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Die Situation auf einer Intensivstation ist massiv belastend, vor allem für Patient*innen und Angehörige. Traumata noch Monate später sind nicht selten. Was brauchen die Betroffenen, um einen Intensivaufenthalt zu überstehen? Was können Pflegende, Ärzt*innen und andere Berufsgruppen tun? Was lässt sich der hochtechnisierten, stressigen Umgebung entgegensetzen? Die Autorinnen Brigitte Teigeler und Sabine Walther haben nach Antworten gesucht. Sie wollten wissen, was gut läuft auf Intensivstationen und nachahmenswert ist. Dafür haben sie mit Intensivpflegenden und Ärzt*innen gesprochen, mit Betroffenen und mit Wissenschaftler*innen. Mitarbeitende erzählen, was sie machen, um Patienten und Angehörigen das Erleben einer Intensivtherapie zu erleichtern. Die Betroffenen erzählen ihre Sicht. Ihre Geschichten bieten einen einzigartigen Blick, der hilft, die andere Seite der Intensivtherapie zu verstehen. Das Buch zeigt Möglichkeiten, Intensivstationen menschlicher zu machen und Traumata zu reduzieren. Es möchte Mut machen und Anregungen vermitteln, wie die Situation für alle Beteiligten verbessert werden kann. Und es möchte zeigen, mit wie viel Engagement sich viele Intensivstationen schon auf den Weg gemacht haben. Aus dem Inhalt - Das Erleben von Patient*innen und Angehörigen - Angehörigenintegration - was braucht es? - Licht, Lärm, Farben - die Intensivumgebung - Sterben auf der Intensivstation - Trauma Intensivstation - Lichtblicke und Perspektiven
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2022
Brigitte Teigeler
Sabine Walther
Auf der Intensivstation
Patienten und Angehörige zwischen Leben, Tod und Trauma
Auf der Intensivstation
Brigitte Teigeler, Sabine Walther
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege:
André Fringer, Winterthur, Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Angelika Zegelin, Dortmund
Brigitte Teigeler, Fachjournalistin, Dipl. Pflegewirtin, Marburg
Frankfurter Str. 53A
DE 35037 Marburg
Dr. Sabine Walther M. A., Sprachwissenschaftlerin, Duisburg
Paschacker 77
DE 47228 Duisburg
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Lektorat Pflege
z.Hd. Jürgen Georg
Länggass-Strasse 76
3012 Bern
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Tel. +41 31 300 45 00
www.hogrefe.ch
Lektorat: Jürgen Georg, Martina Kasper, Franziska Schönberger
Herstellung: Daniel Berger
Umschlagabbildung: Tashi-Delek, Getty Images
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: punktgenau GmbH, Bühl
Format: EPUB
1. Auflage 2022
© 2022 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96151-4)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76151-0)
ISBN 978-3-456-86151-7
https://doi.org/10.1024/86151-000
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Für Hermann – ohne den wir das Buch nicht geschrieben hätten.
Widmung
Vorwort
Dank
1 Das Erleben von Patient*innen und Angehörigen
Vier Patienten – vier Perspektiven
Zwei Frauen und zwei Männer berichten
„Ich hatte immer wieder schreckliche Träume“
Die Geschichte eines beatmeten Covid-19-Erkrankten
Zwischen Hoffen und Bangen
Drei Angehörige erzählen
„Ich habe irgendwann einen Teil von mir abgeschaltet“
Die persönliche Geschichte der Autorin Sabine Walther
2 Angehörigenintegration – was braucht es?
„Wir brauchen eine ziemlich radikale Umkehr“
Interview mit dem DGF-Vorsitzenden Lothar Ullrich
Offen, geschlossen, verhandelbar
Besuchsregelungen auf der Intensivstation
„Ich wäre gern mit Worten an die Hand genommen worden“
Kommunikation mit Angehörigen
„Ohne Vollmacht haben Angehörige keinerlei Rechte“
Interview mit dem Juristen Wolfgang Putz
3 Licht, Lärm, Farben – die Intensivumgebung
„Das Kühlschrankpiepsen macht mir nichts …“
Die Sinne positiv beeinflussen
Intensivstationen durch Raumgestaltung und Farbe beruhigender machen
Kleine Maßnahmen – große Wirkung
Den Tag-Nacht-Rhythmus verbessern
Die wichtige Rolle des Lichts
Umbauen, abstellen, wegnehmen – Lösungen gegen den Lärm
Lärm als Stressfaktor auf der Intensivstation
Schlaf und Entspannung auf natürliche Weise fördern
Wenn der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört ist
Schwerstkranken mit Berührungen helfen?
Die Bedeutung des Hautkontakts
4 Sterben auf der Intensivstation
Ausnahmezustände
Zwei Angehörige berichten
„Manche sagen, ich würde so gerne nochmal an die frische Luft“
Eine Klinik-Seelsorgerin im Gespräch
„Der Schlüssel ist reden“
Beispiele für ein würdiges Sterben auf der Intensivstation
Organspende – ein Geschenk für das Leben
Was der Abschied für Angehörige bedeutet hat
„Wie kann man über so etwas schweigen?“
Interview mit dem Anästhesisten Matthias Thöns
5 Trauma Intensivstation
Janniks Geschichte
Wenn plötzlich alles zusammenbricht
„Ein vorhersehbares Trauma“
Interview mit der Psychologin Jenny Rosendahl
Psychologische Soforthilfe vor Ort
Wie Psycholog*innen das Team ergänzen können
Das Trauma der anderen
Angehörige und PTBS – der Forschungsstand
6 Lichtblicke und Perspektiven
„Wir müssen den Angehörigen besser zuhören!“
Interview mit dem Pflegewissenschaftler Jos Latour
Wenn die Familie mit zum Team gehört
Die angehörigenfreundliche Intensivstation
„Symbol der Hoffnung“
Ein Gespräch mit Peter Nydahl zum Intensivtagebuch
Was machen andere Länder?
Angehörigenintegration in den USA, Norwegen und der Schweiz
Literatur
Weiterführende Literatur
Autorinnen
Sachwortverzeichnis
Eigentlich wollten wir ein ganz anderes Buch schreiben. Zu einem völlig anderen Thema. Die ersten Texte waren schon fertig, aber wir konnten uns nur schwer darauf konzentrieren, waren mit unseren Gedanken bei etwas anderem. Wir brauchten ein bisschen, es zu verstehen. Das war Mitte 2019.
Anfang 2020 haben wir das Buch geplant, das Sie jetzt in Ihren Händen halten. Im Frühjahr 2020 haben wir Jürgen Georg vom Hogrefe Verlag unsere Idee geschickt – und hatten drei Tage später die Zusage. Ein bisschen schwindelig war uns schon, dass es plötzlich so schnell ging.
Aber wer sind wir? Was eint uns? Warum haben wir dieses Buch gemeinsam geschrieben?
Beide sind wir Krankenschwestern, haben beide vor etlichen Jahren einen anderen Weg eingeschlagen, wie so viele Pflegende vor und nach uns auch schon. Heute arbeiten wir mit unterschiedlichen Schwerpunkten an und mit Texten. Wir schreiben, wir korrigieren, wir unterrichten, wir beraten – alles rund um Sprache. Wir lieben Wörter und Geschichten – und sind neugierig auf die Menschen dahinter.
2006 sind wir uns auf einem Schreibwettbewerb für Pflegende begegnet, den das Alumni Netzwerk Pflege braucht Eliten e. V. zum ersten Mal ausrichtete. Im wundervollen Kloster Irsee. Hermann war auch dabei. Es brauchte noch einen zweiten Schreibwettbewerb in Irsee, um zu spüren, dass uns drei mehr als Berufliches verbindet.
Anfang 2017 ist Hermann auf einer Intensivstation gestorben. Manches, was damals auf der Intensivstation passiert ist, verstehen wir erst heute, nach der Arbeit an dem Buch.
|12|Hermann hat immer gesagt, es genügt nicht, wenn du einen Plan B hast, du musst auch einen Plan C haben und am besten auch einen Plan D.
Doch für etwas Schreckliches versagt jeder noch so gut durchdachte Plan.
Was aber können wir machen mit dem Schrecklichen, das in unser Leben gekommen ist, wenn wir nicht daran zugrunde gehen wollen? Was mit den Gedanken und Bildern, die niemals verschwinden werden? Schaut man sich um, gibt es unzählige wunderschöne, kraftvolle Lieder, berührende Geschichten und Gemälde, mit denen Menschen ihre Geschichten erzählen, ihr Erlebtes nutzen, um andere zu stärken, andere zu inspirieren, andere zum Umdenken zu motivieren. Sicher ist mehr als eine Forschungsarbeit vor dem Hintergrund der eigenen Biografie entwickelt worden, aus dem Wunsch heraus, verstehen zu wollen, warum etwas geschehen ist und was möglich ist, damit es zukünftig nicht mehr geschieht.
Auch wir haben unser Buch mit diesem Wunsch geschrieben.
Wir haben mit Mitarbeitenden und Betroffenen gesprochen und geschaut, was die Forschung sagt. Wir wollten wissen, was gut läuft auf Intensivstationen, was verbesserungswürdig ist, was nachahmenswert.
Was machen Pflegende und Ärzt*innen, um Patient*innen und Angehörigen das Erleben einer Intensivtherapie zu erleichtern? Was sind die Erfahrungen der Mitarbeitenden? Welche Wünsche haben sie? Was haben sie geändert, um etwas zu verbessern?
Was bedeutet eine Intensivstation für die Betroffenen? Worunter leiden Patient*innen? Was wünschen sich Angehörige? Die Geschichten, die uns ehemalige Patient*innen und Angehörige erzählt haben, sind berührend und oft schrecklich. Sie erzählen aber auch von der Kraft und Energie, die Mitarbeitende geben können. An manchen Stellen erscheinen sie uns wie ein Dankeschön an die Mitarbeitenden. Weil Pflegende Angehörigen zugehört haben, sie genau beobachtet, sich eingefühlt haben, konnten sie ihnen Mut machen, sie beruhigen und ihnen Hoffnung geben.
Wollen wir Dinge ändern, müssen wir den Perspektivwechsel wagen, versuchen, mit den Augen der anderen zu sehen. Dieser Versuch hilft uns, Brücken zu bauen, Verbindungen herzustellen, Hände zu reichen und sie zu ergreifen.
Mit diesem Buch möchten wir Sie einladen, auf die andere Seite zu treten.
Sie halten in Ihren Händen ein Lesebuch, das Sie nach Ihren eigenen Interessen lesen können. Die Texte bauen nicht aufeinander auf. Steigen Sie einfach dort ein, wo Sie es möchten.
|13|Es ist ein Buch für jene, die neugierig sind und anderes ausprobieren möchten, und für jene, die etwas ändern wollen, aber nicht wissen, wie und mit wem.
Es ist ein Buch für jene, die sich mit ihren Wünschen und Ansprüchen alleine fühlen und ein Buch für jene, die daran zweifeln, ob sie den richtigen Beruf haben.
Und dann ist es auch für jene, die einfach mal schauen wollen, was die anderen machen.
Vielleicht inspiriert Sie das, was Sie hier finden ebenso wie uns, als wir davon erfahren haben. Manchmal konnten wir es gar nicht fassen, wie viel Tolles schon gemacht wird. Wir sind begeistert davon, mit wie viel Kraft und Engagement Mitarbeitende auf Intensivstationen Ideen umsetzen, um Patient*innen und Angehörigen die Intensivstation zu erleichtern.
Es wird vieles geben, das wir nicht gefunden haben, von dem wir deshalb leider hier nicht berichten können. Wenn Sie möchten, schreiben Sie uns. Erzählen Sie uns davon, was Sie gemacht haben. Wir würden uns freuen!
Die Interviews und Gespräche im Buch haben wir zwischen September 2020 und November 2021 geführt. Manche Sachverhalte können sich mittlerweile geändert haben, etwa wegen Veränderungen durch die Corona-Pandemie oder Personalwechsel.
Bei den Schilderungen der Erlebnisse von Patient*innen und Angehörigen werden Sie vielleicht die ein oder andere medizinisch-pflegerische Ungenauigkeit finden. Wir haben hier bewusst die Wortwahl der Betroffenen belassen. Nicht der medizinische Sachverhalt, sondern die Perspektive der Betroffenen steht in diesen Geschichten im Mittelpunkt.
Auch wir mussten bei der Arbeit an dem Buch immer wieder den Blick wechseln und haben aus unseren unterschiedlichen Perspektiven geschrieben: aus der Perspektive der Pflegenden, der Angehörigen, der Liebenden, der Freundin, der Forschenden, der Journalistin, der Leserin.
Jetzt sind wir fertig und sehr gespannt auf Ihren Blick.
Duisburg und Marburg im Dezember 2021
Sabine Walther und Brigitte Teigeler
Dieses Buch konnte nur entstehen, weil uns viele engagierte Menschen unterstützt haben – und es waren viel mehr, als wir zunächst gedacht haben. Aus Gesprächen haben sich neue Ideen und Kontakte ergeben, sodass unser Buch und die Geschichten darin „gewachsen“ sind. Dieses Buch zu schreiben, hatte etwas von einer Entdeckungsfahrt, bei der wir viele besondere Menschen getroffen haben und immer wieder auf neue Themen gestoßen sind.
Ein großer Dank geht an alle Patient*innen und Angehörige, die bereit waren, uns ihre Geschichte zu erzählen. Ohne sie hätten wir dieses Buch nicht schreiben können. Sie haben uns an ihren Erinnerungen und Erfahrungen teilhaben lassen und sich dafür gedanklich in die Zeit des Intensivaufenthalts zurückbegeben. Wir danken ihnen für die sehr berührenden Gespräche, das Vertrauen und das große Interesse, das sie unserem Buchprojekt entgegengebracht haben. Sie haben damit nicht nur maßgeblich zu diesem Buch beigetragen, sondern uns auch immer wieder angespornt, weiterzumachen.
Ein herzlicher Dank geht an Ulrike Redlich von der Deutschen Sepsis-Hilfe, die den Kontakt zu mehreren Patient*innen und Angehörigen hergestellt hat und damit ein wichtiges Bindeglied zu den Betroffenen war. Auch Peter Nydahl, Angelika Zegelin und Lothar Ullrich standen uns mit vielen Ratschlägen und wichtigen Kontakten zur Seite und haben uns sowohl fachlich als auch ideell sehr unterstützt. Ein herzliches Dankeschön dafür!
Ein besonderer Dank gebührt unseren Gesprächspartner*innen aus den Kliniken – den Intensivpflegenden und -mediziner*innen Sebastian Allgäuer, Martin Glaser, Sabine Hermann, Carsten Jehle, Claudia Joneit, Sven Konrad, Steffen Krüger, Frank Sewing, Marina Ufelmann und Wanda Wuckert. Sie haben sich – und das in der Hochphase der vierten Pandemiewelle – die Zeit genommen, unsere Fragen zu beantworten und uns ihre Perspektiven zum Umgang mit |16|Intensivpatient*innen und den Angehörigen zu schildern. Es war eine große Freude, mit ihnen zu sprechen und ihr Engagement, Ideenreichtum und ihre Motivation mitzubekommen.
Ein herzlicher Dank geht auch an unsere Gesprächspartner*innen im Ausland: Phil Boncarda und Kelly Jones aus der Mayo-Klinik in Rochester, Minnesota, USA, Jos Latour von der University of Plymouth in Großbritannien, Paula Lykke vom norwegischen Intensivpflegeverband und Jürgen Maier vom Universitätsspital in Zürich. Wir danken ihnen für die spannenden Zoom-Gespräche und die wertvollen Einblicke in die Angehörigenbetreuung in anderen Ländern.
Weitere wichtige Gesprächs- und Interviewpartner*innen waren Anne-Bärbel Blaes-Eise von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), die Psychologinnen Teresa Deffner und Jenny Rosendahl, die Seelsorgerin Heidemarie Hürten, der Pflegewissenschaftler Stefan Juchems, der Mediziner Matthias Thöns und der Jurist Wolfgang Putz. Sie haben uns in langen Gesprächen an ihren Erfahrungen teilhaben lassen und uns komplexe Themen verständlich nahegebracht. Ein großer Dank dafür!
Nicht zuletzt sind wir dem Hogrefe Verlag dankbar, und hier besonders Jürgen Georg, der sich sofort für das Thema begeistern ließ, uns bei der Umsetzung sehr unterstützte und uns größtmögliche redaktionelle Freiheiten ließ. Ein Dank geht auch an Martina Kasper, die sich unsere speziellen Satzwünsche geduldig anhörte und gekonnt umsetzte.
Ihnen allen gilt unser Dank für eine sehr schöne und verbindende Zusammenarbeit!
Marburg und Duisburg, Dezember 2021
Brigitte Teigeler und Sabine Walther
Zwei Frauen und zwei Männer berichten
Woran erinnern sich Menschen, die über Tage oder Wochen beatmet und/oder im Koma gewesen sind? Wie viel haben sie mitbekommen? Vier ehemalige Intensivpatientinnen und -patienten berichten.
Katharina T., 39, hat vier Wochen mit einer schweren Sepsis auf der Intensivstation gelegen. In dieser Zeit voller Albträume und Halluzinationen war ihre Familie der wichtigste Anker.
Es begann mit einer Halsentzündung, die in eine Mandelentzündung mit Abszess überging. Der Hausarzt riet mir, Novalgin zu nehmen, was ich dann auch über mehrere Wochen in Maximaldosis machte. Aber es wurde trotz Dauerschmerztherapie und Antibiotikum nicht besser. Ich hatte weiter hohes Fieber, konnte weder essen noch schlucken und habe mich dann irgendwann selbst ins Krankenhaus einweisen lassen. Was ich damals nicht wusste: Mein Körper hatte auf das Novalgin mit einer seltenen Nebenwirkung reagiert und mein Knochenmark arbeitete nicht mehr richtig – die Blutbildung war also gestört. In der Folge entwickelte ich eine schwere Sepsis mit Leberversagen und kurz darauf eine Lungenentzündung. Das wurde aber in der ersten Klinik nicht erkannt. Mein Zustand war allerdings mittlerweile so kritisch, dass ich per Helikopter in die nächste Uniklinik geflogen werden musste und dort direkt auf die Intensivstation kam.
Ich kann mich noch grob an den Flug erinnern, die Tage davor und danach liegen im Nebel. Auf der Intensivstation war ich nicht beatmet, aber sehr stark se|18|diert. Etwa dreieinhalb Wochen war ich nicht wirklich zurechnungsfähig, bis ich dann mehr und mehr mitbekommen habe. An das, was sich auf der Intensivstation tatsächlich abgespielt hat und wie ernst mein Zustand war, habe ich nur wenige Erinnerungen und kann nur das berichten, was mein Mann mir erzählt hat. Unterbewusst habe ich jedoch sehr viel mehr mitbekommen, als man sich vorstellen kann.
Am schlimmsten waren für mich definitiv die Albträume und die Halluzinationen, die ich auf der Intensivstation hatte. Ich habe einen krassen Cocktail aus Schmerzmitteln, Sedativa und Beruhigungsmitteln erhalten. Wenn ich wach war, habe ich halluziniert. Daraufhin habe ich meist Schlaf- und Beruhigungsmittel erhalten. Ich bin zwar irgendwann eingeschlafen, aber dann fingen die Albträume an. Ich weiß nicht, was schlimmer war – die Albträume oder die Realität. Aber die Träume waren so schlimm, dass ich lieber wach sein wollte.
Ich habe zum Beispiel geträumt, dass die Krankenschwestern im Nachtdienst einer kriminellen Bande von Pflegenden angehörten. Die hatten sich zusammengetan und stahlen Medikamente aus dem Krankenhaus. Ich bin dieser Bande im Traum auf die Schliche gekommen, was wiederum die Krankenschwestern mitbekommen hatten und mich nun umbringen wollten. Und ich konnte nicht aus dem Bett! Es war wie ein Krimi mit mir als Mordopfer – und ich konnte nichts tun. Das war für mich die totale Realität. Ich konnte auch nicht zwischen den Pflegenden unterscheiden, mit denen ich im Traum zu tun hatte, und denen, die real da waren. Ich habe zu meinem Mann und meiner Mutter gesagt: „Hier passieren schlimmste Dinge.“ Sie haben mir zum Glück zugehört. Das Wichtigste in so einer Situation ist, dass einem geglaubt wird – egal, wie verrückt die Geschichte ist. Mein Mann hat immer gesagt: „Erzähl’ mir alles genau, ich kümmere mich darum.“ Mein Mann war einfach toll in dieser Zeit.
Wenn ich nicht geschlafen habe, hatte ich häufig Halluzinationen. Plötzlich saß ein alter Mann an meiner Bettkante oder es lagen tote Tiere in meinem Bett. Mit meinem Mann habe ich darüber gesprochen, der hat mich dann beruhigt: „Da ist niemand.“ Den Pflegenden habe ich nichts gesagt. Ich dachte, sonst wird der Perfusor gestartet und die Träume gehen wieder los. Dieses Hin und Her zwischen Albträumen und Halluzinationen war der Horror. Ich war 36, hatte einen Job als Personalberaterin und hätte mir im Leben nicht vorstellen können, dass mir so etwas mal passieren würde. Ich habe mich auch geschämt, dass mein Gehirn nicht mehr richtig funktioniert. Das wurde erst besser, als ich von der Intensivstation verlegt und die Beruhigungsmittel ausgeschlichen wurden. Dann konnte ich auch mal ohne Albträume schlafen.
Mein einziger Halt in dieser Zeit waren mein Mann und meine Mutter. Wenn sie da waren, hatte ich das Gefühl, sie sind echt. Bei allen anderen Personen und |19|Ereignissen war ich unsicher: War das echt? Habe ich mir das eingebildet? Irgendwann wird man ja verrückt, wenn man sich immer wieder fragt: War das real? Mein Mann war meine wichtigste Bezugsperson, er hat mit den Ärztinnen und Ärzten gesprochen und für mich übersetzt. Dabei hat er mir immer ein Hoffnungsgefühl vermittelt: „Das bekommen wir hin.“ Wäre mein Mann nicht gewesen, hätte ich aufgegeben. Es hat mich wirklich am Leben gehalten, so einen Anker zu haben.
Am Anfang hat mein Mann nur meine Hand gehalten und an meinem Bett gesessen. Immer, wenn er da war, konnte ich schlafen und hatte auch keine Albträume. Ging er weg, bin ich wach geworden und die Träume kamen zurück. Auch meine Mutter hat oft meine Hand gehalten und mir manchmal etwas vorgelesen. Allein ihre Stimme zu hören, hat mir ein Gefühl von Sicherheit gegeben. In dem Moment war ich wieder ein kleines Kind. Manche Angehörige denken zwar: Die bekommt doch nicht mit, ob ich da bin oder nicht. Das stimmt nicht. Ich kann jedem nur empfehlen, so viel wie möglich da zu sein.
Als schlimm habe ich Geräusche und unangekündigte Berührungen erlebt. Wenn bestimmte Sinne nicht funktionieren, übernehmen andere Sinne. Bei mir waren der Tastsinn und das Gehör supersensibel. Kaum zu ertragen waren metallische Geräusche, zum Beispiel die Metalljalousien, die Bettpfannen-Spülmaschine oder wenn versehentlich etwas zu Boden gefallen ist. Oft habe ich diese Geräusche in meine Träume eingebaut. Dann habe ich manchmal sogar um Hilfe oder nach der Polizei gerufen.
Auch unangekündigte Berührungen waren ein Albtraum für mich. Das hat sich bis heute nicht gelegt – dabei bin ich früher immer ein sehr berührungsfreudiger Mensch gewesen. Aber ich habe etwa anderthalb Jahre in verschiedenen Kliniken gelegen, und dieses ständige Angefasst-Werden, gepaart mit dem Gefühl des Ausgeliefert-Seins hat seine Spuren hinterlassen. Jeder, der auf einer Intensivstation arbeitet, sollte sich vorstellen, im Bett zu liegen und rein gar nichts selbst machen zu können. Das ist so erniedrigend für jeden, der sich nicht komplett aufgegeben hat. Das ist der Horror.
Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, dass jemand ein Intensivtagebuch für mich geschrieben hätte. Ich habe später gelesen, dass es so etwas gibt. Für so ein Buch würde ich heute alles geben, einfach, um die verlorene Zeit rekonstruieren und dadurch besser verstehen und verarbeiten zu können. Und ich würde mir wünschen, dass die Pflegenden die Patient*innen immer ansprechen, bevor sie eine Pflegehandlung durchführen, ihnen möglichst viel erklären und sie wirklich als Menschen wahrnehmen. Und sie auch dann ernstnehmen, wenn sie verwirrt sind und ihre Erzählungen verrückt erscheinen. Das sind reale Ängste und Wahrnehmungen, die |20|Intensivpatient*innen haben! Auch würde ich mir wünschen, dass die Pflegenden sich so rücksichtsvoll wie möglich verhalten. Das bedeutet, unnötige Geräusche zu vermeiden, ebenso wie laute, oft auch private Gespräche vor den Patientenzimmern. Was mir in allen Kliniken negativ aufgefallen ist, ist, dass die Mitarbeitenden sich häufig über ihre Arbeit oder auch die Kolleg*innen beschweren. Ich weiß, die Bedingungen in der Pflege sind schwierig. Aber diese negative Energie überträgt sich auf die Patient*innen. Und sie sind doch diejenigen, denen es schlecht geht!
Christoph H., 27, hatte innerhalb weniger Wochen zwei Not-Operationen mit anschließender Intensivtherapie. Seine Erfahrungen auf den beiden Intensivstationen waren – trotz ähnlicher Umstände – ganz unterschiedlich.
Es liegt knapp zwei Jahre zurück, dass ich zweimal auf der Intensivstation lag. Mir ging es vorher schon etwa ein halbes Jahr nicht gut, ich war häufig krank, hatte Fieber, bin nachts schweißgebadet aufgewacht und auch dreimal in der Notaufnahme gelandet. Eigentlich wohne ich allein, bin aber wegen meines schlechten Zustands vorübergehend wieder zu meinen Eltern gezogen. Drei Wochen nach Weihnachten bin ich dann ins Krankenhaus eingewiesen worden und die Ärzt*innen haben eine Mitralklappen-Endokarditis festgestellt, ausgelöst durch Streptokokken, bereits mit Embolisationen in Milz und Niere. Sie sagten, dass ich wahrscheinlich am Herzen operiert und dass meine Herzklappe ersetzt werden müsse. Als ich dann Sehstörungen bekam und ein dunkler Fleck auf meinem Handrücken auftauchte, ging es plötzlich ganz schnell. Die Ärzt*innen vermuteten eine Sepsis und ich wurde mit Blaulicht ins Herzzentrum gefahren.
Dort wurde ich in den OP-Saal geschoben und habe darauf gewartet, dass die Not-OP losging – keine schöne Situation. Ich weiß noch, dass ich dem Arzt gesagt habe, wie schade es sei, dass ich nicht mehr mit meinen Eltern sprechen könnte. Er hat dann meinen Vater angerufen und wir hatten ein sehr intensives, berührendes Gespräch. Ich habe ihm noch gesagt, dass ich ihn liebhabe – es war sehr bewegend. Ein bisschen Verabschiedung war irgendwie auch mit dabei.
Meine erste Erinnerung nach der OP habe ich an den Aufwachraum, wo ich mit gefühlt zehn Leuten lag. Ich war kurz wach, hatte das Bedürfnis zu wissen, wie spät es ist, bin dann aber wieder weggesackt. Als nächstes erinnere ich mich daran, dass meine Eltern neben mir standen, jeweils rechts und links an meinem Bett. Dieser erste Blick auf meine Eltern ist noch sehr präsent. Es war ein sehr schönes Gefühl von Wärme und Vertrautheit, die beiden zu sehen.
|21|Von dort aus kam ich auf die Intensivstation, auf der ich etwa vier bis fünf Tage lag. Ich war nicht beatmet, habe aber Sauerstoff bekommen. In dem Zimmer lag ich zusammen mit einem Rumänen, unsere Betten standen sich gegenüber und wenn ich mich aufgerichtet habe, konnte ich ihn anschauen. Das hat mich irgendwie beruhigt. Es war zwar manchmal unruhig, weil er viel Besuch hatte, aber gestört hat mich das nicht. Überhaupt habe ich die Zeit auf dieser Intensivstation nicht negativ in Erinnerung. An einzelne Ärzt*innen oder Pflegende kann ich mich nicht erinnern, weiß aber noch, dass ich Besuch hatte. Meine Eltern waren da und mein Onkel. Und ein Priester ist gekommen und hat mir die Krankensalbung gespendet – ich bin katholisch. Als er das Ave Maria gebetet hat, sind mir die Tränen gekommen. Mich hat das sehr berührt. Es war das erste Mal nach der OP, dass ich geweint habe.
Von der Intensivstation wurde ich zunächst auf die Normalstation verlegt und dann in eine andere Klinik, die die Nachsorge übernommen hat. Dort ging es mir bereits deutlich besser, ich konnte meine Mahlzeiten am Tisch einnehmen und herumlaufen. Irgendwann war es mir beim Abendbrot ziemlich flau in der Magengegend und ich habe meinem Zimmergenossen gesagt: „Ich leg mich mal hin, mir geht es nicht gut.“ Dann muss ich wohl aufgestanden und gestürzt sein. Ich habe noch gehört, dass mein Bettnachbar meinen Namen gerufen hat. Bei diesem Sturz muss wohl meine Milz gerissen sein, die durch die Sepsis schon angegriffen war. Somit war wieder eine Not-OP erforderlich – nur drei Wochen nach der ersten OP. Und wieder wurde ich mit Blaulicht in ein anderes Krankenhaus gebracht, diesmal in die Uniklinik.
Bis ich operiert wurde, hat es gefühlt ewig lange gedauert. Mir war klar, entweder die Ärzte schaffen das jetzt oder es kann auch für mich heute zu Ende gehen. Ich habe gespürt, wie meine Lebenskraft sich zurückzieht und dass mein Körper sich darauf vorbereitet zu sterben. Ich habe die Situation aber nicht als schlimm erlebt. Ich hatte meinen Frieden schon damit gemacht, dass ich sterben könnte. Was ich sehr schlimm und traurig fand, war aber, dass ich mich nicht von meinen Liebsten verabschieden konnte.
Als ich nach der OP aufgewacht bin, war das erste, was ich dachte: „Meine Güte, jetzt bist du schon wieder so am Arsch.“ Ich hatte wahnsinnigen Durst, durfte aber nur einen kleinen Schluck trinken. Anschließend kam ich auf die Intensivstation, wo ich diesmal allein im Zimmer lag. Insgesamt habe ich die Zeit auf der zweiten Intensivstation – sieben Tage lag ich dort – als grauenvoll in Erinnerung. Ich habe mich sehr verloren gefühlt. Mich hat auch belastet, dass ich ganz allein im Zimmer lag. Auf der ersten Station war da ja noch jemand, ich war nicht komplett allein – das habe ich im Nachhinein mehr schätzen können. Meine Mutter |22|war zu Besuch da, mein Vater auch, aber daran habe ich keine bewusste Erinnerung mehr. Das Gefühl des Verloren-Seins stand über allem.
Ich erinnere mich noch an zwei konkrete Begebenheiten. Für mich war das Essen immer sehr anstrengend und ich habe einer Krankenschwester gesagt, dass ich am Tag zuvor Tomaten gut vertragen hätte. Sie hat mir dann extra ein Knäckebrot mit geschnittenen Tomaten zubereitet. Das war positiv, auch wenn es an meiner Gesamtlage nichts geändert hat. Die zweite Begebenheit hatte ich nachts mit einem Pfleger. Ich hatte schon den ganzen Tag Rückenschmerzen gehabt und habe deshalb Morphium bekommen. Das hat aber nichts gebracht – ich hatte zwar einen Kick vom Morphium, aber die Schmerzen waren genauso schlimm. Nachts hatte ich dann wieder massive Rückenschmerzen und habe den Pfleger gerufen. Der fragte, ob ich Morphium möchte, was ich verneinte. Das ignorierte er aber und hat mir trotzdem Morphium verabreicht. Schlimm daran war für mich, dass der Pfleger einfach über meine Einwände hinweggegangen ist und ich nicht über mich selbst entscheiden durfte. Und danach war es natürlich noch schlimmer mit den Schmerzen. Es war ohnehin schon alles schlimm genug.
Diese beiden Aufenthalte liegen jetzt gut anderthalb Jahre zurück. Insgesamt war es eine sehr belastende Zeit. Ich könnte aber auch nicht sagen, dass es mir besser ergangen wäre, wenn dieses oder jenes anders gewesen wäre. Ich glaube, ich habe die Zeit insgesamt ganz gut verkraftet. Mir war aber schon im Krankenhaus bewusst: Da wirst du noch einiges verarbeiten müssen. Und der psychische Einbruch kam auch irgendwann in der Reha. Ich denke, ich habe das Ganze gut unter einem Deckel verpackt, der aber hochgeht, wenn bestimmte Reize kommen – von daher habe ich schon noch damit zu knuspern. Insgesamt war diese Krankheitserfahrung sehr prägend für mich, auch was meine generelle Einstellung zum Leben betrifft. Ich war auch schon vorher ein sehr ausgeglichener Mensch, das hat sich nach dieser Erfahrung nochmal deutlich verstärkt. Ich nehme alles sehr gelassen, weil ich denke: Ich lebe ja noch. Das kann man zumindest als positiven Effekt sehen.
Nach einem Routine-Eingriff lag Sandra G., 46, über ein halbes Jahr im Krankenhaus – mit zwei Intensivaufenthalten und mehr als 40 Operationen. Doch sie hatte ein Ziel, für das sie gesund werden wollte.
Zwischen meinen beiden Koma-Phasen hat mir eine Freundin von einer Weltreise mit dem Kreuzfahrtschiff Aida erzählt. Sie hat mir die Route geschickt und ich |23|habe beschlossen: Genau diese Reise möchte ich in einem Jahr machen. Ich möchte die Christusstatue in Rio sehen, zu Fuß durch Sydney laufen und auf dem Tafelberg in Kapstadt stehen. Das habe ich auch den Pflegenden und Ärzt*innen erzählt. Manche haben mich belächelt und gesagt: „Ja, ja, kommen Sie erstmal hier raus“, andere haben mich bestärkt.
Ich war wegen eines Routineeingriffs in die Klinik gekommen. Meine Gebärmutter sollte wegen mehrerer Myome entfernt werden. Die Ärzte planten die Operation in Schlüssellochtechnik. Ich habe mehrfach gesagt, dass ich das für keine gute Idee halte, da ich schon sehr häufig am Bauch operiert worden bin und viele Verwachsungen habe. Die Ärzte haben nur abgewinkt: „Mit dieser Technik sind sie viel schneller wieder fit.“ Tatsächlich sollte es fast neun Monate dauern, bis ich wieder fit war. Zwei Tage nach der OP wurde die Drainage entfernt und es sprudelte Stuhl aus dem Loch. Darauf folgte die erste Not-OP, drei Tage später die zweite und dann wurde ich auf die Intensivstation verlegt.
In dieser ersten „Runde“, wie ich es heute nenne, lag ich zwei Monate auf der Intensivstation, davon sechs Wochen im Koma. Ich bin etwa 20-mal operiert worden, weil es immer wieder zu Leckagen am Darm kam. In dieser Zeit habe ich alle Komplikationen mitgenommen, die man so bekommen kann: Sepsis, Bauchfellentzündung, Nierenversagen, multiresistente Keime etc. Als ich dann aus dem Koma erwachte, hatte ich eine riesige Fistel auf dem Bauch, die wie ein künstlicher Darmausgang versorgt werden sollte. Fünf Wochen später wurde ich liegend in die Früh-Reha verlegt. Doch dort blieb ich leider nur fünf Tage, meine Fistel war nach unten gerutscht und galt als nicht mehr versorgbar. Also kam ich wieder zurück in die Klinik, damit die Fistel zurückverlegt wird.
Wieder folgte eine Not-OP nach der nächsten. Die Ärzte legten mir eine Unterdruck-Pumpe an, eine sogenannte VAC-Pumpe, die Heilgewebe erzeugen sollte. Das hat aber nicht geklappt, auch hier kam es immer wieder zu Dünndarm-Rissen. In dieser „zweiten Runde“ war ich etwa sieben Wochen auf der Intensivstation, davon fünf Wochen im Koma, mit rund 25 OPs und wieder mit zahlreichen Komplikationen. Besser wurde meine gesundheitliche Situation erst, als mir ein Stück Dünndarm komplett entfernt wurde. Eine Woche später konnte der Bauch endgültig verschlossen werden, das war allerdings fast ein halbes Jahr nach der ersten OP.
Das Aufwachen aus dem Koma war beide Male nicht leicht. Ich hatte überhaupt keine Kraft und konnte mich nicht mal allein zur Seite drehen oder mein Becken anheben, um auf den Schieber zu gehen. Ich war wie gefangen in meinem |24|Körper. Ich war zwar nicht fixiert, aber durch die vielen Schläuche und Elektroden war ich irgendwie doch wie angebunden. Es war ein Gefühl der Orientierungs- und Ausweglosigkeit. Das Aufwachen nach dem zweiten Koma war gefühlt noch anstrengender. Es hat etwa zwei Wochen gedauert, bis ich wirklich wieder orientiert war. Auch für meinen Vater muss das wahnsinnig hart gewesen sein. Meine Mutter ist 2007 auf einer Intensivstation verstorben, und ich lag 2010 schon mal für eine längere Zeit auf der Intensivstation.
Nach dem ersten Aufwachen war mir überhaupt nicht klar, warum ich auf der Intensivstation bin. Es gab einen supernetten Pfleger, der mir das mit viel Geduld immer wieder erklärte. Ich war jedes Mal froh, wenn er kam und sagte: „Ich bin heute für Sie zuständig.“ Dann wusste ich: Heute wird ein guter Tag. Er hat sich Zeit genommen und mir auch mal etwas Persönliches erzählt, zum Beispiel von seinem Sohn. Er galt als streng und manchmal, wenn ich gesagt habe, ich habe keine Lust, hat er gesagt: „Es muss trotzdem sein.“ Aber er hat mir immer erklärt, warum es wichtig ist, und dann war es auch okay. Auch hat er sehr schnell erkannt, wenn es mir mal nicht gut ging. Einmal kam er morgens zu mir und stellte gleich fest: „Ihnen geht es irgendwie nicht gut, oder?“ „Mir ist, als ob ein Backstein auf meiner Brust liegt“, habe ich gesagt. Er hat dann gleich die Ärzte gerufen und tatsächlich waren es erste Anzeichen einer Sepsis.
Ich habe meinen Lieblingspfleger sogar einmal in einen meiner Träume eingebaut, die ich auf der Intensivstation hatte. Ich bin von Moskau mit einem kleinen lebendigen Bären zurück nach Deutschland geflogen, und der Pfleger war der Major, der mitgeflogen ist. Interessant war, dass ich den ganzen Tag Benzingeruch in der Nase hatte, weil eine Schwester mir morgens das Stoma gesäubert hatte – und nachmittags hat der Pfleger gearbeitet. Überhaupt habe ich viel geträumt, aber überwiegend waren es schöne Träume, in denen ich in fernen Ländern wie Thailand oder Russland war. In einem Traum war ich bei meinem Bruder, der in einem sehr futuristischen Haus wohnte, das alle körperlichen Funktionen überwachte. Das Haus hat mich gefangen genommen, in den Keller gebracht und mich komplett überwacht. Diesen Traum kann ich heute nachvollziehen, weil ich ja immer wieder in den OP gebracht wurde.
Ich erinnere mich auch, dass mir von den Pflegenden wiederholt eine Maske aufgesetzt wurde – ich glaube, es war eine CPAP-Maske –, weil ich anfänglich Probleme mit der Atmung hatte. Die meisten haben die Maske einfach aufgesetzt, und ich weiß, dass ich sie einmal einfach abgerissen habe. Dann kam eine Schwester und sagte streng: „Sie wissen wohl gar nicht, wie schlecht es Ihnen geht!“ Nein, das wusste ich tatsächlich nicht. Der Pfleger hat mir dann erklärt, |25|dass ich die Maske brauche, damit ich keine Lungenentzündung bekomme, und dass es wichtig ist, dass ich sie dreimal am Tag für eine halbe Stunde aufbehalte. Mit einer solchen Erklärung konnte ich das akzeptieren. Wenn ich aber nicht weiß, warum und wie lange es dauert, ist es nicht verwunderlich, wenn ich Maßnahmen verweigere.
Das ist auch etwas, dass ich mir stärker von den Pflegenden und Ärzt*innen gewünscht hätte, dass sie viel mehr erklären. Und nicht nur die alltäglichen Sachen, sondern gerade die invasiven und unangenehmen Maßnahmen, die sie an mir durchführen, und das am besten auch wiederholt. Und dass sie mehr mit den Patient*innen reden und ihnen auch zuhören. Ich erinnere mich an einen Oberarzt, der zu mir kam und sagte: „Sie haben einen multiresistenten Keim“ und dann gleich wieder gegangen ist. Als ich fast ein Nierenversagen hatte, kam derselbe Arzt zu mir und sagte: „Sie brauchen einen Port.“ Und schon wieder war er verschwunden. „Nein“, habe ich nur gesagt. Eine Woche später, als der Chefarzt mir das genau erklärte, habe ich einer Portanlage auch zugestimmt. Wenn man sich Mitarbeit vom Patienten wünscht, muss man sich auch die Zeit nehmen, das so zu erklären, dass der andere es versteht.
Und ich würde mir wünschen, dass die Personen, die dort arbeiten, sich vorstellen, auch mehrfach. Das haben viele Ärzt*innen und Pflegende nicht gemacht. Eine junge Pflegerin kam einmal zu mir und sagte: „Ich weiß nicht, ob Sie noch wissen, wer ich bin. Ich heiße Sarah und ich betreue Sie schon seit ein paar Tagen.“ Das fand ich sehr gut. Schön wäre es auch, wenn man ein Einzelzimmer hätte – zumindest, wenn man wach ist. Und ich hätte mir mehr indirektes Licht gewünscht. Wenn man als Patient so vor sich hinliegt, braucht es keine Festbeleuchtung.
Ein Dreivierteljahr nach diesem Intensivaufenthalt habe ich es tatsächlich geschafft, eine viermonatige Weltreise zu machen und kam erholt, gestärkt und ohne neue gesundheitliche Probleme zurück. Aus Rio, Sydney und Kapstadt habe ich dem Intensivteam auch eine Postkarte geschickt. Für mich war es während der Erkrankung extrem wichtig, Ziele zu haben. Ich wollte zurück in meine Wohnung, die im 3. Stock liegt, und ich wollte diese Reise machen. Ich konnte also nicht trödeln mit dem Gesundwerden. Beides habe ich geschafft.
Ich bin meinem Vater sehr dankbar, der jeden Tag zwei Stunden an meinem Bett gesessen hat, und den Ärzt*innen und Pflegekräften auf der Intensivstation, die viel geleistet und viel Geduld mit mir gehabt haben. Ich war manches Mal am Boden zerstört und habe mich oft gefragt: Wo ist das Licht am Ende des Tunnels? Deshalb bin ich auch dem viszeralen Chefarzt dankbar, dass er die Geduld hatte abzuwarten und immer wieder einen neuen Versuch zu starten.
Matthias B., 58, hat nach einer großen Bauch-OP einen Tag auf der Intensivstation und vier Tage auf der Überwachungsstation verbracht. Als promovierter Germanist sind ihm vor allem ein paar kommunikative Stolpersteine im Gedächtnis geblieben.
An die ersten Tage nach der Operation habe ich nur wenige Erinnerungen. Meine Freundin war sehr überrascht, als ich ihr das erzählte. Ich hatte ja jeden Tag mit ihr telefoniert, ihr von meinen kleinen Fortschritten berichtet und gesagt, wie nett und kompetent das Pflegepersonal sei. Aber daran erinnere ich mich nicht mehr – vielleicht bedingt durch die vielen Medikamente oder den Schlafmangel, den ich in den ersten Tagen nach der OP hatte. Ich weiß noch, dass ich auf der Überwachungsstation regelmäßig von den Pflegenden mit all meinen Schläuchen und Ableitungen an die Bettkante gestellt wurde. Mir ist dabei am Anfang immer sehr übel gewesen und ich hatte große Angst, mich übergeben zu müssen. Nach einer großen Bauch-OP wäre das nicht so toll gewesen, das war mir schon klar. Am Tag nach der OP ist ein Arzt gekommen und hat meinen Bauch leicht berührt – das waren höllische Schmerzen, und es war wirklich nur ein vorsichtiges Berühren.
Dann erinnere ich mich an laute Stimmen und Satzfetzen, die eher beunruhigend waren. Eine Pflegende kam zum Beispiel zum Fiebermessen und rief laut: „Jetzt nicht erschrecken.“ Dabei hätte ich mich ohne diese Ankündigung wahrscheinlich gar nicht erschreckt. Andere sagten: „Jetzt wird es mal unangenehm“ oder „Ich habe mal einen Anschlag auf Sie vor.“ Das klang alles eher so, als wäre man an einem gefährlichen Ort und müsste sich Sorgen machen. Ich hatte den Eindruck, dass die Pflegenden aus ihrer Erfahrung heraus negative Reaktionen der Patient*innen antizipieren und diese vorauseilend negieren: „Sie müssen keine Angst haben“, „Sie müssen sich keine Sorgen machen“ usw. Dieses negative Framing hat bei mir aber eher das Gegenteil bewirkt.
Ich erinnere mich auch schwach an die Visiten auf der Überwachungsstation, die mit lauten Stimmen überfallmäßig an mein Bett kamen. Generell hatte ich bei den Visiten im Krankenhaus – mit einigen Ausnahmen – den Eindruck, dass die Ärzt*innen sich vor allem mit ihren Kolleg*innen austauschen und über den Patienten eher hinwegreden. Dabei sollte die Visite ja ein Beratungsgespräch sein. Auch hatte ich den Eindruck, dass gerade bei Visiten viele private Daten preisgegeben werden, die Mitpatient*innen mithören – ob sie wollen oder nicht. Auf der Intensivstation geht das wahrscheinlich nicht anders, aber ob das rechtlich so in Ordnung ist, bin ich mir nicht sicher.
|27|Meine schlimmste Erfahrung bei einer Visite hatte ich nach meiner ersten OP, bei der mittels Zystoskopie ein bösartiger Harnblasentumor entfernt werden sollte. Ein freundlicher Arzt hatte mich zuvor aufgeklärt, dass nicht in jedem Fall eine vollständige Entfernung des Tumors möglich sei, was dann später eine größere OP erforderlich machen könnte. Danach sehe es bei mir aber nicht aus, sagte er, was mich beruhigte. Bei der Visite am Tag nach dem Eingriff unterhielten sich die anwesenden Ärzt*innen zunächst einige Minuten miteinander, bevor ganz zum Ende hin eine Ärztin zu mir sagte: „Übrigens haben wir nicht alles rausbekommen, weil es zu viele Tumore waren. Ihre niedergelassene Urologin wird Ihnen dann erklären, was das bedeutet.“ Gedankenlos war nicht nur, dass die Ärztin diese Botschaft quasi ganz nebenbei am Ende platzierte und dann einfach alle verschwanden. Unglücklich war auch, dass sie mich mit diesem Wissen – ohne ein begleitendes Gespräch – aus dem Krankenhaus entließen.
Ich habe in einer anderen Klinik mit einem netten Oberarzt über das Thema gesprochen, der eine sehr vernünftige Einstellung dazu hatte. Er sagte: „Es ist superwichtig, wie Pflegende und Ärzte mit den Patienten sprechen. Der Körper heilt sich in vielen Fällen selbst, und eine gute Kommunikation kann diesen Genesungsprozess unterstützen.“ Das sei aber nicht allen Kolleg*innen bewusst, sondern hänge davon ab, inwieweit diese ihr Kommunikationsverhalten reflektieren und bereit seien, es anders zu machen. Aus meiner Sicht haben die Pflegenden hier sogar eine noch wichtigere Rolle als die Ärzt*innen. Mit dem Arzt habe ich vielleicht ein- bis zweimal pro Tag Kontakt, mit den Pflegenden bestimmt 15-mal.
Was mir auch im Kontakt mit Pflegenden und Ärzt*innen aufgefallen ist, ist die Attitüde, dass du genau das tun sollst, was sie von dir erwarten. Auf der Überwachungsstation wurde zum Beispiel stündlich der Blutdruck bei mir kontrolliert. Als ich gefragt habe, ob das auch nachts erforderlich sei, weil ich dann nicht schlafen könne, wurde dieser Einwand einfach so ohne Erklärung weggewischt. Ich hätte mir gewünscht, dass die Pflegende sagt: „Das ist Ihre Entscheidung, aber ich halte es aus diesem oder jenem Grund für sinnvoll, auch nachts den Blutdruck stündlich zu kontrollieren.“ So fühlt man sich in vielen Situationen als Patient nicht ernst genommen und entmündigt.
Die Geschichte eines beatmeten Covid-19-Erkrankten
Anfang 2021 erkrankt Sascha R. an einer Covid-19-Infektion. Drei Wochen liegt er auf der Intensivstation – mit existenziellen Ängsten, bedrohlichen Träumen und absoluter Pflegeabhängigkeit. Doch er kämpft sich langsam in ein eigenständiges Leben zurück.
Den 13. März 2021 sieht Sascha R. heute als seinen zweiten Geburtstag. Es ist der Tag, an dem er nach einer Covid-19-Erkrankung und 13 Tagen Beatmung wieder aus der Sedierung erwacht. Sein Leben stand in dieser Zeit auf der Kippe, das weiß er im Nachhinein von den Ärzten, aber auch aus den bizarren Träumen, an die er sich erinnert. „Leben 2.0“ nennt der 46-Jährige sein Leben nun. Er ist sehr dankbar, dass es ihm heute gut geht – auch wenn er körperlich noch nicht wieder so belastbar ist und schneller kurzatmig wird. Seine Genesung hat aber nicht nur mit Glück oder dem deutschen Gesundheitswesen zu tun, ist er sich sicher: „Wenn ich nicht selbst den Arsch hochbekommen und so viel Unterstützung von meiner Familie und meinen Freunden gehabt hätte, wäre die Geschichte ganz anders ausgegangen.“
Als er im Februar 2021 Kopf-, Gliederschmerzen und hohes Fieber bekommt, denkt Sascha R. zunächst gar nicht an Covid-19. Seit Wochen meidet er soziale Kontakte und hält sich streng an die üblichen AHA-Regeln. Durch seine Arbeit als Krankenpfleger ist er zwar im Kontakt mit Menschen, wird aber regelmäßig getestet und in seiner Einrichtung ist noch kein Coronafall aufgetreten. Er vermutet eine Grippe, fährt nach einer schlechten Nacht aber doch vorsichtshalber ins Testcenter.
Als er vom Labor den positiven Befund bekommt, begibt er sich direkt in Quarantäne. Er hat immer noch Fieber, teilweise bis 40 °C, nimmt Paracetamol und ist telefonisch mit seinem Hausarzt und dem Gesundheitsamt im Kontakt. Nach mehreren Tagen kommt ein trockener Reizhusten hinzu und Sascha merkt, dass irgendwas mit seiner Lunge nicht stimmt. Er ruft seinen Hausarzt an, der ihm eine sofortige stationäre Einweisung nahelegt. Der Rettungsdienst holt ihn mit Maske und Schutzanzügen ab und schließt ihn an die Sauerstoffsättigung an. „Die lag bei nur 67 %, und da habe ich plötzlich Panik bekommen“, erzählt er. Als Krankenpfleger ist ihm klar, dass die Lunge betroffen ist und dass er auf die Intensivstation kommt – dort, wo er früher selbst mal gearbeitet hat. „An Beatmung habe |29|ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gedacht, aber an die vielen Medikamente, Geräte und Katheter; ich dachte nur, das willst du alles nicht.“
Im Krankenhaus laufen zunächst Röntgen und weitere Untersuchungen. Ein Arzt kommt zu ihm und sagt: „Wir müssen schauen, dass Ihre O2-Sättigung besser wird. Wir versuchen es mit einer Ozon-Sauerstoff-Therapie, aber wenn das nicht klappt, haben wir keine andere Option, als Sie maschinell zu beatmen und in ein künstliches Koma zu legen.“ Die Sättigung bleibt jedoch unter 70 %, und die Ärzte bereiten in Windeseile die Intubation vor. Dafür ist seine Einwilligung erforderlich. „Ich habe im Blindflug drei oder vier Papiere unterschrieben, ohne zu wissen, was ich unterschreibe“, erzählt er. „Ich hatte Angst, aber ich wusste auch, ich bin körperlich an einem Punkt, wo ich das allein nicht mehr schaffe.“
Er bittet darum, zwei letzte SMS-Nachrichten schreiben zu dürfen. Die eine geht an seine Mutter, die an diesem Tag beim Arzt und somit telefonisch nicht erreichbar ist. „Es wird nicht besser, Mama“, schreibt er. „Die Ärzte haben entschieden, dass ich an die Beatmungsmaschine komme. Ali wird sich mit dir in Verbindung setzen und dir alles erklären.“ Ali ist sein bester Freund, an ihn geht die zweite Nachricht. Er bittet ihn, sich um seine Mutter zu kümmern. Auch gibt er seinen Freund als erste Kontaktperson für das Intensivteam an. „Ich wusste, dass Ali als Krankenpfleger den Ärzten anders zuhören und es dann meiner Mutter schonend beibringen kann.“
Das letzte, was Sascha mitbekommt, ist, dass der Arzt vor der Intubation zu ihm sagt: „Wir geben unser Bestes und schauen, dass Sie so wenig wie möglich mitbekommen.“ Dann hört er nichts mehr.
Insgesamt liegt Sascha R. 13 Tage beatmet im Koma. Eine Lungenersatztherapie mit ECMO erhält er nicht, auch wird keine Trachealkanüle gelegt. „Ich war weg, mein Bewusstsein war komplett ausgeschaltet“, sagt er. Nur dunkel erinnert er sich an das Aufwachen aus dem Koma: „Es war ein Gefühl, als würde ich im Erdgeschoss eines Hochhauses stehen und aus dem 10. Stock ruft mir jemand zu: ‚Sascha, Sascha!‘. Und dann dauerte es eine Weile, bis ich gemerkt habe: Sascha, das bin ja ich.“
Mehrere Tage vergehen, bis die Medikamente ausgeschwemmt sind und er klarer wird. Er hat Schwierigkeiten, die Ärzt*innen und Pflegenden hinter ihren Masken zu verstehen. „Sie haben sich über mich gebeugt und mit mir geredet, aber ich habe nichts verstanden. An ihren Augen habe ich jedoch gespürt, sie wollten mir Hoffnung geben. Ich habe deshalb immer Augenkontakt gesucht.“
|30|Am dritten Tag nach dem Wachwerden drückt ihm eine Pflegende das erste Mal ein Wasserglas in die Hand, um ihn selbstständig trinken zu lassen. Er lässt das Glas fallen, hat einfach keine Kraft. Danach bekommt er einen Schnabelbecher. Beim ersten Trinkversuch verschluckt er sich massiv, dabei ist er in fast aufrechter Position. In der Folge wird eine Schluckstörung zweiten Grades festgestellt und er bekommt alle Flüssigkeiten und Nahrungsmittel in angedickter Form. „Selbst der Brei war so, dass man ihn wie einen Käsekuchen hätte schneiden können, das war alles sehr unerfreulich“, erzählt er.
Er hat keine Lust zu essen und fühlt sich auch kräftemäßig gar nicht in der Lage dazu. „Die 13 Tage Beatmung haben meinen Körper komplett lahmgelegt. Ich konnte nicht stehen, nicht laufen, nicht essen, mich nicht auf die Seite drehen, mich nicht aufrecht hinsetzen – ich hatte gar keinen Körperschwerpunkt mehr. Die Kraft kam einfach nicht zurück. In dieser Zeit habe ich das erste Mal Panik bekommen, dass ich nicht mehr der werde, der ich mal war“, sagt er.
Auf der Intensivstation verfolgen ihn auch bedrohliche Träume, an die er sich sehr klar erinnert. Sie alle handeln davon, dass er sich hilflos an einem verlassenen Ort erlebt, ohne Aussicht auf menschliche Hilfe. Er träumt zum Beispiel, dass er in die Radiologie gebracht und in ein CT- oder MRT-Gerät gelegt wird. Doch dort wird er vergessen. „Ich hatte nichts zu essen, nichts zu trinken und habe um Hilfe gerufen. Niemand ist gekommen“, sagt er. In einem anderen Traum wird er zur Physiotherapie gebracht. Wieder befindet er sich in einem Raum ohne Menschen. Drohnen fliegen über ihn hinweg und scannen seinen Körper ab. Roboterarme greifen nach ihm und führen Bewegungen an ihm durch. Auf einem Touchscreen kann er die Bewegung des Roboters stoppen. Wieder ruft er um Hilfe, aber niemand kommt.
In seinem schlimmsten Traum wird er über Holland nach Asien verschleppt und dort in eine kleine Holzhütte gebracht, wo er vor sich hinvegetiert. Keiner bringt ihm etwas zu essen oder trinken, niemand spricht seine Sprache. Es ist ein langer und intensiver Traum. Nach und nach kommen immer mehr Personen in die Hütte, und er beginnt im Traum, sich von allen zu verabschieden. „Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen, ich habe gedacht, es ist Zeit zu gehen“, erzählt er.
Später erfährt er von den Ärzten, dass er in der Zeit der Beatmung eine Superinfektion hatte, was seinen Albtraum rational erklärt. „Mein Zustand war in der Zeit sehr kritisch“, sagt er. Dieser Traum verdeutlicht seinen Lebenskampf, den er |31|damals hatte, ist er sich sicher: „Die Medikamente haben schlimme Dinge mit mir gemacht. Während des Komas war mein Unterbewusstsein voll da. Ich hatte immer wieder schreckliche Träume.“ Wie lange er diese Träume hat, weiß er nicht mehr genau. Auch nach dem Erwachen aus dem Koma plagen ihn noch Träume, aber irgendwann werden sie hoffnungsvoller und hören schließlich auf.
Nachdem er aus der Beatmung erwacht, bleibt er noch zwei Tage auf der Intensivstation und kommt dann auf die IMC-Station. Er ist weiter komplett pflegeabhängig und erlebt sich als „sehr emotional, fast depressiv“. Es dauert Tage, bis er das erste Mal Besuch bekommen darf. Kurz davor telefoniert die Ärztin mit seinem Freund Ali und bittet ihn, dass er doch kommen möge – und nicht die Mutter. Sie möchte die Mutter schonen, denn Sascha hat durch die Bauchlage mehrere Dekubitalgeschwüre entwickelt, einen davon an der Nase. „Meine komplette Nase war schwarz“, erzählt er. „Die Ärzte haben mir gesagt: Das wird sich normalisieren, aber es braucht Zeit.“
Als Sascha seinen Freund sieht, ist er den Tränen nahe. „Mein erster Satz war: Hol‘ mich hier raus, die machen mich hier fertig.“ Er ist noch gefühlt in seinem Asien-Traum. „Ich habe gedacht, Ali ist um die halbe Welt gereist, um mich zu retten.“
Von
