschreiben würden, Herr Baron.«

Murrend unterschrieb er. Dann nahm er den Brief entgegen, wartete, bis der Postbote hinter der Biegung der Straße verschwunden war, ging ein paarmal auf und ab, lehnte sich schließlich an die Brüstung der Brücke und riss den Umschlag auf.

Der Umschlag enthielt einen Bogen karierten Papiers. Im Briefkopf stand Gefängnis La Santé, Paris. Er sah nach der Unterschrift: Arsène Lupin. Verdutzt begann er zu lesen.

Sehr geehrter Baron,

in dem Gang, der Ihre beiden Salons verbindet, hängt ein Gemälde von Philippe de Champaigne, das exzellent gearbeitet ist und das ich zutiefst bewundere. Auch Ihre Werke von Rubens entsprechen meinem Geschmack, ebenso das kleinere Bild von Watteau. Im Salon auf der rechten Seite vermerke ich die Louis XIII.-Kredenz, die Wandteppiche von Beauvais, den Empirehocker von Jacob und die Renaissancetruhe. Im linken Salon die gesamte Vitrine mit Schmuck und Miniaturen.