Auf der Seite der Frauen - Simon Häggström - E-Book

Auf der Seite der Frauen E-Book

Simon Häggström

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Beschreibung

"Ich widme dieses Buch den Hunderten von Frauen, Männern und Kindern, die ich durch meine Arbeit kennengelernt habe. Dies ist mein Versuch, eure Realität zu beschreiben." Simon Häggström Kriminalkommissar Simon Häggström ist Leiter der Prostitutionseinheit der Stockholmer Polizeibehörde. Täglich begegnet er denen, die unsere Gesellschaft lieber nicht sehen möchte: den prostituierten Frauen, den Freiern und den Zuhältern. "Auf der Seite der Frauen" erzählt die Geschichten der Menschen in der Prostitution: • der jungen Mädchen, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen; • der ausländischen Frauen, die zu siebt in einer Ein-Zimmer-Wohnung prostituiert werden; • die Geschichte von Lovisa, die in die Heroinsucht und das Leben auf der Straße hineingeboren wurde; • und natürlich die der Männer, die für den Zugang zu diesen Frauen bezahlen. 1999 war Schweden das erste Land der Welt, das mit Einführung des sogenannten Nordischen Modells den Kauf sexueller Handlungen unter Strafe stellte, nicht aber deren Verkauf. Dieses Buch gibt einen tiefen Einblick in die Welt der Prostitution. Es macht deutlich, dass die Freier mit ihrer Nachfrage und ihrem Geld Ursache und Grund für die Prostitution sind. Und es ist ein Zeugnis dafür, dass unter dem Nordischen Modell das Gesetz, die Polizei und die Soziale Arbeit auf der Seite der Frauen stehen.

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Seitenzahl: 523

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Simon Häggström

Auf der Seite der Frauen

Als Ermittler im schwedischen Rotlichtmilieu

Simon Häggström

Auf der Seite der Frauen

Als Ermittler im schwedischen Rotlichtmilieu

Das verwendete Papier ist FSC-zertifiziert. Als unabhängige, gemeinnützige, nichtstaatliche Organisation hat sich der Forest Stewardship Council (FSC) die Förderung des verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgangs mit den Wäldern der Welt zum Ziel gesetzt.

Aus dem Schwedischen von Felix Barkentoog

Originaltitel: Skuggans Lag© 2016 Simon HäggströmPublished by agreement with Hedlund Agency

Für die deutsche Ausgabe überarbeitet und ergänzt von Kerstin Neuhaus

Herausgegeben von AugsburgerInnen gegen Menschenhandel e. V. in Kooperation mit Neustart e. V. und Gemeinsam gegen Menschenhandel e. V.

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte biblio­grafische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

Lektorat: Dr. Ulrich Parlow Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf JohannsonUmschlagbild: Sofia Rosendahl, Umschlagbild Rückseite: Benny Skoglund/Shutterstock.comSatz und Herstellung: Edition Wortschatz

© 2025 der deutschsprachigen Ausgabe bei ­AugsburgerInnen gegen Menschenhandel e. V.

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Herausgebers

Edition Wortschatz, Neudorf bei LuheDieses Buch als E-Book: ISBN 978-3-910955-22-6Dieses Buch als gedruckte Ausgabe: ISBN 978-3-910955-18-9

www.edition-wortschatz.de

Inhaltsverzeichnis

Warum wir dieses Buch auf Deutsch veröffentlichen

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Einleitung

Bellas Geschichte

Epilog

Zeit für Spiritualität

Danke

Dank der Herausgeber

Warum wir dieses Buch auf Deutsch veröffentlichen

Dieses Buch erzählt die Geschichte von Simon Hägg­ström und seinem Team. Simon ist Polizist in Stockholm, Schweden, und sein Job ist es, Männer1 zu verhaften, die für Sex bezahlen. Im Jahr 2016 hat er das Buch „Skuggans Lag“ auf Schwedisch und später auch auf Englisch veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung hältst du nun in der Hand.

Dieses Buch hätte in Deutschland nicht geschrieben werden können. Denn in Deutschland ist der Kauf sexueller Handlungen legal. Das deutsche Gesetz definiert Prostitution als Dienstleistung. Ende 2001 verabschiedete die damalige Bundesregierung das sog. Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten oder auch Prostitutionsgesetz. Vor der Verabschiedung dieses Gesetzes war Prostitution zwar nicht illegal, galt aber als sittenwidrig. Ziel dieses Gesetzes war die soziale Absicherung von Menschen in der Prostitution, eine Verbesserung der „Arbeitsbedingungen“, die Erleichterung des Ausstiegs und die Bekämpfung des Menschenhandels. Den (überwiegend) Frauen2 in der Prostitution sollte ermöglicht werden, Arbeitsverträge abzuschließen und ihre Bezahlung einklagen zu können, falls ein Freier nicht bezahlen wollte.

Sieben Jahre nach dessen Einführung wurde das Gesetz ausgewertet mit dem ernüchternden Ergebnis, das keines der gesetzten Ziele erreicht worden war3. Das Gesetz war an der Realität des Prostitutionsmilieus gescheitert, das von Ausbeutung, Gewalt und organisierter Kriminalität geprägt ist.

Deshalb wurde das bestehende Gesetz 2016 um ein weiteres, das sog. Prostituiertenschutzgesetz, ergänzt, das im Juli 2017 in Kraft getreten ist. Dieses Gesetz sieht vor, dass sich Personen in der Prostitution gesundheitlich beraten lassen und behördlich anmelden müssen. Prostitutionsstätten benötigen eine behördliche Genehmigung. Außerdem gibt es eine Kondompflicht, für deren Nichteinhaltung nur der Freier mit einem Bußgeld belangt werden kann.

Ebenfalls im Oktober 2016 wurde das Gesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Menschenhandels verabschiedet, das die Strafrechtsparagrafen in diesem Bereich neu formulierte und neue Strafrechtstatbestände (Menschenhandel zum Zweck der Bettelei, Verübung von Straftaten, Organhandel) beinhaltet. Außerdem sieht § 232a Abs. 6 StGB eine Bestrafung von Freiern vor, wenn diese wissentlich und willentlich sexuelle Handlungen an einer Person, die zur Prostitution gezwungen wird, vornehmen oder von ihr vornehmen lassen. Dieser seit 2016 bestehende Straftatbestand wurde 2021 durch den Zusatz der Leichtfertigkeit verschärft. Allerdings wurde er seit seiner Einführung praktisch nie wirklich angewandt und es wurde kein einziger Freier verurteilt.

Bereits bei der Einführung des Prostituiertenschutzgesetzes war vielen klar, dass das Gesetz allenfalls in geringer Weise die negativen Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes abmildern, aber insgesamt kaum die Situation für Menschen in der Prostitution verbessern kann und ein grundsätzliches Umdenken im Umgang mit Prostitution notwendig ist.

Dieses Umdenken hat in Schweden bereits in den 1990er Jahren begonnen und dazu geführt, dass Schweden 1999 als erstes Land weltweit ein Gesetz eingeführt hat, das heute unter dem Namen Nordisches Modell bekannt ist. Während anfangs noch vom Schwedischen Modell gesprochen wurde, hat sich mittlerweile international auch die Bezeichnung Equality Model, also Gleichstellungsmodell etabliert.

Das Nordische Modell definiert Prostitution als Gewalt gegen Frauen und basiert auf vier Säulen.

1. Die Entkriminalisierung prostituierter Personen

2. Die Kriminalisierung der Freier, Zuhälter und Bordellbetreibenden

3. Ausstieg, Schutz und Unterstützung für prostituierte Personen

4. Aufklärung und Prävention

Säule 1 – Entkriminalisierung prostituierter Personen

Das Nordische Modell beinhaltet die vollständige Entkriminalisierung von Personen in der Prostitution, da sie sich meistens in vulnerablen Situationen befinden und um ihnen zu ermöglichen, sich der Polizei anvertrauen zu können, ohne selbst Strafen befürchten zu müssen. Im Gegensatz dazu können in Deutschland Personen in der Prostitution – obwohl Prostitution legal ist – Bußgelder auferlegt werden, wenn sie sexuelle Handlungen in Sperrbezirken (Stadtteile oder Orte, an denen Prostitution verboten ist) anbieten oder wenn sie sich prostituieren, ohne angemeldet zu sein. Solche Bußgelder oder Strafen sind im Nordischen Modell ausgeschlossen.

Säule 2 – Kriminalisierung der Freier, Zuhälter und Bordellbetreibenden

Freier schaffen durch ihre Nachfrage den Markt für Prostitution und damit auch die Grundlage für Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung. Das Nordische Modell sieht den Kauf sexueller Handlungen als nicht vereinbar mit der Menschenwürde und der Gleichberechtigung der Geschlechter an. Prostitution ist ein geschlechtsspezifisches Phänomen. Der Großteil der Personen in der Prostitution sind Frauen, während beinahe 100 Prozent der Nachfragenden Männer sind. Um das Bewusstsein der Bevölkerung zu verändern und den Prostitutionsmarkt langfristig auszutrocknen, beinhaltet das Nordische Modell die Kriminalisierung des Kaufes sexueller Handlungen. Auch Menschen, die an der Prostitution anderer verdienen, wie Bordellbetreibende, Zuhälter usw. werden bestraft.

Säule 3 – Ausstieg, Schutz und ­Unterstützung FÜR PROSTITUIERTE PERSONEN

Menschen kommen u. a. in die Prostitution, weil sie unter finanziellem Druck stehen, einer marginalisierten Personengruppe angehören oder getäuscht und in die Prostitution gezwungen werden. Der Großteil der Personen, die in Deutschland in der Prostitution sind, hat nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Um den Menschen in der Prostitution eine neue Perspektive bieten zu können, beinhaltet das Nordische Modell flächendeckende Ausstiegshilfen sowie Unterstützungsangebote, während sie noch in der Prostitution sind.

Säule 4 – Aufklärung und Prävention

Das Nordische Modell beinhaltet Maßnahmen zur Aufklärung über die Realität der Prostitution in der Gesellschaft, in Schulen und in der Ausbildung von Sozialarbeiterinnen, Polizisten etc. Wichtig ist es zu vermitteln, dass die Käuflichkeit sexueller Handlungen nichts mit Gleichberechtigung zu tun hat und weder empowernd noch feministisch ist. Insbesondere Schweden und Frankreich haben seit Einführung des Nordischen Modells mehrere Präventionskampagnen durchgeführt, die den Sexkauf problematisieren und über die Situation prostituierter Frauen aufklären.

Mittlerweile wurde das Nordische Modell auch in Norwegen und Island (2009), Kanada (2014), Nordirland (2015), Frankreich (2016), Irland (2017) und Israel (2018) eingeführt.

◆◆◆

Dieses Buch erzählt auch die Geschichte von Frauen in der Prostitution. Jede Frau mit ihrer Geschichte ist einzigartig. Doch sind die Faktoren, die dafür sorgen, dass Frauen in die Prostitution kommen bzw. gebracht werden, international sehr ähnlich.

In der Prostitution sind überwiegend Frauen, aber auch Männer und Trans-Personen aus stark marginalisierten Personengruppen. Die meisten prostituierten Personen in Deutschland stammen aus osteuropäischen Ländern und wurden nicht selten auch schon in den Herkunftsländern als Zugehörige ethnischer Minderheiten, wie z. B. Roma, ausgegrenzt und diskriminiert. Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass Frauen in die Prostitution kommen. So kann die Ursache die Chancenlosigkeit im Herkunftsland und finanzielle Not sein, die durch fehlenden Zugang zu Bildung, fehlende berufliche Möglichkeiten und die Notwendigkeit, die eigene Familie finanziell zu versorgen, gebildet wird. Ein weiterer Faktor ist das Erleben sexuellen Missbrauchs im Kindes- oder Jugendalter. In den meisten Fällen wird der Einstieg in die Prostitution durch mindestens eine weitere Person befördert. Anwerber oder die späteren Zuhälter selbst werben Frauen gezielt an, um sie später in die Prostitution zu bringen, etwa durch angebliche lukrative Jobangebote. Je vulnerabler eine Frau aufgrund ihres familiären und wirtschaftlichen Hintergrundes ist, desto leichter kann sie von Zuhältern und Menschenhändlern in die Prostitution getrieben werden. Selbst wenn die Frauen vor der Migration nach Deutschland zustimmen, in der Prostitution tätig zu sein, werden sie über deren Bedingungen getäuscht. Sie werden im Unklaren darüber gelassen, dass sie oft rund um die Uhr und an sieben Tagen die Woche in der Prostitution tätig sein und in dem gleichen Zimmer leben müssen, in dem sie der Prostitution nachgehen. Auch dass sie täglich eine große Anzahl Freier bedienen müssen und diese nicht ablehnen dürfen, erfahren sie erst viel später. Durch das Auferlegen verschiedenster „Fixkosten“ wie Zimmermiete, Kosten für Onlinewerbung, Kondome, Kleidung, Essen etc. werden die Frauen in einen Schuldenkreislauf getrieben, dem nur sehr schwer zu entkommen ist.

Auch das Vortäuschen einer Liebesbeziehung ist eine bekannte Methode, mit welcher Opfer durch die Schaffung einer emotionalen Abhängigkeit in die Prostitution gebracht werden. Die Anwerbung der Opfer geschieht heute zu einem Großteil über das Internet, teilweise aber auch an Schulen oder öffentlichen Orten. Nach dem Aufbau einer vorgetäuschten Liebesbeziehung wird die Frau oder auch das Mädchen, häufig unter dem Vorwand von Schulden und finanziellen Problemen, dazu gedrängt, dem sog. „Loverboy“ „zu helfen“ und Geld in der Prostitution zu verdienen. Schließlich schickt der „Loverboy“ sein Opfer in Pros­ti­tu­tions­einrichtungen wie Bordelle oder auf den Straßenstrich, um es dort auszubeuten.

Seit einigen Jahren nimmt die Anzahl von Opfern des Menschenhandels aus westafrikanischen Ländern, hauptsächlich Nigeria, Gambia und Guinea, zu. Diese Frauen haben andere Beweggründe als osteuropäische Frauen, ihr Heimatland zu verlassen. Zu nennen sind hier v. a. das Drohen einer Zwangsverheiratung oder einer Genitalverstümmelung. Die Betroffenen aus diesen Ländern leiden aufgrund ihrer Fluchterfahrung, meist durch Libyen und über das Mittelmeer, und der bereits während der Flucht erlittenen sexuellen Ausbeutung unter schwersten Traumatisierungen. Haben sie schließlich ein Camp für Geflüchtete in Europa erreicht, werden sie nach der Beantragung von Asyl aus den Camps gebracht und der Prostitution zugeführt, wo sie dann ihre durch die Flucht entstandenen „Schulden“ abarbeiten müssen. Menschenhandelsopfer aus afrikanischen Ländern werden häufig von ihren Zuhältern oder auch Zuhälterinnen, den sogenannten „Madames“, durch „Juju-Zauber“, also Voodoo-Rituale verängstigt und von ihren Zuhälterinnen und Zuhältern abhängig gemacht. Durch diese Rituale werden die Opfer davon abgehalten zu fliehen oder sich an die Polizei zu wenden. Auch die Bedrohung der Familie im Heimatland spielt eine wichtige Rolle, die Opfer von einer Aussage bei der Polizei abzuhalten.

Frauen erleiden in der Prostitution schwere physische und psychische Schädigungen. Dies belegt bereits eine vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahr 2004.4 Zu nennen sind im physischen Bereich u. a. gynäkologische Beschwerden und Erkrankungen, sexuell übertragbare Krankheiten, ungewollte Schwangerschaften, Kopf- und Kieferschmerzen durch gewaltsam durchgeführten Oralverkehr und Inkontinenz im jungen Alter. Psychische Schädigungen sind z. B. Schlafstörungen, Depressionen, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, Angstzustände, Dissoziation und das Erleiden von Traumata bis hin zur posttraumatischen Belastungsstörung. Gleichzeitig haben die wenigsten Frauen in der Prostitution eine Krankenversicherung.

Das Ausmaß an Gewalt, das Frauen in der Prostitution erleben, ist immens. So ist die Sterblichkeitsrate bei prostituierten Frauen vierzig mal höher5 und das Risiko, ermordet zu werden, achtzehn mal höher als für andere Frauen.6 Die Studie des Familienministeriums nennt als häufigsten Täter von Gewalttaten gegen prostituierte Frauen den Freier. Seit der Liberalisierung der Prostitution 2002 wurden in Deutschland nachweislich weit über 100 Frauen ermordet – überwiegend von Freiern.7

Wie viele Menschen sich in Deutschland in der Prostitution befinden, kann nur grob geschätzt werden. Die aktuellen Schätzungen gehen von mehreren hunderttausend Personen in der Prostitution aus. Damit hat Deutschland einen der größten Prostitutionsmärkte weltweit.

◆◆◆

Seit einigen Jahren ist die Diskussion um den Umgang mit der Prostitution in Deutschland wieder aufgeflammt. Die Berichterstattung über Prostitution ist kritischer geworden und auch in der Politik finden sich immer mehr Stimmen, die sich für die Einführung des Nordischen Modells aussprechen. Diese Entwicklung steht einer Normalisierung und Verklärung der Prostitution als „selbstbestimmte“ und „feministische“ Tätigkeit und als Ausleben der eigenen Sexualität gegenüber.

Mit der deutschen Ausgabe dieses Buches möchten wir einen Beitrag zur Aufklärung darüber leisten, wie die Situation in der Prostitution wirklich ist und wie eine Gesetzgebung nach dem Nordischen Modell in der Praxis umgesetzt wird. Wir hoffen, hierdurch bestehende Zweifel über die Wirksamkeit des Nordischen Modells ausräumen und deutlich machen zu können, dass das Nordische Modell auch in Deutschland eingeführt und umgesetzt werden kann.

Wir widmen dieses Buch all den Frauen, die heute unter einer legalen Gesetzgebung in deutschen Bordellen, auf deutschen Straßen, in deutschen Hotels und Wohnungen ausgebeutet werden. Wir kämpfen weiter dafür, dass das Gesetz in einigen Jahren auf eurer Seite stehen wird.

Deutschland ist das Bordell Europas. Das muss es aber nicht bleiben.

Kerstin NeuhausKlaus EngelmohrGerhard Schönborn

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Als ich gebeten wurde, ein Vorwort für Simon Häggströms Buch „Auf der Seite der Frauen“ zu schreiben, war meine erste Reaktion Skepsis. Denn als Frau mit Prostitutionserfahrung bin ich natürlich keine große Freundin der Polizei. Keine Frau in der deutschen Prostitution ist das. Keine will mit der Polizei zu tun haben. Die Polizei, dein Freund und Helfer? Nicht für uns.

In Deutschland ist die Beziehung zwischen Polizei und Prostituierten von tiefem Misstrauen geprägt. Zu oft haben wir erlebt, wie das System, das uns eigentlich schützen sollte, uns im Stich gelassen oder sogar aktiv geschadet hat.

Historisch betrachtet, war die Polizei in Deutschland immer die, die Frauen und Mädchen in der Prostitution gegängelt, verfolgt und drangsaliert hat. Während des Nationalsozialismus war es die Polizei, die mithalf, Frauen und Mädchen aus der Prostitution als „asoziale, minderwertige Elemente“ in die Konzentrationslager zu schaffen. Und gleichzeitig waren es Kriminalpolizisten, die Zwangsprostituierte für die Bordelle der Wehrmacht und der SS heranschafften. Ein schwieriges Erbe, über das viel zu wenig gesprochen wird.

Auch in der DDR und der BRD ging die Polizei vielfach gegen Frauen und Mädchen in der Prostitution vor. Sie wurden behandelt wie Täterinnen, obwohl sie doch zumeist Opfer waren. Aber das Stigma von der „verdorbenen Hure“, die aufgrund von „Charakterfehlern“ anschafft und nicht etwa wegen widriger sozialer Umstände und Gewalt, saß tief. Und es sitzt bis heute.

Aber auch andere Faktoren führen dazu, dass die Beziehung zwischen Polizei und Frauen und Mädchen aus der Prostitution eine zutiefst gestörte ist.

Meine eigene Geschichte ist leider keine Ausnahme, sondern symptomatisch für ein grundlegendes Problem. Ich landete in der Prostitution, weil alle Systeme versagt hatten. Das Jugendamt, das mich nicht vor häuslicher Gewalt schützte. Die Gesellschaft, die mir keine anderen Optionen bot. Und schließlich die Polizei, die mich nicht als Opfer, sondern als Kriminelle behandelte. Mein erster Zuhälter war selbst Polizist — eine perverse Verdrehung der Schutzfunktion, die die Polizei eigentlich haben sollte.

Diese Erfahrung ist kein Einzelfall. Immer wieder hören wir von Vorkommnissen, in denen Polizisten ihre Machtposition ausnutzen, um Prostituierte auszubeuten. In einem besonders erschreckenden Fall vermietete ein Polizeibeamter seine Wohnung an Prostituierte und förderte aktiv deren Tätigkeit — er war ihr Bordellbetreiber. Außerdem hören wir von Fällen, in denen Polizisten aus ihrer Machtfunktion einen Vorteil ziehen, um Frauen und Mädchen aus der Prostitution sexuell auszunutzen, ihnen sexuelle Gewalt anzutun — und zu oft können sie sich dabei sicher sein, dass ihnen, den Herren Polizisten, dabei im seltenen Fall einer Anzeige eher geglaubt wird als der Frau, die anschafft und damit in den Augen der Gesellschaft noch immer weniger wert, noch immer weniger glaubwürdig und noch immer weniger achtbar ist. Auch gibt es Fälle, die aufzeigen, dass manche Polizisten durch Korruption in das Rotlichtmilieu verstrickt sind: die Bordellbetreibern etwa Tipps geben, wann die nächste Razzia ist, und die dafür von den Zuhältern kostenlosen Zugang zu den prostituierten Frauen bekommen.

Solche Vorfälle zerstören jegliches Vertrauen in die Strafverfolgungsbehörden. Doch es sind nicht nur diese extremen Fälle, die problematisch sind. Es ist die alltägliche Realität der Interaktion zwischen Polizei und Prostituierten, die von Misstrauen, Vorurteilen und Machtmissbrauch geprägt ist. Wenn wir Übergriffe melden, werden wir oft nicht ernst genommen. Zu viele Polizisten sind nicht geschult, was sexuelle Gewalt angeht. Als Frau in der Prostitution einen sexuellen Übergriff durch einen Freier anzeigen? Viel Spaß auf der Wache: „Er hat doch bezahlt.“ Wie sollen wir Vertrauen in ein System haben, das unsere Erfahrungen so konsequent negiert?

Ein weiteres Problem ist die Doppelmoral, die viele Polizisten an den Tag legen. Einerseits nehmen sie die Dienste von Prostituierten in Anspruch, andererseits gehen sie in ihrer offiziellen Funktion gegen uns vor. Diese Heuchelei verstärkt nur das Gefühl der Rechtlosigkeit und des Ausgeliefertseins, das viele von uns ohnehin schon haben. Die Polizei steht vor der schwierigen Aufgabe, in einem Milieu zu ermitteln, das von Misstrauen und Angst geprägt ist. Verdeckte Ermittlungen im Rotlichtmilieu sind ethisch heikel und bergen die Gefahr von Grenzverletzungen. In Bremen wurde beispielsweise gesetzlich festgelegt, dass verdeckte Ermittler keine Liebesbeziehungen zu Frauen aus dem Milieu eingehen dürfen — ein notwendiger Schritt, der aber auch zeigt, wie komplex und problematisch die Situation ist.

All diese Probleme verdeutlichen, wie dringend wir einen Paradigmenwechsel in der Beziehung zwischen Polizei und Frauen aus der Prostitution brauchen. Wir brauchen eine Polizei, die uns als schutzbedürftige Menschen sieht, nicht als Kriminelle oder Objekte oder verkommene Gestalten. Wir brauchen Beamte, die verstehen, dass Prostitution fast nie eine freie Wahl ist, sondern das Ergebnis von Armut, Gewalt und fehlenden Alternativen. Und Polizisten, die sich weigern, uns zu diskriminieren oder gar sexuell auszubeuten.

Und zugleich brauchen wir ein gesetzgeberisches System, dass es den Polizisten, die verstanden haben, erlaubt, zu unserem Schutz durchzugreifen — und das ist in Deutschland schwierig, wo ein Bordell zu betreiben, Frauen auf den Strich zu schicken und sie sexuell zu vermarkten ein ganz normales Geschäft ist.

Um es zusammenzufassen: Ich bin grundlegend dafür, dass Frauen und Mädchen aus der Prostitution so wenig wie möglich mit der Polizei zu tun haben müssen — denn wir sind nicht die, die verfolgt, verjagt, schikaniert gehören. Die Prostitution zu überleben, körperlich wie seelisch, ist schon schwierig genug. Frauen aus der Prostitution brauchen Alternativen, Angebote — und kein zusätzliches Problem namens Polizei.

Warum also schreibe ich trotzdem dieses Vorwort? Ganz einfach: weil Simon Häggström, der auf den folgenden Seiten seine Arbeit bei einer Stockholmer Anti-Prostitutions-Einheit beschreibt, eben kein deutscher Polizist ist. Er ist Schwede. Und in Schweden herrschen, was Prostitution angeht, andere Sitten. Denn dort gibt es das Nordische Modell: Prostitution gilt nicht als „Dienstleistung“, sondern als Gewalt gegen Frauen. Und deshalb werden natürlich nicht die Frauen und Mädchen aus der Prostitution verfolgt und bestraft, sondern die Täter, die Freier und Zuhälter, die Bordellbetreiber. Sex zu kaufen, ist in Schweden keine Bagatelle, sondern zieht ernsthafte Konsequenzen für die Freier nach sich. Die anschaffenden Frauen hingegen bekommen, wenn sie dies möchten, ein Ausstiegsangebot unterbreitet. Sie haben nicht sonderlich viel mit der Polizei zu tun, sondern mehr mit den Sozialarbeiterinnen, die die Polizei begleiten — und das ist auch richtig so.

Das Modell in Schweden, wo der Kauf von Sex illegal ist, nicht aber der Verkauf, zeigt einen möglichen Weg auch für uns in Deutschland auf. Es ist ein guter Ansatz, der die Käufer kriminalisiert und darauf abzielt, Frauen aus der Prostitution zu helfen, statt sie zu bestrafen. In Deutschland sind wir von einem solchen Modell noch weit entfernt. Unser aktuelles System, das Prostitution legalisiert hat, ohne adäquate Schutzmaßnahmen zu implementieren, hat versagt. Es hat ein riesiges Dunkelfeld geschaffen, in dem Menschenhandel und organisierte Kriminalität florieren. Die offiziellen Zahlen sprechen Bände: Von den geschätzten 250.000 bis 400.000 Prostituierten in Deutschland sind weniger als zehn Prozent offiziell gemeldet, von denen nur ein Bruchteil sozialversichert ist. Das zeigt, wie sehr das System unterlaufen wird und wie groß das Dunkelfeld ist.

Was wir brauchen, ist ein ganzheitlicher Ansatz, der die Realitäten der Prostitution anerkennt. Wir brauchen eine Polizei, die geschult ist im Umgang mit traumatisierten Frauen. Beamte, die verstehen, dass hinter jeder Prostituierten eine Geschichte von Gewalt, Ausbeutung und fehlenden Alternativen steht. Wir brauchen auch eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Behörden, wo Polizei, Sozialarbeiter, Gesundheitsämter und andere Stellen eng zusammenwirken. Ein System, das Vertrauen schafft und es ermöglicht, Frauen echte Hilfe anzubieten, statt sie nur zu kriminalisieren.

Doch all diese Maßnahmen werden nur dann erfolgreich sein, wenn wir das grundlegende Vertrauensproblem zwischen Prostituierten und Polizei angehen. Dafür braucht es einen kulturellen Wandel innerhalb der Polizei. Wir brauchen Beamte, die verstehen, dass Prostitution kein „Beruf wie jeder andere“ ist, sondern eine Form der sexuellen Ausbeutung. Dieser Wandel muss schon in der Ausbildung beginnen. Polizisten müssen lernen, die Zeichen von Zwangsprostitution und Menschenhandel zu erkennen. Sie müssen verstehen, warum Frauen oft nicht „einfach aussteigen“ können und warum sie zögern, Anzeige zu erstatten. Gleichzeitig müssen wir die toxischen Männlichkeitsbilder innerhalb der Polizei adressieren. Solange es normal ist, dass Polizisten selbst Freier sind, wird es schwierig sein, echtes Vertrauen aufzubauen. Wir brauchen eine Polizeikultur, die Frauen respektiert und schützt, anstatt sie zu objektifizieren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die konsequente Verfolgung von Polizeibeamten, die ihre Position missbrauchen. Es darf keine Toleranz geben für Beamte, die sich an der Ausbeutung von prostituierten Frauen beteiligen oder wegschauen, wenn sie Missstände bemerken. Nur wenn Frauen in der Prostitution sicher sein können, dass die Polizei auf ihrer Seite steht, werden sie bereit sein, mit ihr zusammenzuarbeiten.

Wir müssen auch die Art und Weise überdenken, wie Polizeikontrollen im Rotlichtmilieu durchgeführt werden. Was wir stattdessen brauchen, sind respektvolle, auf Vertrauen basierende Ansätze. Solche Kontrollen sollten darauf abzielen, den Frauen Hilfe anzubieten, statt sie zu kriminalisieren. Sie sollten in Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern und Gesundheitsdiensten durchgeführt werden, um den Frauen echte Ausstiegsmöglichkeiten zu bieten. Simon Häggströms Buch bietet einen wertvollen Einblick in diesen anderen Ansatz. In Schweden wird Prostitution als Form der Gewalt gegen Frauen verstanden und die Polizeiarbeit zielt darauf ab, die Nachfrage zu reduzieren und den Frauen zu helfen. Von diesem Modell können wir viel lernen. Vor allem zeigt es, wie wichtig es ist, dass die Polizei die Realitäten der Prostitution versteht und anerkennt.

Häggström beschreibt eindringlich die Traumata, die Gewalt und die Ausbeutung, die er in seiner Arbeit gesehen hat. Er zeigt, dass Prostitution keine harmlose Dienstleistung ist, sondern eine Form der sexuellen Ausbeutung, die schwere körperliche und psychische Schäden verursacht und nicht nur den betroffenen Frauen, sondern allen Frauen und der ganzen Gesellschaft schadet.

Dieses Buch beweist, dass es möglich ist, als Polizist mit Mitgefühl und Verständnis zu arbeiten, ohne die harte Realität aus den Augen zu verlieren. Es ist ein ehrliches Buch — Häggström verkennt nicht, dass die betroffenen Frauen noch immer ambivalent auf die Polizei reagieren, dass auch die Polizei nicht immer helfen kann, dass es ein Kampf ist, der Ausdauer und Geduld erfordert.

Aber es zeigt eben auch: Eine völlig andere Sicht auf Prostitution und ein anderer Umgang mit ihr sind möglich — und dringend erforderlich. Besonders dankbar bin ich dafür, dass in diesem Buch vor allem die immer und immer wieder vorgetragenen Mythen über das Nordische Modell widerlegt werden: dass nach Einführung der Freierbestrafung die Prostitution im Untergrund verschwinden oder der Menschenhandel zunehmen würde. Das Gegenteil ist der Fall.

Ich wünsche diesem Buch viele Leserinnen und Leser, vor allem aus der Justiz, der Polizei und den Behörden. Und ich hoffe, dass es viele Menschen inspirieren wird, sich für einen echten Wandel einzusetzen — in der Polizei, in der Politik und in der Gesellschaft.

Huschke Mau

Aktivistin mit eigenen Erfahrungen in der Prostitution, Gründerin vom Netzwerk Ella sowie Autorin von „Entmenschlicht. Warum wir Prostitution abschaffen müssen“

„Wir sagen, dass die Sklaverei in der europäischen Kultur nicht mehr existiert. Doch das ist nicht die Wahrheit. Die Sklaverei existiert immer noch, nur heißt sie heute Prostitution.“

Victor Hugo (1802 – 1885)

„Ich widme dieses Buch den Hunderten von Frauen, Männern und Kindern, die ich durch meine Arbeit kennengelernt habe. Dies ist mein Versuch, eure Realität zu beschreiben.“

Simon Häggström

Einleitung

Während meiner Zeit als junger Student der Polizeihochschule in Stockholm wurden wir jedes Semester in ein Praktikum geschickt, um einen tieferen Einblick in den praktischen Teil der Polizeiarbeit zu bekommen. Einen dieser Tage verbrachte ich mit einem älteren Mann mit verlebtem Gesicht, der irgendwo in Småland beim schwedischen Grenzschutz arbeitete. Er war ein Polizist der alten Schule, der weder für brutale Schläger noch für hohe Polizeichefs viel übrighatte. Er hatte nur noch wenige Jahre bis zum Ruhestand und erzählte ausgiebig von den Erfolgen, Fehlern und Lehren eines ganzen Polizistenlebens. Er sprach darüber, wie wichtig es ist, niemals zu vergessen, warum man einmal Polizist geworden ist, über die Wichtigkeit, sich in all dem Elend, das einem begegnet, um sich selbst zu kümmern, und darüber, immer und in jeder Situation für Wahrheit und Recht einzustehen, auch wenn es anstrengend ist. Einer der eher unerwarteten Tipps, die ich von diesem Mann bekam, war, alle meine Erinnerungen aus dem Polizeialltag aufzuschreiben. Als ich vorsichtig fragte, welchen Zweck das haben sollte, antwortete er, dass es im Alter fantastisch sei, sich an alles erinnern und auf alles zurückblicken zu können, was man in seinen Jahren bei der Polizei erlebt hat. Er meinte, ich würde so viele spannende Vorfälle erleben, dass es mir später schwerfallen würde, mich an alles zu erinnern. Sein Tipp war einfach und konkret:

„Schreib die Situationen und Begegnungen mit Menschen auf, die dich am meisten beeindruckt haben. Es wird dir große Freude bereiten, wenn du alt bist.“

In dem Augenblick dachte ich, dass so etwas zu tun wahrscheinlich nicht mein Ding sei. Seit dem Schwedischunterricht am Gymnasium hatte ich keine einzige Zeile geschrieben und es hatte mich nie gereizt, Texte zu verfassen. Allein der Gedanke, jemand Unbefugtes würde etwas, das ich in meiner Freizeit geschrieben hatte, in die Hände bekommen und lesen, ließ mich vor Scham im Boden versinken. Nein, das Schreiben von Memoiren war Sache von jemand anderem. Ich wollte richtige Polizeiarbeit machen: Rauschgiftfahnder werden und regelmäßig Verbrecher festnehmen.

Aber die Dinge entwickeln sich nicht immer so, wie man denkt, und meine Berufswahl nahm eine Wendung, die ich mir niemals hätte vorstellen können. Schon früh in meiner Polizeikarriere bekam ich die Möglichkeit, mich auf Prostitution und Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung zu spezialisieren. Damals gab es nur sehr wenige Polizisten, die sich mit genau dieser Problematik beschäftigten, und viele waren neugierig und wollten mehr über die Welt lernen, in der meine Kolleginnen, meine Kollegen und ich arbeiteten. Als ich von unseren Erlebnissen erzählte, meinten mehrere Leute vollkommen unabhängig voneinander, ich solle doch anfangen, über all das, was ich erlebte, zu schrei­ben. Irgendwo in alledem fielen mir die Worte des alten Polizisten wieder ein und ich fasste den Mut, kurze Kapitel für mich selbst zu verfassen. Der Plan war einfach: Diese Zeilen sollten nie von jemandem gelesen werden, sondern bis zu meinem Ruhestand tief in der Schreibtischschublade vergraben bleiben. Dann würde ich dort in einem Sessel sitzen, in meinen Aufzeichnungen blättern und mich an vergangene Zeiten und besondere Einsätze erinnern.

Wenn ich heute daran zurückdenke, wie alles begann, glaube ich, dass der erfahrene Grenzpolizist — an dessen Namen ich mich übrigens nicht einmal mehr erinnern kann — einen Samen gepflanzt hat, als er mir von seinem Schreiben erzählte. Es dauerte ziemlich lange, bis ich mich überhaupt getraut habe, jemandem meine Texte zu zeigen, aber nach viel Blut, Schweiß und Tränen wurde im Jahr 2016 die Erstausgabe des Buches veröffentlicht, dessen deutsche Ausgabe du jetzt in den Händen hältst. Ich weiß noch, wie ich damals dachte, niemand außer meinen Verwandten und Freunden wäre daran interessiert, es zu lesen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass ich mich auf das Gröbste getäuscht hatte.

Das Feedback, das ich im Laufe der Jahre zu diesem Buch bekommen habe, ist gelinde gesagt überwältigend. Es ist geliebt, aber auch gehasst worden. Es hat Menschen berührt, aber auch provoziert. Es wurde von Tausenden gelesen und hat lebhafte Debatten und Diskussionen ausgelöst. Am meisten freut mich, dass es immer noch an einer Reihe von weiterführenden Schulen und in anderen Bildungseinrichtungen im ganzen Land verwendet wird, wo die Schülerinnen und Schüler es lesen und dann über Themen wie Pornografie, Prostitution und Menschenhandel diskutieren und nachdenken. Das macht mich natürlich stolz, aber vor allem habe ich durch das Schreiben einen Weg gefunden, ein realistisches Bild einer Welt zu vermitteln, die normalerweise von vielen Mythen und Vorurteilen geprägt ist.

Heute, also einige Jahre später, bin ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen von der Norrmalm-Polizei immer noch draußen in der Stockholmer Nacht unterwegs. Auch wenn es sich oft so anfühlt, als würden wir ständig Gegenwind bekommen, tun wir weiterhin, was wir können, um Freiern und Zuhältern das Leben schwer zu machen.

Wenn du dieses Buch zum ersten Mal liest, möchte ich mich bei dir bedanken, dass du dir die Zeit nimmst, dich mit diesem wichtigen Thema zu beschäftigen. Ich weiß, dass dieses Buch Emotionen weckt, und ich hoffe, dass es auch dich berühren wird.

Simon HäggströmStockholm

Bellas Geschichte

Ich habe meine Kindheit in meinem Heimatland in Südeuropa als sehr chaotisch in Erinnerung. Sie war geprägt von Angst, Misshandlung und sexuellem Missbrauch. Mein Vater kam manchmal mitten in der Nacht betrunken nach Hause und schlug meine Mutter grün und blau. Ich weiß noch, wie er sie mit dem Kopf gegen die Wand schleuderte. Während sie weinte und er mit Haarbüscheln in der Hand dastand und schrie, sahen wir Kinder das Ganze von unserem Versteck aus, gelähmt von der Angst davor, was als Nächstes passieren würde. Ein Ereignis habe ich besonders stark in Erinnerung. Damals dachte mein Vater, er wäre nicht der Vater des Kindes, mit dem meine Mutter schwanger war. Er nahm eine große Zange und versuchte, das Kind aus ihrem Bauch zu ziehen.

Wir wohnten in einer kleinen Wohnung in der Hauptstadt. Mein kleiner Bruder und ich mussten im Heizungskeller wohnen, weil für uns oben in der Wohnung kein Platz mehr war. Als meine ältere Schwester später auszog, durften wir hoch zu den anderen ziehen. Mein kleiner Bruder, der aufgrund einer Hirnhautentzündung eine leichte Behinderung hatte, wurde schließlich von einer Familie aus Schweden adoptiert. Ich weiß noch, dass ich mir meine gesamte Kindheit lang wünschte, ich wäre adoptiert worden, aber aus einem unerklärlichen Grund behielt mich meine Mutter. Manchmal durfte ich im Sommer meinen Bruder in Schweden besuchen. Immer wenn es Zeit war, wieder nach Hause zu fahren, weinte ich. Es fühlte sich an, als würde ich in die Hölle zurückkehren.

Eines Tages verschwand mein Vater und ich weiß noch, dass ich erleichtert war. Aber die Ruhe hielt nicht sehr lange an. Meine Mutter begann, verschiedene Männer mit nach Hause zu bringen, und einige von ihnen missbrauchten mich sexuell. Sie fassten mich an und machten mit mir, was sie wollten, ohne sich im Geringsten um mich zu scheren. Ich wusste, dass meine Mutter mir nicht glauben würde, wenn ich es ihr erzählte, also schwieg ich und versuchte, alles in mir zu verbergen. Meine Mutter kompensierte ihren Mangel an Liebe und Fürsorge mit einer Menge materieller Dinge. Ich entwickelte eine Art rebellische Hassliebe zu ihr. Sie hingegen schenkte ihre Aufmerksamkeit den Männern, die mich missbrauchten. Ich fing an, Drogen zu nehmen, um den Schmerz und das Gefühl der Einsamkeit zu betäuben, und kam deshalb in ein Jugendheim im Norden des Landes. Ich glaube, das war meine Rettung.

Mit 17 zog ich nach Schweden und traf einen Mann, den ich später heiratete. Es war eine turbulente Beziehung, die schließlich mit einer Scheidung endete. Ich begann, in einem Restaurant als Kellnerin zu arbeiten, während ich noch in seiner alten Wohnung wohnte. In diesem Restaurant kam ich zum ersten Mal mit Vlad in Kontakt, der damals mit einem Typen befreundet war, mit dem ich ein paarmal ausgegangen war. Vlad arbeitete in einem Rock-Klub in Södermalm. Anfangs hatte ich nur freundschaftliches Interesse an ihm, aber je öfter wir uns trafen, desto mehr mochte ich ihn. Mir gefiel, dass er musikalisch, kreativ und abenteuerlustig war. Wenn ich von meinen Reisen erzählte, sagte er, dies seien genau die Länder, die er ebenfalls mochte. Als ich ihm die Fotos zeigte, die ich gemacht hatte, sagte er, er würde gern dieselben Orte besuchen. Er hörte zu und schmeichelte mir auf eine Art, die — wie ich im Nachhinein, sehr viel später, verstand — nur dazu diente, mich einzuwickeln.

Eines Abends, als ich nach dem Ausgehen mit meinen Freundinnen nach Hause kam, hatte ich plötzlich das Verlangen, zu Vlad zu fahren. Es war wie ein innerer Zwang, eine treibende Kraft, unangenehm und verlockend zugleich. Ich dachte: „Wenn ich nicht jetzt sofort fahre, wird etwas Schreckliches passieren“ — also tat ich es. An diesem Abend war ich wie hypnotisiert von ihm. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen und gleichzeitig unwohl. Etwas in mir sagte mir damals schon, dass er böse war, aber ich ignorierte diese Stimme. Ich hatte eine Reise nach Vietnam geplant und lud ihn ein, mitzukommen, damit wir uns ein wenig besser kennenlernen könnten. Wir lachten und hatten Spaß zusammen, aber er brachte mich auch dazu, Dinge zu tun, bei denen ich mich nicht ganz wohlfühlte, wie zum Beispiel die Grenzen von dem zu überschreiten, wozu ich sexuell bereit war. Als wir zurück nach Schweden kamen, zog er bei mir ein.

Vlad begann, sich immer mehr zu beklagen und sagte, ihm würde die Arbeit im Rock-Klub keinen Spaß mehr machen. Er meinte, es würde reichen, wenn ich arbeitete, sodass er sich ganz auf seine Musik konzentrieren könnte. Im Nachhinein kann ich erkennen, wie er mich schon damals in die Richtung lenkte, wo er mich haben wollte, aber seltsamerweise war ich wie berauscht von ihm. Er sprach es nie laut aus, aber mit der Zeit verstand ich, dass er Verbindungen zur Mafia in seinem Heimatland hatte. Er mied manche Orte, redete davon, dass wir in Stockholm nicht sicher seien, und behauptete, es liege daran, dass er Schulden habe. Vlad malte mir ein Bild von einem wunderbaren Leben im Ausland vor, und weil ich in ihn verliebt war, war die Vorstellung, zusammen wegzuziehen, weit fort von Stockholm, auch für mich verlockend. Das einzige Problem war, dass wir nicht genug Geld hatten.

Ich weiß noch, wie Vlad mir zum ersten Mal die Idee unterbreitete, dass ich mich prostituieren könnte. Er beschrieb es als eine großartige Möglichkeit für uns, in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen, damit wir unseren gemeinsamen Traum verwirklichen könnten. Er sagte, er habe Erfahrungen in der Pornoindustrie und kenne Mädchen, die sich verkaufen würden und denen es sehr gut gefalle. Vlad wusste, wie er meinen Widerstand nach und nach aufweichen konnte. Ich glaube, dass er all die Informationen benutzte, die er über mich hatte — Dinge, die ich ihm im Vertrauen erzählt hatte —, um mich zu dem zu bringen, was er wollte. Er sah, dass ich wegen der Erlebnisse in meiner Kindheit nur schwer Grenzen setzen und Nein sagen konnte, und selbst das nutzte er aus. Der Gedanke, mich zu verkaufen, war fürchterlich, aber ich redete mir ein, dass ich es nur für eine kurze Zeit tun könnte und dass es der einzige Weg für uns wäre.

Als ich mich zum ersten Mal verkaufte, hatte ich das Gefühl, meine gesamte Würde zu verlieren. Ich bekam 2.000 schwedische Kronen für eine Stunde, aber die Scham, der Ekel und das Unbehagen sorgten dafür, dass ich mich vollkommen wertlos fühlte. Wir begannen, unseren Umzug nach Paris zu planen, und in der Zeit, bevor wir Schweden verließen, verdiente ich für Vlad jeden Tag zwischen 17.000 und 20.000 schwedische Kronen.

In der französischen Hauptstadt mietete er uns eine sauteure Wohnung und sagte, dass jetzt unser neues, fantastisches Leben beginnen würde. Aber es dauerte nicht lange, bis uns das Geld ausging und Vlad mich zwang, Bilder von mir auch auf französischen Escort-Seiten hochzuladen. Ich verkaufte mich dort, in unserem gemeinsamen Zuhause, während Vlad auf der Straße wartete. Manchmal fuhr er mich zu Freiern in ein Hotel oder eine Wohnung. Ich fühlte mich wie ein Spielzeug, ein Objekt für eklige alte Männer.

Während einer Urlaubsreise in Vlads Heimatland hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, einen Ort gefunden zu haben, an dem ich glücklich war und mich zu Hause fühlte. Wir beschlossen, dorthin zu ziehen und auf einem Grundstück, das seiner Familie gehörte, ein Haus zu bauen. Ich vertraute Vlad, als er sagte, es würde uns gemeinsam gehören. Er würde für das Grundstück aufkommen und ich sollte meinen Beitrag leisten, indem ich das Geld für den Bau des Hauses verdiente.

Doch der Traum verwandelte sich schnell in einen Albtraum. Ich durfte höchstens zehn Tage am Stück im Land bleiben. Dann schickte er mich wieder nach Stockholm, um zu „arbeiten“, zwei Wochen am Stück, sieben Tage die Woche. Danach fuhr ich mit dem Geld nach Hause zu Vlad, um dann nach Stockholm zurückzukehren und mehr zu verdienen.

Ich wurde eine sehr gute Schauspielerin. Für Vlads Familie und unsere Freunde spielte ich die Rolle eines Fotomodells, das im Ausland das große Geld verdiente. Für die Freier in Schweden spielte ich die perfekte sexy Frau, mit der sie ihre kranken Fantasien verwirklichen konnten. Ich war eine Illusion und lebte eine Lüge. Während Vlad sich einen Namen im Showgeschäft machte und unser Geld ausgab, weinte ich mich in Stockholm in den Schlaf. Immer wenn ich nach Hause kam, gab ich ihm das gesamte Geld, das ich verdient hatte, und flehte ihn an, ein Dokument zu unterschreiben, das mich zur Miteigentümerin des Hauses machen würde, aber es endete immer in einem heftigen Streit. Manchmal tat er gekränkt, manchmal drohte er mir.

Auch die Freier forderten ihren Teil. Ich ließ mir die Haare verlängern und die Lippen aufspritzen. Ich ließ alle glauben, dass ich Spaß an dem hatte, was ich tat. Wenn ich manchmal noch Sekunden, bevor ein Freier ins Zimmer kam, geweint hatte, wischte ich mir schnell die Tränen ab und besserte mein Make-up nach. Nirgendwo konnte ich mich entspannen und einfach ich selbst sein, aber ich lächelte und spielte meine Rolle gut. Manchmal stritt ich mich in der einen Sekunde mit Vlad und ging in der nächsten mit sanfter, sinnlicher Stimme ans Telefon, wenn ein Freier anrief.

Die Masken fallen zu lassen und sich nicht mehr zu verstellen, war nie eine Alternative, denn wenn man nicht mitspielt, riskiert man, seine Stammfreier zu verlieren — und gute Stammfreier sind die einzige Sicherheit, die man hat. Ohne sie kann man in lebensgefährliche Situationen mit neuen, unbekannten Freiern geraten. Es geht immer darum, das Risiko zu minimieren und sich so gut wie möglich zu schützen.

Einmal, als Vlad zusammen mit mir in Stockholm war, wurden wir von der Polizei gefasst und schließlich verurteilt — er für Zuhälterei und ich für Beihilfe zu dieser Straftat. Ich hatte über Western Union Geld für ihn abgehoben, das von Frauen kam, die dafür bezahlten, ihre Bilder auf Vlads Website für Prostitutionsinserate hochladen zu dürfen.

In der Untersuchungshaft brach ich komplett zusammen, verschwieg aber weiterhin alles, wozu Vlad mich in den ganzen Jahren gezwungen hatte. Ich hatte Angst, auf der Straße zu landen und das Einzige zu verlieren, was mir etwas bedeutete: mein Zuhause. Aber als Vlad aus dem Gefängnis kam, benahm er sich immer mehr wie das Monster, das er in Wirklichkeit war. Er drohte, mich rauszuwerfen und meine Sachen zu verbrennen, und ich begriff, dass das Recht in seinem Heimatland nie auf meiner Seite sein würde.

Ich wurde immer erschöpfter und deprimierter. In meinen dunkelsten Momenten hoffte ich, ein Freier würde ins Zimmer kommen und mir direkt in den Kopf schießen, damit alles vorbei wäre. Ich stellte mir vor, von jemandem zu Brei geschlagen zu werden, weil Vlad dann vielleicht seine Kontrolle über mich verlieren und neun lange Jahre seelischer und körperlicher Misshandlung ein Ende finden würden. Manchmal träumte ich von meiner eigenen Beerdigung und diese Vorstellung wurde zu einer Zuflucht vor dem Bösen.

Eines Tages nahm ich meine wenigen Habseligkeiten, floh nach Schweden und erstattete Anzeige bei der Polizei.

In den letzten Monaten habe ich hart gekämpft, um Gerechtigkeit zu erfahren. Meine letzte Kraft habe ich dafür verwendet, an Vernehmungen teilzunehmen und immer wieder meine Geschichte zu erzählen, aber ich habe erkannt, dass Gerechtigkeit keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist. Viele Frauen in meiner Situation kämpfen dafür, dass ihnen die Justiz glaubt, und viel zu oft müssen sie am Ende eine weitere Niederlage einstecken.

Heute bin ich dabei, wieder aufzustehen. Ich habe immer noch einiges vor mir, aber ich bin auf dem Weg und ich hoffe, eines Tages jungen Frauen helfen zu können, damit sie nicht in die gleiche Situation geraten, in der ich mich befunden habe. Mein größter Wunsch ist es, eines Tages Recht zu bekommen, und ich hoffe von ganzem Herzen, dass eine Frau dort draußen meine Geschichte liest, meine Warnung hört und nicht selbst in der Hölle der Prostitution landet. Ihr möchte ich sagen: Glaub den Lügen nicht, hör auf dein Inneres und renn, so schnell du kannst, wenn dein Herz dich warnt.

Die Menschen müssen ihre Augen öffnen und sehen, was Pros­ti­tu­tion wirklich ist — eine fürchterliche, zerstörerische Illusion. Es ist eine durch und durch verlogene Welt. Eine Illusion für die Frau, die sich verkauft, denn das gute Leben, zu dem die Prostitution ihrer Hoffnung nach führt, existiert nicht. Eine Illusion für den Freier, weil die Escort-Frau, die er trifft, nicht echt ist. Sie tut nur so und er entscheidet sich, eine Lüge zu glauben. Aber für die Zuhälter und alle, die an der Prostitution verdienen, ist sie eine Goldgrube.

Das Buch, das du jetzt lesen wirst, ist eines der wichtigsten, die über dieses Thema je geschrieben wurden. Es berichtet von Prostitution, so wie sie wirklich ist, und ich hoffe, dass viele verstehen werden, wie ernst die Lage ist. Die Arbeit von Simon Häggström und seinen Kolleginnen und Kollegen in der Prostitutionseinheit ist bei Weitem nicht einfach, aber lebenswichtig, weil sie es Frauen wie mir ermöglicht, diese Welt zu verlassen. Frauen, die sonst in einem Meer von Qualen ertrunken wären und es niemals aus dem Gefängnis herausgeschafft hätten, in dem sie gefangen waren.

Die Menschen, die nie um ihr Überleben kämpfen mussten, werden nicht verstehen, warum wir auf dieser Straße stehen.

Roxana, prostituiert sich auf der ­Malmskillnadsgatan in Stockholm

Da die Straßenprostitution im Stadtkern Stockholms zugenommen hatte, bekam ich im Jahr 2009 das Angebot, meine Tätigkeit als Ermittler bei der sogenannten Plattangruppen, der Drogeneinheit, aufzugeben und stattdessen in Vollzeit in diesem Bereich zu arbeiten. Ich durfte mir einen beliebigen Partner oder Partnerin aussuchen. Meine Wahl fiel auf Anna — eine Kollegin, die ich zwar nicht persönlich kannte, die aber einen sehr guten Ruf bei den Polizisten im Außendienst hatte.

Als Anna an einem warmen Sommerabend im Juli gerade in einem Kajak saß und um die Insel Kungsholmen paddelte, bekam sie einen Anruf. Am anderen Ende der Leitung war ich und ich fragte sie, ob sie nach ihrem Urlaub in Vollzeit im Bereich Prostitution arbeiten wollte.

Wir wurden im August desselben Jahres von der Polizei Stockholms beauftragt, die Straßenprostitution in der Innenstadt zu überwachen. Damals waren wir zwei junge, vollkommen normale Polizisten mit sehr wenig Erfahrung. Wir hatten beide seit der Prüfung an der Polizeihochschule erst ein paar Jahre Dienst hinter uns, würden nun aber plötzlich in einer Welt arbeiten, von der wir nicht einmal gewusst hatten, dass sie überhaupt existiert.

Es war eine ungeheure Herausforderung, und ehrlich gesagt verstehe ich heute nicht, wie wir das geschafft haben. Wir arbeiteten mehr oder weniger nur nachts und mit sehr vielen Überstunden in einem elenden Milieu, mit allem, was ein solches mit sich bringt. Aber wir fühlten uns wohl und unser Job erschien uns sinnvoll. Wir lernten sehr viel und in dieser Zeit wurde der Grundstein für das gelegt, was später die Prostitutionseinheit werden würde.

Wenn ich an ein bestimmtes Ereignis zurückdenke, wird mir klar, wie unerfahren wir tatsächlich waren und mit welch komplizierten Lebensgeschichten wir in unserem Beruf jede Woche in Berührung kommen. Dass Prostitution selbst oft ein Symptom für etwas anderes ist, wie Armut, Missbrauch, psychische Probleme oder Drogenabhängigkeit, wird meiner Meinung nach durch dieses Ereignis deutlich.

◆◆◆

Wie immer sitzen Anna und ich mit müden Augen da und beobachten eines von Stockholms grauesten und trostlosesten Vierteln. Es ist ein später Donnerstagabend und die Hauptstadt schläft vielerorts bereits ein, aber nicht hier. Auf dieser Straße ist noch viel los und der Handel läuft auf Hochtouren. Einzelne Männer kommen zu Fuß oder mit dem Auto hierher, der ein oder andere sogar auf dem Fahrrad. Sie sehen alle unterschiedlich aus, sind unterschiedlicher Herkunft und scheinen verschiedene Hintergründe zu haben. Manche Männer sitzen in teuren Mänteln und schicken Anzügen verborgen auf Taxi-Rücksitzen und gaffen neugierig durch die Scheiben.

Andere sehen so aus, als kämen sie direkt aus dem tragischen Dasein von Schwedens wichtigstem Drogenumschlagplatz, dem Sergels torg, der nur einen Steinwurf entfernt liegt. Sie tragen verwaschene Pullover und zerrissene Jeans, haben ungepflegte Haare und ein paar von ihnen tragen Rucksäcke, die nicht selten verschiedene Arten von Tatwerkzeugen beinhalten. Aber auch wenn sich ihr Aussehen und ihr Hintergrund unterscheiden, haben sie eines gemeinsam: Alle wollen ein Auge auf das abendliche Angebot an Frauen werfen. Und jeder von ihnen hat die Hoffnung, diesen Ort nicht allein und mit leeren Händen verlassen zu müssen.

Eine erschöpft und müde aussehende Frau, die uns nicht bekannt vorkommt, geht, einen Kinderwagen vor sich herschiebend, den Bürgersteig aus Richtung des Brunkebergstorg entlang. Die Kinder- und Einkaufswagen, die Drogensüchtige manchmal mit sich herumschieben, sind normalerweise mit diversem Kram vollgestopft: gefundene alte Kleidung, frisch gestohlene Güter, die darauf warten, weiterverkauft zu werden, und wenn man sorgfältig sucht, vielleicht ein Tütchen mit illegalem weißem Pulver.

Die Frau bleibt stehen. Sie redet mit einem Mann, den wir schon seit einer Weile im Auge haben, weil er bereits eine Stunde lang diese Straße hoch- und heruntergelaufen ist. Das Gespräch dauert ein paar Minuten und endet damit, dass der Mann schnell und gestresst wirkend weitergeht. Ein alter, klappriger brauner Saab, der darauf gewartet hat, an der Reihe zu sein, fährt an den Bordstein und hält neben der Frau. Ein älterer Herr kurbelt das Fenster herunter und die Frau beugt sich vor, während sie den Kinderwagen mit einer Hand festhält. Nach nur ein paar Sekunden schüttelt der Mann den Kopf, kurbelt die Scheibe hoch und fährt weg. Irgendetwas stimmt hier nicht. Warum wollen die Freier die Frau nicht? Ist sie zu teuer? Zu verwahrlost? Zu sehr auf Drogen?

Die Frau bleibt zurück, hält ihren Kinderwagen fest und wartet. Ein paar Minuten später kommt ein weiterer Freier zu ihr. Ein kräftiger Mann mittleren Alters in Jeans und einer grauen Jacke. Über seine rechte Wange zieht sich eine große, hässliche Narbe, die unten am Mundwinkel endet. Sein Blick ist wachsam und er sieht sich immer wieder nervös um. Gähnend beobachte ich ihr Gespräch. Ich gehe davon aus, dass es sich um den gleichen Dialog wie immer handelt, nämlich den um Preise und Dienstleistungen.

Die Frau dreht sich zum Kinderwagen. Der potenzielle Freier bleibt stehen und betrachtet sie neugierig. Sie greift in den Kinderwagen und hebt mit beiden Händen ein Baby hoch. Ich reiße meine bis eben noch schläfrigen Augen weit auf. Die Frau lacht und schaukelt den Säugling hin und her, während sie weiter mit dem Mann redet. Ich kann es kaum fassen. Eine junge, allem Anschein nach drogensüchtige Frau redet auf der Malmskillnadsgatan mit einem Freier — und hat dabei ihr Baby im Arm.

„Sie hat ein Kind im Wagen! Jetzt reicht’s“, brülle ich und stürze aus dem Auto. Ich bin so wütend, dass ich nicht einmal mehr höre, was Anna sagt.

Ich knalle die Fahrertür zu und laufe die Straße hinunter. Ich zerre meinen Dienstausweis heraus, der mir an einer silbernen Kette um den Hals hängt. Zuerst drehe ich mich zu dem vernarbten Mann und schleudere ihm einige weniger wohlüberlegte Worte darüber entgegen, dass ich sowohl seine Frau als auch seinen Arbeitgeber anrufen werde, wenn ich ihn noch einmal hier sehe. Er verschwindet blitzschnell und wird es sich wohl zweimal überlegen, bevor er wieder einen Fuß in die Malmskillnadsgatan setzt. Meine Aufmerksamkeit richtet sich jetzt auf die Frau. Auf sie bin ich am wütendsten. Ich beginne ein Korrekturgespräch, wie wir es intern bei der Polizei nennen. Man kann es auch einen Rüffel nennen, aber in diesem Fall ist es eine beispiellose Standpauke. Ich setze meine böseste Polizeimiene auf. Ungefähr so, als wäre die Frau vor mir ein böswilliger Hooligan bei einem gewalttätigen Fußballderby. Ich weigere mich, den Blick von ihr abzuwenden.

„Wie kannst du so etwas tun? Deine kleine Tochter mit auf die Malmskillnadsgatan zu nehmen, wenn du Freier aufreißt? Was ist los mit dir? Bist du bescheuert? Kapierst du, was du hier machst? Hol deinen Ausweis raus … SOFORT!“

Die Frau ist völlig verängstigt. Wiederholt immer wieder:

„Tut mir leid. Tut mir leid. Tut mir leid.“

Ich rede weiter auf sie ein. Ich werde eine Mitteilung an den Sozialdienst schicken. An die Bewährungshilfe. An den Strafvollzug. Ich werde jeder Institution, mit der sie je etwas zu tun gehabt hat, mitteilen, was für eine schlechte Mutter sie ist. Welche Gefahr sie für ihr Kind darstellt. Tränen strömen über ihre Wangen. Sie beugt sich nach vorn, vergräbt das Gesicht in den Händen. Und fleht.

„Bitte schlagen Sie mich nicht.“

Halt. Was mache ich hier? Mein schlechtes Gewissen versetzt mir einen Stich wie mit einem Messer. Ich drehe mich um und sehe Anna an, die mich eingeholt hat und jetzt ein paar Meter hinter mir steht. Sie schüttelt den Kopf und wirft mir einen Blick zu, der mir zu verstehen gibt, dass ich nicht nur einen Schritt zurücktreten muss, sondern zehn.

Das war meine erste Begegnung mit Lovisa. Und sie war alles andere als geglückt. Ich war jung und als Polizist noch neu. Dumm und unreif. Aber auch wenn mir allein schon der Gedanke an unser erstes Treffen das Gefühl gibt, der schlechteste Mensch der Welt zu sein, hat sich unser Verhältnis tatsächlich verbessert. Es hat sich zu etwas anderem entwickelt als der klassischen Beziehung zwischen zwei Parteien mit verschiedenen Interessen, die aus dauernden Streitereien und gegenseitiger Missbilligung besteht. Stattdessen entstand etwas Tieferes, eine Art von Beziehung, wie es sie nur zwischen einem Polizisten und jemandem, der in der dunklen Realität von Drogen und Prostitution lebt, geben kann.

Da wir uns — ungeachtet dessen, was wir jeweils davon hielten — immer wieder am gleichen Ort befinden würden, kamen Lovisa und ich schließlich beide zu der Einsicht, dass wir irgendwie miteinander klarkommen müssten. Wir trafen uns ein paar Jahre lang jeden Abend auf der Malmskillnadsgatan, und da wir uns gegenseitig kennenlernten, entwickelte sich etwas, das man mit einer Freundschaft vergleichen kann. Eine Beziehung mit einem Stacheldraht in der Mitte.

Obwohl unsere erste Begegnung eine schreckliche Erfahrung für Lovisa war, gaben wir ihr mit der Zeit ein Gefühl von Sicherheit, dort auf einer der dunkelsten Straßen Stockholms. Sicherheit war etwas, was Lovisa nie kennengelernt hatte. Und sie liebte es. Sie erzählte mir, dass dank der Polizei kein Freier ihr auf der Straße schaden könnte. Aber auch wenn sie uns mochte, hasste sie gleichzeitig unsere Anwesenheit, denn sosehr wir uns auch um sie kümmerten, machten wir ihr doch das Leben schwer. Wir nahmen ihre Freier fest, beschlagnahmten ihre Drogen, nahmen sie zu Urinproben mit, teilten dem Sozialdienst mit, in was für einem schlechten Zustand sie war, und berichteten, dass sie medizinische Hilfe brauchte. Als Polizist auf der Straße wird man an einem Tag gehasst und am nächsten geliebt. Man muss sich einfach daran gewöhnen.

◆◆◆

Später Mittwochabend. Ich steige aus dem Auto und schließe vorsichtig die Fahrertür. Meine Kollegin Anna bleibt sitzen. Sie spricht am Telefon mit einer Frau, die ihren Mann als Freier entlarvt und uns entsetzt kontaktiert hat. Das Telefonat wird eine Weile dauern, also lasse ich Anna allein und gehe auf mein Ziel zu. Die Frau, die allein in ungefähr 50 Metern Entfernung steht, verhält sich so, dass man sich Sorgen um sie macht. Ihr Blick ist leblos und abwesend, ihre Knie geben langsam, aber sicher nach, doch kurz bevor sie auf den Boden fällt, wacht sie auf und stellt sich wieder aufrecht hin. Sie tippt auf ihrem Handy herum, ein Tastendruck nach dem anderen, im Schneckentempo. Dann beginnt das gleiche Prozedere wieder von vorn. Ihre Beine geben nach, die Lider werden immer schwerer und sie verschwindet wieder im Nebel.

Lovisa. Sie ist 24 Jahre alt. Groß, schlank, trägt eine schwarze Jeans und einen dunkelvioletten Strickpullover. Blond. In ihrem zerschundenen Gesicht kann man die Umrisse von dem erkennen, was eine normale, unbeschädigte junge Frau gewesen sein könnte. Ich habe öfter darüber nachgedacht, wie sagenhaft schön Lovisa gewesen wäre, wenn sie ein normales Leben hätte führen dürfen. Wenn nur eine Sache nicht gewesen wäre: das Heroin. Dieses fürchterliche, tückische Pulver, das seine Krallen in sie geschlagen und allmählich ihr schönes Äußeres und Inneres zu etwas anderem als zu der Frau verzerrt hat, die sie hätte werden können.

Heroin. Stoff. Dope. Das geliebte Kind hat viele Namen. Oder der Teufel in Pulverform. Die stark Drogenabhängigen haben mir beigebracht, diese Droge damit gleichzusetzen, als ich als frischgebackener Polizist in der Drogeneinheit meine ersten unsicheren Schritte auf dem Sergels torg im Zentrum von Stockholm machte. Die albtraumhaften Geschichten, die mir die armen Süchtigen über diese Todesdroge erzählten, ließ mich schon früh verstehen, dass diese Abhängigkeit die allerschlimmste sein muss — falls man hier eine Abstufung vornehmen will.

Die Frau wacht wieder aus ihrem Halbschlaf auf und entdeckt mich. Ihr Gesichtsausdruck wechselt von schläfrig und kraftlos zu wach und aufmerksam.

„Was willst du? Ihr fahndet nicht nach mir, oder? Ich halt’s nicht aus, auf irgendeinem verdammten Bullenrevier zu sitzen. Nicht heute Abend.“

„Nein, es wird nicht nach dir gefahndet, Lovisa. Ich wollte nur nachsehen, wie es dir geht. Es ist verdammt hart und frustrierend, dich jeden Abend so zu sehen. Ich mach mir nur Sorgen, dass dir etwas passieren könnte.“

„Alles gut. Ich komm zurecht. Ihr seid nett, aber auf dieser Straße reicht es nicht, nett und rücksichtsvoll zu sein. Hier zählt nur Geld. Wenn jemand das wissen sollte, dann du.“

Diese Straße. Die Malmskillnadsgatan, die die Stockholmer spätabends und nachts meiden und von der jeder weiß, wofür sie bekannt ist. Die seit vielen Jahren Stockholms größter Schauplatz für Straßenprostitution ist. Wie kann ich diese asphaltierte Großstadtstraße für Uneingeweihte am besten beschreiben? Vielleicht könnte man die Malmskillnadsgatan mit Skansen vergleichen, dem großen Zoo in Stockholm. Die Ähnlichkeiten sind frappierend, aber es gibt auch einige Unterschiede. Der Eintritt für diese Straße ist kostenlos und anstatt Tiere kann man sich hier Menschen anschauen. Der größte Unterschied ist jedoch, dass die Besucher in Skansen die Tiere nicht kaufen und mit nach Hause nehmen können. Das kann man mit den Frauen in der Malmskillnadsgatan tun.

„Bald siehst du mich hier aber nicht mehr. Ich geh in Behandlung. Bald krieg ich Subutex.“

„Okay, das ist gut. Aber das sagst du jetzt schon seit Monaten, Lovisa.“

Lovisa antwortet nicht. Sie starrt auf den Bürgersteig. Gutherzige Lovisa. Abend für Abend, Nacht für Nacht, bei Regen und Unwetter oder beißenden Minusgraden steht sie hier, allein und schutzlos. Bei Einbruch der Dunkelheit kommt sie. Wenn gewöhnliche Leute zu Hause in ihren sicheren Wohnungen sitzen und zu Abend essen, lachen und die Zeit mit Familie und Freunden genießen, geht Lovisa zu ihrer Arbeit. Und ihr Job unterscheidet sich von allen anderen Beschäftigungen der Welt.

Ich sehe sie an.

„Wie bist du eigentlich hier gelandet? Ich meine, bevor du in diesen Scheiß reingezogen worden bist, hast du doch wahrscheinlich ein anderes Leben gelebt?“

„Willst du es wirklich wissen?“

„Wenn du es mir erzählen willst, höre ich gern zu.“

Es wird still. Lovisa schaut mich an und ich bekomme das Gefühl, dass sie geradewegs durch mich hindurchsieht. Als wollte sie entscheiden, ob ich es verkraften würde, ihre Lebensgeschichte zu erfahren.

„Mein Leben ist nicht so einfach gewesen. Ich kann nicht einfach von einem Tag auf den anderen anfangen, wie alle anderen Leute zu leben. Dieses Leben ist das einzige, das ich kenne.“

Sie beginnt zu erzählen. Von ihrem Leben und ihrer Kindheit. Davon, dass sie keine Verbrechen begehen will, um ihre Heroinsucht zu finanzieren. Dass sie nicht stehlen oder rauben will. Dass sie niemand anderem schaden will. Wie viele andere süchtige Frauen entscheidet sie sich daher, sich selbst zu verletzen, ihrem eigenen Körper zu schaden anstatt anderen Menschen. „Dann ist niemand anders betroffen“, erklärt sie.

Lovisa wurde in die Drogensucht hineingeboren. Geradewegs in einen Albtraum. Sie ist allein mit ihrer Mutter in einem typischen Vorort südlich von Stockholm aufgewachsen. Im Alter von fünf Jahren bekam sie von ihrer Mutter zum ersten Mal Drogen. Weil sie still sein und nachts schlafen sollte. Nicht schreien sollte. Nicht weinen. Ihre Mutter hielt es nicht aus mit einem schreienden und anstrengenden Kind. Es versetzte sie in Panik. Darum durfte Lovisa von „Mamas Medizin“ kosten, wie sie es nannte.

Lovisas Mutter war ebenfalls süchtig. Nahm seit vielen Jahren Heroin. Sie brauchte verzweifelt Geld zum Überleben und zur Finanzierung ihrer Sucht. Jeden Tag. Zum Überleben. Daher verkaufte sie ebenfalls Sex, auf derselben Straße, auf der Lovisa jetzt steht. Und genau wie ihre Tochter sah sie sehr gut aus, so gut, dass die Freier Schlange standen, um sie zu kaufen.

Sie verdiente genug Geld, um sowohl ihr unentbehrliches Heroin zu kaufen als auch die kleine Lovisa zu versorgen.

Aber eines Tages passierte etwas, was nicht nur die Lebenssituation von Lovisas Mutter, sondern auch Lovisas Voraussetzungen für ihr Leben drastisch veränderte. Vor der Einführung des sexköpslagen, des „Sexkaufgesetzes“, in den 1980er- und 1990er-Jahren gab es noch keine offenen Grenzen und keine Freizügigkeit8 in Schweden. Ein großer Teil der Frauen auf der Malmskillnadsgatan stammte aus Schweden und sie waren schwer drogenabhängig: Heroin, Amphetamin und Mischkonsum verschiedener Art. Dies hatte zur Folge, dass sowohl in den Massenmedien als auch intern bei den Freiern von Zeit zu Zeit Alarm geschlagen wurde. Genau das ist Lovisas Mutter und ihren Freundinnen passiert.

Es ging das Gerücht herum, dass sich einige der Frauen auf der Straße mit HIV infiziert hätten, unter ihnen Lovisas Mutter. Die Freier waren zu Tode erschrocken, Panik und Angst schlugen mit voller Kraft zu. Besonders bei all denjenigen, die mehr bezahlt hatten, um kein Kondom benutzen zu müssen. Hatten auch sie sich infiziert? Und hatten sie ihrerseits die Krankheit an ihre Frauen und Freundinnen weitergegeben?

Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten. Plötzlich stand Lovisas Mutter allein auf der Straße. Die Freier blieben aus und nur wenige kamen weiterhin. Diejenigen, die es anmachte, Sex mit einer dreckigen, heroinabhängigen, HIV-infizierten Hure zu haben, wie sie es ausdrückten. Sie schützten sich mit zwei oder drei Kondomen. Aber auch wenn es noch ein paar Freier gab, blieb für Lovisas Mutter eine bittere Wahrheit, eine Realität, die Lovisas kleine Hoffnung auf einen Ausweg aus dem Elend, in das sie hineingeboren worden war, praktisch zunichte machte. Ihre Mutter war nämlich immer noch an die Heroinspritze gekettet. Das bedeutete, dass sie genauso viel Geld verdienen musste wie zuvor, sowohl für ihre Sucht als auch für Lovisa. Zuerst für das Heroin und erst dann für Lovisa.

„Meine liebe kleine Lovisa, du musst Mama helfen“, sagte sie.

Es war der letzte Ausweg. Lovisas Mutter hasste sich selbst, aber als es hart auf hart kam, war ihr die Wahrheit doch schmerzhaft bewusst: Das Verlangen nach Heroin war stärker als die Liebe zu ihrer eigenen Tochter. Lovisa, erst sieben Jahre alt, wurde zum ersten Mal verkauft. Von ihrer eigenen Mutter. Sie durften sie sich nehmen. Die gesichtslosen Raubtiere jubelten, als sie ihre Zähne in etwas so Junges schlagen durften, etwas, das es zuvor nur in ihren verabscheuungswürdigsten Fantasien gegeben hatte.

„Lovisa, nimm mehr von Mamas Medizin, dann wird es dir besser gehen. Es ist dann nicht so schwer“, sagte ihre Mutter.

Tränen rannen ihr die Wangen herunter, als sie Lovisas kleine Hand drückte und ihre Stirn küsste.

„Ich bin für dich da, Liebling. Ich warte nebenan“, sagte ihre Mutter und ging. Eine dunkle Silhouette nahm ihren Platz ein, zwei behaarte Hände und nach Alkohol riechender Atem. Der erste Schatten, aber keinesfalls der letzte.

Lovisa verstummt. Vielleicht sieht sie mir an, dass ich nicht noch mehr verkrafte. Dass ich immer häufiger den Blick abwende oder zu Boden schaue. Dass ich mich dagegen wehre, noch mehr Gräuel zu hören.

Ich denke nach, als ich ihr an dem späten Frühsommerabend auf der düsteren Straße gegenüberstehe, mitten auf der Brücke, die die Malmskillnadsgatan über die belebte Hamngatan führt. Ich schaue durch die schmalen Eisenstäbe des Brückengeländers nach unten. Auf der Straße unter uns sind hupende Taxis und gestresste Großstadtmenschen unterwegs, und eine blaue Straßenbahn fährt gemächlich vorbei. Ich treffe wieder Lovisas Blick.

„Lovisa, wie kommt es, dass du immer noch lebst? Ich meine, mit alledem, was du durchgemacht hast? Wie hast du das all die Jahre ertragen?“

Die Frage soll sie ermutigen, ihr sagen, dass sie stark ist, weil sie das alles durchgestanden hat. Wie man es so macht, wenn man jemanden trifft, der unvergleichlich schwierige Sachen erlebt hat, und sich die eigenen Misserfolge und Niederlagen dagegen anfühlen wie ein Fliegenschiss im Kosmos. Aber Lovisas Antwort zieht mir wieder den Boden unter den Füßen weg.

„Ich will nichts lieber als sterben. Aber ich traue mich nicht. Ich habe solche Angst vor dem Tod. Wenn ich die Garantie hätte, dass alles einfach schwarz wird und vorbei ist, wäre ich schon längst gegangen. Aber man weiß ja nicht, was passiert …“

Ich versuche verzweifelt, ein Argument zu finden, das Lovisas angsterfüllte Antwort zu etwas Hoffnungsvollerem macht, ihr einen Hauch Hoffnung gibt. Mir fällt ihre kleine Tochter ein. Ihr Augenstern.