Attila (Historischer Roman) - Felix Dahn - E-Book

Attila (Historischer Roman) E-Book

Felix Dahn

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Beschreibung

In "Attila", einem historischen Roman von Felix Dahn, entfaltet sich ein dramatisches Epos, das in die Zeit der Völkerwanderung zurückführt. Dahn kombiniert geschickt fiktionale Elemente mit historischen Fakten und bietet so einen vielschichtigen und packenden Einblick in das Leben des legendären Hunnenführers Attila. Seine Prosa zeichnet sich durch einen eindringlichen Duktus und eine lebendige Bildsprache aus, die den Leser in die turbulente Epoche des 5. Jahrhunderts n. Chr. eintauchen lässt. Der Roman thematisiert nicht nur Macht und Krieg, sondern auch die komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen und die kulturellen Strömungen jener Zeit, was ihn zu einem bedeutenden Werk der deutschen Geschichtsliteratur macht. Felix Dahn, ein junger Historiker und Dichter des 19. Jahrhunderts, war tief in der Forschung zur deutschen Geschichte verwurzelt. Sein Interesse an antiken Völkern und deren sozialen Strukturen spiegelt sich in diesem Werk wider, was ihm ermöglicht, eine authentische und lebendige Welt zu erschaffen. Dahn war von der Idee fasziniert, wie Geschichte durch die individuellen Geschichten von Herrschern und Kriegern lebendig wird, und er strebte an, Lesern eine tiefere historische Einsicht zu gewähren. "Attila" ist nicht nur ein fesselndes Lesevergnügen, sondern auch ein wertvolles Geschichtszeugnis, das jedem Leser ans Herz gelegt wird, der sich für die Ursprünge europäischer Kulturen und die Kraft der Menschheitsgeschichte interessiert. Es bietet eine faszinierende Sichtweise auf eine oft missverstandene Figur und lädt dazu ein, die Komplexität des menschlichen Handelns im Angesicht von Krieg und Wandel zu reflektieren. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Felix Dahn

Attila (Historischer Roman)

Bereicherte Ausgabe. Die Welt der Hunnen und die Kriegführung gegen Rom
Einführung, Studien und Kommentare von Paul Neumann
EAN 8596547743927
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Attila (Historischer Roman)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Im Spannungsfeld zwischen der spröden Ordnung der spätantiken Reiche und der unwiderstehlichen Dynamik der Steppe entfaltet sich eine Erzählung über die Magnetkraft charismatischer Herrschaft, über die Zähigkeit und Zerbrechlichkeit politischer Bündnisse und über den Augenblick, in dem Geschichte zu Legende gerinnt und Legende ihrerseits Geschichte formt, indem Furcht, Bewunderung und Kalkül Grenzen verschieben, Loyalitäten prüfen, Sprachen und Zeichen neu deuten und die Frage offenhalten, ob Macht aus Recht, aus Gewalt oder aus dem Glauben der Gefolgschaft erwächst, und welche Kosten das Ringen um Vorrang für Sieger wie Beherrschte hinterlässt, lange nachdem die Reitertruppen verflogen sind.

Attila ist ein historischer Roman von Felix Dahn, angesiedelt in der Spätantike zwischen den eurasischen Steppen und den Grenzräumen des Römischen Reiches, insbesondere entlang der großen Flüsse, Handelswege und Hoflager, an denen Diplomatie und Drohung ineinandergreifen. Das Werk gehört zu Dahns weit gefächertem Œuvre historischer Erzählungen und Romane, die im späten 19. Jahrhundert entstanden und ein breites Publikum fanden. Dahn, zugleich Historiker und Schriftsteller, verbindet hier erzählerische Imagination mit gelehrter Kenntnis der Quellenlagen, um politische Verwerfungen, kulturelle Kontakte und die innere Logik vormoderner Herrschaft in einer dramatisch verdichteten, zugleich panoramischen Anlage sichtbar zu machen.

Ausgangspunkt ist eine Welt im Umbruch: zersplitterte Bündnisse, machtbewusste Höfe, wandernde Kriegerverbände und Grenzräume, in denen Steuern, Tribute und Eide über Krieg und Frieden entscheiden. Dahn zeichnet die frühe Konstellation, in der der hunnische Verband seinen Einfluss bündelt und Nachbarn aufmerksam, abwartend oder verängstigt reagieren. Ohne vorzugreifen, eröffnet die Erzählung Blicke in Lager, Audienzen und Ritte, die atmosphärisch dicht, aber klar geführt sind. Der Ton bleibt ernst und konzentriert, die Stimme ist ausdrücklich erzählerisch, gelegentlich oratorisch, mit Sinn für Rhythmus und Kontrast; das Leseerlebnis ist getragen von Spannung, historischer Anschaulichkeit und einer stetig wachsenden Sogkraft.

Stilistisch arbeitet Dahn mit weit ausholenden, fließenden Perioden, die durch prägnante Szenenwechsel und knapp gefasste Dialoge gegliedert werden. Landschaften, Bräuche und Rangordnungen erhalten konturierte Beschreibungen, die nicht antiquarisch verharren, sondern Handlung motivieren und Motive verdichten. Der Erzähler wahrt Distanz, ohne Kälte zu erzeugen, und gewichtet klug zwischen Überblick und Nahsicht. Militärische, diplomatische und rechtliche Begriffe sind sorgfältig gewählt, sodass sich ein Gefühl von historischer Plausibilität einstellt. Zugleich bleibt Raum für Stimmungen, Andeutungen und die leise Schwingung von Mythen, die als Wahrnehmungsfilter der Figuren erscheinen, nicht als belehrender Kommentar. So entsteht ein erzählerischer Atem, der Weite und Präzision verbindet.

Im Zentrum stehen Fragen nach Macht und Legitimität: Welche Ordnung trägt, wenn Schrift, Verträge und Eide von Reitervölkern, Hofparteien und Grenzkommandanten jeweils anders gelesen werden? Der Roman verfolgt das Wechselspiel von Furcht und Ruhm, von Gewaltandrohung und Verhandlung, von Loyalität, Verrat und dem Versuch, Recht in Bewegung zu halten. Ebenso verhandelt er Identität als Bündel aus Herkunft, Sprache, Glauben und Nutzen. Attilas Figur erscheint als Brennpunkt solcher Kräfte, weniger als psychologisiertes Einzelporträt denn als Projektionsfläche, an der sich Vorstellungen von Führung, Gemeinschaft und Schicksal kreuzen, reiben und vorläufige Gestalt gewinnen.

Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch relevant, weil es Mechanismen der Wahrnehmung in Zeiten massiver Umbrüche sichtbar macht: wie Grenzen verrückt, Identitäten verhandelt, Bedrohungen erzählt und Führung legitimiert werden. In der Begegnung von Sesshaftigkeit und Mobilität spiegelt sich eine Erfahrung, die moderne Gesellschaften weiterhin beschäftigt. Das Werk bietet Gelegenheit, die Konstruktion von Barbaren und Zivilisierten als sprachliche und politische Praxis zu erkennen und kritisch zu prüfen. Zugleich lädt es dazu ein, historische Distanz zu wahren und doch Resonanzen wahrzunehmen, die Fragen nach Verantwortung, Kalkül und Gemeinsinn neu schärfen.

Als Lektüre führt Attila in eine Welt, die zugleich fern und vertraut wirkt: geprägt von Ritualen, Rang und Rede, von schnellem Entschluss und langem Zögern. Der Roman belohnt aufmerksames Lesen mit stetig wachsenden Bezügen, deren Linien sich zu einem historischen Panorama fügen, ohne den Blick für Individuen und Augenblicke zu verlieren. Wer groß angelegte historische Erzählungen schätzt, findet hier einen Zugang zur Spätantike, der erzählerische Wucht und reflektierende Ruhe verbindet. Zugleich fordert das Buch dazu auf, Quellen, Deutungen und Narrative mitzudenken und die eigenen Maßstäbe auf die Probe zu stellen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Felix Dahns historischer Roman Attila führt in die Umbruchzeit des 5. Jahrhunderts, in der das spätrömische Imperium unter Druck gerät und Steppenvölker an seinen Grenzen Macht entfalten. Im Zentrum steht der Aufstieg des Hunnenherrschers zum prägenden Akteur zwischen Ost und West. Dahn entfaltet die Schauplätze von Hof, Heerlager und Grenzstädten, um politische Berechnung, Furcht und Prestige sichtbar zu machen. Leitend sind Fragen nach Legitimität von Herrschaft, nach der Rolle von Gewalt und Vertragstreue und nach der Stabilität von Imperien. Die Handlung setzt mit der Suche nach Ordnung in einer zersplitterten Welt ein und rahmt Attila als strategischen, nüchternen Taktiker.

Aus inneren Rangkämpfen und Rivalitäten des Steppenbundes heraus konsolidiert Attila seine Stellung, zunächst durch geschickte Teilung von Beute, dann durch Kontrolle über Gesandtschaften und Grenzabkommen. Dahn zeigt ihn als Feldherrn, der Erkundung, Drohung und Verhandlung kombiniert, um römische Tribute zu sichern und Pufferzonen zu schaffen. An den Donaulimen spannen sich Spannungsbögen: gebrochene Zusagen, überforderte Grenztruppen, misstrauische Höflinge in Konstantinopel und Ravenna. Statt triumphalistischer Schlachtenmalerei rückt der Roman die Diplomatie vor den Klingenlärm: Schreiben, Siegel und Geiseln werden zu Waffen. Zugleich wachsen Erwartungen in seinem Gefolge, das Ruhm, Versorgung und klare Führung einfordert.

Mit wachsender Durchschlagskraft richtet sich Attilas Blick auf die Balkanprovinzen und die Verkehrswege am Strom. Vorstöße gegen Städte und Festungen markieren die Grenzen römischer Wehrkraft, doch ebenso die Elastizität eines Reiches, das kaufen, verzögern und taktieren kann. Dahn schildert wechselnde Loyalitäten unter föderierten Stämmen und Hunnenverbündeten, deren Bindung weniger durch Ideologie als durch Vorteil und Ehre gesichert ist. Die kulturelle Differenz bleibt präsent, aber nie folkloristisch; wichtiger sind Rechtstitel, Versorgungsrouten und die Autorität von Befehl. In dieser Verdichtung entsteht ein Panorama spätantiker Politik, in dem jeder Schritt zugleich Probe, Drohung und Botschaft an mehrere Adressaten ist.

Ein Wendepunkt setzt ein, als sich der Schwerpunkt nach Westen verlagert und gallische Räume ins Visier geraten. Innenrömische Spannungen, Bitten um Beistand und kalkulierte Heirats- und Bündnisangebote bilden den Hintergrund für einen großen Feldzug. Ihm stellt sich ein Bündnissystem aus Römern und germanischen Königen entgegen, das mühsam geschmiedet wird und fragile Einigkeit demonstriert. Dahn baut die Zäsur über Marschbewegungen, Ränkespiele und die Rhetorik der Kriegsgründe auf und steuert eine entscheidende Schlacht in Gallien an, ohne sie in heroischer Pose zu verherrlichen. Das Ringen wirkt weniger als Duell zweier Männer denn als Balanceversuch konkurrierender Ordnungen.

Aus den Folgen dieser Konfrontation erwachsen neue Kalküle, die den Blick auf Italien öffnen. Der Roman verknüpft strategische Erwägungen mit Symbolräumen: die Aura Roms, die Verletzbarkeit der Poebene, der Nimbus heiliger Orte. Gesandte, Bischöfe und Heermeister verhandeln mit Worten, Versprechen und Drohgebärden, während Versorgung, Seuchen und Gelände die Marschpläne diktieren. Dahn inszeniert die Begegnungen als Prüfsteine politischer Legitimation: Wer spricht im Namen des Reiches, wer im Namen eines Volkes, und was vermag Furcht zu leisten, wo Münzen und Truppen fehlen? Die Erzählung beschleunigt sich, ohne die letztgültige Auflösung vorwegzunehmen, und hält die Spannung bewusst.

Parallel dazu beleuchtet die Handlung die innere Ordnung des hunnischen Hofes: Gefolgschaften, Rivalitäten, Treueschwüre und die Kunst, Beute, Ehre und Recht zu verteilen. Attilas Führung wird an Konflikten im engeren Kreis gespiegelt, an Warnungen erfahrener Ratgeber und am Drängen jüngerer Krieger. Fragen nach Erbfolge, Bündnispolitik und dem Wert schriftlicher Zusagen ziehen sich als Leitmotiv durch die Gespräche. Dahn kontrastiert Gewohnheitsrecht und römisches Gesetz, persönliche Bindung und institutionelle Macht. So entsteht ein Bild, in dem Herrschaft nur solange trägt, wie sie Erwartungen ausbalanciert, die größer werden, je weiter der Raum wächst, den ihr Anspruch umfasst.

Am Ende bleibt der Roman weniger als Heldenerzählung denn als Studie über Macht in Übergangszeiten im Gedächtnis. Er zeigt, wie Charisma, Furcht und Verhandlung kurzfristige Ordnung stiften, ohne die langfristige Fragilität zu überwinden. Die Konfrontation zwischen mobiler Bündnispolitik und alternden Institutionen erscheint dabei weder eindeutig verurteilt noch verklärt. Dahns Darstellung lädt dazu ein, Imperien als Systeme von Versprechen zu begreifen, die an Ressourcen und Vertrauen gebunden sind. Ohne die letzten Entscheidungen auszuerzählen, hinterlässt das Buch das Echo einer Welt, in der jeder Sieg den nächsten Konflikt vorbereitet und politische Klugheit ebenso entscheidend bleibt wie militärische Stärke.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Felix Dahns Roman „Attila“ ist im 5. Jahrhundert n. Chr. verankert, einer Phase der Spätantike, in der die eurasische Steppe, die pannonische Tiefebene und die Donaugrenze zentrale Schauplätze waren. Prägende Institutionen dieser Zeit waren das Oströmische und das Weströmische Reich mit ihren kaiserlichen Hofverwaltungen, das römische Heer mit foederati-Verträgen sowie die christliche Kirche, deren bischöfliche Strukturen und Synoden an Einfluss gewannen. Städte wie Konstantinopel, Ravenna und Rom fungierten als politische Zentren; Befestigungen wie die Theodosianische Mauer und der Donaulimes markierten imperiale Grenzen. Dieses institutionelle Gefüge bildet den Hintergrund für Attilas Aufstieg und die Konfrontationen mit Rom.

Die Hunnen traten im späten 4. Jahrhundert in den europäischen Quellen auf und wirkten als Katalysator der Wanderungsbewegungen germanischer Gruppen. In der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts formte sich unter den Brüdern Bleda und Attila eine vielvölkische Konföderation mit Machtbasis in Pannonien. 435 schloss das Oströmische Reich den Vertrag von Margus, der regelmäßige Tributzahlungen und die Auslieferung von Flüchtigen vorsah. Nach Attilas Alleinherrschaft ab etwa 445 intensivierten sich Forderungen und Druck auf Konstantinopel. Die Konföderation stützte sich auf Reiterkriegsführung, rasche Operationen entlang der Donau und die Einbindung abhängiger Gruppen wie Goten, Gepiden, Rugier und Alanen.

Zwischen 441 und 443 fielen hunnische Heere in die Balkanprovinzen ein, eroberten Städte an der unteren Donau und zwangen das Oströmische Reich zu erhöhten Zahlungen. 447 erreichte eine weitere Offensive nach schweren Erdbebenschäden an den Stadtmauern die Nähe Konstantinopels und den Raum Thrakien bis nach Thermopylen. Der Frieden von 447 (häufig mit dem Namen des Gesandten Anatolius verbunden) sah drastisch gesteigerte Tribute in Gold vor. Trotz der Stärke der Theodosianischen Mauer konnte der Hof in Konstantinopel die Bedrohung vor allem durch Diplomatie, Zahlungen und zügige Reparaturen der Befestigungen eindämmen, während die Donaugrenze militärisch und finanziell überdehnt blieb.

Ein zentrales zeitgenössisches Zeugnis liefert der Historiker Priskos, der 449 als oströmischer Gesandter Attilas Hof besuchte. Seine erhaltenen Fragmente schildern ein Hoflager mit hölzernen Palisaden, festlichen Banketten, mehrsprachigen Gesprächen und einem Herrscher, der sich demonstrativ maßvoll gab. Die Berichte zeigen auch, wie römische Diplomatie mit Geschenken, Verträgen und Geiseln operierte. Nach dem Tod Theodosius’ II. 450 beendete Kaiser Marcian wesentliche Zahlungen an die Hunnen, was das Kräftegleichgewicht in der Region verschob. Diese veränderte Lage bildete den Hintergrund dafür, dass sich Attilas strategischer Schwerpunkt 451 nach Gallien und 452 nach Italien verlagerte.

451 überschritten hunnische und verbündete Kontingente den Rhein und zogen plündernd durch Gallien. Der weströmische magister militum Flavius Aëtius formte eine Koalition aus Römern und foederati, darunter die Westgoten unter Theoderich I. Die Entscheidungsschlacht auf den Katalaunischen Feldern bei Chalons endete ohne vollständige Vernichtung einer Seite; Theoderich I. fiel, Attila wich schließlich aus Gallien zurück. Zeitgenössische und spätere Quellen wie Jordanes und Hydatius betonen die außergewöhnliche Größe der beteiligten Heere, doch genaue Zahlen sind nicht gesichert. Die Schlacht markierte eine der letzten großen Feldentscheidungen im Westen vor dem Zerfall römischer Machtstrukturen.

452 drang Attila über die Alpen nach Oberitalien vor. Aquileia wurde nach Belagerung zerstört, weitere Städte der Poebene litten schwer. Eine denkwürdige Episode ist die Begegnung Attilas mit dem römischen Bischof Leo I. am Mincio, die in römischen und kirchlichen Traditionen hervorgehoben wird. Die Gründe für Attilas Rückzug aus Italien sind in den Quellen nicht eindeutig; genannt werden militärische Lage, Versorgungslage, Krankheitsausbrüche und Druck an der Donaugrenze. Faktisch kehrte er in die pannonische Basis zurück, während Italien verwüstet blieb und die westliche Zentralgewalt weiter an Autorität verlor.

Attila starb 453; antike Autoren berichten von einem plötzlichen Tod in der Nacht. 454 besiegte eine germanische Koalition unter Ardarich, König der Gepiden, die Hunnen in der Schlacht am Nedao. Damit zerfiel die hunnische Konföderation rasch in rivalisierende Gruppen; Söhne Attilas konnten keine stabile Nachfolge durchsetzen. Im Westen setzte der strukturelle Niedergang sich fort: 455 wurde Rom von den Vandalen unter Geiserich geplündert, und 476 wurde der letzte weströmische Kaiser Romulus Augustulus abgesetzt. Auf dem Boden ehemaliger römischer Provinzen festigten sich frühmittelalterliche Reiche wie das der Westgoten, Burgunden und Ostgoten.

Felix Dahn (1834–1912) war Jurist und Historiker und popularisierte in seinen Romanen die Völkerwanderungszeit auf Grundlage antiker Autoren wie Priskos, Jordanes und spätantiker Chroniken. Sein Attila-Roman entstand im Kontext des 19. Jahrhunderts, als im Deutschen Reich Geschichtsschreibung, Philologie und Rechtsgeschichte die Herkunft von Völkern, Rechten und Reichen intensiv diskutierten. Das Werk spiegelt die Spannungen von Spätantike und Frühmittelalter – Konflikte von Imperium, Föderaten und Kirche – und fungiert zugleich als populärer Kommentar zu Machtwechseln, Ethnogenese und Staatsbildung. Als literarische Verarbeitung macht es die Quellenlage zugänglich, ohne ihren fragmentarischen Charakter aufzulösen.

Attila (Historischer Roman)

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Buch.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Zweites Buch.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Drittes Buch.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel.
Viertes Buch.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Fünftes Buch.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Sechstes Buch.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.

Erstes Buch.

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Dunkel lag die schwüle Sommernacht auf dem gewaltigen Donaustrom[1q].–

Fast einem Meeresarme glich die unüberblickbare Breite der Fluten, die, an den beiden Uferseiten oft in Schlamm quotedPRumpfend, auch in der Mitte des Bettes die ungeheueren Massen ihrer Gewässer nur träge vorwärts wälzten nach Osten: denn sehr zahlreich waren die kleinen Werder, die, mit Busch- und Baumwerk üppig begrünt, dem rinnenden Zuge hemmend sich vorgelagert hatten. – Eines dieser schmalen Eilande erhob sich nur wenig über den Spiegel des Flusses; rings von manneshohem Schilf umgürtet trug es nur ein paar Bäume: uralte Weidenstämme, nicht sehr hoch aufgeschossen, jedoch von mächtigstem Umfang, knorrig, mit phantastischen Auswüchsen an Krone, Ästen und Rinde.

Der Mond stand nicht am Himmel; und die Sterne waren bedeckt von dichtem Gewölk, das der feuchtwarme Südwest mit triefenden Schwingen langsam vor sich her schob. Im fernen Osten aber zuckte zuweilen fahler Schein über den schwarzen Himmel hin, geisterhaft, unheimlich; noch drohender drückte dann die dem raschen Aufleuchten folgende tiefe, wie Verderben brütend schweigende Nacht. – – Mit leisem Gurgeln und Zischen drängte sich das Gerinn des Stromes langsam, zögernd an der kleinen Aue vorüber, die, im Westen breit, gegen Osten spitz zulaufend, ungefähr ein Dreieck bildete. Das Schilf ging allmählich auf den sumpfigen flachen Ufern der Insel in dichtes Weidengebüsch über und in stachligen Seidelbast. – Rings alles dunkel, einsam, still: selten nur stieg in dem tiefen Strom ein Raubfisch empor, der, in nächtlicher Jagd, patschend aufschlug: dann ein kurzes Kreiseln auf der Oberfläche – gleich wieder alles ruhig.– – Da flog plötzlich aus dem Gebüsch des linken, des nördlichen Ufers ein großer Vogel schwerfällig auf: – laut kreischend, mit schrillem Warnruf. Er strich langsam auf den Werder zu: aber, im Begriff, auf einer der alten Weiden aufzubäumen, – schon schwebte er über deren Wipfel – schwang er sich plötzlich, jäh ablenkend, mit wiederholtem, aber noch viel lauterem Ruf des Schreckens und der Warnung, hoch empor und eilte nun, mit hastigem, scharf klatschendem Flügelschlag, in ganz anderer Richtung, nach Osten, dem Strom folgend, davon: bald war er in dem Nachtgewölk quotedPRchwunden.

Auf dem Eiland aber regte sich's nun leis in dem Weidengebüsch. Eine Gestalt, die bisher, ganz quotedPRteckt in dem Strauchwerk, auf dem feuchten Ufersand sich niedergekauert gehalten hatte, richtete sich ein wenig auf. »Endlich!« sprach eine jugendliche Stimme leise. Der Jüngling wollte aufspringen. Aber ein zweiter Mann, der neben ihm in dem Gestrüpp verborgen lag, zog ihn am Arme nieder und flüsterte: »Still, Daghar. Die den Reiher aufgescheucht, können auch Späher sein.«

Von dem Nordufer her näherte sich nun rasch der kleinen Insel, von dem dunkeln Spiegel der Flut noch dunkler, weil massig, sich abhebend, ein länglicher Streif, wie ein schwarzer Schatte dahingleitend. Es war – schon konnte man es jetzt unterscheiden – ein Kahn: pfeilschnell schoß er heran; und doch völlig lautlos. Die vier Ruder mieden sorgsam jedes Geräusch beim Eintauchen, beim Anziehen und beim Aufheben. – Schon flog, mitten im Anlaufen geschickt gewendet, der Nachen nicht mit dem spitzen Vorderbug, sondern mit dem breiten Hintergransen in das dichte Schilf: das knisternde Reiben der steifen Rohre an der dahingleitenden Seitenwand des Bootes, das wehende Rauschen der dabei gestreiften federgleichen Blüten war der einzige wahrnehmbare Laut. Die beiden Ruderer sprangen an das Ufer und zogen den Kahn noch höher auf das Land.

Die beiden Wartenden hatten sich einstweilen erhoben: schweigend reichten sich die vier Männer die Hände: kein Wort ward gewechselt. Schweigend gingen sie von dem Ufer weiter in das Innere der Aue, die im Westen, Norden und Süden sanft sich erhöhte, nach Osten steiler abfiel; sie näherten sich so den mächtigen Weidenstämmen oben auf dem Scheitel der Insel. Da machte der ältere der beiden früher schon Angelangten Halt, hob das behelmte Haupt, warf das langwallende weiße Haar in den Nacken und sprach mit Seufzen: »Gleich nächtlichen Schächern müssen wir uns zusammenstehlen – wie zu verbotener Meinthat.« »Und es gilt doch der edelsten aller Thaten,« rief der Jüngling an seiner Seite, den Speer fester fassend: – »der Befreiung.«

»Der Tod schwebt über unsern Häuptern!« flüsterte warnend der jüngere der beiden Ankömmlinge, den braunen Bart, den ihm der nasse Wind in das Gesicht schlug, niederstreichend.

»Der Tod schwebt überall und immer ob den Sterblichen, Graf Gerwalt,« erwiderte sein Kahngenosse: Festigkeit und ZuquotedPRicht lagen in seiner Stimme. »Ein wackres Wort, König Ardarich!« rief der Jüngling. »Nur die Art des Todes macht den Unterschied,« nickte der in den langen weißen Haaren. »Gewiß, König Wisigast,« fiel Gerwalt ein. »Und mir graut vor den Qualen, unter denen wir sterben werden, ahnt er nur, daß wir uns heimlich trafen.« Er schauderte.

»Allwissend ist er doch nicht!« eiferte der Jüngling grimmig. »Das ist nicht einmal Wodan,« meinte der greise König. »Aber kommt,« mahnte Gerwalt, den dunkeln Mantel fester um die stämmigen Schultern ziehend. »Der Wind wirft uns plötzlich ganze Schaufeln voll Regen in die Augen. Dort – unter der Weide – finden wir Schutz.«

Alle vier traten nun auf die Nordostseite unter den Schirm des breitesten der Weidenstämme: reichlich fanden sie hier Raum nebeneinander.

»Beginne gleich, König der Rugen,« mahnte Gerwalt, »und ende bald. Weh' uns, wenn wir nicht sichere Stätte wiedergewonnen haben, bevor der erste Tagesdämmer aufglänzt. Seine Reiter, seine Späher stecken, jagen, lauern überall. Wahnsinn war es, daß ich mich bereden ließ, hierher zu kommen. Nur, weil ich so hoch dich ehre, König Wisigast, meines Vaters Freund, nur weil du, König Ardarich, mir die Schwertleite gabst vor zwanzig Wintern, – weil ich euch beide warnen will, solang ich Atem habe, zu warnen. Bloß deshalb ging ich mit zu diesem tödlichen Wagegang. – Mir war's, auf dem schattendunkeln, leise fortziehenden Strom: – wir fahren nach Hel!« »Nach Hel kommen nur Feiglinge,« brauste der Jüngling auf, zornig die dunkelblonden, kurzkrausen Locken schüttelnd, »die den Bluttod scheuen.«

Der Braunbärtige fuhr mit der Faust an das Kurzschwert im Wehrgehäng.

»Beginne, Freund Wisigast,« mahnte König Ardarich, sich an den Stamm der Weide lehnend und den Speer schräg vor die Brust drückend, den flatternden Mantel zusammenzuhalten. »Und du, jung Daghar, bändige dich. Ich sah diesen Alamannengrafen einst neben meinem Schildarm stehen, dort – an der Marne – da hielten nur noch die allertodeskühnsten Helden stand.« »Was ich zu sagen hätte,« begann der Rugenkönig, – »ihr wißt es selbst. Unertragbar ist's, des Hunnen Joch! Wann wird es fallen?« »Wann die Götter es brechen,« sprach Gerwalt.

»Oder wir,« rief Daghar. Aber König Ardarich sah sinnend vor sich hin und schwieg.

»Ist es etwa nicht unertragbar, Graf Gerwalt?« fragte der König, »Du bist ein tapferer Mann, Suabe: und ein stolzer Mann, stolz, wie dein ganzes hochgemutes Volk. Muß ich dir vorhalten, was du kennst, was du erduldest, so voll wie wir? Der Hunne herrscht, so weit er will. Nicht Rom, nicht Byzanz wagt noch den Kampf mit ihm, dem Schrecken aller Länder! Und den Schrecken aller Meere, den furchtbaren Vandalen Geiserich, nennt er seinen Bruder. Alle Völker hat er sich unterworfen von den Thoren von Byzanz im Mittag bis zu den Bernsteininseln des Mitternachtmeeres. Und wie herrscht er! Nach Willkür! Nach Laune ist er manchmal großmütig, aber nur seine Laune auch begrenzt ihm immerdar die Gewalt, überall die Grausamkeit, den Frevel. Kein König ist seiner Würde, kein Bauer seiner Garbe, zumal kein Weib seines Gürtels sicher vor seiner Willkür, seinem Gelüst. Jedoch tiefer noch als die andern Stämme, die er mit seinen Hunnen bezwang, erbarmungsloser tritt er uns in den Staub, uns, die Völker mit lichtem Haar und blauem Aug', die wir in Asgardh unsre Ahnen haben. Uns »Germanen« – wie der Römer uns nennt – nicht unterdrücken nur, – schänden will er uns.«

»Ausgenommen mich,« sprach König Ardarich ruhig, ein wenig sich aufrichtend, »und meine Gepiden.«

»Jawohl,« rief Daghar unwillig, »dich – und dann noch den Amaler Valamer, den Ostgoten. Euch rühmt er seinen Speer und sein Schwert. Euch ehrt er, – aber um welchen Preis! Wofür zum Lohn?« – »Zum Lohn unsrer Treue, junger Königssohn.« »Treue! Ist das der höchste Ruhm? Mich lehrte man anders in der Skiren Königshalle! – Der blinde Vater, König Dagomuth, sang es zur Harfe schon dem Knaben, bis ich's spielend lernte:

Reichster Ruhm, Edelste Ehre, – Höre 's gehorchend:– Ist Heldenschaft.«

»Und gut hast du, jung Daghar, beides vom Vater gelernt: die Heldenschaft und das Harfen. Den besten Sänger, den hellsten Harfner rühmen dich ringsum Männer und Maide. Und tapfer sah ich – zu meines Herzens Freude – das Schwert dich schwingen gegen Byzantiner und Sklabenen. Nun lerne noch dies: – vom älteren Manne lernen, Daghar, ist nicht schmachvoll! – all' Heldentum hebt an mit Treue.« »Und das ist alles?« fragte Daghar ungeduldig. »Von mir – zu ihm – ja!« »So hast du denn, Freund Ardarich,« mahnte König Wisigast, »kein Herz für deine Stammgenossen, Nachbarn, Freunde? Es ist wahr–: der Gepiden und der Ostgoten Rechte hat er – bisher! – gewahrt: euch hält er die Verträge ein. Aber all' uns andre? Meine Rugen, Dagomuths Skiren, die Heruler, die Turkilinge, die Langobarden, die Quaden, die Markomannen, die Thüringe, deine Suaben, Gerwalt, – ist es ihm nicht Wollust, auch den Treuverbliebenen jedes Vertragsrecht nach Willkür zu brechen? Euch ehrt – euch belohnt er mit reichen Schatzgaben, mit Beuteanteilen, auch wo ihr gar nicht gefochten habt – und uns? – Uns bricht er und nimmt er, was uns gebührt. Glaubst du, das weckt nicht Haß und Neid?«–

»Gewiß,« seufzte Ardarich, den grauen Bart streichend. »Es soll ihn ja wecken!« »Er legt es darauf an,« fuhr der Rugenkönig fort, »uns andere zur Verzweiflung, zum Losbrechen zu treiben.« »Um euch sicher zu vernichten,« nickte Ardarich traurig.

»Deshalb fügt er zum Drucke den Hohn, die Schmach. So hat er den Thüringen zu der alten Jahresschatzung von dreihundert Rossen, dreihundert Kühen, dreihundert Schweinen plötzlich auferlegt eine Jahresschatzung von – dreihundert Jungfrauen.«

»Ich erschlag' ihn doch noch, den Jungfrauenschänder!« schrie da laut jung Daghar.

»Nie gelangst du, Hitzkopf,« erwiderte Gerwalt, mit der Hand winkend, »auf Speeresweite an seinen Leib. In dichten Klumpen umballen ihn überall auf Schritt und Tritt seine Hunnen wie Bienen den Schwarmkorb.« – »Und die tapfern Thüringe« – forschte König Ardarich sehr aufmerksam – »haben sie's schon bewilligt?« – »Weiß nicht,« fuhr Wisigast fort. – »Ja, vor ein paar Jahren, da ging ein Hauch des Hoffens durch die zitternden Völker: sie hoben aufatmend die gebeugten Häupter! Als dort in Gallien – gedenkst du's noch, Freund Ardarich? – jener Fluß nicht mehr fließen konnte – so voll lag er von Leichen! – und blutschäumend über die Ufer quoll?«

»Ob ich's gedenke!« stöhnte der Gepide. »Zwölftausend meines Volkes liegen dort.« – »Da mußte er, der Allgewaltige, zum erstenmal weichen. »Dank den herrlichen Westgoten und dank Aëtius[1],« rief Daghar.

»Und als er bald darauf,« fiel Gerwalt ein, »auch in Italia umkehrte vor einem alten Mann, einem Priester aus Rom, der an einem Stecken ging, da hofften die Geknechteten im ganzen Abendland–«

»Es geht zu Ende, die Gottesgeißel ist geknickt,« fuhr Wisigast fort. »Schon flackerte dort und da die Flamme der Freiheit auf!« rief Daghar. »Zu früh!« sprach der Gepidenkönig ernst. »Ja freilich, zu früh,« seufzte Gerwalt. »Mit Strömen Bluts hat er gelöscht.« – »Und jetzt!« klagte Wisigast. »Verderblicheres als je zuvor plant er für das nächste Frühjahr. Zwar seine letzten Ziele hält er noch streng verhüllt: – nur ahnen mag man sie: – aber ungeheuer müssen sie sein, nach den ungeheueren Mitteln, die er aufbietet. All' seine Völker – wohl viele hundert Namen! – aus beiden Erdteilen! Und aus dem dritten, aus dem mittägigen Land, aus Afrika, reicht ihm der Vandale die Hand zum fürchterlichen Bunde!«

»Wem mag es gelten? Wieder dem Westen?« forschte Gerwalt. »Oder dem Ostreich?« fragte Daghar. »Oder beiden!« schloß Ardarich. »Wie dem sei,« fuhr der Rugenkönig fort, »sechsmal so stark wie vor drei Jahren wird er sein! Und die Gegner? In Byzanz ein Schwächling auf dem Thron! Im Westen? Aëtius in Ungnade bei Kaiser Valentinian, vom Mörderdolch bedroht. Bei den Westgoten drei, vier Königsbrüder, hadernd um die Krone. Verloren ist die Welt, für immerdar verloren, werden auch Gallien und Spanien geknechtet. Dann stürzen auch Byzanz und Rom. Er muß fallen, bevor er auszieht zu diesem letzten Kampf, zu einem zweifellosen Sieg. Sonst ist der Erdkreis ihm verknechtet. Hab' ich recht oder hab' ich unrecht, Freund Ardarich?«

»Recht hast du,« seufzte der und drückte die geballte Linke an die Stirn.

»Nein, unrecht hast du, König Wisigast!« rief der Alamanne dazwischen. »Du hättest recht, wär' er ein Sterblicher wie wir und gleich andern Sterblichen bezwingbar. Er aber ist ein Unhold! Der Christenhölle entstiegen! so raunen unsere Priester des Ziu, eines Unholds Sohn und einer wölfischen Alraune. Speer nicht spürt er, Schwert nicht schlägt ihn, Waffe nicht wundet! Ich hab' es erlebt, gesehen! Ich stand neben ihm an jenem Strom in Gallien: ich stürzte, und Hunderte, Tausende stürzten neben mir unter dem Gewölk von Pfeilen und von Speeren: er stand! Aufrecht stand er! Er lachte! Er blies – ich hab's gesehen! in den spitzen, kargen Kinnbart – und die römischen Pfeile prallten wie Strohhalme zurück von seinem Elchvließ. Daß er kein Mensch ist, das zeigt am besten seine – Grausamkeit!«

Er quotedPRtummte und schauderte. Er schlug beide Hände vor die Augen. »Dreißig Jahre sind es bald,« fuhr er nach einer Weile fort. »Ich war ein Knabe. Aber immer noch seh' ich sie vor mir – auf den spitzigen Pfählen sich windend, noch hör' ich sie brüllen vor Schmerz – im Aufruhr gegen den Schrecklichen von ihm gefangen – den greisen Vater, den Bruder, die ganz schuldlose Mutter. Und – vor unsern Augen! – meine vier schönen Schwestern zu Tode gequält von ihm, dann von seinen Roßknechten! Mir stieß er das Antlitz auf den zuckenden Leib des Vaters und sprach: »So endet Untreue wider Attila. Knabe, lerne hier die Treue. – Ich habe sie gelernt!« schloß er mit bebenden Lippen.

»Auch ich,« sprach der König der Gepiden. »Anders: aber noch eindringlicher. Den Schrecken? Ich würd' ihn abschütteln. Ich hatte ihn abgeschüttelt! Aber mich zwingt der stärkste Zwang: die Ehre! – Auch ich fand – vor geraumer Zeit – wie heute du, Freund Wisigast! – das Joch nicht mehr ertragbar und wollte mein Volk, den Erdkreis retten. Alles war vereinbart: der Bund mit Byzanz, der geheime Vertrag mit gar vielen Germanenkönigen und Häuptlingen der Sklabenen. Ich lag in meinem Zelt und schlief – drei Nächte vor dem beredeten Tag. Als ich erwachte, saß er – er selbst – an meinem Bett! Entsetzt wollte ich auffahren. Da drückte er mich sanft mit der Hand auf das Lager zurück und sagte mir – unsern ganzen Plan und den Vertrag – vier Seiten eines römischen Briefes füllte er – auswendig! her. Dann schloß er: »Die andern sind schon gekreuzigt, alle siebzehn. Dir verzeihe ich. Ich lasse dir dein Reich. Ich traue dir. Sei mir fortan getreu.« – Am selben Tage noch jagte er mit mir und meinen Gepiden allein im Donauwald. Ermüdet schlief er ein, das Haupt auf meinen Knieen. So lang er lebt, muß ich ihm Treue halten.«

»Und die Welt muß hunnisch sein und bleiben!« klagte der König der Rugen. »Ja, so lang er lebt.« – »Nach dem nächsten Sieg der Hunnen ist sie's dann für immerdar.« »Die Söhne Attilas,« sprach Ardarich nachdrucksvoll, »sind nicht er selbst.« – »Wohl! Aber Ellak[2] ist kein Schwächling und stark genug, nach diesem neuen Siege zu behaupten, was der Vater gewann. Dann giebt es keinen Feind auf Erden mehr gegen das Hunnenreich.« »Dann – doch wohl!« sprach Ardarich. »Echte Königsrede,« rief Daghar ungeduldig. »Allzu rätselhaft! So muß denn gekämpft werden ohne die Gepiden – am Ende gegen sie! König Wisigast, schicke mich zu Balamer, dem Amalung. Ich will ihn–«

»Spar' dir den Ritt, jung Daghar,« sprach Ardarich. »Hat er auch den begnadigt und – gefesselt?« zürnte der Jüngling. – »Nein. Aber Blutbrüderschaft haben sie getrunken.« »Pfui des ekeln Hunnenbluts!« rief der Königssohn. – »Auch der Ostgote kämpft nicht gegen das Hunnenreich, solang Attila lebt.« »Der kann noch lange leben; sechsundfünfzig Winter zählt er erst,« grollte Daghar. »Und unterdessen geht die Welt verloren,« seufzte Wisigast.

»Besser die ganze Welt,« sprach der Gepide ruhig, voll sich aufrichtend, »als meine Ehre. – Komm, Gerwalt, wir brechen auf. Ich kam, weil ich längst ahnte, was Freund Wisigast sinnt. Ihn hören, ihn warnen wollt' ich um jeden Preis, auch unter Wagung des Lebens, nur nicht der Ehre. Alter Rugenheld im weißen Haar: – das hoffst du selber nicht, die Hunnenmacht zu brechen, wenn Valamer und ich sie stützen. Und wir müssen sie stützen, greifst du – jetzt! – sie an. König im grauen Bart, hast du die erste Königskunst noch nicht gelernt: – warten? Hörst du nicht, alter Kampfgenoß: warten!«

»Nein, nicht warten!« rief leidenschaftlich Daghar. »Laß, König Wisigast, Gepiden und Ostgoten den höchsten Kranz des Siegs, des Ruhms quotedPRchlafen. Wir warten nicht! Du sagst es ja, nach nächstem Frühjahr ist's zu spät. Wir schlagen los! Wie? Wir sollten nicht stark genug sein? Deine Rugen! Meine Skiren! Wisand der Heruler mit starker Söldnerschar! Der edle Langobarde Rothari mit seiner Gefolgschaft! Der edle Markomanne Vangio mit seinen Gesippen! Die drei Häuptlinge der Sklabenen Drosuch, Milituch und Sventoslav! Endlich quotedPRprach ja selbst der Kaiser zu Byzanz, durch seinen nächsten Gesandten an den Hunnen insgeheim uns Gold und Waffen...«

»Wenn er's nur hält!« unterbrach Ardarich. »Junger Königssohn, du gefällst mir. Harfen kannst du hell und schlagen und reden kannst du rasch. Nun lern' auch noch das vierte – schwerer und für den künftigen König nötiger als beides – schweigen! Wenn ich nun alle, die du aufgezählt, dem großen Hunnenchan angebe?«

»Das thust du nicht!« rief der Jüngling: aber er erschrak.

»Ich thu' es nicht, weil ich mir selbst gelobt, geheim zu halten, was mir hier vertraut wird. Ich darf es geheim halten: denn nur euch, nicht Attila droht dieser Anschlag Verderben. Du zweifelst, kühner Daghar? Alle, die du genannt – und wögen sie zehnmal schwerer! – nicht einen Span splittern sie aus Attilas über die Erde gespanntem Joch. Schad' um deine rasche Jugend, du feuriger Held! Schade um dein weißes, theures Haupt, mein alter Freund! Ihr seid verloren, laßt ihr euch nicht warnen. Wartet! – Du weigerst den Handschlag, Wisigast? Du wirst es bereuen, wann du einsehen wirst, daß ich mit Recht gewarnt. Aber meine Hand – ob heute ausgeschlagen – bleibt deines besten Freundes Hand. Und bleibt immer offen nach dir ausgestreckt: das merke! – Ich komme, Gerwalt.«

Und er quotedPRchwand nach links hin in dem Dunkel. Fast unhörbar glitt auf der Nordseite des Werders der schmale Nachen in die schwarze Flut.–

Nachdenksam sah der Greis dem Freunde nach; er stützte beide Hände auf den Knauf des mächtigen Langschwerts, das er unter dem Mantel im Wehrgehänge trug; langsam, wie von schweren Gedanken belastet, sank ihm das Haupt auf die Brust. »König Wisigast,« drängte der Jüngling, »du wirst doch nicht schwanken?« »Nein,« erwiderte dieser gedrückt. »Ich schwanke nicht mehr. Ich gab es auf. Wir sind verloren, wagen wir's allein.« »Und wären wir's,« rief Daghar ausbrechend in lodernder Glut, »wir müssen's dennoch wagen! Vernimm, was ich – vor den Fremden – quotedPRchwieg. Wir müssen handeln! Sofort!« – »Warum?« – »Weil ... weil! Um ihrer, um deiner Tochter willen.« – »Ildicho! Was ist mit ihr?« – »Sein Sohn hat sie gesehen und ...–«

»Welcher?« – »Ellak. Er kam in eure Halle, als du zu uns zur Jagd geritten warst.« – »Wer sagte dir's? Er doch sicher nicht.« – »Sie selbst–!«

»Und mir nicht?«