Auf der anderen Seite des Ichs - Torge Naß - E-Book

Auf der anderen Seite des Ichs E-Book

Torge Naß

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Beschreibung

Eigentlich hatte Ben sich für Laila spannende Eindrücke und Erfahrungen gewünscht. Immerhin sind sie aufgebrochen, damit seine Schwester eine neue Perspektive auf das Leben bekommt. Aber als sie den lebensfrohen Herumtreiber und Psychonauten Eli kennenlernen, verwandelt sich ihre Perureise schnell in ein unkontrolliertes Abenteuer. Denn Eli plant einen fast 6000 Meter hohen Vulkan zu besteigen. Manchmal muss man jedoch ins kalte Wasser gestoßen werden um zu merken, dass man schwimmen kann. So zwingt Elis rücksichtsloser Charme Laila zu erkennen, dass sie ihr Glück selbst in die Hand nehmen muss, aber auch dass sie das Rüstzeug dazu bereits in sich trägt. "Auf der anderen Seite des Ichs" ist eine von Gonzo beeinflusste Mischung aus Reiseroman und Psychodrama, die in sich gefangenen Menschen einen neuen Blick auf das Leben anbietet.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Zuvor erschienen: „Das Licht am Ende des Traums“ - BoD 2017

Für Richy, weil das ja klar ist. Und für meinen Bruder — er weiß warum.

Inhaltsverzeichnis

Breaking Through

Lektion 1

Lektion 2

Lektion 3

See me Change

Lektion 4

Lektion 5

Lektion 6

„Sag mal, wie ist es eigentlich in der Sphäre zu sein?“, fragte Ben. Laila musste einen Moment überlegen, bevor sie darauf Antworten konnte.

„Eigentlich ist es gar nicht wirklich. Das war ja gerade der Punkt. Man will nichts, entbehrt nichts, fühlt im Grunde gar nichts“, antwortete sie schließlich. Ben schürzte die Lippen.

„Und wie genau muss ich mir das vorstellen?“, fragte er weiter. „Ich meine, du warst dabei doch nicht bewusstlos.“ Laila schüttelte den Kopf.

„Nein. Es ist eher, als würde ich ganz und gar in mir drin sein, vollkommen abgeschottet von der Außenwelt. Um mich herum war zwar überall Wasser, aber das lag nur daran, dass ich in das kleine Aquarium gestarrt und mir dabei vorgestellt hatte eine Garnele zu sein.“

„Weile eine Garnele nichts will“, ergänzte Ben murmelnd, weil er sich an einen entsprechenden Eintrag in Lailas Tagebuch erinnerte. Er hatte es Zuhause gelesen, als er nach einem Weg gesucht hatte, Laila aus der Sphäre zu befreien. Es war ihm schließlich auch gelungen. Aber so richtig konnte er den Zustand in den sich seine Stiefschwester versetzte hatte, noch immer nicht begreifen. Er hoffte nur, dass sie nie wieder das Bedürfnis entwickelte, dorthin zurückzukehren.

„Sehnst du dich manchmal noch danach?“, fragte Ben vorsichtig.

„Sehnen ist sicher der falsche Ausdruck dafür“, erwiderte Laila. „Das klingt, als hätte ich es gern gemacht. Dabei war es vielmehr eine Flucht. Eine Flucht vor dem Schmerz. Ohne mein Leiden gibt es auch keinen Grund dorthin zurückzukehren. Dann ist etwas wieder besser als nichts.“ Ben nickte leicht, war jedoch noch nicht beruhigt.

„Leidest du denn noch so sehr?“, hakte er nach und entlockte Laila damit ein flüchtiges Schnaufen.

„Im Augenblick geht es“, lächelte sie ihren Bruder an.

BREAKING THROUGH

Hey Ben,

Ich habe mir erlaubt, dir ein paar Überlebenstipps für eure Reise in dein Tagebuch zu schreiben. Ich kann ja schließlich nicht ewig auf euch aufpassen, nicht wahr?

Seit aber nicht traurig, dass sich unsere Wege trennen. Vielleicht sieht man sich eines Tages wieder. Grüß auch den kleinen Wuschelkopf von mir.

Ging ab mit euch!

Euer Eli

LEKTION 1

Lernt zumindest ein paar Brocken Spanisch, denn Englisch wird euch außerhalb eines Flughafengebäudes nicht sehr weit bringen. Eure Grammatik kann dabei ruhig absolute Grütze sein. Die Leute werden schon verstehen und freuen sich, dass ihr es versuchst. Habt also keine Angst, sondern haut einfach raus. Und zur Not spricht Alkohol bekanntlich jede Sprache.

Der nasskalte Wind blies durch die Nacht, ohne dass Ben ihn spürte. Entsetzt starrte er seine kleine Schwester an, die nur mit einem Krankenhaushemd bekleidet auf der Brüstung des Daches stand. Er wollte sie auf keinen Fall erschrecken, damit sie nicht herunter fiel. Darum hatte er sich ihr bis hierher nur langsam und mit ruhigem Schritt genähert, obwohl sein Herz unerbittlich raste. Es war stockfinster. Der Regen hatte aufgehört, aber die dichte Wolkendecke verbarg noch immer Mond und Sterne. Plötzlich konnte Ben deutlich sehen, wie sich Laila kaum merklich nach vorn neigte, bereit sich in die Tiefe zu stürzen. Ben stockte der Atem. Sofort vergaß er alle Vorsicht und rief Lailas Namen. Sie reagierte nicht, also rief er noch einmal:

„Laila, bitte, komm da runter!“ Sein Ruf verhallte stumm in der Dunkelheit. Dennoch drehte sich Laila flüchtig um, schien ihn jedoch gar nicht richtig wahrzunehmen. Unbeeindruckt wandte sie sich wieder dem Abgrund zu. Wie in Zeitlupe breitete Laila die Arme aus und lehnte sich erneut nach vorne.

„Laila, nicht!“ Dieses Mal schrie Ben aus vollem Hals, doch er hörte seine Stimme nicht. Überhaupt hörte er keine Geräusche. War das zuvor auch schon so gewesen? Er dachte nicht darüber nach, sondern rannte so schnell er konnte auf seine Schwester zu. Aber die Luft schien so dicht, dass man sie hätte schneiden können. Es schien, als käme er überhaupt nicht vom Fleck. Er schrie und strampelte, kämpfte gegen die Panik an, seine Schwester für immer zu verlieren. Laila kippte unaufhaltsam weiter. Dann ganz plötzlich, wie durch einen kurzen Zeitsprung hatte Ben sie erreicht und schaffte es in letzter Sekunde, ihre Beine zu umschlingen. Er stemmte sich mit aller Kraft gegen Lailas übermächtigen Moment nach vorn, hatte sie aber zu weit unterhalb zu weit ihres Schwerpunktes zu fassen bekommen. Ihr Gewicht zog sie unaufhaltsam weiter. Stück für Stück wurde Bens Umklammerung aufgehebelt, bis er seine Schwester nicht mehr halten konnte. Mit einem Ruck wurde Laila aus seinen Armen gerissen und stürzte von der Brüstung. Entsetzt sah Ben zu, wie sie stumm in die Dunkelheit entglitt. Ein stechender Schmerz durchzog seine Brust. Er wollte schreien, bekam jedoch keine Luft. Japsend und mit einem stechenden Schmerz in der Brust versuchte er Luft einzusaugen, aber da kam nichts. Er konnte einfach nicht mehr atmen.

Dann schreckte Ben aus dem Schlaf. Keuchend rang er nach Atem, während er versuchte, sich klar zu werden, wo er sich überhaupt befand. Die Sonne schimmerte warm und freundlich durch die karierten Vorhänge vor dem kleinen Fenster des Hostelzimmers. Laila lag seelenruhig neben ihm im Bett und schlief. Die dünne Andenluft und die Anstrengungen von der Anreise hatten Laila am Abend erschöpft ins Bett fallen lassen. Nun schlief sie endlich einmal durch. Ben konnte beobachten, wie sich ihr Brustkorb langsam und sachte hob und wieder senkte. Sie sah so friedlich und unbekümmert dabei aus, dass er sich schnell wieder beruhigte. Sie war da. Sie lebte. Anders als in seinem Traum kurz zuvor hatte Ben seine Schwester in jener Nacht mit letzter Kraft zurückziehen können. Nun schien es ihm geradezu an ein Wunder zu grenzen, dass ihm dies gelungen war. Sie hätte fallen müssen. Er wusste nicht, wie er es geschafft hatte, Laila zurückzuziehen, aber sie hätte in jener Nacht sterben müssen. Es schien allen Gesetzen der Mechanik zu widersprechen und doch lag sie nun vollkommen unversehrt neben ihm. Natürlich ging es ihr so weit weg von der Schule und ihrer gewohnten Umgebung noch nicht sofort besser. Wie auch, selbst wenn man noch so schnell flüchtete und an die entlegensten Orte der Welt reiste, nahm man sich und seine Probleme überall mit hin. Da konnte man kaum erwarten, dass sich Lailas Depression von einem Tag auf den anderen einfach verflüchtigte. Wenn diese Reise wie erhofft einen positiven Effekt auf ihr Gemüt haben würde, dann würde sich dieser womöglich erst im Nachhinein einstellen, wenn all die neuen Erfahrungen verarbeitet und in üblicher Manier von Laila zerpflückt sein würden. Bei ihr wurde immer alles fein säuberlich zerdacht. Nichts wurde einfach so hingenommen, wie es war. Ben hoffte nur, dass sie bereits stabil genug war, um nicht wieder in eine ihrer Episoden zu verfallen. Er wusste nicht, ob er im Stande war, seine Stiefschwester ohne Hilfe zu beruhigen und unter Kontrolle zu kriegen. So gesehen war es sicher nicht die beste Idee gewesen, diese Reise allein zu unternehmen. Oder doch gerade deswegen? Am Ende könnte er vielleicht noch selbst an sich wachsen.

Ben beschloss Lailas geruhsamen Schlaf nicht zu stören. Schlafen war zweifellos besser als wie ein Shrimp zusammengerollt auf dem Boden zu liegen und der Realität zu entfliehen, was sie Zuhause oft getan hatte. Ein gesunder Geist brauchte regelmäßige Erholung. Außerdem hatten sie noch gar keine konkreten Pläne, die einen frühen Sprung aus den Federn erfordert hätten. Also war es eine gute Gelegenheit für ihn, schon mal Frühstück zu besorgen und dabei die nähere Umgebung zu erkunden. Vorsichtig stand er auf und zog sich an. Dann trat er gähnend aus dem Hostelzimmer auf die Galerie des ersten Obergeschosses, von wo aus er in den noch menschenleeren Innenhof blicken konnte. Alle Wände, Säulen und Geländer erstrahlten in kräftigen Farben, wenngleich das Gebäude einen neuen Anstrich gut vertragen konnte. Denn die Farbe blätterte an allen Ecken und Kanten ab. Selbst die psychedelischen Graffitis, die an manchen Wänden prangten, hatten ihre schönsten Zeiten bereits hinter sich. Alles in allem hatte das Gebäude voller Möbel, die zu Hause als Sperrmüll gelten würden, für einen Studenten wie Ben aber einen geradezu familiären Charme. Er reckte sich noch einmal, bevor er leise die Tür zuzog und die schmale Treppe in den Hof hinunterging. Unten kam er am Rezeptionszimmer vorbei, wo ihm das Mädchen von der Frühschicht lächelnd buenos dias wünschte. Ben erwiderte den Gruß und nutzte die Gelegenheit, seine nicht vorhandenen Spanischkenntnisse zu verbessern. Er hatte schnell begriffen, dass man in diesem Land außerhalb von Flughäfen mit Englisch nicht sehr weit kam. Zumindest rudimentär Spanisch zu lernen, erschien ihm daher als aller erstes Gebot. Ohne das Übersetzungs-Tool auf seinem Smartphone wäre er allerdings aufgeschmissen gewesen.

„Disculpe... äh... donde puedo comprar desayuno?“, las er vom Display, überzeugt die Aussprache vergewaltigt zu haben. Aber zum Glück waren Mitarbeiter eines Hostels im Stadtzentrum radebrechende Touristen gewohnt. Die junge Frau zückte sogleich lächelnd einen Flyer mit einer Karte der Altstadt.

„Estamos aquí“, sagte sie und malte mit einem Kugelschreiber einen Kreis auf die Karte. „Hay tiendas con pan y huevos aquí, aquí y aquí.“ Drei Kreuze folgten dem Kreis auf die Karte. Im Grunde gab es an jeder Ecke einen kleinen Laden, wo man das Nötigste kaufen konnte, da Supermärkte in der Stadt eher sporadisch angesiedelt waren. Ben bedankte sich und nahm die Karte entgegen. Das Mädchen lächelte erneut.

„Me llamo Ben y tú?“, fragte Ben, weil er sie zuvor noch nicht im Hostel gesehen hatte.

„Soy Carmen“, antwortete sie. Hastig tippte Ben in sein Telefon.

„Un placer, Carmen, hasta luego!“ Als Ben aus dem kühlen Hof auf die Straße trat, erschlug ihn fast das gleißende Sonnenlicht. Es war nicht eine Wolke am Himmel zu sehen. Das schwere Tor fiel unmittelbar hinter ihm zu und seine Sonnenbrille hatte Ben natürlich auf dem Zimmer liegen lassen. Schließlich hatte er nur schnell etwas einkaufen wollen. Aber jetzt noch einmal an der Tür klingeln, damit Carmen ihn wieder hineinließ? Wie blöd stünde er dann da? Man kam nämlich nur ins Hostel hinein, wenn man klingelte, damit sich keine Langfinger einschlichen. Die paar Minuten wird es schon gehen, dachte Ben und schlenderte los die alte Kolonialstraße hinunter.

~

Langsam kam Laila zu sich, wälzte sich aber noch eine Weile umher, weil sie die Geborgenheit des sorglosen Schlafs nicht aufgeben mochte. Zu selten hatte sie diesen in der vergangen Zeit gehabt. Schließlich musste sie aber einsehen, dass es keinen Sinn hatte sich dagegen zu wehren. Sie war wach: Zeit, den Tag zu beginnen. Ächzend reckte sie sich, bevor sie zaghaft die Augen öffnete. Dem Licht zu Folge musste es mitten am Tag sein, aber ein Blick auf ihr Mobiltelefon lies sie sich sogleich dafür verfluchen, dass sie bereits wach war. Es wurde offenbar sehr früh hell. Doch es nützte nichts, nun würde sie sicher nicht mehr einschlafen. War Ben auch schon wach? Sie drehte sich herum. Die andere Seite des Bettes war leer. Mühsam kämpfte Laila sich aus den Decken, um aufzustehen. Im Badezimmer war er auch nicht. Enttäuschung machte sich in Laila breit. Ben würde sicher gleich wiederkommen, aber ihre Hoffnung auf gemeinsames Aufwachen, die ihre von romantischer Träumerei über Jahre hinweg eingepflanzt worden war, musste sie für diesen Tag aufgeben. Davon ließ sie sich zunächst nicht unterkriegen. Die gemeinsame Reise hatte schließlich gerade erst begonnen. Es würde noch viele weitere Gelegenheiten geben. Ohnehin würden sie so viel Zeit mit einander verbringen wie lange nicht. Statt sich zu grämen, schlurfte sie also, verschlafen wie sie war, hinaus auf die Galerie der ersten Etage ihres Hostels. Sie brauchte eine Orientierung, was die Uhrzeit hierzulande gesellschaftlich bedeutete. Dabei störte sie nicht, dass sie ungekämmt war und nichts als ihr Höschen und ihr verwaschenes „FUCK THE EARLY BIRD!“ T-Shirt trug. Denn sie erwartete nicht, um diese Zeit viele Leute zu treffen, und im Grunde war es ihr auch egal. Sollten die Leute sie doch sehen. Außerdem war das Gebäude so konfus verwinkelt, dass man diese Ecke kaum wahrnahm – besonders nicht von unten, wo sich das meiste Leben abspielte. So früh an diesem Morgen war es der einzige Ort, wo sich überhaupt Leben abspielte. Laila hörte Stimmen im Hof, unter anderem die von Ben. Seine volle Lache wäre auch unter Tausenden herauszuhören gewesen. Hastig trat Laila an das steinerne Geländer. Und tatsächlich, dort unten stand Ben im Eingang zu dem Raum in dem die Rezeption lag. Er trug ein paar Einkäufe im Arm und schien gut gelaunt zu sein. Mit wem er sich wohl unterhielt? Neugierig schlich Laila ein Stück um die Ecke, bis sie besser in den Raum unten im Hof blicken konnte. Vor dem Schreibtisch stand eine junge Peruanerin, die gerade Schicht an der Rezeption zu haben schien. Laila verstand nicht, was sie sagten, aber sie glaubte auch nicht, dass es auf den Inhalt ankam. An Bens Stelle würde sie auch mit dieser hübschen Latina mit sienafarbener Haut und runden Brüsten flirten. Das änderte aber nichts daran, dass es für sie, als hoffnungslos verliebte Laila, ein unweigerlicher Stich ins Herz bedeutete. Sie wusste, dass sie keinen Anspruch auf ihren Stiefbruder und auch keinen Grund zur Hoffnung mehr hatte. Nichtsdestotrotz tat es schrecklich weh. Sofort verschwand sie zurück ins Zimmer und warf sich auf das Bett. Nicht einmal die Tür hatte sie wieder zugemacht. Was nun? Was sollte sie tun? Wie sollte sie so die nächsten Wochen überstehen? Wenn es nicht diese sein würde, womit sie nicht einmal rechnete, dann warteten da draußen noch Millionen andere auf einen jungen, gut aussehenden Burschen aus Nordamerika. Eine hübscher als die andere, jede mit dem unwiderstehlichen Reiz des Exotischen. Das war zu viel. Schon begann Laila sich wieder auszuklinken. Ihr Blick verharrte leer auf der Wand.

Kurz darauf kam Ben herein. Er hatte spürbar gute Laune, denn er steckte voller Energie.

„Hey, du bist schon wach. Das trifft sich gut. Ich habe was zu essen besorgt. Hast du schon Hunger?“, textete er sie fröhlich zu, während er die Einkäufe auspackte. Aber Laila drehte sich nicht einmal zu ihm herum. Da unterbrach Ben sein Tun.

„Ist alles okay?“, fragte er. Laila antwortete nur mit einem leisen „mhm“. Ben seufzte. Immerhin war sie bei Bewusstsein und nicht wieder in ihre Sphäre abgedriftet. Aber etwas mehr Begeisterung hatte er sich schon erhofft. Er war nicht alle Tage mit seiner kleinen Schwester allein in der Welt unterwegs.

„Wie dem auch sei. Ich mache erst einmal Frühstück.“ Mit diesen Worten griff er sich ein paar Eier, Toast, Butter und Instantkaffee und verschwand auf die Dachterrasse, wo sich unter einem Wellblechdach die Küche für die Hostelgäste befand. Laila blieb noch einen Moment reglos liegen.

Nachdem Ben auf dem Dach seinen Kampf mit dem verkrusteten, alten Gasherd gewonnen hatte, kam er mit zwei gefüllten Tellern auf einem Arm und zwei Bechern Kaffee in der anderen Hand zurück ins Zimmer balanciert. Laila lag noch immer mit dem Gesicht zur Wand auf dem Bett.

„Kommst du essen?“, fragte Ben, während er das Frühstück auf dem kleinen Holztisch ihres Zimmers abstellte. Laila rührte sich nicht. Würde er dieses Verhalten nicht schon kennen, wäre Ben vermutlich vergrämt gewesen. So schaute er nur einen Moment ratlos Lailas Rücken an. Dann beschloss er in die Offensive zu gehen. Er schnappte sich einen Kaffeebecher und setzte sich damit zu Laila auf das Bett. Verführerisch kreiste er den Becher vor ihrer Nase.

„Riechst du das? Ich liebe den Geruch von Kaffee am Morgen. Er riecht nach... Aufstehen“, scherzte er. Laila grunzte, schien sich aber zusammenreißen zu wollen. Träge griff sie nach dem Becher und setzte sich auf. Grinsend wuschelte Ben durch ihr wildes Haar. Aber Laila wies ihn mit mürrischen Blick ab.

„Na komm! Wenn du noch keinen Hunger hast, trink einfach deinen Kaffee. Aber setz dich wenigstens zu mir, okay?“, schlug Ben vor und endlich raffte seine Schwester sich auf.

Beim Frühstück schwiegen sich die beiden zunächst nur an. Ben wollte seine Schwester nicht nerven. Er wusste, dass man sie von sich aus kommen lassen musste – besonders am Morgen. Laila saß still am Tisch und starrte in die Schwärze ihres Instantkaffees.

„Was machen wir heute?“, fragte sie schließlich ohne aufzusehen. Ben kaute zu ende, bevor er antwortete.

„Ich dachte, wir sehen uns heute erst einmal ein bisschen die Stadt an, einfach um einen Überblick zu gewinnen. Und heute Abend, habe ich erfahren, findet hier im Hostel eine Party statt, mit Cocktails und Bier zum halben Preis. Carmen meint, es würden sicher auch viele Einheimische kommen. Ich dachte, das wäre eine gute Gelegenheit, die Leute hier kennen zu lernen und ein bisschen Spaß zu haben.“

„Eine Party?“ Laila behagte der Gedanke an eine laute Menge fremder Menschen gar nicht. Für sie klang das eher nach Leute-Kennenlernen für Fortgeschrittene, als nach einer guten Gelegenheit. Ben trank einen Schluck Kaffee und bleckte skeptisch die Zähne.

„Wir müssen da natürlich nicht hingehen, wenn du nicht willst. Mir fällt spontan aber auch nichts besseres ein. Hast du eine Idee?“ Laila schüttelte abwesend den Kopf. Vor ihrem inneren Augen tanzten schon die vielen einheimischen Mädchen in der Hostelbar und bezirzten Ben mit ihren Reizen. Wie kam sie nur aus der Sache heraus, ohne ihren Bruder zu enttäuschen?

„Wir müssen uns ja nicht jetzt entscheiden. Schauen wir einfach, wonach uns heute Abend ist, und sehen dann weiter“, erlöste sie Ben fürs erste von ihrem Dilemma.

~~

Freudig taumelte Eli an die Bar und nutzte die Gelegenheit, sich daran festzuhalten. Er hatte schon länger nichts geraucht, weswegen er gerade in den Genuss einer saftigen Welle kam. Sofort durchströmte ihn das vertraute Kribbeln, gefolgt von dem wohligen inneren Nebel, der ihn sanft umarmte. Zugleich wurde alles um ihn herum viel aufregender und interessanter, als es in Wirklichkeit war. Sogar der furchtbare Reggeaton wurde erträglicher. Das einzige, was nun noch fehlte, war ein kühles Bier gegen das Pappmaul. Doch woher nehmen und nicht stehlen? Eli hatte sein letztes Geld für das Gras ausgegeben, das er in der Tasche hatte. Für ein Bier war nichts mehr übrig. Vielleicht fand er ja ein hübsches Mädchen, das einen charmanten Kerl wie ihn auf ein Bier einlud, überlegte er. Hätte er bloß vorher die Gelegenheit zum Duschen gehabt. Doch es würde schon gehen. Bisher war es noch immer gegangen. Gut, das waren dann meist andere Backpackerinnen gewesen, die genauso bekifft waren wie er oder leichte Mädchen mit wenig Optionen, und in dieser Hostelbar tummelten sich vor allem aufgebrezelte Latinas, die darauf hofften, von einem hübschen, weißen Touristen mit Geld abgeschleppt zu werden. Dennoch war es einen Versuch wert.

Ruckartig richtete Eli sich auf und drehte sich zur Menge. Mit dem Rücken an den Tresen gelehnt schaute er sich in dem schummrigen Gewölbe um. Dunkle Gestalten tanzten vor bunten Graffitis, deren Neonfarben im Schwarzlicht leuchteten. Eli musste sich anstrengen, um die Gesichter dieser Gestalten zu erkennen. Aber niemand schien ihn auch nur wahrzunehmen. Die Party war im vollen Gang, das Leben spielte sich auf der Tanzfläche ab, wo die meisten Tanzwilligen bereits einen Partner gefunden hatten. Wie sollte er unter diesen widrigen Umständen den nötigen Augenkontakt herstellen? Eli ließ seinen Blick über die Grüppchen am Rand schweifen. Überwiegend Gringos, die sich noch nicht in der Menge akklimatisiert hatten. Aber schließlich fiel sein Blick auf den Eingang und Augenkontakt spielte fortan keine Rolle mehr. Denn dort kamen gerade zwei Touristen herein, die Eli hier noch nicht gesehen hatte, ein Junge und ein Mädchen, die seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zogen. Das Mädchen sah einfach umwerfend aus. Ihre scharfen Gesichtszüge wurden von unbändigen Haarsträhnen umspielt. Ihr junger Körper war zwar nicht unbedingt üppig gebaut, wurde jedoch von einem engen Sommerkleid betont. Für Eli in seinem Rausch war sie eine Elfe und er musste sie unbedingt kennenlernen. Er konnte sehen, dass die beiden zusammen gehörten. Aber das musste ja nichts bedeuten. Also beschloss er, die Lage einen Moment lang zu sondieren. Eli beobachtete, wie die beiden sich einen freien Stehtisch mit Barhockern suchten und erst einmal Platz nahmen. Der Besuch der Party war offensichtlich nicht ihre Idee gewesen. Das machte ihre lustlose Miene unmissverständlich klar. Außerdem war er es, der sich sogleich neugierig in dem dunklen Raum umsah, bevor er sich aufmachte und zum Tresen durchkämpfte. Dort angekommen hatte der junge Gringo allerdings Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit der überforderten Barkeeper auf sich zu ziehen. In Hostels arbeiteten oft Studenten und Backpacker, die sich ein Zubrot verdienen wollten. Auf Profis stieß man hier nur selten. Eli witterte eine Chance auf ein Gespräch. Er stieß sich von seinem Platz an der Bar ab und taumelte hinüber zu dem Neuankömmling. So gepflegt, wie er aussah, konnte er noch nicht lange auf Reisen sein. Zumindest nicht als Backpacker in Peru. Und so unsicher, wie er schaute, hatte er keinen Plan, wie die Welt hier funktionierte.

„Wenn du etwas bestellen willst, darfst du dich nicht einfach still einreihen. Wir sind hier schließlich nicht in England“, grinste er den Jungen an. Dann schnipste er flüchtig in Richtung eines der Bediensteten hinter dem Tresen:

„Oye, amigo!“ Der Junge hinter der Bar nickte zum Zeichen, dass er gleich herüber kommen würde, wenn er mit dem Mixen der Getränke fertig war.

„Siehst du“, wandte sich Eli wieder an den Gringo, „du musst einfach etwas lautstärker sein.“

„Danke, sehr aufmerksam von dir. Wie es aussieht, hätte ich hier noch ewig gestanden“, lächelte der Neuankömmling und musterte Eli, so gut es ihm in dem schummrigen Licht der Hostelbar möglich war. Mit Eli hatte er einen hageren Mann, vor sich der in den Dreißigern sein mochte. Seine gebräunte Haut spannte sich ledrig über seinen Körper und angesichts der verfilzten, schwarzen Haare und der verschlissenen Kleidung mochte man unsicher sein, ob er ein Backpacker oder ein Penner war.

„Kein Ding, Alter. Ich sah einen Mann ohne Bier und erkannte den Notfall. Mein Name ist Eli.“ Er hielt dem jungen Mann die knöcherne Hand hin.

„Ich bin Ben“, antwortete sein Gegenüber und ergriff seine Hand.

„Freut mich, dich kennenzulernen, Ben. Mir scheint, du bist noch nicht lange hier im Land.“

„Gestern Abend angekommen“, bestätigte Ben grinsend. „Meine Schwester und ich wollen eine kleine Rundreise machen, ein bisschen Abenteuerluft jenseits des Alltags schnuppern.“ YES, dachte Eli Hoffnung schöpfend. Die beiden waren Geschwister. Also hatte er eine Chance.

„Dann habt ihr euch mit Peru genau das richtige Land ausgesucht. Hier wird es nie langweilig. Es passiert immer irgendwelche Scheiße. Wo ist deine Schwester?“

„An dem Tisch links vom Eingang.“ Ben nickte in die grobe Richtung, in der seine Schwester ihren trüben Blick über die Menge schweifen ließ. „Ihr Name ist Laila.“ Eli schaute sich das Mädchen noch einmal ausführlich an. Er stand nun etwas näher dran, sodass er sie besser erkennen konnte.

„Ein wirklich hübsches Ding, deine Schwester. Ist sie single?“, wollte Eli wissen. Ben schürzte die Lippen, unschlüssig was er sagen sollte. Technisch war seine Stiefschwester nicht vergeben, de facto war sie aber auch nicht zu haben. Dann dachte er sich jedoch, dass sich dies auch nicht von ihr aus ändern würde. Warum sie also nicht einmal mit der Aufmerksamkeit anderer Männer konfrontieren? Eli sah zwar nicht so aus, als hätte er auch nur den Hauch einer Chance, aber irgendwo musste man schließlich anfangen.

„Ich würde mir nicht zu viele Hoffnungen machen, Laila ist... speziell. Aber versuchen kannst du es. Meinen Segen hast du“, sagte er schließlich.

„Nice“, grinste Eli. „Speziell ist sozusagen meine Spezialität.“ Dann kam auch endlich der Barjunge zu ihnen herüber.

„Si, que quieres?“, fragte er.

„Ihr wollt zwei Bier, nehme ich an“, erkundigte sich Eli bei Ben.

„Eigentlich wollte ich nur mir ein Bier bestellen, weil Laila nichts trinken will. Aber wo es heute schon zwei zum Preis von einem gibt, nehme ich natürlich gleich zwei“, grinste Ben.

„Dos chelas, por favor“, gab Eli dem Barjungen zur Antwort.

„BRAHMA?“, fragte dieser zurück. Eli schüttelte den Kopf.

„PILSEN!“ Dann wandte er sich wieder an Ben: „Deine Schwester kann ruhig etwas trinken, hier fragt keiner, wie alt sie ist. Man muss hier auch nicht 21 sein wie Zuhause.“

„Als hätte die Altersbeschränkung je einen amerikanischen Teenager vom Trinken abgehalten. Nein, nein, sie trinkt aus Prinzip nichts. Ich sagte ja, sie ist speziell.“ Normalerweise hätte Eli protestiert und versichert, man müsse da lediglich etwas Überzeugungsarbeit leisten. Schließlich seien sie nicht zum Vergnügen da. Aber da hielt Ben ihm bereits eines der beiden Biere hin, die der Barkeeper gerade auf den Tresen gestellt und geöffnet hatte.

„Hast du Lust dich zu uns zu setzen? Wir kennen hier noch niemanden und könnten etwas Gesellschaft gebrauchen“, lud Ben ihn ein. Eli starrte erfreut auf die Flasche. Ein gratis Bier und die Gelegenheit mit Bens Schwester zu flirten? Manchmal konnte das Leben so einfach sein.

„Nun nimm schon, ich muss noch bezahlen“, sagte Ben. Grinsend ergriff Eli die Flasche.

„Na, die Einladung nehme ich doch gerne an“, sagte er.

„Cool! Was kostet hier noch ein Bier 7,90 Soles?“, fragte Ben.

„7,50“, antwortete Eli. Ben zeigte ihm den bestätigenden Daumen und wandte sich dem Barkeeper zu.

„Siete cincuenta“, sagte dieser. Ben nickte nur und reichte ihm das Geld. Gemeinsam schlängelten sich Ben und Eli durch die tanzende Menge zurück zum Tisch der Geschwister, wo Laila noch immer wartete und skeptisch in die Menge blickte. Freudig machte Ben seine Schwester mit Eli bekannt, schaffte es jedoch nicht mit dankenden Worten über die verwahrloste Erscheinung der neuen Bekanntschaft hinwegzuspielen. Lailas Reserviertheit stand ihr ins Gesicht geschrieben – zumindest für jemanden, der sie gut kannte.