Das siebente Buch - Georg Aeberhard - E-Book

Das siebente Buch E-Book

Georg Aeberhard

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Beschreibung

In der mystischen Numerologie wird die Sieben als Zahl der spirituellen Erkenntnis betrachtet: Vollkommenheit, Erleuchtung und das Erreichen höheren Ebenen des Bewusstseins. Für die Sieben geht es um Vertrauen - zu sich selbst, zu anderen, zum Lauf des Lebens. Die Stärken dieser Menschen sind Innenschau und Einsicht, sie sind von scharfem Verstand und besitzen das Vermögen zwischen den Zeilen zu lesen. Dieser Band ist mein siebentes Buch, das letzte, einfach der Reihe nach.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hospiz zur Heimat

3 Von einer Tonkassette

4 Vom wahren und vom imaginären Sterben

5 Um und am Bücherschrank

6 Einem Superman begegnet

7 Jirka & Alena

8 Freundin für alle Zeiten

9 Von der “Wüstenblume” zu “Neguinha“

10 Ein Dîner in Prag

11 Bukowski versus Brautigan

12 Follies à la Paul Auster

13 Aeberhards Swiss Paradise

14 Der Fremde am Ende

15 Vom Ende des Fremden

16 Im Duell zwischen Wach- und Traumdenken

17 Auf der Suche nach dem Nichts

18 Mein Incubo

19 Die totale Desillusion – die CS-Welt 2025

Einleitung

In der Bibel wird die Sieben mit Vollständigkeit und Ganzheit verbunden. In diesem Sinne meint Sieben «ganz viele» oder «alles». Laut der Bibel schuf Gott die Welt in sieben Tagen. Damit wird betont: Gottes Schöpfung ist vollständig.

In der mystischen Numerologie wird die Sieben als Zahl der spirituellen Erkenntnis betrachtet. In vielen esoterischen Lehren und spirituellen Praktiken symbolisiert sie Vollkommenheit, Erleuchtung und das Erreichen höherer Ebenen des Bewusstseins. So haben manche Menschen angeblich den 7. Sinn.

Die Zahl 7 steht für das Vertrauen – zu sich selbst, zu anderen, zum Lauf des Lebens. Die Stärken dieser Menschen sind Innenschau und Einsicht, sie sind von scharfem Verstand und besitzen das Vermögen, zwischen den Zeilen zu lesen.

Dieser Band ist mein siebtes Buch, das letzte, einfach der Reihe nach. Das erste kam noch in den USA auf Englisch1 heraus, das zweite im gleichen Jahr, 2017, auf Deutsch2. In diesem Buch erwähne ich einleitend das Zitat von Bohumil Hrabal3: „… ich sage mir, von nun an, mein Lieber, bist du auf dich allein gestellt, du musst dich selber zwingen, damit du unter die Leute kommst, du musst dich selber bei Laune halten, du musst dir selber was vorspielen, bis du dich selbst verlassen hast, denn ab jetzt rotieren nur noch die melancholischen Kreise, und so kommst du vorwärts und gehst zugleich zurück, ja, der Progressus ad origenem ist zu einem Regressus ad futurum geworden, dein Gehirn ist nichts anderes als mechanisch gepresste Gedanken. …“

Nun, sieben Jahre nach dem Erscheinen meines ersten Buches, möchte ich hier „Das siebente Buch“ präsentieren, basierend auf Motiven des Hrabalschen „Progressus ad origenem“: Zwischen den Zeilen zu lesen habe ich hinter dem Eisernen Vorhang notgedrungen sehr schnell gelernt, es nutzte aber nichts, die russischen Panzer walzten die „zwischenzeilichen“ Hoffnungen nieder, und ich suchte die Freiheit…

„A story is a kind of biopsy of human life.“

Lorrie Moore

1 «Rien Ne Va Plus», Distinct Press», FL, USA

2 «Auf den Hund gekommen», BoD

3https://de.wikipedia.org/wiki/Bohumil_Hrabal

Hospiz zur Heimat

Als ich am 21. September 1968 in Bern ankam, in der Hauptstadt der Schweiz, ziemlich genau einen Monat nach der Okkupation der Tschechoslowakei durch die Russen, war ich erleichtert, und zugleich stand ich unter einem Schock. Ich war erleichtert, weil ich am Ziel meiner Fluchtreise angekommen war, ja, ich war wieder mit meiner Freundin Helena vereint. Ich traf ihre Mutter, und ich lernte die weiteren Verwandte kennen. Sie alle standen mit einem tschechischen Exilanten aus dem Putschjahr 1948 in Verbindung. Er hatte es in der Schweiz “geschafft”, und demzufolge nahm man an, dass er ihnen helfen würde. Ja, ich stand unter Schock, da mir nun bewusstwurde, um was es sich bei einer Emigration handelt: die Sprache, die Kultur, die Arbeitssuche… die Farbe der Hausfassaden… die Farbe der Strassenbahnen und Busse… das Wetter… Und, und, und…

Vor allem die Sprache, denn hier wurde der Schweizer Dialekt gesprochen, besser gesagt “Bärndütsch”. Als Student hatte ich ein „Infinitiv“-Deutsch gelernt, als ich während den Ferien in der Deutschen Demokratischen Republik, in Frankfurt, jenem an der Oder, arbeitete. Um in Bern zu meiner Zieladresse zu fragen, bemühte ich aber lieber mein selbsterlerntes Englisch, wie schon zuvor bei der Beantragung eines Einreisevisums am Schweizer Konsulat in Frankfurt, jenem am Main. So fragte ich auf Englisch nach dem Weg in die Gerechtigkeitsgasse, zur Pension “Hospiz zur Heimat”.

Die Berner Altstadt wird durch eine Hauptstrasse zweigeteilt, die vom Bahnhof her in mehrere Abschnitte gegliedert ist: Spitalgasse, Marktgasse, Kramgasse und die Gerechtigkeitsgasse, alle auf beiden Seiten schön mit Laubengängen gesäumt. Warum erwähne ich das hier? Stellen Sie sich vor, Sie verlassen ihr Heimatland, ohne die Hoffnung zu haben, je wieder zurück zu kommen, Sie haben vor, um Asyl nachzusuchen und Sie dürfen in der Pension “Hospiz zur Heimat”, die an der “Gerechtigkeitsgasse” liegt, unterkommen.

Es war kein langer Weg durch die Lauben, ich hatte nur einen Koffer zu tragen, ich kam schnell ans Ziel. Ich wurde willkommen geheissen und – ich konnte meine Freundin in die Arme nehmen, wenn auch unter den strengen Augen des Hospizpersonals, das vorwiegend in einem nonnenähnlichen Habitus gekleidet war. Sogleich machte ich Bekanntschaft mit vielen anderen tschechischen und slowakischen Schicksalsgenossen. Ich konnte ein Bett im gleichen Raum belegen, in dem Helena, ihre Mutter und alle anderen Mitglieder aus dem Prager Clan bereits logierten. Nachdem ich über alles Mögliche aufgeklärt worden war, vor allem, wie man um politisches Asyl nachsucht, fingen meine Freundin und ich an, zusammen die Stadt Bern zu erforschen...

... Einige Tage später wurde ich zur Rezeption herangewinkt: es wäre jetzt so, dass Männer und Frauen, die nicht verwandt waren, nicht mehr im gleichen Raum bleiben durften. Ich, als nicht verwandt, müsse demzufolge ausziehen und in ein Heim in der Nähe übersiedeln; es war ein Heim für Obdachlose und Hilfsbedürftige. Ich versuchte, mich zu wehren, sprach davon, dass wir uns zu verloben gedachten, ich und meine fiancée Helena... Nein! Doch eine Weile später, als wir so hilflos dastanden, sagte die Frau an der Rezeption, es sei da ein Mann, der allein in einem Doppelzimmer logiere, ein Professor, und ich möge ihn fragen, ob er mich bei sich aufnehmen würde. Dagegen hätte hier niemand etwas einzuwenden, so könnte ich weiterhin im „Hospiz zur Heimat“ wohnen. Die Frau sprach mit Respekt von diesem Mann, einem Musikprofessor. Da er aber im Moment nicht auf seinem Zimmer sei, müsse ich seine Rückkehr abwarten und ihn um sein Einverständnis bitten. Das Warten zog sich in die Länge, eine Stunde nach der anderen verging langsam, sehr langsam; ich hatte meine Siebensachen bereits wieder in meinem Koffer verstaut, wie immer es auch ausgehen sollte, aber es war noch immer kein Professor da. Es kehrte allmählich Stille ein, die meisten Hospizbewohner waren bereits heimgekommen, es ging gegen Mitternacht zu. Schliesslich fasste ich Mut und fragte, ob ich wohl im Zimmer des Professors auf ihn warten dürfe, und zu meinem Erstaunen nickte die Hospizangestellte „ja“, ich durfte.

Das Erkerzimmer befand sich zuoberst unter dem Dach. Eng war es da, aber die zwei Einzelbetten standen da in einer Reihe, das eine frisch und unberührt, das andere zerwühlt, nicht gemacht. Ich war inzwischen todmüde und legte mich auf das unbenutzte Bett, so wie ich gekleidet war, und fiel sofort in den Schlaf. Nach kurzer Zeit weckte mich eine sanfte Stimme: „Pardon, bitte...“ Es war etwa zwei Uhr morgens. Ein sehr dünner Mann stand vor mir und fuhr leise fort „ich muss nur kurz das Licht anmachen, eine Sekunde...“ Ich setzte mich auf und streckte ihm meine Hand entgegen. „Jirka“, stellte ich mich vor. Und er erwiderte „Jiří... Jirka, ebenfalls“4. „Aus Prag,“ sagte ich und schüttelte fest seine Hand. Der andere Jiří lachte leise und sagte, „ja, ich auch.“

Der Professor war einverstanden, das Zimmer mit mir zu teilen. Wir machten uns beide bereit, ins Bett zu gehen, legten uns hin, konnten aber nicht schlafen. Wir begannen, miteinander zu sprechen: was unsere Herkunft und Ausbildung waren, was wir uns wünschten, was wir gernhatten, welche Bücher, welche Musik oder Theaterstücke... Nach dem aufdämmernden Tageslicht hinter den Fenstern zu urteilen, dauerte unser Gespräch bis in die Morgenstunden. Dieser jeweils „andere Jiří“ – wie wir mit der Zeit in Bern bekannt wurden – war nicht ganz zehn Jahre älter als ich, und er war nicht nur Musikprofessor, sondern auch Lehrer der tschechischen Sprache. Wie es sich herausstellte, machte mein Namensvetter einst Stellvertretung an meiner Primarschule, und wir waren uns wohl bereits in Prag begegnet.

Nun, schauen wir uns diesen Zufall an: die gleiche Herkunft, das gleiche Schicksal, das gemeinsame Zimmer, der gleiche Vorname, die fast gleichen Interessen wie Theater, Film, Literatur... Es war die wichtigste Koinzidenz meines Lebens. Dieser Zufall zauberte mir einen Freund herbei, er legte den Grundstein zu einer lebenslangen Freundschaft und spann den Faden einer Emigranten-DNA, nicht nur menschlich, sondern ebenfalls, was die berufliche Karriere anbetraf. Nach der Phase des Werdens konnten wir uns als freischaffende „Kulturtäter“ behaupten, der eine Jiří als Komponist und der „andere“ als Film-schaffender.

Postscriptum: Schliesslich wurden wir beide aus dem Hospiz hinaus spediert und verbrachten noch einige Nächte auf Etagenbetten in dem Obdachlosenheim in der Gasse nebenan, wo es niemals ruhig wurde; hier wurde gehustet, geschnarcht, gespuckt, geschmatzt und gefurzt, was das Zeug hielt, und es roch entsprechend säuerlich wie nach lange nicht gewaschenen Socken. Das brachte uns schnell dazu, eine andere Bleibe zu suchen. Ich wartete etwas längere Zeit bis ich zusammen mit Helena und ihrem Clan in eine richtige Wohnung ziehen konnte, der „andere“ Jiří wurde in ein Heim am Stadtrand verlegt, das inzwischen vom Rote Kreuz eingerichtet worden war.

4 „Jiří“ ist die korrekte Form des Vornamens Georg, wobei „Jirka“ die meistgebrauchte Umgangsversion darstellt; Diminutiv wäre „Jiřík“ oder „Jiříček“.

Von einer Tonkassette

Wir schreiben das Jahr 2021. Vor einigen Tagen verbreiteten die Medien die Nachricht, dass ein gewisser Lodewijk Frederik Ottens mit 94 Jahren verstorben war. Der Name allein weckt wohl keine Erinnerungen mehr, aber wenn man die Artikel liest, die zu seinen Ehren geschrieben worden sind, taucht der Begriff Musikkassette, oder auch die Phillips-Kassette, auf; ja, Herr Ottens arbeitete bei der niederländischen Weltfirma, ihm wird die Erfindung dieses die folgenden Generationen prägenden, revolutionären Tonträgers zugeschrieben. Der “Schnursenkel” der Spulengeräte wurde in eine handgrosse Kassette gebändigt: einmal darin verstaut, konnte das Band beidseitig bespielt und genauso gut überspielt werden, mit bis zu 180 Minuten langen Aufnahmen.

Nicht wenige Kassetten-Fans verehren diese nicht-digitalen Tonträger immer noch, vereint in diversen Internet-Foren, oder es sind solche, die die Kassetten antiquarisch im Umlauf halten - wie z.B. der Poetarier Geerd an der Löwengasse in Solothurn, der diesem Medium ebenfalls verfallen war und ist. Als die Elogen auf den Erfinder Lou Otten in den Medien angestimmt worden waren, schickte ich Geerd auf Facebook Messenger den Link zum Artikel in DIE ZEIT, der unter dem Titel „Schöner Bandsalat“ erschienen war, und er reagierte umgehend: “Obwohl ich so altmodisch bin, bin ich immer der Zeit voraus. G”. Ja, mag sein, aber auf den Kassetten sind Aufnahmen, deren Ursprung Jahrzehnte zurück liegen, wie auch diejenigen, die ich ihm daraufhin brachte: Vom Radio “DRS” das Hörspiel “Aus dem Leben eines Pflastersteins” von Anne Cuneo oder die italienischen Lieder, die Enzo Scanzi, unter Teatro Matto, in den achtziger Jahren in Zürich produzierte. Ich suchte das Poetariat (aka Antiquariat) aber vor allem auf, um Geerd die Geschichte zu erzählen, die mir gerade in jenen Tagen passiert war. Die Hauptrolle spielte eine Kassette, da sie Gutes getan hatte, und zwar gleich doppelt, (wenn nicht dreimal), obwohl in beiden Fällen in einem traurigen Kontext. Ich musste weit ausholen, mich an die Pointe wahrhaft heranpirschen, damit ihre Bedeutung als eine einmalige, persönliche Koinzidenz im Glanz einer wertvollen Erinnerung aufleuchten konnte. Ich fing damit an, Geerd wortwörtlich die E-Mail-Nachricht wiederzugeben, die mich nach einigen Umwegen gerade erreicht hatte. Sie war von “unserem” Pavel verfasst, einem eigenwilligen, eigenbrötlerischen Handwerker, der uns während des mehrjährigen Aufenthaltes in einem böhmischen Dorf das Haus und den umliegenden Obstgarten zu renovieren, zu pflegen und zu erhalten half. Pavel lebte seit Jahren am Rande der Gesellschaft, wurde unter anderem wegen nicht bezahlten Beiträgen von der obligatorischen, allgemeinen Krankasse genauso wie von der Rentenanstalt erbarmungslos betrieben, hohe Strafzinsen inbegriffen. Als er zu uns stiess, um die Zeit des Milleniums wechsels, war er im Alter der Christusjahre, knapp über dreissig Jahre alt und sah auf den ersten Blick eher verwahrlost aus: er war meistens unrasiert, mager, man befürchtete, seine ausgebeulte, verblichene Kampfhose mit vielen Seitentaschen rutsche ihm von den Hüften auf die abgetretenen Tennisschuhe. Am Hosengurt hing eine Öse mit zahlreichen Tür- und Torschlüsseln, die beim Gehen rasselten und seine Ankunft auf diese Weise ankündigten; in der Hose steckte ein vormals weisses T-Shirt, darüber trug er eine Weste unbestimmter Farbe, wiederum mit vielen Taschen ausgestattet. In Pavels Gesicht spiegelten sich seine seelischen Zustände ungeschminkt wider, man sah sofort, ob er auf die Welt wütend war oder bereits high, nach einer Portion Marihuana; dann blickte er treuherzig, einem scheuen Tier nicht unähnlich. Pavel wurde von uns „schwarz“bezahlt, aber nicht nur von uns. Er fand Gelegenheitsarbeiten auch im nahen Prag selbst, er war mobil dank einem uralten Ford Transit, dessen rote Lackierung nur noch gräulich matt schimmerte, keinen Glanz mehr hatte. Das Innere des Wagens sah einer kombinierten Werk- und Schlafstätte gleich, hier war auch das zahlreiche Werkzeug verstaut. Vorne auf dem Sitz pflegte Sheila Platz zu nehmen, sein Hundekompagnon, dessen Fell das Einzige war, was um Pavel herum glänzte.

Zu uns kam Pavel unregelmässig, je nach – seiner – Lust und Laune, um vor allem das viele Gras im Obstgarten und den Rasen im Hof zu mähen. Wenn er sonst keinen Job hatte, schauten wir, dass er andere Unterhaltsarbeiten ausführen konnte, wie den weitläufigen Holzzaun neu anzustreichen; er war auch ein guter Tischler und Plattenleger; am liebsten arbeitete er allein und ohne Aufsicht, jedwede Autorität brachte ihn aus der Fassung. Pavel wohnte am Rande eines etwa acht Kilometer weit entfernten Nachbardorfes, wo sein Vater noch zu Zeiten der real-sozialistischen Misswirtschaft eine wahre Villa zu bauen angefangen hatte. Nun, wie vieles, das mit Selbsthilfe zustanden kommen sollte, aber an Material und unter Zeitmangel litt, sah die in Unkraut und Gestrüpp versinkende Villa einer Bauruine nicht unähnlich; sie war bereits überdacht, aber unbewohnbar, mit blinden Fenstern ohne Rahmen, ihrer Fertigstellung harrend. Doch der Geräteschuppen nebenan verwandelte sich im Laufe der Zeit zu einer komfortablen, beheizbaren Bleibe - in der wohnte nun Pavel mit seiner scheuen, schreckhaften Sheila.

Als wir dann Ende der Nullerjahren zurück in die Schweiz umsiedelten, war uns Pavel ein unentbehrlicher Umzugsgehilfe, und wir überliessen ihm auch allerlei Geräte und Sonstiges, was er in seiner kargen Existenz gut gebrauchen konnte. Er war übrigens ein begeisterter Schlagzeuger, fiel gern in einen Rausch dank selbst gezüchtetem Hanf, in Bann gezogen vom Rhythmus der Musik. So war es auch naheliegend, ihm nicht wenige Musikkassetten zu überlassen. Und eine davon hatte eben nach mehr als zehn Jahren Gutes getan, wie Pavel in seinem E-Mail schrieb: “... ich bedanke mich noch einmal für deinen Neujahrsgruss, gestern fand der Abschied von meinem Vater statt, es war ein monatelanger Kampf, die schlimmsten Weihnachten, die ich je erlebt hatte, es war gut, konnte ich bei ihm sein, wäre ich irgendwo im Ausland gewesen, ich würde es mir mein Leben lang vorwerfen. Somit wieder einmal dir ein grosser Dank, denn, während ich daran war, zu entscheiden, ob ich verreisen sollte, liess ich eine Kassette mit Mozart laufen, und zu meiner Überraschung hörte ich plötzlich dich, wie du zu deinem Vater sprichst, und da traf ich den Entscheid, bei meinem Vater zu bleiben. Ich hoffe und ich nehme an, dass es dir gut geht, und ich bin froh um einen jeden Gruss von dir. Schaue gut zu dir, sei gegrüsst, Pavel.“

Umgehend sandte ich Pavel eine SMS: „Pavel, vielen Dank für Deine berührende Nachricht. Es freut mich sehr, wenn meine, an meinen Vater gerichtete, Trost spendende Stimme, Dich selbst dazu brachte, die langen, letzten Tage mit Deinem Vater zusammen zu verbringen. Ich hoffe, dass er sich Deiner Anwesenheit noch bewusst war und er Dir half, das Unausgesprochene zwischen Euch etwas aufzulösen. Trage Sorge zu Dir, ich danke Dir für die Nachricht…“

Diese Koinzidenz, das Zusammentreffen der Nachricht vom Tod des Erfinders der Kassette und dem von Pavels Vater, und das Auftauchen meiner Musikkassette mit dem Monolog zur Aufmunterung meines Vaters, liess mich nicht in Ruhe, und ich bemühte mich um eine Rekonstruktion. Das Stichwort dazu war: „Mozart“. Zu jener Zeit gab es noch wenige CDs, und ich pflegte meine Langspielplatten auf Kassetten zu übertragen, damit ich sie im Auto hören konnte. Darunter war auch eine Konzertaufnahme mit dem Litauischen Kammerorchester geleitet von Saulius Sondeckis, mit Tatyana Nikolayeva am Klavier – und siehe da, diese Vinylplatte finde ich noch bei mir, im Jahre 2021. Es ist eine Aufnahme aus dem Jahr 1983, herausgegeben von der russischen „Melodia“, das Concerto Nr. 22.

Es war vor allem meine Mutter, die Aufnahmen mit meinem Vater machte, quasi Stimmungsbilder aus ihrem gemeinsamen Leben in unserer Wohnküche in Prag, die sie mir nach Zürich schickte. Sie war bemüht, mir das Gefühl meines alten Zuhauses zu vermitteln, sie liess das Radio laufen und stellte Vater Fragen über seine Jugend, sie zog ihn auch auf wegen seiner vielen Frauenbekannschaften, und sie rief sich gemeinsame Erlebnisse in Erinnerung, zu denen er korrigierend seine Fassung lispelte. Ich spürte, es war ihm manchmal peinlich, oft hatte er auch keine Lust, etwas zu erzählen: „Mamko,“ sagte er dann zu meiner Mama, „hör doch auf damit...“ Meine Mama, die er mit diesem diminutiven „Mamko“ anzusprechen pflegte, folgte seiner Bitte, aber sie liess das Radio weiterlaufen, wozu sich Geräusche ihres Hantieren mischten, da das Ganze in der engen Wohnküche stattfand, wo sie immer auch sonst etwas zu tun hatte.

Ich selbst mag mich an keine Aufnahme für den Vater erinnern, es muss während eines Aufenthaltes meiner Mutter in der Schweiz gewesen sein, dass sie mich dazu aufforderte. Sie wollte meinem Vater wohl ein Ton-Souvenir aus einem ihrer Besuche mitbringen. Nach meiner Emigration im September 1968, nach dem Einmarsch der Russen, konnte ich während einer zwanzigjährigen Periode nie mehr zurück, erst wieder im September 1988. Meine Mutter erlangte bis zu ihrer Pensionierung zweimal eine Ausreiseerlaubnis, einmal nach fünf Jahren, das andere Mal nach weiteren sieben Jahren. Mit meinem Vater zusammen sollten wir uns jedoch nie mehr sehen können,da er sich weigerte eine Ausreisebewilligung zu beantragen und später aus Gesundheitsgründen nicht mehr reisefähig war: „Gerne würde ich auch ein Gesuch stellen, aber ich lasse es sein – zu bitten, sich erniedrigen und schliesslich das alles vergebens, dafür habe ich keine Nerven und wer weiss, wie ich gesundheitlich daran sein werde.“ Als er im August 1986 verstarb, war er bereits seit fünf Jahren blind und in Folge eines Hirnschlags praktisch gelähmt, völlig auf die Pflege meiner Mutter angewiesen. So ging seine Hoffnung nicht in Erfüllung, wie er sie zuvor einmal zum Ausdruck gebracht hatte: „Die Hauptsache ist, dass meine Gesundheit hält, denn ich hoffe immer noch, dass wir uns begegnen können (das schreibend, kommen mir die Tränen).“

Eigentlich tat die Musikkassette in einem Zeitraum5 von fast vierzig Jahren dreimal Gutes: anfangs der achtziger Jahre als das wohltuende Medium der göttlichen Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, dann als Medium eines tröstlichen Zuspruchs an meinen Vater, und das wiederum hat Pavel den Anstoss gegeben, bis zuletzt bei seinem sterbenden Vater zu bleiben. Für das alles: herzlichen Dank, Herr Lodewijk Frederik Ottens.

5 Zeitebene der Erzählung: 1927-1968-1983-1986-20002009-2021

Vom wahren und vom imaginären Sterben

Der streunende Hund, ich, einigen Lesern bekannt dank seinem resp. meinem Buch “Auf den Hund gekommen…”, 2017, schnüffelt dank dem Offenen Bücherschrank weiterhin der Literatur nach, jeden Tag kann man mich unter den Platanen auf der rive droite antreffen, an der Aare, dem Stadtfluss Solothurns.

Zumindest einmal in der Woche kommt es so zu Begegnungen der “dritten Art”, d.h. ich lasse den Zufall spielen, gewisse Titel oder Autorennamen ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich. So beispielsweise das Buch “Jeder Augenblick könnte dein letzter sein”… Leider habe ich es nicht einmal heraus-genommen, geschweige mitgenommen. Ich ging mit leeren Händen zurück in die Stadt, gestützt auf meinem Gehstock wegen einer Knöchelverstauchung, aber eigentlich altershalber; es war vormittags, die Sonne schien, es wehte eine leichte Brise, fast keine Menschen waren unterwegs auf der Fussgängerbrücke Richtung Klosterplatz. Eine Frau mittleren Alters kam mir entgegen, im losen, knielangen Sommerkleid, mit einem gewagt tiefen Dekolleté, schönen, sonnengebräunten Beinen; ihr schmales Gesicht, mit schwarzen, schulterlangen Haaren locker umrandet, war entspannt, es strahlte Lebensfreude aus, die noch dadurch gesteigert wurde, da sie vorportionierte Stücke einer reifen, roten Melone in den Mund führte. Unsere Blicke trafen sich im Vorbeigehen und lösten bei uns beiden ein stummes Lächeln einer anonymen Sympathie aus, die für mich um so schöner war, da diese überaus attraktive Frau den Melonensaft mit der Zunge sauber von ihren Lippen abstreifte. “Das wäre gewiss ein schöner, letzter Augenblick”, dachte ich für mich und hätte die offenherzige Frau am liebsten kurz umarmt. Doch das wäre etwas umständlich gewesen, denn ich ging ja am Gehstock gestützt. Immerhin, als eine Art Coda, als eine Art Katharsis zum Abschied aus dem Leben ganz passabel - wie aus heiterem Himmel durch einen Blitz erschlagen, eben “Jeder Augenblick könnte dein letzter sein”…

Daraufhin zuhause angekommen - ich wohne am erwähnten Klosterplatz - , lese ich in der Neuen Zürcher Zeitung, in der NZZ-online, die folgende Nachricht mit dem Titel “64-jähriger fährt stundenlang leblos im Tram um”:

In Zürich hat ein 64-jähriger Mann am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit einen Herzstillstand erlitten und ist danach weitere sechs Stunden leblos im Tram gefahren. Erst danach fiel anderen Fahrgästen der Tote auf und die Rettungskräfte wurden informiert. Dies berichten mehrere Medien. Der Mann sei um 6 Uhr 21 in Zürich Altstetten ins Tram Nummer 2 eingestiegen und hätte am Paradeplatz aussteigen müssen. Doch er verstarb auf dem Weg. Bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) wie auch bei der Stadtpolizei Zürich habe man Kenntnis von dem Vorfall, wie das Onlineportal «20 Minuten» berichtet. Eine Dritteinwirkung könne ausgeschlossen werden.

Das wäre auch eine Möglichkeit, die mir gefallen würde, denke ich, im Tram so mir nichts, dir nichts zu sterben. Mein ganzes Leben lang schon habe ich eine Schwäche für Trams aka Strassenbahnen. Ich wuchs in Prag auf, in einer Stadt mit einem wunderbaren Schienennetz; jede der über dreissig Linien zeichnet sich durch einen eigenen urbanen Charakter aus: von der Peripherie, durch die Industriegebiete, entlang und über die Moldau, und vor allem quer durch die Neu- und Altstadt, durch die Kleinseite am Palast Wallenstein und seinem Garten vorbei, hinauf zur Burg bis hin zum Weissen Berg, dem Ort der Eröffnungsschlacht des Dreissigjährigen Kriegs, usw.

Später in der Schweiz, bei meiner Ankunft in Bern, liess meine Vorliebe für Trams nach, da die Strassenbahnen hier dunkelgrün waren, zur Herbstzeit mit den depressiven grüngrauen Fassaden verschmelzend, und ich wünschte mir, ich wäre nach Genf geflüchtet, wo die Trams rot waren, etwas dunkler als in Prag. Später, in San Francisco, benutzte ich nebst den braunen cable cars die hellgrünen Trams, die alle von der Market Street Richtung Pazifik-Küste fuhren, die Linie N Judah quasi direkt an den Strand.

In Berkeley, von San Francisco über die Bay-Bridge in Richtung Landesinnere, verbrachte ich einmal die Nacht zusammen mit Jan Němec, dem Prager Filmregisseur, dem zu Ehren das Pacific Filmarchive eine Retrospektive veranstaltete. Nach einer der Vorstellungen litten wir an Heimweh und rekonstruierten aus Erinnerungen bei einer Bekannten - mit Hilfe von reichlich fliessendem California Burgundy - das Prager Tramnetz.

An dieser vorangehenden Retrospektive wurden nicht nur seine Spielfilme wie “Diamanten der Nacht” oder “Von Festen und Gästen”, aber auch der Kurzfilm “The Czech Connection”6, gezeigt, den er in München für „Bayern 3“ auf seinem Weg ins USA-Exil realisierte. Darin inszenierte Jan Němec seinen eigenen Tod, den ganzen Film lang trug er ein grob gestreiftes blau-weisses Sakko, das die KZ-Häftlingskleidung evozierte; die Vorführung im Pacific Filmarchive schloss mit einer Diskussion mit ihm, er trat vor die Leinwand wie aus dem Film heraus, er trug eben dieses Sakko; es war eine fast schockartige Anspielung auf den Spielfilm “Diamanten der Nacht”, in dem die aus einem KZ-Transport entflohenen Häftlinge durch endlos aneinander angehängte Tramwagons rennen; eine der vielen halluzinationsreichen Sequenzen, die dieses Meisterwerk auszeichnen.

Nun, anschliessend an die Veranstaltung schwelgten wir in Erinnerungen an unsere Lieblingstramlinien, und da wir beide aus den nachbarschaftlichen Vierteln Žižkov und Weinberge stammten, führten unsere Trassen parallel zueinander ins Zentrum Prags: es waren die Linien 9 und 11, die zu den längsten gehörten, jedoch praktisch alle anderen Linien kreuzten, was uns den Vorwand lieferte, in Gedanken gegebenenfalls auch auf andere Linien umzusteigen und uns über die diversen Stadt winkel zu streiten oder im Einverständnis voller Sehnsucht ihre Atmosphäre herauf zu beschwören – bis in die Morgenstunden... Jan Němec ist im Jahre 2016 verschieden.

Nun, kommen wir zum „Sterben“ zurück nach Solothurn, wo es keine Trams gibt, bloss Busse, die jedoch nicht mehr einheitlich mit einer Farbe das Stadtbild prägen, sondern mit kitschigen oder doppelsinnigen Werbedarstellungen verklebt sind.

Ich streune also wieder wie jeden Tag zum Bücherschrank, diesmal an einem Sonntag, und was wartet da auf mich? Die “Wege zu einem humanen, selbstbestimmten Sterben”, im Jahr 2008 von einer Stiftung zur Erforschung eines humanen selbstbestimmten Sterbens herausgegeben. Ich trage es nach Hause, ich will mich bilden, um für alle Fälle bereit zu sein - für den “letzten Augenblick”.

Doch das wahre Sterben holt mich 24 Stunden später ganz konkret ein: im Facebook lese ich den Post der Galerie Loiegruebe, ohne Bild oder Emoji, bloss Text:

“Du wirst fehlen!!!

DANI JEHLE!!!!!!!

Alles Gute auf dem Weg mein Lieber”

Daniel Jehle, ein Freund, ein Maler, ist verstorben, “à l'âge de 58 ans” wie „Le Jurassien“ vermeldet. Dani lernte ich in der Löwengasse kennen, ich weiss nicht mehr, ob im „Poetariat“ oder anlässlich einer Vernissage in der Galerie Loiegruebe nebenan. Er bleibt mir gut in Erinnerung, da er einer der ersten war, der mein Buch “Auf den Hund gekommen…” gelesen hatte. In mein Tagebuch notierte ich mir damals: “Dani Jehle holt sich das Buch im Milchkasten bei mir, in der „kleinsten Buchhandlung der Welt“ und, wie mir dann im „Poetariat“ fünf Stunden später erzählt wird, “zieht er es ein”, in einem Zug, irgendwo am Ufer der Aare …