Astronomie und Imagination - Norman Davidson - E-Book

Astronomie und Imagination E-Book

Norman Davidson

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Beschreibung

Jedes Beobachtungsmedium hat seine eigenen Einschränkungen und Vorteile. In diesem Buch wird ein Schwerpunkt auf die direkte Beobachtung des Sternenhimmels mit den Augen gelegt, die dadurch selbst zu den machbaren Erfahrungen gehören. Systematisch werden alle zugänglichen Phänomene des Sternenhimmels erforscht und in ihrem historischen Kontext zugänglich gemacht. Ein modernes Abenteuer, das zugleich die Grundlage für ein erweitertes Umweltbewusstsein schafft! Jeder Einzelne sollte sich seinen Zugang zur Sternenwelt erobern, wobei ihm dieses Buch ein hervorragender Begleiter sein kann.

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Erstveröffentlichung 1985

Neudruck als Paperback 1986

Routledge & Kegan Paul Ltd

29 West 35th Street, New York, NY 10001

Copyright Norman Davidson 1985

ISBN 0-7102-0371-3 {c}

ISBN 0-7102-0027-7(p)

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

Vorwort

Zitate

Kapitel 1 Die Erde als Zentrum

Kapitel 2 Die Phänomene Sehen

Kapitel 3 Kreisende Sterne

Kapitel 4 Sterne, die auf- und untergehen

Kapitel 5 Die Sonne

Kapitel 6 Der Mond

Kapitel 7 Finsternisse

Kapitel 8 Die inneren Planeten

Kapitel 9 Die äußeren Planeten

Kapitel 10 Kometen, Meteore und neue Sterne

Kapitel 11 Licht und Himmel

Kapitel 12 Das Teleskopbild und darüber hinaus

Anhang 1 ‚Die Erde bewegt sich nicht‘ - Auszüge aus einem Text von dem Philosophen Edmund Husserl

Literaturverzeichnis

Indices

Auge, Erde und Kosmos in Einheit.

Der Autor:

Norman Davidson wurde 1933 in Edinburgh geboren und starb am 14. April 2007 in der Nähe von Spring Valley, New York. Er war 10 Jahre lang Journalist, auch als Fleet Street Korrespondent für den Scotsman und dessen Dramen- und Filmkritiker. In den folgenden 16 Jahren unterrichtete er Astronomie, Geometrie, Literatur und Geschichte an Rudolf Steiner Schulen und hielt danach Kurse in Grundstudien und in der Lehrerbildung am Waldorf Institut in Spring Valley ab, dessen Leitung er innehatte. Er war Amateurastronom und ein Mitglied der Britischen Astronomischen Gesellschaft sowie der Königlichen Astronomischen Gesellschaft von Kanada.

Vorwort:

J. Leslie White, der Autor des Vorworts, war Astronomie-Korrespondent des Daily Telegraph und Präsident der Britischen Astronomischen Gesellschaft.

Manfred Schwenzfeier: Übersetzung ins Deutsche, Umschlagbild und Erstellung der Abbildungen für die deutsche Ausgabe

EINLEITUNG

Es gibt heute einen auffälligen Mangel an Veröffentlichungen zur Astronomie, die sich ohne Scheu mit dem Himmel beschäftigen, so wie er von dem gewöhnlichen Beobachter mit bloßem Auge erlebt wird, wenn er unter den Sternen steht. Die Astronomie als Wissenschaft ist so kompliziert geworden, dass ein ernsthaftes Studium der Himmelsphänomene, wie sie allen zugänglich sind, für überflüssig gehalten wird, abgesehen von Schulbüchern und rein beschreibenden Sternführern zur Auffindung von Sternbildern, etc. Selbst in diesen Darstellungen verläßt man oft schnell den Bereich, der von der Erde ausgehenden Erfahrung und geht über das unbewaffnete Auge hinaus zu den riesigen Teleskopen, Radiosignalen und anderen bewunderungswürdigen modernen Instrumentierungen.

Nirgends konnte ich in England eine zufriedenstellende Veröffentlichung über beobachtende Astronomie finden, die sie als einen Bestandteil der Kultur und eine fruchtbare Wissenschaft an sich behandelt. Das vorliegende Bändchen möchte diesen Mangel beheben und richtet sich an diejenigen Mitbürger, die empfinden, dass die Sternenwelt ein bedeutungsvoller Teil ihrer weiteren Umgebung ist und die darüber, innerhalb der Grenzen ihrer eigenen Beobachtung, mehr lernen möchten, und es richtet sich an den beobachtenden Astronomen, der sich ein Buch mit einem frischen genauen Blick für die Bewegungen und Erscheinungen, die sich seiner nächtlichen Wache zeigen, wünscht. Darüber hinaus hat diese Darstellung des Themas eine Bedeutung für viele Bereiche der Kultur, einschließlich der Philosophie, Psychologie, Geschichte, Literatur und Mythologie. Das Ziel war, das menschliche Kulturelement in eine grundlegende Wissenschaft wieder einzuführen. Dem entspricht, dass moderne Autoren die Geschichte der Naturwissenschaft und die Evolution des Bewusstseins in ihre Studien z.B. der Geschichte und der Literatur mit aufnehmen. In diesem Zusammenhang bietet das vorliegende Buch einen Beitrag zum Verständnis früherer Kulturen, die sehr stark von beobachtender Himmelskunde durchdrungen waren.

Was es zudem für den Leser auf jedem Niveau bietet, ist ein neuartiger Zugang zur Astronomie, herausentwickelt aus Goethes naturwissenschaftlicher Methode. Als eine literarische Persönlichkeit von beträchtlichem Ansehen wandte Goethe (1749-1832) sein synthetisches Denken und seine Imagination den Wissenschaften zu, darunter auch der Optik, die Anlass gab zu seiner weitreichenden und wenig verstandenen (wenn nicht mißverstandenen) Theorie der Farben. Seine naturwissenschaftlichen Schriften wurden von Rudolf Steiner (1861-1925) herausgegeben, dessen weitere Werke und Vorträge Goethes Weltanschauung wieder aufrichten als die Grundlage für eine Erneuerung der Kultur, Steiners „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung" und „Goethe als Naturwissenschaftler" markieren eine tiefgreifende wissenschaftliche Revolution, die bis heute noch nicht ansatzweise verstanden wurde und die ihre Wurzeln in einem inneren Bedürfnis des modernen Menschen hat.

Ein Erfordernis in der Astronomie ist ein Studium, das den beobachteten Phänomenen treu ist, innerhalb einer menschlichen Gesamterfahrung, die es den Phänomenen erlaubt, sich als eine Schrift zu offenbaren. Dies ist ein kreativer Prozess, bei dem der Studierende aufgerufen ist, Neuanfänge zu setzen, wobei alles auf seine eigene Aktivität ankommt. Das erste Kapitel des vorliegenden Textes beginnt mit einer Auswertung der Grundfrage nach dem geozentrischen oder heliozentrischen System. Das sonnenzentrierte System und seine Ableitungen hält die bevorzugte Position in den Wissenschaften und der populären Vorstellung. Aber die Erde als Zentrum ist das archetypische System, welches im Unterbewußten weiterwirkt - trotz Kopernikus - weil es die kosmische Ordnung des 'direkten Eindrucks' gibt. In diesem Sinne ist es die 'effektivste' Ordnung. Dantes Hierarchien und Jungs Synchronizitäten haben hier ihren Platz.

Der geozentrische Ansatz erscheint in der heutigen Literatur vielfach mißverstanden und falsch wiedergegeben. Man realisiert nicht, wie sehr er in unsere irdische Existenz hineinspielt. (Husserls Text, der im 1. Anhang zitiert wird, untersucht die Erfahrung und den Begriff der Bewegung von einer geozentrischen Position aus). Für den Erdbewohner ist die Erde das Zentrum und wird nicht als bewegt erlebt, aber dies schließt eine Erde, die sich bewegt, nicht aus, so wie sie von irgendeiner anderen Position aus oder aus anderem Blickwinkel verstanden wird. Für jemanden, der auf dem Mars lebt, ist das Universum 'marszentrisch'. Solange wir Bewohner der Erde sind, können wir den geozentrischen Blickwinkel nicht ignorieren - oder anders gesagt - wir können ihm nicht entkommen, selbst wenn wir ihn ignorieren.

Ich saß in einem Planetarium und wurde belehrt über die veraltete Natur der illusorischen geozentrischen Ansicht und darüber, wie der moderne Mensch darüber hinausgewachsen ist, aber der unglückliche Vortragende konnte es nicht vermeiden, einen ganz modernen Knopf zu drücken, um das Auditorium zu verdunkeln und den Nachthimmel um die Zuhörerschaft zu drehen. Phänomenologisch gesehen war sein Handeln ganz korrekt.

Eine Frage, die sich dem Studenten der Astronomie stellt, der ein Auge für die Qualität der Erscheinungen hat, ist die nach dem Ort der Astronomie in den Wissenschaften. In einer Hinsicht ist sie anorganisch und mathematisch in einer anderen, in ihrer 'Ganzheit', organisch und lebendig. Thomas von Aquin ordnete sie den 'Zwischenstudien' zu, zusammen mit der Musik und der Optik, zwischen der Mathematik und den Naturwissenschaften (in: Die Aufteilung und Methoden der Wissenschaften, ein Kommentar zu Boethius: 'De Trinitate'). Gewisse Wissenschaften nannte er „Künste, weil sie nicht nur Wissen erfordern, sondern auch eine Arbeit, die direkt ein Produkt der Vernunft selbst ist" - wie z.B. Gespräch, Komposition oder ‘das Berechnen des Gangs der Sterne'.

Mir scheint, dass die Astronomie sich, wie ein Grundstudium auf alle Wissenschaften und viele andere Aspekte des menschlichen Lebens beziehen kann. In der hier vorgelegten Form ist sie in der Vergangenheit sehr vernachlässigt worden und muß wieder in die Erziehung und Kultur eingeführt werden. Viel wird heute gesagt und geschrieben über Kosmologien und Sternenkunde in Vergangenheit und Gegenwart. Damit dies wirklich zur Entfaltung kommen kann, braucht es eine feste Grundlage in der Erfahrung der kreisenden Sterne.

Das Wort 'Imagination' des Buchtitels darf nicht verwechselt werden mit irgend einer phantastischen, weltfernen Behandlung des Themas. Ein anderer Autor könnte ein anderes Wort benutzen, aber hier deutet es auf einen integralen Bestandteil des menschlichen Bewusstseins, der heute zu oft ignoriert wird und, wenn dies geschieht, sich unweigerlich wieder geltend macht - aber dann als eine Fehlform, die in das Reich der Phantastik, loser Assoziation und des bloß Ausgedachten führt. Auf diese Weise darf die Natur nicht verleugnet werden und sie nimmt Rache, denn wir landen schließlich bei geistigen Schöpfungen, die keine direkte Verbindung mit dem tatsächlichen Ablauf der Dinge haben.

Wenn ein Chinese, der immer den Boden zum Sitzen benutzt, zum ersten Mal einen Stuhl sieht, ohne seine Imagination zu betätigen, dann ist er für ihn lediglich ein unzusammenhängendes Gebilde aus Holz und Leim. Er mag ihn als Tisch benutzen, aber er wird nicht durchdringen zu seinem Ursprung und seiner Bedeutung - zu dem Gedanken darin und seiner Auswirkung auf das menschliche Leben.

In seinen 'Biographia Literaria' macht Coleridge eine klare Unterscheidung zwischen Imagination und Phantastik. Seine Idee einer ursprünglichen Form der Imagination ist, sie als eine „lebendige Macht und das eigentlich Aktive in aller menschlichen Wahrnehmung zu sehen! Eine weniger bedeutende zweite Form der Imagination ... ringt um Idealisierung und Vereinheitlichung. Sie ist wesentlich vital, selbst da, wo alle Objekte als Gegenstände wesentlich fixiert und tot sind." Er fügt hinzu, „Phantastik dagegen hat keine Gegenüber, um damit zu spielen, als Fixiertes und Definiertes ... wie das gewöhnliche Gedächtnis muß sie all ihr Material vorgefertigt nach dem Gesetz der Assoziation erhalten."

Phantastik wirkt auf und wird geführt durch die Äußerlichkeiten der Dinge, aber die Imagination durchdringt die Phänomene und belebt sie. Phantastik trägt etwas an die Gegenstände von außen heran, wohingegen die Imagination, ursprünglich „das eigentlich Aktive aller menschlichen Wahrnehmung", das Bewusstsein und den Gegenstand im Akt des Verstehens vereint und im Entdecken von Bedeutung das Aktive ist.

Goethe schrieb einmal an den Philosophen F. Jacobi: „Gott hat Sie mit der Metaphysik gestraft und einen Pfeil in Ihr Fleisch gebohrt, mich hat er mit der Physik gesegnet ... Sie halten fest an dem Glauben an Gott, ich an der Anschauung."

Goethe war ein Dichter und was er mit Physik und Anschauung meinte war nicht der trockene Gebrauch dieser Wörter. Sein Anschauen war aktiv, imaginativ und es war treu der Welt der Phänomene vermählt. Auf diese Weise findet die Kraft der Imagination ihre Heimat in dem Reich der direkten Erfahrung.

Von dieser Art ist der Begriff und die Rolle der Imagination an die sich dieses Buch hält, wobei es seinen Grundimpuls von Coleridge und Goethe nimmt.

Norman Davidson, Forest Row, 1984

[Im Text finden sich viele schöne Beispiele für die Funktionsweise der Imagination in der menschlichen Auffassung der Dinge der Welt: zum Beispiel auf Seite 29 über das aktive Sehen oder Seite 39/40 über die Mythenbildung.

Anmerkung des Übersetzers]

Vorwort

Das Interesse der Menschen an den Himmelserscheinungen des Tages und der Nacht geht durch alle Zeiten der Geschichte und manifestierte sich in ganz unterschiedlicher Weise. Jahrtausende vor der Erfindung des Teleskops wurden die sich verändernden Anblicke der Sterne und die Bewegungen der Sonne, des Mondes und der Planeten beobachtet und festgehalten - von gelehrten Männern, die wir mit Recht als Priesterastronomen ansehen, denn sie glaubten, dass das Schicksal der Erde und der Menschheit ganz eng an das der Himmelskörper gebunden sei. Man darf als sicher annehmen, dass die Astronomie am Ende des 16. Jahrhunderts nicht aufgehört hätte, eine interessante Angelegenheit zu sein, selbst wenn keine neuen Instrumente in der Zeit danach angewendet worden wären.

Im Verlaufe der folgenden drei Jahrhunderte gab es einen enormen Zuwachs in der Anhäufung astronomischer Daten und an Wissen über die Natur, Bewegung und Verteilung der Sterne - zurückzuführen auf das ständige Vermehren der Untersuchungsmittel, angefangen mit dem Bau von immer größeren Teleskopen. Die letzten vier Jahrzehnte waren Zeuge einer noch größeren Ausdehnung der astronomischen Forschung durch noch ausgefeiltere Technologien, die ihren Höhepunkt fanden in den wirklich erstaunlichen Leistungen der Raumflüge zu den Planeten, die die Ausgabe von unglaublichen Geldsummen durch mehrere Staatsregierungen nötig machten.

Diese noch nicht weit zurückliegenden Explosionen des astronomischen Wissens waren begleitet von einem gewaltigen Anstieg der Zahl von Veröffentlichungen auf dem Gebiete der Astronomie. Ein sehr großer Teil von ihnen ist an erster Stelle an Leser gerichtet, die beruflich mit der Astronomie zu tun haben. Viele andere sind populäre Berichte über das, was von den neuen Astro-Technologen geleistet wird, dargestellt in umfangreichen, anziehend aufgemachten Bänden, die üppig illustriert sind mit prächtigen Farbfotos von Himmelskörpern und den erstaunlichen Raumfahrzeugen und Geräten mit denen sie gemacht werden. Was oft eine große Zunahme des öffentlichen Interesses an der Astronomie genannt wird, ist in weitem Umfang ein Interesse an dem, was auf dem Felde dieser hochspezialisierten fortgeschrittenen Technologie getan wird, etwas sehr Verschiedenes von dem, was bis zur Mitte des Jahrhunderts unter astronomischem Interesse verstanden wurde.

Es gab jedoch auch eine sehr beständige Produktion von mehr traditionellen astronomischen Übungsbüchern für Studenten, angefangen vom Fachoberschulniveau bis zum Universitätsabschluß und von einer Vielfalt von populären Einführungsbüchern, die hauptsächlich beschreiben, was mit den eigenen Augen und einfachen Teleskopen und Ferngläsern gesehen werden kann. Es sind die letzteren, die sich besonders an Leser richten, die schon den Nachthimmel angeschaut haben und durch Staunen und Wissbegier bewegt mehr darüber herausfinden wollen. Viele machen die Astronomie zu ihrem Hobby oder werden ernsthafte Amateurastronomen und nehmen an systematischen Beobachtungsprogrammen teil, die von lokalen astronomischen Gesellschaften organisiert werden, welche in den letzten Jahren zahlenmäßig stark zugenommen haben.

Die Britische Astronomische Vereinigung wurde 1890 mit dem Hauptziel gegründet, die Amateurastronomie zu fördern, indem sie ihre Mitglieder mit kleinen Teleskopen ermutigte, systematische Beobachtungsarbeit zu leisten, unter der Anleitung der Verantwortlichen der verschiedenen Abteilungen, die sich dem Studium der Sonne, des Mondes, der Planeten und der Sterne widmeten. Viele Jahrzehnte hindurch war es der feste Glaube eines großen Teiles der Mitgliedschaft, dass sie an einer Arbeit von wissenschaftlichem Wert teilnahmen, ein Glaube, den aufrecht zu erhalten zunehmend schwieriger wird, vor dem Hintergrund der heutigen professionellen Astronomie. An ihm wird sicherlich von einigen Hundert der derzeitig 3000 Mitglieder nicht festgehalten. Alle jedoch ziehen große persönliche Befriedigung aus ihrer eigenen direkten Erfahrung des Nachthimmels, indem sie sich auf ganz verschiedene Weise astronomisch beschäftigen. Sie beobachten die Himmelswelt und staunen, so wie es der Mensch seit unvordenklichen Zeiten tut, und sie suchen eine mehr als wissenschaftliche (nur auf anderweitig schon abgeleitete Prinzipien gestützte) Erklärung der Phänomene.

Für diesen staunenden Himmelsbeobachter ist dieses Buch geschrieben, ein Buch, das sich sehr von allen, jener vorher genannten wachsenden Auswahl der gegenwärtigen Bücher, unterscheidet. Es ist grundsätzlich anders durch seine Beschreibung und Erklärung der sich ständig wandelnden Sternenszenerie; es betont auf allen Stufen, dass der Beobachter ein geozentrisches Bild des Himmels erlebt und das Wissen von einem heliozentrischen planetarischen System nur durch Schlussfolgerungen erlangt. Wie gewissenhaft auch immer sein Studium der allgemeinen und mathematischen Astronomie sein mag, er wird niemals die sonnenzentrierte Theorie erleben, die er unzweifelhaft intellektuell bewiesen hat. Seine unmittelbare Erfahrung der Dinge jenseits der Erde ist ähnlich seinem Wissen, von dem, was ihn umgibt auf der Erde, wie es für alle Menschen - die Geschichte hindurch - der Fall war. Mit anderen Worten: der Himmel und die Erde sind eine Gesamtheit der Erfahrung des menschlichen Lebens, etwas, das derjenige nicht realisiert, der selten hinaufschaut.

Die geozentrische Haltung zur Astronomie wird in bewundernswerter Weise ausführlich in dem einführenden Kapitel zu diesem Buch dargestellt. Der Autor erwägt bis in Einzelheiten die Frage, wie der Mensch die Erfahrung seiner kosmischen Umgebung von den ältesten Zeiten bis in das Raumzeitalter interpretiert. Viele von denen, die seine Bemerkungen lesen, werden begeistert sein, diesen besonderen Zugang zur Astronomie zu finden, der sie sehr ansprechen wird und den sie nirgendwo sonst finden. Andere werden dazu geführt werden, den Himmel genauer als bisher zu beobachten und von ihrer Entdeckung bezaubert sein, wieviel mehr dort zu sehen und zu bemerken ist, als sie sich bisher klar gemacht hatten.

Und noch weitergehend werden sie der Entwicklung der verschiedenen beobachteten Phänomene folgen wollen, nicht planlos sondern über Wochen, Monate, Jahre hin, um aus eigener Erfahrung die Vollendung der vielen Zyklen, die in diesem Buch beschrieben werden, nachzuzeichnen. Sie werden auch die Gründe kennenlernen wollen für die systematischen Veränderungen im Anblick der Sterne und der zyklischen Rückkehr zu ähnlichen Stellungen, was die Planeten angeht. Sie werden einfache Erklärungen der wesentlichen Prinzipien finden, die den machmal allem Anschein nach komplizierten Himmelsgeschehnissen zugrunde liegen. Wichtig für diese Erklärungen sind die ausgezeichneten Diagramme, viele durchaus originell, die einen großen und unverzichtbaren Teil des Buches ausmachen.

Sonnen- und Mondfinsternisse sind keine gewöhnlichen Phänomene, nirgendwo auf der Welt und sie sind oft durch Wolken nicht sichtbar. Trotzdem stellen sie ein faszinierendes Thema dar über das die Menschen immer mehr wissen wollen als die Umstände einer Finsternis, die sie gesehen haben. Der Leser wird in Kapitel sieben weit mehr Informationen und Erklärungen dieser Marksteine der Geschichte finden als in irgendeinem anderen einzelnen Buch.

Die abschließenden Kapitel über das Licht am Himmel und das Fernrohr sind beeindruckende Beispiele für die eigentliche Absicht des Buches: die Menschen zu bewegen, den Himmel wahrzunehmen und mit ihrem Denken und Fühlen zu verknüpfen. Meine eigene Erfahrungen aus recht vielen Jahren des Astronomieunterrichtens an Abendschulen und der Beantwortung von Briefen der Leser der Nachthimmel-Artikel im Daily Telegraph überzeugen mich, dass Norman Davidsons neuer Zugang zur Astronomie ein sehr starkes Bedürfnis befriedigen wird, das diejenigen empfinden, deren Interesse an den Sternen Fragen hervorruft, die mehr als faktengemäße Antworten aus Lehrbüchern erfordern. Der große unvergleichliche C. Flammarion hat noch immer keinen Nachfolger als Darsteller des Wunders, der Schönheit und der Philosophie der Astronomie zusammen mit ihrer naturwissenschaftlichen Seite, aber er ist sicher eine Quelle der Inspiration für Norman Davidson, der genau so ein Buch geschrieben hat, wie ich es schon lange schreiben wollte.

Gemäß B. Russel war Pythagoras intellektuell einer der wichtigsten Männer, die je gelebt haben. Norman Davidson hat den Weg gezeigt, die Wahrheit des fundamentalen Lehrsatzes seiner Philosophie praktisch zu realisieren: ich bin ein Kind der Erde und des Sternenhimmels.

Leslie White, FRAS, Astronomy correspondent of the Daily Telegraph

Zitate

[D]er Anblick von Tag und Nacht, den Monaten und wiederkehrenden Jahren, Tag- und Nachtgleichen sowie Wendepunkten, war der Grund für die Erfindung der Zahlen, gab uns einen Begriff der Zeit und ließ uns das Universum erforschen; von daher bezogen wir die Philosophie, die größte Gabe, die die Götter je gaben oder jemals den Sterblichen geben werden. Dies nenne ich das größte Gut, das unsere Augen uns geben.

Plato

Wer könnte das Sakrileg, einen unwilligen Himmel zu ergreifen, sozusagen in seiner eigenen Domäne zu versklaven und auf die Erde zu holen, leugnen?

Manilius

Ich weiß, dass ich sterblich und flüchtig bin, aber wenn ich die reich gefüllten kreisenden Spiralen der Sterne absuche, dann berühre ich den Boden nicht mehr mit meinen Füßen, sondern trinke Seite an Seite mit Zeus mein Glas Ambrosia, die Nahrung der Götter.

Ptolomäus

Ich weiß nicht, was die Welt von meinen Mühen denken wird, aber mir selbst scheint es, dass ich nur wie ein Kind war, das an der Meeresküste spielte; hier einen etwas mehr polierten Kiesel findend und dort eine Muschel, die auf angenehme Weise verschieden von einer anderen schien, während der immense Ozean der Wahrheit sich unerforscht vor mir ausdehnte.

Newton (im Alter)

Das Allerwichtigste wäre es, zu begreifen, dass jedes Faktum schon Theorie ist. Das Blau des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik. Lasst uns nicht hinter den Phänomenen suchen; sie selbst sind die Lehre.

Goethe

Das beste an den Wissenschaften ist ihr philosophischer Gehalt - wie das Leben eines organischen Körpers. Nimm die Philosophie aus den Wissenschaften und was bleibt?

Erde, Luft und Wasser.

Novalis

Die primäre Imagination halte ich für die lebendige Kraft und das primär Wirksame in aller menschlichen Wahrnehmung und für eine Wiederholung im endlichen Bewusstsein des ewigen Aktes der Schöpfung im unendlichen ICH BIN.

Coleridge

Die Poesie ist tatsächlich etwas Göttliches. Sie ist zugleich das Zentrum und der Umfang des Wissens; sie ist das, was alle Wissenschaft einschließt und das, worauf alle Wissenschaft bezogen werden muss.

Shelley

Wenn wir die Schrift, die im Kosmos durch die Sterne, in ihrer Ordnung und Bewegung ausgebreitet ist, erlernen, werden wir finden, dass von überall aus dem Kosmos dasjenige spricht, was unsere Herzen mit Wahrheit, Liebe und jenem Mitleid durchdringt, welches die Evolution der Menschheit von Epoche zu Epoche vorwärtsbringt.

Rudolf Steiner

Jedes Phänomen kann auf zweifache Weise erlebt werden. Diese zwei Wege sind nicht willkürlich, sondern mit dem Phänomen verknüpft - entwickeln sich aus seiner Natur und seinen Eigenschaften: äußerlich oder innerlich.

Kandinsky

[W]issenschaft muss sich auch auf die gewöhnliche Sprache verlassen, weil das die einzige Sprache ist, in der wir sicher sein können, die Phänomene zu fassen ... Wenn die Harmonie in einer Gesellschaft von der gemeinsamen Interpretation des ‚Einen‘ abhängt, der Einheit hinter der Vielzahl der Phänomene, dann könnte die Sprache der Dichter wichtiger sein, als die der Wissenschaftler.

Werner Heisenberg

Kapitel 1

Die Erde als Zentrum

Dieses Buch versucht einen neuen Anfang in der Astronomie. Es spricht für einen erdzentrierten Blick, aber dies bedeutet weder die bloße Rückkehr zu einer alten Ansicht noch eine Ablehnung der modernen Forschung eines heliozentrischen oder galaxie-zentrischen oder zentrumslosen Universums. Diese jüngsten Fortschritte sind Realitäten, aber es muß genau abgeschätzt werden, welcherart Realitäten sie sind. Sie sind nicht gegründet auf die direkte Erfahrung des menschlichen Sehens, auf seine Raumerfahrung und auf die Bewegungen, die dem Menschen in seiner normalen erdgebundenen Umwelt natürlich sind. Sie haben sich davon, unter Zuhilfenahme von Technologien, entfernt und sie haben eine andere Gültigkeit. Das Studium dieser modernen Entwicklungen würde ein weiteres Buch füllen.

Hier wird der Versuch gemacht, nicht die moderne Forschung abzulehnen, sondern einen Prozess zu ermutigen, die Dinge perspektivisch an ihren Platz zu rücken, was möglicherweise am Ende zu einer Neubewertung dieser Forschung in Bezug auf die menschliche Erfahrung führen kann.

Solch eine Neubestimmung ist weitestgehend jenseits der Reichweite dieses Textes, der nur versucht, einen Neuanfang von den ersten Prinzipien her zu erforschen. In Geschichten der Astronomie oder in Grundlagenbüchern, die das Thema beschreiben, wird das erste Kapitel oder eine Einleitung in einer herablassenden Weise den „veralteten“ geozentrischen Theorien gewidmet und solche Theorien werden angesehen als das Ergebnis von Unwissen oder kindlichen Konzepten, von Leuten erdacht, die nicht von den Entdeckungen der modernen Wissenschaft profitierten. Es wird heute als naiv angesehen, ein ganzes Buch dem Studium der Himmelsphänomene zu widmen, das in der direkten Erfahrung des gewöhnlichen Beobachters begründet ist. Aber die Vernachlässigung dieses Gebietes führte zu einem ernsten Verlust des menschlichen Elementes in dieser frühesten und fundamentalsten der Wissenschaften. Die realen Motive früherer Kulturen bei einer erdgebundenen Ansicht zu bleiben werden nicht voll gewürdigt. Die geozentrische Ansicht brachte eine Verbundenheit im Gefühl zwischen Individuum und Universum mit sich. Der Mensch war ein Teil des Ganzen, eine Idee, die seit Kopernikus als überholt angesehen wird. Aber es gilt, die Erforschung der Beziehung des modernen Menschen zum Universum weiterzuführen und zwar unter dem Gesichtspunkt der direkten persönlichen Erfahrung.

Es wird sogar gesagt, dass es verwunderlich sei, warum die Griechen auf einer geozentrischen Ansicht bestanden, selbst nachdem Aristarchus von Samos (zirka 310-264 v.Chr.) erklärte, dass die Erde sich mit den anderen Planeten um die Sonne drehe. Aber die Griechen hatten das sichere Gefühl, dass der Mensch direkt mit dem Universum verknüpft sei, ein heliozentrisches System würde für die Mehrheit von ihnen sinnlos gewesen sein. Spuren von diesem Gefühl verblieben noch bis in die Zeit von Kopernikus in dem Widerstand der Kirche der Idee gegenüber, dass die Sonne still stehe. Es war nicht nur so, dass die Kirche ihre Autorität mit der Tradition begründete - obwohl dies auch eine Rolle spielte.

Die Kopernikanische Revolution mußte kommen. Sie ist einer der größten Erfolge des menschlichen Intellekts. Aber das heißt nicht, dass sie der einzige Weg ist, die Realität zu sehen. Seit Kopernikus gab es riesige Fortschritte in den Naturwissenschaften. Aber die Naturwissenschaften und der Intellekt bilden nicht die Gesamtsumme der menschlichen Natur, obwohl sie einen wichtigen Teil ausmachen. Sie erlangen nicht notwendigerweise die Bedeutung, die ein Phänomen für den individuellen Menschen hat. Wie Goethe einmal sagte, die Natur ist wie eine Frau: „Sie erfreut sich an der Illusion. Wer die Illusion in sich oder anderen tötet, den wird sie als strengster Tyrann bestrafen.“ (aus dem Aufsatz „Die Natur“, DIGIB Bd. 44, Goethe, S.8623) Anders gesagt: wir können intellektuell und physisch analysieren, was weiblich ist, aber dies wird, obwohl es eine Form der Realität ist, nie die Liebe eines Mannes erklären, warum ‚sie‘ ihm alles bedeutet und weitere Horizonte im Menschen inspiriert. Und doch ist dies eine Realität des alltäglichen Lebens. Wenn sie nicht in unser Weltbild zu integrieren ist, dann muß das Bild einseitig sein und unsere Verbindung zum Leben wird reduziert.

Der Fehler liegt darin anzunehmen, dass zwei fundamentale Seiten der Realität einander widersprechen; der sonnenzentrierte und der erdzentrierte Blick stammen von verschiedenen Aspekten der einen Ausgangslage, aber sie widersprechen sich nicht. Der eine Blick bedient den Drang nach abstraktem, materiellem Denken, der andere die direkte menschliche Erfahrung. Es ist nicht notwendig zwischen beiden zu wählen, obwohl der eine oder der andere die Oberhand haben wird, je nachdem, was wir suchen.

Die Kopernikanische Revolution, die aus der Idee hervorging, dass die Erde sich bewege, verursachte die größte psychologische Veränderung im menschlichen Bewusstsein auf viele Jahrhunderte hinaus. Sie hatte eine Wirkung auf alle Gebiete des Lebens und veränderte die Gesellschaft. Es macht einen großen Unterschied, ob man glaubt, dass man auf einer Erde lebt, die sich um ein Zentrum außerhalb ihrer bewegt oder, ob man glaubt, dass man auf einer Erde lebt, die ruht, mit einem Universum, das sich um sie dreht. Kopernikus Idee, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihren Anfang nahm, konnte nicht vor der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts befriedigend bestätigt werden.* Zwischen diesen Zeitpunkten wurde die Bewegung der Erde von vielen Astronomen, die schon von der Tatsache überzeugt waren, vorgestellt und berechnet und die allgemeine Öffentlichkeit folgte ihnen nach.

Die Zeit war reif für diese Veränderung.

Die Ansicht des Menschen vom Universum, in dem er lebte, war jetzt gegründet auf Berechnung und feine wissenschaftliche Instrumente, von denen beide jenseits der Erfahrung des Mannes auf der Straße lagen. Ja, noch darüberhinaus konnte die neue Weltsicht von der breiten Öffentlichkeit im rationalen Denken übernommen werden, welche sich als sinnlichkeitsfreier Begriff prächtig entwickeln konnte und gleichzeitig zu einem materialistischen Verständnis des Universums führte. Dieses materialistische Verständnis wurde weiter ausgedehnt durch die Entwicklung des Teleskops und dadurch, dass man die Planeten als physische Körper mit Schatten wahrnahm. Dies wiederum führte zu der Idee, dass das menschliche Leben in Bezug auf die Sterne mikroskopisch klein und fast rein zufällig sei.

Nach Kopernikus großer Erneuerung und der Entdeckung des Teleskops war der Laie tatsächlich weniger geneigt, zum Sternenhimmel aufzusehen und den Bewegungen der Sterne zu folgen. Die letztere Aktivität war unnötig, da er eine ‘Illusion’ sah. Er ‚wußte‘, dass die Sonne, Planeten und Sterne nicht selbst auf- und untergingen, aber die Erde sich drehe. Aber er wußte es nur und erlebte es nicht. Tatsächlich erlebt selbst der Wissenschaftler es nicht direkt. Für den gewöhnlichen Beobachter auf der Erde wird die Sonne aufgehen gesehen. Er sieht nicht, wie die Erde sich dreht. Aber er kann denken, dass die Erde sich dreht. Wenn er das moderne Planetensystem ganz ernst nimmt, muß er noch eine Menge mehr denken - zum Beispiel in welcher Richtung im Raum die Erde sich auf ihrem Wege um die Sonne bewegt, in Bezug auf seinen Standpunkt zu irgend einem Zeitpunkt; etwas, was wenige Leute in Betracht ziehen, wenn sie einen Sonnenaufgang anschauen. Das moderne System der planetarischen Bewegung ist tatsächlich auf einen Beobachter gegründet, der im Raume weit genug weg von den Planeten sitzt, um sie in seinem unmittelbaren Gesichtsfeld zu sehen, wie sie um die Sonne wandern. Die Tatsache besteht, dass, wenn er weit genug entfernt platziert wäre, er die Planeten gar nicht sehen würde. Niemand hat und niemand wird je das sonnenzentrierte System sehen, wie es in Büchern aufgezeichnet wird.

Dies macht eine fundamentale Trennung zwischen der Sinneserfahrung und dem Denken deutlich, welche unbemerkt an der Wurzel unserer modernen Welterfahrung liegt. Es ist die Scheidung des Denkens von der lebendigen Erfahrung, die zu der Dominanz des abstrakten Denkens führt. Fast ohne es zu bemerken, befinden wir uns in einer historischen Phase, in welcher der Mensch einen Riß erlebt zwischen seinem Denken und seinem Gefühl für die Welt um ihn herum. Der Intellekt, der eine wichtige Fähigkeit darstellt, hat sich trotzdem so entwickelt, dass er das Gefühlsleben und die Imagination tyrannisiert in ihrer Beziehung zu den Phänomenen. Das Ergebnis ist, dass die Imagination verdorrt oder phantastische Formen ihrer selbst annimmt (es gibt viel ‘Science Fiction’ in der modernen Wissenschaft) losgelöst von der erlebten Realität. Wir müssen alle menschlichen Fähigkeiten gebrauchen, um ein ausgewogenes Verständnis der Welt zu erreichen und der Intellekt und die Imagination sollten zusammenarbeiten. Andernfalls wird der Intellekt, auf sich gestellt, für uns eine kalte mechanische Welt schaffen, genau soweit entfernt von der Realität wie Phantasmen.

Der Historiker der Naturwissenschaften, Giorgio Santillana, bezog sich auf den psychologischen Bruch der durch die moderne Astronomie verursacht wurde in ‚Hamlets Mühle‘ als er sagte:

„Wenn (der Mensch) millionenfach entfernte Galaxien entdeckt und dann jene quasi sternenartigen Radioquellen, die Milliarden Lichtjahre entfernt sind, die seine Spekulation erschüttern, ist er glücklich, dass er in solche Tiefen vordringen kann. Aber er zahlt einen schrecklichen Preis für seine Leistung. Die Wissenschaft der Astrophysik reicht weiter und weiter, ohne ihren Boden unter den Füssen zu verlieren. Der Mensch als Mensch kann das nicht. In der Tiefe des Raumes verliert er sich selbst und jeden Begriff von Bedeutsamkeit. Er ist unfähig sich selbst in die Konzepte heutiger Astrophysik einzufügen, wenn nicht in Schizophrenie.“

Wir sind oft mehr davon besessen, die Phänomene zu „erklären“ als sie auch menschlich zu erfahren. Denn das Universum ist bedeutungslos, wenn es nicht auf den Menschen bezogen wird; der Raum wird zur Leere, seines Zentrums beraubt, und ist daher ein Konzept, worin der Mensch keinen „Platz“ findet. Er ist nirgendwo und seines dynamischen Sinns von Richtung als „hoch“ und „runter“, „links“ und „rechts“, etc beraubt.

Die These dieses Buches ist es, dass direkte menschliche Erfahrung nicht vernachlässigt oder vorschnell übergangen werden sollte und dass sie eigentlich an erster Stelle stehen sollte. Die Öffentlichkeit zeigt ein erneutes Interesse in dieser Richtung und das Pendel schwingt vielleicht schon zurück - obwohl die Verbreitung von pseudo-okkulter wissenschaftlicher Literatur, die entweder einfach nur mystifiziert oder künstliche Verbindungen erzeugt, eine gesunde Veränderung nur verhindert.

Man findet weiterhin oft die Idee, dass der geozentrische Ansatz früherer Kulturen nicht nur beschränkt war, sondern auch egotistisch. Den Menschen in die Mitte des Universums zu stellen, wird als eine zu spezielle Position für ihn angesehen, die die Idee der Wichtigkeit seines Selbst nur aufbläst. Jedoch ihn aus diesem Zentrum zu entfernen und ihm diesen Teil seiner Erfahrung zu mißgönnen, führte zu einer Unverbundenheit zwischen dem Individuum und dem Universum und in dieser Beziehung zu einem Verlust von Sinnhaftigkeit. In „A Sense of the Cosmos“ weist Jacob Needleman darauf hin, dass:

„Im alten Geozentrismus sind die Sphären und Kräfte, die die Erde umgeben zugleich mächtiger und subtiler als alles, was von der Erde selbst stammt. In dieser Weise verstanden, macht der Geozentrismus den Menschen bescheiden und fordert ihn auf, ein feineres Verständnis der Einflüsse zu suchen, die sein Leben und das Leben der Welt formen. Es ist deshalb ein großer Fehler anzunehmen, wie es alle modernen Autoren getan haben, dass der alte Geozentrismus die Wichtigkeit des Menschen im Zusammenhang der Dinge übertrieben hat. Denn im Zentrum stehen hieß auf der untersten Stufe der Einflüsse zu stehen.“

Und später:

„Aber die Idee des Mikrokosmos zusammengenommen mit dem Geozentrismus erinnert uns daran, dass die objektive Realität viele Arten von Einflüssen enthält, die auf uns wirken können, dass es einen Umfang des Daseins gibt, in den der Mensch geboren wurde - würde er nur danach so fleißig suchen, wie er die Befriedigung des äußeren Lebens sucht.“

Ein Zentrum zu haben, wo man selbst als Mensch steht, ist eine normale Erfahrung - tatsächlich ist man gefährdet, wenn diese Erfahrung reduziert ist oder fehlt. Die Abwesenheit dieses Sinnes für diese Polarität zwischen Zentrum und Peripherie und deren Interaktion führt zu Ungleichgewicht und Desorientierung. Das gesunde Leben des Individuums liegt zwischen beiden.

Obwohl die Bewegung der Erde berechnet werden kann, ist es, wie gezeigt, keine direkte Sinneserfahrung. Eine vorläufige Entwicklung dieses faktischen Zusammenhangs vom philosophischen Standpunkt aus wurde von Edmund Husserl dargelegt in „Die Erde bewegt sich nicht“, ein kurzer Text, geschrieben 1934, von dem Auszüge im Anhang 1 beigelegt sind. Reine Mathematik und Berechnung sind der Qualität oder Bedeutung der Phänomene gegenüber gleichgültig. Die heliozentrische Astronomie passt für den Mathematiker. Aber die geozentrische Erfahrung verbindet den Menschen, die Erde und den Himmel zu einem Ganzen. Diese Erfahrung sollte nicht geleugnet werden, weil sie eine direkte Verbindung mit unserer Umwelt darstellt, wie sie uns berührt und dies ist eine primäre, keine sekundäre Realität. Offensichtliche Effekte sind Tag und Nacht, die Jahreszeiten, die Wandelgestalt des Mondes - die verschiedenen erkennbaren Rhythmen des Lebens. Andere mögen unbemerkt oder unerkannt vorübergehen oder ins Verstummen erklärt werden. Zum Beispiel, bloß zu erklären, dass Jupiter keine Schleife vor den Sternen vollführt, sondern die Erde ihn einmal im Jahr überholt und die Sache dabei belassen, läßt den Gedanken zu, dass die Schleife nur eine Illusion ist, kein Naturphänomen und deshalb nicht Ernst genommen werden muß. Aber wenn ein Professor seine Vorlesung halten sollte und dabei die ganze Zeit in Schleifen hin und her liefe, hätte dies einen direkten Effekt auf die Nerven der Studenten, trotz der Erklärung, dass die Studenten im Umlauf seien und dass dies mit Hilfe von Spiegeln produziert wurde.

Die Realität ist, dass der Professor in Schleifen geht und den Studenten übel wird, wenn sie ihn sehen.

Um es auf eine andere Art zu sagen, der Nachthimmel ist ein Theater, in welchem die Dramen und Ereignisse der universellen Umgebung stattfinden. Zu erklären, dass, wenn sie nicht auf der Bühne gesehen werden, Romeo und Julia sich gar nicht füreinander interessierten und emotional Lichtjahre voneinander entfernt seien; oder dass der Granatapfelbaum in Capulets Obstgarten bloß Ölfarbe und Gips sei, ist zweitrangig für den Effekt des Spieles auf die Zuschauer.

Nicht dass die Untersuchung dessen, was das Teleskop und das Mikroskop zeigen unwichtig ist. Sie ist Teil unserer modernen Erfahrung mit der Wissenschaft der Materie. Tatsächlich offenbart die Entwicklung von alter Kosmologie zu der modernen die Evolution des menschlichen Bewusstseins. Aber die moderne Forschung sollte sich nicht abtrennen und abseits stellen von einer Kontemplation des Ganzen, welche mit den beobachteten Phänomen in ihrer Einfachheit anfängt und eine Verbindung zu der ästhetischen, qualitativen Wertschätzung des Lebens behält. Wegen dieses letztgenannten Zieles braucht man ein sorgfältiges Studium, das der gewöhnlichen einfachen Beobachtung zugänglich ist. Dann wird eine lebendige Verbindung mit der Natur gefühlt, welche das ganze menschliche Wesen in Anspruch nimmt.

Diese Frage nach der Vereinigung des Menschen mit den Phänomen kann in der beobachtenden Astronomie noch einen Schritt weitergehen. Dies bezieht die Wiederaufnahme der Mythologie in die Erfahrung des sich drehenden Himmels mit ein. Wenn man ehrlich ist, ist es sehr schwierig, die Mythologie außen vor zu lassen. Das Thema wird heute als Aberglaube abgetan und doch ersetzen wir es unbeschwert mit Mythologien über gekrümmte Räume, Zivilisationen auf anderen Planeten, schwarze Löcher etc., von denen keine erlebt wurde. Der Mensch muß dem Universum eine Bedeutung oder einen Inhalt geben, sonst bleibt eine Lücke in seinem Denken. In früheren Zeiten schaute man in persönlicher Weise zu den Sternen und man empfand sie als aktive Teilnehmer im Drama des Lebens. Die Mythologie ergibt sich bereitwillig aus der geozentrischen Astronomie und stärkt die Verbindung mit den Phänomenen. Das Auftauchen der Mythologie kann kein willkürlicher Vorgang sein, sondern hat seine Wurzel in der Qualität des Erlebens. Zum Beispiel kann die alte Zuordnung der Metalle zu den Planeten verstanden werden, wenn man die charakteristische Bewegung der Planeten studiert, e.g. die langsame Schwere des Saturn und das Blei, die Geschwindigkeit und Lebendigkeit des Merkur und das Quecksilber. Ähnlich ist die Verbindung zwischen der unbeweglichen zentralen Position des Nordsterns und himmlische Autorität, etc. Es ist fast unmöglich, sich von zusammenfassenden Konzepten von der einen oder anderen Art freizumachen, wenn man den Himmel betrachtet, wie er erscheint - solche Konzepte werden ganz natürlich in der Erfahrung aufgerufen, selbst wenn sie moderner Art sind. In diesem Sinne ergibt sich die Mythologie als Teil des vorliegenden Buches über beobachtete Phänomene, nicht weil die Mythologien irgendein irrelevantes Interesse bedienen oder einfach ohne Nachdenken geglaubt werden sollten, sondern weil sie einen natürlichen Teil der menschlichen Betätigung bilden, wenn er die Sterne in ihrem Scheinen erlebt. Viele Mythologien sind möglich und nur ein paar wurden ausgewählt. Aber die wichtige Seite ist, dass die Betätigung der Mythologisierung ehrlich anerkannt wird und dass neue Mythologien in der Zukunft entstehen, so wie die menschliche Evolution fortschreitet - Mythologien oder Metaphern oder Sternbilder, die die bestehenden Maßstäbe der Entfernungen von Lichtjahren transzendieren.

Zwei Wege, die Phänomene zu beobachten, ergeben sich aus dieser Diskussion. Es gibt den dualistischen Zugang, der die Phänomene beobachtet und dann, getrennt davon, eine entfernte Position einnimmt und eine Erklärung überstülpt mit Hilfe von anderen unbeobachteten Faktoren (Mathematik zum Beispiel) oder indirekt beobachteten Faktoren (Atomphysik, etc.). Dann gibt es den integrierten Zugang, welcher die Phänomene beobachtet und auf sie zugeht mit der Zuhilfenahme des ganzen Menschen, sich mit ihnen identifizierend und in ihnen sozusagen aufwachend. Die gesamte Umwelt geht nicht verloren und die Signatur der Phänomene und ihre Beziehung zum Leben kann entziffert werden.

Ausgehend von dem letzteren Zugang in der Astronomie, welche mit dem geozentrischen Anblick beginnt, können andere Astronomien sich entwickeln, seien sie heliozentrisch oder was auch immer. Aber sie müßen erlebt und nicht bloß abstrakt gedacht werden. Zum Beispiel, wenn die Bewegung der Erde eine Erfahrung würde, nicht bloß ein abstrakter Gedanke, könnte dies eine völlig neue Astronomie erzeugen, nicht notwendigerweise heliozentrisch und sie würde ein Teil des Menschen bleiben.

Was den geozentrischen Ausgangspunkt angeht: die Natur reagiert auf Finsternisse, die scheinbaren Bewegungen von Sonne und Mond. etc. und der Mensch kann das auch. Es gehört zu seiner wesentlichen Natur, das zu tun. Wenn er sich selbst treu bleibt, wird er, aus seiner Freiheit heraus, sich mit den Erscheinungen der Sterne anfreunden und die Phänomene, die seine weitere Umwelt ausmachen, sich selbst aussprechen lassen.

* 1729 verkündete James Bradley seine mit dem Teleskop gefundene Entdeckung der Aberration des Lichtes, die eine scheinbare Positionsverschiebung von Sternorten in der Nähe der über Kopf Richtung erklärte, welche auf die Erddrehung zurückzuführen sei. 1838 stellte Friedrich Bessel die korrekte jährliche Parallaxe eines Sterns (ein schwacher naher in der Konstellation des Schwanes) fest, was direkt durch minutiöse Teleskop-Beobachtung erwies, wie die Erdbewegung in der scheinbaren Sternenbewegung reflektiert wird.

Kapitel 2

Die Phänomene Sehen

Die wesentliche Aktivität, die die Astronomie vom Menschen fordert, ist, dass er hinausgeht, hinaufschaut und seine weiteste Umgebung in Betracht zieht. Dies ist keine triviale Handlung. Sie erreicht prinzipiell zwei Dinge.

Zuerst, das gewöhnliche Denken geht über in die Kontemplation von etwas, das offensichtlich jenseits und größer als es selbst ist. Es ergibt sich ein erfrischendes Loslassen und Ausweiten in ein Reich, das zugleich gegenständlich und ehrfurchtgebietend in seiner Schönheit und Unermesslichkeit ist. Welcher professionelle Astronom mit seinen Instrumenten und Kalkulationsbüchern oder welcher Laie hat in das Antlitz des Sternenhimmels geschaut und war nicht ergriffen von einem Gefühl des natürlichen Staunens, das Fragen nach dem Kern des Rätsels des Lebens hervorruft?