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In der Erzählung "Aschura" aus dem Kursbuch 175 lässt Rainer Merkel seinen Ich-Erzähler an den schiitischen Passionsspielen teilnehmen. Auf dem Höhepunkt dieser verletzen sich einige Teilnehmer mit Schwertern und Langdolchen am Kopf. Vor diesem Anblick gedenkt der Erzähler seiner verstorbenen Großmutter.
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Seitenzahl: 39
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Verlag
Rainer Merkel
Aschura
Die Leichtigkeit der Körper
1.
Vielleicht ist es Ausdruck einer Verunsicherung oder der einer Vorahnung, die mich an diesem Morgen, im Couvent de Terre Sainte, in einer fast klösterlich bescheidenen Kammer, um vier Uhr morgens erwachen lässt. Es ist dunkel, ein Gewitter erschüttert das ehemalige Kloster, in dem seit einigen Jahren keine Nonnen mehr leben. Ich bin hier abgestiegen, um mich auf eine der berühmtesten Festlichkeiten des Islam, der Aschura, vorzubereiten. In diesem Moment beschäftigen mich drei Fragen: Ist mein Reiseplan gut? Wie komme ich von Sidon nach Nabatiye? Wie werden meine neuen Schuhe auf das »Blutbad« reagieren, und vor allem, wie kann ich verhindern, dass das angekündigte Unwetter, das am Sonntagvormittag einsetzen soll, alle meine Pläne wieder zunichtemacht. Nabatiye? Ich fahre ohne Begleitung, ohne ortskundigen Führer, Helfer oder Fahrer. Eine Bekannte, die als Journalistin das Aschura-Fest schon ein paar Mal miterlebt hat, ruft mich am Abend vor meiner Abreise an und sagt ihre Teilnahme ab. »Es soll regnen«, erklärt sie, »und zwar richtig«, und dann höre ich sie am anderen Ende der Leitung kurz aufstöhnen. »Also Regen und Blut. Diese Kombination, das muss ich mir jetzt wirklich nicht antun.« Die ganze Reise, die ganze Vorbereitung erscheint im Nachhinein als ein Kraftakt, der notwendig gewesen ist.
Ich musste um vier aufwachen, dem Lärm des Donners und wenige Zeit später dem Gesang des Muezzins ausgesetzt. Ich musste anderthalb Stunden damit zubringen, den Konvent zu finden, der weniger ein Hotel als ein kleines in den Souks verstecktes Kloster ist, das von Katia, der im Bradt-Reiseführer gepriesenen Betreiberin, im Auftrag der katholischen Kirche geführt wird. Es ist eher ein Versteck als eine Herberge. Katia, im Reiseführer »the delightful manager« genannt, amüsiert sich darüber, dass ich mir noch am Vorabend die Haare habe schneiden lassen und mich also bereithalte, am nächsten Morgen auch einen »Cut« abzubekommen. Ihr Schwiegersohn fragt mich, während er auf meinen kurz geschorenen Kopf zeigt: »Du willst auch mitmachen?« Ich lausche auf das Gewitter. Ich frage mich, wie schlimm das Unwetter und der Regen wohl sein werden. Die Kräfte der Natur, auf die ich nicht vorbereitet bin. Ich denke an eine übermächtige Krankheit. Eine Krankheit von alttestamentarischer Wucht, so wie es in meiner Familie schon einige gegeben hat. Eine Krankheit, die hier natürlich erst mal nur in ihrer harmlosen Gestalt, in der Verkleidung einer einfachen Erkältung, einer kleinen Grippe auftritt, mir aber schon jetzt als eine vorweggenommene Kapitulationserklärung erscheint.
Es ist ein historisches Ereignis, das die Schiiten während der Aschura zu bewältigen versuchen, eine Erfahrung, die sie seitdem in einer Haltung der Schuld auf die Welt schauen lassen. Viele Sunniten und Christen wünschen sich insgeheim, die Schiiten würden auch heute noch in diesem Gefühl verharren und die Welt aus der Sicht des Schuldbeladenen anschauen. »Schaffst du schon«, sagt die junge Frau mit den schlechten Zähnen am Busbahnhof, kurz vor Mitternacht, als ich sie nach dem Bus nach Nabatiye frage. »Stell dich einfach hier hin, und dann kommen sie und holen dich ab.« Sie hat keinen einzigen gesunden Zahn, ihr Gebiss ist eine schaurige Ruine. Es stellt sich heraus, dass sie aus Deutschland kommt und nur für ein paar Wochen zu Besuch bei ihren Verwandten in Sidon ist. Der Anblick ihrer Zähne ist wie ein höhnischer Kommentar, ein hämisches Lachen ihrer ansonsten unbeeinträchtigten Gesundheit, der ganzen Kraft ihrer Jugend, die sie in dieser Nacht zu verschwenden versucht.
»Wenn ich hier bin, lass ich mich immer treiben«, sagt sie. »Weißt du … Irgendwo findet sich immer ein Unterschlupf.« Sie grinst mich an und dann schreibt sie sich mit einem BIC-Kugelschreiber die Telefonnummer des Konvents in die linke Handinnenfläche hinein. Von der Schlacht von Karbala und den Schuldgefühlen der Schiiten, die den Enkel des Propheten nicht vor seinem Untergang haben bewahren können, weiß sie nichts. Und ich bezweifle, dass sie sich überhaupt für solche Fragen interessiert, dass sie sich Gedanken macht über die Frage, ob man sich selbst Gewalt antun, sich selbst für etwas bestrafen und seinen eigenen Körper für etwas verantwortlich machen soll, was vor Hunderten von Jahren passiert ist. Wie süß und lustvoll diese eigentümliche Mischung aus kollektiver Freude und Schuldgefühlen sein kann, von der Hamid Dabashi in Shi’ism. A Religion of Protest erzählt, wissen wir nichts. Davon haben wir beide keine Ahnung. Denn auch ich werde trotz aller Bemühungen und Vorbereitungen davon nichts mitbekommen. Diese Seite des Aschura-Rituals wird mir verborgen bleiben.
2.
