Auch wenn es mich das Leben kostet! - Stephan Hausner - E-Book

Auch wenn es mich das Leben kostet! E-Book

Stephan Hausner

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Beschreibung

"Stephan Hausner gilt zu Recht als einer, wenn nicht der Experte für Symptom- und Krankheitsaufstellungen. In unverwechselbar eigenständiger Weise hat er neue Leitideen, Schwerpunkte, Zusammenhänge und Vorgehensweisen für das Familienstellen mit Kranken entwickelt. Da er die Vorgänge während der Aufstellungen in einer leicht verständlichen und eingängigen Sprache beschreibt, ist dieses Buch nicht nur für professionelle Helfer im medizinischen Bereich, sondern auch für Betroffene mit großem Gewinn zu lesen." Dr. med. Gunthard Weber "Ich empfehle dieses Buch allen, die mit Familienaufstellungen arbeiten." Daniel Benor, The International Journal of Healing and Caring Es gibt viele Gründe, warum Patienten, trotz aller ärztlichen Kunst, keine positiven Reaktionen auf die medizinische Therapie zeigen, warum Kranke mit chronischen Symptomen von einem Arzt zum nächsten laufen und dennoch keine Linderung erfahren. Stephan Hausner hat in seiner langjährigen Arbeit als Heilpraktiker erfahren, dass generationsübergreifende Verstrickungen und familiendynamische Zusammenhänge Hindernisse auf dem Weg zur Gesundheit sein können. Systemaufstellungen können eine medizinische Behandlung unterstützen, besonders wenn diese bis dahin nicht zum Erfolg geführt hat. Der Blick auf familiäre, generationsübergreifende Hintergründe kann ein wichtiger Baustein sein in einem ganzheitlichen Behandlungskonzept. Er öffnet dem Arzt bzw. Therapeuten neue Wege und kann Ressourcen zur Selbstheilung aktivieren. Dieses Buch gibt einen Einblick in das heilsame Potenzial von Systemaufstellungen. Nach einer kurzen Einführung in die Grundlagen des Familienstellens und der Vorgehensweise bei Aufstellungen mit Kranken lässt Hausner die Patienten selbst zu Wort kommen. Anhand zahlreicher Fallbeispiele aus seiner Arbeit mit Aufstellungsgruppen zeigt er mögliche Zusammenhänge von Krankheit und Familienthemen sowie Lösungsmöglichkeiten auf. Übersetzungen dieses Buches sind bisher auf Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Holländisch, Russisch, Chinesisch, Lettisch, Kroatisch, Estnisch, Türkisch, Kroatisch, Rumänisch, Arabisch erschienen. Der Autor: Stephan Hausner arbeitet seit 1988 als Heilpraktiker in eigener Praxis mit den Schwerpunkten Homöopathie, medizinische Radiästhesie, Physioenergetik und Osteopathie. Lehrtätigkeit an verschiedenen Heilpraktikerschulen. Weiterbildung in Familienstellen bei Bert Hellinger und in verschiedenen Methoden der humanistischen Psychotherapie bei Carl O. Simonton, Jeanne Achterberg, Max Schüppach, Anngwyn St. Just u. a. Seit 1993 Aufstellungsarbeit in Gruppen- und Einzeltherapie im In- und Ausland mit besonderer Aufmerksamkeit in der Anwendung am Kranken. Mitbegründer der Fortbildungseinrichtung "Systemaufstellungen Chiemgau GbR". Mitarbeit im Forschungsprojekt SISC-Studie, einer internationalen multizentrischen Studie zu den Prozessen in und den Wirkungen von Symptom- und Krankheitsaufstellungen unter der Leitung von Dr. Gunthard Weber.

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Seitenzahl: 410

Veröffentlichungsjahr: 2025

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In Liebe und Dankbarkeit meiner Frau Birgit gewidmet,die mir durch ihren vermehrten Einsatzfür Haus und Kinder den sozialen Rückzug ermöglichte,dessen die Entstehung dieses Buches bedurfte.

Auch unseren wunderbaren KindernSimon, Janika, Sophia, Joanna, Leonie und Gabrielging dadurch viel gemeinsame Vater- und Familienzeit verloren.Ich bitte sie, mir das nachzusehen.

Stephan Hausner

Auch wenn es mich das Leben kostet!

Systemaufstellungen als Lösunghilfe bei Krankheiten und anhaltenden Symptomen

Sechste Auflage, 2025

Umschlaggestaltung: Uwe Göbel

Umschlagfoto: Sandra Lode

Skulptur: von der Goltz, Hubertus: Aus dem Nichts, 1993.

© VG Bild-Kunst 2010

Satz u. Grafik: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten

Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Sechste Auflage, 2025

ISBN 978-3-8497-0230-4 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8383-9 (ePub)

© 2008, 2025 Carl-Auer-Systeme Verlagund Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

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Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg

Tel. +49 6221 6438-0 • Fax +49 6221 6438-22

[email protected]

Inhalt

Vorwort

Vorbemerkung

1. Einführung

1.1 Verkürzte Einführung in die Grundlagen des Familienstellens

1.1.1. Die Familie als Schicksalsgemeinschaft

1.1.2 Die Vorgehensweise

1.2 Die Krankheits- und Symptomaufstellung

1.3 Die Aufstellung des erkrankten Organs

1.4 Arbeitskontext und Leitgedanken

1.4.1 Der Rahmen und die Haltung

1.4.2 Die Leitgedanken

1.4.2.1 Das Ja zum Leben und das Nein

1.4.2.2 Lieber krank als allein: Die primäre Liebe des Kindes

1.4.2.3 Wie innen so außen: Die Entsprechung der Symptomatik

1.4.3 Ausgrenzung, Zustimmung und Einklang

2. Fallgeschichten, Rückmeldungen und Kommentare

2.1 Krankheit und Bindungsverhalten des Kindes

2.1.1 Krankheit und Bindungsverlust des Kindes durch eine frühe Trennung von der Mutter

2.1.2 Krankheit und Bindungsverlust des Kindes durch die Krankheit eines Elternteils

2.1.3 Krankheit und Bindungsverlust des Kindes durch den Tod eines Elternteils

2.1.4 Krankheit und Bindungsverunsicherung des Kindes durch Trauma

2.1.5 Krankheit und unterbrochene Hinbewegung

2.1.6 Krankheit und Bindungsverunsicherung des Kindes durch eingeschränkte emotionale Verfügbarkeit der Eltern

2.1.7 Krankheit und Bindungsverunsicherung des Kindes durch familiäre Verstrickungen

2.2 Krankheit und die Identifizierung mit früheren Partnern der Eltern

2.3 Krankheit und das Schicksal der Großeltern

2.4 Krankheit und die Ausgrenzung von Personen der Gegenwartsfamilie

2.4.1 Ausgegrenzte und nicht angenommene Kinder

2.4.2 Paarbeziehung, Krankheit und Symptomatik

2.4.3 Krankheit und inzestuöse Beziehung

2.5 Krankheit und das Bedürfnis nach Ausgleich und Sühne

2.5.1 Krankheit und Überlebensschuld

2.5.2 Schuld und Sühne für eigenes Verhalten

2.5.3 Krankheit und übernommene Schuld und Sühne

2.5.4 Krankheit und die Identifizierung mit Opfern

2.5.5 Krankheit und die Identifizierung mit Tätern

2.6 Krankheit und die Verheimlichung systemisch relevanter Ereignisse

2.7 Verschiedenes

2.7.1 Fluch und Segen

2.7.2 Das Anhaften der Toten

2.7.3 Im Angesicht von Abschied und Tod

2.7.4 Organspende und Transplantation

2.7.5 Erbkrankheiten

2.7.6 Iatrogene Krankheiten und medizinische Kunstfehler

2.7.7 Bedenkliches: Symptombildung durch Aufstellungen?

3. Schlussbetrachtung

4. Ausblick

Literatur

Stichwortindex

Über den Autor

Vorwort

Das Aufstellen von sozialen Systemen hat sich in den 90er Jahren als Beratungs- und Therapiemethode in vielen Bereichen, wie z. B. in pädagogischen Einrichtungen, Gefängnissen oder in der Organisations- und Politikberatung, und in zahlreichen Ländern angesiedelt und dehnt sich dort stetig aus. Wenn man einmal davon absieht, dass der Ansatz inzwischen auch in psychosomatischen Kliniken Fuß gefasst hat, wird er im direkt somatisch-medizinischen und psychiatrischen Bereich bisher kaum zur Kenntnis genommen, geschweige denn angewandt. Dort betrachtet man das Familienstellen allenfalls als eine der Methoden der alternativen Medizin, neben Homöopathie und Tradidtioneller Chinesischer Medizin und Akupunktur, und innerhalb der alternativen Heilbehandlungen wird es von den Medizinern eher den exotischen oder gar esoterischen Außenseitermethoden zugerechnet.

Solange das medizinisch-biologische Krankheitsmodell die über Krankenversicherungen finanzierte medizinische Versorgung dominiert und solange evidenzbasierte, kontrollierte wissenschaftliche Studien über die Wirksamkeit eines Heilverfahrens Voraussetzung für die Übernahme von deren Kosten sind, wird sich daran nicht viel ändern. Das Familienstellen mit Kranken wird deshalb voraussichtlich noch eine Weile die Domäne niedergelassener Psychotherapeuten und Heilpraktiker bleiben und oft erst dann in Anspruch genommen werden, wenn die Maßnahmen der herkömmlichen Medizin über längere Zeit keine Linderung der Beschwerden bewirkte. Anders ist das in psychosomatischen Kliniken, wo das Familienstellen angewandt und von den Patienten als heilsam erlebt und gewünscht wird. Inzwischen gibt es tatsächlich schon einen gewissen Anteil von Patienten, die sich, bevor sie sich in eine psychosomatische Klinik begeben, erkundigen, ob dort auch mit Familienaufstellungen gearbeitet wird und dann unter den Klinken wählen, die das tun.

Bert Hellinger, der in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts aus früheren räumlichen Visualisierungsmethoden wie dem family sculpting die Grundlagen dieser verdichteten und auf existentiell relevante Beziehungsmuster und -strukturen sowie deren Veränderung ausgerichtete Form der Aufstellungsarbeit entwickelte, hat sich diesem Sektor der Anwendung des Familienstellens schon früh zugewandt. In seiner Arbeit gewann er grundlegend neue Einsichten über kontextuelle Zusammenhänge und Hintergründe von Krankheiten und unterschiedlichste, oft generationsübergreifende Familiendynamiken und Verstrickungen, die Menschen in ihren Lebensmöglichkeiten einschränken und ihre Symptomatik aufrechterhalten. Seine neuen und hochwirksamen Vorgehensweisen beschrieb er in Dokumentationen wie Wo Schicksal wirkt und Demut heilt, Was in Familien krank macht und heilt, Schicksalsbindungen bei Krebs, Die größere Kraft, Liebe am Abgrund, In der Seele an die Liebe rühren etc. Sie erschienen um die Jahrtausendwende als kommentierte Transkriptionen oder als Videos von Kursen und sind größtenteils noch im Buchhandel oder als Downloads erhältlich (siehe www.carl-auer.de).

Viele andere Autoren leisteten seitdem wichtige Beiträge zur Aufstellungsarbeit bei Krankheiten. Ilse Kutschera und Christine Schäffler haben schon 2002 das anregende Buch Was ist nur los mit mir? Krankheitssymptome und Familienstellen veröffentlicht, und in den Zeitschriften Praxis der Systemaufstellung und The Knowing Field erschienen zahllose Fallbeschreibungen zu Symptombildungen und Familienaufstellungen.

Warum also ein weiteres Buch zu diesem Aufstellungsbereich? Was ist das Besondere an diesem neuen Buch?

Stephan Hausner ist Heilpraktiker und hat nach seinen Ausbildungen u. a. in Hömöopathie, Traditioneller Chinesischer Medizin, Cranio-Sacral-Therapie und Radiästhesie umfangreiche Erfahrungen und solide Kenntnisse in der Anwendung dieser alternativen Behandlungsansätze gesammelt. Besonders verfeinert und geschärft hat er in dieser Zeit seine Wahrnehmungsfähigkeit und sein Einfühlungsvermögen in der therapeutischen Begegnung und hinsichtlich der körperlich-seelischen Befindlichkeiten seiner Patienten. In ihrer umfassenden Einbeziehung energetischer und kontextueller Aspekte sind diese Formen der Heilkunde und ihr Zugang zu Kranken und deren Welt dem Familienstellen viel ähnlicher als die Behandlungskonzepte der klinischen Medizin.

In unzähligen Seminaren hat Stephan Hausner die Arbeit Bert Hellingers kennen und schätzen gelernt, und seine Grundorientierungen und beruflichen Tätigkeiten förderten wiederum besonders sein Interesse an Hellingers Umgang mit Symptomen und Krankheiten.

Die Aufstellungsseminare, die er dann bald selbst anbot, richtete er frühzeitig auf diesen Bereich aus. Inzwischen sind es insgesamt etwa 700 (!) Aufstellungsseminare. Auch wenn er seine Heilpraktikerpraxis noch begrenzt weiterführt, gehört er heute zu den wenigen, die von sich sagen können, sie seien von Beruf »Aufsteller« (um dieses merkwürdige Wort zu umgehen, könnte man auch sagen »systemisch-phänomenologischer Heilpraktiker«), und inzwischen gilt er im In- und Ausland zu Recht als einer, wenn nicht der Experte für Symptom- und Krankheitsaufstellungen.

Hausners Orientierung und Ausrichtung an der klassischen Aufstellungsarbeit Bert Hellingers ist weiterhin unverkennbar. Gleichzeitig hat er über die Jahre hinweg in unverwechselbar eigenständiger Weise neue Leitideen, Schwerpunkte, Zusammenhänge und Vorgehensweisen für das Familienstellen mit Kranken entwickelt. Seine Arbeit mit Kranken beginnt nach einer Klärung des Anliegens oft mit einer Symptomaufstellung. Aufgestellt wird jeweils ein(e) Stellvertreter(in) für die Symptomatik/Krankheit und eine(r) für den Patienten. Durch sie gewinnen er und die Patienten Hinweise über mögliche relevante Zusammenhänge der Erkrankungen und des Krankheitsverhaltens der Patienten mit Ereignissen, zentralen Beziehungsmustern und oft verdeckten Familiendynamiken (oder invisible loyalties, wie sie der ungarisch-amerikanische Familientherapeut Ivan Boszormenyi-Nagy schon Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts bezeichnete). Dann bezieht er Stellvertreter für die Eltern der Patienten mit ein und stellt in den Aufstellungen nur noch selten Familienmitglieder weiter zurückliegender Generationen direkt mit auf. Seine Vorgehensweise zielt oft auf das Ab- und Zurückgeben von aus Bindungsliebe für die Eltern und Frühere übernommenen Gefühlen, Aufgaben oder Schicksalsanteilen und auf das Loslassen kindlicher Sehnsüchte und Bedürfnisse sowie auf die Förderung eigener Ressourcen.

Das Buch verzichtet weitgehend auf theoretische Erörterungen und Auseinandersetzungen über die Krankheitsentstehung und die Art und Weise des therapeutischen Vorgehens oder dessen Wirkung. Hausners Motto scheint zu sein: Lass die Aufstellungen für sich selbst sprechen. Schaut mir in meiner Praxis zu und macht euch ein eigenes Bild. Statt zu erklären, lässt er die Leser als interessierte Beobachter wie an einem Aufstellungsseminar teilnehmen und zeigt anhand vieler bewegender Fallbeispiele und Transkripte, welche Wechselwirkungen aufscheinen und welche Vorgehensweisen sich als lösend und lindernd erweisen oder den Umgang mit den Beschwerden erleichtern können. Man wird als Leser emotional in das Geschehen mit einbezogen und gleicht das Geschehende immer wieder mit eigenen Erfahrungen ab. Da Hausner die Vorgänge während der Aufstellungen in einer leicht verständlichen und eingängigen Sprache beschreibt, ist das Buch auch für Betroffene geeignet. Viele von denen, die das Manuskript lasen, berichteten, dass sie es nicht wieder aus der Hand legen konnten, und davon, wie sie immer wieder Parallelen zum eigenen Umgang mit Symptomen und eigenen Beziehungserfahrungen erlebten, wie sie die Wirkung lösender Sätze an ihren eigenen seelischen Reaktionen spürten und sozusagen als »Trittbrettfahrer« profitierten.

Zu den vielen wörtlichen Transkriptionen und Beschreibungen von Aufstellungen kommen aufschlussreiche und meist bestätigende schriftliche Rückmeldungen von Patienten hinzu. Da sie teilweise von Stephan Hausner erbeten wurden, geben diese unterschiedlich lange nach den Seminaren gewonnenen Rückmeldungen sicherlich eher erwünschte Auskünfte, und die Berichte sagen deshalb nichts über eine generelle Wirksamkeit von Aufstellungen bei Krankheiten aus. Sie zeigen jedoch, wie sehr und wie lange das Aufstellungsgeschehen die Patienten bewegt und beschäftigt und dass sie diesem oft eine bedeutsame Rolle für Verbesserungen der Beziehungen und auch der Symptomatiken zuschreiben. Wenn hie und da der Stolz auf die Erfolge durchscheint – einige seiner Patienten mit der Darmkrankheit Morbus Crohn (die im medizinischen Feld nicht zu den psychosomatisch bedingten Krankheiten zählt) zeigen zum Beispiel nach den Aufstellungen wirklich kaum zu glaubende, aber von Ärzten bestätigte Verbesserungen –, so wirken die Aussagen des Autors doch nie missionarisch oder überheblich.

Die Beispiele hat Stephan Hausner so geordnet, dass Wechselwirkungen und das Bedingungsgefüge der Krankheiten und Beschwerden der Patienten mit bestimmten Verstrickungen, familiären Konstellationen oder Dynamiken zusammengefasst sind, so zum Beispiel die Kombination von Symptomen bzw. Krankheiten mit unterschiedlichen Ereignissen und Bedingungen, die Bindungsverluste und Bindungsverunsicherungen bei Patienten hervorriefen, mit Schulddynamiken oder tragischen Schicksalen in der Familie.

Hausners Aufstellungen sind ganz, schön und einfach, und gerade daran wird die Tiefe und Könnerschaft seiner Arbeit und sein Mitgefühl für kranke Menschen evident. Es ist im besten Sinne eine Seelenarbeit, und ich bin mir sicher, dass das Buch bei vielen Kollegen und Betroffenen »gut ankommt«. Wenn ich von »seiner« Arbeit spreche, bin ich mir gleichzeitig bewusst, dass es sich beim Familienstellen immer um ein kollektives, schöpferisches Geschehen handelt und ein Sich-jedesmal-Einlassen auf einen nicht vorherzubestimmenden Prozess.

Wiesloch, im Mai 2008

Gunthard Weber

Vorbemerkung

»Der höchste Grund der Arznei ist die Liebe.«

Paracelsus

Das Familienstellen hat sich als Beratungs- und Therapiemethode in den vergangenen 15 Jahren in vielen Arbeitsfeldern ausgedehnt und weiterentwickelt. Neben der Aufstellungsarbeit in Organisationen und in der Schule erweitern Systemaufstellungen mit Kranken die Möglichkeiten heilsamen Wirkens im Bereich der Medizin. Der Blick auf generationenübergreifende Verstrickungen und familiendynamische Zusammenhänge lässt Krankheit und Gesundheit in einem neuen Licht erscheinen, und die in Krankheits- und Symptomaufstellungen gewonnenen Einsichten führen zu einer ganzheitlicheren Betrachtung des kranken Menschen.

Ein Ehepaar, beide als Internisten in einer Klinik tätig, bemerkt in einem Gespräch nach der Teilnahme an einer Aufstellungsgruppe für Kranke: »Es ist beeindruckend, in welcher Deutlichkeit Systemaufstellungen mit Kranken die generationenübergreifenden Zusammenhänge von Krankheiten und traumatischen Ereignissen in der Herkunftsfamilie des Patienten ans Licht bringen können. Hier lässt sich ein nicht unwesentliches Potenzial ärztlicher Unterstützung vermuten, und es scheint offensichtlich, dass der Frage nach diesem Zusammenhang im Rahmen ärztlicher Versorgung bisher nicht genügend Beachtung beigemessen wird.«

Diesem Potenzial kurativer Möglichkeiten, das in der Anwendung der Methode der Systemaufstellung für Kranke liegt, widmet sich das vorliegende Buch.

Dabei richtet es sich sowohl an alle im medizinischen Feld wirkenden Berufsgruppen, wie Ärzte, Psychotherapeuten, Heilpraktiker, Systemaufsteller, als auch an betroffene Patienten und Interessierte ohne Vorkenntnisse.

Diese finden eine verkürzte Einführung in die Grundlagen des Familienstellens am Anfang des Buches. Wer sich eingehender mit dem Familienstellen und anderen Aufstellungsformen beschäftigen möchte, sei auf die in den Literaturhinweisen angegebenen Grundlagenwerke verwiesen.

Das Buch ist aus der Sicht eigener Erfahrungen und Überlegungen entstanden. Die ausgewählten Beispiele stammen aus von mir seit 15 Jahren geleiteten Aufstellungsgruppen für Kranke, wobei die Diagnosen entsprechend den Aussagen der Patienten übernommen wurden, wohl wissend, dass vermutlich nicht alle einer genauen klinischen Untersuchung standhalten würden. Der Leser möge sich nicht an der in den Beispielen verwendeten Ich-Form stören. Sie ist gewählt, um hervorzuheben, dass es sich nur um eine von vielen möglichen Vorgehensweisen im Rahmen der Anwendung von Systemaufstellungen handelt, die keinerlei Anspruch auf allgemeingültige Richtigkeit erhebt. Um die Anonymität der Patienten in den Therapiegruppen zu wahren, ist die Ansprache in der zweiten Person die in der Regel übliche Form. Diese ist in den Fallberichten beibehalten.

Ziel des Buches ist es, dem Leser einen Einblick in das heilsame Potenzial von Systemaufstellungen mit Kranken zu vermitteln. Mit diesem Ansatz wird ein neues, weites Feld betreten. Viele Bereiche bleiben bewusst unberücksichtigt, und viele Aspekte sind noch nicht bedacht und erarbeitet.

Mein Anliegen ist, die für den Hauptteil des Buches gewählten Fallbeispiele für sich sprechen zu lassen. Wie die Beobachter in Aufstellungsgruppen sollen Leser die Möglichkeit haben, an den Geschichten und Aufstellungsprozessen der Patienten und Patientinnen teilzuhaben und auf diese Weise von den in Familien wirkenden Dynamiken, die in Wechselwirkung mit Krankheiten stehen können, zu erfahren oder gar in Kontakt mit einer Haltung zu kommen, die eine heilsame Wirkung entfalten kann. In dieser Hinsicht birgt das Buch auch Potenzial zur Selbsthilfe.

Ein weiteres Anliegen ist es, die Patienten und Patientinnen selbst zu Wort kommen zu lassen. Wenn diese mir aus eigenem Impuls Rückmeldungen zukommen ließen, ermunterte ich sie, ihre Erfahrungen und Eindrücke schriftlich festzuhalten, um zu erfahren, ob und wenn, wie ihnen aus ihrer Sicht die Teilnahme an der Aufstellungsgruppe weitergeholfen hat. Ich habe diese Texte, so weit möglich, wörtlich übernommen. Eventuell bestehende Diskrepanzen zwischen den von mir verfassten Aufstellungsberichten und den Beschreibungen der Patienten erklären sich aus unterschiedlichen Wahrnehmungen, Erinnerungen und Interpretationen des Geschehenen oder seiner Wirkungen.

Der leichteren Lesbarkeit wegen wird im Buchtext bei allgemeinen Bezeichnungen, wie »der Patient« oder »der Klient«, nur die auf das männliche Geschlecht bezogene Schreibweise benützt. In den Beispielen ist zuweilen statt der Formulierung »Stellvertreter des Vaters« oder »Stellvertreterin der Mutter« die Bezeichnung »Vater« oder »Mutter« gewählt. Wurden Stellvertreter mit anderen Personen oder dem/der Klienten/Klientin selbst ausgewechselt, wird ausdrücklich darauf hingewiesen.

Zu Beginn noch ein persönliches Wort zu meinem beruflichen Werdegang: Mein anfänglicher Berufswunsch war es, Biologe zu werden, und ich wollte im Bereich Verhaltensforschung oder Umweltschutz tätig sein. Doch schließlich galt mein Interesse mehr dem Menschen und seinem sozialen Umfeld, und ich erwog, einen medizinischen Beruf zu ergreifen. Während der Ausbildung zur Krankenpflege fasste ich den Entschluss, Medizin zu studieren. Da ich mich jedoch im Rahmen der Umweltpflege bereits mit der Autoregulation von Systemen beschäftigt hatte, verlor für mich die Schulmedizin an Attraktivität. Meine Suche nach ökologischen Vorgehensweisen führte mich zur Traditionellen Chinesischen Medizin, und über die Naturheilkunde fand ich schließlich Zugang zur Homöopathie.

Mich faszinierte das der Homöopathie zugrunde liegende Ähnlichkeitsprinzip und vor allem auch das in der Homöopathie bekannte »Sekundenphänomen«. Dieses zeigt, dass der Körper in der Lage ist, sich durch einen entsprechenden heilsamen Impuls augenblicklich umzustrukturieren, und dass sich selbst starke Symptome und Krankheitsbilder in kurzer Zeit zurückzuziehen vermögen. Die Fähigkeit des Körpers zu Spontanremission prägte meinen Anspruch an heilsames Wirken, und ungeachtet meiner Überzeugung, dass sich das Phänomen der Heilung unserem Zugriff wie entzieht, beschäftigte mich stets die Optimierung ganzheitlicher Behandlungskonzepte.

Schwierig erlebte ich in der Homöopathie die Arzneimittelfindung mithilfe des Repertoriums, und es störte mich auch die Abhängigkeit von Arzneien. Meinem Schwiegervater, K. J. Eick, verdanke ich den Zugang zur medizinischen Radiästhesie. In seiner Praxis erlernte ich sowohl das Austesten von homöopathischen Arzneien für Patienten als auch das Auffinden von Störzonen am Körper. Dieser Weg der Einfühlung ist mir noch heute eine wesentliche Grundlage in der Aufstellungsarbeit. Mit dem Erlernen dieser Testmethoden begann ich, Heilungsprozesse als Resonanz- und Feldphänomene zu begreifen.

Mein Ideal wurde zunehmend, dass der Arzt oder Behandelnde selbst zu Arznei im homöopathischen Sinne wird und durch seine Präsenz im Patienten Veränderungen anstößt: der Behandelnde (Hand anlegende) als ein Katalysator für die heilsame Veränderung im Patienten. Nicht er heilt, sondern er schafft Bedingungen für Selbstheilung.

Die fortwährende Suche nach effizienten Behandlungsmethoden führte mich in eine Aufstellungsgruppe zu Bert Hellinger.

Ich erlebte Bert Hellinger bei der Arbeit mit Kranken als jemand, der ohne Arznei, durch seine Einsicht, durch sein Wesen und durch sein Tun, Heilsames bei Patienten in Gang zu bringen vermochte. Mein Gefühl war, gefunden zu haben, was ich suchte.

Durch das Studium der traditionellen Heilkunde Chinas und der Humoralpathologie des antiken Griechenlands, in deren Gedankenmodellen Krankheit als Ordnungsstörung gesehen wird, war mir ein Zusammenhang von Gesundheit und Ordnung nicht fremd. So leuchteten mir Bert Hellingers Einsichten über die »Ordnungen der Liebe« in menschlichen Systemen und ihre mögliche Bedeutung im medizinischen Kontext schnell ein. Durch seine Anwendung der Aufstellungsmethode an Kranken wurde unmittelbar deutlich, dass man Ganzheitsmedizin ohne das Einbeziehen der Familie oder des relevanten sozialen Umfeldes des Patienten nicht betreiben kann.

Heute ist die Aufstellungsarbeit mit Kranken zu meiner Haupttätigkeit in der täglichen Praxis geworden. Dabei ist diese Vorgehensweise keine für sich allein stehende Methode. Sie bildet einen Baustein in einem ganzheitlichen Behandlungs- oder Therapiekonzept. Der »Aufsteller« ist ein Assistent des Arztes oder Heilpraktikers, und die Absicht ist nicht, deren Behandlungs- und Beratungsmethoden zu ersetzen. Doch besonders wenn an sich wirksame Anwendungen nicht zu dem gewünschten oder erwarteten Ergebnis führen, öffnet der Blick auf die familiären, generationenübergreifenden Hintergründe von Krankheiten neue, zusätzliche Möglichkeiten.

Den Grundstein für die Aufstellungsarbeit mit Kranken und damit auch für dieses Buch legte Bert Hellinger. Ohne seine vertrauensvolle Unterstützung hätte ich es nicht gewagt, die Einsichten aus dem Familienstellen unmittelbar in der praktischen Arbeit mit Patienten umzusetzen. Als Lehrer und Freund fühle ich mich ihm in ganz besonderer Dankbarkeit verbunden.

Einen wesentlichen Anteil an diesem Buch haben die vielen Patienten, die mir ihr Vertrauen entgegenbrachten und an deren Lebens- und Krankheitskrisen ich teilhaben und lernen durfte. Auch ihnen fühle ich mich dadurch sehr verbunden.

Unter den vielen Freunden und Kollegen gilt mein besonderer Dank Dr. Gunthard Weber. Ohne seine Unterstützung wäre das Buch nicht zu dem geworden, was es ist. Der durchwegs anregende Austausch schaffte so weit wie möglich eine Abstimmung schulmedizinischer und naturheilkundlicher Denkkonzepte und trug Besonderes zur Entstehung dieses Buches bei.

Bereichernd war auch die Lektüre bisheriger Veröffentlichungen zur Aufstellungsarbeit mit Krankheiten und Symptomen. Ich bitte mir nachzusehen, dass diese im Text nicht immer erwähnt sind, und verweise auf das Literaturverzeichnis im Anhang.

Das Buch hätte nicht entstehen können ohne das Vertrauen der zahlreichen internationalen Kollegen und den oft selbstlosen Einsatz ihrer Übersetzer. Nahezu alle ausgewählten Beispiele stammen aus den zahlreichen, durch sie sorgfältig vorbereiteten und mitgetragenen Therapie- und Weiterbildungsseminaren. Vielen fühle ich mich heute in Freundschaft verbunden. Mein besonderer Dank gilt Carlos Bernues, Tiiu Bolzmann, Annelies Boutellier, Michail Burnjaschew, Luisfer Camarra, Carola Castillo, Vicente Cuevas, Mireia Darder, Joan Garriga, Silvia Kabelka, Sonja Kriener, Ed Lynch, Alfonso Malpica und Angelica Olvera, Tanja Meyburgh, Silvia Miclavez, Ingala Robl, Sheila Saunders, Dale Schusterman, Jan Jacob Stam und Bibi Schroeder, John und Susan Ulfelder.

Mein Dank gilt auch Margit und Dr. Michael Franz. Sie haben den Anfang des Projekts begleitet. Wolfgang Tatzer hatte immer ein offenes Ohr für Fragen und half bei der Übersetzung der fremdsprachigen Transkripte.

1. Einführung

»Werde, der du bist.«

F. W. J. v. Schelling

In der Psychotherapie ist seit jeher bekannt, dass persönliche traumatische Erlebnisse zu langfristigen seelischen und körperlichen Störungen führen können, wenn sie aus gegenwärtiger Überforderung verdrängt und ausgeklammert werden. Die Überwindung dieser Beschwerden wird möglich, wenn es gelingt, die bisher abgespaltenen Aspekte wieder anzunehmen und zu integrieren.

Das Familienstellen bringt darüber hinaus ans Licht, wie auch die Traumen der Vorfahren, mit denen wir schicksalhaft verbunden sind, generationenübergreifend weiterwirken und auf das Leben der Nachkommen Einfluss nehmen.

Wegbereitend für die Entwicklung des Familienstellens waren die Einsichten Bert Hellingers in die Wirkungsweisen des Gewissens und die Frage, was die einen innerhalb der Familie und auch über die Familie hinaus in das Schicksal anderer verstrickt, sowie seine ausdauernde Beobachtung und erfolgreiche Suche und Entwicklung von Möglichkeiten, diese Verstrickungen zu lösen.

1.1 Verkürzte Einführung in die Grundlagen des Familienstellens

Jeder Mensch wird in eine Familie hineingeboren. Damit entsteht eine Bindung an alle, die zu dieser Familie gehören. Eine unbewusste Instanz, Bert Hellinger nennt sie das »Familiengewissen«, wacht über die Bedingungen, die in der Schicksalsgemeinschaft der Familie herrschen und denen wir ausgesetzt und untergeordnet sind, ob wir es wollen oder nicht. Es sorgt für die Bindung im System, für den Ausgleich, sowohl zwischen Geben und Nehmen als auch im Schicksal und für die Ordnung. Zur Ordnung gehört, dass alle, die zu diesem Familiensystem gehören, einschließlich der Verstorbenen, das gleiche Recht auf Zugehörigkeit haben. Wird ein Mitglied ausgeschlossen, verachtet oder vergessen, zum Beispiel ein tot geborenes Kind, bewirkt dieses kollektive Gewissen, dass ein anderer, meist aus einer späteren Generation sich mit diesem Ausgeschlossenen unbewusst identifiziert. In dieser »Verstrickung« wird er diesem ähnlich und ahmt Aspekte dessen Schicksals nach, ohne dass er weiß weshalb und ohne, dass er sich dagegen wehren kann.

Eine zweite Ordnung, über die das kollektive Gewissen wacht, ist die Rangordnung nach der Zeit. So haben die Eltern Vorrang vor den Kindern, und das erste Kind hat Vorrang vor dem zweiten usw. Unter Familien gilt, dass eine neu gegründete oder entstandene Familie Vorrang hat vor der früheren. Also die Gegenwartsfamilie vor der Herkunftsfamilie und die zweite Familie vor der ersten, auch wenn diese zum Beispiel durch ein Kind aus einer Außenbeziehung entsteht. Im Gegensatz zu dem bewussten, persönlichen Gewissen, durch das wir unmittelbar wahrnehmen, ob wir mit unserem Handeln unsere Zugehörigkeit gefährden, sorgt das unbewusste kollektive Gewissen für das Weiterbestehen und den Zusammenhalt der ganzen Familie.

Wie viele im Hauptteil des Buches angeführte Beispiele zeigen, halten wir an vielen Krankheiten und Symptomen aus einer Sehnsucht nach Nähe zu unseren Eltern oder dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu unserer Familie fest. Oft wirkt dabei ein unbewusstes Bedürfnis nach einem Ausgleich, wo wir uns schuldig fühlen oder einen vermeintlichen Anspruch aufrechterhalten. Oder wir werden durch eine Krankheit zu einem Innehalten gezwungen, wenn wir mit unserer Haltung oder unserem Handeln eine Ordnung verletzen.

1.1.1. Die Familie als Schicksalsgemeinschaft

Über die Frage nach möglichen familiären Verstrickungen einzelner Familienmitglieder hat die Arbeit mit Systemaufstellungen zu einem erweiterten Familienbegriff geführt, der alle einschließt, die vom kollektiven Gruppengewissen der Familie erfasst werden. In diesem Sinne zugehörig sind alle Kinder, also wir selbst und alle unsere Geschwister und Halbgeschwister, auch die tot geborenen, die weggegebenen, die verschwiegenen und die abgetriebenen Kinder. Des Weiteren gehören die Eltern und all deren Geschwister dazu. Die Großeltern gehören dazu, manchmal deren Geschwister, vor allem wenn sie ein besonderes Schicksal hatten, und ebenso manchmal auch die Urgroßeltern.

Neben den Blutsverwandten gehören auch alle diejenigen dazu, die in irgendeiner Weise durch die Familie einen Nachteil hatten oder durch deren Schicksal oder Tod die Familie einen Vorteil hatte, zum Beispiel die früheren Partner der Eltern oder Großeltern, die Platz gemacht haben oder ihn frei machen mussten. In diesem Zusammenhang gelten auch alle diejenigen als zugehörig, die Opfer von Verbrechen und Gewalt durch Familienangehörige wurden, und aufgrund der besonderen Bindung, die zwischen Opfern und Tätern entsteht, gehören in jenen Familien, in denen es Opfer von Gewaltverbrechen gibt, auch deren Mörder dazu. Sie alle bilden die Schicksalsgemeinschaft der Familie.

1.1.2 Die Vorgehensweise

Um die generationenübergreifenden Wirkungen des unbewussten kollektiven Gewissens aufzuzeigen ist das Familienstellen die Methode der Wahl. Am effektivsten lassen sich Aufstellungen in mehrtägigen Gruppen durchführen. Hier hat jeder die Möglichkeit, aus dem Teilnehmerkreis Stellvertreter für sich und für Mitglieder seiner Familie auszuwählen. Diese werden vom Patienten entsprechend seines inneren Bildes, wie die Familienangehörigen zueinander stehen, in Beziehung zueinander aufgestellt. Das überraschende, bisher nicht erklärbare Phänomen ist, dass die gesammelt aufgestellten Stellvertreter von einer Bewegung ergriffen werden und sich plötzlich fühlen wie die realen Personen, für die sie aufgestellt sind. Sie zeigen deren Gefühle und entwickeln manchmal ähnliche Körpersymptome, unabhängig davon, ob sie für Personen stehen, die leben oder schon verstorben sind. Je nachdem wie die Stellvertreter zueinander in Beziehung stehen, wie sie empfinden, was sie äußern, welche Impulse sie haben, können der Aufstellungsleiter und der Patient erkennen, welche Ereignisse aus der Geschichte der Familie relevant sind und welche Dynamiken in dieser Familie wirken und in einem Zusammenhang mit der Krankheit und der Symptomatik des Patienten stehen können.

Nicht für alle Patienten ist die Gruppe ein geeigneter Rahmen. Besonders bei psychischer Labilität bedarf es der Abklärung mit einem behandelnden Arzt oder Therapeuten.

Auch in der Einzelpraxis lassen sich Lösungen erarbeiten. Hier kann mit Figuren oder Bodenankern aufgestellt werden. Auf diese Möglichkeiten gehe ich hier nicht weiter ein, stattdessen verweise ich auf die vorhandene Literatur (Franke 2002; De Philipp 2008).

1.2 Die Krankheits- und Symptomaufstellung

In der Aufstellungsarbeit mit Kranken ist es oft hilfreich, einen Stellvertreter für die Krankheit oder die Symptomatik des Patienten aufzustellen. (Aufgrund einer Ausrichtung auf Ganzheitlichkeit und des Bestrebens, Symptomverschiebungen zu vermeiden, arbeite ich persönlich eher selten mit Stellvertretern einzelner Symptome.)

Wie die Beobachtung zeigt, treten die Stellvertreter für abstrakte Strukturen, wie auch Krankheiten oder Symptome, in der Regel in Resonanz mit ausgegrenzten Personen oder systemrelevanten, häufig tabuisierten Themen der Familie.

Bisweilen entsteht der Eindruck als würde der Kranke mit seiner Symptomatik an die ausgeschlossene Person erinnern. Er ist in Liebe verbunden, wo andere Mitglieder der Familie die Liebe und Anerkennung verweigern oder zurückhalten. Die Aufstellung von der Krankheit oder der Symptomatik in Beziehung zum Patienten oder seiner Familie vermag diese meist unbewussten Zusammenhänge ans Licht zu bringen.

Während der Klärung des Anliegens des Patienten zeigen sich seine Haltung gegenüber der Krankheit oder Symptomatik und auch seine Bereitschaft, sich ihr und einem möglichen Hintergrund zu stellen. Nehme ich hier großen Widerstand oder eine überaus ablehnende Haltung gegenüber der Krankheit wahr, beginne ich die Aufstellung meist nur mit Stellvertretern für die Krankheit oder Symptomatik und für den Patienten selbst und überlasse die Stellvertreter ihren Bewegungsimpulsen. Meist werden in einem weiteren Schritt Stellvertreter für Familienangehörige hinzugefügt.

Eine andere Möglichkeit ist es, mit Stellvertretern für die Gegenwarts- oder Herkunftsfamilie des Patienten zu beginnen und einen Stellvertreter für die Krankheit in einem zweiten Schritt dazuzustellen.

Hinweise zur Lösung der Dynamik geben meist diejenigen Personen, die am deutlichsten auf den Stellvertreter der Krankheit reagieren. Bevor der Patient einen Stellvertreter für die Krankheit auswählt, lasse ich ihn meist entscheiden, ob er für sie einen Mann oder eine Frau auswählen möchte. So ist er angehalten, in seinem Inneren nachzuspüren, was sich für ihn richtig anfühlt, und ist weniger geleitet von der äußeren Erscheinung der anderen Gruppenteilnehmer. Oft entspricht die Wahl des Geschlechts dabei dem der ausgegrenzten Person, jedoch sollte sich der Therapeut nicht darauf verlassen.

Ein Beispiel:

Die Fehlgeburt: »Liebe Mama, das Wichtigste habe ich.«(Patientin mit Brustkrebs)

Eine Frau berichtet in einer Gruppe für Systemaufstellungen mit Kranken von ihrer Krebserkrankung. Sie fügt hinzu, die Ärzte würden ihr gute Heilungschancen bekunden, und auch sie selbst ist überzeugt: »Ich schaffe das!«

Bei vielen Krebskranken findet man eine anmaßende Haltung gegenüber den Eltern, dem Schicksal eines Familienangehörigen oder dem Leben im Allgemeinen. Diese zeigt sich manchmal in Form von Wut und Hass, oft aber auch in der Vorstellung, man könnte eine andere Person durch eigenes Leid vor einem schweren Schicksal bewahren.

In der Aufstellung einer anderen Patientin mit Brustkrebs sagte der Stellvertreter der Krankheit zu ihrer Stellvertreterin, nachdem diese sich vor ihm wie für einen Kampf rüstete: »Weißt du eigentlich, wie gefährlich ich bin?«

An diesen Satz musste ich denken, als die Patientin in völliger Überzeugung sagte: »Ich schaffe das!«

Ohne weiter nachzufragen, bitte ich sie, eine Stellvertreterin für sich selbst und eine weitere Person für ihre Krankheit aufzustellen. Auch für die Krankheit wählt sie eine Frau und stellt sie mit gleicher Blickrichtung dicht hinter die Stellvertreterin für sich selbst. Zur großen Verwunderung der Patientin lässt sich ihre Stellvertreterin sogleich aus eigenem Impuls nach hinten fallen, lehnt sich an die Stellvertreterin der Krankheit an und schließt glücklich und zufrieden die Augen. Die Stellvertreterin der Krankheit hält sie fest und bemerkt: »Für mich ist das in Ordnung! – Wenn sie mich braucht, bin ich da!«

Dem Anschein nach handelt es sich bei der Stellvertreterin der Krankheit um die Mutter der Patientin.

Auf meine Frage nach der Beziehung zu ihrer Mutter berichtet die Patientin, dass diese immer schwierig war. »Inzwischen haben wir uns arrangiert. Ich bin das erste Kind meiner Eltern und sollte ein Junge sein. Meine Geburt war schon sehr schwierig, mit Saugglocke und Zange, und dann war ich ein Mädchen. Meine Mutter hatte die ganze Babyausstattung in hellblau, wie das damals so war. Laut einer Aussage meiner Tante hat meine Mutter angeblich nach meiner Geburt drei Tage geweint!«

Diese Antwort der Patientin steht in einem Widerspruch zu der fürsorglichen Haltung der Stellvertreterin der Krankheit. Diese ist bereit, für die Patientin da zu sein, doch die Mutter scheint aus irgendeinem Grund nicht frei gewesen zu sein, die Tochter anzunehmen. Diese Abweichung lässt vermuten, dass noch Wesentliches fehlt.

Bevor ich weiter nachfrage, bitte ich die Patientin, eine Stellvertreterin für ihre Mutter aufzustellen. Sie positioniert diese in einiger Entfernung mit Blick auf die aufgestellten Personen. Für die beiden hat die neue Stellvertreterin wenig Bedeutung. Die Stellvertreterin der Mutter zeigt jedoch starke körperliche Reaktionen. Sie hat große Mühe, ihre Tochter und die Krankheit anzuschauen und berichtet: »Ich sehe meine Tochter, doch in dem Moment, wenn ich auch auf die Krankheit schauen möchte, verschwimmt mir der Blick, und ich kann nichts mehr klar sehen.« Die von der Patientin geschilderte Fixierung der Mutter auf einen Jungen und diese Reaktion der Stellvertreterin der Mutter führen mich zur Frage an die Patientin, ob ihre Mutter vielleicht ein Kind verloren hat. Sie antwortet: »Ja, vor mir hatte meine Mutter eine Fehlgeburt. Das wäre ein Junge gewesen. Ich glaube, sie hat diesen Verlust nie überwunden.«

Als die Patientin ihren Bruder erwähnt, löst sich ihre Stellvertreterin aus eigenem Bedürfnis von der Stellvertreterin der Krankheit, dreht sich um und schaut ihr in die Augen. Der Eindruck ist, sie ist wie aus einer Entrückung erwacht und nimmt jetzt plötzlich am Geschehen teil.

Die Stellvertreterin der Mutter erträgt den Blick ihrer Tochter auf die Krankheit nicht. Sie wendet sich ab und schaut mit leerem Blick auf den Boden vor ihren Füßen.

PATIENTIN: »Meine Mutter?«

Auf die Stellvertreterin der Krankheit deutend, wende ich mich an die Patientin mit der Frage: »Weißt du, wer da steht?«

THERAPEUT: »Ich denke, es könnte dein Bruder sein!«

Um diese Hypothese zu überprüfen bitte ich einen Teilnehmer, sich als Stellvertreter für den verstorbenen Bruder der Patientin vor die Mutter auf den Boden zu legen. Die Stellvertreterin der Mutter sieht ihren Sohn und beginnt zu weinen. In diesem Moment lässt die Stellvertreterin der Patientin von der Stellvertreterin der Krankheit ab und schaut mit Liebe und Verständnis auf ihre Mutter. Die Stellvertreterin der Krankheit zieht sich aus eigenem Impuls aus der Aufstellung zurück, tritt aus dem Stuhlkreis der Teilnehmer und setzt sich zurück an ihren Platz.

Abschließend wende ich mich direkt an die Patientin und schlage ihr vor, die folgenden Sätze zu ihrer Mutter zu sagen. Bereitwillig und offenen Herzens spricht sie mir nach: »Liebe Mama, jetzt stimme ich zu. Das Wichtigste habe ich, und das nehme ich jetzt auch. Ich nehme es, und ich bewahre es mir, und ich achte es, indem ich gut auf mich schaue.«

Die Stellvertreterin der Mutter, die zunächst noch auf ihren toten Sohn blickte, wendet sich jetzt direkt an die Patientin und nimmt sie in den Arm. Mit Nachdruck spricht auch sie die von mir vorgeschlagenen Worte zu ihrer Tochter: »Mein liebes Kind, lebe! – Das hier ist meines!«

In der Schlussrunde der Aufstellungsgruppe drückt die Patientin aus, wie gut ihr die Aufstellung getan hat. Besonders wichtig war der Satz ihrer Mutter, dass sie leben soll, das brachte ihr eine große Erleichterung. Sie musste anerkennen, dass sie sich nie sicher war, ob ihre Mutter das wirklich wollte. Sie kann jetzt sehen, was zwischen ihr und ihrer Mutter steht und dass es nichts mit ihr zu tun hat.

Die wenigsten Patienten können zunächst weder einen Bezug von ihrer Erkrankung zu ihrer Familie herstellen noch einen eigenen Einfluss erkennen, den sie auf ihre Erkrankung haben. Hierzu erhalten sie wichtige Anhaltspunkte aus der Aufstellung.

Für wen die Krankheit in diesem Beispiel stand, bleibt am Ende unklar und ist auch unerheblich. Vielleicht entsprechen ihr Seelenaspekte sowohl des Bruders als auch der Mutter. Wesentlich war das Gefühl der Stellvertreterin der Krankheit, nicht mehr gebraucht zu werden. Dieses stellte sich ein, als der verstorbene Bruder der Patientin in die Aufstellung kam. Er war die Schlüsselfigur, die die Patientin in der Aufstellung von der Krankheit loslassen ließ. Die Mutter der Patientin konnte den Tod ihres Sohnes offensichtlich nicht überwinden. Damit blieb sie an ihn gebunden und war nicht frei, ihre Liebe zu ihrer Tochter fließen zu lassen. So war die Beziehung zwischen der Patientin und ihrer Mutter von Anbeginn belastet.

Die Ursache für eine schwierige Beziehung zu den Eltern suchen die Kinder zunächst in der Regel bei sich selbst. In Folge ihres Scheiterns, die Hindernisse zu überwinden, bleibt ihnen oft nur der Rückzug, die Verzweiflung und die Wut. Häufig verlieren sie später auch die Achtung vor den Eltern. Jede dieser Haltungen stört das seelische Gleichgewicht und folglich auch das körperliche Wohlbefinden.

Im Blick auf den Schmerz der Mutter um das verlorene Kind können Liebe und Achtung wieder fließen. Damit kann in der Seele etwas zur Ruhe kommen, und der gewonnene Frieden hat vielleicht auch eine heilsame Wirkung auf den Körper.

Ausschlaggebend für den Verlauf und den Ausgang einer Aufstellung ist die Entscheidung, welche Personen oder Strukturelemente aufgestellt werden. Für bisweilen problematisch erachte ich in der Methode der Systemaufstellung, dass im Grunde alles aufgestellt werden kann und sich daraus meist immer bewegende Prozesse entfalten. Die Kernfrage jedoch, vor allem auch aus medizinischer Sicht ist, hilft die Aufstellung weiter? Und was ist der Punkt, an dem der Patient vielleicht etwas verändern kann, eine Sichtweise, eine Haltung etc., damit in seiner Seele und in seinem Körper etwas in Fluss, zur Ruhe oder in Ordnung kommen kann.

Wesentlich im Vorfeld einer Aufstellungsarbeit ist die erste Kontaktaufnahme mit dem Patienten und die Klärung seines Anliegens. Während dieses Gesprächs achte ich nicht nur auf das gesprochene Wort. Der Therapeut lässt sich bereits beim Anhören des Anliegens wie ein Stellvertreter auf die vom Patienten erwähnten Personen und Strukturen ein und versucht mithilfe einer repräsentativen Wahrnehmung deren Gefühle oder Qualitäten zu erfassen. Häufig offenbaren sich auf diese Weise Diskrepanzen zwischen der Wahrnehmung des Therapeuten von einer Person und dem, was der Patient über seine Beziehung zu ihr schildert. Hier bekommt der Therapeut oft wertvolle Hinweise auf die konfliktbelasteten Hintergründe der Symptomatik (siehe dazu das Beispiel: Der frühe Tod der Eltern: »Ich bin eure Tochter!«, S. 32).

1.3 Die Aufstellung des erkrankten Organs

Manchmal ergibt sich aus dem Sicheinfühlen in das erkrankte Organ des Patienten die Wahrnehmung, dass dieses wie nicht in das Gesamtsystem des Körpers eingebunden ist. In alternativmedizinischen Behandlungskonzepten stellt das jedoch eine Grundvoraussetzung für die Gesunderhaltung und Genesung eines Organs dar. Ist der Eindruck einer Abspaltung des betroffenen Organs vom Gesamtorganismus besonders deutlich, so gehe ich in der Aufstellung zunächst dieser unterbrochenen Verbindung nach. Dazu bitte ich den Patienten, zunächst Stellvertreter für sich selbst und das erkrankte Organ aufzustellen. Ein Beispiel:

Die Trauer der Mutter(Patient mit rezidivierenden Erkrankungen der Atemorgane)

In einer Aufstellungsgruppe für körperlich Kranke bittet mich ein Mann, mit ihm zu arbeiten. Seit seiner Kindheit stellen seine Atemorgane einen körperlichen Schwachpunkt dar. Häufige Pneumonien führten zu chronischen Atemwegsbeschwerden, die sich bis heute als therapieresistent erweisen. Diese Information genügt zunächst, und ich nehme mir ein paar Momente Zeit, mich auf den Patienten einzulassen. Dabei spüre ich in ihm eine tiefe Traurigkeit als Grundgefühl.

In der traditionellen chinesischen Medizin wird die Emotion Trauer dem Funktionskreis der Lunge zugeordnet. Das heißt, eine übermäßig starke oder überfordernde Trauer, auch wenn diese von einer nahe stehenden Person gelebt wird, führt zu einer Beeinträchtigung des Funktionskreises Lunge, was sich unter anderem in Beschwerden der Atemorgane zeigen kann. Hier vermute ich einen Zusammenhang des empfundenen Grundgefühls der Traurigkeit des Patienten zu seinen Beschwerden. Als ich mich in der Folge auf die Lunge des Patienten einstimme und in seine Beziehung zu diesem Organ, empfinde ich keine Verbindung. Die Lunge fühlt sich wie abgeschnitten vom Gesamtorganismus an.

Ich bitte den Patienten, zwei Stellvertreter auszuwählen, einen für ihn selbst und einen für das Organ Lunge. Er stellt zunächst seinen Stellvertreter in die Mitte des Kreises, wählt eine Frau für seine Lunge aus und stellt sie, ihm zugewandt, hinter seine rechte Schulter. Unaufgefordert legt die Stellvertreterin der Lunge ihren Kopf an die Schulter des Stellvertreters des Patienten. Diesem ist das sichtlich unangenehm, und er geht vorsichtig einen Schritt nach vorn. Die Stellvertreterin der Lunge hält ihre Augen geschlossen und bleibt an den Stellvertreter des Patienten angelehnt. Dazu verlagert sie ihr ganzes Körpergewicht nach vorn, sodass der Stellvertreter des Patienten nicht weitergehen kann. Ich schaue zum Patienten, sehe, dass dieser weint, und sage: »Es sieht so aus, als sei dir dieses Bild vertraut.« Er nickt, deutet auf die Stellvertreterin der Lunge und sagt: »Das ist meine Mutter, so kenne ich meine Mutter.«

Dem Stellvertreter des Patienten wird die Last zu groß. Er löst sich, indem er zwei Schritte nach vorne geht. Die Stellvertreterin der Lunge bzw. der Mutter des Patienten öffnet die Augen, bleibt in gebückter Haltung stehen und schaut jetzt suchend vor sich auf den Boden.

Ich frage den Patienten, ob jemand in der Familie der Mutter früh gestorben ist, und er berichtet, seine Mutter habe vor ihm fünf Fehlgeburten gehabt. Als die Stellvertreterin der aMutter das hört, beginnt sie zu weinen und kniet sich auf den Boden.

Der Patient atmet tief durch und schaut mich wissend und zustimmend an. Sein Atmen hat sich jetzt verändert, sein Brustkorb fühlt sich freier und lebendiger an, und ich beschließe, es dabei zu belassen. Abschließend frage ich den Patienten noch, ob es so gut für ihn ist, und als er es bejaht, entlasse ich die Stellvertreter.

Durch die Aufstellung ist für den Patienten ein Zusammenhang seiner Beschwerden mit einem ihm vertrauten Lebensthema, der Trauer und dem Schmerz seiner Mutter, hergestellt. Dadurch hat er in Zukunft, wenn die Beschwerden wieder auftreten sollten, einen anderen Bezug zu seinen Symptomen, weiß jetzt, womit sie zusammenhängen, und ihm ist so eine Möglichkeit zur Veränderung und Gegenregulation gegeben.

Es ist in Aufstellungen immer wieder bewegend zu erleben, wie selbstlos und beharrlich Kinder bereit sind, stellvertretend das Schicksal ihrer Eltern und auch von anderen, ihnen nahe stehenden Bezugspersonen zu tragen, wenn sie spüren, wie diese darunter leiden.

1.4 Arbeitskontext und Leitgedanken

»Der gemäße Moment bestimmt die Qualität der Bewegung.«

Lao Tse

Der Versuch, Krankheit und Gesundheit in ihrer Wesenheit zu begreifen, sowie die Auseinandersetzung mit Heilungsphänomenen ließen in mir die Überzeugung reifen, dass es sich dort, wo Heilung stattfindet, um Selbstheilung handelt. Wer zu dieser Sichtweise gelangt, ist vor die Frage gestellt, was ein Begleiter von Menschen in Krankheitskrisen zur Linderung oder Genesung des Hilfe suchenden Patienten beitragen kann. Vielleicht gelingt es, Bedingungen zu gestalten, in denen sich die Selbstheilungskräfte so gut als möglich entfalten können. In dieser Weise erlebe ich neben der entsprechenden medizinischen Versorgung des Patienten die Arbeit mit Systemaufstellungen für Kranke in der Gruppe als einen hilfreichen, ergänzenden und wirkungsvollen Ansatz.

Seitdem ich Aufstellungen im Rahmen meiner Praxistätigkeit durchführe, beschäftigt mich die Frage nach der Effizienz und Wirksamkeit der Methode. Was hat geholfen, wenn bei Patienten nach der Teilnahme an einer Aufstellungsgruppe Heilungsprozesse von teilweise lange bestehenden Krankheiten in Gang kommen, manchmal sogar ohne dass die Patienten selbst eine Aufstellung machen?

Gibt es Kriterien für die Aufstellungsarbeit mit Kranken, deren Berücksichtigung neben der zur Methode gehörenden Haltung der Absichtslosigkeit des Therapeuten und einer phänomenologischen Vorgehensweise den Heilungsprozess bei den Patienten unterstützen kann?

(In seinem Buch Ordnungen der Liebe schreibt Bert Hellinger unter der Überschrift Der wissenschaftliche und der phänomenologische Erkenntnisweg [2000, S. 20 f.] zur phänomenologischen Vorgehensweise:

»Zwei Bewegungen führen zur Einsicht. Die eine greift aus und will ein bisher Unbekanntes erfassen, bis sie seiner habhaft und es ihr verfügbar wird. Von dieser Art ist das wissenschaftliche Bemühen, und wir wissen, wie sehr es unsere Welt und unser Leben verwandelt, gesichert und bereichert hat.

Die zweite Bewegung entsteht, wenn wir während des ausgreifenden Bemühens innehalten und den Blick nicht mehr auf ein bestimmtes Fassbares, sondern auf ein Ganzes richten. Der Blick ist also bereit, das Viele vor ihm gleichzeitig aufzunehmen.

Wenn wir uns auf diese Bewegung einlassen, zum Beispiel im Angesicht einer Landschaft oder einer Aufgabe oder eines Problems, merken wir, wie unser Blick zugleich füllig wird und leer. Denn sich der Fülle aussetzen und sie aushalten kann man nur, wenn man zunächst vom Einzelnen absieht. Dabei halten wir in der ausgreifenden Bewegung inne und ziehen uns etwas zurück, bis wir jene Leere erreichen, die der Fülle und Vielfalt standhalten kann.

Diese zuerst innehaltende und dann sich zurücknehmende Bewegung nenne ich phänomenologisch. Sie führt zu anderen Einsichten als die ausgreifende Erkenntnisbewegung. Dennoch ergänzen sich beide. Denn auch bei der ausgreifenden, wissenschaftlichen Erkenntnisbewegung müssen wir zuweilen innehalten und unseren Blick vom Engen auf das Weite richten, und vom Nahen auf das Ferne. Und auch die phänomenologisch gewonnene Einsicht bedarf der Überprüfung am Einzelnen und Nächsten.«)

1.4.1 Der Rahmen und die Haltung

Von besonderer Bedeutung ist die Gestaltung eines geschützten Rahmens, in dem die Aufstellungen in der Gruppe durchgeführt werden. Hier kommen die persönliche Erfahrung und insbesondere eine allen Teilnehmern und jedem Schicksal gleichermaßen zugewandte, urteilsfreie Haltung des Gruppenleiters zum Tragen. Je sicherer sich die Patienten fühlen und je deutlicher sie spüren, dass das, was sich in der Aufstellung zeigt, nicht von anderen Gruppenteilnehmern bewertet oder beurteilt wird, umso leichter werden sie sich für die Dynamiken, die hinter ihren Krankheiten wirken, öffnen können.

Der Aufstellungsleiter muss das in der Regel gespaltene Verhältnis des Patienten zu seiner Krankheit berücksichtigen. Einerseits möchte der Patient die Krankheit loswerden, da durch diese sein Leben eingeschränkt oder gar bedroht ist. Auf der anderen Seite muss anerkannt werden, dass die Krankheit der beste dem Patienten mögliche Versuch ist, sich seinen Lebensbedingungen anzupassen.

Wie in der Naturheilkunde betrachtet der Aufstellungsleiter Krankheit nicht so sehr als ein Problem, sondern sieht in ihr mehr ihre Funktion und den Versuch einer Lösung. In dieser Haltung ist er den hinter der Krankheit wirkenden Kräften und Dynamiken zugewandt, und der Patient gewinnt das Vertrauen, diese im Aufstellungsprozess zur Lösung freizugeben.

1.4.2 Die Leitgedanken

Aus der Sicht der Aufstellungsarbeit wirken im Umgang mit Krankheitsgeschehen nach bisherigen Erfahrungen folgende Aspekte ineinander und bedingen und verstärken sich gegenseitig:

die Bereitschaft des Patienten zum Ja zum Leben und damit verbunden zur Eigenverantwortlichkeit,

die primäre Liebe des Kindes zu seinen Eltern und die Sehnsucht nach Nähe zu ihnen,

die Ausgrenzung von systemrelevanten Personen und/oder Themen durch den Patienten selbst oder durch seine Familie.

1.4.2.1 Das Ja zum Leben und das Nein

»Gesundheit ist kein Sich-fühlen, sondern ein Da-sein.«

Hans-Georg Gadamer

Traumatische Erfahrungen und Erlebnisse in Familien bereiten allen Angehörigen der Familie über Generationen hinweg Angst und trennen die Kinder von ihren Eltern und spätere Generationen von den früheren. Doch was oft als Last und Schwere empfunden wird, birgt in der Tiefe auch eine besondere Kraft.

Das folgende Beispiel einer Aufstellung verdeutlicht, wie wir mit der Geschichte unserer Familie verbunden sind und uns ihr nicht entziehen können. Sie gehört zu uns, sie ist ein Teil von uns und prägt unsere Persönlichkeit mit allen Stärken und Schwächen, die wir haben.

Die Last

Ein Mann schildert in einem Aufstellungskurs sein Anliegen mit den Worten: »Ich möchte die Last meiner Familie loswerden.« Ohne nachzufragen, was in der Familie geschehen war, bitte ich ihn, zwei Stellvertreter auszuwählen: einen für sich selbst und einen für die »Last«. Er stellt die beiden mit großem Abstand zueinander auf, sein Stellvertreter kehrt dabei der »Last« den Rücken zu. Während der Stellvertreter des Patienten von starker Unruhe geprägt ist, steht der Stellvertreter der »Last« fest und ruhig da. Er folgt aufmerksam und mit freundlichem Blick den Bemühungen des anderen, sich zu entziehen. Die Verzweiflung des Stellvertreters des Patienten über die Unmöglichkeit, der Last zu entrinnen, nimmt stetig zu, und er versucht, sich in einer Ecke des Raumes zu verstecken. Der Stellvertreter der Last schaut unbeirrt auf ihn und wartet. Auf die Frage, was in ihm vorgeht, antwortet er: »Ich bin da, und ich habe alle Zeit der Welt!« Als der Stellvertreter des Patienten diese Aussage vernimmt, verstärkt sich seine Unruhe von Neuem. Ihm wird zunehmend unbehaglich, bis er aufsteht, und ohne umzublicken geht er langsam, wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen, Schritt für Schritt rückwärts, genau auf den Stellvertreter der Last zu, bis er sich schließlich mit seinem Rücken an ihn anlehnt. Dieser legt behutsam die Hände auf dessen Schultern, und der Stellvertreter des Patienten beginnt leise zu weinen. Nach einer Weile schaut er über seine Schulter zurück, in die Augen des Stellvertreters der »Last«, nickt einsichtig, und die beiden umarmen sich. Zum Abschluss schlage ich dem Stellvertreter des Patienten vor zu sagen: »Ja! – Jetzt nehme ich es (das Leben), auch zu diesem Preis.«

Das »Ja« zum Leben durch die Eltern und die Ahnen ist für viele ein schwieriger Vollzug. Er gelingt über die Zustimmung zu den Eltern, wie sie waren und sind, sowie zur Geschichte der Familie, in die man hineingeboren wurde. Das Gelingen dieses Vollzugs ist unabhängig von dem Kontakt oder der Qualität der Beziehung zu den Eltern oder Großeltern. Er ist auch jenen möglich, die ihre Eltern und deren Familien nicht kennen, denn er ist per se auch eine Zustimmung zur eigenen Person, zum persönlichen Schicksal und auch zur Lebenssituation, in der man sich befindet. Diese kann auch eine Krankheit beinhalten, von der man akut oder chronisch, vielleicht auch ein ganzes Leben betroffen ist.

Wie die Erfahrung zeigt, ist der erste Schritt zur Lösung eines Problems oder der Genesung von einer Krankheit oft, den eigenen Teil der Verantwortung darin zu übernehmen. Nach meiner Beobachtung steht die Kraft für diesen Schritt in Relation zur Bereitschaft, den Eltern und der eigenen Herkunftsfamilie zuzustimmen. Dieses »Ja« zu den Eltern und zur Familie ist gleichsam das Ja zum Leben, und die Bereitschaft dazu sehe ich als eine Voraussetzung, mich als Therapeut auf eine Aufstellung mit einem Patienten einzulassen. Meine Erfahrung in der Aufstellungsarbeit mit Kranken vor allem in der Klinik ist, dass wenn ein Patient nicht bereit zu diesem »Ja« zu seiner aktuellen Situation ist, dann ist er oft auch nicht bereit oder imstande anzunehmen, was sich in der Aufstellung als lösende Bewegung zeigen würde. Unter diesen Umständen arbeite ich dann zunächst an der Fähigkeit und Bereitschaft des Patienten zu diesem »Ja«.

Manchmal mache ich dazu mit dem Patienten eine Übung:

Ich stelle dem neben mir sitzenden Patienten Stellvertreter seiner Eltern gegenüber. Erst seinen Vater, dann links neben den Vater die Mutter. Den Abstand wähle ich so, dass der Patient die Nähe gerade noch gut ertragen kann, und doch so nah, dass er sich ihrem Blick auch nicht entziehen kann. Wenn nötig stelle ich hinter die Eltern noch die Großeltern und auch die Urgroßeltern auf.

Man spürt, wann die Gestalt der aufgestellten Ahnen vollständig ist oder ob noch jemand fehlt. Dann warte ich geduldig, bis der Patient zu seinen Eltern schaut. Bleibt er im Widerstand, bitte ich die Gruppe der Stellvertreter, Schritt für Schritt näher zu treten, so wie ich spüre, dass es dem Patienten möglich ist, die Nähe gerade noch zuzulassen. Früher oder später, wenn der Patient dann seine Vorfahren in den Blick nimmt und ihnen wirklich in die Augen sieht, muss er erkennen, dass er das »Nein« zu seiner Familie nicht aufrechterhalten kann und er in Bezug auf seine Herkunft keine Wahl hat. Oft ergibt sich aus dieser Gegenüberstellung eine heilsame Hinbewegung zu den Eltern und über die Zustimmung zur Familie und deren Geschichte auch ein »Ja« zum eigenen Leben und Schicksal. Aus der Verbindung mit der Familie und den Ahnen gewinnt der Patient die Kraft, das Schwere anzuschauen und sich in der Folge auch seiner Krankheit zu stellen.

Wie die Ablehnung der Eltern gleichsam unbewusst eine Ablehnung der eigenen Person bedeuten kann, zeigt die folgende Aufstellungsarbeit mit einer Patientin, die an einer Autoimmunerkrankung leidet.

Der frühe Tod der Eltern: »Ich bin eure Tochter!«(Patientin mit Pemphigus vulgaris)

Die etwa 45-jährige Patientin leidet an Pemphigus vulgaris, einer Autoimmunerkrankung der Schleimhäute mit der Folge, dass diese sehr dünn und empfindlich werden und häufig bluten.

Die Patientin wirkt verhärtet und strahlt wenig Weiblichkeit aus. Als sie sich neben mich setzt, mustert sie mich mit großer Reserviertheit und Skepsis.

Ich warte eine Weile, folge einem inneren Impuls und beginne das Interview mit der Frage: »Auf wen bist du böse?« Sie schaut mich überrascht an, antwortet jedoch sofort: »Auf meine Mutter!« Mein Bild ist, diese Antwort erklärt nur einen Teil ihrer Wut, und so frage ich weiter: »Auf wen noch?« Und auch diese Antwort kommt prompt: »Auf meinen Vater!«

Die Befragung nach Ereignissen in der Herkunftsfamilie ergibt, dass die Patientin im Alter von neun Jahren ihren Vater verloren hat. Ihre Mutter starb drei Jahre später. Sie ist gebürtige Argentinierin und lebt seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr in Spanien.