Atlan 556: Spuk in der SOL - Horst Hoffmann - E-Book

Atlan 556: Spuk in der SOL E-Book

Horst Hoffmann

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Beschreibung

Mehr als 200 Jahre lang war die SOL, das Fernraumschiff von Terra, auf seiner ziellosen Reise durch die Tiefen des Alls isoliert gewesen, bis Atlan in Kontakt mit dem Generationenschiff kommt. Die Kosmokraten haben den Arkoniden entlassen, damit er sich um die SOL kümmert und sie einer neuen Bestimmung zuführt. Jetzt schreibt man an Bord des Schiffes den Mai des Jahres 3792, und der Arkonide hat trotz seines relativ kurzen Wirkens auf der SOL bereits den Anstoß zu entscheidenden positiven Veränderungen im Leben der Solaner gegeben - ganz davon abgesehen, dass er gleich nach seinem Erscheinen die SOL vor der Vernichtung rettete. Inzwischen hat das Generationenschiff viele Lichtjahre zurückgelegt, und die Solaner haben in dieser Zeit viele Konflikte mit Gegnern von Innen und außen mehr oder weniger unbeschadet überstanden. Unter Breckcrown Hayes, dem neuen High Sideryt, bahnt sich nun eine weitere Stabilisierung und Normalisierung an Bord an. Allerdings kommt es durch unerwartete Ereignisse immer wieder zu erheblicher Unruhe. Schuld daran ist diesmal der SPUK IN DER SOL ...

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Nr. 556

Spuk in der SOL

Das Schiff des Materielosen erscheint

von Horst Hoffmann

Mehr als 200 Jahre lang war die SOL, das Fernraumschiff von Terra, auf seiner ziellosen Reise durch die Tiefen des Alls isoliert gewesen, bis Atlan in Kontakt mit dem Generationenschiff kommt.

Die Kosmokraten haben den Arkoniden entlassen, damit er sich um die SOL kümmert und sie einer neuen Bestimmung zuführt. Jetzt schreibt man an Bord des Schiffes den Mai des Jahres 3792, und der Arkonide hat trotz seines relativ kurzen Wirkens auf der SOL bereits den Anstoß zu entscheidenden positiven Veränderungen im Leben der Solaner gegeben – ganz davon abgesehen, dass er gleich nach seinem Erscheinen die SOL vor der Vernichtung rettete.

Inzwischen hat das Generationenschiff viele Lichtjahre zurückgelegt, und die Solaner haben in dieser Zeit viele Konflikte mit Gegnern von Innen und außen mehr oder weniger unbeschadet überstanden.

Unter Breckcrown Hayes, dem neuen High Sideryt, bahnt sich nun eine weitere Stabilisierung und Normalisierung an Bord an. Allerdings kommt es durch unerwartete Ereignisse immer wieder zu erheblicher Unruhe.

Die Hauptpersonen des Romans

Atlan – Sein Bewusstsein geht auf die Reise.

Breckcrown Hayes – Der High Sideryt gibt den Startbefehl für die SOL.

Sternfeuer und Cpt'Carch – Die Mutantin und der Extra als Ausgangspunkte eines unheimlichen Geschehens.

Insider – Ein Extra, der fremde Bewusstseine aufnimmt.

Malcish – Ein Dieb in Schwierigkeiten.

Oggar

1.

Der Mann, der von einem halben Dutzend aufgebrachter Solaner durch die Korridore des SOL-Mittelteils gejagt wurde, wirkte auf den ersten Blick unscheinbar. Wer ihn zum ersten Mal sah, musste ihn für einen Durchschnittsmenschen halten, knapp über hundert Jahre alt, mittelgroß und grauhaarig – jemand, dem man begegnete und den man gleich darauf wieder vergaß.

Unter der Knute der SOLAG hatte sich Malcish mit Diebereien über Wasser gehalten, bevor er sich in eine so aussichtslose Lage hineinmanövrierte, dass ihm nur noch der Weg blieb, sich den Basiskämpfern anzuschließen.

Diese Zeiten aber waren vorbei. In der SOL war Ruhe eingekehrt. Es gab keine SOLAG mehr, die es zu bekämpfen galt. Die ehemaligen Rebellen waren in die Gemeinschaft integriert, und mangels anderweitigen Nervenkitzels war Malcish nichts anderes übriggeblieben, als sich wieder vornehmlich dem zuzuwenden, was er wie kein anderer beherrschte.

Entweder hatte er während der Kämpfe sein Handwerk verlernt oder die aus ihrer Lethargie erwachten Solaner waren aufmerksamer geworden. Vermutlich traf beides zu. Jedenfalls sah es ganz danach aus, als sollte es Malcish an diesem Morgen des 28. Mai 3792 endgültig an den Kragen gehen.

Seine Beine trugen ihn kaum noch, aber er durfte nicht stehen bleiben. Hinter sich hörte er die Schreie und Flüche der Männer und Frauen aus dem Beiboothangar, die immer weiter zu ihm aufschlossen. Unter dem Oberteil seiner Kombination zeichneten sich die Konturen des Speicherelements ab, das er aus dem Spielecomputer herausmontiert hatte, mit dem sie sich in den dienstfreien Stunden die Zeit vertrieben.

Dabei hätten sie noch in ihren Kojen liegen sollen, als Malcish den Hangarkontrollraum kurz vor Tagesanbruch heimsuchte! Weshalb hatte einer von ihnen auch so früh aufstehen müssen!

Sie dachten gar nicht daran, sich das Element einfach zurückgeben zu lassen und die Angelegenheit zu vergessen. Er hätte es ja wieder zurückgebracht, aber diese Menschen begriffen einfach nicht, dass er hin und wieder irgendwo zugreifen musste. Es überkam ihn dann einfach.

Was hatte er schon von dem Ding, und er kannte auch niemanden, der ihm etwas dafür gegeben hätte. Es war nur dieser Nervenkitzel.

Malcish hatte mittlerweile genug davon. Er musste ein Versteck finden – oder besser noch jemanden, der ihm gegen die Übermacht half.

Wo befand sich der nächste Transmitteranschluss?

Malcish bekam kaum noch Luft. Immer, wenn er sich umdrehte, waren die Verfolger wieder ein Stück näher heran.

Er rannte, bog in Nebengänge ein, huschte durch Räume, warf Türen hinter sich zu und kletterte an Sprossenleitern ins nächsthöhere Deck – alles umsonst.

Der ehemalige Basiskämpfer war längst ohne Orientierung. Er hatte diese Richtung eingeschlagen, weil er wusste, dass sich in diesem Teil des SOL-Mittelteils von Zeit zu Zeit immer noch einige der alten Gefährten aufhielten. Die Gänge, durch die er jetzt floh, mussten schon nahe am ehemaligen Giftwall liegen. Aber alles hatte sich verändert. Die Wände, vor Monaten vom Kristallmonstrum zerfressen, waren neu gestrichen, Markierungen befanden sich nicht mehr am alten Platz.

»Bleib endlich stehen!«, hörte er. »Wir kriegen dich!«

Sie waren bis auf zwanzig Meter heran.

Malcish zog sich im Laufen den Reißverschluss der Kombination auf, holte das Speicherelement hervor und schleuderte es den Solanern vor die Füße. Sie kümmerten sich nicht darum.

Malcish wusste nicht mehr aus noch ein. Er gelangte auf einen breiten Korridor und sah eine halboffene Tür. Kein Mensch war zu sehen – eben außer jenen sechs, auf die er gern verzichtet hätte.

Seine allerletzte Hoffnung lag hinter dieser Tür. Wenn er dort keine Hilfe fand oder sich verbarrikadieren konnte ...

Er erreichte sie, als die Verfolger schon die Arme nach ihm ausstreckten. Seine Hand schlug auf die Kontaktplatte, die sie vollends auffahren ließ.

Im nächsten Moment schoss ihm etwas entgegen. Malcish wich geistesgegenwärtig aus und sah nur einen gelben Körper, der an eine übergroße Banane erinnerte, an sich vorbeihuschen.

»Carch!«, schrie er heiser. »Carch, warte! Du musst diese Verrückten ...«

Cpt'Carch hörte ihn nicht. Vielleicht war es auch gar nicht der Extra, sondern ein gelb angestrichener Roboter, der einer Kolonne Schiffsverschönerer vor die Sprühpistolen geraten war. Um was auch immer es sich handelte – es schoss genau in die Verfolger hinein und verschaffte ihm so den Vorsprung, den er noch brauchte.

Malcish machte einen Satz in den Raum hinein, wirbelte herum und fand den Kontakt, der die Tür zufahren ließ und blockierte. Als das geschehen war und von draußen die Fäuste der Solaner gegen das Metall schlugen, ließ er sich zu Boden sinken und blieb mit dem Rücken gegen die Wand sitzen.

Es dauerte eine Weile, bis er wieder zu Atem kam. Doch selbst jetzt ließen die Bestohlenen nicht von ihm ab. Sie veranstalteten einen Lärm, als sei die halbe Bevölkerung der SOL auf dem Korridor.

»Verschwindet!«, schrie Malcish. »Bei allen Planeten, wie kann man nur so nachtragend sein! Ihr habt euer Spielzeug zurück! Jetzt lasst mich in Ruhe!«

Das schien sie nur noch mehr aufzuregen. Malcish schüttelte verzweifelt den Kopf. Er sah sich um. Wohin war er hier eigentlich geraten?

Der Raum war etwa zehn mal zehn Meter groß und zu einer Hälfte mit allerlei altem Gerümpel vollgestopft. Kisten und Geräte bedeckten die der Tür gegenüberliegende Wand bis zur drei Meter hohen Decke, aus der das schwache Licht drang. Ein Tisch und zwei Stühle ließen darauf schließen, dass sich von Zeit zu Zeit jemand hierher verzog oder hier versteckte.

Das interessierte Malcish nicht sonderlich. Er schien vorerst sicher zu sein, und irgendwann musste denen da draußen ja die Lust an der Belagerung vergehen.

Malcish vergaß sie und seine Situation vorübergehend, als er die gelben Flecken auf dem Boden sah.

Er fühlte sich viel zu zerschlagen, um schon wieder aufzustehen, kroch auf einen der Flecken zu und fuhr vorsichtig mit dem Zeigefinger darüber.

Etwas blieb an der Kuppe kleben. Malcish schrak zusammen, schüttelte die Hand, aber das Zeug war zäh. Er musste es am Boden abwischen. Und das war weder Farbe noch eine Chemikalie, sondern ...

»Carch!«, murmelte der Solaner. »Er war es also doch.«

Malcish hatte lange genug auf engstem Raum mit dem seltsamen Extra zusammengelebt, um zu wissen, was es bedeutete, wenn Cpt'Carch diese Sekretion absonderte. Carchs bananenförmiger Körper war stets von einer lackähnlichen, gelblich schillernden Schicht bedeckt. Wenn das Wesen vor etwas erschrak oder aus anderen Gründen in heftige Erregung geriet, sonderte es diese Flüssigkeit in einem solchen Maß ab, dass sie zu Boden tropfte und dabei eine deutliche Spur bildete.

Malcish hatte Carch einige Male in einem solchen Zustand erlebt. Weitere Anzeichen hochgradiger Erregung waren ein schrilles Zirpen und ein so schnelles Rotieren auf den beiden Insektenbeinen, dass der ein Meter lange Bananenkörper dabei fast unsichtbar wurde.

Aber was sollte den Extra heute noch erschrecken, wo es überall in der SOL ruhig geworden war?

Malcish sah ihn wieder vor sich, wie er an ihm vorbeischoss und in die Gruppe der Verfolger hinein, um dann wie ein geölter Blitz im langen Korridor zu verschwinden. Er hatte im Stillen gehofft, ihn hier irgendwo aufzutreiben. Doch nun konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Carch viel eher Hilfe brauchte als er selbst.

Wohin hatte es ihn gezogen – oder anders gefragt: wovor war er geflohen?

»Fest steht«, murmelte der Solaner, »dass er hier war.«

Er war Malcish ans Herz gewachsen, dieser verrückte kleine Kerl, der jedem davon erzählte, dass er »noch nicht richtig geboren« sei.

Hatte er etwa davor Angst, geboren zu werden? Jetzt?

»Unsinn«, sagte sich Malcish. »Er will uns damit zum Narren halten. Aber was ist in ihn gefahren?«

Die Solaner draußen auf dem Korridor machten sich wieder lautstark bemerkbar und zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. Malcish hörte sie fluchen und grinste in sich hinein. Sollten sie toben, bis sie schwarz wurden.

Dann aber wurde er stutzig.

Sie waren zu sechst gewesen – drei Männer und drei Frauen. Jetzt wurde ihm bewusst, dass er immer nur die drei gleichen Stimmen hörte.

»Komm heraus, Alter!«, schrie eine der Frauen. »Wir haben viel Zeit!«

Eins!, zählte Malcish. Er legte das Ohr gegen die Tür, um besser hören zu können.

»Wir reißen dir nicht den Kopf ab, aber du hast eine Lektion verdient – oder warst du das nicht, der uns vorgestern den Getränkeautomaten abmontierte?«

Zwei!, dachte Malcish. Und wieder eine Frau. Nein, meine Beste, der Automat befand sich vorhin noch an Ort und Stelle. Auf die Weise lockt ihr mich nicht aus der Reserve. Ihr seid eine Bande von Raufbolden, das ist alles!

»Hör zu, Gauner, wenn du's nicht anders haben willst, holen wir uns einen Strahler und schweißen die Tür auf!«

Drei! Das war ein Mann.

Sie unterhielten sich, und immer waren es diese drei Stimmen, die Malcish hörte.

Dem Meisterdieb fiel es wie Schuppen von den Augen. Er sprang auf und sah auch schon, wie sich die aufeinandergestapelten Kisten vor der gegenüberliegenden Wand bewegten.

Diese scheinheiligen Bastarde!, durchfuhr es ihn. Sie haben sich getrennt, und die drei anderen kommen von dort drüben. Dieser Raum hat zwei Eingänge.

Er saß in der Falle. Die ersten Kistenstapel kippten um. Er musste sich mit zwei, drei Sprüngen in Sicherheit bringen. Aber was hieß in seiner Lage schon »Sicherheit«?

Das plötzliche Schweigen der drei Belagerer machte ihm klar, dass sie am Poltern und Krachen der Kisten hören konnten, dass ihre Freunde ihr Ziel erreicht hatten. Malcish brach der Schweiß aus. Er wünschte sich, an den Wänden hochklettern zu können. Und dann sah er die Solaner auch schon zwischen dem Gerümpel erscheinen. Dort kamen sie fäusteschüttelnd heran, vor der Tür warteten die anderen. Malcish wusste, dass er verloren hatte.

Mit weit von sich gestreckten Händen wich er in eine Ecke zurück.

»Hört zu«, schrie er, »ich erkläre euch alles gern noch einmal! Das ... das war ein Scherz! Ich hätte euch dieses Ding ja zurückgegeben und ...«

Es war zwecklos, das merkte er spätestens, als ein geschleuderter Plastikkübel an der Wand zerplatzte und eine fürchterlich riechende Flüssigkeit sich über ihn ergoss.

Malcish schrie auf, schüttelte sich vor Ekel und sah, wie die Hände der Eindringlinge nach ihm griffen. Er kapitulierte, und als er sich in Gedanken schon auf dem Weg ins nächste Medo-Center sah, begann es zu spuken.

*

Derjenige, dem Malcishs Sorge nur solange gegolten hatte, wie es die Umstände zugelassen hatten, befand sich in einer nicht minder verzweifelten Lage.

Cpt'Carch nützte seine ganze Schnelligkeit nichts. Das, was ihn nun schon seit Tagen plagte, war flinker als der schnellste Läufer an Bord der SOL. Es war überall, wohin er sich auch wandte.

Es war ihm gelungen, einen Transmitter zu erreichen und sich an einen anderen Ort innerhalb der SOL abstrahlen zu lassen. Nur für Minuten hatte er Ruhe gehabt – dann war es wieder da.

Carch gab auf. Er ließ die Beine zusammenknicken und drückte sich flach auf den Boden einer verlassenen Lagerhalle. Kein Mensch war in der Nähe, der den Geist hätte verscheuchen können, und kein Mensch wäre überhaupt dazu in der Lage gewesen.

Es war kein Geist. Es war etwas Reales, ohne dass Carch es hätte erfassen oder gar begreifen können. Nun schwebte es über ihm. Es versuchte, an ihn heranzukommen und irgend etwas an ihm zu bewirken. Carch mobilisierte seine letzten geistigen Kräfte, um den fremden Einfluss abzublocken. Doch auch das konnte ihm nur noch auf begrenzte Zeit hin gelingen.

Noch schaffte es Cpt'Carch, die aufkommende Panik in Grenzen zu halten. Er hatte schreckliche Angst, denn er war es gewohnt, die Dinge, die er sah, auch zu begreifen.

Und er sah es, aber nicht mit seinen vier Knopfaugen, als er vorsichtig den dreieckigen Kopf am vorderen Ende des Bananenkörpers anhob. Das verschwommene Bild eines Menschen war in ihm, eines Menschen, der vor ihm schwebte, tanzte oder stand. All das änderte sich in Sekundenbruchteilen.

Die Halle war für seine empfindlichen Augen leer, aber dieses Zerrbild eines Menschen war da, ohne dass er diesen Menschen hätte erkennen können. Gerade das aber ließ ihn völlig an seinem Verstand zweifeln. Er hatte das bestimmte Gefühl, seinen Quälgeist kennen zu müssen. Seine Sinne teilten ihm mit, dass da jemand war, der keine bösen Absichten hatte. Carch besaß die Fähigkeit, Menschen und andere Wesen an Bord der SOL als solche zu unterscheiden, die ihm wohlwollend oder feindlich gegenüberstanden.

Dieses Wesen, das ihn seit Tagen verfolgte, kam nicht als Feind. Eher erschienen seine Ausstrahlungen ihm vertraut. Aber es wollte etwas von ihm, mit dem er nicht einverstanden war. Es bedrängte ihn und schien ihm etwas zuzuflüstern, das er nicht wirklich verstand.

Es konnte kein Zufall sein, dass diese Erscheinung genau an dem Tag zum ersten Mal aufgetaucht war, an dem er bemerkt hatte, dass etwas in ihm auf eine Veränderung drängte. Irgend etwas schien ihn überrumpeln zu wollen – zumindest empfand Carch es so.

Und dies war das Schlimmste für ihn, das er sich nur vorstellen konnte. Auch wenn er nicht wusste, welche Stufe der Metamorphose er mittlerweile erklommen hatte, so hatte er doch die Überzeugung, dass der nächste Schritt – das, was er den Menschen gegenüber als Geburt bezeichnete – aus ihm selbst heraus erfolgen musste. Er durfte nicht die Kontrolle über sich verlieren.

Um die Verwirrung vollkommen zu machen, hatte Carch oftmals den Eindruck, dass es zwei Geister gab, die etwas von ihm wollten. Dann aber mussten diese beiden Peiniger zur gleichen Zeit an Bord der SOL aufgetaucht sein.

Den einen »sah« er, wenn auch nur in seinem Bewusstsein als verschwommene menschliche Gestalt, nicht zu identifizieren und doch auf geheimnisvolle Weise vertraut. Und auch jetzt wisperte deren Stimme wieder lockend in ihm:

Komm! Komm mit mir! Gleichzeitig schien das Drängen, sich zu verändern oder gar aufzugeben, aus einer anderen Richtung, einer anderen Entfernung oder Daseinsebene in sein Bewusstsein zu dringen.

Carch sah sich am Ende seiner geistigen Widerstandskraft, sprang auf, rotierte für Sekunden auf den beiden dünnen Beinen und schoss, wie von einem Katapult abgefeuert, durch das offene Tor zurück in den Korridor, aus dem er gekommen war.

Er rannte, warf sich in offene Lifte, stolperte Treppen hinunter und umflitzte Ecken und jedes Hindernis, das ihm vielleicht als Deckung dienen mochte. Aber es gab kein Versteck vor einem nicht materiellen Wesen, das sich einfach an jeden beliebigen Ort versetzte.

Carch hatte nur ganz zu Anfang mit dem Gedanken gespielt, die Zentrale aufzusuchen oder die alten Gefährten aus der Basis um Hilfe zu bitten. Irgend etwas hinderte ihn daran. Es mochte eine Ahnung sein, dass das, was ihm widerfuhr, nur ihn selbst anging.

Mehrere Male kam es fast zu Zusammenstößen mit Solanern oder Robotern. Carchs Sinne verwirrten sich zusehends, und nun ging zu allem Überfluss auch noch der Verlust seiner physischen Kräfte damit einher.

Auch das war eine völlig neue Erfahrung. Die Panik griff unbarmherzig nach seinem Verstand. Verzweifelt war er darum bemüht, sein Ich zusammenzuhalten und sich gleichzeitig auf die Umgebung zu konzentrieren.