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Die Theorie Pierre Bourdieus wird häufig als eine Synthese klassischer Ansätze bezeichnet, wobei typischerweise Weber, Durkheim und Marx als zentrale Referenzfiguren benannt werden. Kontextualisierenden Aussagen dieser Art kommt jedoch nicht lediglich ein disziplinhistorischer, sondern vielmehr auch ein systematischer Wert für die Verortung von Theorien zu, und damit: für die Bestimmung ihrer spezifischen Perspektivität und Anwendbarkeit. Worin genau die jeweiligen Anleihen zu sehen sind, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen und inwieweit eine Fokussierung auf die genannten Autoren überhaupt gerechtfertigt ist, bleibt allerdings in der Regel unklar. Daniel Witte rekonstruiert die zentralen Erbstücke Max Webers, Emile Durkheims und Georg Simmels in Pierre Bourdieus Werk. Hierzu wird Bourdieus Ansatz in einem ersten Teil als Feldtheorie, d. h. mit Blick auf seinen differenzierungs- und gesellschaftstheoretischen Anspruch gelesen. In einem zweiten Teil werden die genannten Klassiker auf drei zentrale Aspekte der soziologischen Theorie hin befragt: die kategoriale Fundierung ihrer soziologischen Analytik, ihre Konzeptualisierung von Macht und Herrschaft sowie ihren differenzierungstheoretischen Gehalt. In der theorievergleichenden Zusammenschau ergibt sich mit dieser Studie das Bild Bourdieus als das eines modernen Klassikers, der fest auf den Schultern der Riesen des Faches steht, sich gegenüber einer oft unterstellten Nähe zu Marx jedoch als heimlicher Nachfolger Simmels erweist. Seine Gesellschaftstheorie zeigt sich vor diesem Hintergrund von neuen Seiten.
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Seitenzahl: 1206
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Vorwort von Werner Gephart: Être sociologue, c’est maîtriser les maîtres
Vorwort und Danksagung
Einleitung: Bourdieu und das Erbe der Klassiker
Erster Teil: Großtheoretiker wider Willen? Grundzüge der Habitus-Feld-Theorie
I. Metaphoriken und Kernbegriffe: Das Innen der Felder
1. Metaphorische Spiegelungen: Kräftefelder – Spielfelder – Kampfschauplätze
2. Zur Eigenlogik von Feldern
II. Wechselwirkungen und Felderverhältnisse: Das Außen der Felder
1. Sozialer Raum und soziales Feld: Versuch einer Rejustierung
2. Zur Wechselwirkung von Feldern
III. Kapital und Klassenkampf: Zur konflikttheoretischen Lesart
1. Akkumulation und Transformation der Kapitalformen
2. Zur Rehabilitierung des Klassenbegriffs
IV. Habitus, Praxis und Relationalität: Zur praxeologischen Lesart
1. Der Habitus als Inkorporation des Sozialen
2. Exkurs über die Methode: Relationalität und die Theorie der Praxis
Zwischenfazit
Zweiter Teil: Auf den Schultern von Riesen – Eine Spurensuche
V. Emile Durkheim
1. Auf der Suche nach den elementaren Einheiten des Sozialen
2. Das Heilige und der Staat: Zu Durkheims (un)politischer Soziologie
3. Differenzierung als Arbeitsteilung und das Problem gesellschaftlicher Integration
4. Im Schatten des Patrons: Bourdieu und Durkheim
VI. Max Weber
1. Soziologie als Wissenschaft vom sozialen Handeln in Ordnungen
2. Charisma und Klassenlage: Zu Webers Herrschaftssoziologie
3. Differenzierung als Rationalisierung und das Problem konfligierender Wertsphären
4. Zum Feldbegriff und darüber hinaus: Bourdieu und Weber
VII. Georg Simmel
1. Untersuchungen über die Formen relationaler Vergesellschaftung
2. Macht als Form und Relation: Zu Simmels Soziologie von Über- und Unterordnung
3. Differenzierung als Individualisierung und das Problem moderner Identität
4. „Nicht unbedingt ein großer Denker“? Bourdieu und Simmel
Zusammenfassung und Ausblick:
„…sieht weiter als die Riesen selbst“?
Literaturverzeichnis
„The history of sociology is not, or should not be, analogous to archaeology. It is, or it should be, an indispensable element in the present practice of sociology, and where it is not, the reason is rarely that it is genuinely superfluous. One peculiar feature of sociology, distinguishing it both from the natural sciences and, interestingly, from economics, is that it is rarely possible to say of it that theory has genuinely moved on, including what was valid in the past as special cases or partial truths in what is acceptable to the present. This feature is only a weakness so long as it goes unrecognized. Two primitive, but prevalent, errors are then possible. Either the sociologist uses the theories of the past unconsciously, thereby accepting current, and necessarily distorted, interpretations of their methods, concepts and insights, or else he consciously rejects them as in principle defunct, which, unless he is a genius, leaves him impoverished and ill-equipped. Sociologists today, as Professor Shils has well said, still have much to learn, in a substantive way, from the works of their ancestors.“
Steven Lukes
„Comment réduire aux seules mentions explicites la présence de Platon dans les textes d’Aristote, de Descartes dans les textes de Leibniz, de Hegel dans les textes de Marx, et, plus généralement, de ces interlocuteurs privilégiés, que chaque producteur transporte dans tous ses écrits, maîtres don’t il s’est approprié les schèmes de pensée au point de ne penser qu’en eux et par eux, adversaries intimes qui peuvent commander sa pensée en lui imposant le terrain et l’objet du conflit?“
Pierre Bourdieu
Daniel Witte hat eine ungemein anregende Studie zum Werk Pierre Bourdieus vorgelegt. Die Arbeit beruht auf einer breiten Kenntnis der französischen Texte sowie ihrer Übersetzungen, die im Lichte einer doppelten Fragestellung gelesen werden: Es geht einmal um den Deutungsgewinn, den man erzielt, wenn man die Folie der Differenzierungstheorie für die mühsame Arbeit der Theoriekonstruktion ausschöpft, um dabei zum anderen auch das Verhältnis zu den Klassikern zu nutzen, die als Gründerväter der Disziplin unumstritten sind: Emile Durkheim, Max Weber und Georg Simmel. Dabei zieht sich eine Verbindungslinie zwischen den beiden Teilen der Studie über den Beitrag, den die genannten Autoren zur Differenzierungslehre geleistet haben. Der Gegenstand, bzw. das Material von Differenzierungsprozessen, waren dabei Sphären, soziales Leben und Formen der Vergesellschaftung, während der Autor völlig zu Recht Begriff und Metapher des Feldes ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Wer freilich mit Bourdieu über Bourdieu sprechen möchte, sieht sich erheblichen Anforderungen einer reflexiven Analyse reflexiver Soziologie ausgesetzt.
Hat man sich nämlich einmal von der Denkweise Bourdieus infizieren lassen – dafür reicht die schlichte Lektüre weniger Artikel – dann lässt sich eine Frage wie die nach dem Traditionsverhältnis eines soziologischen Autors, der zugleich ein öffentlicher Intellektueller war, kaum mehr naiv angehen, denn dann hat man sich der Selbstbeobachtung Bourdieus zu stellen, „que le passé de la science est un enjeu des luttes scientifiques presentes“. Mit den Mitteln der reflexiv-kritischen Selbstbeobachtung der Bourdieu’schen Soziologie wären also das ‚champ sociologique‘ aufzurollen und seine Gesetze, Illusionen und Orthodoxien zu benennen, um schließlich den Habitus zu entlarven, in dem der Beobachtete als Träger einer biographischen Illusion erscheint, das heißt eine Reduktion auf die Herkunft aus ‚einfachen Verhältnissen‘ vorgenommen wird, um ihm zugleich verallgemeinerte Eigenschaften eines Soziologenhabitus anzudienen, der dieser Klassenlage virtuell entzogen ist, um all die Eigenschaften des ‚kritischen Kritikers‘ zu kultivieren, die der junge Marx in den Pariser Manuskripten den Verächtern der Arbeitsteilung zuschrieb. Freilich merkt man an diesem Beispiel, wie kompliziert es wird: denn es ginge ja nicht nur um das ‚historische champ sociologique‘, aus dessen Felderkämpfen Bourdieu zumeist siegreich hervorging, indem die Strukturierung des soziologischen Feldes in ‚chapelles‘, die Eroberung des Collège de France in einer ironischen Rede als Leçon sur la leçon im Sinne eines Machtspiels der Mandarine begriffen wurde, sondern: es wäre auch dasjenige soziologische Feld reflexiv in Rechnung zu stellen, aus dem man in Deutschland auf einen Autor des Formats von Pierre Bourdieu reflektiert!
Nähme man Bourdieu selbst beim Worte, dann wäre schon die Art der Themenstellung dieses Projektes verfehlt. Wie könnte man das Verhältnis zu den soziologischen Klassikern aus der Logik von Intertextualität oder Zitationshäufigkeiten begreifen, wo es doch um Interessen, Prestige, symbolisches Kapital und symbolische Gratifikationen geht? Welchen Beitrag leistet der Bezug auf Marx’ Kapitalanalyse für die Akkumulation symbolischen Kapitals im jeweiligen soziologischen Feld, die Evozierung einer ‚Wahlverwandtschaft‘ mit dem ‚Ideen- und Interessenmodell‘ von Weber für die Reputationsstrategien im Kampf um knappe Ressourcen der Anerkennung und das Verschweigen, wenn nicht die Unterschlagung einer Rezeptionsquelle, die vergiftet ist, weil ihr, wie bei Georg Simmel, in der guten Rezeptionshaltung der Année sociologique das Literarische und vermeintlich Ästhetizistische anhaftete, weil es einmal eine allzu große Nähe zum Konkurrenten Gabriel de Tarde indizierte?2 Sehen wir einmal von den Schwierigkeiten ab, eine solche Feldanalyse für die Lage der Soziologie in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg zu leisten, die ja auch die Zwischenkriegszeit sowie die Jahrhundertwende und ihre Kämpfe um disziplinäre Anerkennung zu berücksichtigen hätte, um neomarxistische Strömungen, konservative Linien der Weberrezeption und einen subkutanen Durkheimismus neben schlicht empiristischen, handlungsorientierten und vitalistischen Bewegungen im Kräftefeld der soziologischen Kämpfe sichtbar zu machen, so bliebe noch immer die kognitive Arbeit zu leisten, zu bestimmen, worin denn nun eigentlich die Pointen der Bourdieu’schen Soziologie bestehen und welche Vermächtnisse und Erbschaften hierbei der untersuchte Autor bewusst oder auch im Zustande des Nichtwissens oder Nichtwissenwollens angetreten hat.
Auf welchen Kraftakt sich der Verfasser einlässt, wird in den einleitenden Bemerkungen zum ersten Teil der Arbeit deutlich: nämlich einem Autor, dem Theorie eher als Nebenprodukt zufiel, theoretische Konsistenz zu verleihen, Brüche und Widersprüche aufzufangen, um mit Bourdieu die doxa einer Bourdieu-Rezeption aufzubrechen, die das Habitus- und Klassenkonzept in den Vordergrund der Lektüre stellt. Der Verfasser rückt dagegen die Metapher des ‚Feldes‘ und ihre soziologische Deutung in den Mittelpunkt, was eine Voraussetzung dafür ist, das Werk Bourdieus auch differenzierungstheoretisch lesen zu können. Freilich muss man zugestehen, dass die Frage der Entfaltung und Auseinanderentwicklung von Feldern im Sinne funktionaler und segmentärer, stratifikatorischer und zeitlicher Differenzierungsprozesse für Bourdieu wohl weniger relevant erschien als die ‚Binnenstruktur‘ der Felder und ihre Dynamiken. In den Gesprächen, die ich mit Bourdieu über diese Frage in den frühen 1980er-Jahren geführt habe, auch im Sinne einer Annäherung des System- und des Feldkonzeptes, äußerte sich Bourdieu eindeutig negativ, so als habe dies für seine soziologische Arbeit einfach keinerlei Relevanz. Dass es dabei allgemeine Eigenschaften von ‚Feldern‘ gäbe, deren semantisches Umfeld vom Verfasser sorgfältig herausgearbeitet wird, hatte Bourdieu bereits in einem an der École normale supérieur im November 1976 gehaltenen Exposé betont: Kampf, ‚accord‘ (wohl ‚Einverständnis‘ im Weber’schen Sinne), memoire, usf. als Bedingungen der Feldkonstitution im Sinne eines Spannungsaufbaus. In der sorgfältigen Rekonstruktion eines solchen Theoriehintergrundes vermag es der Verfasser sogleich, nicht nur Belesenheit, sondern souveräne Weitsicht in der Verknüpfung von Theoriekomplexen zu demonstrieren. Auch wenn die Lektüre dieser umfänglichen Arbeit dem Leser dabei durchaus Anstrengungen abfordert, so wird er immer wieder durch Funde entschädigt, die beispielsweise den biographischen Rückbezug der Habitustheorie reflektieren, in der klugen Beobachtung, „ob nicht vielmehr gerade in der De-Probabilisierung der eigenen Karriere durch das eigene Werk das eigentliche ‚biographische Meisterstück‘ [Bourdieus] zu entdecken wäre“.
Im zweiten Teil der Studie befasst sich der Autor mit den Bezügen auf die soziologischen Klassiker. Im Lichte der Bourdieu’schen Soziologie ist bereits diese Frage verdächtig: Denn die Ablösung von den Klassikern und die nonchalante Leugnung von Einflusszonen scheint bei Autoren wie Bourdieu und – interessanterweise auf demselben Originalitätsniveau agierend – bei Niklas Luhmann geradezu als Voraussetzung ihrer Theorieinnovationen angelegt. Freilich sind subjektiv gemeinter Sinn und objektiver Sinngehalt nicht identisch, und so ist es gute Tradition soziologischer Aufklärung, Autoren gegen ihr Selbstverständnis zu lesen! Im Bild von den Schultern der Riesen, das auch Daniel Witte aufruft, wird nun den Nachfahren der Trost angeboten, dass sie selbst als Zwerge auf den Schultern der Riesen noch weiter als diese zu schauen vermöchten. Nur stehen auch die vermeintlichen Riesen auf den Schultern anderer Riesenzwerge, so dass wir in aufgetürmten Zirkuspyramiden denken müssten, um dem Sachverhalt der Traditionsverbundenheit Rechnung zu tragen, den der Innovator leugnen mag, der Beobachter aber zu konstatieren genötigt ist.
Wenn sich der Verfasser nun auf die Spurensuche macht, um der Bedeutung der Klassiker, insbesondere Weber, Durkheim und Simmel, für das Werk Bourdieus nachzugehen, so wird die Pyramide von vornherein auf einer Ebene der Gründervätergeneration kupiert, deren Relevanz für die Genese und Ausgestaltung des Werkes zu erweisen ist. Ob nämlich diese horizontal angelegte Ideenkausalität oder aber eine in die Tiefe der eigenen Traditionen zurückreichende Linie für die Prägung eines Theorieprofils entscheidender ist, müsste sich erst im Laufe der Arbeit erweisen. Und ob der Blick d’outre-rhin auf diesseitige Soziologiekulturen, insbesondere die deutsche, von gewohnten Traditionen der Rezeptionsverweigerung und Verschleierung abgelöst werden kann, wie sie in Durkheims ‚Vergessen‘ des Simmel’schen Einflusses vorgezeichnet ist, bliebe zu prüfen. Dass es dabei um Belesenheit, Einfälle, verwischte Spuren und die Aufdeckung von Einflussängsten geht, hat mir Bourdieu einmal selbst bestätigt, als ich ihn 1983 zu einer Weber-Durkheim-Tagung einladen wollte. Seine ironische Replik: „On ne parle pas des gens avec qui on va se coucher“. Also: man spreche nicht über diejenigen, mit denen man zu Bett gehe – gemeint ist die Bettlektüre. Ein Bekenntnis also der intimen Beziehung zu diesen beiden Autoren, über die man gleichwohl, aus Gründen des Taktes, besser zu schweigen hätte. Dieses Taktgefühl muss sich der Verfasser nicht auferlegen. Dabei ist er nicht ganz der Versuchung entgangen, die Bezüge zu Durkheim, Weber und Simmel in eine sich selbst tragende Darstellung dieser Referenzautoren im Umfang kleiner Monographien zu verwandeln. Freilich gilt trotz dieses Einwandes: der mit Bourdieu geschärfte Blick führt eben auch zu einer theoriegeschärften Lektüre der Klassiker selbst, die sich im Lichte des theoretischen Nachfahrens auch anders und komplexer lesen lassen. Und so wird im Grunde ein unabschließbarer hermeneutischer Prozess der Intertextualität ausgelöst, der aber keineswegs zirkulär werden muss, solange die sehr bodenständigen Anliegen Bourdieus und übrigens auch die Kulturbedeutungs- und Relevanzfragen der in Bezug genommenen Klassiker präsent bleiben.
Es ist kein Zweifel, dass die Lektüre dieses schönen Werkes von großem Gewinn auch für den Kenner ist und sich darin auch noch einmal die Stärke der Theorie Bourdieus bestätigt, auch den Klassikern neue Seiten abzugewinnen, wenn man sich einmal seine aus der Forschungspraxis entwickelten Instrumente einverleibt, also als ‚Habitus‘ angeeignet hat. Damit erweist sich unser Autor als ‚Soziologe‘, insofern er, wenn ich ein Zitat Bourdieus („Être philosophe, c’est maîtriser ce qu’il faut maîtriser de l’histoire de la philosophie pour savoir se conduire dans un champ philosophique.“) auf die Soziologie übertrage, die ‚Geschichte der Soziologie zu beherrschen weiß, um sich als Soziologe im soziologischen Feld benehmen zu können‘.
1 Frei nach Pierre Bourdieu.
2 Vgl. hierzu die Analysen in Werner Gephart: Voyages sociologiques. France–Allemagne, Paris 2005, S. 51ff.
Pierre Bourdieu (1930-2002) gehört ohne Zweifel zu den bedeutendsten und bis heute meistrezipierten Sozialwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts. Die hier vorgelegte Studie, eine gekürzte, überarbeitete und aktualisierte Fassung meiner Doktorarbeit, die im Jahr 2011 von der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn als Dissertation angenommen wurde, wagt den Versuch, die ohnehin reichhaltige Sekundärliteratur zu Bourdieu um eine weitere, bislang nicht in angemessenem Umfang gewürdigte Perspektive zu ergänzen: Sie wagt den Versuch, das Erbe der klassischen soziologischen Theorie, repräsentiert durch die Werke Max Webers, Emile Durkheims und Georg Simmels, in seiner Analyse moderner Gesellschaften anhand einiger exemplarischer Fragestellungen aufzuspüren und detaillierter nachzuzeichnen, als dies bislang geschehen ist. Damit versteht sich die Arbeit als ein Beitrag, der durch die Hintertür der klassischen Soziologie vielleicht Bedeutungsschichten eines Werkes zu erschließen vermag, die andernfalls dem Verständnis und der Interpretation, aber auch der fruchtbaren Umsetzung in praktische Forschungsarbeit verschlossen bleiben könnten. Beobachtungen sind dabei stets selektiv und standortgebunden, und jede Beobachtung bringt ihre eigenen ‚blinden Flecken‘ hervor – dies gilt auch für soziologische Beobachtungen, gleich welcher Ordnung. Der Verfasser dieser Studie jedenfalls hat, wie es Georg Simmel formuliert, ‚mitgeteilt, was ihm zu sehen gelungen ist‘. Möglicherweise sind einige dieser Beobachtungen für den Leser der Arbeit von Interesse.
Ohne die Mitwirkung einer Reihe von Personen wäre die Publikation dieses Buches nicht möglich gewesen. Danken möchte ich daher zuvorderst Prof. Dr. jur. Dr. phil. h.c. Werner Gephart, der diese Arbeit betreut und mir dabei stets die nötige Freiheit gewährt hat. Ohne seine fortwährende Unterstützung, zunächst am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn und nun am Käte Hamburger Kolleg „Recht als Kultur“, würde dieses Buch sicher nicht vorliegen. Seine lebenslange Beschäftigung mit den Klassikern des Faches hat zudem ebenso wesentlich zur Ausrichtung der Studie beigetragen wie zu meiner Überzeugung, dass die Soziologie der Gegenwart nicht umhin kommt, immer wieder einmal auf die Schultern dieser Klassiker zu steigen. Mit Prof. Dr. Jörg Blasius befinde ich mich mittlerweile im Konsens über unseren Dissens in diesem Punkt – als Zweitgutachter, aus der Perspektive der Methodenlehre und Statistik, aber auch als Kenner der Bourdieu’schen Soziologie hat er diese Arbeit jedoch mit großem Sachverstand unterstützt und überaus wohlwollend begleitet, wofür ich ihm herzlich danken möchte. Den reibungslosen Ablauf der Prüfungsphase verdanke ich der freundlichen und unkomplizierten Unterstützung von Prof. Dr. Dirk Tänzler und Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner – auch ihnen sei herzlich gedankt. Dr. Karl-Heinz Saurwein danke ich für stets freundschaftlichen und zuverlässigen soziologischen Rat über viele Jahre.
Ohne Frage ist nicht nur die Soziologie ein ‚Kampfsport‘, wie es Bourdieu formuliert, sondern auch das Verfassen einer jeden Qualifikationsschrift. Auch wenn man als Doktorand dabei letztlich immer Einzelkämpfer bleibt, so hilft es doch mitunter gewaltig, sich des Rückhalts von Mitstreitern sicher zu sein. Heinrich Gbur, Dr. Siegfried Hermes, Dr. Thomas Vollmer, Cynthia Degen, Andreas Mühlichen, Dr. Jan Christoph Suntrup und Jure Leko haben in unterschiedlichen Phasen als Kollegen und Freunde den Prozess des Schreibens begleitet und auf verschiedenste Weisen geprägt; Jochem van der Voort und Steve Baker waren mir in einer Schlüsselphase wichtige Gesprächspartner in schlaflosen Nächten. Ihnen allen sei sehr herzlich gedankt. Mein besonderer Dank gilt Dr. Andreas Schmitz, mit dem ich zentrale Punkte dieser Arbeit – und vieles mehr – bei zahllosen Gelegenheiten diskutiert habe, sowie Dr. Youssef Dennaoui, der mich im und mit mir den alltäglichen Fluss der Praxis erträgt und dabei für die vorliegende Arbeit immer wieder wichtige Impulse gegeben hat. Mein Dank gilt auch der Universität Bonn, die mir ein Stipendium im Rahmen der individuellen Graduiertenförderung gewährt und so die Arbeit wesentlich erleichtert hat. Dem Universitätsverlag Konstanz und insbesondere Sonja Rothländer danke ich für die umsichtige und zügige Betreuung der Publikation und die Aufnahme in das Verlagsprogramm.
Mein inniger Dank gebührt meinen Eltern, die mir auch auf diesem Wegstück stets ein wichtiger Rückhalt waren, mich unterstützt und nie an meinen Entscheidungen gezweifelt haben. Mein größter Dank aber gilt meiner Frau Fidegnon, die nicht nur unzählige Fassungen der Arbeit gelesen, korrigiert und mich immer wieder zur stilistischen Ordnung gerufen hat, sondern vor allem auch in schwierigeren Phasen weit mehr Geduld mit mir hatte, als ich jemals hätte erwarten dürfen. Unsere wunderbare Tochter Coco Elisa hat nun doch noch vor diesem Buch das Licht der Welt erblickt, und ich wünschte, es wäre nur halb so perfekt geworden wie sie. Ihnen beiden, meiner Frau und unserer Tochter, ist diese Arbeit in großer Dankbarkeit und Liebe gewidmet.
„[J]ede systematisch abschließende Vollständigkeit wäre mindestens eine Selbsttäuschung. Vollständigkeit kann der Einzelne hier nur in dem subjektiven Sinne erreichen, daß er alles mitteilt, was ihm zu sehen gelungen ist.“
Georg Simmel
Die vorliegende Arbeit ist im Kern häretisch. Sie ist häretisch, weil sie in der Interpretation eines modernen Klassikers der orthodoxen Deutungslinie widerspricht und dieser gegenüber offen für eine alternative Lesart votiert, die, wenn auch in Ansätzen bereits an anderen Orten präsentiert, keineswegs als kanonisiert gelten kann. Sie mag häretisch wirken aber auch deshalb, weil sie doch, so scheint es, einigen der Kernanliegen gerade des hier im Mittelpunkt stehenden Autors in zentralen Punkten diametral und wohlintendiert zuwiderläuft. Widersprechen ihre Fragestellung und Verfahrensweise nicht allzu sehr der soziologischen Programmatik Pierre Bourdieus und den Direktiven, die dieser kritische und rastlose Geist3 unermüdlich an Schüler und Leser erteilt hatte?
In der von Mythologisierungen nicht freien Rezeption des Bourdieu’schen Werkes lassen sich zwei Tendenzen ausmachen, von denen nur eine mit dem eigentlichen Inhalt seiner Schriften in Deckung zu bringen ist. So wird – richtigerweise – immer wieder betont, dass es Bourdieu in methodologischer Hinsicht ein zentrales Anliegen gewesen sei, Theoriebildung und empirische Forschung eng miteinander zu verzahnen. Damit richtete sich sein Forschungsprogramm einerseits gegen theoretische Großentwürfe ohne wesentliche empirische Bodenhaftung – paradigmatisch vertreten durch die Vormachtstellung von Talcott Parsons (vgl. etwa Bourdieu/Wacquant 1996: 197, 213f.; Bourdieu 1996a: 258) – andererseits aber auch gegen denjenigen Typus empirischer soziologischer Forschung, der nur marginal und eher im Sinne eines ‚notwendigen Übels‘ auf zumeist unterkomplexen theoretischen Grundlagen ruht – wie sie im diffamierenden Ausdruck einer reinen ‚Variablensoziologie‘ noch heute als Negativbeispiel dient, oder wie sie ebenfalls zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem Erstarken der empirischen Sozialforschung vielerorts zu beobachten war und in den Forschungen um das Gravitationszentrum Lazarsfeld ihre (nicht nur für Bourdieu) idealtypische Ausprägung fand. Offenbar allzu leicht lässt sich hieraus allerdings der fehlerhafte Schluss ziehen, dass Bourdieu ganz allgemein ein ‚Theoretiker wider Willen‘ gewesen sei:4 Als ein zuallererst an der ethnologischen Tradition geschulter Forscher, habe ihm ‚Theorie‘ im emphatischen Sinne offenbar als Nebenschauplatz, vielleicht gar als ein Abfallprodukt seiner empirischen Studien gegolten – so das Bild, das in diesem Zusammenhang häufig gezeichnet wird, und das sich, so muss eingeräumt werden, auch auf entsprechende Aussagen und Selbstbeschreibungen Bourdieus stützen kann.5
Nun ist es richtig, dass ‚Begriffe‘ (und damit auch ‚Theorie‘ und ‚Theoriebildung‘ im Allgemeinen) für Bourdieu in allererster Linie als ‚Werkzeuge‘ dienten, gleichsam dem Erfordernis ständiger Anpassung an konkrete Forschungsarbeiten unterworfen und ganz sicher nicht Selbstzweck der soziologischen Arbeit, „gemacht […], damit man sie sieht“ (Bourdieu/Wacquant 1996: 195).6 Systematisierungsansätze seiner eigenen Theoreme sind spärlich gesät und zumeist entweder in gegenstandsbezogene Arbeiten eingeflochten oder aber mit den entsprechenden, unmissverständlichen Warnhinweisen versehen, hierin nun ja nicht die Aufgabe des Soziologen auszumachen, für den Begriffe und Theorien ja lediglich als Hilfestellung zur Erforschung der sozialen Wirklichkeiten zu dienen haben. Richtig ist ferner, dass die bruchlose Verknüpfung von theoretischer Reflexion und empirischer Forschungsarbeit in Bourdieus Schriften mustergültig vorgeführt und in methodologischen Exkursen und reflexiven Einschüben immer wieder hervorgehoben wurde (vgl. exemplarisch Bourdieu 1993b: 49f.; 1974b: 7ff.; 1998b: 13ff.; Bourdieu/Wacquant 1996: 212f.). Richtig ist insofern auch, dass Bourdieu selbst der „objektlosen Theorie der reinen Theoretiker“ (Bourdieu/Wacquant 1996: 198) mindestens ebenso negativ gegenüberstand wie „atomistische[m] Hyper-Empirismus“ (Bourdieu 1974b: 8f.) und „positivistischem Datenfetischismus“ (Bourdieu 2001b: 11), gegen den er sich in mitunter beißender Polemik verwandte.7 Richtig ist schließlich, dass die Rekonstruktion von Klassikern nicht gerade zu den von Bourdieu präferierten Arbeitsgebieten gehörte: Wenngleich die Ablehnung von ‚Exegese‘ bei ihm nie ganz das Niveau der pathetischen (und letztlich auch unaufrichtigen) Ablehnung Luhmanns erreichte, so lässt sich Bourdieu doch kaum als Gewährsmann für philologische Interpretationen und hermeneutische Auslegungsübungen heranziehen. Es wäre allerdings ein fundamentales Missverständnis, aus dem Gesagten eine generelle Negation des genuin theoretischen Beitrags Bourdieus zu schlussfolgern. Obschon die Arbeit an Begriff und Theorie vor allem Mittel zum Zweck war, besteht doch kein Zweifel daran, dass Bourdieus Sozial- und Gesellschaftstheorie im Ergebnis zu den wichtigsten soziologischen Entwürfen der letzten Jahrzehnte gerechnet werden muss.8 Der erklärte Gegner der ‚theoretischen Theorie‘ hat ein beeindruckendes Theoriegebäude hinterlassen,9 das es mühelos mit den Großentwürfen etwa eines Talcott Parsons oder eines Niklas Luhmann aufnehmen kann und mittlerweile einen entsprechenden Status genießt; Pierre Bourdieu muss jenseits aller ihm möglicherweise eigenen Koketterie und Selbststilisierung (so etwa Nassehi 2004b: 160f.; 2006: 248) im besten Sinne als ‚Großtheoretiker‘ betrachtet werden – wobei noch das Bild eines ‚Großtheoretikers malgré lui‘ als problematisch erscheint mit Blick auf einen Autor, der in einer seiner letzten größeren Arbeiten ausdrücklich die Absicht erklärte, „die Theorie der Felder in einem künftigen Werk systematischer darzustellen“ (Bourdieu 2001b: 327, FN 7).10
Ob nun letztlich die Ablehnung ‚großer Theorie‘ oder vielleicht doch eher „Social Theory“ selbst als Habitus verstanden werden kann (so Brubaker 1993) – der nur auf den ersten Blick widersprüchliche Befund verdeutlicht eines: Es läge nicht nur ein totales Missverständnis Bourdieus, sondern vor allem auch ein folgenschwerer soziologischer Fehler darin, aus den genannten Haltungen und mitunter auch Mystifizierungen ein Denkverbot zu deduzieren, das jedwede Beschäftigung mit Bourdieus Theorie als solcher bereits für unlauter und nicht im Sinne des Meisters erklärte.11 Moderne Wissenschaft – so wissen wir nicht erst seit Weber (1994a: 5) – ist arbeitsteilig strukturiert und durch „strenge Spezialisierung“ gekennzeichnet. Dass im praktischen Forschungsbetrieb (wie auch im Sinne eines allgemeinen normativen Horizontes) die möglichst unmittelbare Verknüpfung von Theorie und Empirie nicht nur wünschenswert, sondern gerade für die Soziologie unabdingbar ist, kann als Gemeinplatz gelten. Dies tut allerdings der Tatsache keinen Abbruch, dass auch theorieimmanente sowie wissenschaftshistorische Fragen selbstverständlich legitime Fragen sind, deren Aufklärung die Grundlage liefert für weitere (auch empirisch orientierte) Forschungen – auch wenn orthodoxe Bourdieu-Anhänger dies für eine bereits im Ansatz verfehlte Umsetzung seines soziologischen Programmes halten mögen.12
Bei genauerem Besehen setzen sich die Uneinigkeiten über die Bedeutung des Bourdieu’schen ‚Theorieprojektes‘ auf einer inhaltlichen Ebene fort: In der Rezeption des Werkes überwiegt ganz eindeutig eine Lesart, die bestimmte Konzepte, Theoriebausteine, Forschungsarbeiten und -ergebnisse in den Vordergrund rückt und so ein weit verbreitetes, aber einseitiges Bild zeichnet: Aus dieser Perspektive wird dann traditionell die große Studie über Die feinen Unterschiede zum unzweifelhaften „Hauptwerk“13 erklärt, wird seine Forschung auf den Zusammenhang von Klassenstrukturen und Lebensstilen reduziert, werden einzelne Konzepte, bevorzugt diejenigen des ‚sozialen Raumes‘, der ‚Kapitalsorten‘ und vor allem natürlich des ‚Habitus‘ aus ihrem Ursprungskontext entnommen und gewissermaßen pars pro toto für das gesamte Theoriegebäude gesetzt, und wird Bourdieu schließlich ganz allgemein als der ‚Ungleichheitstheoretiker‘ rezipiert (häufig unter Zusatz des Adjektivs ‚kultursoziologischer‘), als der er gerade auch in Deutschland im Laufe der 1980er-Jahre zunehmend Bekanntheit erlangte und sukzessive aber flächendeckend in die Lehrbücher der Soziologie eingegangen ist.14 Parallel hierzu werden andere Teile des Werkes beinahe systematisch entweder in ihrer Bedeutung zu gering eingeschätzt oder erst gar nicht berücksichtigt: Dies gilt sowohl für die frühen, an ethnologischem Material gewonnenen Arbeiten wie auch für die systematischen ‚Feldstudien‘ insbesondere der 1980er- und 1990er-Jahre, aber auch für kleinere Studien zu spezifischen Fragestellungen, die mitunter in Nachbardisziplinen stärker rezipiert wurden als in der (deutschen) Soziologie selbst.15 In den vergangenen Jahren hat sich demgegenüber peu à peu eine alternative (oder vielleicht besser: komplementäre) Lesart in die Diskussion eingeschlichen – eine solche, die die Reichweite von Bourdieus (gerade auch: theoretischem) Beitrag deutlich höher einschätzt und in der Essenz seiner Arbeit nicht weniger als eine umfassende Theorie der modernen Gesellschaft ausmacht. Damit gehr ferner eine Schwerpunktverlagerung einher, die das Werk unter dem Gesichtspunkt von ‚funktionaler Differenzierung‘ zu begreifen sucht. Zunächst eher punktuell als mögliche Deutungsrichtung präsentiert (vgl. v. a. Kneer 2004; Kieserling 2004b; Schimank/Volkmann 1999: 23ff.; knapper auch schon Bohn/Hahn 2007: 298ff.), wurde von Gregor Bongaerts (2008) zuletzt ein umfassender Versuch vorgelegt, Bourdieus Werk in genau diesem Sinne, als ‚Differenzierungstheorie‘ nämlich, zu rekonstruieren.16 Mittlerweile zeigt ein Blick auf jüngere Publikationen aber auch Vorlesungsverzeichnisse, dass das Projekt einer differenzierungstheoretischen Re-Interpretation des modernen Klassikers Bourdieu offenbar an Plausibilität gewonnen hat und der hierfür zentrale Feldbegriff inzwischen große Beachtung erfährt (vgl. zuletzt v. a. Bernhard/ Schmidt-Wellenburg 2012a; 2012b).17 Die vorliegende Arbeit schließt grundsätzlich an dieser Deutungsrichtung an; wenngleich die Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Lesart im systematischen Sinne hier nicht im Vordergrund stehen, so beruht diese Studie doch auf der Überzeugung, dass ein wesentliches Moment der Bourdieu’schen Gesellschaftstheorie hier, und seine Stärke gerade in der Verknüpfung von Ungleichheits- und Differenzierungsperspektive zu suchen ist (vgl. auch Witte 2014). Diese Stärke verspielt, wer Bourdieus Arbeiten auf ‚kultursoziologische Ungleichheitsforschung‘ engführt, – diejenige Interpretation also, die ungeachtet der genannten Arbeiten noch immer als ‚orthodoxe‘ bezeichnet werden muss. Die eigentliche Fragestellung der vorliegenden Studie ist jedoch anders gelagert und soll im Folgenden skizziert werden.
„Die wissenschaftliche Arbeit ist eingespannt in den Ablauf des Fortschritts. […] Wir können nicht arbeiten, ohne zu hoffen, daß andere weiter kommen werden als wir.“ Max Weber (1994a: 8) erhebt vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis die Überholung und nötigenfalls auch Falsifikation eigener Forschungsergebnisse zum eigentlichen Zweck der Wissenschaft und leitet in seinem berühmten Vortrag über Wissenschaft als Beruf, ausgehend hiervon, zur Frage des ‚Sinnproblems‘ der Wissenschaft über. Dieser Gedankengang muss hier nicht weiter ausgeführt werden; entscheidend aber ist die von Weber transportierte Vorstellung von Wissenschaft als eines kumulativen Prozesses der Wissensgenerierung – Falsifikation fällt aus diesem Blickwinkel mit Fortschritt in eins, und die überholten ‚Wahrheiten‘ von gestern werden zu den Grundlagen und Ausgangspunkten der Forschung von heute. Auf einem ganz ähnlichen Grundgedanken und einer entsprechenden, Jahrhunderte alten Metapher ruht das brillante wissenschaftshistorische Traktat On the Shoulders of Giants von Robert K. Merton. Auch Mertons wissenstheoretischer Streifzug durch die Geistesgeschichte muss hier nicht nachgezeichnet werden; von Interesse ist allerdings das Zentralmotiv seiner Ausführungen, ein häufig Isaac Newton zugeschriebener, in Wahrheit aber wesentlich älterer und vermutlich im 12. Jahrhundert von Bernhard von Chartres geprägter Aphorismus:
„Ein Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen steht, kann weiter sehen als der Riese selbst.“18
Wie auch bei Weber wird Wissen hier als fortschreitende Entwicklung begriffen; Wissenschaft ist kumulativer und durch einen „communal character“ (Merton 1964d: 557) gekennzeichneter Prozess zugleich, und die Pointe der Formulierung liegt in ihrer eigentümlichen Paradoxie: Der Zwerg – so er denn nicht selbst Riese ist, was freilich keineswegs ausgeschlossen sein muss, wenn auch die hier verwendete Bildlogik anderes präferiert – sieht tatsächlich weiter als der Riese, allerdings nur, da er auf dessen Schultern steht und somit eine erhabenere Perspektive einnimmt. Auf die wissenschaftliche Sphäre gewendet heißt dies schlicht, dass gegenwärtige Forschung mehr zu leisten vermag als vergangene, deren Irrtümer nicht mehr begangen werden müssen und deren Wissensstand bereits als Grundlage vorausgesetzt werden kann – dies aber nur, weil sich die Wissenschaft der Gegenwart auf ebendieses kulturelle Erbe stützen kann und eben nicht völlig voraussetzungslos – tabula rasa – die eigene Suche nach Erkenntnis beginnen muss.
Nun sind dies sicherlich keine neuen Entdeckungen, wenngleich das Bild von Riesen und Zwergen nicht nur Charme hat, sondern auch eine gewisse Plausibilisierungshilfe darstellt: Wissenschaft ist ohne das angesprochene kulturelle Erbe, ohne Traditionen also schlechterdings nicht denkbar. Jede geistige Betätigung, erst recht eine solche mit wissenschaftlichem Anspruch, findet statt in einem kulturellen Rahmen, sie bedient sich tradierter symbolischer Repräsentationen und Kategorien, sie greift auf implizite Wissensbestände zurück und setzt ganz bewusst an bereits vorhandenen Erkenntnissen und Denkfiguren an – letzteres ist in Form des Zitationsritus19 fest institutionalisierter Bestandteil der Wissenschaftskultur und zugleich Indikator für Wissenschaftlichkeit schlechthin: Wissenschaftliche Arbeiten lassen sich bereits auf den ersten Blick gerade am ‚Fußnotenapparat‘, an Verweisen auf Vergangenes, bereits Vorhandenes also, erkennen – fehlt dieser ‚Apparat‘, so hat es der Rezipient ganz offensichtlich mit einem anderen Texttypus: einem Essay, einem Roman, einem Zeitungsartikel, einem Telefonbuch o. ä., zu tun. Wissenschaftliche Werke lassen sich nun gerade in Hinsicht darauf klassifizieren, auf welche Texte sie Bezug nehmen, an welche Traditionen sie anknüpfen und auf welche Denkfiguren sie verweisen. Die Zurechnung zu ‚Schulen‘ und ‚Paradigmen‘ setzt üblicherweise genau an dieser Stelle an, und die Autoren zugeordneten Suffixe des ‚-ianers‘ oder des ‚-isten‘ speisen sich wesentlich aus diesen Verweisstrukturen. Nun muss dies zunächst auch nicht weiter irritieren, denn nimmt man den oben angeführten Aphorismus ernst, so macht es einen Unterschied, auf wessen Schultern man steht: Auch ‚Riesen‘ unterscheiden sich noch hinsichtlich ihrer Körpergröße, nicht alle ‚Riesen‘ stehen am gleichen Orte, und vor allem schauen verschiedene ‚Riesen‘ in verschiedene Richtungen. Was und wieviel man auf den Schultern von Riesen sieht, hängt also ganz offensichtlich von der Wahl der jeweiligen Riesen ab – gerade eine multiparadigmatische Disziplin wie die Soziologie weiß hiervon ausführlich zu berichten.
Für das Verständnis eines Autors und seines Werkes, für die Rezeption eines komplexen Theoriezusammenhangs, und erst recht für die praktische Arbeit mit ihm, ist es demnach von entscheidender Bedeutung zu wissen, auf welchen ‚Schultern‘ und auf welchem Erbe sein eigener Beitrag aufruht. Erst eine solche Kontextualisierung ermöglicht es, Aussagenzusammenhänge in ihrem intendierten Gehalt zu verstehen, rhetorische und systematische Abgrenzungsmanöver richtig einzuordnen, die generelle Stoßrichtung eines Textes bei der Lektüre zu antizipieren und schließlich die Originalität eines Beitrages überhaupt erst einschätzen zu können.20 Das Wissen um die sozialen Bedingungen der Textgenese, um relevante Strömungen und Gegenströmungen, Diskurslagen und Kontroversen des Entstehungszeitraumes, um relevante ‚Schulen‘ und ‚Paradigmen‘, Lehrer-Schüler- sowie Konkurrenz-Verhältnisse21 und schließlich vor allem eine möglichst präzise Verortung des jeweiligen Werkes innerhalb dieser virtuellen Wissensgeographie sind also für jedes fortgeschrittene Studium von wissenschaftlichen Texten von essenzieller Bedeutung. Möglichst große Transparenz hinsichtlich der jeweils zentralen Einflussfaktoren wäre also, so lässt sich wohl schlussfolgern, hilfreich wenn nicht gar unabdingbar für das Textverständnis.22
Nun verkompliziert sich die Lage misslicherweise noch dadurch, dass nicht alle (und man muss wohl hinzufügen: häufig gerade nicht die wichtigsten) Bezüge auf andere Autoren und deren Texte auch Eingang in den Fußnotenapparat finden, womit bereits offensichtlich ist, dass die quantitative Methode des Auszählens von Verweisen in Apparat oder Index untauglich und eine hermeneutische Verfahrensweise weitaus besser geeignet ist, die Anleihen und Erbschaften aufzuspüren, von denen ein jeweils im Vordergrund des Interesses stehender Autor maßgeblich profitiert hat. Es ist ferner wohl keine bloße Unterstellung zu behaupten, dass sich bei einigen Autoren ganz gezielte Strategien der Verschleierung ausmachen lassen: So ist es für Hauptvertreter von ‚Paradigmen‘ keineswegs untypisch, genau diesen Status in den eigenen Arbeiten vollständig auszublenden, denn schließlich muss die Zugehörigkeit zum einzig vertretbaren theoretischen Programm einer Disziplin nicht gesondert ausgewiesen werden, sie folgt vielmehr automatisch aus der Berufsbezeichnung des ‚Soziologen‘, der ja anders als z. B. als Rational Choice- oder Systemtheoretiker gar keine Soziologie betreiben kann. Herrschaftsstrategien dieser Art sind innerhalb des akademischen Feldes an der Tagesordnung, auf der Strecke bleiben die bereits erwähnte Transparenz hinsichtlich der jeweiligen Erkenntnisgrundlagen, die Aufklärung einer ganz spezifischen Ausprägung der ‚Standortgebundenheit‘ allen Denkens, erst recht die reflexive Beschäftigung mit der eigenen Wissensproduktion, und in letzter Instanz, zumindest potenziell, auch der heuristische Mehrwert einer multiparadigmatischen Disziplin, der zur Farce verkommt, wo Perspektivität nicht mehr als solche erkannt werden kann.
Gleiches gilt nun aber eben auch für die Verwendung von Literaturen und Zitationen sowie von Anleihen, derer sich ein Autor stillschweigend bedient, ohne dies entsprechend kenntlich zu machen. Der Verweis auf einen klassischen Autor kann autoritative Wirkungen entfalten aber auch das eigene Werk diskreditieren, wobei der jeweilige Effekt wiederum zeit- und ortsgebunden ist und wechselnden Theoriemoden unterliegen mag. Sich auf ein gerade als überholt diffamiertes Paradigma zu berufen, vermag die noch so originelle eigene Arbeit in Misskredit bis hin zur vollständigen Missachtung zu bringen, Kanonisierungsprozesse lassen Verweise auf bestimmte Autoren geradezu ‚erwarten‘, während andere als derart ‚unchic‘ oder ‚old-fashioned‘ gelten, dass mit ihnen kein soziologischer Staat, vielleicht aber noch nicht einmal eine Publikation im gerade präferierten Periodikum zu machen ist.23
Darüber hinaus, und vermutlich ist dies das bedeutendere Moment, ist das klammheimliche Plagiieren der genuinen Einsichten anderer keineswegs immer so durchschaubar, wie der akademische Betrieb suggeriert, ist der fehlende Verweis auf fremde Ideen im eigenen Text sicherlich häufiger Realität als dies das Ethos der Wissenschaftlichkeit anzuerkennen bereit wäre. Dabei kommt zu all dem komplizierend noch die Tatsache hinzu, dass die „Freiheit des Virtuosen“24 auch für etablierte Wissenschaftler Geltung besitzt: Niemand ‚erwartet‘ z. B. von einem Philosophen vom Schlage Wittgensteins, jeden Gedankengang in all seinen Verästelungen durch Fremdreferenzen zu stützen – vielmehr lässt sich hier in ‚Genialität‘ wenden, was jedem Akademischen Oberrat zum Stolperstein werden würde. Gleiches gilt, wo überhaupt zitiert wird, freilich für den besonders laxen Umgang mit Verweisen: Formulierungen vom Typus „Weber hat einmal irgendwo gesagt …“ lassen sich in so genannten ‚Hauptwerken‘ freilich häufiger finden als in Hauptseminararbeiten, wo sie – zu Recht – als Formfehler für Punktabzüge sorgen.25
Schließlich muss davon ausgegangen werden, dass nicht alle Anleihen eines Autors diesem auch immer überhaupt bewusst sind; jahrzehntelange Lektüre klassischer und neuerer Werke schlagen sich in einem Wissensbestand nieder, bei dem wohl niemand ernsthaft behaupten kann, jede Idee und jeden Gedankengang, jeden empirischen Befund und jede theoretische Figur auch nach vielen Jahren noch einwandfrei zuordnen und entsprechend ausweisen zu können. So schlagen sich gerade klassische Denkfiguren wohl nur allzu häufig in Werken anderer nieder, ohne dass diesen die ursprüngliche Abkunft von einzelnen Überlegungen überhaupt zu Bewusstsein treten muss. Auch hier scheinen sich theorievergleichende und hermeneutische Verfahren freilich eher anzubieten als der Blick in Stichwort- und Namensverzeichnisse, denn verdrängte oder vergessene Elemente klassischer Wissens- und Theoriebestände lassen sich zwar aus Kontexten herauspräparieren, allerdings nicht auf der Ebene des reinen Textes, sondern vielmehr aus einer dahinter liegenden Sinnschicht eines Werkes.26
Während den Fernwirkungen fremder Ideen im Allgemeinen und klassischer Traditionen im Besonderen also offenbar eine große Bedeutung für das Verständnis komplexer Theoriegebäude zukommt, kann sich die Suche nach den entsprechenden Verweisrelationen aus unterschiedlichsten Gründen äußerst schwierig gestalten. Die vorliegende Arbeit setzt nun an diesem Punkt an. Dabei hat man es wohlgemerkt mit einem Autor zu tun, der sich selbst als einen ‚reflektierten Eklektizisten‘ (Bourdieu/Schultheis/Pfeuffer 2000: 120) bezeichnet und offen zugestanden hat, „von überall her etwas zu ‚borgen‘, von Marx zu Durkheim über Weber“ (ebd.),27 wobei hinsichtlich des Umfangs, der Relevanz, der inhaltlichen Natur, sowie den Modi der Transformation und Einbettung dieser Leihgaben sowohl bei Bourdieu selbst als auch in der Sekundärliteratur viele Fragen offen bleiben. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer entsprechenden Zielsetzung – der Suche nach offenen und versteckten Anleihen Bourdieus in der klassischen soziologischen Tradition – muss damit vermutlich nicht weiter diskutiert werden. Sehr wohl jedoch stellen sich Verfahrensfragen, solche der methodologischen Vorgehensweise sowie der Auswahl von Traditionen und Bezugspunkten, die im vorliegenden Rahmen Berücksichtigung finden können.
Zunächst muss hierbei angemerkt werden, dass Bourdieu, selbst freilich über umfassende Bildung verfügend und an ethnologischen, anthropologischen, philosophischen und soziologischen Traditionen gleichermaßen geschult, in seinen Arbeiten ganz unterschiedliche Quellen und Vorarbeiten für die eigenen Argumentationen mobilisiert. Beinahe enzyklopädische Formen der Wissensverwaltung und -verwertung sind für den soziologischen Leser, der etwa mit Schriften Webers oder Luhmanns vertraut ist, keine absolute Seltenheit; der Blick auf die Arbeiten Bourdieus verdeutlicht aber, dass auch für diesen ein enormes Arsenal an geistesgeschichtlichen Vorarbeiten und ein gewaltiges, äußerst vielseitiges Wissen zur Verfügung stand, auf das bei Bedarf zurückgegriffen werden konnte.28 So finden sich in seinen Schriften Verweise auf Aristoteles, Descartes, Kant und Spinoza ebenso wie solche auf Nietzsche, Schopenhauer und Wittgenstein, auf Cassirer und Popper gleichermaßen, wie auch auf Canguilhem und Bachelard;29 man trifft auf Montesquieu und Rousseau ebenso wie auf Sartre oder Derrida, auf Leibniz oder Newton, aber natürlich auch auf Weber, Durkheim und Pareto, genauso wie auf Goffman, Habermas und Niklas Luhmann; man begegnet in seinen Arbeiten Marx, Althusser, Gramsci und Kautsky, aber ebenso Bronislaw Malinowski und Claude Lévi-Strauss, ferner gehören natürlich Moscovici, Piaget, Freud und Kurt Lewin genauso zum Fundus der Bourdieu’schen Textwerkstatt wie Saussure, Searle und Chomsky oder Duby und Braudel, und selbstverständlich ist auch die gesamte literarische Welt in seinem Werk vertreten, von Shakespeare über Goethe bis hin zu Racine, Stendhal, Proust und natürlich Flaubert30. Diese Aufzählung ist selbstredend hochgradig selektiv, und für jede angedeutete Tradition – sowie für viele weitere – ließe sich mühelos auch eine Vielzahl von Autoren der so genannten ‚zweiten‘ oder gar ‚dritten Reihe‘ anführen, mit deren Schriften Bourdieu ganz offensichtlich ebenso gut vertraut war. Es geht hier lediglich darum, ein wenig die Weite eines gedanklichen Horizontes und die Breite der wissenschaftlichen und literarischen Kenntnisse anzudeuten, auf die Bourdieu beim Verfassen eigener Texte zurückzugreifen in der Lage gewesen ist31 – von einem ebenso beeindruckenden Wissen im Bereich sowohl der qualitativen wie quantitativen Methoden empirischer Sozialforschung ganz zu schweigen. Dass es nun in dieser Arbeit nicht darum gehen kann, ein wie auch immer vorzustellendes ‚Gesamtbild‘ der unterschiedlichen Autoren und Strömungen und ihres jeweiligen Einflusses auf Bourdieus eigenes Denken zu zeichnen, eine umfassende geistige ‚Landkarte‘ oder ein relationales ‚Feld der intellektuellen Einflüsse‘ also, dürfte sich gleichfalls von selbst verstehen. Wie aber lässt sich dennoch sinnvoll mit der hier aufgeworfenen Frage umgehen, wie es um das theoretisch-kulturelle Erbe in Bourdieus Werk bestellt ist?
Komplexität lässt sich bekanntlich am effektivsten durch Selektion reduzieren (vgl. Luhmann 1971: 32ff.). Dies führt allerdings unmittelbar zur Frage nach einer sinnhaften und reflexiven „Selektion von Selektion“ (Luhmann 1987: 610) unter anderen denkbaren Selektionen, und damit zum Plausibilisierungszwang von Selektionen. Die vorliegende Arbeit wird versuchen, Spuren des Einflusses der klassischen soziologischen Theorie, d. h. der soziologischen Theorie der Gründervätergeneration, im Werk Bourdieus nachzugehen und diese möglichst detailliert nachzuzeichnen. Dabei ist bereits der Kanonisierungsprozess der so genannten ‚Klassiker‘32 voller denkwürdiger Momente.33 Auf die Bedeutung etwa von Parsons’ Structure of Social Action in diesem Zusammenhang ist hinreichend hingewiesen worden,34 und viele weitere wissenschaftsgeschichtliche Faktoren können ebenfalls an anderen Orten nachverfolgt werden. Eine Reihe von großen Autoren der Gründungsphase der Soziologie werden üblicherweise – zu Recht oder zu Unrecht – gewissermaßen ‚in zweiter Reihe‘ und in den meisten Fällen eher stiefmütterlich behandelt. Dies gilt sicherlich für Ferdinand Tönnies und Werner Sombart, aber auch für Vilfredo Pareto und Gabriel de Tarde, mit durch zeitliche Aspekte bedingten Einschränkungen aber auch etwa für Autoren wie George H. Mead oder Alfred Schütz. Relativ unstrittig dagegen ist der ‚klassische‘ Status des deutschen ‚Gründervaters‘ Max Weber und seines französischen Konterparts Emile Durkheim. Doch hier endet der weitreichende Konsens bereits; während Karl Marx neben Weber und Durkheim vielerorts die dritte Figur in einem ‚Dreigestirn der Gründerväter‘ abgibt, wird er von anderen, damit auf einer Linie mit Auguste Comte und Herbert Spencer liegend, eher einer ‚protosoziologischen‘ Phase zugerechnet, während wieder andere die ‚erloschenen Vulkane des Marxismus‘ (so Luhmann 1987: 13) einschließlich ihres Namensgebers bereits als vollständig überholte und längst widerlegte Relikte ganz aus dem substanziellen Erbe der Soziologie tilgen wollen. Der große Herausforderer im Kampf um den ‚dritten Platz‘ der soziologischen Triade ist freilich Georg Simmel. Die Simmel-Rezeption gehört vielleicht zu den spannendsten Kapiteln der Soziologiegeschichte, ganz sicher aber zu den mit den meisten Missverständnissen und Fehlinterpretationen versehenen. An intellektueller Strahlkraft scheint Simmel bis heute für viele Beobachter neben Weber und Durkheim zu verblassen, und von den ihn bereits zu Lebzeiten verfolgenden Vorwürfen der unsystematischen Essayistik und des soziologisch nicht tragfähigen Ästhetizismus reicht eine Kontinuitätslinie bis in die Gegenwart. So hat Simmels Denken dann auch keine schulbildenden Wirkungen entfaltet, und bis heute werden meist eher einzelne Aspekte aus seinem Werk thematisiert (etwa die Figur des ‚Fremden‘) als seine Soziologie im Ganzen gewürdigt. Ob diese Tendenz widerspruchslos mitgetragen werden muss, ist freilich eine andere Frage.
In der Literatur zu Bourdieu scheinen die Urteile bezüglich der Anleihen bei den Klassikern zwar nicht eindeutig, aber doch insgesamt überschaubar: Der Einfluss Webers und Durkheims auf seine Theoriebildung kann als einigermaßen unstrittig gelten (vgl. nur Saalmann 2009; Bongaerts 2009), wobei die genauen Bezüge dennoch häufig im Dunkeln verbleiben und insbesondere hinsichtlich von Bourdieus Durkheim-Rezeption mitunter unklar ist, worin denn nun genau – jenseits der ganz allgemeinen Wirkung Durkheims und der Durkheim-Schule auf die französischen Sozialwissenschaften – die systematischen Anknüpfungspunkte zu sehen seien. Die Bedeutung von Marx allerdings wird demgegenüber unterschiedlich veranschlagt: Während sie bei einer Reihe von Kommentatoren zum Dreh- und Angelpunkt der Bourdieu-Rezeption wird, dieser als ‚neo-marxistischer‘ Autor gelesen und sein Werk letztlich als Fortsetzung des Marx’schen Klassenkampfparadigmas mit kultursoziologischen Mitteln gedeutet wird,35 ist bei anderen eher eine relativierende Haltung zu vermerken: In einem mittlerweile einschlägigen Interview, das mit Bourdieu über dessen Algerienforschungen geführt wurde, gab dieser einmal zu Protokoll, dass er hierbei eine „Webersche Frage“ verfolgt habe, die er „allerdings in marxschen Begriffen stellte“ (zit. nach Schultheis 2000: 166). Jenseits der dezidiert (neo-)marxistischen Lesart stellt diese Formulierung gewissermaßen die Vorlage dar für eine Einschätzung, die in der Sekundärliteratur immer wieder und in unterschiedlichsten Kontexten zu finden ist. Ein starker Einfluss Marxens scheint den meisten Rezipienten dabei unstrittig zu sein, wobei die Frage lediglich lautet, ob dieser vor allem terminologischer und konzeptueller Art ist oder auch die gesamte Stoßrichtung der Theorie affiziert.36 Zu einer möglichen Rezeption Simmels durch Pierre Bourdieu allerdings ist in den einschlägigen Arbeiten kaum ein Wort zu finden; von oberflächlichen Parallelen abgesehen schweigt sich die Literatur hierzu vollständig aus.37
An diesem Punkt setzt nun die vorliegende Arbeit an. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, den Einfluss des Denkens der drei bedeutendsten soziologischen Klassiker – Max Weber, Emile Durkheim und Georg Simmel – auf das Œuvre Pierre Bourdieus im Detail nachzuzeichnen, dabei explizite Verweise wie implizite und eher verborgene Spuren gleichermaßen zu verfolgen, um schließlich zu einem differenzierteren Bild der Klassikerrezeption bei Bourdieu zu gelangen, als dies bislang geleistet wurde. Damit soll keineswegs in Abrede gestellt werden, dass es andere, ebenso wichtige oder vielleicht gar folgenreichere Einflüsse in Bourdieus Werk gibt – zu denken ist etwa an die zahlreichen Bezüge auf Wittgenstein38, an Kurt Lewin und den von ihm geprägten Feldbegriff (vgl. unten: Erster Teil, Kap. I), vor allem aber natürlich an die gesamte strukturalistische Tradition, der sich Bourdieu in den ersten Jahren seiner Forschung sogar selbst vollständig zurechnete (vgl. Bourdieu 1993a: 23) – diese und viele andere Einflüsse ließen sich mühelos ebenso detailliert belegen und weiter verfolgen. Die Wahl der soziologischen Klassik ist freilich gleichfalls nicht willkürlich; wie auch der den ethnologischen Feldforschungen entwachsene Bourdieu begreift sich der Verfasser dieser Arbeit als Soziologe, und so liegt die Auswahl der Gründerfiguren der eigenen Disziplin in gleich zweifacher Hinsicht nahe. Aus forschungspragmatischen Gründen einerseits, aufgrund einer im Verhältnis umfangreicheren Behandlung des Themas in der bereits vorliegenden Literatur andererseits,39 wird dabei den Anleihen bei Marx kein gesondertes Kapitel gewidmet. Soweit entsprechende Parallelen für das Ziel der Studie von Bedeutung sind, werden diese im jeweiligen Zusammenhang aufgegriffen.
Die vorliegende Arbeit nimmt damit die methodologische Form einer ‚Spurensuche‘ an. ‚Spurensuche‘ heißt dabei tastendes, tentatives Vorgehen, heißt möglichst aufmerksame Lektüre sowie behutsame Rekonstruktion, heißt gleichzeitig aber auch Mut zu gegebenenfalls riskanten Deutungen. ‚Spurensuche‘ heißt zudem hermeneutische Aufmerksamkeit für verborgene Einschlüsse und präzises ‚Lesen‘ expliziter Verweise gleichermaßen. Weder auf der Ebene von Fußnoten allein, noch auf derjenigen lediglich sinnhafter ‚Wahlverwandtschaften‘ lässt sich das ‚Erbe‘ eines Klassikers im Werk eines modernen Autors erfahren, sondern gerade im Schnittfeld dieser ‚Spuren‘ wird möglicherweise erst als Anleihe ersichtlich, was ansonsten dem Blick verborgen bleiben könnte. Fraglos müssen biographische Informationen über den Autor Bourdieu berücksichtigt werden, Informationen etwa über Lektüreerfahrungen und Fremdsprachenkenntnisse, soweit diese überhaupt verfügbar und verlässlich sind, und fraglos sind direkte Aussagen und Urteile von Interesse, in denen den ‚Klassikern‘ ein ganz bestimmter Stellenwert für die Entwicklung der Soziologie im Allgemeinen und diejenige des eigenen Denkens im Besonderen zugesprochen wird. Diese Hinweise allerdings sind im vorliegenden Fall rar, weshalb die Untersuchung in wesentlichen Teilen auf soziologisches Gespür vertrauen und sich vielleicht auch an der einen oder anderen Stelle auf Akte der Interpretation einlassen muss, so paradox diese Annahme auch auf den ersten Blick erscheinen mag.
Soweit hier von ‚Spuren‘ die Rede ist, ließe sich (in einem sehr freien Sinne) auch auf Derridas (1983: 113f., 122ff.) Begriff der trace rekurrieren, auf die ‚Anwesenheit von Abwesenheit‘ also, denn vielfach ist es gerade das Fehlen der Präsenz von Verweisen, das einen interpretatorischen Mehrwert birgt. Fragen danach, ‚was der Fall ist‘ – nicht mit Wittgenstein, sondern mit Luhmann formuliert –, müssen gewissermaßen um Fragen danach, was denn eigentlich ‚dahinter steckt‘, ergänzt, textpositivistische und textkritische Beobachtungen in einen reflexiven Dialog gebracht werden, um ein möglichst detailliertes Bild der theoretischen ‚Schuld‘ zu zeichnen, in welcher ein Autor bei den ‚Riesen‘ seines Faches steht. Schließlich erfolgt diese ‚Spurensuche‘ im Schnittfeld von Theorie und Text zugleich im Schnittfeld zweier unterschiedlicher, aus verschiedenartigen Traditionen sich speisender, dabei aber durchaus komplementärer Methodologien, nämlich des soziologischen Theorievergleichs einerseits und der literaturwissenschaftlichen Forschung um ‚Intertextualität‘ andererseits. In der Einleitung zum Zweiten Teil der Arbeit wird hierauf noch einmal einzugehen sein.
Ein Vergleich ohne klar definierte Vergleichspunkte allerdings verliert die Bodenhaftung, ist ohne Orientierung und Ziel. Vor diesem Hintergrund muss an dieser Stelle also die Frage nach den tertia comparationis gestellt werden, ohne deren Selektion das Aufsuchen von Anleihen und Traditionen einer richtungslosen Suche gleichen würde. Gerade bei Autoren wie den hier behandelten erschiene die Beschäftigung mit ‚Gesamtwerken‘ ohnehin so vermessen wie naiv; der Auswahl von sinnvollen und begründbaren Bezugspunkten kommt damit eine zentrale Bedeutung zu. Für die folgende Untersuchung wurden dabei solche Konzeptualisierungsleistungen gewählt, deren Bedeutung für das sozial- und gesellschaftstheoretische Denken ihre Auffindbarkeit und vor allem hinreichend detaillierte Thematisierung in allen hier behandelten Ansätzen garantiert: Mit der Frage erstens nach den jeweils fokussierten Grundeinheiten von Sozialität bzw. dem für die jeweils betriebene Form von Soziologie konstitutiven Basiskonzept, der Fokussierung zweitens auf die Konzeptualisierung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen sowie drittens der Thematisierung der ganz unterschiedlichen Perspektiven auf den Tatbestand funktionaler Differenzierung moderner Gesellschaften wurden drei wesentliche Momente der Sozial- und Gesellschaftstheorie gewählt, die zudem die analytische Spannweite der Disziplin zumindest exemplarisch anzuschneiden geeignet erscheinen – vom Mikrokosmos der Handlungsbegriffe, Wechselwirkungen und Kommunikationsprozesse, über ein ubiquitäres Phänomen sozialer Figurationen wie Macht- und Herrschaftsverhältnisse, bis hin zu einem zentralen makrosoziologischen Strukturprinzip, das Paradigmen stiftende Wirkungen auf die Gesellschaftstheorie entfaltet hat.40
1. Befragt man noch lebende oder bereits verstorbene Sozialwissenschaftler nach dem ‚Substrat von Gesellschaften‘, ihren ‚Grundbestandteilen‘ oder ‚Elementen‘, oder wagt man, analog hierzu, die Frage nach dem Grundbegriff ihrer jeweiligen Disziplin zu stellen, so erhält man eine irritierende Vielzahl ganz unterschiedlicher Antworten. Man erfährt von menschlichem ‚Verhalten‘, von ‚Handeln‘ und ‚sozialem Handeln‘, aber auch von davon zu unterscheidenden ‚Handlungen‘ und ‚unit acts‘, ebenso wie von ‚menschlichem Tun‘, ‚Taten‘ oder ‚Tätigkeiten‘, von ‚Interaktionen‘, ‚Praxen‘, ‚Praktiken‘ und ‚Kommunikationen‘, mitunter auch von ‚Sinn‘; man trifft selbstverständlich auf ‚Individuen‘ und ‚Subjekte‘, ‚Akteure‘, ‚Agenten‘ und ‚Aktanten‘ – und manchmal sogar auf ‚Menschen‘ –, man begegnet ‚Formen‘ und dem ‚Leben‘, insbesondere freilich dem ‚sozialen Leben‘, aber auch dem ‚Er-leben‘, stößt auf ‚soziologische Tatbestände‘ und ‚soziale Tatsachen‘, ebenso wie auf ‚Relationen‘, ‚Wechselwirkungen‘ und ‚Beziehungen‘, hört von großen und kleinen ‚Persönlichkeiten‘ oder aber von ‚Institutionen‘, je nach Gesprächspartner und Perspektive aber auch von ‚Werten‘ oder ‚Arbeit‘, von ‚Zurechnungen‘ und ‚Verantwortung‘ und vielen weiteren mehr – und werden die genannten Fragen an die modernen Naturwissenschaften gerichtet, so wird man möglicherweise auf ‚neuronale Prozesse‘, ‚Impulse‘ und ‚Erregungszustände‘ verwiesen.41
Interessanterweise birgt keiner der genannten Begriffe nicht auch ein plausibles Argument für seine privilegierte Verwendung, und der Vielfalt von so genannten ‚Grundbegriffen‘, Bezeichnungen also für den (sub-)atomaren Bereich von Sozialität, steht eine beinahe ebenso große Menge von ‚Zugängen‘ zu sozialen Wirklichkeiten zur Seite, die sich auf ebendiese basalen Kategorien berufen und wechselseitig – mehr oder minder militant – voneinander abgrenzen. Nun ist diese Begriffsverwirrung keineswegs das Produkt gelangweilter Bewohner von Elfenbeintürmen, sondern den damit einhergehenden Orientierungen liegen jeweils ausführliche Sachargumente sowie weit in die Wissenschaftsgeschichte zurückreichende Traditionen zugrunde; in ihnen spiegeln sich unterschiedliche Perspektiven auf die soziale Welt ebenso wie zielgerichtete konzeptuelle Grundentscheidungen, die darüber mitbestimmen, wie Gesellschaft beobachtet wird, was bevorzugt in den Blick des jeweiligen Beobachters gerät, unter welchen Gesichtspunkten es beschrieben wird und welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden. Die Entscheidung für ein ganz bestimmtes Basiskonzept beeinflusst damit maßgeblich nicht nur den strukturellen Aufbau der gesamten Theoriearchitektur, sondern auch die Reichweite und Perspektivität, Erkenntnispotenziale und Anwendungsgrenzen, die Schwerpunktsetzungen und Stoßrichtungen einer breit angelegten Sozialtheorie.42 Bei Bourdieu nimmt, wie im Laufe der Arbeit gezeigt wird, der Versuch zur Verknüpfung von Handlungs- und Strukturebene in der Form eines relationalen Zusammenhanges von Habitus, Feld und Praxis einen zentralen, alle übrigen Elemente orientierenden Platz innerhalb des Theoriegebäudes ein. Damit ist zugleich auf die eng mit diesem Punkt verwobene Diskussion um emergente Eigenschaften sozialer Zusammenhänge verwiesen, wie auch auf die hiermit direkt verknüpfte, immer wieder intensiv geführte und mittlerweile in umfangreichen Literaturen dokumentierte Mikro-Makro-Debatte.43 Die Frage nach der jeweiligen kategorialen Fundierung der zu untersuchenden soziologischen Theorien liefert dabei die Grundlage und wird als ein erster Vergleichsgesichtspunkt die Analyse anleiten.
2. „Macht“, so Norbert Elias (2004: 77) kurz und unmissverständlich, „ist eine Struktureigentümlichkeit menschlicher Beziehungen – aller menschlichen Beziehungen“ (Hervorh. im Orig.). Mit ganz ähnlicher Stoßrichtung heißt es bei Heinrich Popitz (2004a: 21):
„Macht wird als universales Element menschlicher Vergesellschaftung verstanden. Universal ist die Machbarkeit der Macht, universal ihre Wirksamkeit […], und universal ist damit auch die Gefährdung der Selbstbestimmung. Wenn man diese Prämissen akzeptiert – und ich wüßte nicht, wie man sich ihrer intellektuellen und moralischen Evidenz entziehen könnte –, dann liegt die theoretische Konsequenz auf der Hand. Die implizite Anthropologisierung des Macht-Konzepts muß theoretisch explizit gemacht werden“ (Hervorh. durch Verf.).
Wolfgang Sofsky und Rainer Paris schließlich formulieren auf der ersten Seite ihres gemeinsamen Werkes über die Figurationen der Macht: „Wer Macht sagt, sagt auch Gesellschaft, doch wer Gesellschaft sagt, sagt immer auch Macht“ (Sofsky/Paris 1994: 9). Für den gemeinsamen Punkt dieser Autoren ließen sich beinahe beliebig viele weitere Gewährsmänner und -frauen heranziehen: Macht, so lautet der soziologische Gemeinplatz, muss als universelles Moment jedweder Sozialität angesehen werden, sie ist in den Tatbestand von ‚Gesellschaft‘ als integrales und konstitutives Element eingelassen. Daraus folgt freilich der von Popitz angesprochene, an jeden theoretisierenden Soziologen zu richtende Imperativ, dem Phänomen der Macht einen zentralen Ort im eigenen Theorieentwurf zuzuweisen. Und tatsächlich lässt sich wohl keine ernstzunehmende Sozialtheorie benennen, die der Macht sowie ihrem institutionalisierten Zwilling, der Herrschaftsbeziehung, nicht auch einen prominenten Platz einräumen würde. Ob ‚Macht‘ dabei nun eher als anthropologische Konstante und omnipräsentes Strukturmerkmal menschlicher Figurationen ausgewiesen wird44 oder aber eher als ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium unter anderen fungiert (vgl. Parsons 1967a; 1967b; Luhmann 2003), ist freilich eine Frage von Theoriearchitektur und möglicherweise auch -ästhetik. Neben der Allgegenwart von Macht und Herrschaft in der soziologischen Theorie macht aber gerade dies den Themenkomplex zu einem idealen Vergleichsobjekt: So kann nämlich die Berücksichtigung von Macht und Herrschaft in der Theoriebildung nicht nur ganz unterschiedliche Formen annehmen; ebenso unterscheiden sich Sozialtheorien danach, wie weit sie durch die Machtthematik durchdrungen sind und welcher Stellenwert ihr zukommt. Pierre Bourdieu gilt dabei vielen Beobachtern als ein radikaler ‚Machttheoretiker‘, der gerade den Prozessen der Konstitution und insbesondere Reproduktion von Machtungleichgewichten auf dem Wege ‚symbolischer Herrschaft‘ eine wesentliche Bedeutung zugemessen hat. Im Anschluss an die Rekonstruktion dieser Perspektive wird entsprechend der Frage nachzugehen sein, welchen spezifischen Blick die hier behandelten Klassiker des Faches auf die Sphäre von Macht und Herrschaft richten – bevor in einem zweiten Schritt gezeigt werden kann, was Bourdieus Konzeption möglicherweise mit diesen klassischen Autoren verbindet.
3. Während ‚Macht‘ gerade durch ihre Omnipräsenz dem Zugriff durch die tradierte Unterscheidung von Mikro-, Meso- und Makroebene des Sozialen vollständig entzogen wird, stellt die Frage nach den primären Strukturmerkmalen – oder gar dem primären Strukturmerkmal – moderner Gesellschaften ein klassisches makrosoziologisches Ausgangsproblem dar. Die Formulierung von Gesellschaftsdiagnosen gehört gleichsam traditionell zum Tagesgeschäft der Soziologie. Innerhalb der soziologischen Literatur hat sich entsprechend ein eigenständiges Genre ausgebildet, dessen Vertreter ‚die‘ moderne Gesellschaft meist unter Verwendung eines einzigen zentralen, dabei aber möglichst umfassenden Begriffs zu beschreiben suchen. Die Gesellschaft der Gegenwart, so die jeweiligen Autoren, sei demnach etwa primär als eine‚Risikogesellschaft‘ (Beck), als ‚Wissenschaftsgesellschaft‘ (Kreibich), ‚Erlebnisgesellschaft‘ (Schulze), als eine‚Multioptions-‘ oder ‚Entscheidungsgesellschaft‘ (Gross, Schimank) zu klassifizieren und zu begreifen, um nur einige der bekannteren Beispiele zu nennen (vgl. als Überblick Schimank/Volkmann 2007). Dabei unterscheiden sich diese Arbeiten nicht nur hinsichtlich des jeweils fokussierten Schwerpunktes, sondern auch mit Blick auf die Ausschließlichkeit bzw. Kompatibilität ihrer Postulate. Jenseits dieser doch häufig einseitigen und simplifizierenden Zuschreibungen, in denen pars pro toto einzelne Merkmale und Befunde als schlechthin kennzeichnend für Gegenwartsgesellschaften ausgegeben werden, ist der Konsens über deren tatsächlich generalisierbare Spezifika jedoch erstaunlich gering. Die vermutlich grundlegendste und in der soziologischen Theoriediskussion mit der größten Kontinuität verfolgte Leitidee allerdings ist das Prinzip funktionaler Differenzierung.45 Diesem Paradigma zufolge lassen sich moderne Gesellschaften beschreiben als primär differenziert in funktional bzw. sachlich bestimmbare Teilbereiche (wie Wirtschaft, Recht, Politik, etc.), die über je spezifische Eigenlogiken und Teilrationalitäten, implizite Wertordnungen und Handlungsmaximen, funktionale Monopolstellungen und zentrale Leitunterscheidungen verfügen (einführend Schimank 2000; Mayntz et al. 1988; Alexander/Colomy 1990). Uneinigkeit besteht hingegen über eine Vielzahl hier anschließender Fragestellungen, etwa den ontologischen bzw. analytischen Status dieser Teilsysteme, den Grad ihrer jeweiligen Autonomie und Geschlossenheit sowie die damit einhergehende Frage nach dem Steuerungspotenzial etwa des politischen Systems, mit Blick auf Phänomene der Durchdringung und Entdifferenzierung oder auch der Reichweite des hier anknüpfenden Konzeptes von ‚Weltgesellschaft‘.
Das Differenzierungstheorem kann damit – trotz aller inhaltlicher Differenzen in Einzelfragen – als eine der letzten großen Metaerzählungen der Gesellschaftstheorie gelten:46 Sich aus verschiedenen klassischen Traditionen speisend, insbesondere natürlich aus der Arbeitsteilungslehre, aber auch aus derjenigen der Gewaltenteilung und dem Organizismus, findet sich das Thema an zentralen Stellen bei den soziologischen Klassikern, nimmt es bei Parsons (insb. 1972) die Rolle eines von vier basalen evolutionären Grundprinzipien an, um in der Systemtheorie Luhmanns, sofern sie als Gesellschaftstheorie auftritt, ihre reinste, die Theorie der ‚Weltgesellschaft‘ konstituierende Ausprägung zu erfahren (vgl. grundlegend Luhmann 1991b; Stichweh 2001; Heintz/Münch/Tyrell 2005); auf dieser Folie werden sowohl das konkurrierende Theorem der Interpenetration bei Richard Münch (1980; 1992) aber auch die Habermas’sche Kontrastierung von System und Lebenswelt (Habermas 1995) in Stellung gebracht, und wie in dieser Arbeit gezeigt werden soll, ist auch Pierre Bourdieus Theorie der Sozialwelt dezidiert durch die Idee funktionaler Differenzierung bestimmt: Im Grundbegriff des sozialen ‚Feldes‘ erlangt dieser Tatbestand eine konstitutive Bedeutung für die Konstruktion seiner Theorie, die wesentlich (auch) als Feldtheorie zu lesen ist, um einseitigen Interpretationen entgegenzuwirken. Inwiefern hierin nun ein gänzlich eigenständiger Vorschlag zur Konzeptualisierung von ‚Differenzierung‘ gesehen werden kann, und inwieweit auch hier mögliche ‚Schulden‘ gegenüber den behandelten Klassikern eingestanden werden müssen, ist an entsprechender Stelle zu diskutieren. Der Universalität der Diagnose von Differenzierungsprozessen stehen dabei innerhalb der einzelnen Werke hinreichende Differenzen in der Umsetzung entgegen, sodass der Vergleich auch an dieser Stelle lohnenswert erscheint. Überdies ist das Differenzierungstheorem geeignet, die gesellschaftstheoretische Leerstelle zu füllen und einen ‚interaktionistischen‘ oder ‚mikrosoziologischen Bias‘ zu verhindern, der ansonsten gegenüber der ersten Vergleichsgröße möglicherweise hätte entstehen können.
Die Fokussierung auf die damit benannten Vergleichsachsen dieser Arbeit verspricht ein spezifisches Theoriewissen zu liefern, das möglicherweise von besonderer Signifikanz ist. Jede Sozialtheorie beruht – ob sie dies nun ausdrücklich thematisiert oder aber an dieser Stelle auf impliziten Annahmen basiert – auf einem systematischen Grundbegriff, einer basalen Einheit, die die Gesamtarchitektur zu tragen hat; und es hat gravierende Konsequenzen für den ‚erreichbaren‘ Ausschnitt von Sozialität, für Reichweite und Leistungsfähigkeit einer Theorie, ob etwa ‚Handlungen‘, ‚Kommunikationen‘ oder ‚Relationen‘ als diese Grundeinheiten erachtet werden. Jede Theorie des Sozialen muss ferner ‚Macht‘ und ‚Herrschaft‘ als unhintergehbaren Faktizitäten menschlicher Vergesellschaftung Rechnung tragen; ob dies dabei in der Form einer genuin ‚politischen‘ Soziologie geschieht oder die gesamte Perspektive auf Gesellschaft als eine‚kritische‘ imprägniert, ob ‚Macht‘ nun als ‚Kommunikationsmedium‘ oder als analytischer Bestandteil von ‚Handeln‘ schlechthin vorgestellt wird, ist dabei eine andere Frage. Keine Theorie der modernen Gesellschaft kann schließlich die Augen verschließen vor Differenzierungsprozessen, an deren Ende mehr oder weniger autonome Sinnbezirke des Sozialen stehen, die nicht ohne Weiteres aufeinander reduzierbar sind. Auch hier ist das Spektrum möglicher Umsetzungen weit gefächert; es reicht von reduktionistischen ‚Überbau‘-Konzeptionen bis zur Theorie geschlossener autopoietischer Sinnsysteme. Differenzierung als Strukturprinzip moderner Gesellschaften völlig zu ignorieren erscheint aber auf dem gegenwärtigen wie auf dem Stand der soziologischen Theorie zur Zeit der Gründergeneration gleichermaßen undenkbar.
Insofern geht die vorliegende Arbeit von der Annahme aus, dass mit den drei genannten Vergleichsachsen solche gewählt wurden, die von besonderer Bedeutung für die Konstitution und den Aufbau jeder soziologischen Gesellschaftstheorie sind. Die entscheidende Frage allerdings wird nicht nur diejenige nach der reinen ‚Konzeptualisierung‘ der erläuterten Objekt- und Problembereiche sein. Vielmehr stellt sich der Vergleich heterogener Theorieentwürfe immer auch als eine klassische Beobachtung zweiter Ordnung dar – als eine Beobachtung, für die gerade die jeweils in den Blick geratenden Ausschnitte der sozialen Welt, die Perspektivitäten der jeweiligen Theorien also, von Interesse sind. Die entscheidende Frage lautet entsprechend immer auch, was genau von einer bestimmten Theorie beobachtet wird, wenn der Blick auf Grundeinheiten von Sozialität, auf Macht oder Differenzierung gerichtet wird – und welche Facetten des betreffenden Bereiches möglicherweise aus dem Blick geraten. Unterschiedliche Theorie blicken unterschiedlich, sie sehen Unterschiedliches und tauchen dabei gleichzeitig Unterschiedliches in den Schatten des eigenen epistemologischen Scheinwerfers. Die Beobachtung und Beschreibung von Beobachtungen und Beschreibungen kann sich also nicht nur auf das ‚Wie‘ beschränken, sondern muss gleichzeitig der möglicherweise viel wesentlicheren Frage nach dem ‚Was‘ und dem korrespondierenden ‚Was nicht‘ nachgehen, um Vergleichbarkeiten zu schaffen und Parallelen wie Differenzen gleichermaßen herauszuschälen. Dies genau ist gemeint, wenn oben darauf hingewiesen wurde, dass auch ‚Riesen‘ durchaus in unterschiedliche Richtungen blicken.
Im hier anschließenden Ersten Teil werden nun zunächst die Grundzüge der Theorie Bourdieus rekonstruiert, wobei die differenzierungstheoretische Interpretation in weiten Teilen diese Rekonstruktion anleiten und strukturieren wird. Ihre Explizierung bildet entsprechend die ersten zwei Kapitel dieses Teiles, die dem Feldbegriff sowie seinen vielfältigen Implikationen gewidmet sind; zudem wird das Augenmerk damit bereits auf den ersten Vergleichspunkt der Arbeit gelenkt. Die zwei dort anschließenden Kapitel werden andere, in der Literatur prominentere Lesarten thematisieren und so weitere Kernbegrifflichkeiten in den Blick rücken: Die besonders für eine konflikttheoretische Lesart konstitutiven Konzepte des ‚Kapitals‘ und der ‚Klasse‘ stehen im dritten Kapitel im Vordergrund, womit zugleich der Blick auf die agonale Grundstruktur der Bourdieu’schen Theorie gelenkt wird, und damit auch auf die Grunddimensionen von Macht und Herrschaft, die den zweiten Bezugspunkt der vergleichenden Ausführungen bilden werden. Das vierte Kapitel wendet sich der für eine primär praxeologische Perspektive bedeutsamen Theorie der Praxis und des Habitus zu, wobei hier auch explizit auf den ‚methodologischen Relationalismus‘ eingegangen werden muss, der Bourdieus gesamter Theoriearbeit zugrunde liegt. Damit werden sich ferner auch die Konturen von Bourdieus ganz eigenständiger kategorialer Grundlegung der Soziologie herausschälen lassen, die als dritter Vergleichsgesichtspunkt für die weitere Untersuchung von Bedeutung sein wird.
In einem knappen Zwischenfazit werden die verschiedenen Schwerpunktsetzungen der Rezeption zusammengeführt und das so gewonnene Gesamtbild auf die genannten Vergleichsgesichtspunkte zugespitzt, die sodann, im Zweiten Teil der Arbeit, maßgebliche Bedeutung erlangen. Die dort präsentierten Interpretationen beleuchten die drei ausgewählten Themenkomplexe im Werk der Klassiker Durkheim, Weber und Simmel, um schließlich sukzessive zu einer vergleichenden Perspektive auf das ‚klassische Erbe‘ der Theorie Bourdieus zu gelangen. Eine Zusammenfassung wird die gewonnenen Einsichten nochmals verdichten und schließlich Fragen nach weiteren Synthese- und Entwicklungspotenzialen der Theorie aufwerfen. Mit Bourdieu zu denken – so Wacquant sinngemäß – heißt gegen ihn und über ihn hinaus zu denken, falls nötig. Vielleicht können die folgenden Ausführungen einen Beitrag hierzu liefern.
3 Wolf Lepenies (2002: 13) betonte in seinem Nachruf auf Bourdieu treffend dessen „intellektuelle und soziale Nervosität“.
4 Vgl. etwa Bohn/Hahn (2007: 303, 305); Kieserling (2004b: 130); Bezüge auf dieses Bourdieu-Bild, wenngleich bereits mit umgekehrter Stoßrichtung, auch bei Nassehi (2002) sowie Nassehi/ Nollmann (2004b); auch Hillebrandt (2009: 243). Dass insbesondere die zuletzt genannten Autoren gerade auch auf die ‚großtheoretischen‘ Leistungen Bourdieus hinweisen, tut der oben angesprochenen Rezeptionstendenz freilich keinen Abbruch – im Gegenteil unterstreichen sie gerade die offensichtliche Notwendigkeit, Bourdieu überhaupt als ‚Theorieproduzenten‘ Ernst zu nehmen. Von einem „Klassiker wider Willen“ spricht schließlich auch Barlösius (2006: 25).
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