Auf den Pfaden des Luchses - Tanja Mikschi - E-Book

Auf den Pfaden des Luchses E-Book

Tanja Mikschi

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Beschreibung

Um 1830 wachsen in St. Peter zwei Jungen unterschiedlicher Herkunft auf: David ist der Sohn eines Kaufmanns und Silas der Sohn eines Trappers und einer Indianerin. Beide verbindet eine tiefe Freundschaft, die auch keinen Schaden nimmt, als Silas mit einer gemeinsamen Freundin durchbrennt. Die beiden verlieren sich aus den Augen, denn Silas flieht mit Charlotte bis zu den Cheyenne, um einem möglichen Racheakt ihrer Familie aus dem Weg zu gehen. Sein Herz sehnt sich immer wieder zurück zu seinen Eltern und den Ojibwe, doch die Cheyenne geben ihm und seiner Frau eine neue Heimat. Erst nach langer Zeit führt das Schicksal die beiden Freunde wieder zusammen: denn nach Jahren des Friedens auf den Plains spitzen sich die Zusammenstöße zwischen Weißen und Indianern zu. Längst ist eine Abteilung Soldaten unterwegs zum Sand Creek, an dem die Cheyenne ihr Winterlager aufgeschlagen haben. Der Roman beruht auf wahren Begebenheiten, die haupthandelnden Personen sind jedoch fiktiv. Die Lebensweise, Sitten und Gebräuche der Ojibwe und Cheyenne, sowie die historischen Ereignisse sind sorgfältig recherchiert.

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Seitenzahl: 969

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Tanja Mikschi

Auf den Pfaden des Luchses

Von den Ojibwe zu den Cheyenne

Für Levinia

Auf den Pfaden des Luchses

Von den Ojibwe zu den Cheyenne

Historischer Roman von Tanja Mikschi

Impressum

Auf den Pfaden des Luchses, Tanja Mikschi

TraumFänger Verlag, Kerstin Schmäling, 2024

1. Auflage eBook 2015

2. Auflage eBook März 2024

eBook ISBN 978-3948878-39-9

Lektorat: Ilona Rehfeld

Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag

Datenkonvertierung: Bookwire

Titelbild: Kari Lehr Art; https://www.karilehrart.com

Copyright by TraumFänger Verlag,

Kerstin Schmäling, Hohenthann

FÜR LEVINIA

„Ein Volk ist unbesiegt,

solange die Herzen seiner Frauen nicht bezwungen sind.

Sind sie überwunden, dann ist es am Ende,

wie tapfer seine Krieger

und wie gut deren Waffen auch sein mögen.“

Sprichwort der Cheyenne

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Epilog

Danksagung

Prolog

Im Grunde genommen war jene viel gerühmte Zeit keine großartige Zeit und bot den weißen Siedlern nur wenig Erstrebenswertes. Ganz entgegen ihrer Hoffnungen und Träume, die immerhin groß genug gewesen waren, um sie über das weite Meer zu tragen. Doch das Leben, das in der „neuen Welt“ auf sie wartete, war meist beschwerlich und karg, geprägt von Entbehrungen und kräftezehrender Arbeit und nicht zuletzt von einem hohen Maß an Unwissenheit, welche wiederum einem bedenklichen Maß an Aberglauben, Angst und Vorurteilen Raum und Leben verlieh.

Die Siedlungen waren klein in diesen Tagen, kaum dass sie auch nur die Bezeichnung Dorf verdient hätten, mit ihren wenigen Holzhäusern, elenden Hütten und nicht selten auch nur provisorisch aufgebauten Zelten, die ganze Großfamilien mehr schlecht als recht zu beherbergen vermochten.

Die kleine Ortschaft, in welcher sich ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser Geschichte zutrug, machte hierin keine Ausnahme. Und wie manch eine andere Siedlung, war sie letztlich aus einem aufgeriebenen, erschöpften Siedlertreck entstanden, der sehnsuchtsvoll nach so etwas wie Heimat, wie Ruhe und Ordnung, wie Zukunft gierend, irgendwann einfach irgendwo Halt gemacht hatte, an dem Ufer eines trüben, aber gewaltigen Flusses. Und wenn St. Peter anfänglich auch ungemein schäbig war, erbärmlich so manche Hütte, weniger noch als notdürftig so manches Zelt, so hatte es doch Bestand gehabt. Hatte die gemeinsame Irrfahrt durch ein fremdes und auch beängstigend großes, unüberschaubares Land, die verbliebenen Mitglieder des Trecks ein Stück weit zusammengeschweißt und so ermöglicht, dass zumindest der eine oder andere seinen Traum von bescheidenem Wohlstand nach einigen harten Jahren auch tatsächlich verwirklichen konnte.

Einige Holzhäuser entstanden in dieser Zeit, später dann noch weitere und immer mehr. Die Zelte verschwanden nach und nach und die Siedlung verlor allmählich den Charakter des Behelfsmäßigen.

Die ersten Kinder St. Peters wurden geboren, sogar ein paar neue Siedler kamen hinzu und manch einem schien es damals so, als habe sie nun endlich begonnen, jene verheißene, lang ersehnte Zukunft, in diesem fremden, großen Land.

1

Es war eine trübe, verhältnismäßig kühle Nacht Anfang Juni.

Der hier oben im Norden noch immer junge Mississippi toste durch die Dunkelheit, üppig genährt von den Massen des Schmelzwassers. Er rauschte vorbei an der unbedeutenden Siedlung, mit ihren kleinen Holzhäusern und Baracken, der winzigen, behelfsmäßigen Schule und dem größeren, weit weniger behelfsmäßigen Saloon. Floss vorbei an der kleinen Mühle und den nun bereits im Wind wogenden Getreidehalmen und natürlich auch an dem erst kürzlich in freundlichem Weiß und Hellblau gestrichenen Gotteshaus mit seinem bescheidenen Gottesacker.

George Sattler gehörte zu den gut zweihundert menschlichen Seelen, die St. Peter zu jener Zeit beherbergte und zugleich gehörte er zu den ganz wenigen, die in jener kühlen Spätfrühlingsnacht nicht schon lange schliefen.

Im Hause der Sattlers schlief niemand, nicht einmal der Hund tat ein Auge zu. Und wie, um Himmels Willen, hätte da auch einer schlafen sollen! Sorgenvoll blickte Sattler in die trübe, dunstige Nacht. Es war zu kalt für diese Jahreszeit. Ein frostiger Schauer kroch ihm durch das feucht verschwitzte Hemd, klamm über den Rücken und arbeitete sich zu seinem Nacken empor.

Der über den Wolkenfetzen strahlende Vollmond präsentierte sich nur mehr als milchiger, heller Fleck im fahlen Anthrazit des verhangenen Himmels. Leichte Nebelschleier zogen dicht über dem Boden dahin und ließen die sonst so vertraute Umgebung fremd und unwirklich erscheinen.

Sattler trat einen weiteren Schritt hinaus auf die Veranda seines geräumigen Hauses und rieb sich erschöpft die Augen, während er es für den Bruchteil einer Sekunde einfach nur genoss, nichts zu hören und nichts zu sehen. Nichts hören und nichts sehen zu müssen!

Dabei fühlte er sich so hilflos, wie noch nie in den vergangenen dreiundvierzig Jahren seines Lebens, dazu verdammt tatenlos zusehen zu müssen, wie im Zeitlupentempo das Verheerende, das Entsetzliche geschah. Ganz langsam und unerbittlich.

„Herrgott! Wieso dauert das alles so lange! So tu doch endlich was, verflucht nochmal!“

Am liebsten hätte er diese Worte gebrüllt, in die Welt, in den Nebel hinausgeschrien, seinem Gott entgegengeschleudert. Doch das wagte er nicht, denn da drinnen lag Mary, seine Frau, seit geschlagenen siebzehn Stunden schon verzweifelt darum bemüht, der Schar von Kindern noch ein weiteres Geschwisterchen hinzuzufügen.

Sattler versuchte angestrengt, sich die vorangegangenen Geburten seiner Töchter und Söhne wieder ins Gedächtnis zu rufen. Aber er konnte sich nicht mehr genau entsinnen, wie die Geburten der übrigen neun Kinder verlaufen waren, von denen nur eines, im zarten Alter von annähernd drei Jahren, sein letztes Bettchen in der kühlen Erde des kleinen Friedhofes gefunden hatte. Wie lange jede Geburt für sich gedauert hatte, hätte Sattler keinesfalls mit auch nur annähernder Sicherheit raten können und dennoch wusste er, spürte er ganz genau, dass sich das, was da drinnen vor sich ging, nicht mehr im Rahmen des Normalen bewegte. Das hier war nackter, bitterer Ernst, der ihm in unregelmäßig wiederkehrenden Wellen den Angstschweiß aus allen Poren trieb.

Sattler war gewiss nicht überbesorgt und doch hatte er bereits vor zwölf Stunden nach der Hebamme des Ortes geschickt. Und nun war sie also hier und bearbeitete seit Stunden schon mit sorgenvollem Blick, geübten Händen und einem beachtlichen Hörrohr den Bauch seiner Frau, verscheuchte ihn und die Kinder wie das Federvieh aus dem Zimmer und tröstete und sprach gut zu und kostete sein Geld.

Und dennoch war es ein Segen, dass diese kleine, resolute Gestalt hier das Zepter in die Hand genommen hatte und allen deutlich sagte, wer hier was zu tun oder zu lassen hatte.

Ohne ihr klares und keinerlei Widerspruch duldendes Regiment hätte George Sattler die Kontrolle verloren, über sich, seine Familie und vor allem über die noch anstehenden Ereignisse dieser langen, kalten Frühlingsnacht, in der er auf der Veranda stehend seit sehr vielen Jahren das erste Mal die Tränen brennend in seine Augen steigen spürte.

Ein leises Geräusch ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. Hastig wischte er die Tränen weg, welche noch nicht ihren Weg in seinen dichten, krausen Bart gefunden hatten.

„Papa, wann kommt das Geschwisterchen denn endlich?“

George Sattler blickte voller Verzweiflung und Ratlosigkeit in die ängstlich geweiteten Augen seiner elfjährigen Tochter Elisa, die vor Kälte zitternd an seiner Seite stand und fragend zu ihm aufschaute, voller Vertrauen, als sei es ihm vergönnt, Datum und genaue Uhrzeit zu benennen.

„Das weiß nur Gott allein!“ Und was dieser wohl vorhatte, mit seiner Frau und seinem ungeborenen Kind? Sattler konnte es nicht verhindern, dass erneut Tränen in seine Augen traten, schmerzhaft und brennend und was weit schlimmer noch war, er konnte auch nicht verhindern, dass Elisa es bemerkte.

In seiner Hilflosigkeit tat Sattler etwas, was er bisher nur selten getan hatte. Er hob seine bebende Tochter hoch. Ganz fest drückte er sie an sich, wiegte sie hin und her und küsste ihr langes, seidiges Haar, während erneut Tränen verstohlen in seinen dunklen Bart rannen.

Federleicht erschien sie ihm, als er sie die steile Treppe hinauf in das kleine Zimmer trug, in dem das Bett stand, welches sie mit ihrer achtjährigen Schwester Clara teilte.

Behutsam legte er sie neben die kleine Schwester, die erwartungsvoll von Elisa zum Vater blickte, ohne jedoch die Frage zu wagen, die allen auf der Seele brannte, denn das fortwährende Wimmern und Schreien der Mutter war noch nicht verklungen.

„Betet zu Gott, meine beiden Engel, dass er eurer Mama jetzt hilft und dann versucht, ein wenig zu schlafen.“ Sorgsam deckte er die beiden Mädchen zu und blickte auch noch einmal in das Gitterbettchen in dem seine beiden Kleinsten, Sharon und Ruth, noch keine zwei Jahre alt, endlich in einen unruhigen Schlaf gefallen waren.

Es war Edwin, der schließlich die Frage stellte, die Clara nicht zu stellen gewagt hatte, als Sattler schwerfällig in die geräumige Wohnküche trat. „Papa, sie wird doch nicht sterben, nicht wahr, es wird doch alles gut gehen!? Wie lange kann das denn um Himmels Willen noch dauern?“

Ja, wie lange sollte das noch so weitergehen? Oder schlimmer noch! Wie lange konnte das noch so weitergehen, ehe etwas viel Entsetzlicheres geschehen würde? Wie lange konnte seine Mary dies ertragen?

Beschwörend blickte Edwin, der älteste Spross der Familie und der einzige verbliebene Sohn, seinen Vater an. Mit seinen neunzehn Jahren war er bereits ein junger Mann. Er hatte die Geburten all seiner zahlreichen Geschwister miterlebt und wusste sehr wohl, dass da etwas ganz und gar nicht so war, wie es sein sollte. Unglücklich sah Sattler zu seinem Sohn, als markerschütterndes Geschrei aus dem Schlafzimmer drang, gefolgt von dem kläglichsten Wimmern, das in diesem Haus jemals von einem Baby vernommen worden war.

Kurze Zeit später öffnete sich die Tür. Verschwitzt und blutbeschmiert, aber mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht, trat Molly Hedges, die Hebamme des Ortes, in den Raum.

„Ein Junge is‘ es, Mr. Sattler und ein ganz eigenwilliger dazu!“ Mit einem Auflachen, in dem ihre ganze Erleichterung mitschwang, fuhr sie zu sprechen fort. „Er hat der Welt zuerst mal seinen Hintern gezeigt!“

Energisch begann sich Molly nun Hände und Arme in der für sie bereitgestellten Waschschüssel zu säubern, während Sattler die Hebamme verständnislos ansah. Diese schaute ihm vergnügt ins Gesicht. Mit einem verschmitzten Lächeln sagte sie: „Na ja, er ist mit dem Hintern zuerst auf die Welt gekommen, verstehen Sie? Falsch rum! Deshalb hat es so lange gedauert.“

Ein Lachen gluckste in Sattlers Kehle. Irgendwo musste die Anspannung der vergangenen Stunden hin und die Erleichterung bahnte sich ihren Weg in kleinen Wellen durch seinen Bauch, welche, sobald sie seine Kehle erreicht hatten, in Gelächter übergingen, in das alle anderen in diesem Raum dankbar mit einfielen. Das Baby indes schlief bereits abgenabelt und völlig erschöpft an der Brust seiner nicht minder verausgabten Mutter.

Während Molly Hedges ihre Utensilien zusammenpackte, blickte sie Sattler noch einmal nachdenklich an, ehe sie leise zu sprechen begann: „Ich sag‘ Ihnen eins, wäre das nicht das zehnte, sondern das erste oder zweite Kind gewesen, na, ich weiß ja nicht …“

Sie seufzte leise, klappte energisch ihre Tasche zu, zog ihren Umhang über und verabschiedete sich, nachdem sie sich nochmals vom Wohlergehen ihrer beiden Patienten überzeugt hatte und Sattler endlich einen Blick auf seinen jüngsten Spross werfen ließ. Molly Hedges kleine, kompakte Gestalt entfernte sich forschen Schritts dem Ortseingang zu, während der leuchtende Vollmond endlich seine Strahlen ungehindert durch die nun immer weiter aufreißende Wolkendecke gen Erde schicken konnte und alles in sein fahles, silbriges Licht tauchte. Sie war hundemüde, aber sehr zufrieden mit sich und der Welt und sie ahnte nicht, dass sich gerade in diesem Moment noch ein weiterer Sohn St. Peters daran machte, das Licht der Welt zu erblicken.

2

Zu gleicher Zeit fiel das Mondlicht auch in den kleinen, nur durch ein Feuer erhellten Raum des außerhalb von St. Peter, am Waldrand gelegenen Holzhauses des Trappers und Fellhändlers Elias Morgan. Er selbst war jedoch nicht zu Hause, sondern bereits seit etwa zehn Wochen unterwegs.

Elias Morgan war den Bewohnern des kleinen Ortes immer rätselhaft geblieben, ein Einzelgänger, wortkarg und schwer zu begreifen.

Allein schon die Tatsache, dass er bei seinen Reisen offenbar immer wieder mit den glücklicherweise doch um einiges entfernt angesiedelten Indianerstämmen in Kontakt trat und sogar mehrere Tage, wenn am Ende nicht gar Wochen, in deren Lagern verbrachte, ließ ihn mehr als nur suspekt erscheinen.

Da er sich indes aber weiter nichts zu Schulden kommen ließ und zudem die meiste Zeit sozusagen gar nicht vorhanden war, konnte sich der Umgang miteinander auf „leben und leben lassen“ beschränken. Daran änderten auch die Verrücktheiten nichts, die Elias Morgan im Vollsuff von sich zu geben pflegte.

Als Elias Morgan jedoch vor ungefähr zwei Jahren von seinen Streifzügen, neben einer ansehnlichen Menge an Pelzen und Leder, mit einer jungen Wilden, einem zartgliedrigen, schwarzäugigen Wesen vom Stamm der Ojibwe, zurückkam und diese obendrein zu seiner Frau erklärte, hatte er in den Augen vieler die Grenzen des Anstands endgültig überschritten.

Besonders verwundert hatte das allerdings weiter niemanden, denn bereits als Elias im Alter von neunzehn Jahren mit diesem halbverrückten Saisongehilfen einfach verschwunden war und somit seinen alten Vater mit der vielen harten Arbeit im Stich gelassen hatte, war ein Raunen durch den Ort gegangen. Man war sich allgemein einig gewesen, dass es mit diesem eigentümlichen Sohn des Holzfällers ein schlimmes Ende nehmen würde.

Für ihn selber stellte sich das alles freilich ganz anders dar und er hatte seinen Entschluss damals gewiss nicht leichtfertig getroffen. Elias verband eine liebevolle Beziehung zur Mutter, während der Vater weder Verständnis dafür zeigte, dass sein Sohn sich bei jeder Gelegenheit hinter einem Buch verschanzte, noch für die Fragen und Gedankengänge seines Sohnes. Für ihn waren das verrückte Flausen, die es auszutreiben galt, mit Härte, Disziplin und Arbeit und letztere gab es in seinem Holzfällerbetrieb mehr als genug.

Die kleine Ortschaft war im Begriff, sich ordentlich zu vergrößern. Allein sieben Häuser befanden sich derzeit im Rohbau, er kam mit den Holzlieferungen bald nicht mehr hinterher und musste zusätzliche Gehilfen einstellen.

Doch die Rechnung des Vaters ging nicht auf. Elias arbeitete zwar ungeheuer hart, dennoch blieb es bei seinen Träumen und Gedanken an eine bessere Zukunft. Und da er niemanden hatte, der ihn so recht verstand, war er mit zunehmendem Alter immer verschlossener und einsilbiger geworden, hatte aufgehört von dem zu erzählen, was er in den mittlerweile vom Vater verbotenen Büchern heimlich las und auch von dem, was ihn in seiner Phantasie beschäftigte. Und zugleich war er den anderen immer seltsamer und verschrobener erschienen.

So war es viele Jahre gegangen, bis zu dem Tag, da sein Vater diesen abgerissenen, eigenartigen Burschen als Saisongehilfen angestellt hatte.

Dieser merkwürdige Kerl, Sam mit Namen, war ebenso alt gewesen, wie Elias und dennoch frei wie ein Vogel, so schien es zumindest. Auf alle Fälle aber stand er nicht unter dem Joch eines strengen und unerbittlichen Vaters, der nichts als Arbeit und nochmals Arbeit zu kennen schien. Und an diesem Punkt begann für Elias die eigentliche Faszination, welche ihn aus seinem Schneckenhaus heraustrieb: Sam war für sein Alter schon weit herumgekommen. Er hatte viel gesehen und erlebt und geizte nicht mit Geschichten und Anekdoten, die wiederum Elias Gedanken Nahrung gaben und seiner Sehnsucht Flügel. Immer tiefer wurzelte der Wunsch in ihm, dieser engen, begrenzten Welt seiner Eltern zu entfliehen. Neues, Schöneres und Besseres kennenzulernen und für sich zu gewinnen.

Und so reifte in ihm der Entschluss, seinen eigenen Weg zu gehen, der ihn, das fühlte er genau, weit weg von St. Peter bringen würde und dies in jeglichem Sinne.

Elias genoss es in vollen Zügen, seine freie Zeit mit Sam zu verbringen und der Vater ließ ihn gewähren, da er es für viel natürlicher hielt, dass ein junger Bursche mit einem anderen Unsinn redete, als dass er seine Nase stundenlang in dicke Bücher steckte. Hätte er geahnt, was aus diesen Abenden, die sein Sohn mit dem Gehilfen verbrachte, erwachsen würde, so hätte er sie nicht nur verboten, sondern Sam mit gezücktem Gewehr vom Hof gejagt.

Sams Pläne für die weitere Zukunft elektrisierten Elias geradezu und beschäftigten ihn Tag und Nacht.

Sam wollte seinen Lohn in Proviant und Waren eintauschen und dann weiter in den Norden ziehen, mitten hinein in die großen Wälder. Das Ziel seiner Wanderschaft aber war das eigentlich Interessante. Er wollte nämlich nicht die Siedlungen der Indianer sorgsam umgehen, sondern ganz im Gegenteil, geradewegs zu ihnen hin! Er wollte Indianer kennenlernen und sich von ihnen im Jagen und Fallenstellen unterweisen lassen und hoffte, mit Hilfe der mitgeführten Waren, welche er als Gastgeschenke und Tauschobjekte zu verwenden gedachte, in freundschaftlichen Kontakt zu den dort ansässigen Stämmen zu kommen. Und schon lange, bevor der Frühling und somit der Zeitpunkt von Sams Weiterreise gekommen war, hatte sich Elias ein Herz gefasst und Sam gefragt, ob er mit ihm gehen dürfe.

Sam war sichtlich begeistert gewesen und so waren sie, im späten März, wortwörtlich bei Nacht und Nebel, heimlich gemeinsam aufgebrochen.

Seinen Eltern hatte Elias einen Brief hinterlegt, dessen Inhalt sie mit Hilfe des Reverends herausfinden würden, da sie beide weder richtig lesen noch schreiben konnten.

Er hatte ihnen in diesem Brief geschrieben, dass er wohl wisse, dass er nicht auf ihr Verständnis hoffen dürfe, aber dennoch nicht anders habe handeln können. Auch versprach er ihnen zurückzukommen, sobald er genügend erwirtschaftet habe, um sie für ihren Verlust gebührend zu entschädigen. Und das nahm er sich auch fest vor, allein schon, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

Sie waren auf ihrer Reise vom Glück begünstigt gewesen, spätere Jahre hatten Elias dies deutlich gelehrt, und er hatte bereits nach zwei Jahren seinen Eltern stolz einen ordentlichen Batzen Geld überreichen können, den er vor allem dem zu jener Zeit schwunghaften Handel mit Biberfellen zu verdanken hatte. Sie hatten tatsächlich, trotz all seiner Ängste und Bedenken, die ihn in manch einer Nacht umgetrieben hatten, die Begegnungen mit Indianern nicht nur ohne einen Pfeil in der Brust überstanden, sondern zumeist sogar sehr freundliche Aufnahme gefunden.

Elias war zutiefst fasziniert und berührt gewesen von der Andersartigkeit des Lebens in den Sommer- und Winterlagern, von der Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, die in ihnen lebten.

Viele Wochen und zum Teil auch Monate hatten sie sich den verstreuten Untergruppen verschiedener Indianerstämme angeschlossen, waren zu Gast gewesen bei den Assiniboin, den Algoncin, den Cree und vor allem aber bei einem Unterstamm der Ojibwe.

Dort hatten sie ebenfalls teilhaben dürfen am Leben im Lager, aber darüber hinaus sogar auch manches Mal an der Jagd. Hier erhielten sie bereitwillig den gewünschten Unterricht im Fallenstellen und Heranpirschen, wobei die Indianer einige Male verzweifelt die Augen rollten, ohne jedoch etwas zu sagen, was ihre weißen Freunde vielleicht beleidigt hätte.

Sie hatten auch beim Bau eines Rindenkanus helfen dürfen, was einer ebenso großen Ehre gleichkam, wie die Teilnahme an einer Jagd, und natürlich hatten sie allerorten regen Tauschhandel betrieben.

Elias hatte in diesen Menschen endlich Gegenüber gefunden, die seine Sprache zu sprechen vermochten, obwohl die eigentliche Verständigung natürlich denkbar schwierig war und nur unter Zuhilfenahme von Händen und Gesten mit bald schauspielerischen Qualitäten vonstatten gehen konnte. Doch Elias genoss diesen Gedankenaustausch über die Maßen und war emsig bemüht, jene für ihn so gänzlich fremdartige Sprache zu erlernen. Der Lerneifer und Entdeckergeist seiner Kindheit war wieder erwacht und hatte zudem Nahrung in Hülle und Fülle erhalten.

Doch der erste Winter im Lager jenes Ojibweclans hielt nur wenig Erbauliches für ihn bereit. Die überaus eisigen Temperaturen, die knappe Nahrung und die Beschwerlichkeit der Jagd im hohen Schnee hatten ihm deutlich sein Versprechen an Vater und Mutter in Erinnerung gerufen. Er beschloss damals, den nächsten Winter in dem gemütlich warmen Blockhaus seiner Eltern zu verbringen. Und bis dahin wollte er die Zeit dazu nutzen, um ordentlich Geld zu verdienen. Eines jedoch stand für ihn außer Frage. Er würde, sobald der Frühling wieder seinen Einzug hielt, erneut aufbrechen und in den Norden ziehen, an die Großen Seen.

Sam ließ sich leider nicht dazu überreden, mit Elias den Winter in St. Peter zu verbringen.

So vereinbarten sie, ein Wiedersehen im kommenden Frühling zu feiern, im Sommerlager jenes Ojibweclans, mit dem sie mittlerweile eine besonders herzliche Freundschaft verband.

Als Elias wieder im Hause seiner Eltern angekommen war, fand er den Vater bitterer und wortkarger denn je und zudem erschreckend grau geworden vor. Die Mutter aber war hin und her gerissen zwischen der Freude und Erleichterung darüber, den verloren geglaubten Sohn wiederzusehen und dem Unverständnis und Vorwurf in ihrem Herzen, der zermürbenden Frage, wie er ihnen so etwas überhaupt hatte antun können. Seine Erzählungen und Berichte erfüllten sie mit großer Sorge, denn die Vorstellung, dass ihr Sohn unter den Wilden gehaust hatte und die Gesellschaft dieser Wilden auch noch über die der eigenen Leute zu stellen schien, war in ihren Augen schlicht sündhaft und geradezu ungeheuerlich.

Für den Vater allerdings lag die Sache ganz klar. Sein Sohn war geworden, was er immer befürchtet hatte. Ein Träumer, ein Taugenichts, ein Tunichtgut.

Sein Geld nahm er dennoch, denn angesichts des ihm entstandenen Verlustes, immerhin hatte er einen Arbeiter zusätzlich einstellen müssen, erschien es ihm nur recht und billig, vom Verursacher des Schadens auch entsprechend entschädigt zu werden.

Die Sehnsucht, mit der Elias den Frühling erwartete, war übergroß und sobald die Schneeschmelze es zuließ, machte er sich auf den Weg. Der Mutter aber versprach er, mit Einsetzen des Winters wieder zu Hause zu sein und erneut seinen Obolus zu entrichten. Und so hatte er es gehalten, Jahr für Jahr.

Als dann viel später der Vater starb, war es im Winter, wenn sich Elias bei der Mutter im Holzfällerhaus aufhielt, so bitter das auch klingen mag, richtig gemütlich geworden.

Die Mutter hatte sich daran gewöhnt, dass ihr Sohn seine eigenen Wege ging und seine alljährliche Heimkehr erwartete sie stets sehnsuchtsvoll und das nicht nur aus Mutterliebe.

So hatte Elias den Winter über immer allerhand zu tun, während sie ihn ordentlich bekochte und verwöhnte. Es war eine wunderschöne Zeit gewesen, einige Jahre lang, doch dann war die Mutter im Alter zunehmend krank und gebrechlich geworden.

Elias hatte eine Frau aus dem Ort, welche der Mutter hin und wieder zur Hand gegangen war, dafür entlohnt, dass sie in seiner Abwesenheit täglich nach der Mutter schauen würde und ihr behilflich wäre. Allein schon die Vorstellung, selber in St. Peter zu bleiben und womöglich unter diesen engstirnigen Sturköpfen für sein und der Mutter nötiges Auskommen sorgen zu müssen, erfüllte ihn vom Scheitel bis zur Sohle mit Beklemmung und Widerwillen. Doch es gab noch etwas anderes, was Elias weg vom Haus der Mutter trieb.

Elias hatte sich verliebt, wirklich verliebt. Und schien die Auserwählte ihm auch zum damaligen Zeitpunkt mit ihren fünfzehn Lenzen, die sie gerade einmal zählte, noch zu jung, um eine Ehe mit ihm einzugehen, so schien sie es ihm doch wert, um ihre Gunst zu werben und sich ansonsten in Geduld zu üben.

Als im darauffolgenden Jahr auch die Mutter starb und Elias den einsamsten Winter seines Lebens in dem alten Holzfällerhaus verbrachte, welches er nun sein eigen nennen konnte, wuchs in ihm der Entschluss, Shawaeghiizig - Ansteigender Himmel -, seinen liebsten Handelspartner unter den Indianern, seinen indianischen Freund, um die Hand seiner ältesten Tochter zu bitten.

Es kann nicht behauptet werden, dass Winonah - Mit der Brust nähren - sehr beglückt bei dem Gedanken war, einen Mann heiraten zu sollen, der vom Alter her ihr Vater hätte sein können, doch andererseits mochte sie den weißen Freund ihres Vaters tatsächlich gern und mit seinen sechsunddreißig Jahren war er wiederum auch noch nicht so alt, dass sie das Grausen packte. Auch war Elias ein, wenn auch fremdartig, so doch durchaus nicht übel aussehender Kerl und er hatte sie zudem all die Jahre hindurch stets freundlich und mit Hochachtung behandelt, schließlich kannte sie ihn ja von Kindesbeinen an.

Außerdem war es ohnedies kein seltenes Schicksal, mit einem Ehemann, der wesentlich mehr Jahre auf dem Buckel hatte als Elias, beehrt zu werden. Ja, und vor allem war es Winonah sehr bewusst, welch eine vorteilhafte Absicherung diese Verbindung für ihre Familie, wie auch für den gesamten Clan, bedeuten würde. Sie würden in diesem weißen Mann einen festen, verlässlichen Handelspartner finden. Im Grunde genommen war Winonah gar keine andere Wahl geblieben, als in die Ehe mit Elias Morgan einzuwilligen, wollte sie nicht ihrem Vater die Schande bereiten, seinen weißen Freund zu schmähen und obendrein auch noch die Sorge, ihn als Handelspartner zu verlieren. So tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass sie im Notfall einfach all sein Hab und Gut aus dem gemeinsamen Wigwam werfen und somit die Verbindung für beendet erklären konnte.

Doch Elias, verliebt bis über beide Ohren, hatte dazu nun wirklich keinen Grund geliefert. Er war immer sehr freundlich und hilfsbereit gewesen und hatte, wenn auch denkbar unerfahren, nach bestem Wissen und Gewissen versucht, ein wirklich guter Gatte zu sein.

So hatten sie einen durchaus glücklichen und harmonischen Sommer im Lager der Ojibwe verbracht. Leider hatte dieser schöne Sommer ein jähes Ende gefunden, als Elias, zur Zeit der letzten sonnigen Tage, zum Aufbruch gemahnte und sie mitnahm, zu jenem Haus aus Holz, welches einst seinen Eltern gehörte.

Anfangs machte es ihr Angst, dieses dunkle Haus, so einsam gelegen, so weit weg von ihren geliebten Verwandten, dem vertrauten Wald und den erhabenen Großen Seen. Und hätte sie damals geahnt, dass Elias sie im nächsten Frühling nicht wieder mitnehmen würde, so wäre sie gewiss nicht mit ihm gegangen. Auch war Winonah, die noch niemals eine Siedlung der Weißen betreten hatte, nicht darauf gefasst gewesen, auf eine solch eiserne Wand der Ablehnung zu stoßen.

Sicherlich, es war auch in St. Peter bekannt, dass bereits einige hundert Meilen weiter in der Wildnis Eigenbrötler und Fallensteller in gar nicht so geringer Zahl anzutreffen waren, die Wilde heirateten und wer weiß was trieben.

Aber hier, in St. Peter, wo man gemeinhin vom Holzhandel, dem Fischfang und in bescheidenem Maße auch von der Landwirtschaft lebte, bemühte man sich redlich, nach dem zu trachten, was man als christlichen Anstand bezeichnete oder doch zumindest dafür hielt.

Menschen wie dieser Elias Morgan, von seiner „Braut“ ganz zu schweigen, hatten hier in dieser kleinen Gemeinde keinen Platz. Allseits mit Genugtuung aufgenommen wurde die Tatsache, dass diese Wilde meist unsichtbar in dem alten dunklen Holzfällerhaus verborgen blieb. Verborgen geblieben war jedoch natürlich keineswegs, dass sich dieses fremdartige Wesen mittlerweile zu allem Überfluss in anderen Umständen befand.

Spekulationen sowie die Feststellung, dass „bei so etwas nichts Gutes herauskommen könnte“, wobei man sich nicht selten über diese süffisante Doppeldeutigkeit vor Lachen ausschütten wollte, waren ein durchaus beliebter Zeitvertreib an den trüben und stürmischen Vorfrühlingsabenden gewesen und jede, der sich selten bietenden Gelegenheiten wurde genutzt, um einen verstohlenen Blick auf den beachtlich schwellenden Leib der jungen Frau zu werfen.

Der Umstand, dass Elias Morgan seine schwangere Frau offensichtlich bereits vor Wochen alleine in dem Holzhaus zurückgelassen hatte, war zwar Grund für beträchtliches Kopfschütteln und eifriges Getratsche gewesen, dennoch war die Neugierde nicht so groß gewesen, dass jemand einmal dorthin gegangen wäre, um „nach dem Rechten“ zu sehen, von dem nötigen Mut ganz zu schweigen.

Winonah kam jedoch auch ganz gut allein zurecht. Elias hatte an Vorräten alles Notwendige gelagert, sie litt von daher keine Not. Doch Einsamkeit nagte an ihrem Herzen und mehr noch bitteres Heimweh.

Voller Sehnsucht dachte Winonah an die Geselligkeit in den Winterlagern und an die lebendige Betriebsamkeit im Sommerlager ihres Volkes, in der Nähe des Gitchi Gami, des großen Sees.

Sie dachte an die wogenden Halme des Manomini, des wilden Wassergrases und ein ums andere Mal fragte sie sich, was Nigigo-quae - Otterfrau -, ihre Mutter, und Shawaeghiizig, ihr Vater, wohl gerade machten. Liebevoll dachte sie an ihre zahlreichen Geschwister, Onkel, Tanten und andere Verwandte und Freundinnen in ihrer Heimat und schmerzlich vermisste sie das Zusammensein mit ihnen, ihre Nähe, ihre Hilfe, ihren Rat. Gerade jetzt mehr denn je, denn seit Tagen schon fühlte Winonah, dass die Geburt ihres Kindes nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.

Das traditionell nach Art der Ojibwe gefertigte Wiegenbrett, eine Art Rückentrage mit einem hölzernen Gestell und einem weichen, aus Leder gefertigten Tragesack für das Baby, liebevoll mit bunten Glasperlen in Form von Blumenornamenten bestickt, stand schon seit vielen Wochen bereit. Sie hatte es gemeinsam mit Elias an den langen Winterabenden gefertigt, bevor er dann erneut aufgebrochen war, um dorthin zu gehen, wo sie so unbeschreiblich gerne geblieben wäre.

Je näher der Tag der Geburt rückte, desto schmerzlicher begann Winonah die Sicherheit und Geborgenheit ihres Clans zu vermissen. Dort wäre sie schon seit geraumer Zeit und gerade jetzt, in dieser Situation unmittelbar vor der Geburt ihres Kindes, niemals ohne Beistand und liebevolle Begleitung gewesen. Mit Sicherheit wäre Nigig-o-quae bei ihr gewesen sowie noch ein oder zwei weitere, in der Geburtsbegleitung erfahrene, Frauen.

Hier aber, in diesem dunklen Haus, war Winonah mutterseelenallein und dennoch erwartete sie die Geburt ihres Kindes mit Sehnsucht und ohne Angst. Es war der Monat des Ode’imini-Giizis, des Erdbeermonds, ein guter Monat für den Beginn eines neuen Lebens. Ein Monat, der Verheißung bedeutete.

Winonah ging schon seit geraumer Zeit mit bedächtigen Schritten im Raum auf und ab oder aber um jenen rohen Holztisch herum, der das Zentrum des Raumes war und stützte sich auf ihn, wenn eine neuerliche Wehe sie unwillkürlich in die Knie gehen ließ.

Ihr leiser eigentümlicher Singsang schwoll dann merklich an und verebbte wieder.

Eine heftige Welle des Schmerzes rollte über Winonah hinweg, drückte sie zu Boden, während sich das Fruchtwasser in einem großen Schwall über den Fußboden ergoss.

Die Geburt ihres ersten Kindes stand unmittelbar bevor.

Mit diesem lang ersehnten Moment würde ihre tiefe Einsamkeit ein Ende haben. Dieses Kind sollte ein Stern sein, der die Dunkelheit ihrer Einsamkeit mit dem Licht seines Daseins zu erhellen vermochte.

In den Adern dieses Kindes würde auch das Blut der Ojibwe fließen und mit ihrer Milch würde es den Geist der Ojibwe in sich aufnehmen, davon durchdrungen werden und daran wachsen. Hier in der Fremde würde dieses Kind zugleich Blüte und Wurzel ihres Lebens bedeuten. Ihm würde sie die Geschichten ihres Volkes erzählen, die Weisheiten ihres Stammes weitergeben können und all ihre Liebe, ihre ganze Zärtlichkeit.

Als Winonah in der Hocke ihren kleinen Sohn gebar, umfing sie ihn mit sicheren Händen.

Ein leiser Schrei, mehr einem Seufzer gleich, entrang sich der Kehle dieses kleinen Wesens und veranlasste die junge Mutter augenblicklich ihr Baby in die Arme zu nehmen und sich mit ihm auf das Lager in die Wärme des Feuers zu legen.

Obwohl sie völlig erschöpft war, hätte sie niemals schlafen können. Fasziniert betrachtete sie dieses kleine Wesen. Zählte lächelnd seine Finger, seine Zehen.

Schließlich durchtrennte sie mit einem entschlossenen Schnitt die Nabelschnur und band sie mit einem schmalen Lederstreifen nahe dem winzigen Bauch ihres Sohnes ab. Der begann indes zielstrebig nach einer nahrhaften Quelle zu forschen und alsbald mit einer Festigkeit zu saugen, die Winonah völlig überraschte und staunen ließ.

„Mamaandaa!“, flüsterte sie, „Mamaandaa - Wunder -!“

Ein Mondstrahl fiel auf das feuchtglänzende, schwarze Haar und die olivbraune Haut des Babys. Winonah blickte durch das Fenster, dem am nun wolkenfreien Himmel prunkenden Gestirn entgegen, dem Mond direkt in das volle Gesicht.

„Mino dibik-giizis, mino nokomis! Guter Mond, gute Großmutter aller …!“, flüsterte sie und wendete den Blick erneut voll zärtlicher Faszination auf das kleine atmende und saugende Kind in ihren Armen. Sanft fuhr sie mit ihren Lippen über die Stirn dieses kleinen Geschöpfes, sog seinen Geruch tief in sich ein. „Mino-nokomis wird mein Name für dich sein.“

Als Elias Morgan beinahe fünf Monate später zurückkehrte, erregte die Tatsache, dass sein und auch Sattlers Sohn in der gleichen Vollmondnacht das Licht der Welt erblickt hatten, nur mehr ein paar abergläubische Gemüter.

Dass dieses unglückselige Halbblut jedoch immer noch nicht getauft worden war, sorgte für einen ausgemachten Skandal, der nun, da Morgan wieder einmal aufgetaucht war, umgehend die Aktivität des Reverends der kleinen Gemeinde erforderte.

Und so kam es, dass am darauffolgenden Sonntag, es war der 27. Oktober 1816, Elias Morgan gemeinsam mit seiner Familie die kleine Kirche betrat und Mino-nokomis, unter den neugierig äugenden Blicken der äußerst zahlreich versammelten Gemeinde, nach Elias Vater, auf den Namen Silas Morgan getauft wurde. Was durchaus eher einen provokanten Charakter hatte, denn einen sentimentalen Ursprung.

Man war sich übrigens gemeinhin darüber einig, dass sich Silas Morgan senior im Grabe herumgedreht hätte, wenn er von dieser geradezu unerhörten Namensgebung erfahren hätte.

Ansonsten aber hatte nun alles wieder seine rechte Ordnung gefunden, soweit dies unter den gegebenen Umständen überhaupt möglich war, und man konnte sich beruhigt seinen alltäglichen Geschäften zuwenden.

3

In den folgenden Jahren bekam St. Peter wenig von Elias Morgan und seiner kuriosen Familie zu sehen. Elias selbst machte sich Jahr für Jahr im späten März auf den Weg, erschien jedoch seit der Geburt seines Sohnes bereits im frühen Herbst wieder in St. Peter und blieb die ganze kalte Jahreszeit über dort.

Den kleinen Silas Morgan junior aber bekamen die Menschen des Ortes nach seiner Taufe erst im Alter von acht Jahren etwas ausführlicher zu Gesicht.

Es war ein goldener Oktobermorgen, die Wälder leuchteten in den üppigsten Gelb- und Rottönen und ein klarer, strahlend blauer Himmel breitete sich über das Tal des rauschenden Mississippi aus.

Mino-nokomis hatte hinter dem Haus gespielt, doch plötzlich horchte er auf.

Von irgendwoher erklang der wehmütige, eigentümlich verloren klingende Ruf eines einzelnen Ojiijaak, eines Kranichs, und noch etwas anderes drang an das feine Gehör des kleinen Jungen.

Aus dem Haus waren gedämpft die Stimmen seiner Eltern zu vernehmen. Zwar konnte Mino-nokomis nicht genau verstehen, was sie sprachen, doch dass sie stritten, vernahm er sehr wohl. Geradezu körperlich spürte er die heftig geführte Auseinandersetzung seiner Eltern. Eben wollte er leise das Haus durch die Hintertüre betreten, als sein Vater durch die Vordertür herauskam, um sich blickte und, nachdem er ihn schließlich entdeckt hatte, forschen Schritts auf ihn zumarschierte.

„Auf Silas, du kommst jetzt mit mir!“

„Wo gehen wir denn hin, Nimbaabaa?“

„Warts ab, das wirst du schon sehen.“

Entschlossen ergriff Elias die Hand seines Sohnes und zog ihn mit sich fort, geradewegs auf die entfernt gelegene Ansammlung von Hütten und Häusern zu.

Mino-nokomis war diesen Weg bisher noch nie gegangen. Seine Mutter wollte das nicht und hatte es ihm ausdrücklich nicht erlaubt.

„Jenseits der Häuser beginnt deine Welt, Ningozis - mein Sohn!“, hatte sie ihm gesagt.

Solange Mino-nokomis zurückdenken konnte, war Winonah mit ihm hinausgegangen, hinaus in den Wald.

Sie hatte ihn den Flug der Vögel genauso zu erkennen gelehrt, wie ihren Ruf, so dass Mino-nokomis, im Alter von vier Jahren bereits, Pitchi, das Rotkehlchen, schon im Anflug zu erkennen vermochte. Und so beständig wie ihn Winonah auf dieses oder jenes Gezwitscher aufmerksam machte, wies sie ihn auch auf die Pflanzen und Tiere des Waldes hin und lehrte ihn mit endloser Geduld die verschiedenen Fährten zu erkennen und zu unterscheiden.

Jedem Wesen gebührte gleichermaßen ihre Achtung und Anerkennung, alles war immer Inaendaugwut, war erlaubt, hatte seine Daseinsberechtigung.

Viele Male schon hatte Winonah Mino-nokomis so bei der Hand genommen, ihm mit jedem Tag einen weiteren kleinen Teil ihres Wissens geschenkt. Hatte ihn angewiesen im sorgsamen, vorsichtigen Ausgraben der Ojiibik, der Wurzel verschiedenster Heilpflanzen, ebenso wie im lautlosen Heranpirschen an die scheuen Wawashkaesh - Hirsche - oder an die nicht minder wachsamen und sprungbereiten Addik - Waldkaribus -. Vor allem aber hatte Winonah ihm beigebracht, dass jedes Wesen, jede Pflanze, jedes Tier eine Ojichaag besaß, eine Seele, einen Geist und somit auch über eine ganz eigene große Macht verfügte.

Sie hatte ihn gelehrt in all diesen Lebewesen seine Brüder und Schwestern zu erkennen.

Niemals durfte etwas unnötig genommen oder gar zerstört werden und für alles, was man nahm, dankte man dem Spender von ganzem Herzen.

Mit offenen Augen und Ohren nahm Mino-nokomis die Lehren und Erzählungen seiner Mutter und gleichermaßen auch die Eindrücke des Waldes tief in sich auf, prägte sich alles fest ein in seine offene, freie Kinderseele. Ließ sich prägen durch ihre Worte und mehr noch, durch das lebendige Vorbild seiner Mutter, welche niemals leere Phrasen drosch, sondern stets auch das lebte, von dem sie sprach.

Winonah bedeutete für Mino-nokomis Geborgenheit und Weisheit in einem, Schutz und Zärtlichkeit zugleich.

Die Geschichten und Mythen der Ojibwe, an langen Winterabenden vor dem Feuer erzählt und allabendlich an seinem Bettchen, vom leisen Klang Winonahs kleiner Handtrommel untermalt, waren seine zweite Heimat geworden, die erste Heimat aber war dort, wo immer auch seine Mutter sich gerade befand, an ihrer Seite unterwegs im Wald, genauso wie hier in diesem alten Holzfällerhaus.

Nun aber ging Mino-nokomis an der Hand seines Vaters auf jene fremden Häuser zu und zugleich von der Mutter weg, das spürte er wohl. Sein Herz pochte ihm ängstlich bis zum Hals. Ein Gefühl der Verzweiflung und Ohnmacht bemächtigte sich seiner Seele, ebenso wie ein Gefühl unbändigen Widerstrebens, welches ihn letztlich dazu veranlasste, sich wie ein störrischer Esel von seinem Vater ziehen zu lassen.

Doch Elias Morgan war ein Mann der Tat, eine schallende Ohrfeige machte Mino-nokomis ohne Weiteres wieder Beine. Und so stolperte er, mit den Tränen kämpfend, hinter seinem Vater her. Im Grunde war diese Ohrfeige bereits der erste Kontakt mit jener anderen Welt, von der sein Vater annahm, dass es an der Zeit sei, seinen Sohn mit ihr vertraut zu machen.

Winonah schlug ihren Sohn niemals. Sie hatte in den vergangenen Jahren einen Kokon aus Erinnerungen und Mutterliebe um Mino-nokomis gesponnen und es tatsächlich fertiggebracht, ihr Kind inmitten einer weißen Welt, wie einen Ojibwe zu erziehen. Handgreiflichkeiten hatten da in keiner Weise Berechtigung und Raum gehabt.

Entsprechend überrascht und bestürzt war Mino-nokomis, während er hinter dem Vater her auf das gelb gestrichene Haus der Sattlers mit ihrem Krämerladen zustolperte.

Als Elias Morgan die Tür des Krämerladens öffnete, erklang das helle Geläut der kleinen Glöckchen über der Tür. Mino-nokomis blickte erstaunt in die Höhe, entdeckte die tanzenden, schimmernden Glöckchen und streckte unwillkürlich seine Hand nach ihnen aus. Doch schon im nächsten Moment bestürmten ihn weitere bunte Eindrücke, dicht gedrängt im Inneren des Krämerladens und nicht zuletzt auch der Anblick der stämmigen, großen Frau hinter dem Tresen, mit ihrem üppigen, wogenden Busen und Haaren so hell wie der Weizen im Sommer.

Am Boden saß ein kleiner Junge, nicht viel größer als er selbst, mit geradezu unglaublich hellen Haaren und blauen Augen. Zum ersten Mal sah Mino-nokomis einen Menschen, der noch so klein, so jung war, wie er.

Beide Kinder starrten sich verdutzt an und ließen sich im Folgenden nicht mehr aus den Augen. Nach einer Weile, einigen aufmerksam forschenden Augenblicken, wagte Mino-nokomis ein zaghaftes Lächeln, das zögerlich erwidert wurde. Leise löste sich Mino-nokomis aus dem Schatten seines Vaters und trat zwei vorsichtige Schritte auf den anderen Knaben zu. Ohne Unterlass betrachteten sie sich gegenseitig mit unverhohlener Neugierde, sprachen dabei aber kein einziges Wort.

Als Elias Morgan mit seinem Sohn und einem Strang Tabak einige Minuten später den Laden wieder verlassen hatte, bestürmte David seine Mutter mit Fragen: „Was war das für ein seltsamer Junge? War das der Sohn der Wilden, von der immer geredet wird?

Wie heißt der Junge denn? Warum war er bisher noch nie hier?“

Fragen über Fragen! Mary Sattler seufzte aus tiefster Seele. Sie war von dieser unverhofften Begegnung keineswegs begeistert und wäre mit so etwas zu rechnen gewesen, sie hätte es, weiß Gott, zu verhindern gewusst!

Aber nun war es geschehen und das Glitzern in den Augen ihres Sohnes gefiel ihr ganz und gar nicht. Anstatt auf seine Fragen einzugehen, beeilte sie sich, ihn an seine Pflichten zu gemahnen und ihn aus dem Verkaufsraum zu scheuchen.

„Raus mit dir, im Lager wartet ein ganzer Berg Handschuhe auf dich und dass du sie mir ordentlich nach Größen sortierst!“

Gedankenversunken blickte sie ihrem Sohn hinterher: „Nichts als Flausen im Kopf, nichts als Ärger mit dem Jungen! Auf der anderen Seite darf ich mich wohl nicht beschweren. Wie oft schon hab‘ ich mir anhören müssen, dass David mir auf der Nase herumtanzt, dass er mich beständig um den kleinen Finger wickelt und das Schlimmste daran ist, dass es auch noch stimmt!“ Mary seufzte tief. Ach, sie konnte ihm einfach nicht wirklich böse sein! Vielleicht lag es ja tatsächlich daran, wie sie es selbst den anderen immer wieder entschuldigend entgegenhielt, dass er ihr jüngstes und wahrscheinlich auch ihr letztes Kind war, ihr Nesthäkchen und natürlich auch daran, dass sie beide bei der Geburt um ein Haar gestorben wären.

Vielleicht lag es aber auch einfach an David selbst. Er hatte eben eine so überwältigend unbekümmerte, lebensfrohe Art und zudem die äußerst nützliche und hilfreiche Gabe, im Bedarfsfall geradezu mitleiderregend zerknirscht und reumütig auszusehen, so dass er auch anderweitig manch eine verhärtete Seele dazu veranlasste, gegen alle Gewohnheit Gnade vor Recht ergehen zu lassen.

Der Gedanke an dieses Halbblut aber ließ Mary den ganzen Tag über nicht mehr los und ihren Sohn noch viel weniger. David hatte natürlich schon viele Male darüber tuscheln und tratschen gehört, dass es in dem am Waldrand gelegenen Haus des Fallenstellers eine Indianerin mit einem Kind gäbe. Aber bisher waren sie ihm noch nie zu Gesicht gekommen und er hatte sich seinerseits auch noch niemals bis dorthin getraut, um einmal nachzusehen und er durfte es ja erklärtermaßen auch nicht. Zudem wusste er sehr wohl, dass ein Kind alleine weder im noch am Wald etwas verloren hatte, keine Frage.

Nun aber war seine Neugierde geweckt, war stärker als jedes Verbot.

David beschloss, sich bei der nächsten Gelegenheit bis zu dem Holzhaus des Fallenstellers hinauszuwagen.

Gleich am kommenden Tag witschte er unbemerkt davon und machte sich auf den Weg.

Das kleine Holzhaus lag auf einer leichten Anhöhe, beinahe zur Hälfte im Schatten des Waldes verborgen. Es war weiter vom Ort weg gelegen, als David vermutet hatte.

Endlich angekommen, wusste er dann nicht recht, was er nun eigentlich tun sollte. Einfach hinzugehen und anzuklopfen war kein Gedanke, das wagte er nicht. Nach einigem hin und her beschloss er endlich, leise und mit gebührender Vorsicht, das Holzhaus im großen Bogen zu umrunden und dabei gründlich in Augenschein zu nehmen. Wie wild pochte sein Herz, als er auf Zehenspitzen begann, um das Haus zu schleichen.

„Waenaesh k‘doadem?“

Sehr leise, kaum wahrnehmbar vernahm David eine flüsternde Stimme und fuhr erschrocken herum. Nur einige Schritte hinter ihm stand dieser fremdartige Junge, blickte ihn sichtlich überrascht aus großen, dunklen Mandelaugen an und stellte ihm erneut in flüsterndem, beinahe atemlosen Ton jene für David vollkommen unverständliche Frage: „Waenaesh k‘doadem?“

Mino-nokomis stellte diese Frage, ohne weiter darüber nachzudenken, in jener Sprache, die ihm die geläufigste war, und er stellte sie, weil genau diese Frage immer die erste sein sollte, wenn man einem Unbekannten begegnete, so hatte es ihn seine Mutter gelehrt. Als er jedoch das Unverständnis in den blauen Augen des anderen Knaben sah, besann er sich und wiederholte seine Frage ein drittes Mal, nun aber in der Sprache seines Vaters: „Was ist dein Totem?“

Doch auch jetzt wusste David nicht, was er erwidern sollte. Schweigend musterten sich die beiden Knaben, der eine unsicher, doch äußerst fasziniert von der Andersartigkeit seines Gegenübers, der andere überrascht und beglückt von dem Umstand einen Jungen in seinem Alter vor sich zu haben. Nur um etwas zu sagen, stellte David eine Frage, deren Antwort ihm bereits bestens bekannt war: „Du wohnst hier?“

Der andere nickte: „Ja, ich wohne hier, in dem Haus.“

„Aber warum bist du nie bei uns unten im Dorf?“ Mit gesteigertem Interesse begutachtete David sein Gegenüber und wartete gespannt auf dessen Antwort. Mino-nokomis zuckte mit den Schultern und sagte: „Nimaamaa sagt, das ist nicht gut, sie sagt ich bin fremd dort.“

„Und was machst du hier dann so, den ganzen Tag?“ David sah ein Leuchten durch die dunklen Augen gehen, und mit einer fließenden Handbewegung wies dieser seltsame Knabe in Richtung des Waldes und flüsterte: „Der Wald, er ist mein Freund.“

„Na, ich weiß ja nicht, im Wald ist es verdammt gefährlich! Meine Mutter hat mir streng verboten, alleine in den Wald zu gehen. Hüten soll ich mich davor, hat sie gesagt!“

Erstaunt betrachtete Mino-nokomis das gewichtig dreinblickende Gesicht des anderen.

Winonah war gewiss immer um Mino-nokomis besorgt, das wusste er ganz sicher und doch hatte sie niemals Sorge um ihn, wenn er seine kleinen, sich aber ganz allmählich immer mehr ausweitenden Streifzüge in den Wald hinein unternahm.

Auf ihren unzähligen gemeinsamen Wanderungen hatte er den Wald niemals als bedrohlich empfunden, sondern ganz im Gegenteil als Schutz, als Hort seiner selbst und so vieler verschiedener Lebensformen, als großzügigen Spender all dessen, was ein jeder zum Überleben brauchte. Es war ihm durchaus vorstellbar, sich im Schutz des Waldes verbergen zu wollen, sich aber vor dem Wald selbst zu fürchten, ihn aus Angst zu fliehen, lag jenseits von Mino-nokomis Vorstellungskraft.

Verständnislos sah er in das Gesicht des blonden Jungen.

„Kennst du dich aus, ich mein‘ im Wald?“, fragte dieser zweifelnd und doch von Neugierde erfüllt.

„Ein bisschen, ja! Und jeden Tag ein bisschen mehr.“

„Würdest du mich mal mitnehmen?“

Ein Leuchten huschte über Mino-nokomis Gesicht, als er mit glänzenden Augen und einem Nicken einwilligte.

„Gut! Fein! Aber heute leider nicht mehr, ich muss jetzt nämlich schleunigst nach Hause.“ Verschwörerisch senkte David seine Stimme: „Du darfst aber keinem verraten, dass ich hier draußen war und so, hörst du? Keiner Menschenseele, in Ordnung und großes Ehrenwort?! Ich komme wieder, sobald es geht.“

David drehte sich auf dem Absatz um und lief eilig nach Hause. Die Gedanken wirbelten in ihm durcheinander und in dieser Nacht wanderten seine Träume durch dunkle, unergründliche Wälder und er ging immer an der Seite dieses eigenartigen Jungen mit diesem seltsamen Blick aus warmen, dunklen Augen und obwohl David im Traum darüber selber verwundert war, verspürte er an seiner Seite, auf den zwielichtigen, verwunschenen Pfaden des Waldes, keine Angst.

Es war Mary Sattler nicht entgangen, dass David sich in den letzten Wochen immer wieder aus dem Staub machte und auf Stunden nicht wieder aufzufinden war. Sie hatte so ihre Ahnungen, ihre düsteren Befürchtungen, wo er sich herumtrieb und vor allem aber mit wem! Nachdenklich blickte sie aus dem Fenster, es begann bereits dunkel zu werden und ihr Jüngster war wieder einmal nirgendwo in Sicht.

Als David dann gerade noch rechtzeitig zum Abendbrot erschien, hielt sie es einfach nicht mehr aus und fing ihn noch vor der Haustüre ab.

„David! Du treibst dich doch mit diesem Halbblut herum! Sei ehrlich!“ Streng und forschend blickte Mary, unübersehbar erfüllt von Sorge und Tadel, ihrem Sohn in die Augen.

Dieser war sich gänzlich unschlüssig, ob nun ein reumütiger oder besser ein vollkommen unwissender Blick hilfreich wäre und betrachtete seinerseits forschend das aufgebrachte Gesicht seiner Mutter.

Einer inneren Eingebung folgend, sagte er schließlich: „Er ist sehr nett, Mama, wirklich!“

„Himmel Herrgott, ich hab‘s ja geahnt! David, das muss aufhören, hörst du?! Und zwar heute noch!“

„Aber wieso denn, Mama?“ Unglücklich und zerknirscht richtete David einen fragenden und gekonnt von kindlicher Unschuld durchzogenen Blick auf die Mutter, die in ihrer Ratlosigkeit seufzend die Hände rang.

„Das ist einfach kein Umgang für dich, David, wo kämen wir denn da hin!“

„Aber warum?“

„Dann sieh ihn dir doch einmal an! Dieser Junge ist ein halber Wilder, ein Bastard. Er gehört nicht zu uns, glaub mir, von so einem kommt nichts Gutes!“ Beschwörend sah Mary Sattler ihren jüngsten Sohn an.

„Er ist wirklich sehr nett“, sagte dieser, beharrlich wie er war, einfach noch einmal.

Mary ahnte in diesem Moment, dass sie sich in ihrem Bestreben zu retten, was noch zu retten war, auf verlorenem Posten befand. Dennoch war sie nicht bereit, so schnell aufzugeben. Es blieb einzig die Frage, wie sie nun am besten vorgehen sollte.

4

Das kalte, regnerische Herbstwetter ging nahtlos über in einen verschneiten und klirrend kalten Winter. Der strenge Frost ließ selbst die Säfte in den Baumstämmen gefrieren, so dass es unaufhörlich im Wald knackte und krachte und manch ein Baum zerbarst.

Mino-nokomis lag in seine warmen Decken gekuschelt in seinem Bett, an der Seite der Eltern und lauschte den Geräuschen des Waldes. Die dichte Schneedecke veränderte jeden Laut auf eigentümliche Weise. Alles klang seltsam dumpf und klar zugleich.

Mino-nokomis‘ Gedanken wanderten durch den Wald des Schnees und weg dann von dessen tief verschneiten Pfaden, hinein in den bunten Wald des Herbstes und während er noch in Gedanken die Wege des Waldes der bunten Blätter betrat, schlief er ein.

Seite an Seite ging er mit David durch den bunten Herbstwald. Ein silbergrauer Luchs saß nur ein Stück entfernt von ihnen auf dem Pfad und blickte beide Jungen abwartend und nachdenklich an.

Mino-nokomis bedeutete seinem Freund mit einer sanften Berührung innezuhalten und wies voller Ehrfurcht auf Bizhiu, den Luchs, das Totemtier seiner indianischen Familie.

Als Mino-nokomis am nächsten Morgen erwachte, brannte er darauf, Winonah von seinem Traum zu erzählen. Zärtlich schmiegte er sich an ihren Rücken, während sie vor dem Kamin kniete und Holzscheite im Halbrund vor dem wärmenden Feuer aufschichtete, um sie dort trocknen zu lassen.

„Nimaamaa, ich habe heute Nacht von Bizhiu geträumt.“

Winonah blickte einen Moment lang aufmerksam in das Gesicht ihres Sohnes und als sie sich langsam wieder den Holzscheiten zuwandte, fragte sie: „War es ein guter Traum, hm, was meinst du?“

„Ja, ich glaube schon. Ich ging mit David durch den Wald der bunten Blätter. Bizhiu saß ein gutes Stück vor uns und blickte uns an.“

„Er blickte euch an, euch beide?“

„Ja, und als er uns eine Weile nachdenklich angesehen hatte, stand er langsam auf und ging in aller Seelenruhe davon.“

Zärtlich strich Winonah eine Strähne des seidig glänzenden, bald schulterlangen Haares aus dem Gesicht ihres Sohnes. „Dieser Traum ist ein Geschenk, mein Sohn, du musst ihn in Ehren halten.“

Winonah lächelte nachdenklich und strich erneut über Mino-nokomis‘ tiefschwarzes Haar. Sie spürte tief in ihrem Innersten, dass der von ihr gewobene, watteweiche Kokon, der Schutzmantel ihrer kleinen gemeinsamen Welt, Risse bekam und sie fühlte ebenso, dass dies auch weiterhin unvermeidbar geschehen würde, ja, sogar geschehen musste. Und dieser Traum war ein Zeichen dafür.

Als dann im späten März die ersten Sonnenstrahlen den Schnee in viele kleine Schmelzbäche verwandelten, erschien Davids Blondschopf vor Elias Morgans Holzhaus. Doch diesmal schlich er nicht ängstlich um das Haus herum, nein, diesmal fasste er sich ein Herz und klopfte laut und vernehmlich an die Tür. Als Winonah vorsichtig einen Spalt weit öffnete, zögerte er nur einen kurzen Augenblick und sagte dann beherzt: „Wünsche einen schönen Tag, Mrs. Morgan. Ob ich Silas wohl besuchen dürfte?“

„Ja natürlich, komm nur herein!“ Winonah bedeutete David mit einer freundlichen Geste einzutreten. Die behagliche Wärme des Feuers umfing ihn angenehm, und nachdem sich seine Augen an das Halbdunkel des Raumes gewöhnt hatten, machte er ein dunkles Paar Mandelaugen aus, das ihn glücklich anstrahlte.

Das Innere des Holzhauses war für David allerdings eine arge Enttäuschung. Er hätte nicht direkt zu sagen vermocht, was er eigentlich erwartet hatte, aber er wusste ganz genau, dass es gewiss nicht das gewesen war, was sich ihm nun im Holzhaus der Morgans darbot, nämlich nichts weiter, als eine einfache Behausung, wie es tausend andere gab.

Ein grober Holztisch nahm die Mitte des Raumes ein, umrahmt von lediglich drei Stühlen, woraus leicht zu schließen war, dass Gäste in diesem Haus nicht gerade eben erwartet wurden.

Auf einem dieser Stühle saß breitbeinig Elias und sagte schmunzelnd: „Na, wen haben wir denn da?“

Ein ordentliches Feuer prasselte im Kamin, vor dem einige Felle lagen und auf einem dieser Felle saß Silas und strahlte ihn an. Auf seinem Schoß lag ein aufgeschlagenes Buch.

David konnte es nicht fassen! Das war ja nun tatsächlich eine kleine Sensation. Also, dass jemand freiwillig las und ganz besonders, dass es Silas war, der da freiwillig sein Gesicht in einem Buch vergrub, verblüffte David enorm, nie und nimmer hätte er so etwas erwartet. Offen gestanden hätte er es nicht einen Moment lang für möglich gehalten, dass Silas überhaupt lesen konnte.

Mino-nokomis hatte in der Zwischenzeit längst sein Buch beiseite gelegt und David mit einer einladenden Geste aufgefordert, sich zu ihm an das wärmende Feuer zu setzen.

Erneut zog ein strahlendes Lächeln über sein freundliches Gesicht. Eine gute Weile saßen sie umhüllt von der Wärme des prasselnden Feuers und erzählten sich einander dies und das. Sie alberten herum und später bauten sie ein kleines Dorf aus dem aufgestellten Kaminholz, was Winonah, zu Davids grenzenlosem Erstaunen, nicht weiter zu stören schien.

Als David sich wieder gründlich aufgewärmt hatte, bekam er Lust, mit Silas hinaus in den Schnee zu gehen. „Silas, lass uns rausgehen, ja?“

Fragend blickte Mino-nokomis zunächst seine Mutter, dann seinen Vater an. Während der Vater seinem Sohn aufmunternd zunickte, machte die Mutter eine auffordernde Handbewegung zur Tür hin, lachte und sagte etwas in einer Sprache, die David nicht verstand. Nun hatte Mino-nokomis nichts Eiligeres zu tun, als in seine dicken Stiefel zu schlüpfen, seine warme Jacke anzuziehen, seine Mütze nicht zu vergessen und mit dem Freund schleunigst nach draußen zu verschwinden.

Obwohl bereits Mitte März, schlug ihnen die Luft schneidend kalt entgegen. Es schmerzte fast zu atmen und zugleich tat es so wohl, die klare Luft tief in sich hineinzusaugen und die Sonnenstrahlen in den verbliebenen Schneefeldern glitzern zu sehen, so hell, so stark, dass sie die Augen blendeten.

Mit einem hellen Schrei durchschnitt Mino-nokomis die gedämpfte Stille ringsumher und ehe David es sich versah, hatte ihn Mino-nokomis lachend mit einer guten Handvoll Schnee beworfen. David war hier in seinem Metier und nahm begeistert die Herausforderung an. Sofort war eine spielerische Rauferei im Gange, das erste Kräftemessen zwischen zwei Freunden, mit kindlichem Eifer und Ernst betrieben.

David musste im Verlauf dieser übermütigen Rangelei voller Verwunderung feststellen, dass er Silas unterlegen war. Zwar war David ein ganzes Stück größer als er, vielleicht war er auch stärker als der Freund, aber dieser legte dafür eine derartige Geschicklichkeit und Wendigkeit an den Tag, dass David ihm beim besten Willen nicht gewachsen war. Mit geröteten Wangen und noch vollkommen außer Atem, betrachtete David seinen Freund mit einer guten Portion neu hinzugewonnenen Respekts.

Bester Laune klopfte David einen Rest Schnee von seiner schon mehrfach geflickten Hose, einem uralten Erbstück von seinem Bruder Edwin, klopfte dann Silas anerkennend auf die Schulter und lachte ihn dabei sehr zufrieden an.

Gemeinsam marschierten sie zurück zum Haus und hingen, erhitzt und zufrieden mit sich und der Welt, eine Weile schweigend ihren Gedanken nach.

David zog geräuschvoll die Nase hoch, ehe er Silas die Frage stellte, die ihm gerade durch den Kopf gegangen war: „Sag mal, was war denn das für ein Buch vorhin?“

Mino-nokomis blickte einen kurzen Moment lang in das Gesicht des Freundes, dann konzentrierte er sich wieder auf den von tückischen Eispfützen durchzogenen Weg.

„Es ist nicht direkt ein Buch. Es sind ganz viele einzelne Zeitschriften, von einem ganzen Jahr, irgendjemand hat sie gesammelt und wie ein Buch binden lassen.“

Erstaunt blickte David Silas an: „Aber wer macht denn so was?!“

Das Unverständnis in seinem Gesicht war nicht zu übersehen. Mino-nokomis überlegte einen Augenblick und antwortete dann: „Ich weiß es nicht. Vielleicht war es ja jemand, der keinen Teil von der Geschichte verlieren wollte, aber nein, dann wären sicherlich auch die letzten Teile dabei, nicht wahr?“ Er seufzte bedauernd.

„Was für eine Geschichte denn?“ David begann allmählich neugierig zu werden.

„Es ist die Geschichte eines Jungen, nicht viel älter als wir, in einer anderen Welt, mit Häusern und Herzen aus Stein. Der Junge heißt Oliver, Oliver Twist.“

Na, das klang ja nun nicht gerade aufregend …

„Und wo hast du das Buch her?“

„Mein Vater hat es mir geschenkt. Er hat es irgendwo für mich gegen etwas anderes eingetauscht.“

„Dein Vater schenkt dir Bücher?“ Ungläubig sah David Silas an. Dieser lachte nur und antwortete: „Nein! Er hat mir nur dieses eine geschenkt, sonst keins. Er hat gesagt, dass es von den Menschen handelt, die hinter den großen Wassern leben. Er sagt, dass von dort seine Eltern gekommen sind.“ Leise und nachdenklich fuhr Mino-nokomis zu sprechen fort: „Meine Wurzeln umfassen die halbe Welt und deshalb bin ich auch überall zu Hause, sagt er, ich bin ein Ojibwe und ein Weißer zugleich.“

Grübelnd runzelte er die Stirn und blickte mit zusammengekniffenen Augen in das strahlende, wolkenlose Blau des Himmels, seufzte leise und sagte dann: „Ich weiß nicht recht, ob das so stimmt, was er da sagt.“

Fragend blickte Silas zu David, doch dieser, solch tiefschürfende Gespräche überhaupt nicht gewöhnt, schaute ratlos zu Boden, um dem Blick des Freundes zu entgehen und kickte bei jedem Schritt ein Häufchen Schnee vor sich her.

Mino-nokomis spürte die Befangenheit seines Freundes und fragte ihn deshalb kurz entschlossen: „Was hältst du davon? Wir gehen jetzt gleich zu mir nach Hause und ich lese dir am Feuer ein bisschen von der Geschichte aus meinem Buch vor und Nimaamaa macht uns etwas Warmes zu trinken.“

Erleichtert löste David seinen Blick vom Boden und willigte ein, äußerst dankbar für den unverfänglichen Themenwechsel: „Gerne! Mir wird auch langsam kalt.“

Behaglich von der Wärme des Kaminfeuers umfangen, den Bauch mit heißer Brühe gefüllt, lauschte David der Geschichte, die sein Freund ihm da erzählte.

Mino-nokomis war schnell davon abgekommen, die abenteuerliche Geschichte von Oliver Twist vorzulesen. Stattdessen hatte er begonnen, sie dem Freund mit seinen eigenen Worten zu erzählen, und er erzählte sie ihm nicht nur mit Worten, nein, alles an ihm schien zu sprechen, seine Augen, seine Hände, sein ganzer Körper.

Fasziniert lauschte David der spannenden Geschichte, verfolgte sie mit seinen eigenen Augen. Er sah Oliver, Miss Nancy, den alten Juden und Charley Bates und wie sie alle hießen, so deutlich vor seinem inneren Auge, dass er fast meinte, nach ihnen greifen zu können. David ließ sich von Mino-nokomis Erzählung entführen, durchlebte mit ihm und Oliver Twist Freud und Leid, bis dann, sehr zu Davids Bedauern, der Augenblick gekommen war und Mino-nokomis die Geschichte, in Entbehrung der letzten Kapitel, auf seine Weise zu einem Ende führte.

Es herrschte für einen Moment atemlose Stille im Raum, nachdem Mino-nokomis seine Erzählung beendet hatte.

David griff nach dem bereits reichlich abgegriffenen dicken Buch mit dem speckigen Ledereinband, wog es eine Weile in beiden Händen und fragte schließlich nachdenklich: „Woher kannst du eigentlich lesen?“

„Mein Vater hat es mir beigebracht. Von ihm habe ich eure Sprache gelernt und von meiner Mutter die Sprache der Ojibwe.“

David nickte langsam, als sein Blick durch das kleine, beschlagene Fenster auf den mittlerweile schon dunkel gewordenen Himmel fiel.

„Oh, verflucht! Ich muss sofort heim! Verdammter Mist, das gibt Ärger!“ Entsetzen hatte sich im Nu in Davids Gesicht und Herzen breitgemacht und schon im nächsten Augenblick war er aufgesprungen, zog sich hastig Stiefel und Jacke an, grapschte sich schnell noch seinen Hut und verabschiedete sich, während er schon halb aus der Türe gestürmt war.

Keuchend rannte er nach Hause. Oh, verflucht! Er hatte die Zeit einfach vergessen. Wie spät mochte es wohl sein? Was sollte er zu Hause nur erzählen?

Seine Lungen schmerzten erbärmlich, als er endlich mit rotgefrorener Nase und völlig atemlos zu Hause ankam.

Wie er es sich bereits gedacht hatte, empfing ihn an diesem Abend der Vater persönlich, was unmissverständlich bedeutete, dass das Maß nun voll war und die in so einem Fall unvermeidliche Abreibung durch den Vater erfolgte stehenden Fußes.

Schmerzhaft und demütigend wie immer, wurde sie diesmal auch noch mit der unangenehmen Frage nach seinem Aufenthalt garniert.

„Wo warst du!“, brüllte der Vater ein ums andere Mal.

David wiederum, vollauf damit beschäftigt, den Schlägen des Vaters zu entgehen, verlegte sich darauf zu winseln und zu betteln, während er die immer wieder gestellte Frage des Vaters einfach zu ignorieren versuchte. Was hätte er ihm auch antworten sollen? Irgendwann war seine Mutter dazugekommen und hatte versucht, dem Vater Einhalt zu gebieten. In ihrem fruchtlosen Bemühen platzte sie schließlich mit der Wahrheit heraus: „Jetzt hör schon endlich auf, George! Ich kann Dir genau sagen, wo unser Herr Sohn sich rumtreibt!“

Mit einem Mal war Stille. Abrupt hielt Sattler inne und blickte seine Frau erstaunt an, während diese unbeirrt damit fortfuhr, Davids schlimmste Befürchtungen in die Tat umzusetzen.

Klagend hob sie erneut zu sprechen an: „Beim Fallensteller treibt er sich rum! Mit dem seinem Sohn treibt er sich rum! Er lässt‘s einfach nicht, was ich auch sag‘!“ Hilflos hob sie ihre Hände und ließ sie wieder sinken.