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Auf den Hund gekommen... Sieben Geschichten um und am Offenen Bücherschrank
Das E-Book Auf den Hund gekommen wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Bücher, Literatur heute, Solothurn, Schweiz, Unerwartetes, Leidenschaft
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Seitenzahl: 85
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Einführung
Vom wahren Sterben…
Um und am Bücherschrank
Ein Rollator rollt heran
Einem Superman begegnet
Jirka & Alena
Sonatina prolungata in D minor
Von meiner
Freundin für alle Zeiten
Fussnotenverzeichnis
Georg Aeberhards Bücher: „Auf den Hund gekommen…“, Band I
Rien Ne Va Plus – One Life’s Coincidences
Und jetzt! Jetzt stehe ich da vor einem frei zugänglichen Bücherschrank, vor meiner mich beglückenden Wundertüte, wo die Bücher ihre Rücken anbieten, mir alte Freunde vor Augen führen. Die Fülle ist riesig, ich versinke… Nein, ich ertrinke nicht. Ich komme hierher, um Lebenselixier zu tanken! Jedes Mal ein anderer Cocktail, den mir unbekannte Hände in meiner Abwesenheit zusammenmixen. Merci!
Da: von Peter Bichsel das schmale Bändchen “Der Busant”. Ich habe gut daran getan, das Buch mitzunehmen, denn darin ist die den Buchtitel gebende Geschichte, in der er das Phänomen Solothurn mit allen seinen Historien und Figuren zeitlos aufleben lässt und er kommt zum Schluss, dass diese Stadt eine grosse Anziehungskraft für Heruntergekommene und Gesindel aller Art hat, und sie möge am Ende alle kaputt machen. Für einen erst vor etwa fünf Jahren Zugelaufenen, sagen wir mal sogar hier Gestrandeten, ist es eine überaus spannende, lehrreiche Lektüre. Zusammen mit dem Kunstführer Kanton Solothurn (ebenfalls im Schrank gefunden) mag ich gut gerüstet sein, in dieser Provinzstadt nicht nur zu streunen, sondern zu leben und das Ableben abzuwarten, das hoffentlich ohne grosse Umstände für mich und die Umwelt vonstatten geht. Die oben kolportierte Aussage aus Bichsels “Der Busant” trifft wohl mein Dasein in Solothurn auf eine voraussagende Art und Weise.
Aus dem “Auf den Hund gekommen…“ BoD – Books on Demand, Norderstedt © 2017
Vom wahren Sterben und vom imaginären Sterben
Der streunende Hund, ich, einigen Lesern bekannt dank dem Buch “Auf den Hund gekommen…”, 2017, schnüffelt weiterhin der Literatur nach. Jeden Tag kann man mich unter den Platanen auf der Rive Droite antreffen, an der Aare, dem Stadtfluss Solothurns.
Zumindest einmal in der Woche kommt es so zu Begegnungen der “dritten Art”, das heißt, ich lasse den Zufall spielen, gewisse Titel oder Autorennamen ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich. So beispielsweise das Buch “Jeder Augenblick könnte dein letzter sein”. Leider habe ich es nicht einmal herausgenommen, geschweige mitgenommen. Ich ging mit leeren Händen zurück in die Stadt, gestützt auf meinem Gehstock einer Knöchelverstauchung wegen, aber eigentlich altershalber; es war vormittags, die Sonne schien, es wehte eine leichte Brise, fast keine Menschen waren unterwegs auf der Fussgängerbrücke Richtung Klosterplatz. Doch etwa in der Mitte kam mir eine Frau mittleren Alters im losen, knielangen Sommerkleid entgegen – mit einem gewagten Dekolleté. Die schönen Beine waren sonnengebräunt, ihr schmales Gesicht war mit schwarzen, schulterlangen Haaren locker umrandet. Sie wirkte ganz in sich selbst ruhend, entspannt, und strahlte Lebensfreude aus. Diese wurde noch dadurch unterstützt, dass sie vorportionierte Stücke einer reifen, roten Melone in den Mund führte. Unsere Blicke trafen einander im Vorbeigehen und lösten bei uns beiden ein stummes Lächeln einer anonymen Sympathie aus, die für mich umso schöner war, da diese überaus attraktive Frau den Melonensaft von ihren Lippen mit der Zunge sauber abstreifte. “Das wäre gewiss ein schöner, letzter Augenblick”, dachte ich für mich und hätte die offenherzige Frau am liebsten kurz umarmt. Doch das wäre etwas umständlich gewesen, denn ich ging ja am Gehstock. Immerhin, als eine Art Coda, als eine Art Katharsis zum Abschied aus dem Leben wäre diese Begegnung ganz passabel – wie aus heiterem Himmel durch einen Blitz erschlagen.
Zuhause angekommen – ich wohne ja am erwähnten Klosterplatz – lese ich in der Neuen Zürcher Zeitung, in der NZZ-Online, die folgende Nachricht mit dem Titel “64-Jähriger fährt stundenlang leblos im Tram um”: In Zürich hat ein 64-jähriger Mann am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit einen Herzstillstand erlitten und ist danach weitere sechs Stunden leblos im Tram gefahren. Erst danach fiel anderen Fahrgästen der Tote auf und die Rettungskräfte wurden informiert. Dies berichten mehrere Medien. Der Mann sei um 6 Uhr 21 in Zürich Altstetten ins Tram Nummer 2 eingestiegen und hätte am Paradeplatz aussteigen müssen. Doch er verstarb auf dem Weg. Bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) wie auch bei der Stadtpolizei Zürich habe man Kenntnis von dem Vorfall, wie das Onlineportal «20 Minuten» berichtet. Eine Dritteinwirkung könne ausgeschlossen werden.
Das wäre auch eine Möglichkeit, die mir gefallen würde, denke ich, in einem Tram so mir nichts, dir nichts zu sterben. Ich habe mein Leben lang eine Schwäche für Trams aka die Strassenbahnen. Ich wuchs in Prag auf, einer Stadt mit einem wunderbaren Schienennetz; jede der über dreissig Linien zeichnet sich durch einen eigenen urbanen Charakter aus: von der Peripherie, durch die Industriegebiete, entlang und über die Moldau, und vor allem quer durch die Neu- und Altstadt, durch die Kleinseite am Palast Wallenstein und seinem Garten vorbei, hinauf zur Burg bis hin zum Weissen Berg, dem Ort der Eröffnungsschlacht des Dreissigjährigen Kriegs, usw. Später in der Schweiz, in Bern angekommen, liess meine Vorliebe für Trams nach, da die Strassenbahnen hier dunkelgrün waren, zur Herbstzeit mit den depressiven Fassaden in ihrem grüngrauen Farbton verschmelzend, und ich wünschte mir, ich wäre nach Genf geflüchtet, wo die Trams rot waren, obwohl etwas dunkler als in Prag. Später, in San Francisco, benutzte ich nebst den braunen Cable Cars die hellgrünen Trams, die alle von der Market Street Richtung Pazifik führten; die Linie «N» Judah fuhr sogar fast direkt an die Küste. In Berkeley, über die Bay-Bridge im Landesinneren, verbrachte ich einmal die Nacht zusammen mit Jan Němec, dem Prager Filmregisseur, dem zu Ehren das Pacific Filmarchive eine Retrospektive veranstaltete. Nach einer dieser Vorstellungen litten wir bei einer Bekannten unter Heimweh und rekonstruierten mit Hilfe von reichlich fliessendem California Burgundy das Prager Strassenbahnnetz aus unseren Erinnerungen. An dieser vorangehenden Retrospektive wurden Jans Spielfilme “Diamanten der Nacht” oder “Von Festen und Gästen”, aber auch der Kurzfilm “The Czech Connection”1 von 1975 gezeigt, den er in München für „Bayern 3“ auf seinem Weg ins USA-Exil gedreht hatte. Darin inszenierte Jan Němec seinen eigenen Tod. Den ganzen Film lang trug er ein grob gestreiftes blauweisses Sakko, das die KZ-Häftlingskleidung evozierte; die Vorführung im Pacific Filmarchive schloss mit einer Diskussion mit ihm. Er trat vor die Leinwand wie aus dem Film heraus und hatte eben dieses Sakko angehabt; es war eine fast schockartige Anspielung auf den Spielfilm “Diamanten der Nacht”, in dem die aus einem KZ-Transport entflohenen Häftlinge durch endlos aneinander gehängten Strassenbahnwagons rennen; eine der nicht wenigen halluzinationsreichen Sequenzen, die dieses Meisterwerk auszeichnen.
Standbild aus dem Film “Diamanten der Nacht”
Anschliessend schwärmten wir unter Mithilfe vom schweren Burgundy von unseren Tramlinien, die uns am liebsten waren. Da wir beide aus nachbarschaftlichen Stadtvierteln Žižkov und Vinohrady stammten, führten unsere Trassen parallel zueinander ins Zentrum Prags: es waren die Linien 9 und 11, die zu den längsten gehörten, jedoch praktisch alle anderen Linien kreuzten. Das lieferte uns den Vorwand, in Gedanken gegebenenfalls auch auf andere Linien umzusteigen und uns über die diversen Stadtwinkel zu streiten oder im Einverständnis ihre Atmosphäre voller Sehnsucht bis in die Morgenstunden heraufzubeschwören.
Nun, kommen wir zum „Sterben“ zurück nach Solothurn, wo es keine Trams gibt, bloss Busse, die jedoch das Stadtbild nicht mehr einheitlich mit einer Farbe prägen, sondern mit den unmöglichsten Werbedarstellungen verklebt sind. Ich streune also wieder wie jeden Tag zum Bücherschrank, diesmal an einem Sonntag, und was wartet da auf mich? Die 2008 erschienenen “Wege zu einem humanen, selbstbestimmten Sterben” von einer Stiftung zur Erforschung eines humanen selbstbestimmten Sterbens. Ich trage es nach Hause, ich will mich bilden, um für alle Fälle bereit zu sein – für den “letzten Augenblick”.
Doch das wahre Sterben holt mich 24 Stunden später ganz konkret ein: im Facebook lese ich den Post der Galerie Loiegruebe, ohne Bild oder emoji, bloss Text:
“Du wirst fehlen!!!
DANI JEHLE!!!!!!!
Alles gute auf dem Weg mein Lieber”
Daniel Jehle, ein Freund, ein Maler, ist verstorben, “à l'âge de 58 ans” wie Le Jurassien vermeldet. Dani lernte ich in der Löwengasse, ich weiss nicht mehr ob im „Poetariat“ oder anlässlich einer Vernissage in der Galerie Loiegruebe nebenan. Er bleibt mir gut in Erinnerung, da er einer der ersten war, der mein Buch “Auf den Hund gekommen…” gelesen hatte. In mein Tagebuch notierte ich mir damals: “Dani Jehle holt sich das Buch im Milchkasten bei mir (wie vorgeschlagen), und wie mir dann im ‚Poetariat‘ fünf Stunden später erzählt wird, ‚zieht er es ein‘, in einem Zug, irgendwo am Flussufer der Aare …“
Dani, zu früh bist Du gegangen. Ich habe mal ein Foto von Daniel gemacht, anlässlich des Löwengasse-Fests, und ich stellte es nun im Instagram ein, mit dem Abschiedstext “Noch am letzten Freitag sassen wir vor dem "Poetariat" mit Geerd zusammen. Leute kamen vorbei, Kunden, Passanten, alte und neue Freunde, und da sagt Geerd, es sei Freitag, jetzt fehle noch "der Jehle". Wir nicken, lächeln einander zu, in den Augen ein Funken Freude und Sympathie für Dani, ja, das ist "ein Guter". Einer der Kommentare fasste unseren Verlust mit den Worten “Ich habe ihn als so offenen und liebenswerten Menschen kennengelernt… wie traurig… er wird sicher vielen fehlen!”
Dani konnte sich auf das Sterben nicht vorbereiten. Ein hinterlistiges Versagen seines Herzens leitete den jähen Abschied ein.
Daniel Jehle, 1963 – 2021
Um und am Bücherschrank
Der massive Metallschrank steht am rechten Ufer der Aare – da wo nicht weit davon die Solothurner Boule spielen, die Alkies ihre Bierdosen leeren und jauchzende Kleinkinder den Tauben nachrennen, während von den dichten Baumkronen Rabenkrähen krächzen und kacken; nicht zu vergessen die vorbeiflitzenden Roller und Elektrofahrräder (mit 20 km/h, ha,ha,ha). Zusammen mit dem zum lustvollen Aufsehen entfesselten Reigen der Skateboarder auf dem nahen Kreuzackerplatz können sie einen Buchfreund schon mächtig nerven.
