Astrologie als Therapie - Peter Orban - E-Book

Astrologie als Therapie E-Book

Peter Orban

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Beschreibung

Der Autor führt sehr verständlich in die Grundkenntnisse der astrosophischen Interpretation ein. Mit leichter Feder konfrontiert er aber auch mit der Schwere wahrer Selbsterkenntnis. Jeder identifiziert sich am meisten mit seinem Aszendenten, da er diesen Auftrag sehr schätzt. Und nun wird es Zeit, dieses mitgebrachte Material in seiner ganzen Dichte zu erfassen, also endlich von allzu positiver Augenwischerei abzusehen und das darunterliegende Menü des eigenen Schattens aufzuspüren. Für diese Entdeckung ersetzt Peter Orban den Begriff des Karmas durch den biblischen Komplex der Schuld. Gemäß der Formel "Übertreibung macht anschaulich" schickt er alle zwölf Archetypen in die Unterwelt der Verdrängung. Dem anfänglichen Erschrecken folgen Akzeptanz, Erwachen, Versöhnung und ein bleibendes Gefühl von wahrem inneren Frieden.

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Seitenzahl: 395

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Proömium zur dritten Ausgabe

Dieses Buch gehört in die Abteilung „Die Reise des Helden“, und es zeigt auf', welche tiefgreifenden Situationen in den vergangenen Lebensjahren (für jeden Menschen) einer Entdeckung und einer Deutung harren. Einige Menschen haben dem Text vorgeworfen, es sei ein unglaublich hartes Buch. Und das ist es wohl auch. Es ist nichts für zarte Gemüter. Anders gesagt, es ist der Schatten eines jeden zarten Gemütes. Es gehört in den Kanon: Die Wahrheit tut verdammt weh! Vor mehr als zehn Jahren hat mir eine Frau einen Brief' geschrieben: „Als ich die ersten vierzig Seiten Ihres Buches gelesen hatte, habe ich es vor Wut an die Wand geschmissen! Dort auf' dem Boden lag es mindestens ein halbes Jahr, und ich schlich mehr oder weniger um es herum. Weiterhin voller Wut auf' den Autoren. Erst Monate später konnte ich es dann zu Ende lesen und wusste auf' einmal: Es spricht die Wahrheit über mich. Seitdem bin versöhnt. Auch mit dem Autoren.“

Dr Peter Orban, Frankfurt am Main, Juli 2022

Inhalt

Vorbemerkung

Vorwort

I Im Anfang war das Wort

II Der Ort der Schuld

III Die Arten der Schuld

IV Die Konfrontation mit der Schuld

V Der Weg der Schlange

VI Die Sonne

Die 12 Häuser

Die 12 Zeichen

VII Feuer – Wasser – Luft und Erde

VIII Die Planeten: Feinde oder Verbündete?

IV Das

Medium coeli:

Die Erhöhung der Schlange

X Über die Macht des Wortes

XI Die astrologische Beratung

XII Der Baum des Lebens

Nachwort und Literatur

Anhang

Bei seinem Sturz kop füber verlor Satan aus seiner Krone das lichte Juwel, den Smaragd, den Inbegriff der ihm verliehenen geistigen und heilenden Kräfte. Es fiel in eine Höhle und blieb in ihr verborgen, bis die Zeit erfüllt war, Gott Mensch wurde und das Juwel gefunden wurde.

Da wurde aus diesem, dem >Stirnauge< Satanaels, der Kelch des letzten Abendmahls geschnitten.

ALFONS ROSENBERG, Michael und der Drache

Vorbemerkung

»Astrologie als Therapie« ist die Fortsetzung meines Buches »Die Reise des Helden«. Konzipiert war es als ein reines Astrologiebuch, doch während des Schreibens mußte ich die Erfahrung machen, daß dieses Thema seine eigenen Wege fand. Und so wurde es zu einer Ansammlung von Bildern, deren wichtigstes – das Bild der Schlange – überdeutlich in den Vordergrund trat. Dennoch: es ist immer noch ein Astrologiebuch. Im Schreiben dieses Textes lernte ich, daß gerade die Astrologie ein sehr tiefes Hilfsmittel – ein Wanderstab – auf der »Reise des Helden« sein kann.

Die Geschichte dieses Buches ist schnell erzählt. Ich habe mich jahrelang mit dem Thema Astrologie beschäftigt, halte selbst Kurse über dieses Thema, und so tauchte in mir das Verlangen auf, aus diesen Erfahrungen heraus die Grundvoraussetzung für eine Arbeit in diesem Bereich in mir zu klären.

Meine Art, diesen Klärungsprozeß zu beginnen, ist die, ein Buch zu schreiben. Bevor ich also zu schreiben begann, hatte ich kein Konzept, sondern nur einen Wust von unzusammenhängenden Erfahrungen und unverdauten Daten in mir. Das vorliegende Buch stellt also meine Systematisierung dieses Konglomerates dar. Es beansprucht nicht, Wahrheit über die Astrologie zu verbreiten, sondern es hat einen (vermesseneren) Anspruch: es ist darauf angelegt, etwas zu bewirken, Impulse zu geben.

Da ich diesen Text in meinen Kursen erprobt habe, weiß ich, daß er das tut. Ich weiß auch, er hat viele verschiedenartige Wirkungen, doch wenn er nur die eine haben sollte, Widerstände zu provozieren, so hat er seine Funktion längst erfüllt.

Einige Menschen haben mir vorgeworfen, es sei ein unglaublich »hartes«, ja, grausames Buch, und das ist es wohl auch. Es ist nichts für zarte Gemüter. Anders gesagt: es ist der »Schatten« jedes zarten Gemütes.

Die Wahrheit tut immer weh.

Das bedeutet nicht, daß dieses Buch die Wahrheit sagen würde, also etwa, wie die Wahrheit aussieht, sondern nur, daß alles, was weh tut, jetzt gerade Wahrheit ist. Morgen gibt es eine andere. Das Thema dieses Buches ist die SCHULD; in sie wird der Leser unvermittelt hineingestellt, und was diesen Text so hart erscheinen läßt, ist unser Wunsch, wir mögen doch bitte weiterhin UNSCHULDIG sein. Solltest du – der Leser – für diesen Wunsch Literatur suchen, so ist der Markt voll davon. Voll von Texten, die dir erzählen, wer alles schuldig ist in dieser Welt und an dieser Welt.

Das vorliegende Buch geht einen anderen Weg.

Vorwort

Einer alten kabbalistischen Geschichte zufolge ist jeder Mensch auf einer Reise zum Licht. Jeder – denn es gibt keine andere Reise.

Aber natürlich könnte es sein, daß du deine Reise anders nennst, denn nur wenige nennen ihr Ziel »das Licht«, ja, es könnte sogar sein, daß du deine Lebensreise als sinnlos, leer, belanglos empfindest. Das ändert nichts. Dein Ziel ist das Licht. Vielleicht bist du ein Gottsucher, dann nennst du dein Ziel »Gott«, vielleicht bist du ein Buddhist, dann nennst du es »Nirvana«. Namen sind hier beliebig. Auch der Name »Licht« ist nur ein Wort. Und solange wir nicht im Licht angelangt sind (oder auch nur in die Nähe des Lichtes gekommen sind), müssen wir viele Worte darüber verlieren.

Wir müssen die Worte verlieren, wir müssen sie buchstäblich loswerden, denn in die Nähe des Lichtes kommt man nur ohne Worte. Wenn alle Worte bereits gesagt sind. Schweigend. Vielleicht bist du ein Frauenverehrer, dann nennst du dein Licht »die Frau« (von der du schon so lange träumst), oder du bist ein Wissenschaftler und dann nennst du deine Reise »die Suche nach der Wahrheit«. Nun gut, nennen wir das, was du suchst, einen Moment lang »Wahrheit«.

Viele Menschen sind heute ganz bewußt auf der Suche nach der Wahrheit. Sie lassen sich nicht mehr so leicht mit den gängigen Meinungen, mit den gängigen Wahrheiten abspeisen. Sie wissen – und auch du weißt es längst – daß in der Schule, der Universität, der Zeitung, im Fernsehen nur eine besonders griffige, eine gefällige Sicht der Welt dargeboten wird. Möglicherweise auch nur eine Facette der Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit. Wir ahnen, es gibt andere Wahrheiten, Wahrheiten, die hier nicht angeboten werden, weil sie stören. Sie können die Ruhe stören, die Ordnung, ja, und wir ahnen auch, daß viele Menschen ein Bedürfnis nach dieser Ruhe haben: sie würden gern noch ein wenig schlafen.

Und vielleicht regst du dich darüber auf, denn du weißt ja, »Fernsehen macht dumm«. Diese oder ähnliche Sätze mögen zu deiner Wahrheit gehören. Vielleicht versuchst du, diese Wahrheit zu verbreiten, dich mit deinen Freunden über sie auszutauschen (denn was soll man machen, solange man noch Worte »verlieren«muß?), oder du hast dich politischen, religiösen oder esoterischen Gruppen angeschlossen, die auf solchen oder ähnlichen Weisheiten ihre Lehre aufgebaut haben. Sollte es so sein, so möchte ich dich warnen: Dieses Buch ist Gift für dich. Es wird dich sehr ärgern oder wütend machen. Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, um irgendwelche Wahrheiten darzustellen. Im Gegenteil, es ist darauf angelegt, dir deine Wahrheiten zu zerstören, sie dir wegzunehmen. Dir zu zeigen, daß grob gesagt alle Wahrheiten »dummes Zeug« sind.

Dieses Buch ist also nicht auf der Suche nach der Wahrheit, sondern es könnte dir behilflich sein bei der Suche nach der Lüge. Nach deiner Lüge. Es geht also auch nicht um irgendwelche Lügen draußen. Es geht um die Lüge in dir. Und auf diesem Weg bedient sich dieses Buch eines Werkzeuges, daß so weit von jeder objektiven Wahrheit entfernt ist, daß es schon wieder interessant ist: der Astrologie.

Diese Behauptung mag dich irritieren, doch sie wird im Verlaufe des gesamten Buches deutlicher werden. Hier am Anfang magst du dich fragen: Wie kann mir ein System etwas über meine Lüge aussagen, das selbst so weit von der Wahrheit (im wissenschaftlichen Sinne) entfernt ist?

Eine erste Antwort: Nur deshalb kann sie das! Nur weil die Astrologie keinen eigenen Wahrheitsanspruch hat, kannst du deine Lüge in dir finden.

Dieser Gedankengang ist nicht so leicht zu verstehen. Ich sage nicht: »Astrologie sagt die Wahrheit«, wie es viele Astrologen tun (»Die Sterne lügen nicht«). Ich sage auch nicht: »Astrologie ist Unsinn«, wie es Hoimar von Dithfurt mit guten Argumenten tut. Ich sage hier (vorläufig): Astrologie hat mit Wahrheit nicht das Geringste zu tun. Sie entzieht sich beiden oben zitierten Denkweisen so total, daß wir sie eben deshalb als System verwenden können. Sie ist weder wahr noch falsch – sie ist etwas ganz anderes, etwas, das außerhalb dieser beiden Sätze liegt und damit entzieht sie sich der wahr/falsch-Polarität (etwa ähnlich wie ein Märchen der Gebrüder Grimm oder der Mythos vom Ödipus sich einer derartigen Fragestellung nicht unterwerfen läßt).

Ja, darin liegt die eigentliche Reichweite der Astrologie. Das macht sie zu einem ganz außergewöhnlichen Instrument, daß ihre Erkenntnismöglichkeiten – jenseits der Logik – im Reich der Symbole liegen.

Inmitten dieses Gedankenganges liegt jedoch ein anderer: Du wirst die Astrologie niemals beweisen können, denn beweisen läßt sich nur etwas, was einen Wahrheitsanspruch in sich trägt. Versuchst du es, so scheiterst du! An diesem Phänomen kranken sehr viele Astrologiebücher. Sie möchten dir Beweise liefern, daß die Astrologie Recht habe, gar, daß sie eine Wissenschaft sei. Das ist absurd; bei jedem Versuch, sich auf dieses dünne Eis zu begeben, bricht der so Argumentierende ein und versinkt.

Sagt die Astrologie die Wahrheit?

Diese Frage ist ebensowenig zu beantworten wie die Frage: Gibt es Beweise für ein Leben nach dem Tod (oder vor dem Leben)? Vergiß die Frage! Sie ist sinnlos.

Dieses Buch möchte eine Hilfe sein auf dem Weg, die sinnvollen Fragen zu finden. Wohlgemerkt, die Fragen, nicht die Antworten. Antworten kann dir kein Buch geben. Allerhöchstens kann es dir bei deinen Fragen ein wenig helfen.

Ich sehe den tiefen Sinn eines Buches darin, daß es dir die Frage, in die du dich momentan verrannt hast, bei der du steckengeblieben bist, bei der du nicht weiterkommst, einfach wegnimmt, indem es dir die Reichweite dieser Frage plausibel macht.

Welcher Sinn darin liegt, Fragen zu zerstören?

Du bekommst Platz für eine neue Frage.

Und ich hoffe, auch diese neue Frage wird dir irgend jemand irgendwann ebenfalls wegnehmen.

Und so handelt dieses Buch weder von Wahrheiten, noch gibt es dir Antworten. Es ist eine Art Selbsterfahrungs-Seminar und es handelt von dem tiefen Sinn, der darin liegt, Fragen zu stellen. Das letzte, was mir in den Sinn käme, wäre, dich von der Astrologie überzeugen zu wollen. Ich schreibe dieses Buch, weil ich selbst nicht überzeugt bin.

Und: um Worte zu verlieren.

Solange wir das Böse zu überwinden trachten, indem wir es außer uns bekämpfen, fehlt uns noch die Grundvoraussetzung für alle echte Überwindung: die Selbsterkenntnis. Der Mensch müßte erst einmal zu der Einsicht kommen, daß die objektiven Widrigkeiten seines Existenzbereiches niemals etwas anderes sind als die Antworten auf eine Fragwürdigkeit in ihm selbst, nämlich in dem Teil seiner Gesamtperson, dessen eigener Konflikt sich in den Grundsätzen da draußen spiegelt.

ERWIN REISNER, DER DÄMON UND SEIN BILD

I Im Anfang war das Wort

»Die Welt ist alles, was der Fall ist«, so lautet der erste Satz des berühmten philosophischen Traktates von Ludwig Wittgenstein – und das ist sie in der Tat! Wir leben in einer gefallenen Welt.

Oder anders gesagt, nur, was gefallen ist, darf als zu dieser Welt gehörig angesehen werden. Diese Formel ist zwingend. Du und ich, die wir uns zu dieser Welt rechnen, gehören auch zu dem, »was der Fall ist«.

Und damit hast du gleich am Anfang dieses Buches schon das Problem präsentiert bekommen, aus dem es keinen Ausweg gibt.

Du bist gefallen. Du bist in der Schuld.

Natürlich weiß ich genau, daß du diese Sätze gar nicht so gern hörst. Hast du dich doch erst in den letzten Jahren so mühsam aus der Schuld, die dir fremde Leute (oder waren es deine Eltern?) einreden wollten, herausgearbeitet. Und hast du nicht in einem langen Prozeß begreifen gelernt, wer in dieser Welt alles Schuld hat oder ist? Die, die aus Profitgier die Umwelt zerstören, die, die aus Machtgier oder weil sie zu viel Angst haben, die Welt in einen atomaren Holocaust (ein tolles Wort, es wird gerade populär!) verwandeln wollen. Und natürlich gibt es noch viele, viele mehr, die schuld sind.

Und so ist es ganz natürlich, daß du – ebenso wie ich auch – auf jemanden, der dir deine Schuld zurückgeben will, reagieren wirst, wie auf ein rotes Tuch.

Und doch, wenn du weiterlesen willst, erhältst du – schon hier am Anfang – als allererstes deine Schuld zurück. Die ganze Schuld an allem. Vor allen Dingen an deinem Leiden. An deinen Problemen, an deiner Krankheit, an deinen Symptomen. Dahinter liegt ein Gedanke, den ich dir erläutern möchte: du mußtest erst einmal alle Schuld abschieben, du mußtest sie verteilen, sie hinaus in die Welt zerstreuen. Psychologisch gesehen: sie nach draußen projizieren. Das gehört zu deinem Weg ins Licht. Jetzt freilich ist langsam die Zeit gekommen, daß du sie dir wiederholst. Daß du sie zurückbekommst, denn möglicherweise bist du jetzt in der Lage, auf eine so ernste Sache, wie es die Schuld nun einmal ist, nicht mehr so allergisch zu reagieren.

Die Logik, die darin liegt, ist wieder einmal nicht einfach zu verstehen: in den frühen Jahren der Geschichte wurde den Menschen Schuld zugewiesen (Erbsünde) und sie litten daran furchtbar. Dann, in der Zeit der Aufklärung, wurde alle Schuld – in der wissenschaftlichen Weitsicht – abgeschoben (meist rüber zum Feind), doch jetzt, in einem dritten Schritt, ist die Zeit gekommen, sie wieder zurückzuholen und sie ernsthaft anzuschauen. Sie zu einem Vehikel der Befreiung zu machen. Ohne das Annehmen der Schuld ist das jedoch ausgeschlossen. Und es ist meine tiefe Überzeugung, daß wir heute dazu in der Lage sind.

Es gibt noch einen zweiten Gedanken: Ohne eine Beschäftigung mit der Schuld ist eine Arbeit auf dem Feld der Astrologie unmöglich. Willst du an dem Phänomen der Schuld nicht rühren – an deiner Schuld –, so wird jede astrologische Arbeit (sowohl als Berater wie auch als Klient) ein sinnloses Unternehmen. Du bist dann gerade an einer anderen Stelle und solltest dieses schwere Thema erst einmal liegenlassen. Wir leben in einer Welt, die sich um nichts gebessert oder geändert hat seit fast 2000 Jahren und die sich auch in den nächsten 2000 Jahren nicht ändern wird.

Warum sich nichts verändert hat? Ganz einfach: weil du dich nicht verändert hast.

Es ist eine Welt, die Dante vor 700 Jahren mit folgenden Versen beschrieben hat:

Durch mich geht man zur Stadt der Schmerzen ein;

durch mich geht man hinein zur ewgen Qual

durch mich geht man zu den Verlorenen.

Gerechtigkeit bewegte meinen Schöpfer;

erschaffen hat mich Gottes ewge Allmacht,

die höchste Weisheit und die erste Liebe.

Denn vor mir ward kein einzig Ding erschaffen

als Ewiges, und ewig werd’ ich dauern;

ihr, die ihr herkommt, lasset alle Hoffnung.

GÖTTLICHE KOMÖDIE, Inferno 3. Gesang

Du magst einwenden, daß Dante mit diesen Zeilen den Eingang zur Hölle, zur Unterwelt überschrieben hat. Das ist richtig, doch Dante macht hier keine Trennung, er beschreibt gleichermaßen diese Welt und ich möchte dich auffordern, dir diese Sätze noch einmal genauer anzuschauen.

Sie hingen nämlich kurz vor deiner Geburt über dem Eingang zum Geburtskanal.

Du bist hindurchgegangen.

Jetzt bist du da.

Mit all deinen Hoffnungen, Träumen, Illusionen – es möge doch bitteschön nicht so ein, wie das, was du dort gelesen hast.

Doch es ist so, und das erste, was du als Astrologe begriffen haben mußt (es ist auch das erste, was dir als Klient deutlich werden muß), du steckst in einer tiefen Schuld. Sie ist der eigentliche Kern deines Leidens.

Und sie wird um so problematischer, je weniger du davon wissen willst. Sie nimmt ab, je mehr du dich zu ihr bekennst.

Welche Schuld? Woran du schuld bist?

Nun, ich glaube es gibt nur eine Schuld auf dieser Welt und das ist die, daß du überhaupt hier bist. In dieser Welt!

Die Welt ist alles, was der Fall ist.

Aus diesen Sätzen ergibt sich auch mein Selbstverständnis, daß du nicht das erste Mal diesen Weg gehst. Daß du schon viele Versuche unternommen hast, mit Welt umzugehen. Du bist schon tausende Male dagewesen, hast unzählige Gestalten angenommen, unzählige Rollen gespielt in diesem großen Welttheater. Willst du von diesem Gedanken – der heute unter dem Namen »Reinkarnation« bekannt ist – nichts wissen, so wird jede Astrologie haltlos. Sie verliert ihren Bezugsrahmen. Es ist dann nicht mehr einzusehen, wieso du heute »Krebs« bist, d. h. eine Krebs-Schuld abzutragen hast, den Krebs-Weg gehen sollst und nicht den Steinbock-Weg (wie vielleicht dein Partner).

Wenn ich dich in diesem Buch als Astrologe (oder als Klienten eines Astrologen) anrede, so meine ich damit nicht nur jemanden, der sich mit dem großen Gleichnis des gestirnten Himmels beschäftigt, sondern ich wende mich an all jene, die sich berufen fühlen, anderen Menschen etwas zu sagen. Also nicht nur an Lehrer, Ärzte, Psychotherapeuten, Psychologen, Philosophen oder Berater, sondern auch an dich, der du im Alltag mitunter Hilfe durch das Wort bringen willst. Denn das ist es, was die Astrologie und der Astrologe tun: Sie helfen durch das Wort. Mitunter helfen sie sogar zu heilen durch das Wort. Der Astrologe selbst heilt nie. Aber es kann das Wort sein, daß zu heilen hilft. Und dabei ist es noch nicht einmal sein Wort; denn dein Wort kann nicht heilen. Aber das Wort kann es.

Und so beschäftigt sich dieses ganze Buch auch mit der Frage: Woher kommt das Wort in einer derartigen Situation?

Ich möchte ganz am Anfang beginnen, und so mache ich einen Abstecher weit zurück, in dem Versuch, das zu erfassen, was unser abendländischer Schöpfungsmythos uns in bezug auf das Wort zu erzählen weiß. Ganz am Anfang lesen wir:

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.

Die Erde aber war wüst und leer.

Finsternis lag über dem Abgrund,

und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.

Es wird uns in diesen Sätzen nicht gesagt, wie dieser Schöpfungsakt zustande kam, in dem eine erste Polarität, ein erster Polbezug (Himmel und Erde) von Gott hergestellt wurde. Was uns hier schon auffallen kann, ist die Tatsache, daß in diesen ersten vier Aussagen der Bibel ein Thema bereits vollständig enthalten ist, was uns später noch beschäftigen wird. Vier Sätze, vier Elemente. Der Schöpfergott schafft in einem aktiven Akt (Feuerelement) zuerst einmal den Himmel (Luftelement) und die Erde (Erdelement) und in diesem Akt entstand gleichermaßen das Wasser (Wasserelement), über dem der Geist Gottes schwebt.

Da sprach Gott: »Es werde Licht!«

Und es ward Licht.

Gott sah, daß das Licht gut war,

und Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis.

Gott nannte das Licht Tag,

und die Finsternis nannte er Nacht.

Es ward Abend, und es ward Morgen: erster Tag.

Das Licht (Feuerelement) wird hier noch einmal auf einer zweiten Ebene ganz in den Anfang der Geschichte eingefügt. Die Vierheit der Elementenlehre ist damit in den ersten fünf Sätzen der Bibel gesetzt.

Und wir haben jetzt auch ein Bild dafür, wie dieser Schöpfungsakt zu denken sei. Gott sprach: »Es werde Licht!« Die Worte wurden ausgesprochen, mehr brauchte es nicht. Sie wurden ausgesprochen und jetzt war das, was gesprochen wurde, der Fall. Und auch alles Weitere, was auf dieser Erde der Fall sein sollte (vom ersten bis zum sechsten Tag) wurde gesprochen:

»Es werde ein Firmament...« (2. Tag)

»Es sammle sich . . . (3. Tag) usw.

Und auch ein Evangelist des Neuen Testamentes, Johannes, der einzige, der noch einmal auf den Schöpfungsakt Bezug nimmt, beginnt seinen Bericht mit den Worten:

Im Anfang war das Wort,

und das Wort war bei Gott,

und Gott war das Wort.

Aber, als sei es ihm besonders wichtig, so, als wolle er verhindern, daß hier etwas übersehen wird, setzt er in einem vierten Satz noch einmal hinzu:

Dieses war im Anfang bei Gott.

Die Frage, die sich nach diesem vierten Satz aufdrängt, ist die: »Ja, wo ist es denn jetzt?«

Wenn es im Anfang bei Gott war, dann ist es jetzt- Zeit ist schon fortgeschritten – nicht mehr da. Sondern woanders. Wo? Niemand weiß das so recht zu sagen.

Johannes sagt es – etwas versteckt – mit dem gleichen Wort, das auch schon im dritten Satz des Alten Testamentes (»Finsternis lag über dem Abgrund«) auftaucht, er sagt:

Alles ist durch es (das Wort) geworden,

und ohne es (das Wort) ist nichts geworden.

Was geworden ist (durch das Wort) – in ihm war das Leben. (Im Wort war das Leben)

Und im Leben (das durch das Wort geworden ist) war das Licht der Menschen.

Und das Licht (das im Leben ist, das durch das Wort geworden war) scheint in der Finsternis,

und die Finsternis hat es nicht ergriffen.

Das Licht ist in der Finsternis, das Leben ist in der Finsternis, das Wort ist in der Finsternis.

Aber: Die Finsternis hat es nicht ergriffen. Vielleicht ist damit gemeint, zwar ist es in der Finsternis, aber es ist nicht aufgegangen in der Finsternis? Es liegt nach wie vor dort, hat sich nicht vermischt, nicht mit der Finsternis vereint? Die Finsternis hat es nicht besiegt?

Dieses ist ein Astrologiebuch und möglicherweise fragst du dich schon längere Zeit, was diese alten Sätze sollen.

Du weißt schon, daß wir im Bereich der Astrologie keine Beweise suchen sollten, weil wir keine finden, wir finden keine Logik, keine Kausalität und ich denke, das einzige, was helfen kann, ist die Welt der Bilder – der Symbole, der Sinnbilder. Dabei ist es nicht notwendig, an die Bibel zu glauben, sondern du solltest innerlich prüfen: machen diese Bilder für dich Sinn. Wenn nicht, dann habe ich dir ein schlechtes Bild gegeben, eines, mit dem du nichts anfangen kannst.

Die Bibel ist ein Buch der inneren Bilder, weder wahr noch falsch; entstehen sie, ist die Bibel für dich sinnvoll, entstehen sie nicht, nimm ein anderes Buch. Wenn bei »Das Kapital« in dir mehr Bilder aufsteigen, so verwendest du eben das. Aber glaube nicht, deshalb sei das »Kapital« wahr. Es zeigt dir in seinen Bildern (die in dir aufsteigen) ganz ebenso, wo du stehst.

Zurück zum Wort.

Das Bild, das nach diesen Bibelsätzen in mir aufgestiegen ist, sieht so aus:

das Wort, das ursprünglich bei Gott war, (und weil ich nicht weiß, was Gott ist – ich bekomme hier kein Bild, oder nur ein sehr kindliches – möchte ich lieber sagen)

das Wort, das ursprünglich (im Anfang) hell, licht und klar war, ist untergetaucht. Es ist im Exil. Nicht mehr in seiner Heimat. Ausgewandert. Indem es gesprochen wurde, kam es zu Fall. Es fiel hernieder. Stürzte gleichsam aus der Höhe in die Tiefe. Im Anfang, also als es noch oben war, war es noch »Wort«. Nach seinem Fall ist aus dem Wort etwas geworden. Was? Welt! Die Welt ist alles, was der Fall ist.

Was aber ist mit dem Wort geschehen? Wieder kann ich mich dieser Frage nur in einem Bild nähern: das Wort hat dabei seinen Charakter verändert. Es ist anders geworden. Was ehedem ein Laut, ein Ton, eine Melodie war, ist jetzt etwas Festes geworden, es ist erstarrt, ist ein Gegenstand, eine Pflanze geworden, ein Tier oder ein Mensch. Aber der Ton des Wortes, oder wie ich in Zukunft sagen werde, der »Name« des Wortes, ist dabei abhanden gekommen.

Stell dir vor, du bist ein Maler, und eines Tages geht dir eine Melodie im Kopf herum, wieder und wieder, fesselt dich, läßt dich nicht mehr los. Du summst sie, würdest sie gern auf dem Klavier spielen, aber du hast weder ein Klavier, noch kannst du spielen, du bist ja Maler.

Und so entschließt du dich, die Melodie zu malen; du bringst sie aus deinem Inneren auf die Leinwand – es wird ein Bild daraus. Ist das Bild fertig, hat dich die Melodie verlassen, sie liegt (!) jetzt in einer veränderten, verwandelten Form vor dir. Indem sie die Ebene gewechselt hat, ist sie materiell, fest, anschaubar geworden. Du hast jetzt ein Bild, doch die Kraft der Melodie hat dich verlassen.

So etwa geht der »Name« des Wortes »in dir« verloren. Du bist jetzt »bild« geworden, fest, statisch, anschaubar. Aber dein Name fehlt dir.

Während des Sturzes nach unten: von der Idee in die Form, von der Melodie zum Bild, vom Wort zum Menschen ging dir dein Name verloren.

Die einzige Erinnerung, die bleibt, wenn auch vage, ist die des Sturzes. Denn hier, wo du jetzt bist, ist alles so ganz anders und du erinnerst dich daran, »daß es einmal schöner war.«

Hier bist du jetzt ein fleischgewordener Name im Namenlosen. Und so frage dich, was machst du jetzt auf dieser Ebene als er stes?

Fragen wir wieder den Mythos. (Jeder Mythos trägt in sich die Kraft, uns bei der Suche nach den Fragen zu helfen. Die Bilder des Mythos wissen, wonach wir suchen.)

Was also ist die erste aktive Tat des Menschen, also das erste, das er tut?

Jahwe Gott bildete noch aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels, und er führte sie zum Menschen, um zu sehen, wie er sie benennen würde: so wie der Mensch sie benennen würde, sollte ihr Name sein. Da gab der Mensch allem Vieh und den Vögeln des Himmels und allem Wild des Feldes Namen.

Natürlich konnte es gar nicht anders sein. Um nicht im namenlosen Elend, im Elend der eigenen Namenlosigkeit, immer wieder an den »Sturz« gemahnt zu werden, kommt es zu dem Versuch, die Lücken zu schließen. Jetzt erhalten die Dinge, die uns vorliegen von uns einen Namen. Gleichsam um die eigene Wunde zu schließen. So, wie ein kleines Kind, dem wir den Pudding entziehen, hingeht und seine Puppe mit extra viel Pudding füttert. Doch ebensowenig wie es sich bei dem Füttern der Puppe jetzt um den richtigen Pudding handelt (an dessen Verlust leidet das Kind ja gerade – er steht nicht zur Verfügung), so handelt es sich bei den Namen, die der Mensch jetzt den Dingen beilegt (!) nicht um die ursprünglichen Namen. Die neuen Namen sind Kunstprodukte.

Allerdings tragen sie die Idee des »Puddings« tief in sich. Die Namen, die jetzt entstehen, sind zweierlei in einem: sie sind Rettungsversuch, um aus einer als unerträglich empfundenen Situation zu entkommen und sie sind Erinnerungsspuren an die Idee des einstigen Wortes. Eine Spur im Schnee. Wir wissen nicht, wer sie hinterlassen hat, aber möglicherweise können wir aus ihrer Form etwas ableiten.

Hier jetzt befinden wir uns bereits auf einer zweiten Ebene – analog den zwei Schöpfungsberichten in der Bibel. Der erste Schöpfungsbericht handelt und erzählt von der Schaffung der Idee, der zweite von dem, was die ins Fleisch gefallene Idee tut (bzw. was ihr widerfährt). Die Ebenen steigen hinab! Der Mensch belegt die Gegenstände der Welt mit Namen und diese Namen sind nie ganz willkürlich, sie sind nie nur Kunstprodukt, sie sind gleichsam zweifach definiert: von zwei Seiten her schießt etwas in sie ein. Von der objektiven Seite der Idee her (nennen wir sie Gott) und von der subjektiven Befindlichkeit dessen, der – um der Not zu entkommen – etwas tut.

Treiben wir, um auch dieses Bild zu illustrieren, unser Pudding-Beispiel in die Idiotie. Denken wir uns aus, das kleine Kind, dem der Pudding versagt wurde, nimmt jetzt zum Füttern seiner Puppe Puder (denn etwas anderes hat es in seinem Zimmer nicht zur Verfügung) und es bekommt jetzt von uns nie wieder Pudding (der Pudding ist also jetzt im »Sturz«), so ist es naheliegend, daß das Wort PUdding und das Kunstprodukt PUder ineinander aufgehen, und nur die Silbe PU in dem Wort PUder (und der PUppe) enthält noch die Erinnerung an das, was ursprünglich gemeint war. Was am Anfang war. Wen würde es da wundern zu hören, daß dieses Kind später als erwachsene Frau immer eine Spur zu stark gepudert ist und eines Tages beginnt, Puppen zu sammeln?

Nun, sie ist nicht nur eine Spur zu stark gepudert, sondern der Puder ist auch eine Spur. Eine Spur, die zum Pudding führt – führen soll. Pudding im Abgrund. Pudding in der Finsternis.

Worte!

Mit dem Namen, den er zu geben weiß, legt der Mensch im großen Augenblick der ersten Benennung etwas von seinem eigenen Wesen, von seiner Seele, in jenes Fremde, daß ihm unheimlich und unfaßbar erscheint, solange es keinen Namen hat. Denn alles Namenlose ist ein Geheimnis: unnahbar und bedrohlich.

So sagt Robert Müller-Sternberg in »Die Dämonen«, und das ist ein sehr tiefer Gedanke, denn sein Kern liegt darin, daß jetzt ein Stück aus meiner eigenen Seele zum Namen des außer mir liegenden Gegenstandes wird. Das ist keinesfalls nur jener Anteil, der mir bewußt ist, denn auf dieser frühen Ebene verfüge ich noch nicht über Bewußt-Sein. Ich bin ja hier analog einem ganz kleinen Kind, das die Silben Ma-Ma nach außen legt, weil ich sie von dem so Benannten entgegengetragen bekam. Außerdem ist die Namengebung niemals nur ein bewußter Akt, obwohl wir uns das gerne einbilden.

Und so tragen wir unseren verborgenen Teil, gleichsam »den Sturz« noch einmal in die Welt hinein, indem wir die Welt auch nach ihm benennen.

Vielleicht wartest du immer noch darauf, wann denn jetzt die Astrologie auftaucht, die ich dir im Titel dieses Buches versprochen habe. Nun, wir sind längst in ihr. Astrologie handelt von dem, was gefallen ist. Und nur von dem. Sie handelt von dem, was du verloren hast, von deinem Namen und natürlich davon, wie du ihn suchen kannst. Aber um diesen Zusammenhang tiefer zu verstehen, als ihn dir die herkömmlichen Astrologiebücher beschreiben, mußt du eine Ahnung (ein Bild) bekommen von der dahinterliegenden Idee. Sonst gerätst du leicht in die Abhängigkeit von Behauptungen, daß es die Planeten seien, die irgend etwas bewirken. Und es ist mir sehr wichtig, hier in diesem ersten Kapitel den Samen zu legen dafür, daß es wohl ganz anders ist. Es ist ein gravierender Unterschied, ob du dein Gegenüber in einer astrologischen Beratung (oder wo auch sonst) siehst als jemanden, bei dem ein Planet »ungünstig« steht, oder ob du einen Menschen siehst, in seinem Ringen seinen verlorenen Namen wiederzugewinnen, indem du ihm etwas über seinen Namen erzählst und über deinen, der dir ebenfalls abhanden gekommen ist. Und so müssen wir noch einmal zurück auf unsere Spielwiese der Phantasie und den Faden dort aufgreifen, wo er liegengeblieben ist.

All das, was ich bisher beschrieben habe, geschah noch vor dem, was man theologisch »den Sündenfall« nennt. Der Apfel ist noch gar nicht im Spiel. Zwar bist du schon gestürzt, aber du bist noch nicht in der Schuld.

Es mag sein, daß du jetzt einen Widerspruch entdeckst zu dem, was ich am Anfang gesagt habe. Deine eigentliche Schuld bestehe darin, daß du überhaupt hier bist.

Jetzt sage ich: Der Sturz allein ist nicht die Schuld. Beides stimmt. Es kommt auf die Ebene an, von der aus du dich anschaust. Schaust du von ganz am Anfang (nach dem Sturz) so trifft dich keine Schuld. Du bist so unschuldig wie ein neugeborenes Kind. (Und das ist wahrlich kein gutes Bild, denn ein neugeborenes Kind ist alles andere als unschuldig – was sollte es dann sonst hier?) Schaust du jedoch von hier zum Anfang, so ist deine Schuld die, noch hier zu sein.

Worte.

Wo fängt deine Schuld an?

Nicht etwa an der Stelle, an der du aus dem Wort »gefallen« bist, auch nicht an der Stelle, an der du »Namen« gibst. Schuld beginnt an jenem Punkt, an dem du die Namen, die du gegeben hast, mit einem Urteil belegst. An dem du sagst: Das ist gut, jenes ist schlecht.

Du, das Subjekt, belegst das dir entgegentretende Objekt (Welt) mit einem Prädikat, das ein Werturteil ist. »Peter liebt Mama«. »Peter haßt Papa«.

Bei diesen beiden Sätzen beginnt jener frühe Polaritäts-Abgrund (genannt Ödipus) an dem die Arbeit des Psychoanalytikers einsetzt. Damit will ich sagen, daß die Wirksamkeit der Psychoanalyse ebenfalls darin liegt, daß sie Polarität zu heilen versucht. Ihre Arbeit besteht darin, dich mit deinen Eltern (als zwei Teile von dir und in dir, die in die Sünde gefallen sind) wieder zu versöhnen, wieder zu vereinigen. Aus ihrem Dasein (in dir) das Urteil rauszunehmen.

An dieser Stelle beginnt die »Sünde«, denn »Sünde« kommt erst einmal von »Absonderung«!

Natürlich finden wir diesen Sachverhalt als jene große Nahtstelle, an der sich die Geister schieden, auch im Mythos. Es gibt das wunderschöne Bild des Baumes der Erkenntnis des Guten und des Bösen, von dem unter keinen Umständen gegessen werden darf! Doch es ist bekannt, daß nur das Verbot uns wahrlich reizt, und so nimmt Geschichte ihren Lauf.

Natürlich hat auch der Mensch ein Vorbild für diesen Akt der Unterscheidung, denn der Mythos erzählt uns ja gleich in seinem ersten Satz, daß auch der Gott sich dieses Mittels der Unterscheidung bedient hat, als die Schöpfung begann:

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Nur hatte Er damit noch kein Werturteil im Sinn. Er hat ja nicht gesagt: Die Erde sei schlecht und der Himmel gut. Auf der zweiten Ebene, wo jetzt du stehst, ist freilich bereits alles unterschieden. Tag und Nacht, warm und kalt, hell und dunkel. Da gibt es nichts mehr zu tun. Nur eines noch blieb übrig: wir wurden erkennend und wertend.

Vorher: Beide waren nackt, der Mensch und sein Weib.

Aber sie schämten sich nicht voreinander.

Nachher: Nun gingen beiden die Augen auf,

und sie erkannten, daß sie nackt waren.

Deshalb flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

Jetzt ist die Scham im Spiel als Ausdruck der Schuld.

Da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und verbarg mich.

Das erste also, was wir erkannten, war unsere Nacktheit. Doch in diesem Erkennen lag noch keine Schuld, sie begann erst in dem Gefühl, nackend zu sein sei etwas Schlechtes. Man müßte Nacktheit verbergen.

An dieser Stelle tritt Schuld auf, wir mußten etwas absondern (»Sünde«): nämlich unsere Nacktheit. Wir mußten sie verstecken. Und dieses Spiel spielen wir seit jenen Tagen ununterbrochen. Wir sondern ab. Alle Teile von uns, die wir wertend als negativ begreifen, sondern wir ab. Nicht nur, daß wir diese Teile verstekken, wir schieben sie nach außen. Geben unsere Absonderung (unsere Schuld) an die Außenwelt ab und sagen dazu, diese Teile der Welt seien schlecht. (Und dann wundern wir uns, daß in der Welt so viel Schlechtigkeit ist.)

»Ich, an der Atombombe mitgearbeitet, nie!« Richtig, du bist noch viel schlimmer dran, du läßt andere für dich arbeiten und kannst deine Hände in Unschuld waschen. Ja, du kannst sogar noch die verurteilen, die für dich die Dreckarbeit machen. Merkst du, was ich meine, wenn ich sage: du kriegst die Schuld an allem, die ganze Schuld zurück! Und jetzt beginnen wir sogar noch, diese kleinen Stahlbehälter, die unsere Schuld enthalten, für böse zu erklären und zu bekämpfen. Also sondern wir noch einmal Böses ab, und das muß wieder irgendwo hin, also werden neue Bomben gebaut.

Was wir tun können: uns unsere Schuld zurückzuholen. Sie fehlt dann in den kleinen runden Behältern.

Und auch diesen Akt des Nach-Außen-Schiebens hat der Mythos uns an exponierter Stelle dargelegt:

Gott fragt den Menschen: Was hast du getan?

Der Mensch antwortet: Nicht ich war es, mein Weib hat mich verfuhrt!

Damit war die Schuld draußen, jemand anders hatte sie.

Gott fragt das Weib: Was hast du getan?

Das Weib antwortet: Nicht ich war es, die Schlange hat mich verfuhrt!

Wieder war die Schuld draußen, jemand anders hatte sie.

Und wo ist die Schuld jetzt? Deine Schuld? Nun, ganz einfach: die Schlange hat sie. Die Schlange hat deine Schuld. Heute noch! Mag sein, das klingt für deine Ohren bizarr. Und dennoch ist es so. Und solange die Schlange die Schuld hat, bist du in der Sünde.

Weil dieser Gedanke der Dreh- und Angelpunkt eines jeden Schuldthemas und ebenso – in der Aufhebung – eines jeden Heilungsprozesses (also auch eines jeden Therapieverlaufes) ist, möchte ich den geschilderten ersten Projektions-Vorfall in einer alten religiösen Abbildung hier für sich selbst sprechen lassen.

Wir sehen: Gott fragt Adam, Adam beschuldigt Eva, Eva die Schlange!

Die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Jahwe Gott gemacht hatte.

Nun, sie war nicht nur listiger, sie war auch die klügste unter allen Tieren: denn sie hat die Schuld behalten.

Sie ging nicht hin und beschwerte sich, sie schob die Schuld auf niemanden. Sie trägt sie noch heute. Und sie spielt ohne Zweifel die herausragende Rolle in der Weltgeschichte der Sünde. Von allen Tieren, die in der Schöpfungsgeschichte vor kommen, ist sie herausgehoben. Alle anderen werden nur kurz beim Namen genannt und das war es dann. Sie aber ist die, die die Geschichte ins Rollen bringt. Und von allen Tieren ist sie auch dasjenige, das am tiefsten herabgestoßen wurde:

Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus der Bronzetür des Domes St. Michael zu Hildesheim; aus Erwin Reisner, »Die Geschichte des Kreuzes und das deutsche Schicksal«, München 1934

Nun sprach Jahwe Gott zur Schlange: »Weil du das getan hast, verflucht seist du unter allem Vieh und unter allen Tieren des Feldes.

Auf deinem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.

Feindschaft will ich setzen zwischen dir und dem Weibe,

zwischen deinem Sproß und ihrem Sproß.

Er wird dir den Kopf zermalmen,

und du wirst ihn an der Ferse treffen.

Harte Worte, Polare Worte: Feindschaft, Tod. Und: Ein Fluch lastet auf ihr.

Aber: Sie bleibt, wo sie ist. Im Paradies, im Garten Eden. Sie muß nicht raus. Der Mensch muß den Garten verlassen. Die Schlange bleibt, sie wird nicht verstoßen. Warum nicht?

Sie ist nicht in der Sünde. Nicht in der Absonderung. Deshalb darf sie bleiben. Und weil sie eine ganz wichtige Aufgabe bekommen hat.

Sie ist nämlich die Kontaktstelle, die einzige Instanz, die eine Verbindung zum Menschen hat. Sie ist die Brücke, die bestehen geblieben ist, nachdem der Mensch das Reich der Ewigkeit verlassen mußte. Der Garten Eden ist weiterhin da, aber vor seiner Pforte steht der Engel mit dem Flammenschwert. Er bewacht die Eingangstür. An ihm kommst du nicht vorbei. Es sei denn über die Schlange. Sie ist der Verbündete, den du drüben hast. Sie hat dich verdorben – aber du auch sie. Deinetwegen lastet ein Fluch auf ihr.

Und jetzt wartet sie drüben – ganz ebenso wie du hier daß ihr euch beide wieder trefft und das, was geschehen ist, wieder heilt. Ein großer deutscher Esoteriker hat ein Buch geschrieben, dessen Titel dir bereits signalisieren kann, worum es geht. »Die Erhöhung der Schlange«. Denn auch die Schlange ist gefallen. Der Herr sprach nämlich zu ihr:

Auf deinem Bauche sollst du kriechen.

und Staub fressen alle Tage.

Da fragt man sich: Was hat sie denn vorher gemacht, die Schlange? War sie vorher etwas anderes, ein Wesen, das nicht auf dem Bauch kroch? Der Mythos sagt darüber nichts. Er will dem Menschen nicht jede Frage beantworten – ein bißchen muß der Mensch schon selbst tun. Die Bibel sagt nur »Schlange«, und wir, die wir ja Schlangen zu kennen glauben, gehen davon aus, sie sehe aus, wie Schlangen eben aussehen. Aber das ergibt keinen Sinn, denn zu dem, was wir kennen, wurde sie ja erst durch unsere Schuld. Was war sie vorher.

Ich weiß es nicht. Es spielt auch keine große Rolle. Du wirst dieses Tier sehen, nachdem du es erlöst hast – d. h. wenn du deine Schuld zurückgeholt hast.

Wir müssen uns noch ein wenig auf das Thema der Schlange einlassen. Ich versage mir, auf das Bild der Schlange in anderen Kulturen einzugehen; da sie einen universalen Zusammenhang ausdrückt, gibt es ihr Bild natürlich auch in den Kulturen, in denen der christliche Mythos nicht bekannt war. In jedem Fall hat sie auch hier mit Heilung zu tun. Erinnert sei nur an den griechischen Heilgott Asklepios, der immer mit einem Stab dargestellt wird, um den herum sich eine Schlange nach oben windet (und dessen Bild wir noch heute auf der Windschutzscheibe eines jeden Arzt-Autos finden). Erinnert sei an den Schlangenstab des Hermes (Caduceus), an dem sich zwei Schlangen nach oben zum Knauf hin schlängeln. Erinnert sei auch an die Kundalini, die Schlangenenergie der indischen Yogis, die sich im menschlichen Leib nach oben bewegt und auf diese Weise die einzelnen Energiezentren (Chakren) belebt. Wir wollen im christlichen Mythos bleiben, denn natürlich wird auch hier das Prinzip der Heilung in einer sehr deutlichen Weise in einen Bezug zur Schlange gebracht. Schauen wir uns folgendes Bild an (4. Buch Moses, 21,4):

Das Volk aber wurde der Wanderung überdrüssig.

Das Volk redete gegen Gott und Mose:

»Warum habt ihr uns aus Ägypten herausgeführt,

daß wir in der Wüste sterben?

Denn kein Brot ist da, kein Wasser.

Dieses minderwertige Brot widert uns an!«

Da ließ Jahwe die Feuerschlangen gegen das Volk los,

die bissen das Volk, so daß viele Leute aus Israel starben.

Daraufhin kam das Volk zu Mose,

und sie sprachen:

»Wir haben gesündigt, daß wir gegen Jahwe und dich redeten.

Lege Fürsprache bei Jahwe ein,

daß er die Schlangen von uns wende!«

Mose legte dann Fürsprache für das Volk ein.

Und Jahwe antwortete Mose:

»Fertige dir eine Feuerschlange an

und befestige sie an einer Stange!

Jeder aber, der gebissen ist und sie anschaut,

soll am Leben bleiben.«

Mose verfertigte also eine eherne Schlange

und brachte sie an einer Stange an.

Wenn nun die Schlange einen gebissen hatte und

dieser dann auf die eherne Schlange hinblickte,

so blieb er am Leben.

Eine merkwürdige Heilanordnung, doch nach dem, was wir bereits wissen, macht sie für uns Sinn. Unabhängig davon, daß wir jetzt bereits auf einer dritten Ebene sind, gilt immer noch die gleiche Dynamik. Die Israeliten fielen in die Sünde, indem sie ihren Teil Gott und Mose in die Schuhe schoben. Gott schickte jetzt den, der gewohnt war, Schuld zu übernehmen, schuldig zu werden. Die Schlange kam und sie biß. Sie nahm die Schuld auf sich. Jetzt erkannten die Israeliten, was sie getan hatten: Sie kamen zu Mose und sagten: Wir haben gesündigt! Sie bekannten sich zu ihrer Schuld. Und sie baten um Hilfe.

Und natürlich war der einzig notwendige Schritt jetzt der, die Schlange von der Schuld zu befreien. Die Schuld von der Schlange zu nehmen. So gab Gott Mose die Anweisung: Baue eine Schlange und erhöhe sie (befestige sie an einer Stange), so daß jeder der gebissen war, sie anschauen kann. Um mehr geht es nicht: »Schaue die Schlange an!«, ist der Heil-Hinweis. Schaue deine Schuld an. Den Teil von dir, den du an die Schlange abgegeben hast. Hole ihn dir wieder. Das ist die »Erhöhung der Schlange«, denn damit war in gleicher Weise diese Schlange (diese Schuld) erlöst. Doch die Schuld als gesamtmenschliches Phänomen blieb bei der Schlange, Schuld wurde nur für diese eine Sünde getilgt. So verging die Zeit und einige hundert Jahre später finden wir – wieder bei Johannes, der uns schon über das »Wort« Aufschluß geben konnte – im Neuen Testament eine Stelle, die sich noch einmal zurückbeugt zu jener alten Geschichte.

Jesus spricht zu Nikodemus:

Wenn ich von den irdischen Dingen zu euch geredet habe

und ihr glaubt nicht,

wie werdet ihr glauben,

wenn ich von den himmlischen Dingen zu euch rede.

Und doch ist niemand in den Himmel hinaufgestiegen,

außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist,

der Menschensohn, der im Himmel ist.

Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat,

so muß der Menschensohn erhöht werden,