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Georg Aeberhards Briefe führen uns seit den 50er Jahren bis heute durch sein Leben, das in Prag einen Anfang nahm (geb. 1949) und quer durch Europa bis nach Kalifornien, Brasilien, Peru oder Australien verlief. Sie geben Zeugnis davon, wie das Weltgeschehen sein Leben prägte; sie tun es auf eine persönliche Art und Weise, rufen uns in Erinnerung, welche Wichtigkeit diese Art von Kommunikation hatte - wozu die Briefe gut waren...
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Gewidmet allen mir nahen Personen, für die „die Briefe gut waren“: Máma und táta, meiner Schwester Eli, meinen Freunden aufs Leben & zeitweiligen Gefährtinnen wie Pavla, Ivana, Stanislav, Alena, Sandra, Jaroslav, Boris aka Bohouš, Flex aka Otokar, Petr aka Mundy, Helena M., Jitka, Dáša, Lucie, Hostivít, Jiří, Jaromíra, Brigitte, Pavel, Jennifer aka D. Dahl aka Spuk, Thom, „Sue“, Verne, Verena, Chantale, Annelore, Fabio, Maya, Peter, Cornelia, Richard, Helena N., Corinne, Nic aka Nüüt, Hans, Geerd, Marlies sowie meinen Kindern Vera Antonie und Jan Václav
Verdankung: Brigitte Frésard-Füri
CREDO
Stefan Zweig: Kann derart keiner "die Wahrheit”, die absolute seines eigenen Daseins aussagen, und muss jeder Selbstkenner zwanghaft bis zu einem gewissen Grade Dichter seines Lebens werden, ... das Höchstmass ethischer Ehrlichkeit in jedem Bekenner herausfordern. ... Aber eben, weil hier nicht nur Wahrheit gefordert ist, sondern die nackte Wahrheit, stellt die Selbstbiographie einen besonders heroischen Akt jedes Künstlers dar, denn nirgends wird der sittliche Umriss eines Menschen so vollkommen verräterisch wie in seinem Selbstverrat. ...
Romain Gary: Die einzige Sache (la seule chose), die mich interessiert, ist die Frau. Ich sage nicht ‹die Frauen›, Achtung, ich sage: ‹die Frau›, ich meine die Weiblichkeit. 1
Frei nach Stanislav Grof2: Die Bedingung für eine Selbsterforschung ist die Aufgabe der eigenen Privatsphäre.
1 ...erklärte Romain Gary kurz vor seinem Freitod in einem Interview (1980) https://www.nzz.ch/feuilleton/romain-gary-war-ein-schillernder-autor-und-ein-kuehner-vordenker-ld.1499170
2https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislav_Grof
EINLEITUNG
DAS RAD ROLLT AN
ERSTE LIEBE
ENGLISCH, NICHT RUSSISCH
BORIS (CA, F, NL)
REON I (I, CH, F, CZ)
DIE PRAGER CLIQUE
OKKUPATION, AUGUST 1968
DIE BRIEFE
NORMALIZATION
DER ABSCHIED (CH, CZ)
ENGLISH
DIE BERNER CLIQUE
MEINE MAMA, MEIN VATER
BEI DER SCHLUMMERMUTTER 1969
EINE ZWISCHENBILANZ
CLIQUE THEATER & FILM
ANPASSUNG UND SUCHE
DIE TRÄUME
DER WEG ZUM FILM
ZÜRICH
ETHIK DER ANPASSUNG
DAS LEBEN BEIM FILM
MAMAS ERSTER BESUCH
AMERIKA
DIE VERSCHWIEGENEN EPISODEN
DIE VERLOCKUNG MIT BRIEFEN
DAS THEATER
SAN FRANCISCO
ON THE ROAD (ONCE) AGAIN
SAN FRANCISCO, EIN ABSCHIED
ANONYMUS
ZURÜCK IN DIE SCHWEIZ
FILMLEBEN
DIE BRIEFE II
DIE LIEBESBRIEFE
DIE TAGEBÜCHER
FEMINITÄT
TRÄUME
DER MAGEN
PERU & BRASILIEN & ITALIEN
DIE BRIEFMARKEN
DIE TAGEBÜCHER II
CHAOS
DIE ERSTE SCHEIDUNG
DER NICHT-ABSCHIED
DAS MIETSHAUS - EIN BIOTOP
EIN FERNGESPRÄCH MIT FOLGEN
1988, TWENTY YEARS AFTER
1989, DIE SAMTENE REVOLUTION
DAS GELÖBNIS
DIE GALERIE, SPUKS und MAMAS TOD
FALSCHE BEWEGUNGEN
ALLERLETZTE LIEBE
TRAUM AUS, SAN FRANCISCO 2013
NEUMANNS 2016
REON II
EPILOG 2019
EPILOG 2022
ZITATENNACHWEIS
Alberto Manguel3: Jede Sprache ermögliche eine eigene Form des Denkens, ...
Oder nach Gustavo Pérez Firmat4: The fact that I am writing to you in English already falsifies what I wanted to tell you. My subject: how to explain to you that I don’t belong to English though I belong nowhere else.
Nun, "where do I belong to"? Welche ist "meine" Sprache? Die Muttersprache Tschechisch, die erlernte und mit einem BA in Arts belohnte englische Sprache? Oder ist es die angelernte deutsche Sprache und deren Schweizer Dialekt? Ich habe mich entschlossen, dieses Buch über die Rolle der Briefe in meinem Leben auf Deutsch zu schreiben. Ganz einfach, weil meine Kinder in der Schweiz leben und mein Leben hier zum Abschluss kommt. Aber die meisten Briefe von mir und zu mir sind nicht Deutsch geschrieben; ihre Übersetzung nivelliert ("falsifies") ihre Aussage, obwohl ich bemüht war, die "Tonart" einer jeden Sprache am treffendsten zum Klingen zu bringen.
Es gibt jedoch auch Kapitel, die ich nicht in allen Passagen übersetzt habe, damit der sprachliche Wirrwarr im O-Ton auf den Leser prasselt; es ist auch klar, dass zu so einem Briefwechsel ein Konterpart notwendig war, der die verwendeten Sprachen beherrschte und sie ausspielen konnte (nebst Deutsch und Tschechisch vor allem Englisch, wie auch Französisch und Italienisch, sowie Schweizer Dialekt obendrein); es sind einige Absätze resp. einzelne Sätze in den Kapiteln:
ETHIK DER ANPASSUNG [E]
DAS THEATER [E]
SAN FRANCISCO, EIN ABSCHIED [E]
DIE LIEBESBRIEFE [I, E]
PERU & BRASILIEN & ITALIEN [E, I]
Manche Passagen in diversen Fremdsprachen habe ich nicht übersetzt, da es Gedichte sind, oder sie beziehen sich inhaltlich zu Personen oder Geschehnissen, die sowieso nur im Kontext des angelsächsischen Kulturkreises zu verstehen sind. Oder ganz einfach, weil ich nicht den Mut habe, sie zu übersetzen, vor Angst, den Originalzeilen in ihrem multilingualen Zauber nicht gerecht zu werden.
WOZU ALL DIESE BRIEFE GUT WAREN (Und immer noch sind - als e-mails & SMS)
Bitte schreibe bald wieder - Worte von Dir heitern mich auf und sie verhindern es, den Verstand zu verlieren.
Mit freundlichster Zuneigung und Küsschen, Verne (1977, Tschad)
3 Zitiert nach NZZ, 6.6.2011, Roman Bucheli
4https://www.azquotes.com/author/34028-Gustavo_Perez_Firmat
Was geschrieben steht, muss nicht ganz wahr sein, aber es kann zur Wahrheit führen, zumindest einer gefühlten. Um Briefe, von denen da die Rede sein wird, ganz zu verstehen, muss man ihre Einbettung aufleben lassen. Deshalb jetzt am Anfang - und später immer wieder -, folgen einige Sätze, welche die Ursprünge einer Freundschaft, respektive Verwandtschaft beleuchten; Verwandtschaft im doppelten Sinne: mit den Eltern, den Grosseltern und mit meiner Schwester einerseits, mit Freunden in einer Einstellung zum Leben verwandt, welche die gleichen Vorlieben und Werte teilen, mit Freundinnen und Ehefrauen desgleichen, aber um das Grundgefühl der Liebe reicher.
Um was es dem Autor geht? Warum taucht er in die Vergangenheit ein und zerrt das Vergangene wieder ans Tageslicht? Die Antwort mag im Befund Heideggers liegen, wenn er das Dasein des Menschen als ”Sein, dem es in seinem Sein um sein Sein selber geht”1.
Im Alter von 70 Jahren habe ich keine Ambitionen, was eine Veröffentlichung anbetrifft. Die meisten Brieffragmente sind übersetzt, aus dem Tschechischen oder aus dem Englischen. Ich bin dieses Manuskript angegangen, wie ich die Briefe und Tage- und Notizbücher im Laufe meines Lebens geschrieben habe, dem Instinkt gehorchend, jeweils das Teuerste oder das Bewegendste festzuhalten - für mich allein, mich am Guten wie Schlechten berauschend. Ich war mein eigener Leser, ich bin es noch, und obwohl vielfach Tränen flossen, ich wieder Schmerz oder Rührung verspürte, so habe ich oft ein Lächeln um meine Mundwinkel gespürt, manchmal sogar laut auflachen müssen. Falls also noch weitere Leser die nachfolgenden Kapitel lesen sollten, wünsche ich ihnen das gleiche, die Stimmung wechselnde Vergnügen.
Das Schreiben von Briefen und Postkarten fing mit vorab adressierten Korrespondenzkarten an, die ich als Kind meinen Eltern und meiner Grossmutter zu schicken hatte. Es waren karge Mitteilungen aus den Ferienlagern betreffend Wetter, Essen (Mami, schicke mir bitte mehr von den Äpfeln, sie schmeckten mir sehr...), Klagen über mangelndes Taschengeld und die Rückkehr ankündigend: Ich bleibe auf dem Bahnsteig bis ihr mich findet.
Einen der ersten Briefe, den ich bekommen hatte, mit etwa zwölf, war von meiner Schwester Eli, eine Antwort auf einen Brief von mir:
Lieber Jirko,
ich danke Dir für Deinen Brief und ich muss gestehen, dass ich sehr angenehm überrascht war. Ich verstehe Deine Sorgen mit dem Lernen und ich halte Dir die Daumen, damit alles gut kommt und Du die Winterferien geniessen kannst. Falls nichts anderes aufkommt, den Weg nach Dubeč kennst Du ja!"
Dubeč hiess das Dorf in der Nähe von Prag, wo unser Grossvater ein Haus bauen liess, in welchem jetzt meine verheiratete Schwester mit ihren Kindern wohnte und wohin ich von Prag aus immer wieder radelte.
Es folgte die obligatorische Korrespondenz mit "Freunden" aus den Ländern des sozialistischen Lagers, die wir auf Russisch zu führen hatten. Wenn die Lehrerin jeweils die Klasse mit den Briefen in der Hand betrat, war ein gewisses Seufzen zu vernehmen; mein Widerstand Moskau gegenüber zeigte sich darin, dass ich womöglich eine Brieffreundin aus Polen oder Estland wählte. Ihre Namen sind mir nicht mehr geläufig, aber ich weiss, dass die eine aus Bialystok war, die andere aus Tallinn; später kam noch Leana aus der brüderlichen DDR dazu, eine Diskuswerferin aus Erfurt. Obwohl die Korrespondenz auf Russisch erfolgte, ideologisch war sie keineswegs; es blieb beim Wetter, das genügte für eine positive, persönliche Beurteilung als klassenbewusster Pionier.
Die nächsten Stufen waren die unbeholfen-romantischen, handschriftlichen Annäherungsversuche an Mädchen aus der nahen wie der fernen Umgebung (Stadtquartiere Prags) oder an Ferien- oder Sportlager-Bekanntschaften. Die kürzeste Antwort klang dann so: Wie geht es Dir? Regnet es in Prag auch? Das genügt jetzt. Ahoi. Ja, ich entbrannte schnell, ich suchte das Weibliche. Diese Sucht - oder besser Sehnsucht? - ist wohl der Tatsache zu verdanken, dass ich kränklich zur Welt kam, lange an komplizierter, schwerer Mittelohrentzündung litt; kurz, ich hing am Rockzipfel meiner Mama. Das führte dazu, dass sie Heimarbeit für eine volkseigene Bekleidungsgrossfirma ausführte, das "richtige" Geld jedoch abends mit Schwarzarbeit für ihre alte Klientel verdiente. Da meine Mutter vor dem Kommunistenputsch als selbstständige Damenschneiderin arbeitete, blieben ihr diejenigen Kundinnen treu, denen das linientreue, beschränkte Konfektionsangebot nicht genügte, und somit hatten wir viel Damenbesuch.
Ich war ständig während den Anproben dabei, und die Damen nahmen mich gerne auf den Schoss, wenn sie jeweils auf unserer Couch auf die nächste Anpassung warteten. Ja, ich war zum Schmusen gut, und ich genoss es auch. Wir wohnten in einer Zwei-Zimmerwohnung und die Couch war in der Küche, wo auch die manuelle "Singer"-Nähmaschine in einer Ecke stand. Das ins Freie nach Süden gerichtete Zimmer war für alles Mögliche geeignet: es diente, um zu kochen, zu essen, zu nähen und für den Vater auch zum Schlafen, da die Couch ausziehbar war. Wenn die Anproben stattfanden, musste sich Vater ins Wohn- und Schlafzimmer zurückziehen, und ich blieb der alleinige Prinz unter den Damen. Ich liebte es zu beobachten, wie sie im silbern schimmernden Tüll-Unterrock auf den Hocker stiegen, wie sie sich langsam um die eigene Achse drehten, während meine Mama ihnen den eigentlichen Kleiderstoff umlegte und mit Nadeln absteckte. Die Frauen glichen glänzenden Porzellanfigürchen, die sich auf einer Musikdose drehen würden.
In der Altersgrösse eines Krabbeltierchens profitierte ich noch von einer anderen Konstellation: unsere Etagen-Nachbarn links von uns hatten eine Tochter namens Milada, die rechts deren drei, namens Milena, Jiřina und Věra. Milada, die fast schon erwachsen war, kam gern auf einen Klatsch zu meiner Mama, die drei Schwestern wiederum waren meine "Babysitter", wenn es mal dazu kam, dass meine Eltern gemeinsam in den Ausgang gingen. Der schönen, blonden Milada legte ich gerne meinen Kopf in den Schoss, so dass ich das weiche Gewicht ihrer Brust zu spüren bekam. Meine Mama und Milada tratschten los, die Nähmaschine surrte immer wieder auf, und es mag sein, dass ich in dieser behüteten Lage gleich einem Kater schnurrte... Cees Noteboom beschreibt in seinem Buch "Rituale" diesen Urzustand folgendermassen: 'An jenem Tage waren die Frauen zu seiner Religion geworden, zum Zentrum, zum Wesen aller Dinge, zu dem grossen Wagenrad, auf dem die Welt sich drehte.5
1https://de.wikipedia.org/wiki/Fundamentalontologie
5 Rituale, 1985, Frankfurt a. M., 2004. ISBN 3-518-38946-7
Durch die Damenbesuche von Mutters Kundschaft und die Zuwendung meiner Nachbarinnen konditioniert, wurde ich wohl nicht nur gesund, sondern auch fähig, in den Kindergarten zu gehen. Und da passierte es zum ersten Mal, dass ich mich verliebte, ja, die Zuneigung zum weiblichen Geschlecht verwandelte sich in Liebe, im Alter von etwa vier, fünf Jahren. Und zwar zuerst im Traum. Ich erinnere mich daran, dass ich meine Mama am Morgen danach fragte, ob mein Hals sauber sei, besser gesagt, ob mein Kragen nicht schmutzig war bevor ich in den Kindergarten aufbrach. Ich war ernsthaft besorgt - so schilderte es auch Mama später immer wieder einer Anekdote gleich - , dass mein Traummädchen an einem dreckigen Hals Anstoss nehmen könnte. Das Mädchen hiess Pavla. Im Traum tanzten wir mit anderen Kindern in einem Kreis zusammen, wir alle trugen Negligé-Nachthemden wie in einem Märchen, Engelchen gleich, ich sah jedoch nur Pavlas niedliches Gesicht vor mir, ich war hin und weg...
Pavla bin ich bis in die Sekundarschule, die wir ebenfalls zusammen besuchten, treu geblieben, (einen letzten Brief hatte sie mir mit 15 Jahren geschrieben), dann wurde es mir zu viel, da sie drei kleinere Schwestern hatte, um die sie sich kümmern musste und wir kaum allein sein konnten; ich kam ja in das Alter, in dem ich gern meine Hände da anlegte, wo die weiblichen Reize sich verstecken - "das grosse Wagenrad" rollte unbeirrt weiter.
An die vierzig waren wir in unserer Klasse, gleichviel Knaben und Mädchen, und bei den Mädchen merkte man, wie sie sich entwickelten, wie ihre Busen allmählich anschwellten. Wir provozierten sie, sie kreischten, in den Pausen kam es immer wieder zu einem ungelenken Körperreigen, für eine Sekunde konnte man die Weiblichkeit zu fassen bekommen, womöglich den Venushügel. In den Turnstunden waren wir auch alle zusammen, und da hatte man auch etwas für das Auge: aus den unförmigen Unterhosen wanden sich widerspenstige Schamhaare heraus und wirkten ungemein erotisch. Diese Eindrücke blieben im Bewusstsein sowie im Unterbewusstsein gespeichert, nachts hatten sie die Kraft, feuchte Träume herbeizuzaubern. Ja, ich wüsste noch die Namen der Klassenmädchen (siehe Abb.), die schon im Begriff waren, richtige Frauen zu werden. Mit einer, die eben auch so frühreif war, wechselte ich einige Briefe, aber erst Jahrzehnte später, als ich bereits im Westen lebte und Ivana in Syrien, wohin sie kurz nach 1968 geheiratet hatte; einen dieser Studenten aus der "Dritten Welt", denen die Länder des sozialistischen Lagers Ausbildung zu bieten hatten; glücklich wurde meine blonde, langbeinige Schönheit nicht.
Ich denke oft an sie, mit jeder Nachricht, die seit Jahren aus diesem geplagten Land eintrifft; ich frage mich, wie es ihr geht, ob sie noch lebt. Seitdem meine Mutter verstorben ist weiss ich von Ivana nichts mehr. Verschollen.
Postkarte zum Namenstag des Hl. Georgs, 24.4.1964
Gewiss nicht wenig eitel diese Glückwunschkarte zu zeigen - Pavlas und Ivanas Unterschriften fehlen da nicht.
"Der leuchtendste Juwel, sagte der persische Dichter, der am Halse eines jungen Mannes funkelt, ist der Abenteuergeist."
Walt Whitman, Leben und Abenteuer von Jack Engle, 2019
Es kam also der Zeitpunkt, da erwachte in mir der Junge, der Halbstarke, der nicht mehr verprügelt wurde, da er dem lokalen Leichtathletikverein beigetreten war und bis zu fünfmal wöchentlich ins Training ging. Es war die Zeit nach den Olympischen Spielen in Rom, und wir wollten alle die nächsten Olympiasieger werden. Es war uns ernst. Und dieser sehnsüchtige Blick in die Welt hinaus hiess - Englisch zu lernen. Das war die Sprache der gelobten Länder hinter dem Eisernen Vorhang. In der Schule gab es nebst dem obligatorischen Russisch keine Sprachkurse, und so kramte ich Vaters Lehrbüchlein "Teach yourself English by yourself" hervor. Aber als ich damit anfing, spürte ich, dass ich auch sonst an die Angelsächsische Kultur anknüpfen wollte; wir hörten Radio Luxemburg, wir wussten von "The Shadows", "The Beatles", "The Rolling Stones", usw. Bei uns liefen die Songs jedoch als Cover Versionen, da die Texte Tschechisch sein mussten. Mich an die Briefe aus den sozialistischen Brüderländern erinnernd, träumte ich von einer Brieffreundschaft mit jemandem aus England. Im Hause von meiner Tante Eugenie und meinem Lieblingsonkel Rudolf fand ich eine uralte Nummer der satirischen Zeitschrift "The Punch", und ich schrieb an die Redaktion einen Brief, in dem ich meine Bitte vorbrachte. Und siehe da:
Dear George
I work for the publishing firm that you sent your letter to and I would be glad to correspond with you. Do you wish me to correct your English for you? I’m 16 1/2 and I work as a short-hand typist for Punch Publications Ltd. ...
...
Yours Sincerely
Sandra Lyons
So ging es los zwischen mir und Sandra, und es dauert immer noch an, obwohl wir uns bloss ein einziges Mal persönlich begegnet sind, in London zu Ostern 1969, ein halbes Jahr nachdem ich aus der CSSR emigriert war - mit einem erlogenen Einreisevisum nach Grossbritannien, das ich dank einem fingierten Einladungsbrief zu Sandras fiktiver Hochzeit bei der Ausreise vorweisen konnte; die fiktive Einladung legte ich in einen richtigen Briefumschlag von einem kürzlich erhaltenen Brief Sandras. Mein "pen-friend" korrigierte seit 1965 fleissig mein "werdendes" Englisch, so dass drei Jahre später der von mir getippte Einladungsbrief die Gnade des das Visum erteilenden Botschaftsbeamten gefunden hatte. Ich machte gute Fortschritte mit meinem Englisch, und es war auch diese Fremdsprache, die ich in der Schweiz zunächst benutzte (mit einer Aussprache à la Radio Luxemburg, dem Sender der US-Forces in Europa).
Die Art und Weise, wie Sandra an meinem Englisch arbeitete, mir ihre Korrekturen mitteilte, verdient eines Beispiels, einer Kostprobe:
Nebst Grammatik lernte ich auch Wörter, die in den alten Wörterbüchern gar nicht vorkamen, wie z.B. das Verb "two-time": Ich bin nie mit zwei Jungen gleichzeitig gegangen und ich habe nie einen versetzt, aber das alles ändert sich nun, ich will nicht mehr so weichherzig sein, ich werde gemein sein, ich werde mit zwei gleichzeitig gehen, und ich will die Jungen versetzen. Ich will ihnen alles das antun, was mir angetan worden ist, und ich werde sie wie Dreck behandeln. Es ist mir egal, jetzt bin ich daran, herzlos zu sein und schauen, wie es ihnen gefällt. Den Jungen ist es egal wie stark sie weh tun, sie haben kein Herz. Ich bin gerade so traurig, dass ich spüre wie mir die Tränen die Wangen runter laufen. Die Welt ist ungerecht, es ist die Welt der Jungen, die Mädchen haben keine Chance. Die Jungen dürfen sagen was sie wollen, tun und uns behandeln, wie es ihnen gefällt, und wir stehen bloss da und müssen damit fertig werden. Wenn wir etwas zu machen versuchen, heisst es sofort, wir verfolgen sie, und Mädchen sollen den Regeln zufolge keinen verfolgen.
Aber eben, wozu waren diese Briefe sonst noch gut? Sandras Wutausbruch heute lesend, 50 Jahre später, zeugt er von einer unbändigen Lust, das Lebe zu meistern; und Sandras Teenager-Lust war riesig, da hatte ich fast Mühe mitzuhalten. Heute füllen sich meine Augen mit Lach- oder Mitleid-Tränen, je nachdem, wenn ich die folgenden Sätze lese: Du fragst nach der Kürze der Röcke? Gut, das ist die Frage. Wenn Du die traditionelle meinst, old fashioned, dann nicht. Mir gefallen moderne Kleider und moderne Tanzstile und alle anderen modernen Dinge, aber ganz kurze Röcke, Schenkel hoch, dafür musst du gross gewachsen und schlank sein, damit es gut aussieht, und die Jungen denken nicht gut über Mädchen, die sie kurz tragen, so trage ich meine Röcke kurz, aber nur so knapp über den Knien, was auch sehr modisch ist, noch nicht unanständig, genau richtig, sagt John. Aber ich selbst denke, ich habe nicht so schöne Beine, dass ich kurze Röcke tragen sollte.
So, jetzt muss ich Schluss machen und zurück an die Arbeit. Tschüss und schreibe mir bitte bald wieder. Und liebe Grüsse an deine Mutter und deinen Vater, und meine besten Wünsche und Grüsse an Alena.
Deine Freundin für alle Zeiten
SANDRA
Retrospektiv würde ich unsere Korrespondenz in ihrer Funktion als eine Art intimes Tagebuch sehen, etwa ähnlich wie es Sue Townsend in ihrem Buch "The Secret Diary of Adrian Mole." 6 gelang. (Wie ginge es wohl Sandra, falls sie meine Briefe heute lesen würde?)
Die fortschreitenden "love affairs", unser Feuer oder Enttäuschungen vertrauten wir uns gegenseitig an, und dank den Briefen weiss ich noch, für wen mein Herz entbrannte, schlug oder schmerzte: Alena, Silvia, Helena, Anina... Und schliesslich Lucie. Und Sandra? John (zweimal), Dave, Richard, Fuzz, Chick, Steve, Pete, Mackie, und Frank... Frank! Sandras Beschreibung von Frank ist köstlich: Ich wollte nicht mit ihnen ausgehen, weil Frank so was wie viel zu viele Hände hat, du weisst, was ich meine! Mit ihm auszugehen ist wie mit einem Kraken zu gehen, er hat so viele Hände, dass es schwierig ist, auf alle aufzupassen - und das mag ich nicht.
Mit Sandra tauschten wir auch diverse Texte aus, die wir selber schrieben; und es kam sogar dazu, dass ich einen Artikel für eine Jugendzeitschrift schreiben durfte - für eine Gage in der Höhe von einem Pfund.
In der vollen Schuhschachtel, in der ich unsere über 50 Jahre währende Korrespondenz aufbewahre, liegen auch Fotos, die wir uns hin und her schickten, da wir manche nur einmal hatten und sie selbst nicht missen mochten. Im Zeitalter der Smartphones und der sonstigen "social media” mag einem so etwas wirklich prähistorisch vorkommen. Das hiess dann so: Ich lege zwei Fotos aus den Ferien bei, aber schicke sie mir wieder zurück, da ich nur diese habe, und ich will sie behalten.
Wir gingen zusammen durch die ganzen gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzungen. Wir schickten einander auch Geschenke, so kam ich zu meinen ersten Schallplatten; es waren "The West Side Story" und dann "The Sergeant Pepper’s Lonely Heart Club Band".
Im Mai 1966 schreibt mir Sandra, dass sie im nächsten Monat 17 sein wird, soweit war ich schon im Februar des gleichen Jahres. Ja, wir waren gleich alt und unser Vertrauen zueinander gefestigt. Als PS in diesem Brief schreibt mein Penpal: Ich habe einige alte Briefe von dir durchgelesen und ich bin so froh, dass das Briefschreiben an deinen Teddy Bear in London deine beliebteste Freizeitbeschäftigung geworden ist, tschüss (Dedek), in Liebe Sandra
Wegen unserer Korrespondenz wurde Sandras boy-friend sogar eifersüchtig: ... er denkt, dass ich mich früher oder später in dich verliebe, oder du verliebst dich in mich... Er denkt, da er sich in mich verliebt hat, alle andere machen das gleiche, und er denkt, er sei nicht gut aussehend, oder genügend reich, um mich halten zu können, dass ich früher oder später seiner müde werde und mit einem anderen gehe, der mich mit einem Auto ausfährt, einer der hübsch ist... Das mache ich nicht, ich will keinen anderen ausser ihm.
Wir hatten vor, dass Sandra zusammen mit ihrer Freundin Christine nach Prag kommen sollte, und zu diesem Zweck wäre es passend, wenn mein damaliger Schulfreund Peter mit Christine korrespondieren würde. Anlässlich der Planung der Reise nach Prag, warnte mich Sandra ausdrücklich: Ich denke wir sollten Dich darauf vorbereiten, dass wir beide manchmal sehr verrückt sein können, wir machen verrückte Sachen, es passiert oft, also wenn wir den Anschein erwecken sollten, verrückt d.h. wahnsinnig geworden zu sein, beachte es einfach nicht.
Ich hatte das Vergnügen nicht, die Launen der zwei Mädels aus London zu erleben, denn die Reise fand nicht statt. Es verlief sich irgendwie. Aber eines musste ich Sandra mitteilen...
Ich weiss gar nicht mehr, ob Peter den Anlauf nach England zu schreiben nahm, er konnte ja ein bisschen Englisch, denn eine dramatische Wende veränderte seinen Lebensverlauf radikal. Wir zwei wurden vom ersten Tag an Schulfreunde am Gymnasium, immer für Blödsinn zu haben. Wir waren unter unseren Mitschülern beliebt, man schaute zu uns auf, da wir alle um einen Kopf überragten, zu dritt noch mit einem anderen Peter zusammen, der bald den Spitznamen Mundy bekam; ich blieb der Dědek, der Grossvater, was mit sich brachte, dass ich der Klassenvorsteher wurde. Mit Peter zusammen besuchten wir die Tanzkurse im Lucerna-Palast beim renommierten Tanzmeister Brousek, bis wir nach Walzer, Polka, Mazurka, Jive bei Cha-Cha-Cha angekommen waren - und hinauskomplimentiert wurden. Trotz Anzug und weissen Handschuhen konnten wir unsere postpubertären Blödeleien nicht unter Kontrolle halten. Dem Tanzmeister gefiel vor allem nicht, wie wir uns jeweils nach seiner Aufforderung "junge Herren, treffen sie bitte ihre Wahl” auf die uns gegenüber in einer Linie wartenden toupierten und im glänzenden Taft gekleideten Tanzpartnerinnen stürzten, um vor allen anderen "jungen Herren" zu den schönsten von ihnen anzukommen (oder besser gesagt, auf dem Parkettboden zu ihnen hinüberzugleiten).
Hinausgeworfen wurden wir auch aus einem Ferienjob, und demzufolge suchten wir im nächsten Jahr jeder von uns separat eine Arbeit. Aber was der Teufel nicht wollte, wir fanden uns wieder zusammen zwecks Vorstellungsgespräch im Warteraum einer Firma. Peter war ein schöner Junge, schwarze, krause Haare, tief versetzte Augen, sinnliche Lippen, meistens schüchtern-selbstironisch lächelnd. Er hatte breite Schultern, schmale Hüften (er konnte sehr gut den Gang von John Wayne imitieren), und trotzdem brach er an Liebeskummer zusammen.
Ich machte ihn mit einer Leichtathletin von unserem Klub Slavia bekannt, er verliebte sich in sie, sie lehnte ihn jedoch ab. Er versuchte sich das Leben zu nehmen, und es folgte der Abbruch seines Studiums. Nach dem Selbstmordversuch wurde er wie üblich für 14 Tage in eine psychiatrische Anstalt zur Beobachtung eingewiesen, und dort verliebte er sich in eine Schicksalsgenossin, und bald darauf heirateten sie; ein Kind war unterwegs. Über den weiteren Verlauf hielt ich Sandra auf dem Laufenden und sie nahm sehr Anteil daran, so etwas passiere bei ihnen in London auch sehr häufig, teilte sie mir mit.
Das Jahr 1968. Sandra wechselte wieder einmal ihre Arbeitsstelle, stets in der Nähe der famosen Fleet Street, sie arbeitete unter anderem auch für "Penthouse”, und sie verkündete ihre Verlobung mit einem David, der zwei Jahre älter war als sie; ein Jahr darauf wollten sie heiraten. Nach der Verlobung teilte sie mir ihr Glücksgefühl und die Hoffnung mit, dass du eines Tages auch das Glück findest, das ich habe, und dass es dich bald erfreuen wird. Hat Peters Frau das Kind schon?
Obwohl es nur Briefe waren, wir hielten zueinander, wir verfolgten unsere Karrieren, sprachen uns Trost zu, wenn etwas schief ging, und freuten uns, wenn wir weiterkamen. Sandra von der Stenotypistin zur Journalistin und Schriftstellerin, ich vom Beleuchter bis zum Filmemacher.
6 Sue Townsend, "The Secret Diary of Adrian Mole”, 1982
Etwa zur gleichen Zeit, als ich die Korrespondenz mit Sandra aufnahm, also 1965, lernte ich Boris kennen, einen zwei Jahre älteren Jungen, der ebenfalls Mitglied des Leichtathletikklubs "Stadion Žižkov" wurde. Unsere Disziplinen waren Kugelstossen und Diskuswerfern; wir waren selbstverständlich die zukünftigen Al Oerters oder Bill Niederers. Boris wurde mein bewundertes Vorbild, nicht nur seiner klar besseren Resultate wegen, aber vor allem, weil er in die Trainingsstunden Gedichte oder Grafiken brachte. Robinson Jeffers und Allen Ginsberg waren seine Lieblingsdichter; Jack Kerouac sein Lieblingsschriftsteller. Ich besuchte noch das letzte der neun Jahre dauernden Grundschule, er war bereits in der Typographie-Lehre; er spielte auch Gitarre in einer Laienband namens "His Devils Masters”. Nun, wir wurden Brieffreunde, gezwungenermassen, als wir beide 1968 Prag hinter uns liessen: seine Wege führten nach England, Kanada, Frankreich; schliesslich wurde er in Amsterdam sesshaft.
Wenn ich nun von ihm zu erzählen beginne, möchte ich zuerst seinen allerletzten Brief zitieren, die Neujahrskarte 2019: Mein lieber Kamerad... Nach der unlängst erfolgten Rückkehr aus dem Land der Toten, wünsche ich Dir nur das Beste was das Jahr geben kann. Und für die weiteren Jahre ebenfalls, bis in alle Ewigkeit! Boris
Gerade als ich dieses Wunder verkündenden Neujahrswunsch 2019 hier nieder tippte, kam eine SMS von unserem gemeinsamen Freund Reon, einem Maler im Stil des fantastischen Realismus, der anstelle eines Neujahrsgrusses den Titel eines gerade erstellten Bildes zum Besten gab: "Das Wundertätige Tor in die kommende Epoche.” Damit bringt dieser Zufall einen weiteren Brieffreund ins Spiel, zu dem ich aber erst etwas später komme: Geduld bitte, bald betreten wir Argondia, das imaginäre Reich, das Reon kreierte, und in dem als Drachen-, Teufel-, oder Mephisto-Abbildung das massige Gesicht von Boris dominiert...
Ja, mein lebenslanger Freund Boris, inzwischen 72 Jahre alt, lag über ein Jahr lang im Koma. Monate hatte es gedauert, bis man herausfand, woran er erkrankt war (Morbus Whipple, intestinale Lipodystrophie) und man mit der entsprechenden Kur beginnen konnte. Seine Frau, eine gebürtige Holländerin, pflegte Boris zuhause. Anfangs der neunziger Jahre hatte er sie in Prag geheiratet (ja, die Hochzeit musste doch im Rathaus der Altstadt abgehalten werden!), aber sie lebten weiterhin in Amsterdam zusammen. Ich war im Rathaus dabei. Unversehens, im letzten Moment wandte sich Boris mit der Bitte an mich, ihm Trauzeuge zu sein, obwohl sein bester Freund, der Maler Reon, ursprünglich dafür ausersehen war. Es gab deswegen Krach zwischen den zwei alten Freunden, mit dem Resultat, dass Reon Boris mit einem langen Schmähbrief die Jahrzehnte währende Freundschaft aufkündigte, doch eine Gratulation seinerseits gab es zunächst schon noch; sie enthielt, mit einem Bild, das Boris verehrte, die folgenden Worte: Zur heutigen Gratulation gebietet mich bloss das Wesen meines Charakters und meiner Erziehung. Wegen der Deinerseits verursachten Tiefe meiner Erniedrigung bin ich nicht imstande, Dir meinen Segen zu geben.
Reons Schmähbrief an Bohouš aka Boris
Reon hielt es angebracht, mir die Kopie dieser Glückwunschkarte zur Hochzeit zu schicken, was mir wiederum grosse Gewissensbisse brachte, ich wäre besser in den Ausstand getreten. Aber ich wollte Martie, die Zukünftige aus Amsterdam, nicht enttäuschen, denn ihre Abneigung gegenüber Reon war spürbar, vor allem wegen der Tatsache, dass sie selbst malte und mit seinem Lebens- und Malstil nicht viel anfangen konnte.
Für weitere Spannung anlässlich der Hochzeit sorgte die Terminfrage im Rathaus; vor allem fehlten da noch einige Dokumente, die Boris in einer zentralen Institution in Brünn eiligst zu beschaffen hatte, gewiss "ausser terminlich”, und teils mit einer gewissen „Nötigung.“ Seine Taktik dabei war, "da bin ich, und ich bewege mich nicht, bis ich die Papiere habe"; er war von imposantem Wuchs, seine Gesichtszüge furchterregend, eine Mischung aus Zigeuner- und Tataren-Physiognomie. Er selbst sah sich als einen Abkömmling der Kelten (meine Mutter hatte für ihn den Spitznamen "Teufel"). Die Papiere? Die Geburts-, die Scheidungs-, die Ausbürgerungs- und die Wiedereinbürgerungsurkunden...
Die am Ende dieser Beschaffungs-Odyssee berufenen Ordnungskräfte trugen ihn hinaus. Er schlich durch einen Hintereingang wieder zurück. Schliesslich erzwang er die Herausgabe der benötigten Dokumente, und die ihn erneut hinausbefördernden Ordnungskräfte gratulierten ihm: "Lieber Herr, so etwas kam hier bisher nicht vor... Bravo."
Die Hochzeit fand statt, die Ehe dauert an, Lazarus ist auferstanden. Aber zurück zu den Briefen. Sie sind eigentlich nicht zahlreich, eher die anfänglichen Gedichte, die ich ein Leben lang bei mir behielt und die bis heute von der Reife meines damals jungen Freundes zeugen. Nein, es wurde nichts gedruckt, es gibt keine Kunstwerke von ihm. Er lebte drauflos, die Frauen lagen dem "Teufel" zu Füssen, und in gewissen Zeiten lag er im Clinch mit den Paragraphen; er spielte Schach um Geld oder betätigte sich als Bodyguard. Sein Credo war, dass alles nur eine Frage des Mutes oder der Angst sei. In der Blüte seiner Jahre war er eine starke Persönlichkeit, allein durch seine physische, sinnliche Ausstrahlung. In den Strassen stoppten die Autos, kaum war er in die Nähe des Randsteins gekommen; wenn er eine Bar betrat, verstummten die Anwesenden, währenddessen er bereits mit einem Lächeln seinen Charme verbreitete. Als ich den Schriftsteller Richard Brautigan kennengelernt und er seine Lesetour weiter von Zürich nach Amsterdam fortzusetzen hatte, gab ich ihm die Adresse meines Freundes. Das hätte ich lieber unterlassen sollen, denn Richard war eine genauso starke maskuline Persönlichkeit, extrem egozentrisch. Die beiden an sich eigentlich eher gutmütigen Machos aufeinander treffen zu lassen, das ging wohl gar nicht; und dies liess mich Richard in einem Brief wissen: OK, das Wichtigste zuerst: Du solltest keine Leute zu B. schicken. Es ist es nicht wert. Ich wäre besser daran, ihn nicht getroffen zu haben.
Diese Ermahnung nahm ich mir nicht zu Herzen, ich selbst wurde von Freunden an Freunde weitergeleitet, es kam zu keinerlei Konflikten. Richard Brautigans Brief zitierend, kann ich nicht anders, als unseren brieflichen Austausch als eine kürzest "ever" Korrespondenz zu bezeichnen: ein Brief ostwärts, ein Brief westwärts, von Bolinas nach Zürich und von Zürich nach Bolinas. Auf Richards Vorwurf, besser Boris niemandem zu empfehlen, antwortete ich folgendermassen: Es tut mir leid, dass Boris nicht auf Deiner Linie lag. Ich habe seither nicht mit ihm gesprochen, und so habe ich keine Ahnung, zu welchen Schwierigkeiten es zwischen Euch gekommen ist: Ein Konflikt USA versus Europa? Oder sind einfach zwei starke Persönlichkeiten aneinandergeraten? Wie dem auch sei, ich schaffte es nicht nach Amsterdam, obwohl ich es mir gewünscht hatte.
Daraufhin kam keine Zeile mehr von Richard, und ein halbes Jahr später wusste ich warum, da habe ich leider im TIME (Nov. 5, 1984) lesen können, dass er sich das Leben genommen hatte:
"DIED. Richard Brautigan, 49, gentle, low-key novelist and poet of the California underground, whose offbeat books, including A Confederate General from Big Sur (1965), The Pill Versus the Springhill Mine Disaster (1968) and the bestselling Trout Fishing in America (1967), offered countercultural youth of the hippie era a kind of "natural high” with intense evocations of humor, romance and love of nature; of an apparently selfinflicted gunshot wound; in Bolinas, Calif. A badly decomposed body, identified week’s end as Brautigan’s, was found in his home by two friends who had become worried about not hearing from him for several weeks."
Als Richard Brautigan Ende 1983 in Zürich war - fast hätte ich geschrieben: bei mir war - kam es nebst den Lesungen noch dazu, dass das Schweizer Fernsehen einige Minuten mit ihm aufnahm, und zwar in einem Gästezimmer des noblen Hotels „Bellerive". Urs Egger stellte ihm ein paar Fragen, und Richard, der im Lotussitz auf dem Boden Platz genommen hatte und gab ihm sehr knappe Antworten zum Besten. Er las dazwischen auch einige Gedichte vor. In Erinnerung haften geblieben ist mir Richards Antwort auf Eggers sinnige Frage: Wozu ist Poesie gut? "Gedichte sind Telegramme der menschlichen Seele", lautete die Antwort. Es kam zu keiner Ausstrahlung, denn die Redaktion "Schauplatz" fand es im Moment seines Publikums nicht würdig, doch ein Jahr später, als der Dichter gestorben war, kam das Interview gelegen, und es wurde ausgestrahlt.
Mein Freund Boris in Amsterdam ist also auferstanden, dank Skype konnten wir bereits "leibhaftig" miteinander kommunizieren. Und so, erleichtert, dass Lazarus wieder da ist, holte ich eine weitere Schuhschachtel hervor, diejenige mit seinen Gedichten und einigen wenigen Briefen von ihm. Er fing an mir zu schreiben, als er nach fünf Jahren in Kanada den Umzug zurück nach Europa in Betracht zog. An seinem Vorhaben war ich nicht unschuldig, denn während meiner ersten Amerika-Reise anfangs 1974 besuchte ich ihn in Kanada, in Toronto, und war erschrocken, wie seine Talente dort brach lagen, wie er dahinvegetierte. Ich darf sagen, er nahm sich meine Worte wahrlich zu Gemüte und fing an richtig zu arbeiten, vor allem des Reisegeldes wegen, damit er zur Übersiedlung bereit war:
... ich bin jetzt dahinter, der grässliche Zustand, in dem Du mich vorgefunden hast, ist zu Ende. Seit 5 Monaten schufte ich in einer Fabrik, 12 Stunden am Tag, im Schweisse des Angesichts Geld verdienend, fürs Brot... Und weiter so, noch etwa 4 Wochen, nichts zu lachen. Während des Winters will ich meinen Stoff niederschreiben und ich sehe mich schon, wie ich dann im Frühling auf der Bank vor dem Haus sitze, das fertige Buch in der Hand; mitnehmen will ich auch die Presse für grafische Arbeiten..."
Sein Ziel war die Bretagne, wo inzwischen sein Prager Freund Reon, der Maler, sesshaft geworden war und eine Behausung für ihn bereithielt - eine Hausruine im tiefsten bretonischen Wald, im Forêt de Quénécan.
Boris landete in Europa, und während eines Halts in Milano wurde ihm alles gestohlen: Es begann mit einem Schicksalsschlag. Die italienischen Nutten haben mir ALLES gestohlen, was ich von Toronto mitgenommen habe. Ich fange mit NICHTS an! Der Teufel soll’s holen, ich habe alles verloren, was ich während der 6 Jahre in Kanada geschrieben hatte, ein fast zu Ende geschriebenes Buch, ganze 200 Seiten, dicht beschrieben, mit Schreibmaschine; GEDICHTE IN PROSA, REINE LAVA IN ROSA UND HELL, das lässt sich nicht ersetzen. Jetzt das Haus hier, das braucht einige Jahre Arbeit, bis es bewohnbar wird. Das habe ich mir vorgenommen, ich habe Lust es zu machen, ich habe Lust aufs LEBEN, auf alles, aufs FICKEN, aufs SCHREIBEN, das alles braucht seine Zeit, es ist so schön hier in der Bretagne, dass es mir den Atem nimmt... Hurra, ich fange an - mit NICHTS!
Somit sind die bei mir aufbewahrten Gedichte aus seiner Jugendzeit die einzigen Werke, die noch vorhanden sind und von seiner literarischen Begabung Zeugnis ablegen. Sie tragen Titel wie beispielsweise Grosse tote Augen / Dir / Die Windhunde / Nichtstuer /Die Hand nach der man jault / Melodie 23 / Der hässliche Traum / Clowns Monolog
ich singe dein Lied, Bruder Gauguin
Diamanten aus Tau, niemals greifbar,
ein Leuchtkäfer, der nicht glüht,
Madonna ganz in Blau gehüllt –
einer bangen Melodie gleich, klingt dein Lied,
Bruder Gauguin;
hier, in diesem Trommelwirbel.
Ich sehe deine grosse Hohlhand –
darauf ein Diamant, ein Tropfen Tau,
mein Augenlicht erlischt.
ich singe dein Lied, Bruder Gauguin,
die bange Melodie,
klingt wie ein Klagelied,
hier, in diesem Trommelwirbel.
Dann Bruder Pasolini mich rief,
mich erschaudern liess.
Ich sehe meine leere Hand
und die von dir, Bruder,
mit dem Tautropfen darauf –
weinen könnte ich.
Doch ich glaube an ein Herz und an die Liebe;
deshalb singe ich dein Lied, Bruder Gauguin,
hier, in diesem Trommelwirbel.
Nun, wir haben schon erfahren wie er sein weiteres Leben führte und dass er - meines Wissens nach - leider nichts mehr zustande brachte. Leider. Aber er lebt! Von Boris habe ich nebst den Blättern mit den Gedichten noch ein Heft, das einen eher ungewöhnlichen Ursprung hat; seine "200 Folios", zweihundert leere Seiten wurden in Venezuela hergestellt und ich benutze sie bis heute, wenn ich Lust habe von Hand zu schreiben:
“Hecho en Venezuela”
Reon. Für die Briefe, aber auch die Einladungen zu Ausstellungen, Kataloge, Zeitungsartikel, Jahreswünsche und Fotos habe ich keine Schuhschachtel, sondern eine in der Grösse einer Bananenkiste. Reon hielt mich auf dem Laufenden, seit Mitte der 70er Jahren, als ich ihn dank Boris kennen lernte. Boris kam ja von Kanada nach Argondia, zu Reon in die Bretagne, und aus einer Zweier- wurde eine Dreierfreundschaft. Es gibt eine frühe Postkarte, die Reon als seine Visitenkarte konzipierte, und darauf ist Boris gut erkennbar abgebildet, unter dem Hals des grossen Vogels. Es ist eine schwarzweisse Zeichnung mit allen Insignien, und für Reon bedeutete die Ankunft seines Prager Freundes wohl so etwas wie die Erfüllung eines lang ersehnten Traums. Wir alle, die Prag verlassen hatten, litten in der Fremde vor allem daran, dass wir unsere Freunde nicht um uns hatten. Deswegen hingen wir alle so aneinander, auch wenn wir Kontinente entfernt voneinander lebten.
OBSERVATEUR DES LUMIERES ET DES OMBRES
Reon wuchs an der Peripherie von Prag auf, nicht weit von meinem Wohnort; Boris stammte aus dem gleichen Quartier wie ich, aber unsere wechselnden Begegnungsorte waren das Zentrum Prags mit seinen Buffets, Bierkneipen, Weinstuben mit Poesielesungen, Theater-, Kino-, Tanz- und Konzertsälen, mit Klubräumen der Jugendorganisation wie "Pionýr" oder "Svazarm", wo sich unzählige Musikformationen in Big Beat, Pop, Rock und Jazz übten. Einschneidend war der Mai 1965, da blühte der Prager Frühling bereits auf. Die Gesellschaft fing an, sich von Hitler und Stalin zu befreien, die politischen Gefangenen kehrten in die Gesellschaft zurück, die Wahrheit und die Sucht nach Freiheit drängten an die Oberfläche der gebeutelten Gesellschaft. Wohl symbolisch für diese Entwicklung war das nach Jahrzehnten wieder bewilligte Studentenfest "Majáles", das am 1. Mai stattfand, während zur gleichen Zeit der aus Kuba ausgewiesene Beatnik Allen Ginsberg in Prag gestrandet war. Zu diesem traditionellen Fest gehörte es, dass ein König des "Majáles" zu wählen war (Máj > Mai). Ein fast drei Kilometer langer Umzug von über hunderttausend jungen Leute bewegte sich vom Altstädter Ring zum Freizeitpark "Julius Fučík", teils mit provokativen, aber immer witzigen Slogans, am Strassenrand der ganzen Strecke entlang von Teilnehmern des inzwischen zu Ende gegangenen offiziellen 1.Mai-Umzugs begrüsst. Die Begeisterung der hinter dem Eisernen Vorhang vegetierenden jungen Leute gipfelte darin, dass der Poet Allen Ginsberg zum König des Majáles gewählt wurde. 7 Er "howlte", brachte seinen Wahlspruch auf Englisch vor, "I wish your women big, big breasts!" und "howlte" noch einmal. 8 Wir waren dabei, ich war 16, Reon 17, Boris 18 Jahre jung - drei Jahre später walzten die russischen Panzer den Frühling platt, wir wählten die Flucht in den Westen, die Freiheit.
Reon, zivil Jan Zahradník, d.h. ins Deutsche übersetzt Hans Gärtner, machte eine Töpferlehre bei einem ausgewiesenen Meister seines Fachs in vierter Generation. Aber da die herrschende Arbeiter- und Bauernklasse die Berufszunft "Töpfer" abgeschafft hatte, schloss er mit einem Diplom als "Drechsler aus freier Hand" ab. Ich bin da vielleicht etwas zu ausführlich im Hinblick auf Reons Werdegang, aber bevor ich mich dem Briefaustausch mit meinem Freund widme, möchte ich, dass der werte Leser genug Ahnung von der vertrackten Geschichte hat, umso mehr als wir es hier mit einem "Mysterienherrscher" des Landes Argondia zu tun haben. Wie tief unsere Freundschaft war und ist, davon zeugt auch die bereits erwähnte Verwicklung mit der Nicht-Berücksichtigung von Reon als Trauzeuge von Boris.
Die Geschichte Reons beginnt also in Prag, führt aber bald nach Italien, wo ihn die Nachricht von der russischen Invasion erreicht. Es zieht ihn in die Schweiz; in Luzern kann er in einem Atelier für Bildrestaurationen diverse Maltechniken lernen, auch die von ihm nachfolgend verwendete Renaissancetechnik. Stolz erzählt er später, dass er sich die Techniken eigen machte, während er Bilder von Hieronymus Bosch restaurieren durfte. Von der Schweiz aus, nach seiner ersten Ausstellung bei Arlecchino in Luzern, reist er Richtung Monaco, dann nach Charleroi und Bruxelles. Den Spuren Gauguins folgend, fährt er mit seinem 2CV in die Bretagne, nach Pont-Aven, und verschickt die ersten Briefe, mit denen er Boris, seinen "Mephisto", zum Umzug von Toronto in sein Argondia bewegen möchte, wo Reon 1971 schliesslich sesshaft wird; 1975 trifft Boris aus Kanada ein.
La grotte magique
Meine Briefe an Reon oder seine Briefe an mich reisten seit 1978 "par avion", von St. Brigitte nach Zürich und retour, seitdem ich Reon in seiner "Rabenmühle" zum ersten Mal besucht hatte; und dann immer wieder. Boris jedoch verweigerte sich schließlich der Einsamkeit und setzte sich nach Amsterdam ab. Wer würde sich schon in den Wald von Quénécan verirren, in etwa dessen Mitte Reon eine von mehreren Ruinen in der Domaine eines ihm wohlwollenden Grafen restaurieren durfte. Geschwind baute er einen freistehenden Keramikofen im Areal einer zerfallenen Mühle, wo er seine überdimensionierten Elemente für die "Magische Hölle" brennen konnte. Reons Post enthielt auch mal Bitten um finanzielle Aushilfe.
Da bin ich einer Spinne gleich, verwickelt im eigenen Spinnengewebe, sich windend, verborgen, sauge ich die Motten meiner albernen Kindheitsträume aus. Honza9
Persönlich fand ich Reons Malerei im Stil des fantastischen Realismus nicht sehr ansprechend; seine Welt der Feen und Kobolde im Dämmerlicht des Meeresgrundes oder der gerade untergehenden Sonne zogen mich nicht an. Was ich jedoch liebte war sein Credo: Das Licht anzünden, ohne die Schatten zu löschen. Ich bewunderte Reons Konsequenz der Selbstdarstellung, seine Existenz als Gesamtkunstwerk, in das er, nach Übernahme vom Kostümfundus des Theaters von Rennes, ebenfalls seine Besucher einbezog, übernehmen konnte. Die magische Wirkung der Kostüme, welche die Besucher unmittelbar nach Ankunft anzulegen hatten, half in die Mysterien Argondias einzutauchen; der Wein, der dabei floss, tat das Übrige dazu.
Reons Postkarte "Argondia"
7https://www.ustrcr.cz/data/pdf/publikace/bic/bic0212/034–047.pdf
8https://de.wikipedia.org/wiki/Howl
9 Honza ist der Vulgo-Name des Vornamens Jan.
"...als wir glaubten, dass uns alles gelingen würde, weil wir nur wenig wussten, und weil die Wirklichkeit noch keine Macht über uns hatte."
Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten, 2019
Zählen wir die Namen, resp. Spitznamen meiner Prager Clique auf: Ava, Flex, Mundy, Jitka, Dědek, Dáša, Věra... Meistens sprachen wir uns mit den Spitznamen an, auch als wir uns Briefe schreiben mussten, weil wir uns nach dem Einmarsch nicht mehr in unserer Stammwirtschaft "U Vejvodů" treffen konnten. Ich, der "Dědek", war in der Schweiz gelandet, Ava ging auch in die Schweiz, später nach Deutschland, Jitka lebte in England, Mundy in den USA; einzig Dáša, Věra und Flex blieben in Prag; Dáša war erst 16, Flex hatte Militärdienst zu leisten. Merkwürdigerweise konnten unsere Briefe aus dem imperialistischen Westen unzensiert zu Dáša und Flex gelangen, so wie die Briefe an unsere Eltern; und umgekehrt, diejenigen von ihnen an uns im Westen, sonst könnte ich ja hier nicht aus ihnen zitieren. In vielen von diesen Briefen tauchen sehnsüchtige Erinnerungen an unser Stammlokal auf. Jitka hatte mal aufgeschrieben, wie sie mich in Erinnerung behält: ... mit Getöse setzt er sich an den Tisch und mit mächtiger Stimme, die an einen hungrigen Auerochsen erinnert, begleitet durchs Hämmern auf den Eichentisch, bis die Füsse zu erbeben beginnen, ruft er seine Bestellung aus: 'Ein Bier!'. Der Ober, ein aufgescheuchtes Männlein mit wässrigen Augen hinter einer 10-Dioptrien starker Brille versteckt, mit roter Nase, die nie den Schnupfen loswurde, stellt mit zittriger Hand das volle Bierglas hin. Ich weiss nicht warum, welch ein Wunder, der Schaum liegt über dem Eichstrich.
Wie bereits gesagt, wir alle, die Prag verliessen, litten in der Fremde vor allem daran, dass wir keine Clique mehr waren, uns nicht mehr hatten. Und es gab noch andere Freunde, die uns wichtig waren, wie z.B. für mich Helena in Australien. Wir waren gespannt, wie es ihnen in England, in Kanada, in den USA oder Australien erging, insgeheim hoffend, wir würden mal wieder zusammen ein Bier trinken können. Aber es war gewiss auch eine Illusion, denn wir waren nicht nur durch den Einmarsch und seine Folgen getrennt worden, gleichzeitig ging auch unsere Jugend zu Ende.
Die Clique nahm ihren Anfang auf dem Sportplatz des Leichtathletikklubs, wo ich zusammen mit Boris trainierte. Es gab einen Quartier-Wettkampf, und dazu erschien auch einer, der den Eindruck erweckte, er nehme da nur der Pflicht wegen teil. Zum ersten Wurf trat er sogar an, wie er gekommen war, in Jeans und einem Hemd, selbstbewusst und siegessicher; er zog sich gar nicht um. Erstaunt war er aber, als ich antrat und glatt die Kugel mehr als einen halben Meter weiter als er stossen konnte. Er zog sich so doch noch um, wärmte sich auf. Als wir dann ins Gespräch kamen, stellte sich heraus, dass er bei "Slavia Prag" Mitglied war, dem Nummer 1-Klub, und er deutete an, ich könnte sicher für Slavia antreten, das wäre eine andere Liga als dieser Quartierklub "Stadion-Žižkov". Ava studierte wie ich an einer Schule mit einer technischen Ausrichtung, aber begeisterte sich für den Film, und er steckte mich damit an; sein Klassenfreund Flex wiederum nahm Pantomimen-Kurse. Und so verlagerte sich mein Freizeitleben aus dem Quartier ins Zentrum von Prag, nicht nur in den Bierkeller "U Vejvodů", sondern auch oft ins Kino, ins Theater und ab und zu ins Private, wo wir dann nach unserem Gusto "ausflippen" konnten. Oder wir fuhren aufs Land in ein Wochenendhäuschen der in diesem Fall abwesenden Eltern und verwandelten es in eine Villa an der Riviera mit allen seinen Lastern.
Der Prager Frühling versetzte uns in eine gewisse Euphorie, nicht nur politisch. Dazu kam, dass die meisten von der Clique sich für das Abitur und eventuell auch für eine Aufnahmeprüfung für die Uni vorbereiten mussten. Der Tag hatte einfach nicht genügend Stunden für uns! Es liefen die Filme von Menzl, Forman, Passer, Němec, Schorm oder Chytilová, Filme aus dem Westen wie "Pierrot le Fou", "Le Mépris" oder "La dolce vita"..., die Theater führten Stücke auf von Albee, Beckett, Mrozek oder Pinter... Und wir waren mitten drin, wie im Fieber, und wir, d.h. ich zusammen mit Ava in der Hauptrolle, wir fingen an, einen 16mm-Film zu drehen, nach eigenem Drehbuch mit dem Namen "Also sprach Zarathustra" ...
Wir liebten es, die weite, grosse Welt zu mimen, wir kannten Dialoge aus diversen Filmszenen auswendig, wir ahmten die Gesten der Stars der französischen Nouvelle Vague nach, wie Anna Karenina, Jean Seberg oder Jean–Paul Belmondo, genauso wie ihr Manierismus oder ihre Gangarten.
Die erste Neonreklame für ein westliches Produkt in der CSSR, für den Aperitif "Dubonnet" wurde in Betrieb genommen, leuchtete dunkelrot den oberen Wenzelsplatz aus. Vor den Hotels parkierten zunehmend Autos aus dem kapitalistischen Westen, da kannten wir uns inzwischen auch sehr gut aus: Ford Cortina oder Taunus, Simca, Mercedes. Klar fingen wir auch an zu rauchen: das hatten möglichst die Marken "555", "Kent" or "Lucky Strike" zu sein. Wenn nicht, dann zumindest die Marke "Golden West". Etwa 1966 hatten sich unsere sozialistischen Führer entschieden, Filterzigaretten nicht nur für die Tuzex-Geschäfte zu importieren, in denen man mit speziellen Coupons zu zahlen hatte, sondern ebenso für uns Normalsterbliche, aber nur solche aus Ägypten, Bulgarien oder Jugoslawien. Wir konnten dann solche Marken kaufen wie die "BT" (Bulgarian Tobacco), "Cleopatra", oder "Golden West", die zwei zuletzt genannten aus Ägypten. Da waren wir also, Bürger der Sozialistischen Republik Tschechoslowakei, als dessen bester Freund die Sowjetunion durch die KP deklariert wurde, ein Freund für alle Zeiten und nie anders, doch wir durften "Golden West" rauchen. Ja, es wurde auch meine Marke.
In einem Drehbuch von mir, wo Flex den grossen Mimen zu spielen hatte, einen Charakter, der sich mit dem Erreichten nie zufriedengab, steht der folgende Szenendialog: "... er greift nach einem Feuerzeug, um sich eine Zigarette anzuzünden", "er lässt das Lenkrad los, während er sich eine Zigarette anzündet", "er macht die Zigarette aus und setzt sich den Hut auf", oder "sie zieht eine Packung "Kent" aus ihrer Handtasche und bietet allen eine Zigarette an."...
Es gibt einen französischen Film mit dem Titel "Les Dragueurs", etwa "Die Aufreisser", aus dem Jahre 1959; zwei Typen die durch die Strassen von Paris den Frauen nachlaufen, sie anmachen, sie einladen nach Hause mitzukommen, um neueste Schallplatten zu hören, ins Kino oder auf einen Kaffee - solche Spielchen trieben wir mit Flex zusammen auch gerne, vor allem Am Graben, wo man zu flanieren pflegte, Mann wie Frau. So hängten wir uns einmal an zwei Schönheiten, und dank unserem Humor während der Anmache konnten wir sie zu einem Kaffee verführen (oder zu einem Glas Wein?). So lernte ich Věra kennen, und ich war ihr verfallen, total. Es hat keinen Sinn, sie beschreiben zu wollen, Jahrzehnte später fand ich für sie ein Abbild in Monica Bellucci. Wir waren uns alle vier sympathisch und ein Rendezvous folgte dem anderen. Und da stiess auch Ava dazu. Und prompt spannte er mir Věra aus und drei Jahre später heirateten sie.
Ava, Flex, Mundy, Jitka, Dáša, Věra und Dědek, d.h. ich, - das war unsere Clique: Ava, auf breiten Schultern ein meistens leicht spöttisches, zweifelndes Lächeln; Flex, hinter einer Brille mit dickem schwarze Gestell sein neugieriger Blick eines Gauklers; Mundy, eher introvertiert, immer bereit, eine treffende Pointe zu liefern, die seinen höheren IQ bewies; Jitka, ein breites Lachen unter frechen Augen und den langen roten Haaren, die sie öfters anmutig nach hinten schwang, für jeden Blödsinn immer bereit; Dáša, eine vollausgebildete Frau, obwohl die Jüngste, konnte auch keinen Spass verderben, ihre Augen glänzten vor Lebenslust, meistens im Arm von Dědek; Věra, die schwarzhaarige Italo-Schöne, die eigentlich eher in das Strassenbild von Rom gepasst hätte, das Gesicht ausdruckslos, einer Sphinx ähnlich, sich ihrer Bellezza bewusst, scheinbar an allen vorbei blickend... Aus war es mit der Sportkarriere. Aber es blieb noch Zeit, in ein Schwimmbad an der Moldau zu gehen, so unterwegs, zwischen Schule, Filmdrehen, "U Vejvodů" oder eben Kino. Und so wie Flex seiner Jitka in "U Vejvodů" begegnet war, so lernte ich im Schwimmbad meine Lucie kennen: lesend lag sie an der Sonne, ich sprach sie an... Da wurde unsere Clique um diese schöne junge Frau von 19 Jahren reicher - und ich um die den Verlauf meines weiteren Lebens bestimmende Liebe. Aber zur Clique gehörte eben auch Dáša, mit der zusammen ich gerade im Schwimmbad war, als ich Lucie ansprach. Das hatte später, nach dem Einmarsch, Folgen - wem gehörte mein Herz wirklich? Oder anders ‘rum - wessen Herz wurde gebrochen...? Das sorglose Leben der Clique war jedenfalls vorbei.
Das Schwimmbad "Slovanka" auf der Moldau
Wozu all’ diese Briefe gut waren... - diese Frage bekam nicht ganz überraschend eine gewichtige Antwort Ende August 1968. Die Briefe wurden zum Katalysator der Bindungsstärke unter den Leuten der Tschechoslowakei, unserer Clique, unserer Familien. Sie wurden sozusagen Stützen der Existenz, voller Beistands, Mutmacher, jedoch teils auch voller Verzweiflung, selten Hoffnung bringend. Sie wurden zum Prüfstein der Gefühle, da wir durch den Einmarsch auseinandergerissen wurden und in vielen Fällen oft über Tage oder Wochen nichts voneinander wussten. Die Tagbucheinträge meines Aufenthalts in der DDR waren zwar keine Briefe, aber ihre Aussage ihnen ebenbürtig.
Eisenhüttenstadt, DDR
20. VIII. 68 - 23 00
Der dunkelste Tag der Geschichte der tschechischen und der slowakischen Nation. Keine vorangehende Okkupation gleicht der jetzigen, die von den Okkupationsarmeen des Warschauer Paktes verübt worden ist. Es gibt nichts Schrecklicheres, als wenn sich hinter einem freundschaftlichem Getue Verrat, Niedertracht, Lüge und Brutalität verstecken. Welche Bedeutung haben nun hochtrabende Worte wie Brüderlichkeit, Freundschaft, etc. Es gibt keine Entschuldigung für diesen Verrat an unseren Nationen. Mit ebensolcher Spontaneität, mit der wir im Jahre 45 die sowjetische Armee begrüssten, hassen wir sie jetzt.
Sonntag, Abend schicke ich einen Brief an Lucie.
Am Montag Zeitungen? (Nein) und einen weiteren Brief an Lucie. Am Dienstag abgeschickt.
21. VIII. 68 5 00 - 24 00
Mit dem gleichen unerschütterlichen Optimismus, mit dem wir hier in der DDR den Leuten von der bei uns werdenden Freiheit erzählten, so konnten wir es auch nicht glauben, was uns die deutschen Arbeiter mitteilten, dass auf dem Hradschin Panzer stehen. Dafür hatten wir bloss ein müdes Lächeln... Doch an unserer Seele nagten Angst und Ungewissheit. Umso mehr, als wir das kontinuierliche Dröhnen von Flugzeugmotoren hörten, welche unaufhörlich Besatzungstruppen aus Polen in die Tschechoslowakei transportierten.
Zum Vesperbrot ging ich zu Fuss auf der Strasse und erblickte vier Personen, die den Hang herunterliefen, ihre Gesichter verzerrt vor Angst. Ich spürte einen Stich im Herzen, so wie ich es bisher noch nie erlebt hatte. Die Worte, die uns der erste von den Burschen entgegen schrie, werden in meinen Ohren bis zu meinem Tod klingen. Die Worte drückten alles aus. Die Angst, die Verwirrung, die Ohnmacht. IHR DUMMKÖPFE, IN PRAG SIND DIE RUSSEN! PRAG IST BESETZT! Das, was mir in diesem Moment hochkam , lässt sich mit Worten nicht fassen. Wieder dieses unerträgliche Gefühl der Ohnmacht. Die Angst um alles, um Lucie und die Familie, eine Verzweiflung ohnegleichen. Meine Hände fingen an zu zittern und mit ihnen auch meine Stimme. Keine Ahnung wie, aber ich rauchte vier Zigaretten in einem Zug. Alle möglichen Folgen der grausamen, sinnlosen Okkupation jagten einander im meinem Kopf. Durch den Zigarettenrauch sah ich die Tränen und die Angst in den Augen der Kameraden, die die Nachrichten der legalen Sender von Zuhause verschlangen. Beim Nationalmuseum wird geschossen, die ersten Toten, doch auch die Einigkeit der Nation, Unterstützung für Dubcek, Svoboda und für alle anderen legalen Vertreter unserer Republik.
Fortwährend musste ich an die verweinten Augen meiner Mutter denken, an Lucie, von der ich keine Nachricht habe, seitdem ich da bin.
Nach dem Vesperbrot sprachen die politische wie die eigentliche Bauleitung zu uns und teilten uns offiziell mit, was geschehen ist, doch aus der politischen Perspektive, die ihnen passte und die sie für die Verdummung des eigenen Volkes brauchten. Sie teilten uns mit, wir sollten normal arbeiten. Wie einfach war das gesagt! Unsere Heimat, unser alles, halten jene besetzt, die alles verrieten, was uns verband.
Den Rest des Tages hörten wir von zuhause aus den legalen Sendern zu - solange sie auf Sendung waren. Dubček, Smrkovský, Císař, Černík und weitere wurden interniert. Strategische Orte besetzt.
In Eisenhüttenstadt Polizeipatrouillen mit Hunden. Aus Prag keine ermunternden Nachrichten. Eine nächste finstere Nacht. Was erwartet uns? Wie durchlebst du sie, Lucie? Wie geht es zuhause? Wie geht es den Unseren in Moskau? Wie frei sind sie? Es ist halb zehn, und wir wissen, dass die Unseren aus Moskau nicht mehr zurückkehren werden (heute). Dafür erfahren wir, dass Vertreter der anderen Staaten, die sich an der Okkupation beteiligen, nach Moskau fliegen sollen. Auf dem Wenzelsplatz wird geschossen. Wir kommen alle in einem Zimmer zusammen und hören gespannt die Radiosendungen. Einige Kameraden brachten rote, blaue und weisse Bänder. Wir nähen Trikoloren. Unsere Tränen benebeln unsere Sicht. Wir wollen nur so schnell wie möglich nach Hause. Telefon, Telegraf funktionieren nicht, die Post ebenfalls nicht. Unsere Botschaft hat keine Verbindung. Furchtbarer Schlaf.
22.VIII.68
Zur Arbeit brechen wir alle mit den Trikoloren auf. Wir sehen, wie anständige Deutsche mit uns sympathisieren, sie leiden am gleichen Gefühl der Ohnmacht wie wir; es gibt aber auch andere. Es ist uns verboten, Radio zu hören, stattdessen hören deutsche Kollegen die Nachrichten und berichten uns darüber. Im Radio tauchen Forderungen nach Neutralität auf.
Die Nationale Versammlung und das neu gewählte Zentralkomitee der Tschechischen KP tagen ununterbrochen. Ausgeschlossen werden die Kollaborateure Indra, Kalder, Bilak und weitere. Kollaborateure tauchen auf - auch anderswo.
Alle öffentlichen Tätigkeiten finden im Untergrund statt. Es hapert mit der Versorgung. Der Sicherheitsrat der UNO tagte, mit 13 Stimmen ohne 2 wurde beschlossen, über die ČSSR zu verhandeln. Die Minister Jiří Hájek, Šik, Vlasák sind in Jugoslawien. Eine riesige Welle der Solidarität mit der ČSSR und des Widerstandes gegen die Okkupation durch die Armeen des Warschauer Paktes hebt weltweit an. In Ost-Berlin fanden auch spontane Demonstrationen statt. Die Gewerkschafts-, Staats- und Sportinstitutionen fast aller Länder der Welt begannen mit einer Blockade der Okkupationsländer. Das einfache Volk der Länder, deren Armeen an der Okkupation beteiligt waren, tun einem leid, weil sie mit falschen, antitschechoslowakischen Informationen gefüttert werden. Diese Völker leiden unter dem gleichen Joch wie wir, und trotz der falschen Informationen stehen sie auf unserer Seite.
Gegen Abend kommen wir wieder alle zusammen und hören Radio. Die Nachrichten sind vermischt. Dank den jugoslawischen Genossen, dem Tanjug, dank dem Sender Freies Europa, dank Voice of America und BBC; alle diese Sender bringen uns eine moralische Unterstützung.
Jeder Ausdruck der Solidarität stärkt uns, Ruhe und Besonnenheit zu bewahren, die wir behalten müssen. Wir sind zu dritt am Tisch, wir kleben weitere tschechoslowakische Fahnen zusammen, Symbol unserer Zusammengehörigkeit und Treue für unser Vaterland, ein Symbol, dessen Bedeutung wir erst jetzt so richtig realisieren. Wie prächtig sieht unsere Fahne aus, wie herrlich klingt unsere Hymne.
Wir erfahren, dass in Prag nächtliche Verhaftungen erwartet werden. Was ist mit dir Lucie? Mit Mama? Es ist unerträglich. Das ist ein Prüfstein unserer Liebe. Es ist ein neues Gefühl, das ich bisher nicht
gekannt habe. Ich bin bei Dir.
Unser Aufenthaltsort wird bewacht.
23.VIII. 68
Während der Nacht sollen in Prag und in der ganzen Republik Ortstafeln und Strassenschilder verdreht und verschwunden sein, um die ortsunkundigen Besatzer zu verwirren - als Ausdruck des zivilen Widerstands: Das Volk wehrt sich schön und edel auf passive Art und Weise, denn es bleibt ihm nichts anderes übrig. Die Arbeit ist für uns eine Tortur geworden. Wir arbeiten für ein Land, das uns okkupiert. In Gedanken sind wir bei euch in Prag. Wir drucken mit euch zusammen die Flugblätter, helfen mit bei den Sendungen, etc. Wir wollen doch Freiheit für unsere Heimat. Und immer wieder die Tränen in den Augen. Traurigkeit, aber auch erste Anfälle von krampfhaftem Humor.
