Atlan 455: Die dunkle Region - Horst Hoffmann - E-Book

Atlan 455: Die dunkle Region E-Book

Horst Hoffmann

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Beschreibung

Atlantis-Pthor, der Dimensionsfahrstuhl, ist wieder einmal mit unbekanntem Ziel unterwegs. Das Unheil, das Pthor vormals über unzählige Zivilisationen auf den verschiedensten Planeten gebracht hatte, scheint nun, seit dem Erreichen der Schwarzen Galaxis, auf den fliegenden Kontinent selbst zurückzuschlagen. Jedenfalls hatten die Pthorer in jüngster Zeit schwere Prüfungen über sich ergehen lassen müssen, denn ihre Heimat wurde das Ziel mehrerer Invasionen - zuletzt der des Duuhl Larx. Auch wenn die Truppen, die Duuhl Larx bei seinem überstürzten Abzug hatte zurücklassen müssen, längst keine Gefahr mehr darstellen, kommt Pthor gegenwärtig nicht zur Ruhe. Schuld daran ist Chirmor Flog, der seinerzeit mit dem Schwarzschock das Böse in die Große Barriere von Oth brachte. Und dieses Böse wirkt weiter fort und führt dazu, dass die Bewohner der Barriere, die Magier, nun über die Grenzen ihres Landes ausgreifen und die Herrschaft über das restliche Pthor beanspruchen. Im Zuge dieser neuen Auseinandersetzungen kommt es zur Jagd auf Leenia, die ehemalige Körperlose, und Sator Synk, den Mann von Orxeya. Die beiden, die zu den letzten Freiheitskämpfern gehören, sind auf der Flucht. Ihr Weg führt sie in DIE DUNKLE REGION ...

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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Nr. 455

Die dunkle Region

Jagd auf Leenia und Sator Synk

von Horst Hoffmann

Atlantis-Pthor, der Dimensionsfahrstuhl, ist wieder einmal mit unbekanntem Ziel unterwegs. Das Unheil, das Pthor vormals über unzählige Zivilisationen auf den verschiedensten Planeten gebracht hatte, scheint nun, seit dem Erreichen der Schwarzen Galaxis, auf den fliegenden Kontinent selbst zurückzuschlagen.

Jedenfalls hatten die Pthorer in jüngster Zeit schwere Prüfungen über sich ergehen lassen müssen, denn ihre Heimat wurde das Ziel mehrerer Invasionen – zuletzt der des Duuhl Larx.

Auch wenn die Truppen, die Duuhl Larx bei seinem überstürzten Abzug hatte zurücklassen müssen, längst keine Gefahr mehr darstellen, kommt Pthor gegenwärtig nicht zur Ruhe.

Schuld daran ist Chirmor Flog, der seinerzeit mit dem Schwarzschock das Böse in die Große Barriere von Oth brachte. Und dieses Böse wirkt weiter fort und führt dazu, dass die Bewohner der Barriere, die Magier, nun über die Grenzen ihres Landes ausgreifen und die Herrschaft über das restliche Pthor beanspruchen.

Die Hauptpersonen des Romans

Leenia und Sator Synk – Die ehemalige Körperlose und der Orxeyaner begeben sich in die Dunkle Region.

Diglfonk – Anführer der Robot-Guerillas.

Brantent – Ein Valjare.

Bördo – Sigurds Sohn auf dem Weg zur FESTUNG.

Sadak

1.

Bördos Weg zur FESTUNG – Kampf am Taamberg

Das Feuer erhellte die Ruinen rund um den freien Platz und warf gespenstisch tanzende Schatten auf die Felsen, die die verfallene Siedlung umrahmten. Sie befand sich in einem wie mit Desintegratoren in das graue Gestein am Fuß des Goscholth, des kleinsten und südlichsten Gipfels des Taamberg-Massivs, geschnittenen Kessel. Vor langer Zeit lebten hier Berserker-Nachkommen. Nun tanzten katzenartige humanoide Gestalten um die Flammen und den quaderförmigen schwarzen Stein, auf dem das Kind lag.

Es war dunkelhäutig, vollkommen entkleidet, höchstens fünf Jahre alt. Es war kein Kind der Katzenmenschen. Die Augen waren ihm verbunden. Es konnte nicht sehen, wie die Katzenmenschen, monströse Geschöpfe mit Löwenmähnen, Schwänzen und Pranken, in denen primitive Speere mit Steinspitzen geschwungen wurden, sich näherten, die Speere auf seinen Körper herabsenkten, ohne es zu verletzen, und wieder zurücksprangen. Doch es hörte ihre Schreie, Knurr- und Zischlaute, die sich in ihrer Wildheit steigerten, je mehr die Tanzenden in Ekstase gerieten.

Es hatte keine Kraft mehr, an seinen Fesseln zu zerren. Es weinte leise und schrie immer wieder Namen. Die Eltern des Kindes konnten nicht mehr antworten. Sie lagen tot neben dem Opferstein.

Die Katzenmenschen verstummten, als einer von ihnen, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, in den Schein des Feuers trat. Er war etwa zwei Meter groß, als er sich nun hoch auf die Hinterbeine aufrichtete. Sein Kopf und die weit in den Nacken gezogene Mähne waren unter einer Holzmaske verborgen. Hinter zwei Schlitzen funkelten grüne Augen.

Der Riese trat von hinten an das Kind heran. Nur das Weinen des Fünfjährigen war noch zu hören. Die Augen der Katzenmenschen waren jetzt auf den Maskenträger gerichtet, als er ein breites, aus Stein gehauenes Schwert hob und an den Hals des Kindes setzte.

Es hörte auf zu weinen, als ob es spürte, dass alles Aufbäumen vergeblich war. Vollkommene Stille. Es war kalt. Nur das Feuer spendete Wärme. Die Nebel, die über dem Talkessel lagen, schimmerten weißlich.

Der Maskenträger hob das Steinschwert mit beiden Pranken in die Höhe, schwang es über seinem Kopf, um es auf das Opfer herabsausen zu lassen. Sekundenlang verharrte er in dieser Haltung. Er stieß ein markerschütterndes Gebrüll aus, in das die umstehenden Katzenmenschen einfielen. Aus der Ferne musste es sich wie das Brüllen hungriger Löwen anhören. Die Blicke der Katzenmenschen waren zum Himmel gerichtet, bis der Maskenträger verstummte.

Er holte Schwung, um den tödlichen Hieb zu führen. Seine Arme waren über den Kopf geworfen, als der Pfeil sich in seine mächtige Brust bohrte.

Der Maskenträger ließ das Schwert nicht los. Das Gewicht riss ihn nach hinten. Taumelnd stürzte er zu Boden. Die Maske zersplitterte.

Augenblicke lang standen die Katzenmenschen wie erstarrt um ihren toten Anführer herum. Das Entsetzen lähmte sie. Als der erste von ihnen die Fäuste ballte und einen furchtbaren Schrei ausstieß, kam Leben in die Bestien. Sie vergaßen das Kind auf dem Opferstein und packten ihre Speere fester. Sie schwärmten aus, um den unbekannten Todesschützen zu finden, doch auf den umgebenden Felswänden, von wo der Pfeil abgeschossen worden sein musste, war nichts zu sehen. Die Nebel boten jedem Schutz, der sich im Dunkel der Nacht anschleichen wollte.

Sie begannen zu toben, liefen wie von Sinnen und laut fauchend im Talkessel umher und sprangen wütend die Felswände an. Speere zerbarsten am Gestein, wenn die tanzenden Schatten anstürmende Gegner vorgaukelten. So blind vor unbändigem Zorn waren die Katzenmenschen, dass sie den Schützen erst sahen, als er vor dem Opferstein stand, den Bogen über dem Oberkörper und ein im Schein des Feuers blitzendes Schwert in der Hand. Auch er war fast noch ein Kind.

*

»Zurück mit euch!«, schrie der Knabe. Er duckte sich, als er sah, wie einer der Katzenmenschen seinen Speer schleuderte und auf ihn zustürzte. Das Wurfgeschoss verfehlte den Jungen nur knapp. Er sprang zur Seite und wich dem Angreifer geschickt aus. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie weitere Katzenmenschen sich näherten. Derjenige, der den Speer geschleudert hatte, drehte sich im Sprung und war wieder heran, kaum dass der Knabe festen Stand hatte. Die Hand mit dem Schwert zuckte vor, und die metallene Klinge bohrte sich in die Brust des Katzenartigen. Blitzschnell zog der Knabe sie heraus, fuhr herum und empfing die nächsten wild fauchenden Angreifer. Er schwang seine Waffe wie ein erfahrener Kämpfer, wehrte Speere ab und ignorierte die blitzenden Augen und den stinkenden Atem, der ihm entgegenschlug.

Fünf Gegner. Der Knabe tötete zwei von ihnen innerhalb weniger Sekunden. Er bewegte sich mit einer Sicherheit und Schnelligkeit, die in krassem Gegensatz zu seinem schmächtigen Körper standen. Ein Blick zurück auf die Leichen neben dem Stein genügte, um ihn voranzutreiben.

Die Katzenartigen sprangen. Einer war schon über dem Knaben, als sich dessen Schwert bis zum Heft in seine Brust bohrte. Die Wucht des fallenden Körpers riss es ihm aus der Hand. Er war waffenlos, und die Bestien schleuderten gleichzeitig ihre Speere. Der Knabe fing einen von ihnen im Flug auf, drehte ihn um, schneller als die Augen der Katzenmenschen die Bewegung verfolgen konnten, und schleuderte ihn zurück. Einer der beiden verbliebenen Gegner sank tödlich getroffen zu Boden. Mit bloßen Händen erwartete der schmächtige Kämpfer den letzten Angriff.

Doch der Katzenartige stieß ein markerschütterndes Fauchen aus, fuhr herum und rannte brüllend in die Nacht. Der Knabe sah ihn, wie er oben auf den Felsen auftauchte und im Nebel verschwand.

Bördo rang nach Luft. Sein Atem ging schwer. Er drehte den neben ihm liegenden Toten auf den Rücken und zog sein Schwert aus dessen Brust, wischte es an der Mähne des Katzenartigen ab und durchsuchte die Ruinen, bis er sicher sein konnte, dass nur noch er und das an den Stein gefesselte Kind im Talkessel waren.

Er blickte an sich herab. Erst jetzt sah er, dass der Katzenartige, der ihn angesprungen hatte, mit einer Krallenhand sein Stoffwams aufgeschlitzt hatte. Blut sickerte dunkel aus vier langen Striemen in seinem linken Oberarm. Bördo riss den ganzen Ärmel des Wamses ab und wickelte den Stoff um die Wunde. Er biss die Zähne zusammen. Die Wunde brannte jetzt wie Feuer.

Bördo hatte keine Zeit zu verlieren. Die Katzenartigen konnten zurückkommen. Der Entkommene konnte Verstärkung herbeiholen. Bördo war den Katzenmenschen schon einmal begegnet, gar nicht so weit von hier. In den Schluchten und den verlassenen Berserkerstädten um den Taamberg herum hatten viele Exoten Schutz gesucht, die aus der Senke der verlorenen Seelen entkommen waren.

Bördo versuchte, nicht darüber nachzudenken, dass sie im Grunde nichts anderes taten als er: Sie versuchten in einer unheimlich gewordenen Umwelt zu überleben. In den letzten beiden Tagen hatte Bördo vieles gesehen, das ihm unverständlich war. Pthor war wie verhext. Je schneller er vorankam, je eher er die FESTUNG erreichte, um so besser. Bisher hatte er von den Magiern, die seine Heimat jetzt beherrschten, nur gehört. Er hatte keine große Lust, einem von ihnen zu begegnen. Bördo hatte zu kämpfen gelernt und scheute keinen Kampf gegen reale Gegner, aber mit Magie wollte er nichts zu tun haben.

Er konnte das Kind, dessen Eltern erschlagen neben dem Opferstein lagen, nicht schutzlos zurücklassen. Er durchschnitt die Stricke, mit denen es an den Stein gefesselt war, und nahm ihm die Binde von den Augen. Das Kind weinte nicht mehr. Sein Blick war starr auf Bördo gerichtet. Vermutlich sah es ihn in diesen Augenblicken gar nicht bewusst.

Bördo war zu spät gekommen. Das Gebrüll der Katzenmenschen hatte ihn angelockt, doch als er den Talkessel erreichte, waren die Eltern des Kindes schon tot gewesen, sinnlos geopfert, weil die Bestien sich die Gnade derjenigen erkaufen wollten, die Pthor in ein Tollhaus verwandelt hatten.

Bördo hatte in einer der Ruinen Tücher gesehen. Nun lief er dorthin zurück, holte einige und hob das Kind vom Opferstein, wo es im Blut seiner Eltern gelegen hatte. Er wischte es ab und wickelte die Tücher um den zitternden kleinen Körper.

Ein Knabe, dachte Bördo. Vermutlich mit seinen Eltern aus einem der Eingeborenendörfer im Blutdschungel geraubt und von Piraten an die Exoten verkauft.

Bördo nahm einen der Stricke und band ihn so um die Hüfte des Kindes, dass die Tücher am Körper hielten. Immer wieder sah er sich um und lauschte. Noch war alles still. Vielleicht war der Katzenartige nicht geflohen, sondern lauerte in der Dunkelheit auf eine Gelegenheit, seine Artgenossen zu rächen.

Der Blick des Kindes veränderte sich. Seine Züge entkrampften sich, und nun begann es wieder zu schreien. Bördo kniete sich vor ihm nieder und redete beruhigend auf es ein. Dabei kam ihm zu Bewusstsein, dass er alles andere als einen vertrauenerregenden Anblick bieten musste. Seine Haare hingen strähnig über die Augen und weit über die Schultern. Sein Gesicht war voller Narben, und seine Bekleidung bestand aus dem schmutzigen Stoffwams und einem Lendenschurz aus Fellen, die von einem breiten ledernen Gürtel gehalten wurden, in dem das Schwert steckte.

So sah der Sohn des stolzen Sigurd aus!

Bei dem Gedanken erschauerte Bördo. Drei Männer, denen er auf dem Weg zur FESTUNG begegnet war, hatten mit seinem Schwert Bekanntschaft gemacht, weil sie seinen Vater beschimpft und einen Feigling genannt hatten. Er war verwildert. Die Monate, die er unter Piraten gelebt hatte, hatten ihn geprägt. Die ständige Flucht, der ununterbrochene Kampf ums Überleben.

»Sei still«, flüsterte er. Seine Finger fuhren über das Gesicht des Kindes und wischten die Tränen fort. Bördo versuchte, seine Stimme so sanft wie möglich klingen zu lassen. »Kannst du mich verstehen? Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Es ist vorbei. Die Bestien sind tot.«

Der Knabe hörte auf zu weinen und sah ihn aus großen Augen an. Dann sah er sich ängstlich um. Bördo verfluchte sich selber dafür, dass er ihn nicht schnell von hier fortgebracht hatte. Das Kind sah die Leichen und schrie von neuem.

Es würde alle Kreaturen der Nacht anlocken, die sich in der Nähe herumtrieben. Bördo nahm das Kind auf den Arm, hob mit der freien Hand einen der herumliegenden Speere auf und verschwand von der Stätte des Grauens.

Es bereitete Mühe, mit dem Knaben auf dem Arm aus dem Talkessel zu steigen, doch schließlich hatte er die Felswand, an der er abgestiegen war, erklommen und suchte sich seinen Weg durch den Nebel. Er fand eine Felsnische. Dort, wo der Talkessel lag, schien der Nebel rötlich zu glühen. Wer immer durch den Kampflärm und das Geschrei des Kindes angelockt worden war, würde sich dorthin wenden.

Vorausgesetzt, Bördo konnte den Knaben endlich zum Schweigen bringen.

Er betrat die Nische mit gezogenem Schwert. Es war stockdunkel. Als er sich davon überzeugt hatte, dass kein anderer vor ihm hier Zuflucht gesucht hatte, setzte er sich hin. Das Kind weinte jetzt leiser. Wieder redete Bördo auf es ein. Er wusste, dass es den Anblick seiner getöteten Eltern in seinem ganzen Leben nicht vergessen würde, doch es musste zur Ruhe kommen, wenn sein Leben nicht noch in dieser Nacht zu Ende gehen sollte.

»Verstehst du mich?«, fragte Bördo wieder. Sein Mitleid mit diesem armen Geschöpf wurde stärker als die Vorsicht. Ja, es sollte weinen, so wie er geweint hatte, als er in die Hände der Flusspiraten fiel und unsagbare Schrecklichkeiten mit ansehen musste.

Nach einer Stunde lag das Kind erschöpft in seinen Armen. Es dämmerte bereits. Nach einer weiteren Stunde war es hell genug, um einigermaßen gut sehen zu können. Die Nebel lösten sich allmählich auf. Nichts deutete darauf hin, dass sich jemand in der Nähe befand.

Wieder sah Bördo den Blick des Kindes auf sich gerichtet. Er versuchte zu lächeln.

»Es war alles ein böser Traum«, hörte er sich sagen. »Du musst ihn vergessen, hörst du?«

Keine Antwort, aber der Knabe fing auch nicht gleich wieder zu schreien an. Er blickte Bördo nur an.

»Verstehst du, was ich sage?«

Jetzt nickte das Kind langsam.

»Wer bist du?«, fragte Bördo. »Du kommst aus dem Dschungel?«

»Jassak und Perlk«, kam es ganz leise über die kleinen Lippen. »Wo sind ...« Das Kind schloss die Augen. Seine Finger gruben sich in Bördos Arme. »Sie sind tot! Sie ...!«

»Ruhig.« Bördo legte sanft einen Finger über den Mund des Knaben. »Du hast es geträumt.« Verdammt, was sollte er ihm denn sonst sagen? Er sprach Pthora, mit einem Akzent, den Bördo kannte. Er stammte also tatsächlich aus dem Blutdschungel. Bördo glaubte den Stamm zu kennen, dem er angehörte. Doch diese Wilden verließen den Dschungel nie.

Widerwillig log Bördo dem Kind etwas vor, sagte ihm, dass Jassak und Perlk es vorübergehend in seine Obhut gegeben hatten. Nur so konnte er es dazu bringen, ihm seine Geschichte zu erzählen. Bördo fluchte innerlich. Warum musste ihm das passieren? Hätte er das Gebrüll aus dem Talkessel und die Schreie nicht einfach ignorieren und weiterziehen können? Er hatte auch ohne das Kind Schwierigkeiten genug. Nun musste er zusehen, dass er irgend jemanden fand, der es aufnahm und sich um es kümmerte.

Als er Stunden später mit Gorlk, wie der Knabe hieß, aufbrach, hatte er die Bestätigung für seinen Verdacht erhalten. Piraten, deren Schiffe von den Scuddamoren oder Trugen versenkt worden waren, waren in den Blutdschungel eingefallen und hatten den ganzen Stamm niedergemacht, mit Ausnahme derjenigen Eingeborenen, die sie mitgenommen hatten, um sie andernorts als Sklaven zu verkaufen. Wieso Gorlk und seine Eltern dabei ausgerechnet an die Katzenartigen geraten waren, blieb unklar.

Bördo trug den Knaben, wenn dieser nicht mehr laufen konnte. Gegen Mittag erreichten sie die Steppe. Das Kind brauchte Wasser und etwas zu essen. Auch Bördo hatte eine trockene Kehle.

Wenn er niemanden fand, der ihm das Kind abnahm, würde er es bis zur FESTUNG mit sich schleppen müssen. Nachdem er seine Geschichte kannte, fühlte er sich noch mehr für es verantwortlich als ohnehin schon. In gewisser Hinsicht teilten beide das gleiche grausame Schicksal, nur dass das des Knaben noch schlimmer war als Bördos.

Bördo hatte einen Vater.

Spätestens in der FESTUNG würde er Gorlk die Wahrheit über den Tod seiner Eltern sagen müssen. Im Augenblick sah es ganz danach aus, dass Gorlk an einen Albtraum glauben wollte, denn er stellte immer wieder Fragen nach Jassak und Perlk.

»Ich bringe dich in Sicherheit«, sagte Bördo, mehr zu sich selbst als zu Gorlk. Seine Miene wirkte versteinert – das Gesicht eines Knaben, der acht Jahre alt gewesen war, als er von jener schwarzen Gestalt, die sich »Sigurds Schatten« genannt hatte, aus dem Haus seines Großvaters entführt worden war. Damit hatte sein langer Leidensweg begonnen. Bördo hatte die Tage, Wochen und Monate nicht gezählt, die seither vergangen waren. Wie alt war er nun? Elf Jahre? Zwölf?

Er wirkte älter, war hager, aber ungemein kräftig. Der Blick seiner blauen Augen war ungebrochen. Nie hatte er sein Ziel aus den Augen verloren. Nun war er ihm näher als jemals zuvor. Bis zur FESTUNG waren es für ihn allein noch zwei bis drei Tagesmärsche – für ihn und Gorlk ein oder zwei Tage mehr, falls sie unbehelligt blieben.

Der Gedanke an Sigurd ließ Bördos Herz höher schlagen. Nur die Besessenheit von der Idee, seinem Vater endlich gegenüberstehen zu können, hatte ihm immer wieder die Kraft gegeben, selbst in aussichtslos erscheinenden Situationen nicht den Mut zu verlieren und sich seinen Weg freizukämpfen.

Sein Vater war kein Feigling! Sigurd war ein Held, der Sohn Odins!

Wahrscheinlich glaubte er längst nicht mehr daran, seinen Sohn eines Tages vor sich zu sehen. Was würde er sagen, wenn Bördo nun vor ihn hintrat – ein Wilder.

»Komm!«, knurrte Bördo und nahm Gorlk wieder auf den Arm. Er musste Wasser und Nahrung finden, nur das zählte im Augenblick. Seine Lederbeutel waren leer, der Proviant aufgezehrt.

2.