Auf Ärger aus - Jess Lea - E-Book

Auf Ärger aus E-Book

Jess Lea

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Beschreibung

Liebe, Lügen und der absurdeste Wahlkampf Australiens. WG-Hölle, miese Dates, Jobfrust – Nancy hat die Nase voll! Zeit, sich endlich eine eigene Wohnung in Melbourne zu suchen und Ms. Right zu treffen. Doch stattdessen trifft sie auf die mürrische Busfahrerin George, die auf der Flucht vor ihrer rachsüchtigen Ex ist. George hält Nancy für arrogant, Nancy hält George für die unhöflichste Person überhaupt. Als die beiden Streithähne in den verrückten Wahlkampf der Außenseiterin Clara West hineingezogen werden, die mit dem bizarren Versprechen antritt, das Internet abzuschalten, gerät die Situation außer Kontrolle. Reich, sexy und skrupellos – Clara schreckt vor nichts zurück, um an die Macht zu kommen. Nancy und George müssen lernen, einander zu vertrauen und schnell zu handeln, wenn sie diese Wahl überleben wollen. Eine turbulente Mischung aus Liebesroman, Politkrimi und schrägem Humor – »Auf Ärger aus« ist eine Geschichte über unerwartete Liebe, gefährliche Wahrheiten und die Macht, die Welt zu verändern.

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Seitenzahl: 600

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Von Jess Lea außerdem lieferbar

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Sechs Monate später

Danksagungen

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Über Jess Lea

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Von Jess Lea außerdem lieferbar

Ein ganz (un)gewöhnlicher Todesfall

Für meine Familie

Kapitel 1

Ob es sich so anfühlt, tot zu sein?

Nancy rieb sich die Schläfen und blinzelte in die Morgensonne. Die Luft auf der Northvale High Street waberte vor Abgasen, hier und da duftete es nach Kaffee. Eine Straßenbahn ratterte an ihr vorbei und ließ sie zusammenzucken. Sie stöhnte. Zum Glück werde ich nie wieder dreißig.

Studenten und Büroangestellte schwärmten an ihr vorbei die Rampe hinauf zur Haltestelle, von ihrem ständigen Geschubse und Gewusel wurde Nancy übel. Was war nur mit ihr los? Sie war nur unter der Woche einen Wein trinken gegangen, hatte um zwei Uhr morgens eine Pizza mit Meeresfrüchten gegessen und anschließend bei einer Freundin auf der Couch übernachtet. So was war doch noch nie ein Problem für sie gewesen. Aber heute Morgen hatte sie Rückenschmerzen, und in ihrem Kopf schien ein Presslufthammer zu rattern. Wurde sie etwa … alt?

Sie blieb stehen, um einer Frau, die eingewickelt in eine Decke vor dem 7-11 saß, etwas Wechselgeld zu geben. »Morgen, Trudi.«

Trudi sah aus müden Augen zu ihr auf. »Hattest du die Klamotten nicht gestern schon an?«

Seufzend wandte Nancy sich ab. Wenn sie schon unbedingt älter werden musste, konnte sie dann nicht wenigstens ein bisschen Würde entwickeln? Schließlich war sie Wissenschaftlerin, eine Intellektuelle, eine professionelle Denkerin. Kopf hoch. Vielleicht wurde im vierten Jahrzehnt ihres Lebens alles besser. Vielleicht verwandelte sie sich demnächst in eine distinguierte, elegante Frau mit einem französischen Sportwagen und einer ganz in Schwarz gehaltenen Garderobe. Eine Frau, der jederzeit eine schlagfertige Antwort auf der Zunge lag.

Ein junger Kerl auf einem Roller zischte an ihr vorüber und verfehlte sie nur um Haaresbreite. Sie quiekte erschrocken, stolperte zur Seite und wich hektisch einem Burger aus, der zertrampelt auf dem Gehweg lag.

Jemand in einem Koalakostüm hielt ihr die Petition einer Tierschutzorganisation entgegen.

»Tut mir leid, heute bitte nicht«, sagte Nancy.

»Boah, fick dich doch, du hochnäsige Schlampe«, schrie eine nasale Stimme aus dem Kostüm. »Die Koalas sind dir doch scheißegal!«

»Nein … sind sie wirklich nicht.«

Der Koala stürmte davon, jedoch nicht, ohne ihr den pelzigen Mittelfinger zu zeigen.

Okay, vielleicht zeigte sich ihr neues, mondänes Ich ja morgen.

Bis nach Hause war es nur eine Station. Eigentlich sollte sie zu Fuß gehen, doch sie konnte den Gedanken an körperliche Bewegung nicht ertragen. Am Zugang zur Haltestelle stand ein Dutzend Leute in roten T-Shirts und verteilte Flyer. Nancy versuchte, ihnen auszuweichen. Bitte sprecht mich nicht an.

»Tagchen auch.« Diese Stimme klang älter und ein bisschen heiser mit einem leichten Kratzen, als hätte die Sprecherin früher entweder viel geraucht oder rumgebrüllt. »Sie sehen aus wie eine Frau, die eigenständig denken kann. Haben Sie kurz Zeit? Demnächst sind hier in Northvale Nachwahlen, und wir vertreten Ihren Labor-Kandidaten Martin Argyle.«

»Ich kann jetzt nicht reden.« Nancys Mund fühlte sich an, als wäre er mit Sandpapier ausgekleidet. »Ich habe es eilig.«

»Oh, das sehe ich. Sie trainieren gerade für Olympia, was?«

Veralberte diese Frau sie etwa? Eine arme, ehrliche, verkaterte Bürgerin, die nur nach Hause und duschen wollte? Nancy warf der Frau, die ihr jetzt den Weg versperrte, einen finsteren Blick zu.

Sie war kräftig gebaut und hatte einen Bürstenhaarschnitt, in dem sich das erste Grau zeigte. An ihrer Hose hing eine Schlüsselkette, und die Ärmel ihres Flanellhemds waren aufgerollt, sodass wettergegerbte olivfarbene Haut und eine Reihe Tattoos zu sehen waren. Alles in allem erinnerte sie eher an eine Lkw-Fahrerin als an einen Hipster. Und mit ihren gestrafften Schultern und der kerzengeraden Körperhaltung wirkte sie größer, als sie tatsächlich war.

Sie grinste. »War nur ein Witz. Harte Nacht, was?« Sie zwinkerte. »Ich wette, Sie können keinen Klub betreten, ohne dass die ersten Rugby-Spieler schreiend rausrennen.«

Nancy starrte sie an. Echt jetzt? So tief war sie gesunken? Nicht nur, dass sie dreißig geworden war, ohne auch nur den kleinsten Anflug einer mysteriösen Ausstrahlung oder von brillantem Witz zu entwickeln. Nein, jetzt konnte sie nicht mal mehr mit der Straßenbahn nach Hause fahren, ohne dass sich irgendein Scherzkeks über sie lustig machte.

Die Tatsache, dass die Frau auf eine spröde Weise ziemlich gut aussah, ärgerte Nancy erst recht. Es gab nichts Schlimmeres, als von jemandem dumm angemacht zu werden, den man – rein theoretisch – süß fand.

»Wenn Sie es genau wissen wollen: Freunde haben mich auf eine Sangria eingeladen, um mich aufzumuntern, weil ich jetzt ganz offiziell erwachsen bin und sogar einen Doktortitel habe. Allerdings habe ich noch keine feste Stelle ergattert und lebe in einer WG aus der Hölle. Außerdem habe ich die Nacht auf einem Sofa verbracht, das offenbar nur aus Pappe und unbequemen Sprungfedern besteht. Mit anderen Worten: Ich habe die ganze Zeit wach gelegen und darüber nachgedacht, was ich für Träume hatte und wie ich mein Leben verbringen wollte … Unter anderem mit einer Frau, die mir nicht auf den Keks geht und die mich jeden Tag inspiriert, das Beste aus mir herauszuholen.« Sie holte Luft. »Also ja, es war ein toller Abend. Danke der Nachfrage.«

Du liebe Zeit. Fremden ihr Leid zu klagen, passte gar nicht zu ihr. Es musste sie schlimmer erwischt haben als gedacht. Hoffte sie etwa, dass die Wahlhelferin sie bemitleiden würde? Oder doch eher, dass ihr Nancys Ausbruch so peinlich sein würde, dass sie von ihr abließ?

Stattdessen lachte die Frau. »Tja, das klingt, als sollten Sie unbedingt Argyle wählen. Er steht für faire Löhne, bezahlbaren Wohnraum und eine umfassende Gesundheitsvorsorge für alle – inklusive Physio, falls man von einem gemeingefährlichen Sofa angegriffen wird.« Sie kam einen Schritt näher. »Kommen Sie, lassen Sie sich überzeugen.«

War das ihr Ernst? Nancy kniff die Augen zusammen. Gut, die Frau wirkte ein bisschen schroff, aber sie roch frisch geduscht und nach unparfümierter Seife, was an den richtigen Leuten ziemlich anziehend wirken konnte. Ihre ganze Ausstrahlung verriet, dass sie sich nichts bieten ließ, und das war alles andere als abstoßend. Sie war eine Frau, die es gewohnt war, die Initiative zu ergreifen.

Aber Nancy sollte sich nicht ablenken lassen. Letztendlich war die Wahlhelferin nicht mehr als eine aufdringliche, taktlose Nervensäge, die sie davon abhielt, nach Hause zu fahren und sich hinzulegen.

Sie schlug einen überlegenen Tonfall an. »Genau genommen unterrichte ich an der Universität Politikwissenschaften. Ich bin also bestens informiert, wie es zu diesen Nachwahlen gekommen ist.«

»Ach ja?« Die Frau zögerte.

»Ja.« Nancy verschränkte die Arme. »Weil unser letzter Abgeordneter gestorben ist. Und ich weiß auch, warum.«

Das Lächeln der Frau verblasste. Dafür wurde ihr Griff um die Flyer fester.

Endlich hatte Nancy die Oberhand. »Bill O’Brien war sechzehn Jahre lang unser Abgeordneter und – Seit wie lange noch mal? Dreißig Jahren? – Mitglied Ihrer Partei. Bis vor Kurzem herausgekommen ist, dass er nie berechtigt war, dieses Amt zu bekleiden, da er kein Bürger Australiens war. Seine Eltern sind aus England immigriert, als Bill noch ein Baby war, und haben vergessen, ihn einbürgern zu lassen. Irgendjemand, wahrscheinlich ein verärgertes Familienmitglied, hat die Wahrheit herausgefunden und sich an die Presse gewandt. Im Grunde genommen hat Bill nicht nur die Öffentlichkeit betrogen, sondern auch jahrelang das Gesetz gebrochen.«

»Das waren unglückliche Umstände! Woher sollte er das wissen?« Die Schultern der Frau hatten sich versteift, und sie reckte streitlustig das Kinn.

»Trotzdem«, gab Nancy zurück. »Es war ein ausgesprochen peinlicher Zwischenfall, und die Presse hat ihn in der Luft zerrissen. Ich habe einen Artikel für die Australian Political Science darüber geschrieben.«

»Ach nee, haben Sie, ja?«, knurrte ihr Gegenüber warnend.

»Und dann ist Bill O’Brien … verstorben.« Nancy sackte in sich zusammen. Zu spät fiel ihr auf, dass sie besser geschwiegen hätte. Ihre Worte waren zu harsch gewesen, besonders so kurz nach dem Tod des Politikers. Aber sie ließen sich nicht zurücknehmen. »Warum sollte ich Ihrer Partei nach diesem Fiasko zutrauen, uns zu regieren?«

»Wer sind Sie? Eine Radiosprecherin, die auf Anrufer wartet?« Ihre Gegnerin warf ihr einen bösen Blick zu. »Es war ein einziger kleiner Fehler. Und Sie haben die Nerven, uns allen die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, dass … für das, was mit Bill passiert ist. Als ob ihr ganzen professionellen Dummschwätzer mit euren verdammten Artikeln nichts damit zu tun gehabt hättet!«

»George …« Eine junge Frau von vielleicht neunzehn Jahren trat zu ihnen. Sie lächelte nervös. »Weißt du noch, worüber wir im Kurs gesprochen haben? Wir sind hier, um die Leute zu informieren und eine gute Beziehung zu den Wählern aufzubauen –«

»Hau ab, Genossin«, sagte George. »Ich habe schon für die Partei Klinken geputzt, als du noch nicht mal geboren warst.«

»Was der Grund sein dürfte, warum die Australier die Labors seit Jahren nicht wählen«, warf Nancy ein. »Darüber habe ich übrigens auch geschrieben.« Sie ließ die beiden stehen und ging hoch zum Gleis.

Hinter sich hörte sie die jüngere Frau sagen: »Du hast Martin nicht mal erwähnt, George. Unseren Kandidaten, weißt du noch? Wir sollen mit den Leuten über seine fünf Herzensprojekte reden. Warte! Du kannst ihr doch nicht nachrennen! Wir dürfen den Bahnsteig nicht betreten!«

Georges schwere Motorradstiefel donnerten auf den Stufen, als sie Nancy nachhetzte.

»Wissen Sie was, Ihre Einstellung gefällt mir nicht.« Sie musterte Nancy von oben bis unten und verzog höhnisch den Mund. »Ihr feinen Café-Latte-Trinker zieht in die alten Zuwandererviertel, kauft alle Häuser weg, zwingt uns eure Radwege, Kaminfeuer und irgendwelche Bars auf, in denen man bis Mitternacht Käse serviert bekommt, ohne dass sich einer von uns beschwert.«

Nancy zog eine Augenbraue hoch. »Das wage ich sehr zu bezweifeln.«

»Aber wenn Sie einen anständigen Kerl wie Bill beleidigen und unseren Wahlkreis in die Hände der Grünen, dieser Sex-Partei oder irgendeinem Satire-Kandidaten im Piratenkostüm fallen lassen, ist für mich Feierabend.«

»Sehr schön. Genießen Sie ihn. Meine Bahn ist da.«

Die Bildschirme leuchteten auf und kündigten die Bahn für acht Uhr fünf an. Das Warnsignal ertönte, als die Straßenbahn einfuhr. Nancy trat auf den vollen Bahnsteig.

»Dann einen schönen Tag noch«, rief George sarkastisch. »Ich hoffe, Sie haben keinen Kater oder so.«

Mit finsterer Miene drehte Nancy sich um, um etwas zu erwidern. Da knallte etwas oder jemand gegen sie und stieß sie nach vorn.

Ein Dröhnen, ein Rauschen, und die Straßenbahn schoss an ihr vorbei. Nancy taumelte, ihr Knöchel knickte unter ihr weg. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel vornüber.

Die Straßenbahn war so nah. Die hellen Farben, die glänzenden Fenster, die Lücke zwischen dem dahinrasenden Metallgiganten und der Bahnsteigkante. Breit genug, um nach unten zu schauen und sogar hineinzufallen …

»Hey!« Kräftige Hände legten sich um ihren Arm und rissen sie zurück. »Was zum Teufel wird das?«

Sie klammerte sich an ihre Retterin. Die Bahn wurde langsamer. Ganz allmählich hörte die Welt auf, sich um sie zu drehen.

»Oh Gott.« Mit rasendem Herzen richtete Nancy sich auf und hob den Blick.

George. Entsetzt ließ sie sie los.

Die Straßenbahn war zum Stehen gekommen, die ersten Leute stiegen hastig ein und aus.

George brüllte empört einem Radfahrer hinterher. Offenbar war er es gewesen, der Nancy in seiner Eile, den letzten Waggon zu erreichen, umgestoßen hatte. »Pass auf, wo du hinfährst, du Clown! Jetzt komm wenigstens her und entschuldige dich!«

Der Mann warf ihnen einen desinteressierten Blick zu und lud sein Rad in die Bahn.

»Arschmade«, murmelte George. »Alles in Ordnung?«

»Äh … ja. Mir geht es gut.« Nancy wand sich innerlich. »Danke.« Ihr Arm brannte an der Stelle, an der George sie gepackt hatte.

»Kein Problem.« George wandte den Blick ab und trat von einem Fuß auf den anderen, als fühlte sie sich mit der Entwicklung genauso unwohl wie Nancy.

»Na ja … Ich geh mal besser.« Nancy hastete vorwärts und bahnte sich mit den Ellbogen einen Weg in den vollen Wagen.

George blieb auf dem Bahnsteig zurück und runzelte die Stirn. Sie nickte, vielleicht zum Abschied, dann schlossen sich die Türen.

~ ~ ~

Nancy stand unter der Dusche und stützte sich mit einer Hand gegen die hässlichen pinken Fliesen mit dem verblassten Muschelmuster. Das Wasser rann ihr über die Schultern.

Ich hätte sterben können.

Sie befahl sich, sich nicht so anzustellen. Fiel nicht jeder irgendwann mal fast vor die Straßenbahn? Trotzdem, ihre Knie zitterten immer noch. Wenn diese furchtbare, unhöfliche, pampige George nicht gewesen wäre …

Oh Gott. Wenn Nancy heute gestorben wäre, was hätte sie hinterlassen? Ein Zimmer voller gebrauchter Bücher und Möbel, ein paar Studenten, die sie vielleicht – oder vielleicht auch nicht – inspiriert hatte, und eine Reihe Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften, die von rund zehn Leuten gelesen wurden. Nicht einmal auf ihr letztes Gespräch hätte sie stolz sein können. Was hatte sie sich dabei gedacht, einen Monolog über die lokalen Nachwahlen und den armen, toten Bill O’Brien zu halten?

Ihr Magen probte den Aufstand. Die Frutti di Mare von letzter Nacht wollte ins Freie.

Nancy hielt das Gesicht unter den Wasserstrahl. Jetzt reiß dich mal zusammen.

Das Rattern des kaputten Deckenventilators und das Rumoren in den Rohren übertönten fast den Lärm aus den benachbarten Reihenhäusern. Das ältere Paar im Haus links von ihnen hörte auf voller Lautstärke einen griechischen Radiosender, von rechts schrie eine Frau ihr Kleinkind an. »Madeleine, Mommy will nicht, dass du Mommys Handy nimmst! Nein, Madeleine, Mommy ist nicht sauer, aber du verhältst dich mir gegenüber sehr rücksichtslos!«

Eines Morgens, nachdem sich Nancy eine Stunde lang eine ähnliche Diskussion anhören musste, hatte sie an die Wand getrommelt und gerufen: »Um Gottes willen, Madeleine, gib ihr das Handy wieder und bitte sag deiner Mutter, dass sie leiser reden soll!« Sie hatte es später bitter bereut, als eine Beschwerde über Nancys erschreckende Unhöflichkeit beim Vermieter eingegangen war. Aber die zehn Minuten schockierter Stille waren es ihr fast wert gewesen.

Sie öffnete die Augen und sah zu den Schimmelflecken an der Decke auf, dann zum überlaufenden Mülleimer. Seit letztem Jahr lag eine inzwischen mumifizierte graue Socke in einer Ecke des Badezimmers. Nancy weigerte sich aus Prinzip, sie wegzuräumen. Sie glaubte fest daran, dass sich der Täter irgendwann so schuldig fühlen würde, dass er es selbst erledigte.

Sie wartete immer noch auf diesen Tag. Als sie hier eingezogen war, hatte sie versucht, einen Putzplan zu etablieren und eine entsprechende Liste aufgehängt. Aber irgendjemand hatte sie missbraucht, um verschüttete Marinara-Soße aufzuwischen und sie anschließend zerknüllt in die Spüle geworfen.

Wenn ich heute gestorben wäre, wäre das hier meine letzte bekannte Adresse gewesen.

Wenn sie nur genug ansparen könnte, um die Kaution für eine eigene Wohnung zu hinterlegen. Dann könnte sie diesem Haus entkommen und an einem Ort leben, der ruhig und gepflegt war. Irgendwo, wo sie sich ein richtiges Arbeitszimmer einrichten konnte, mit einem antiken Schreibtisch, gerahmten Toulouse-Lautrec-Drucken und Hunderten von Büchern an den Wänden, hoch bis zur Decke. In einem Haus zwischen Eukalyptusbäumen und unter blauem Himmel, in dem sie weder Erbrochenes im Schirmständer noch Tennisschuhe im Gefrierfach vorfand.

Aber in der Innenstadt von Melbourne waren selbst Einzimmerwohnungen lächerlich teuer.

Sie hatte noch ein paar armselige Reste ihres Doktoranden-Stipendiums übrig, nahm freiberuflich Rechercheaufträge an, gab stundenweise Unterricht und korrigierte Hausarbeiten, aber sie verdiente trotzdem nicht viel. So würde es ewig dauern, Rücklagen zu bilden.

Besonders mit dem Druck im Nacken, in jeder freien Minute nach Veröffentlichungschancen Ausschau zu halten, um sich irgendwann für eine der rar gesäten wissenschaftlichen Stellen in ihrem Bereich zu qualifizieren. Natürlich nur, falls sie es schaffte, sich gegen die Heerscharen anderer Verzweifelter mit Doktortitel durchzusetzen.

Wenn sie es aus diesem Saustall rausschaffen und Erfolg haben wollte, musste sie endlich entsprechende Fähigkeiten entwickeln, und das bald. Zum Beispiel einen brauchbaren Killerinstinkt.

Die Tür flog auf.

»Hey!« Sie packte den schleimigen Duschvorhang und zog ihn bis zur Wand zu.

»Mach ruhig weiter. Lass dich nicht stören.« Jasmine, eine Mitbewohnerin, setzte sich auf die Toilette.

»Du störst mich aber!« Nancy knirschte mit den Zähnen. »Du hättest wenigstens anklopfen können.«

»Du weißt doch, dass meine Blase durchdreht, wenn ich eine Panikattacke habe.« Jasmine hob die Stimme. »Und das jedes Mal, wenn jemand an die Haustür klopft. Ich glaube, ich werde dann immer daran erinnert, wie ich acht war und mein Dad verhaftet wurde, weil er im Park seltene Pflanzen geklaut hat. Die Polizei hat uns hinterher nicht mal den Psychologischen Dienst geschickt.«

»Ach ja?« Nancy stieß sacht mit der Stirn gegen die Fliesen, bereute es jedoch sofort: Ihr Kater legte wieder los. Wenn sie sich nicht so elend gefühlt hätte, hätte sie versucht, Jasmine aus dem Bad zu scheuchen und vielleicht sogar die Seife nach ihr geworfen. Nicht, dass das bei dem letzten Dutzend Gelegenheiten funktioniert hatte. Es war schwer, sich gegen Menschen durchzusetzen, die einen weder richtig wahrnahmen, noch sich darum scherten, was man sagte oder tat.

Jasmine fuhr fort. »Außerdem hat Ahmed wieder um ein Uhr morgens seine ätzende Bumm-Bumm-Mucke gespielt.«

»Schon wieder?« Nancy hatte sich längst angewöhnt, mit Ohrstöpseln zu schlafen, aber sie schirmten sie nur vor dem lautesten Krach ab.

»Und als ich ihn deshalb angeschrien habe, kam er mir mit: Tja, ich arbeite halt nachts, für mich ist es praktisch fünf Uhr nachmittags. Aber ich habe es ihm heimgezahlt. Ich habe heute Morgen um sechs meinen neuen Mixer ausprobiert.«

Nancy schloss die Augen. »Natürlich hast du das.«

»Wie dem auch sei, ich wollte jedenfalls nicht an die Tür gehen, dafür hatte ich viel zu viel Schiss. Also ist Joseph runter und hat aufgemacht, sodass ich den Typen doch noch die Meinung sagen konnte. He, ich wusste gar nicht, dass demnächst Wahlen sind. Glaubst du, wir bekommen einen neuen Premierminister? Ich mag den Typ nicht, den wir gerade haben. Er wirkt ständig müde, und ich glaube nicht, dass er viel Sport treibt. Ich habe schon einen Post darüber geschrieben.«

Jasmines Wellness-Blog hatte über zehntausend Follower. Nancy platzte jedes Mal fast eine Ader im Gehirn, wenn sie darüber nachdachte. Selbst Jasmine war erfolgreicher als sie, verdammt noch mal. Wenn das kein Beweis war, dass sie endlich ihr Leben auf die Reihe kriegen musste, wusste sie es auch nicht.

»Das ist nur eine Nachwahl.«

»Sie haben mir das hier gegeben.« Jasmine schob einen Flyer durch den Duschvorhang.

»Schiebst du mir hier gerade das Zeug rein, das du auf der Toilette gelesen hast?« Trotzdem, ihr Interesse war geweckt. »Das muss der Kandidat sein, für den diese George Wahlkampf gemacht hat.«

»Wer?«

»Ach, egal.« Nancy ärgerte sich, dass sie sich den Namen überhaupt gemerkt hatte. Okay, George hatte sie gerettet, was schlimm genug war, aber Nancy musste sich doch nicht weiter mit ihr beschäftigen, oder?

Ihr Gedächtnis war anderer Meinung. Der kräftige Druck von Georges Fingern an ihrem Arm, als sie nach Nancy gegriffen und sie zurückgerissen hatte. Wie ihre Körper gegeneinandergeprallt waren. Georges breite Brust, die sich vor Überraschung gehoben hatte, ihr Atem an Nancys Wange. Der Klang ihrer Stimme, der über den ganzen Bahnsteig dröhnte, als sie dem Typ hinterhergeschrien hatte.

Es war eine Verschwendung, dass George Flyer verteilte. Sie hätte einen prima Feldwebel abgegeben. Nancy konnte sich genau vorstellen, wie sie in Kaki-Hose und mit Armeestiefeln dastand und jemanden anbrüllte, dass er sich sofort hinlegen und zwanzig Liegestütze machen sollte.

Sie verpasste sich innerlich einen Klaps. Habe ich mir nicht gerade vorgenommen, mich nicht mehr mit ihr zu beschäftigen?

Stattdessen wandte sie sich dem Flyer zu. Der Mann auf der Vorderseite hatte einen ordentlich gestutzten, grauen Bart, und seine Augen funkelten hinter einer winzigen, runden Brille mit Schildpattmuster. Er lächelte gutmütig, umgeben von einer glücklich wirkenden, multikulturellen Gruppe größtenteils junger Leute.

Der Slogan lautete: Eine große Familie.

Sie runzelte die Stirn. »Martin Argyle … Moment mal, den kenn ich doch.«

»Ich glaube, das Kimchi im Kühlschrank ist nicht mehr gut«, redete Jasmine dazwischen. »Wenn du willst, kannst du es ja mal probieren. Ich hab jedenfalls Sodbrennen davon bekommen.«

»Martin hat an meiner Uni Vorlesungen gehalten.« Nancy stellte das Wasser ab. »Er war Professor für Umweltgerechtigkeit und echt beliebt. Du weißt schon, so ein cooler, älterer Kerl mit grauem Pferdeschwanz und Ohrring, der über Eisbären redet und schon mal Scheiße sagt. Die Studenten sind ihm scharenweise nachgelaufen und haben ihn angehimmelt.«

»Muss ich zu diesen Nachwahlen gehen?«

»Wenn du unter dieser Adresse deinen offiziellen Wohnsitz hast und im Wählerverzeichnis stehst, dann ja. Dann bist du verpflichtet, deine Stimme abzugeben.« Nancy versuchte, den feuchten Duschvorhang vor sich zu halten, ohne dass er sie berührte, und gleichzeitig nach ihrem Handtuch zu greifen und mit zwei Fingern den Flyer festzuhalten.

»Aber das ist doch unfair! Was, wenn ich mit keinem der Kandidaten einverstanden bin? Wenn keiner von denen meine Ansichten teilt?«

»Dann suchst du dir den aus, den du am wenigsten furchtbar findest.« Nancy wickelte sich in das Handtuch. Es war klamm. Hatte es etwa jemand benutzt? Ich muss hier unbedingt raus.

»In meinem Feed war ein Artikel, in dem es hieß, dass die meisten jungen Leute nichts mehr mit der Demokratie anfangen können«, sagte Jasmine. »Von daher ist es nicht sehr demokratisch, uns zum Wählen zu zwingen.«

War es überhaupt die Mühe wert, mit ihr zu diskutieren? Nancy wollte nur noch weg. Sie umklammerte ihr Handtuch, stieg aus der Badewanne, schnappte sich ihre Klamotten und öffnete mit dem Ellbogen die Tür.

Jasmine redete weiter. »Aber was, wenn die Kandidaten böse sind oder so? Was, wenn sie alle, keine Ahnung, Mörder sind?«

Nancy verdrehte die Augen und schlurfte davon, um sich etwas anzuziehen.

~ ~ ~

Es war nicht weiter schwer, alles abzubauen. Man brauchte nur ein vernünftiges System und ein bisschen Muskelkraft.

Wenn George morgens Wahlwerbung gemacht hatte, schaffte sie es in weniger als einer Minute, alles zusammenzupacken. Nur schnell die Reklametafeln zusammenklappen und unter den Arm klemmen, dann die Flyer stapeln und mit einem Gummiband sichern. Alles in Plastik wickeln, damit nichts kaputtging, und dann ab in den Kofferraum ihres Autos, das sie auf ihrem geheimen, kostenlosen Parkplatz hinter dem Bahnhof abgestellt hatte. Kurz nachzählen, wie viele Flyer sie verteilt hatten, und aufschreiben, ob sie Feedback bekommen oder ob es Zwischenfälle gegeben hatte. Was heute Morgen passiert war, würde sie aber wohl weglassen.

Danach musste sie nur noch ihr Kampagnen-T-Shirt ausziehen und ordentlich zusammenlegen, nur für den Fall, dass sie auf dem Weg nach Hause einen Unfall hatte. Nicht, dass es je dazu kommen würde. Sie war eine erstklassige Fahrerin und hatte schon alles vom Gabelstapler bis hin zum Bus der Seniorenbetreuung bewegt. Sie tastete ihre Taschen ab – Brieftasche, Schlüssel, Handy – und tada, damit war alles erledigt. Und das, während das junge Gemüse, mit dem sie zusammenarbeiten musste, herumgeeiert war und für Fotos posiert hatte.

Sie hatte versucht, ihnen beizubringen, sich besser zu organisieren und weniger Zeit zu verschwenden. Aber sie hatten George nur angestarrt, als würde sie stören.

Normalerweise war sie mit ihrem System sehr zufrieden, doch heute konnte sie sich nicht konzentrieren. Ihr Atem flog, und ihre Handflächen waren feucht. Sie wischte sie an der Jeans ab.

Unser letzter Abgeordneter ist gestorben. Und ich weiß auch, warum.

Gott. Sie knallte den Kofferraum zu. Diese verdammte Frau heute Morgen. Schlimm genug, dass sie wie ein Snob dahergeredet hatte und wie eine abgerissene Studentin angezogen gewesen war – die beiden Menschenschläge, die George am wenigstens leiden konnte –, aber musste sie sich auch noch das Maul über den armen, alten Bill zerreißen?

George rieb ein bisschen Matsch von der Stoßstange und versuchte, nicht darüber nachzudenken, was sie gern erwidert hätte. »Du dämliche Penneule, kannst du nicht aufpassen, wo du hingehst? Du kommst dir wohl richtig schlau vor, weil du an einer Scheißuni warst. Dabei bist du zu blöd, am Bahnsteig zu stehen, ohne auf den Schienen zu landen. Oder kann man darin etwa keinen Abschluss machen? Glaubst du, ich hab nichts Besseres zu tun, als dich von den Schienen zu kratzen und einem Wichser in Lycra mit seinem Scheißfahrrad hinterherzurennen? Und fang mir bloß nicht mit denen an, die sind eh die reinste Landplage …«

Dabei passte es gar nicht zu ihr, jemanden anzuschreien, während sie Wahlwerbung machte. Sie hatte schon bei vielen Wahlen geholfen und sich mit jeder Menge Motzköpfen, Aggro-Kids und glotzäugigen Hohlbroten rumgeschlagen, die ihr nicht mal für eine Million Mäuse hätten sagen können, wer gerade Premierminister war. Also, warum hatte sie diese Frau so aufgeregt?

Auf ihre schnöselige Weise hatte sie eigentlich recht klug gewirkt. Wie jemand, der Nachrichten schaute und vielleicht sogar ab und zu eine richtige Zeitung kaufte. Manchmal glaubte George, der letzte Mensch auf der Welt zu sein, der das noch tat. Die Frau hatte wild gelocktes, kastanienfarbenes Haar gehabt, ein herzförmiges Gesicht und jenen blassen Hautton, der anfällig für Sommersprossen war. Keine Piercings in den Ohren, dafür eine große Brille mit dicken Gläsern, wie Bibliothekarinnen sie trugen. Als sie ins Stolpern geraten war, hatte sie die grünblauen Augen weit aufgerissen.

George erinnerte sich noch gut an diesen kurzen Moment absoluter Panik. Daran, wie sich die Zeit um sie herum auszudehnen schien und sie nach vorn geschossen war, um die Frau zu packen und nach hinten und außer Gefahr zu zerren. Sie hatte durch das dünne T-Shirt ihre Körperwärme gespürt und ihren Geruch wahrgenommen. Kokosnuss mit Zitrone, wie ein sommerlicher Nachtisch.

Es gehörte nicht gerade zu Georges Angewohnheiten, herumzulaufen und an fremden Frauen zu riechen. Im Augenblick hatte sie überhaupt kein Interesse an Frauen. Nicht nach allem, was passiert war, und besonders nicht nach der letzten Frau in ihrem Leben, die sich nicht nur als toxische Persönlichkeit, sondern auch als ernsthafte Gefahr entpuppt hatte.

George hätte schon nicht mehr alle Tassen im Schrank haben müssen, um sich noch mal auf so was einzulassen. Sie war bestimmt nicht der intellektuelle Typ, aber sie wollte gern glauben, dass sie klug genug war, um aus ihren Fehlern zu lernen.

»Genau genommen unterrichte ich an der Universität Politikwissenschaften«, äffte sie die Fremde leise nach. Sie sah sich nach den anderen Wahlhelfern um, die meisten von ihnen waren Studenten. »Dann bist du wohl für diese Bande hier verantwortlich, was?«

Die anderen versammelten sich gerade. Tyson, der Organisator ihrer Gruppe, ergriff das Wort. »Okay, ihr wunderbaren Leute, dann legen wir mal los!« Er klatschte in die Hände und bat sie damit zu einem seiner sogenannten Turbo-Meetings.

George wusste, worauf das hinauslaufen würde: Dem einen wurde erzählt, dass er dieses oder jenes als Lernerfahrung mitnehmen sollte, dem anderen wurde konstruktive Kritik an die Hand gegeben. Letztes Mal hatte sie einen Rüffel bekommen, weil sie es gewagt hatte, einen Premierminister aus den Achtzigern zu erwähnen – Bob Hawkes Amtszeit läge zu lange zurück, die jüngeren Leute würden ihn nicht mehr kennen. Außerdem hatte Tyson bekrittelt, dass George eine Frau gefragt hatte, ob sie in der Gewerkschaft sei – zu voreingenommen – und dass sie die Leute mit Sir und Madam ansprach, weil das gender-binär sei. Nach jedem Meeting mussten die Freiwilligen ihre Handys hochhalten und ein Emoji präsentieren, das auf höfliche Weise widerspiegelte, wie sie sich gerade fühlten. Zum Abschluss gab es eine Gruppenumarmung, aber auf die verzichtete George immer.

Als sie sich zu den anderen gesellte, hatte Tyson schon angefangen. »Heute war ein Vier-Sterne-Tag, Leute. Morgen will ich fünf sehen!«

»Seine Majestät schließt sich uns nicht an?« George zeigte mit dem Daumen auf ein Poster von Martin Argyle. Sie mochte es nicht, wenn sich die Kandidaten zu fein dafür waren, mit ihnen auf die Straße zu gehen.

Tyson warf ihr einen Blick zu. »Wie ich heute Morgen in unserer WhatsApp-Gruppe geschrieben habe, hat Martin zu tun, George. Er hält auf einer Konferenz eine Grundsatzrede über Gleichberechtigung.«

»Lässt er deshalb so gern junge Frauen die Drecksarbeit für sich machen?« George nickte vielsagend in die Runde.

Tyson runzelte so sehr die Stirn, dass sich sein Augenbrauen-Piercing nach außen wölbte. Vielleicht schaffte George es ja doch eines Tages, dass es ihm aus dem Gesicht sprang. Sie hatte es Gott weiß oft genug versucht.

»Wie dem auch sei«, fuhr Tyson fort. »Ich möchte, dass wir uns alle kurz Zeit nehmen, unser neues Teammitglied willkommen zu heißen. Normalerweise arbeitet sie bei Martin im Büro, aber sie kann es nicht erwarten, mehr Erfahrung im persönlichen Kontakt mit den Wählern zu sammeln.« Er winkte einer molligen, jungen Frau mit violettem Nagellack und gleichfarbigen Haaren zu, die ihr bis zu den Augenbrauen fielen. »Das ist Rocket, Leute.«

Die Gruppe sagte im Chor: »Hallo, Rocket.«

George lächelte. »Rocket? Wie der Waschbär aus diesem komischen Comic-Film?«

Die junge Frau zuckte zusammen, als hätte George ihr eine geklebt. »Rocket wie Rakete! Du weißt schon, die Dinger, die ins All fliegen.«

»Ups. Tut mir leid.«

»Wir lieben und respektieren die Namen, die sich unsere Gruppenmitglieder ausgesucht haben«, warf Tyson ein. »Stimmt doch, George?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Okay, Rocket. Warum erzählst du uns nicht, warum du für Martin auf die Straße gehen willst?«

»Weil Martin der Beste ist.« Aus Rockets Miene strahlte Eifer. »Ich habe ihn bei einem Schulseminar für junge Führungspersönlichkeiten kennengelernt, und er hat mir einen Praktikumsplatz in seinem Büro angeboten. Er will, dass die jungen Leute mitreden können.« Sie betonte jeden Satz mit einem entschiedenen Nicken. »Martin gibt einem was zu tun – richtige Sachen, wichtige Sachen – und sucht unsere Nähe. Er hört uns zu und macht sich wirklich Gedanken um uns.« Sie sprach hastig und mit fiebrigem Blick, als befürchtete sie, die Gruppe könne sie nicht ernst nehmen.

»Wir verstehen genau, was du meinst«, warf Ashley, eine weitere Freiwillige, ein und deutete in die Runde. »Martin ist das Beste, was uns passieren konnte.«

»Und die Partei?«, hakte George nach. »Stehst du auch hinter dem Parteiprogramm?«

»Oh ja. Niemand vertritt so gute Werte wie Martin.« Erneut nickte Rocket entschieden.

George runzelte die Stirn. Zur Partei hatte sie nach wie vor kein Wort verloren.

Rocket redete weiter. »Bei Martin dreht sich alles um Liebe und Inklusion. Er setzt sich gegen jede Form von Hass ein und ermutigt uns, wir selbst zu sein und unsere Geschichte mit anderen zu teilen. Zum Beispiel, dass ich erst jahrelang an der Schule und dann später auch bei der Arbeit im Restaurant gemobbt wurde und niemand mich ernst genommen hat. Ständig haben alle nur gesagt: Da musst du halt durch, du bist zu empfindlich. Sogar als ich beklaut und mit Müll beworfen worden bin und man online schreckliches Zeug über mich gepostet hat, von wegen, ich sollte mich besser umbringen. Am Ende hatte ich Panikattacken, aber selbst das hat niemanden gekümmert.« Ihre Worte sprudelten nur so aus ihr heraus, und sie rückte so nah, dass George ihre Pfefferminzzahnpasta riechen konnte.

George widerstand dem Drang, einen Schritt zurückzutreten. Sie hatte das merkwürdige Gefühl, in der Falle zu sitzen.

»Deshalb habe ich mich Martin angeschlossen. Um mich gegen solche Leute durchzusetzen.«

»Du findest, dass die australische Politik der richtige Ort ist, um dich gegen Mobbing zu wehren?« George sprach zu laut, sie klang unsensibel. Das passierte ihr nicht zum ersten Mal. »Tut mir leid. Du hast bestimmt viel durchgemacht. Aber wenn wir für die Partei Klinken putzen gehen, bekommen wir ständig zu hören, dass wir uns verpissen sollen. Sicher, dass du damit klarkommst?«

Das war eindeutig die falsche Frage gewesen. Rockets Hände begannen zu zittern. Zu Georges Schreck traten Tränen in ihre Augen.

»Ignorier sie einfach, Rocket.« Ashley legte einen Arm um sie. »Du weißt doch, wie Boomer sind: emotional verkrüppelt. Man hat ihnen in der Kindheit nicht beigebracht, sich wie echte menschliche Wesen zu verhalten. Und sie sind überprivilegiert, weil ihnen immer alles auf dem Silbertablett serviert wurde.«

»Boomer?«, fauchte George. »Ich bin in den Vierzigern! Und wen nennst du hier überprivilegiert? Ich arbeite, seitdem ich fünfzehn bin, du dumme Nuss!«

Aber niemand schien ihr zuzuhören. Die anderen jungen Frauen umrundeten Rocket, tätschelten sie und gurrten aufmunternd auf sie ein.

Tyson knirschte mit den Zähnen. »George, können wir uns hinterher kurz unterhalten?«

»Sorry, ich muss in zehn Minuten zu Hause sein.« Sie stapfte zu ihrem Auto und wünschte, sie würde noch rauchen.

Verlangte sie den Kids zu viel ab? Immerhin widmeten sie ihre Freizeit derselben Partei wie sie, und ihr schlimmster Fehler war, eigenartige Begriffe zu benutzen und alberne Frisuren zu tragen. Was mit Bill geschehen war, war nicht ihre Schuld. George war diejenige gewesen, die mit ihm befreundet gewesen war, und was hatte es ihm genützt? War sie am Ende nur eine zänkische, alte Ziege, nicht besser als ihre Eltern?

Seufzend schloss George ihr Auto auf, stieg ein und knallte die Tür zu. Wahrscheinlich. Aber mussten diese Kröten ständig reden, als hätten sie ein Wörterbuch verschluckt? Zudem eins, von dem sie noch nie gehört hatte? Mussten sie unbedingt so weise, selbstgerecht und emotional sein? George fühlte sich in ihrer Gegenwart unwohl, und das machte sie verrückt.

Sie musste an die Frau denken, mit der sie sich heute Morgen angelegt hatte. Was für ein Snob! Sie hatte sich eindeutig für klüger als George gehalten, aber wenigstens hatte sie nicht gekniffen oder war vor Entsetzen in Ohnmacht gefallen, als George sie herausgefordert hatte. Sie war für sich eingetreten und hatte ein bisschen Kampfgeist gezeigt.

George hätte beinahe gelächelt, während sie die große, schwere Lenkradkralle löste. Heutzutage schien kaum mehr jemand die Dinger zu benutzen. Die meisten zogen topmoderne Wegfahrsperren und Alarmanlagen vor, wobei auf letztere kein Mensch reagierte. Aber ihr Auto war noch nie aufgebrochen worden. Und die Kralle selbst gab eine nützliche Waffe ab, falls je irgendein Mistkerl versuchen sollte, sie zu bedrohen und ihr den Wagen zu klauen.

Sie verstaute die Kralle unter dem Sitz. Ein altmodisches, grobes Werkzeug, das niemand mehr brauchte.

Kapitel 2

Auf dem Weg zur Arbeit scrollte Nancy durch ihren Feed. Auf LinkedIn hatte sich mal wieder ein ehemaliger Mitschüler gemeldet, und seine Jobbeschreibung klang deutlich besser als ihre. Zwei ihrer Freundinnen waren schwanger und zeigten zusammen ihre Schwangerschaftstests in die Kamera. Und ihre Mom hatte ihr über Facebook eine Nachricht geschickt. Wahrscheinlich machte sich ihre Mutter Sorgen, weil Nancy ihr Leben nicht in den Griff bekam.

»Also, was machst du jetzt eigentlich genau bei der Arbeit?«, hatte Linda bei ihrem letzten Gespräch gefragt. Dann hatte sie hinzugefügt: »Weißt du, Schatz, es ist nicht zu spät, die entsprechenden Kurse zu belegen, um auf Lehramt zu wechseln. Ich habe gehört, dass man dafür besonders gern auf Leute über dreißig zurückgreift. Und es ist gar nicht sicher, dass die Kinder dich mit Spuckekugeln beschießen würden.«

Sie durchquerte den Park. Bei jedem Schritt stieg der Geruch von Eukalyptuslaub und der Hinterlassenschaften der Kusus um sie herum auf. Ein gewaltiger weißer Kakadu hockte auf einer Schaukel und beobachtete sie. Er blies die gelbe Brust auf und stieß einen herausfordernden Schrei aus.

Am Ausgang des Parks angekommen, sah Nancy sich beiläufig um. Northvale war einer der ältesten Bezirke Melbournes und lag nur zehn Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Als sie ein Kind gewesen war, war dieser Teil der Stadt voller Abgase, laut und heruntergekommen gewesen. Die Beschriftungen der Geschäfte hatten verraten, wo ihre Besitzer herstammten – oft aus Griechenland, Italien oder der Türkei –, und man konnte dort klebrige Kuchen, Möbel im Rokoko-Stil und üppige, glitzernde Hochzeitskleider kaufen.

Heute war die Luft in Northvale immer noch schlecht, aber die Häuser waren viermal so teuer wie früher und an jeder Ecke gab es eine Kaffeebar, die kalt gepressten Kaffee anbot. So sehr sie die Bemerkung über die feinen Café-Latte-Trinker auch geärgert hatte, hatte George nicht ganz unrecht.

In der Bibliothek angekommen, ging Nancy runter in den Lesesaal. Es war voll. Die Schreibtische waren zerkratzt und mit alten Kritzeleien bedeckt, und es roch nach Junkfood und Schweiß.

Wenn Nancy früher davon geträumt hatte, an der Universität zu lehren, hatte sie sich in einem von Büchern gesäumtem, mit Holz ausgekleideten Arbeitszimmer gesehen, inklusive prasselndem Kaminfeuer, ledernen Sesseln und freier Sicht auf weite Rasenflächen und Eichen. Vielleicht sogar mit einem großen, altmodischen Globus auf dem Schreibtisch und ein paar Dinosaurierfossilien auf dem Kaminsims …

Sie duckte sich, als Angelique ein zusammengeknülltes Stück Papier nach einem Typen warf, der ein lärmendes Handyspiel spielte.

»Ey, Sonic! Mach gefälligst den Sound aus!«

Der junge Kerl zog eine finstere Miene, tat aber wie geheißen. Die Studenten hatten Respekt vor Ange. Mit ihren schwarzen, zu Stacheln gestylten Haaren und den silbernen Strähnen an den Schläfen, dem blauen Nagellack und dem Septum-Piercing war Angelique Singh der Inbegriff der Coolness. Ihr Manchester-Akzent tat sein Übriges und gab einem das Gefühl, in einer britischen Polizeiserie gelandet zu sein. Außerdem hatte sie für ihre Abschlussarbeit – Die Soziologie der Computerwissenschaft – reihenweise Preise eingeheimst. Sie war sogar Teil einer Doku über provokante, junge Forscher gewesen, die derzeit die Wissenschaftswelt erschütterten. Selbst der Dekan schien von ihr beeindruckt.

Nancy bezweifelte, dass Ange noch lange im öffentlichen Lesesaal sitzen würde. Aber was war mit ihr selbst? Sie ging an ihren Platz.

»Dieser Student«, begann sie und schlug einen Aufsatz auf, »hat nicht nur meinen Namen und den Titel der Lehreinheit falsch geschrieben, sondern auch den Namen des Premierministers. In einem Politikwissenschaftskurs!«

Angelique lachte.

Sie hatten sich bei einer Party der Unibelegschaft kennengelernt und zusammen über die schlimmsten Aussagen gelästert, die ihnen bei ihren Studenten je untergekommen waren. Das hatte erst zu einem Abendessen in einem italienischen Bistro in Carlton, dann zu einer Reihe Drinks in einer schicken Bar in Fitzroy und schließlich zu einer gemeinsamen, schlaflosen Nacht geführt, paradoxerweise in Angeliques Einzelbett.

»Du hast einen tollen, nicht traditionellen Look«, hatte Ange gesagt.

Nancy war sich bis heute nicht sicher, was damit gemeint war. Aber ihr war klar, dass sie sich glücklich schätzen sollte. Ange war brillant, ehrgeizig und geistreich. Wenn Nancy Eigenschaften aufzählen müsste, die sie sich bei einer Partnerin wünschte, hätte Ange alle erfüllt.

Und trotzdem … Nancy bemühte sich, nicht allzu sehr über das unbehagliche Gefühl nachzudenken, das sie manchmal überfiel. Das Gefühl, dass ihr das Zusammensein mit Ange gar nicht so viel gab. Sicher, sie hatten ihren Spaß, und Nancy wusste, dass die meisten Leute der Meinung waren, dass sie einen Volltreffer gelandet hatte, den sie gar nicht verdiente. Aber ein geheimer, undankbarer Teil von ihr fragte sich immer wieder leise: War das schon alles?

Ihr Handy vibrierte und kündigte den Eingang einer E-Mail an. Nancy las sie, fuhr zusammen und schob das Handy über den Tisch.

Angelique warf einen Blick darauf. »Oh Süße. Das ist ja ätzend.«

Es war eine Standardabsage auf Nancys Bewerbung als Junior-Dozentin. Leider hätte es sehr viele Bewerbungen gegeben, sodass man die ihre nicht berücksichtigen könnte.

»Und das von der Universität in Albury-Wodonga. Zweihundert Kilometer vom nächsten anständigen Café entfernt. Ich dachte, sie laden mich wenigstens zum Bewerbungsgespräch ein.«

»Pft, vergiss es«, erwiderte Angelique. »Hast du schon gehört? Es gibt eine Ausschreibung für eine neue wissenschaftliche Mitarbeiterin bei uns. Vollzeit, Vertrag über vier Jahre, anständige Bezahlung, eigenes Büro und ohne Vorlesungen.«

Nancy runzelte die Stirn. »Hört sich gut an.«

»Gut? Wenn du die kriegst, kannst du aus der Müllhalde ausziehen, in der du gerade wohnst, dir ein Auto kaufen und die Kaution für eine hübsche Wohnung ansparen …« Ange lächelte aufmunternd. »Ich werde mich definitiv bewerben.«

»Oh. Super.« Nancy versuchte, das Lächeln zu erwidern. Doch ihr Selbstvertrauen hatte sich soeben in Luft aufgelöst.

Angelique stand auf und nickte mit dem Kinn Richtung Kellertreppe. »Hör mal, ich muss noch was mit dir besprechen.«

Unten im Archiv angekommen, drehte sie sich zu Nancy um. Ihre Miene zeigte eine Mischung aus Verlegenheit, Bedauern und Mitgefühl. »Hör mal, Süße. Es gibt da was, das ich dir sagen muss …«

Nancy ließ die Schultern sinken. Irgendwie war sie nicht mal überrascht.

»Okay. Wer ist sie?«

Angelique wand sich unbehaglich. »Azure Anderson.«

»Azure?« Nancy versuchte, möglichst lässig zu klingen, es gelang ihr jedoch nicht. »Du hast dich in einen Farbton verliebt?«

»Ihr seid euch letzte Woche über den Weg gelaufen, weißt du noch? Sie hat ihre Abschlussarbeit über den Einfluss des Reality-TV auf das Verständnis der Gen Y von sexueller Gesundheit geschrieben.«

Nancy schloss die Augen. »Ach richtig. Ich erinnere mich.«

»Wir haben nie gesagt, dass wir fest zusammen oder exklusiv sind, Babe.«

»Nein.« Das stimmte. Ange hatte nie davon gesprochen, dass Nancy ihre Freundin sei oder dass sie zusammen seien. Nancy war davon ausgegangen, dass ihr solche Begriffe zu altmodisch waren.

»Na ja, wir haben jedenfalls viel Zeit miteinander verbracht, und sie möchte jetzt den nächsten Schritt gehen. Ich konnte mir bisher nie was Monogames vorstellen, aber sie haut mich echt um und –«

»Okay.« Nancy rang sich ein Lächeln ab. »Ich verstehe. Ich …« Sie schluckte. »… freue mich für dich.«

»Oh Süße.« Angelique strahlte. »Echt?«

»Auf jeden Fall.« Nancy brachte ein aufmunterndes Nicken zustande. »Wenn du glücklich bist –«

»Oh ja, auf jeden Fall!« Ange umarmte sie. »Ich wusste, dass du entspannt reagieren würdest. Danke, Süße. Du bist die Beste!« Sie küsste Nancy auf die Wange. »Wir sehen uns, okay?«

»Na klar.« Nancy betrachtete ihre Schuhe. Sie sah gerade noch rechtzeitig auf, um einen Blick auf den Nietengürtel um Anges Hüften zu werfen, bevor ihre Verflossene die Treppe hochstieg und verschwand.

~ ~ ~

George öffnete gerade das Gartentor, als ihr Handy klingelte.

»George Karalis.« Das Tor quietschte, und sie runzelte die Stirn. Sie würde später Öl holen und sich darum kümmern. Und wenn sie schon dabei war, konnte sie auch den Lavendel zurückschneiden. Sie hasste es, wenn im Garten Chaos herrschte.

Als sie die Stimme am anderen Ende der Leitung erkannte, vertieften sich die Falten auf ihrer Stirn. Es war die Rezeptionistin eines Chauffeurdienstes, für den sie fuhr. Nervös erklärte sie George zum fünften Mal in diesem Monat, dass ein Kunde storniert hatte und Georges Dienste nicht benötigt wurden.

»Das passt mir aber gar nicht. Wollen Sie mir damit vielleicht irgendwas sagen?«

Das leugnete die Rezeptionistin vehement und mit sich überschlagender Stimme, nur um gleich darauf zu behaupten, dass sie sich um einen anderen Anrufer kümmern müsse. Dann legte sie auf.

George biss sich auf die Unterlippe. Sie ahnte, wer hinter den ständigen Stornierungen steckte. So was war typisch für ihre ehemalige Chefin. Oder wurde sie allmählich paranoid? Schwer zu sagen.

Im Briefkasten stapelten sich reihenweise Umschläge: die Gasrechnung, die Wasserrechnung, die nächste Rate für die Gebäudeversicherung war auch fällig. Georges Schultern verkrampften sich, und sie versuchte bewusst, sie wieder zu lockern. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie eine Rechnung zu spät bezahlt. Sie hatte schon immer viel gearbeitet, sodass ihr Einkommen gesichert gewesen war. Aber von der Angst, pleite zu gehen und mittellos zu sein, hatte sie sich nie ganz befreien können. Das ging auf ihre Eltern zurück, die aus armen Verhältnissen stammten, ihr Leben lang beide zwei Jobs gehabt hatten und trotzdem kaum wussten, was das Wort Urlaub bedeutete.

Egal, sie würde das schon hinbekommen. Es gab genug andere Chauffeur-Dienste da draußen. Und wenn sie wieder quietschende reiche Teenie-Gören zu ihren Abschlussbällen fahren und ihnen die Haare halten musste, während sie sich die Seele aus dem Leib kotzten, bitte sehr. Damit hatte sie Erfahrung.

Nur dass sie sich schon gestern bei zwei anderen Chauffeur-Diensten gemeldet und bisher nichts von ihnen gehört hatte.

»George?« Die alte Mrs Morgan kam zum Zaun getrippelt. Für eine Frau mit zwei künstlichen Hüftgelenken war sie ganz schön fit. »Wie geht es dir, meine Liebe? Du siehst müde aus.«

»Alles bestens. Danke, Mrs M.«

»Dann komm später mal vorbei. Ich habe Cornflakes-Kekse gebacken.« Mrs Morgan strahlte.

George hatte mal den Fehler gemacht, die furchtbaren Dinger zu loben, und musste sich daher seit fünf Jahren deren Überreste aus den Zähnen stochern. Sie verstand sich als aufrichtige Person und hatte im Allgemeinen kein Problem damit, den Leuten zu sagen, was sie sie alles konnten. Aber was alte Damen anging, war sie praktisch darauf programmiert, nett zu ihnen zu sein.

»Das ist aber lieb von Ihnen, Mrs M.«

»Wenn du dann vorbeikommst, könntest du dann vielleicht die Batterie von meinem Rauchmelder austauschen, Liebes?«

»Okay –«

»Und mal kurz einen Blick unters Dach werfen? Ich glaube, ich habe wieder Kusus.«

George unterdrückte ein Seufzen. »Kein Problem, Mrs M. Ich hole eben die Leiter und schaue gleich nach.«

»Oh, das ist aber lieb. Und wie ich sehe, hast du einen heimlichen Bewunderer. Höre ich da etwa schon die Hochzeitsglocken läuten?«

»Wie bitte?« George sah an Mrs Ms ausgestrecktem Zeigefinger entlang zu einem riesigen, gelben Blumengesteck mit Schleife, das auf ihrer Türmatte lag. Hell leuchtende Ringelblumen, gelbe Chrysanthemen, die an Puderquasten erinnerten, Löwenmäulchen mit üppigen gelbgrünen Blütenständen, dicht gekräuselte, goldene Nelken und kanariengelbe Rosen mit samtigen Blättern.

Das Ding musste ein Vermögen gekostet haben, aber das Ganze gefiel George nicht. Es gab keinen Grund, warum ihr jemand so was vor die Haustür legen sollte. Es gab keine Frau in ihrem Leben, und nachdem ihre letzte Beziehung ein hässliches Ende genommen hatte, redete sie sich ein, dass sie es gar nicht anders haben wollte. Sie hatte schon mehrere Trennungen hinter sich, aber die letzte war anders gewesen. Die letzte Trennung hatte ihr Angst eingejagt.

Sie griff so vorsichtig nach den Blumen, als fürchtete sie, eine Schlange würde daraus hervorschießen und ihr ins Handgelenk beißen. Aber da war nur eine weiße Karte.

Danke noch mal für deine harte Arbeit, stand darauf. Ohne dich ist es nicht mehr dasselbe. Ich hoffe, deine neue Beschäftigung macht dir Freude.

Darunter deutete eine ordentliche Reihe aus drei Kreuzen Küsse an. George musste an die Triple-X-Warnhinweise auf Pornos denken, die in Australien üblich waren, oder an Schatzkarten, auf denen das X den Platz zum Graben markierte. Oder auch einfach nur an Haken, mit denen man eine Checkliste abarbeitete.

Ein eisiger Schauder lief ihr über den Rücken. Sie kannte nur eine Person, die reich und gehässig genug war, um sie auf diese Weise zu verspotten. Eine Person, die nicht damit klarkam, abserviert zu werden, wie sich inzwischen herausgestellt hatte.

»Von wem sind sie denn?«, fragte Mrs Morgan. »Erzähl doch mal!«

Doch George hastete ins Haus und schleppte die Blumen hinter sich her, als wären sie ein Beweisstück in einem Kriminalfall.

~ ~ ~

Nancy lehnte sich gegen das Fenster der Straßenbahn, die langsam durch die Straßen schaukelte. Machte ihr die Trennung von Angelique zu schaffen? Oder war sie eher deprimiert, weil sie ihr nicht genug zu schaffen machte? Gut möglich, dass Ange ihre Welt nie richtig zum Beben gebracht hatte, und gut möglich, dass Ange in ihr eher einen Sidekick als ihre feste Freundin gesehen hatte. Aber drei Monate an der Seite einer attraktiven, klugen, beliebten Frau sollten Nancy doch etwas mehr bedeuten, oder?

Ich bin heute Morgen fast gestorben und habe keinen Gedanken an Ange verschwendet.

Sie hätte ihr Liebesleben doch inzwischen im Griff haben oder zumindest eine infrage kommende Frau im Auge haben sollen, nicht wahr? Stattdessen hatte sie sich mit ihrer vorherigen Partnerin einfach auseinandergelebt, als die nach Kanada gegangen war, um eine Dozentenstelle anzunehmen. Und die Freundin davor, eine Paläontologin, hatte sie verlassen, um auf den Galapagos-Inseln nach Fossilien von Weichtieren zu suchen. Sie hatte bei der Gelegenheit nicht nur eine neue Unterart entdeckt, sondern auch eine blonde Forscherin aus Schweden kennengelernt. Seitdem hatte Nancy nichts mehr von ihr gehört. Alles war sehr zivilisiert vonstattengegangen. Offenbar war Nancy Spezialistin für freundschaftliche Trennungen.

Manchmal fragte sie sich, wie es sich wohl anfühlte, Leidenschaft zu empfinden – echte, unbekümmerte Egal-was-kommt-Leidenschaft. Würde sie so etwas je erleben? Und würde sie je einer Frau begegnen, die dasselbe für sie empfand?

Sie dachte an heute Morgen und daran, wie sie in letzter Sekunde dem Tod unter den Rädern der Straßenbahn entrissen worden war. Es war ein furchtbarer Moment gewesen, schweißtreibend und Übelkeit erregend. Aber so was hätte gut in eine romantische Geschichte gepasst, die Pärchen erzählten, wenn man sie fragte, wie sie sich kennengelernt hatten.

Wenn die dazugehörige Frau nur nicht so ein Elefant im Porzellanladen wie George gewesen wäre, die Nancy überhaupt nicht leiden konnte.

Jemand hatte einen Flyer auf dem Sitz neben ihr liegen lassen, auf dem Martin Argyles Kandidatur beworben wurde.

Ihr kam eine Idee. Was, wenn sie sich auch für die neue Stelle an der Universität bewarb? Sie wollte sie unbedingt haben. Aber um sie zu bekommen, musste sie die Aufmerksamkeit ihres potenziellen Arbeitgebers erregen. Sie brauchte etwas Besonderes, durch das sie sich von den anderen Kandidaten abhob. Von Ange.

Wie wäre es mit einem Artikel über die Nachwahlen? Eine schwer umkämpfte Wahl in einem In-Stadtviertel könnte eine gute Story abwerfen. Und es würde ihren Arbeitgebern beweisen, dass sie in Gesellschaftsfragen informiert war, am Puls der Zeit lebte und sich mit den richtigen Leuten vernetzte …

Sie hörte das Geschrei aus dem Haus schon, bevor sie auch nur die Tür aufgeschlossen hatte. Jasmine und der Neue – hieß er nicht Raj? – stritten sich darüber, wer die Küchenspüle mit Lasagne verstopft hatte, während der Austauschstudent Joseph den schweren Fehler begangen hatte, unter der Couch zu fegen. Als Nancy in den Flur trat, fuchtelte er mit einem Besen, an dessen Ende ein benutztes Kondom baumelte, und wollte wissen, welches von euch schmutzigen Tieren es unter die Couch gefeuert hatte.

»Schau nicht mich an, Kumpel.« Ahmed schlenderte in nichts als tief sitzenden Boardshorts an ihnen vorbei. »So was benutz ich nicht. Das ist ja wie Surfen in Jeans.« Er marschierte in die Küche, öffnete Nancys Apfelsaft und trank einen Schluck.

Sie ging nach oben, schloss sich in ihr Zimmer ein und lehnte sich gegen die Tür. Vor ihrem inneren Auge sah sie schon die Schlagzeile: Frau aus Northvale läuft Amok und schlachtet ganzen Haushalt ab.

Das reichte. Der Zwischenfall heute Morgen war ein Weckruf des Universums gewesen. Sie musste ihr Leben umkrempeln, und zwar sofort.

Nancy griff nach dem Handy und suchte sich die Kontaktdaten einer Zeitung namens Conspirator – der Verschwörer – raus. Der Conspirator wurde in erster Linie in unabhängigen Buchhaltungen und angesagten Plattenläden verkauft und veröffentlichte Artikel von dem Schlag Intellektueller, der Autorenfestivals eröffnete und preisgekrönte Indie-Filme drehte. An der Universität las ihn jeder.

Sie begann mit einem Pitch für die Redaktion: Ich habe eine Idee für ein Artikelkonzept, das euch gefallen könnte.

~ ~ ~

Zeit, ein bisschen Chaos zu stiften.

Clara West klappte ihren silbernen Laptop zu, schob ihn in den Safe und verschloss die Tür. Anschließend strich sie bewundernd über die Kirschholzoberfläche ihres Schreibtischs. Nun, da der Computer fort war, würde sich die glänzende, aufgebürstete Fläche sicher gut auf den Fotos machen. Ähnlich wie die leeren Straßen in Autowerbungen, die Freiheit und unendliche Möglichkeiten symbolisieren sollten.

Aber etwas mehr Wärme könnte nicht schaden. Eine weitere Topfpflanze vielleicht? Oder …

Clara griff in die unterste Schublade und holte das gerahmte Bild ihres verstorbenen Ehemanns hervor. Genau für solche Gelegenheiten hatte sie es aufbewahrt.

»So machst du dich wenigstens nützlich.«

Das Bild zeigte John auf seiner Jacht. Er hielt strahlend einen Fisch in die Höhe, den er gefangen hatte.

Diese verfluchte Jacht. Was für ein Ärgernis – und erst die Unterhaltskosten! Diese grauenvollen Nachmittage auf dem Wasser, an denen sie sich mit Unmengen Sonnenmilch einschmieren musste und nach und nach den ganzen Wein aus der Kühlbox getrunken hatte. Und all das, während sie sich auf die Zunge beißen musste, um nicht darauf hinzuweisen, dass sie gerade genauso gut im Hafen von Sydney, vor Noosa oder irgendwo in Spanien vor Anker liegen könnten. Ganz zu schweigen von Johns Wutanfällen wegen der Instandhaltung und der Politik dieses albernen Jachtklubs.

Sie verdrehte die Augen. Männer und ihre Spielsachen.

Nichtsdestotrotz hatte John dieses blöde kleine Boot geliebt. Bis zu jener warmen, ruhigen Nacht an der Küste, als wie aus dem Nichts eine Sturmbö aufgekommen war und die Jacht zum Kentern gebracht hatte – und John mit ihr. Es war ein Wunder, dass Clara kaum mehr als einen Kratzer abbekommen hatte. Aber sie hatte schon immer einen leichten Schlaf gehabt, während der arme John wie ein Toter geschlafen hatte.

Sie lächelte. Tja, nichts geschah ohne guten Grund.

Sie polierte das Bild kurz auf. Dann stellte sie es an eine Stelle, an der es für die erwartete Journalistin besser zu sehen war als für sie selbst.

Schließlich erhob sie sich, zupfte ihren Blazer zurecht, damit er gerade saß, und ging zum Fenster. In diesen Räumlichkeiten führte sie nicht nur ihre erfolgreiche Firma für Sportbekleidung, sondern kümmerte sich auch um die Aktien und Offshore-Konten, die sie von John geerbt hatte. Im Verlauf des vergangenen Jahres hatte sie ihren Wert verdoppelt.

Vom Fenster aus konnte sie über die ganze Stadt blicken, über das weitläufige Bahnhofsgelände, das Cricket-Stadion, den botanischen Garten und die kilometerweiten Vorstadtsiedlungen, die sich bis zu den Dandenong Ranges zogen, einem dicht bewaldeten Gebirgszug ganz hinten am Horizont.

Das hat der Erfolg dir eingebracht, dachte sie entschieden. Einen klaren Blick auf das Gesamtbild, den die meisten Menschen, die in ihrem Alltag festhingen, nie zu Gesicht bekamen.

Sie schaute direkt nach unten. Dreißig Stockwerke tief. Von hier oben sahen die Autos wie buntes Spielzeug aus, und die vorbeihastenden Passanten wirkten winzig und kaum menschlich.

Wenn man von hier aus dem Fenster stürzte, endete man als unkenntlicher Klumpen auf dem Asphalt.

Aber Clara hatte sich noch nie davor gefürchtet zu fallen.

Kapitel 3

Vor dem Eingang zum Rathaus hing ein Banner, das die Besucher zu einer öffentlichen Debatte einlud. Veranstalter war die Studentenvereinigung. Die drei Spitzenkandidaten für die Nachwahl würden sprechen.

Nancy richtete sich auf. Hier und heute bekommst du eine neue Chance. Also versau sie nicht.

Zu ihrer Überraschung war ihr Pitch beim Conspirator gut angekommen.

»Ich kann kaum glauben, dass bis jetzt noch niemand darauf gekommen ist«, hatte der Redakteur erklärt.

Jetzt musste sie den Artikel nur noch schreiben. Und dafür sorgen, dass er originell, provokativ und aufschlussreich wurde. Eben wie etwas, das einem potenziellen neuen Arbeitgeber auffiel und dafür sorgte, dass ihre Bewerbung ganz oben auf dem Stapel landete. Sie schluckte mühsam und sah ein weiteres Mal nach, ob sie ihr Lieblingsnotizbuch und ihren Glückskugelschreiber dabeihatte.

Im Rathaussaal wuselten reihenweise Helfer herum. Es wurde noch aufgebaut. Über der Bühne prangte ein rund sechzig Jahre altes Porträt von Königin Elizabeth. An den Wänden hing eine Reihe Gemälde aus dem neunzehnten Jahrhundert, die das australische Buschland zeigten. Nancy schaute sie sich etwas genauer an. Einsame menschliche Gestalten, die von gewaltigen Eukalyptusbäumen überragt wurden. Sonnenlicht, das durch grau-grünes Gestrüpp und den Rauch von Lagerfeuern fiel. Umherschlendernde Rinder, Holzhütten und Kängurufallen. Einsam im Buschland stehende Grabsteine und verloren wirkende Kinder.

»Na, hallo!« Eine junge Frau winkte ihr zu.

Nancy erkannte sie sofort wieder. Sie war ebenfalls an der Haltestelle gewesen. Heute trug sie ein rotes T-Shirt mit dem Slogan Eine große Familie und eine kleine, runde Schildpattbrille, genau wie Martin Argyle auf seinen Postern.

»Herzlich willkommen! Ich bin Ashley.«

»Nancy.«

»Wie schön, dich hier zu sehen!« Ashleys Lächeln war warmherzig, freundlich und höchstens eine Spur herablassend. Fast als fände sie es bemerkenswert, dass es jemand über fünfundzwanzig geschafft hatte, abends das Haus zu verlassen. »Wie kommt es, dass du hier bist?«

»Na ja …« Nancy befahl sich, Selbstbewusstsein auszustrahlen. »Ich schreibe einen Artikel über die Nachwahlen für den Conspirator.«

»Wow. Für die schreibst du?« Ashley klang vollkommen verblüfft, als hätte sie Schwierigkeiten, ein hippes In-Magazin wie den Conspirator mit der Frau vor ihr in Einklang zu bringen.

Nancy fragte sich, wo das Problem lag. War es ihr Alter? Ihre Frisur? Oder doch nur die vage Aura von Trotteligkeit, die sie auszustrahlen befürchtete?

»Nette Brille.«

»Oh.« Ashley kicherte. »Ich brauchte eine neue, und ein paar von den anderen meinten, das wäre eine schöne Überraschung für Martin. Er hat kein Problem damit, wenn wir ihn aufziehen. Obwohl er so brillant ist, ist er total bodenständig.«

Die Veranstalter leisteten gute Arbeit. Sie brachten sogar die Lautsprecheranlage zum Laufen, ohne dass es zu Rückkoppelungen kam. Eine einzelne Frau kümmerte sich darum, dass alles reibungslos klappte. Sie sorgte dafür, dass die Rollstuhlrampe vor die Bühne geschoben wurde, unterhielt sich mit einem älteren Ureinwohner, der das traditionelle Begrüßungsritual begehen würde, und reparierte nebenbei den Teekessel, der in einer Ecke des Saals vor sich hin keuchte.

Nancy erkannte sie. Es war George.

Sollte sie sie ansprechen oder sich davonschleichen? Nancy zögerte. Doch da hatte George sie schon entdeckt. Sie stutzte und ruckte brüsk mit dem Kinn, als würde sie Nancy einladen, näher zu treten.

Neugierig arbeitete Nancy sich zu ihr vor. »Sie haben ja heute Abend gut zu tun.«

»Tja«, gab George steif zurück. »Besser, als auf der Straße rumzuhängen.« Sie richtete sich auf. »Haben Sie den Schreck von gestern Morgen gut verdaut?«

»Ja, alles gut. Danke.« Die Situation war Nancy etwas unangenehm. Sie hatte schon immer etwas für burschikose, ältere Frauen übriggehabt. Schon seit ihrer – natürlich unerwiderten –Schwärmerei für Mrs Todd, ihrer Sportlehrerin in der neunten Klasse. Das war das erste und einzige Mal gewesen, dass Nancy ernsthaft in Versuchung gekommen war, sich für Fußball zu interessieren.

»Ich dachte, die Studentenvereinigung organisiert die Veranstaltung. Sind Sie eine Spätstudierende?«

George schnaubte. »Von wegen. Leute wie mich lassen die Unis gar nicht rein. Aber viele unserer jüngeren Parteimitglieder sind im Verband, und sie brauchen jede Hilfe, die sie bekommen können.« Sie hielt inne. Ihr gut gebügeltes Hemd saß so gut, als wäre es maßgeschneidert. »Wir haben uns gestern nicht richtig vorgestellt. George Karalis.«

»Nancy. Nancy Rowden.«

Georges Handschlag war fest, ihre Fingernägel kurz und glatt. Sie hatte ein Schwertfisch-Tattoo am Unterarm und trug ein altes Armband aus Leder- und Stahlelementen ums Handgelenk. Es war zwar abgetragen, aber makellos sauber. Nancy stellte sich vor, die Fingerspitzen darüber gleiten zu lassen, und fragte sich prompt, wie sie auf eine solche Idee kam.

»Ich bin überrascht, dass hier nirgendwo auf Bill O’Brien hingewiesen wird. Du weißt schon, auf unseren, äh, verstorbenen Abgeordneten. Oh, ist das Du okay?«

Um Georges Mund bildete sich ein angespannter Zug. »Na klar. Und ich … ich habe versucht, was anzuleiern.«

»Das sollte keine Kritik sein.«

Georges Kopfschütteln gab zu verstehen, dass sie das Thema wechseln wollte. Warum reagierte sie so empfindlich, wenn die Sprache auf Bill O’Brien kam?

»Ich schreibe einen Artikel über die Nachwahlen. Für den Conspirator.«

»Ach ja?«

»Ich dachte, ich schau mal, ob ich mich mit ein paar von Martin Argyles Freiwilligen unterhalten kann. Vielleicht darf ich dich ja auch interviewen? Du weißt schon, für die etwas … andere Perspektive.«

»Die grummelige, alte Perspektive, meinst du?« George hätte beinahe gelächelt. »Ich bin wegen der Partei hier, nicht wegen des Kandidaten. Aber Vorsicht, wenn du mich interviewst: Ich sage, was ich denke.«

Nancy verkniff sich ein Grinsen. »Ach, nee. Wer hätte das gedacht?«

Als George weitersprach, wirkte ihr Tonfall verändert. Nachdenklicher. »He, ich habe den anderen Artikel gefunden, den du geschrieben hast. Über Bill O’Brien.«

»Wirklich?« Die Vorstellung, dass George eine wissenschaftliche Zeitschrift lesen könnte, überraschte Nancy. Sie wirkte eher wie der Typ Mensch, der so was für Zeitverschwendung hielt. Tief in ihrem Innern war Nancy immer davon ausgegangen, dass es sich bei den meisten ihrer Leser um Kollegen handelte, die ihre Artikel nur lasen, um einen Fehler zu finden und ihr unter die Nase zu reiben. »Du hast Australian Political Science abonniert?«

»Na klar. Ich geh nicht mal einkaufen, bevor ich die neue Ausgabe nicht auswendig gelernt habe.« George verdrehte die Augen. »Ich weiß, wie man sich in einer Bücherei zurechtfindet, weißt du?«

»Ich wollte nicht unterstellen –«

»Du kannst unterstellen, was du willst. Mir egal.« Georges Augen wurden schmal. »Du bist gar nicht schlecht.« Es klang eher nach einer Provokation als nach einem Kompliment. »Wenn du den ganzen Semiotik-Mist und diesen Kram über politische Vormachtstellungen weggelassen hättest, wäre es ganz gut zu lesen gewesen.«

»Wie großzügig von dir.« Nancy musterte sie misstrauisch.

»Nur schade, dass du nicht auf den Punkt gekommen bist.«

»Wie bitte?«

»Na ja.« George lockerte die Schultern, als würde sie sich innerlich auf Ärger vorbereiten. Nancy hatte den Eindruck, dass sie sich eine Menge Gedanken über ihre Kritikpunkte gemacht hatte, wie auch immer sie ausfallen mochten.

»Du hast beschrieben, wie die Leute Bill behandelt haben, nachdem man ihn aus dem Amt gejagt hat. Die Belästigung durch die Medien, die Drohungen, die Wähler, die behauptet haben, betrogen worden zu sein, die Kollegen, die ihn abserviert haben –«

»Stimmt.« Nancy wand sich. »Natürlich habe ich den Artikel geschrieben, bevor … bevor er gestorben ist.«

»Ja, aber du hast nicht verraten, was du davon hältst. In deinem Artikel hieß es ständig zudem und nichtsdestotrotz