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Was tun, wenn die Liebe da zuschlägt, wo man sie gerade am wenigsten brauchen kann? Und plötzlich steht das Leben Kopf … Als Meike Winter erfährt, dass ihr Mann sie betrügt, ist klar: Dieser Schuft hat sie das letzte Mal gesehen! Trotzdem ist sie ganz schön überrumpelt, als ihre Mutter für sie und ihre Tochter Kim ein Haus kauft – und gleich mit einzieht. Zunächst läuft es richtig gut im Mehrgenerationenhaus. Doch dann bringt Kim ihren Schwarm Nicolas mit nach Hause, von dem Meike ganz und gar nicht begeistert ist. Und zu allem Überfluss verliebt sich die frisch gebackene Singlefrau auch noch in dessen Vater! Bis ihre Tochter Wind von Meikes Gefühlen bekommt, ist es nur noch eine Frage der Zeit – und was dann? »Lebensnah und prima als Urlaubslektüre!« Beauty Talk - Köln, Gegenwart - Meike zieht nach der Scheidung mit Mutter und Tochter nach Köln– doch die Liebe wirbelt ihre Leben gehörig durcheinander! - Ein humorvoller Familienroman für Fans von Claudia Schaumann und Christine Ziegler
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Seitenzahl: 468
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Über dieses Buch:
Und plötzlich steht das Leben Kopf … Als Meike Winter erfährt, dass ihr Mann sie betrügt, ist klar: Dieser Schuft hat sie das letzte Mal gesehen! Trotzdem ist sie ganz schön überrumpelt, als ihre Mutter für sie und ihre Tochter Kim ein Haus kauft – und gleich mit einzieht. Zunächst läuft es richtig gut im Mehrgenerationenhaus. Doch dann bringt Kim ihren Schwarm Nicolas mit nach Hause, von dem Meike ganz und gar nicht begeistert ist. Und zu allem Überfluss verliebt sich die frisch gebackene Singlefrau auch noch in dessen Vater! Bis ihre Tochter Wind von Meikes Gefühlen bekommt, ist es nur noch eine Frage der Zeit – und was dann?
Über die Autorin:
Sabine Leipert, geboren 1973, studierte in Köln und Paris Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften sowie Anglistik und Romanistik. Nach ersten Erfahrungen als Regieassistentin bei großen TV-Produktionen wechselte sie ins Drehbuchfach und schrieb unter anderem für die Serien »Inga Lindström«, »Küstenwache«, »Alarm für Cobra 11«, »Jenny – Echt gerecht« sowie für drei Dora-Heldt-Verfilmungen.
Die Autorin im Internet:
www.sabineleipert.de
www.instagram.com/sabineleipert
Bei dotbooks veröffentlichte Sabine Leipert die drei Romane ihrer »Karina und Tim«-Trilogie: »Der Traummann auf den zweiten Blick«, »Ein Traummann zum Verschenken« und »Ein Traummann zuviel«.
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eBook-Neuausgabe Januar 2025
Dieses Buch erschien bereits 2013 unter dem Titel »Meine Mutter, meine Tochter, ihr Freund, sein Vater und ich« bei Fischer
Copyright © der Originalausgabe 2013 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Kristin Pang, unter Verwendung von einen Motiven von Ardea-studio / shutterstock.com und Suraphol / Adobe Stock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (vh)
ISBN 978-3-98952-672-3
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Sabine Leipert
Auf lange Sicht Liebe
Roman
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Für Mama
Ich mochte Elternsprechtage nicht besonders. Sie zogen sich oft bis in den Abend, und es gab kaum etwas Unangenehmeres, als mit Eltern über die Noten ihrer Kinder reden zu müssen. Es sei denn, man musste mit ihnen über den Sex ihrer Kinder reden.
Aus diesem Grund redete ich schon zwanzig Minuten auf Herrn Möller ein, der zugegebenermaßen zu der entspannten Sorte Eltern gehörte. Er hatte längst akzeptiert, dass sein Sohn niemals Klassenbester, nicht mal Durchschnitt sein würde.
»Und, muss er noch ’ne Runde drehen?«, hatte er nur gefragt, als er sich mir mit einem abgeklärten Lächeln gegenübersetzte, und ich versicherte ihm, dass Nicolas dieses Mal die mittlere Reife schaffen würde, wenn er sich für den Rest des Schuljahres zusammenriss. Herr Möller nickte und wollte eigentlich schon wieder aufstehen, aber ich hielt ihn mit meinen Ausführungen über Nicolas Noten, seine guten Leistungen in Englisch und Französisch, die die schlechte in Mathe einigermaßen ausglichen, im Stuhl fest, bis er leicht ungeduldig auf die Uhr schaute.
»Nichts für ungut, Frau äh …«
»Winter. Meike Winter.« Immerhin war ich seit vier Monaten die Klassenlehrerin seines Sohnes, da hätte er sich meinen Namen ruhig merken können.
»Tut mir leid, Frau Winter, aber ich muss in einer halben Stunde bei der Arbeit sein. Gibt es noch dringende Sachen zu besprechen?«
Mein Blick fiel auf seinen tadellosen schwarzen Anzug, das frisch gebügelte weiße Hemd und die etwas altmodische rote Fliege, und ich fragte mich, welche Arbeit er zu dieser Uhrzeit und in diesem Aufzug wohl ausübte. Womöglich war er Kellner in einem teuren Restaurant. Oder Rausschmeißer in einem Edeletablissement? Er hatte auf jeden Fall etwas Verruchtes. Ich fand das nicht weiter schlimm, bis mir eine Kleinigkeit auffiel, die mir ganz und gar nicht behagte: »Sie arbeiten also nachts?«
»Nein, nur abends.«
»Heißt das, Sie sind gar nicht zu Hause, wenn …«
»Ihre Tochter meinem Sohn Nachhilfe gibt? Nein. Aber, was ich so gehört habe, ist mein Sohn ganz begeistert von seiner Nachhilfelehrerin! Sagten Sie nicht, dass seine Noten besser geworden sind?«
Er grinste vielsagend, und mir wurde klar, dass ich nicht länger um den heißen Brei herumreden konnte.
»Nein, ich meine, schon. Ohm, da fällt mir ein, dass ich noch etwas anderes mit Ihnen besprechen wollte.«
»So?« Er sah mich unschuldig an, aber ich konnte an der einseitigen Lachfalte neben seinem linken Mundwinkel erkennen, dass er genau wusste, worauf ich hinauswollte. Trotzdem machte er es mir kein bisschen leichter.
»Also, ich nehme an, Sie haben mitbekommen, dass die beiden, also meine Tochter und Ihr Sohn, seit einiger Zeit ähm … zusammen sind.« Ich versuchte mich in einem mütterlichen Lächeln, das der Angelegenheit nicht zu viel Ernsthaftigkeit beimessen sollte, mir aber komplett misslang. Herrn Möllers einseitige Lachfalte wurde tiefer. Er hatte ein asymmetrisches Gesicht.
»Ja, es scheint was richtig Ernstes zu sein«, erwiderte er.
»Ach, wirklich?«, fragte ich jetzt ganz ohne mütterliches Lächeln.
»So ernst es eben in dem Alter sein kann, oder?«
Ich erinnerte mich daran, dass ich meinen Exehemann, na ja, Noch-Ehemann, in Nicolas Alter kennengelernt hatte, und beeilte mich, das leidige Thema endlich anzusprechen.
»Na ja, manchmal ist es ernster als gewünscht, nicht wahr?« Er sah mich verständnislos an, und ich musste deutlicher werden. »Ich meine, meine Tochter ist gerade erst vierzehn geworden und Ihr Sohn ist siebzehn. Schon fast achtzehn … Also, ähm, was ich damit sagen will, er ist in einigen Dingen vermutlich erfahrener als Kim …«
In diesem Moment zappelte meine Handtasche, die ich an den Rand des Schreibtisches gestellt hatte, und ich konnte sie gerade noch schnappen, bevor der Vibrationsalarm meines Handys die Tasche in den Abgrund beförderte. Es dauerte eine Weile, bis ich das Handy gefunden hatte, und ich konnte förmlich spüren, wie Herrn Möllers Lachfalte eine canyonartige Tiefe annahm. Obwohl er es eilig hatte, legte er eine beeindruckende Geduld an den Tag. Ich schaute auf das Display. Meine Mutter. Auch das noch. Wenn ich sie jetzt wegdrückte, würde sie wieder elend lange beleidigt sein. Wenn ich abnahm, würde Herr Möller mich für unhöflich halten.
»Entschuldigen Sie«, sagte ich. »Ich muss leider ganz kurz …« Ich machte eine unbestimmte Geste und versuchte, es offiziell aussehen zu lassen.
»Natürlich, gehen Sie ruhig dran.«
Ich nickte dankbar und nahm ab. »Ja, bitte?«
»Hallo, Kindchen, wo steckst du denn schon wieder? Und warum sprichst du so leise? Störe ich dich etwa bei einem heißen Date?«
Ich hasste es, wenn meine Mutter so redete.
»Nein. Ich bin noch in einem Gespräch, ich rufe gleich zurück, ja?«
»Sicher, ich wollte dir auch nur schnell sagen, dass ich ein Haus in Köln gekauft habe. Morgen können wir es uns anschauen. Bis später, mein Kind.«
»Du hast was?«, fragte ich perplex.
»Ein Haus gekauft«, wiederholte sie übertrieben laut und deutlich. »In Köln. Kindchen, ich sag doch immer, diese Handys funktionieren einfach nicht ordentlich.«
»Nein, nein, das Handy ist völlig in Ordnung.« Was man von meiner Mutter gerade nicht unbedingt behaupten konnte. »Mama, bist du verrückt?«, platzte ich entsetzt heraus und bemerkte zu spät, dass das nicht sonderlich offiziell klang. Ich warf Herrn Möller einen kurzen Blick zu und sah, dass er sich ein Grinsen verkniff. Trotzdem musste meine Mutter jetzt augenblicklich zur Vernunft gebracht werden. »Entschuldigen Sie mich kurz«, sagte ich in seine Richtung und versuchte dann, während ich zur Tür eilte, wesentlich leiser und gefasster ins Handy zu flüstern: »Du kannst doch nicht einfach so ein Haus kaufen, Mutter!«
»Natürlich nicht, Kindchen.« Ich schloss erleichtert die Klassentür hinter mir. »Das hat alles mein, wie nennt man das noch … ach ja, Finanzberater erledigt. Guter Junge, und unverheiratet, übrigens, habe ich dir das schon gesagt?«
»Lenk nicht ab, Mutter, was willst du denn mit einem Haus hier in Köln?«
»Darin wohnen, mein Kind. Und zwar mit euch. Ihr wollt doch nicht ewig in dieser winzigen Dachgeschosswohnung hausen, oder? Außerdem muss sich doch jemand um euch kümmern, bei all dem, was ihr durchmacht.«
»Scheidungen sind heutzutage kein tragisches Unglück mehr, Mama, wir kommen zurecht.«
Und schon fühlte ich mich schlecht. Denn natürlich ging es nicht darum, dass wir jemanden brauchten, der sich um uns kümmerte, sondern darum, dass sie jemanden brauchte, um den sie sich nach Vaters Tod kümmern konnte. Deswegen versuchte ich es mit logischeren Argumenten. »Ich meine, unsere Wohnung ist vollkommen ausreichend, wir haben eine Dachterrasse, und sie liegt nur zehn Minuten von Kims Schule entfernt. Ich brauche mit dem Fahrrad auch nur eine Viertelstunde zur Arbeit. Wenn wir aus der Stadt rausziehen, müssten wir jeden Tag mit dem Auto reinfahren, und der Verkehr in Köln ist die Hölle!«
»Papperlapapp, wer redet denn hier von rausziehen, Kindchen. Das Haus liegt mitten in Sülz.«
»Sülz! Bist du dir sicher? Die Preise da sind unbezahlbar.«
»O ja, das kannst du wohl sagen!«
»Aber du solltest dich wirklich nicht so hoch verschulden«, appellierte ich an ihre ostwestfälische Sparsamkeit und verkniff mir gerade noch ein »in deinem Alter«.
»I wo, wer redet denn hier von verschulden. Wusstest du, dass unser Haus in Jöllenbeck ein kleines Vermögen wert war?«
»Du hast es verkauft?«
»Natürlich, das brauche ich jetzt doch nicht mehr. Und wovon hätte ich sonst das Haus in Sülz bezahlen sollen?«
»Mutter«, stöhnte ich, als mir klarwurde, dass sie schon alles geregelt hatte und ich mich wohl oder übel damit abfinden musste, nach zwanzig Jahren selbständigen Erwachsenendaseins wieder mit ihr zusammenzuziehen.
»Also, vergiss nicht, morgen früh, Punkt neun, Kim hat die Adresse …«
»Was denn, sie weiß auch schon Bescheid?«, krächzte ich, aber da hatte meine Mutter bereits aufgelegt.
Minutenlang starrte ich fassungslos auf mein Handy. Dann erinnerte ich mich daran, dass mich im Klassenraum noch Herr Möller und ein nicht weniger unangenehmes Gespräch erwarteten. Ich atmete tief durch, öffnete die Tür und setzte ein künstliches Lächeln auf.
»Tut mir leid, Herr Möller, ich wollte Sie nicht so lange warten lassen.«
Aber er schaute mich immer noch freundlich an, die Lachfalte in seinem Gesicht hatte sich wieder geglättet.
»Gut, also, wo war ich stehengeblieben?«, fragte ich leicht verwirrt.
»Beim Sex«, antwortete er, und das falsche Lächeln auf meinen Lippen erstarb. »Zwischen unseren Kindern, oder war es nicht das, worauf Sie hinauswollten?«
Er sah mich offen an. Ich wurde rot und senkte meinen Blick. »Ja, schon, im Grunde, wobei ich natürlich hoffe, dass ich mir unnötig Sorgen mache … obwohl es vermutlich früher oder später sicherlich dazu … also eher später, hoffe ich natürlich …« Ich sah auf und schaute in ein verständnisloses Gesicht. Offensichtlich hielt er mich jetzt auch noch für eine verklemmte Glucke. Wahrscheinlich war ich das sogar, aber bei meiner Tochter hörte der Spaß nun mal auf. Deshalb riss ich mich endlich zusammen und rückte mit der Sprache raus.
»Also, was ich eigentlich sagen will, Sie haben Ihren Sohn doch aufgeklärt? … Über die möglichen Folgen von … Sex?«
Während ich übersprunghaft die Akte seines Sohnes zu- und dann wieder aufklappte, schien er mehr und mehr Gefallen an unserem Gespräch zu finden und grinste mich breit an. Und als er schließlich merkte, dass ich es ernst meinte, besaß er sogar noch die Frechheit, zu sagen: »Sind dafür nicht eigentlich Sie zuständig?«
Ich ließ die Akte sinken und sah ihn fassungslos an. Wie bitte? Was für ein altmodischer Typ! War er etwa einer von denen, die meinten, Verhütung sei grundsätzlich Frauensache?! Mir fehlten die Worte. Ich suchte noch nach einem passenden Konter, da fügte er erklärend hinzu: »Als seine Biologielehrerin, meinte ich.«
Natürlich, wie hätte ich auch nur eine Sekunde etwas anderes denken können. Ich atmete scharf ein und blaffte ihn wütend an: »Für Sexualkunde waren meine Kollegen in der Grundschule zuständig.« Dann stand ich abrupt auf, um klarzumachen, dass das Gespräch für mich beendet war. Herr Möller stand ebenfalls auf und streckte mir freundlich seine Hand entgegen, als wäre nichts geschehen.
Während er meine Hand schüttelte und mir auffiel, dass er für einen Rausschmeißer einen viel zu sanften Griff und auch zu schmale Hände hatte, versicherte er mir, dass sein Nicolas ein wirklich anständiger Kerl sei. Ich nickte stumm und fand, dass ein mehrfach sitzengebliebener Junge mit abgewetzter Lederjacke und ungewaschenen Zottelhaaren (»Total coole Dreadlocks, Mama!«), der Sänger in einer Heavy-Metal-Band war und als Berufswunsch Sänger in einer Heavy-Metal-Band angab, bei mir nicht unter die Rubrik anständiger Junge fiel. Herr Möller verließ zufrieden mein Klassenzimmer, und ich sackte erschöpft zurück auf den Stuhl. Na wunderbar. Nicht nur, dass ich mit fast vierzig bald wieder bei meiner Mutter wohnen würde. Vielleicht konnte ich mich demnächst auch noch mit dem Rekord brüsten, innerhalb eines Jahres alleinerziehende Mutter und Oma geworden zu sein.
Natürlich ging der Umzug nicht ohne Streit über die Bühne. Meine Mutter war in einem Punkt entscheidend im Vorteil: Ihr gehörte das Haus. Deswegen konnte sie die komplette obere Etage, ein liebevoll ausgebautes Dachgeschoss, auch ohne Gewissensbisse für sich beanspruchen. Meine Tochter versuchte es ihr auf diplomatische Weise abzuschwatzen: »Och, Mensch, Omi, in ein paar Jahren kommst du die Treppen doch sowieso nicht mehr hoch.«
»Kim!«, warf ich pflichtbewusst ein, obwohl ich zugeben musste, dass mir der Gedanke auch durch den Kopf gehuscht war.
»Keine Angst, meine Kleine, die Treppen sehen ganz stabil aus, für einen Treppenlift müsste es reichen.«
»Die sind doch viel zu steil. Das passt vom Winkel her gar nicht. Wenn du willst, kann ich das mal eben ausrechnen.«
»Kim!«
»Das war ein Scherz, Liebes, deine Oma hat nicht vor, in ein paar Jahren schon am Rollator zu gehen.«
»Och, Mann, ich will aber nicht neben Mama wohnen.«
»Kim!«
Mutter hatte nicht übertrieben. Das Haus lag tatsächlich mitten in Sülz und besaß neben dem umkämpften Dachboden auch noch zwei etwa gleichgroße Zimmer im mittleren Geschoss, eins zur Straße und eins nach hinten raus, um das ich mich nun offenbar mit meiner Tochter zanken musste, und ein Wohnzimmer mit Kamin im Erdgeschoss, von dem aus man durch einen gemauerten Rundbogen direkt in die gemütliche Wohnküche gelangte. Dazu kam noch der Luxus eines Gartens inklusive süßer Nachbarskatze. Bei unserem Besichtigungstermin war schnell klar gewesen, dass unsere Zweizimmerwohnung es hiermit nicht aufnehmen konnte. Da ahnten wir noch nicht, dass meine Mutter, oder vielmehr ihre monströsen Möbel, den größten Teil des Hauses selbst einnehmen würde. Innerhalb einer Woche war ihr Umzug abgeschlossen. Sie hatte den kompletten Inhalt ihres großen Vorstadthauses in Jöllenbeck in das nette, aber schmale Reihenhaus nach Köln-Sülz verfrachtet. Als Kim und ich mit unseren Habseligkeiten vor der Tür standen, war für diese dort praktisch kein Platz mehr. Im Prinzip war nicht mal für Mutters Möbel ausreichend Platz im Haus. Während Kim ihre eigene Zimmereinrichtung mit dem Hinweis auf ihre Pubertät durchboxte, musste ich mit Mutters Antiquitätensammlung vorliebnehmen. Einzig mein überdimensionaler Schreibtisch fand ihre Gnade und den Weg in mein Arbeits- / Schlafzimmer.
»Was ist das denn für ein Ungetüm? Da kann ja eine ganze Flüchtlingsfamilie drin wohnen.«
»Mutter, erstens ist das politisch nicht korrekt, was du sagst, und zweitens verbringe ich wie alle Lehrer einen Großteil meiner Arbeitszeit zu Hause, etwas, was ich dir schon seit Jahren zu erklären versuche. Genaugenommen könnte ich mein Arbeitszimmer sogar von der Steuer absetzen, wenn ich nicht auch noch darin schlafen müsste!«
»Bitte, wenn du dafür noch Platz in deinem Zimmer hast«, überhörte meine Mutter meinen kleinen Hinweis und rückte stattdessen ihren breiten Ledersessel zurecht, der wiederum im Wohnzimmer keinen Platz mehr gefunden hatte und nun Mittelpunkt meines Arbeitsschlafzimmers wurde.
Doch auch wenn der Rest meiner gerade neu gekauften Möbel im Keller landete und Kim nach viel Gemaule das deutlich ruhigere Zimmer nach hinten raus bekam, verlief unser Zusammenleben im Großen und Ganzen harmonisch. Überraschend harmonisch sogar, ich hatte nicht erwartet, dass mein Tag durch Mutter um einiges entspannter, ja sogar stressfreier wurde. Es hatte tatsächlich Vorteile, wenn man eine Mutter hatte, die ihre Hauptaufgabe im Leben darin sah, sich zu kümmern. Um das Frühstück zum Beispiel. Während Kim und ich bisher morgens in die Küche gehetzt kamen, um schnell noch einen Schluck Kaffee und ein paar Cornflakes hinunterzuwürgen, war der Tisch jetzt liebevoll gedeckt, der Kaffee bereits in den Tassen und der Brötchenkorb voll.
Oder um die Hausarbeit. Wann auch immer ich nach Hause kam, traf ich meine Mutter entweder mit einem Lappen, einem Besen oder einem Wischmopp an. Das Haus glänzte von oben bis unten, und wenn es zufällig mal nichts zu putzen gab, dann musste mit Sicherheit Unkraut gejätet, Marmelade gekocht oder Unterwäsche gebügelt werden. Das Wort »Ruhestand« kannte Mutter nicht, was nicht zuletzt daran lag, dass sie nie gearbeitet hatte. Im klassischen Sinne. Ihr Arbeitsplatz war der Haushalt, und dort gab es keine Rente mit fünfundsechzig.
Sie liebte es, sich zu kümmern. Um das Essen, den Einkauf, die Wäsche, das Unkraut und natürlich die Erziehung meiner Tochter.
»Es ist ihre erste große Liebe, du musst ihr mehr Freiheiten lassen«, war ihr Kommentar, als ich Kim dazu verdonnerte, ihre Nachhilfestunden mit Nicolas in Zukunft früher und bei uns zu Hause abzuhalten.
»Was?«, stieß ich perplex aus. »So wie ihr mir, als ich Arne nur in der Öffentlichkeit sehen durfte?«
»Hat er dich nun betrogen oder nicht?«
»Ja, aber erst zweiundzwanzig Jahre später, Mutter.«
»Das waren nun mal andere Zeiten.«
»Vielleicht, aber auch wenn ich das damals anders gesehen habe, manche Dinge sollten sich nicht unbedingt ändern. Kim ist noch viel zu jung für … das alles.« Sicher, in der Schule sah ich schon Zwölfjährige, die in den Pausen erste Küsse austauschten. Andere Zwölfjährige verbrachten ihre Pausen dagegen noch mit dem Austauschen von Pferdebildern. Aber bei Kim war der Sprung vom kleinen Mädchen zum Teenager viel zu plötzlich gekommen. Oder ich hatte ihn durch den Stress der letzten Monate verpasst. Äußerlich hatte sie sich kaum verändert, außer dass sie in die Höhe geschossen war. Bei ihren Genen kein Wunder. Andererseits verbarg sie ihre körperlichen Veränderungen, und wenn sie nach mir kam, war an weiblichen Rundungen ohnehin nicht viel zu erwarten, auch unter Kapuzenpullis und weiten Jeans, die um ihre dünnen Beine schlackerten. Ihre langen braunen Haare band sie sich am liebsten zum Pferdeschwanz zusammen, weil ihr die Haare sonst beim Lesen ins Gesicht fielen. Mode interessierte sie genauso wenig wie Jungs. Vor Nicolas hatten nicht mal die aus der Bravo in ihrem Leben eine Rolle gespielt. Ich hatte sie nie das Adjektiv süß in Zusammenhang mit einem männlichen Wesen aussprechen hören, und wenn doch, dann war es nicht aus der Gattung Mensch. Und dann, als hätte jemand den Schalter umgelegt, gab es nur noch Nicolas.
»Sei doch froh, dass Kim hier endlich Anschluss gefunden hat«, überging Mutter alle meine Einwände und traf damit genau meinen wunden Punkt. Schließlich war ich es, die Kim aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen und sie gezwungen hatte, ihre Freunde zurückzulassen. Dabei war Kim für ihr Alter unglaublich verständnisvoll gewesen: »Erstens habe ich hier keine echten Freunde, Mami, und zweitens sollten wir so weit weg von diesem Arschloch wohnen wie möglich.«
Das Arschloch war Arne, und zu diesem Zeitpunkt war ich noch zu verletzt, um pädagogisch wertvoll auf sie einzuwirken und meine Wut auf meinen Mann nicht auf sie abfärben zu lassen. Dass sie nicht gut auf ihren Vater zu sprechen war, änderte sich zum Glück bald wieder. Dass sie keine Freunde hatte, lange Zeit leider nicht. In der Schule war sie ein Überflieger. Kim hatte mit acht bereits eine Klasse übersprungen, mit dreizehn noch eine und war ihren Mitschülern in fast allen Fächern immer noch um Längen voraus. In einigen war sie sogar den Lehrern voraus. Mathe war eines davon, und Arne hatte es mir oft genug vorgeworfen. Dabei war der Antrieb immer von Kim ausgegangen. Schon als Kleinkind war sie neugierig auf Zahlen gewesen. Was konnte ich dafür, dass ich Mathe unterrichtete und ihre Neugier unterstützte? Heute konnte sie das Haus nicht mehr ohne Bücher in der Tasche verlassen, und davon musste mindestens eins komplizierte Formeln beinhalten. Kim hatte sich immer mehr für Gleichungen als für Gleichaltrige interessiert, und daher fand ich es zunächst auch gut, als sie anfing, Mathe-Nachhilfe zu geben. So hätte sie wenigstens etwas Kontakt zu ihren Mitschülern, dachte ich da noch und hoffte, dass sie auf diese Art auch Freunde finden würde. Dass der Erfolg am Ende so durchschlagend sein würde, hatte ich natürlich nicht erwartet. Zwar war sie an ihrem Gymnasium immer noch eine Außenseiterin, aber wenigstens hatte sie jetzt einen Freund, um den nicht wenige Sechzehnjährige sie beneideten. Das bekam ich Tag für Tag im Unterricht mit, denn Nicolas wurde von sämtlichen Schülerinnen in seiner Klasse angehimmelt. Dabei war er noch nicht einmal besonders »süß« oder sportlich. Im Gegenteil, er war eher ein schmächtiger Typ, dessen dürre Beine in der ewig gleichen speckigen Jeans steckten und dessen schmales, blasses Gesicht ständig von seinen verfilzten schwarzen Haaren verdeckt war. Aber es genügte offenbar, Sänger einer Band zu sein, und schon war man bei den Mädchen gefragt. Er war freundlich, ein zurückhaltender, ruhiger Schüler, der im Unterricht die meiste Zeit mit anderen Dingen beschäftigt war. Dass meine Tochter nicht auf den Klassenclown abfahren würde, sondern Sonderlinge wie ihn bevorzugte, konnte ich sogar verstehen, aber vier Jahre Unterschied machten in ihrem Alter viel aus.
Deswegen fand ich es im Gegensatz zu Kim nicht so schlimm, dass unsere neuen Räume nur durch eine dünne Wand voneinander getrennt waren. Ich lief regelmäßig in mein Zimmer, um irgendetwas zu erledigen, wenn Nicolas da war. Sobald es nebenan still wurde und nur noch die Heavy-Metal-Musik aus den Boxen schallte, die Nicolas gerne mitbrachte, wusste ich, dass sie rumknutschten, und war bereit, beim ersten auffälligen Geräusch Kims Zimmer zu stürmen. Das ging einige Abende so, bis Mutter meinte, es sei an der Zeit, sich selbst um Kims Erziehung zu kümmern. Als ich wieder einmal nach oben huschen wollte, hielt sie mich zurück und drückte mir ein Glas Wein in die Hand und mich in das überdimensionierte Sofa gegenüber vom Kamin.
»Jetzt lass sie doch mal zehn Minuten in Ruhe, Meike.«
»In zehn Minuten kann viel passieren.« Ziemlich viel, wenn ich daran dachte, wie schnell Arne und ich in der ersten Zeit gewesen waren, als wir es noch heimlich tun mussten. Und genaugenommen in den letzten Jahren unserer Ehe dann auch wieder …
»Ich dachte, du hättest sie mit dem Jungen zusammengebracht«, wandte Mutter ein.
»Als seine Nachhilfelehrerin. Ich wollte, dass Kim ihm Nachhilfe gibt, mehr nicht.«
»Ich dachte, du magst diesen Nicolas.«
Ich hatte das Gefühl, dass Kim bei ihr schon eine erfolgreiche Gehirnwäsche durchgeführt hatte, das waren eindeutig ihre Argumente, die ich da kaum versteckt heraushörte.
»Ich mag ihn ja auch, als Schüler. Nicht als potentiellen Vater meiner viel zu früh geborenen Enkelkinder.«
»Du übertreibst!«
»Mama, der Junge ist siebzehn, und von denen habe ich eine ganze Horde voll in meinem Klassenzimmer sitzen. Das ist wie ein Meer voller Hormone, gegen das man jeden Tag ankämpft!«
»Ich finde, er sieht ganz nett aus.«
Seit wann war meine Mutter so tolerant? Und warum war sie es nicht schon viel früher gewesen, dann hätte ich wenigstens auch davon profitieren können!
»Ist er ja auch«, lenkte ich schwach ein. »Aber ganz offensichtlich hat er zu Hause niemanden, der ihm Grenzen aufzeigt. Er ist nicht umsonst zweimal sitzengeblieben. Der Kerl spielt in einer Band, er geht abends feiern, wenn andere für ihre Klausuren lernen, sein Abschluss interessiert ihn nicht die Bohne, und ganz ehrlich, nachdem ich seinen Vater kennengelernt habe, wundert mich nichts mehr.«
»Was denn, lebt er von der Stütze?«
»Hartz IV nennt man das heute, Mutter, und das macht einen nicht zum schlechten Vater. Aber nein, er trägt einen schwarzen Anzug und arbeitet nachts. Was sagt dir das?«
»Ich weiß nicht. Ist er attraktiv?«
Ich sah sie verwirrt an. Was hatte das denn mit seinem Job zu tun?
»Nein! … Ja. Vielleicht. Etwas untersetzt, fand ich. Aber er hat noch volle schwarze Haare. Ein asymmetrisches Gesicht allerdings. Wieso?«
»Ist er verheiratet?«
»Weiß ich nicht. Geschieden womöglich. Ich habe Nicolas Mutter auf jeden Fall noch nicht getroffen.«
»Und wie alt ist er?«
»Was weiß ich. Zweiundvierzig, dreiundvierzig vielleicht. Wieso fragst du mich das alles?«
Meine Mutter zuckte nur unschuldig mit den Schultern.
Ich sah sie entgeistert an. Meine Mutter liebte es wirklich, sich zu kümmern. Nun also auch noch um mein Liebesleben.
»Mutter, ich will nicht mit ihm ausgehen. Ich will mich über ihn aufregen.«
Zum Glück gab es eine Sache, um die sich Mutter noch dringender kümmern musste als um uns: ihr eigenes Liebesleben.
Als ich ein paar Tage nach diesem Gespräch von der Schule nach Hause kam, traf ich sie dabei an, wie sie sich mit meiner Tochter über einen Tisch voller Männerfotos beugte, und durfte mir ihre kenntnisreiche Diskussion über die Vorzüge und Nachteile dieses oder jenes Kerls mitanhören. Offenbar war ein verwitweter sechsundsechzigjähriger Ex-Arzt mit mehr Vorsicht zu genießen als ein vorzeitig in Rente geschickter, mehrfach geschiedener Fließbandarbeiter bei Ford. Denn Ersterer trauerte womöglich seiner verstorbenen Gattin nach, neigte stressbedingt zum Herzinfarkt – als Arzt achtete man schließlich nicht gut genug auf seine eigene Gesundheit – und beurteilte die Frauen womöglich nach rein anatomischen Gesichtspunkten, die, wie meine Mutter eingestand, mit Sechsundsechzig nicht mehr ihre absolute Stärke waren. Ein Ex-Fordarbeiter mit mehreren Exfrauen dagegen hatte offensichtlich Spaß am Leben und wollte der Liste nicht noch eine weitere Ex hinzufügen.
»Was ist das? Woher habt ihr die?«, fragte ich verwundert, als ich den Stapel der ausgemusterten Männer durchging.
»Oma hat eine Kontaktanzeige aufgegeben«, erklärte Kim freimütig.
»Wie bitte? In der Zeitung?«
»Ich hab ihr auch gesagt, dass das heute jeder im Internet macht.«
»Ach was, die Männer, die ich suche, kennen sich mit dem Internet doch gar nicht aus, Kleines.«
»Wieso nicht? Da gibt es ne Partnervermittlung extra für Alte.«
»Senioren, Kleines. Man nennt uns Senioren.«
»Meinetwegen. www.Partnership60plus.de Ich kann sie dir zeigen.«
»Danke, aber erst mal versuche ich es auf die klassische Art.«
Ich starrte entgeistert von Enkelin zu Oma und wieder zur Enkelin.
»Wieso kennst du dich mit solchen Internetseiten so gut aus, Kim? Und, Mutter, wieso suchst du … einen Mann?«
»Aus den üblichen Gründen, Kind«, sagte sie und deutete unauffällig auf Kim, so als würde sie diese üblichen Gründe nicht kennen. Allerdings wollte ich auch nicht genauer mit ihr über diese üblichen Gründe sprechen. Eigentlich wollte ich noch nicht mal, dass meine Mutter so wild darauf war, einen neuen Mann für diese üblichen Gründe kennenzulernen. Vater war gerade mal ein halbes Jahr tot. Mir saß der Schock über Mutters hilflosen Anruf mit der Nachricht, dass er von einem auf den anderen Moment beim Rasenmähen umgekippt war, immer noch tief in den Knochen. Wie sollte es ihr dann erst gehen?
Ihre eifrige Partnersuche erschien mir reichlich überstürzt. Außerdem war meine Mutter vierundvierzig Jahre glücklich mit meinem Vater verheiratet gewesen. Mit einem liebevollen, treusorgenden Ehemann. Man sollte doch meinen, dass sie damit genug Mann für ein Leben abbekommen hatte. Wollte sie sich in ihrem Alter ernsthaft noch mal auf Männerjagd begeben? Und wollte sie mir tatsächlich einen neuen Vater und Kim einen neuen Opa zumuten?
Zwischen Trotz und Mitgefühl schwankend, legte ich den Stapel der Verschmähten wieder hin und griff mir die »engere Wahl«, in die es bisher nur drei Exemplare, unter anderem der dreifach geschiedene Fordarbeiter, geschafft hatten. Die Fotos waren nichtssagend und die Beschreibungen ebenfalls. Kim riss gespannt den nächsten Umschlag auf. Ich setzte mich zu Mutter und sah sie nachdenklich an.
»Findest du nicht, das ist ein bisschen früh?«, fragte ich vorsichtig, weil ich den Grund für diesen Männerwust auf unserem Küchentisch zu kennen glaubte. Sie versuchte, ihre Trauer durch Aktionismus zu überwinden.
»Dein Vater würde nicht wollen, dass ich alleine bleibe«, sagte sie, ohne aufzuschauen.
»Du hast doch uns, Omi.« Kim kuschelte sich in ihren Arm.
»Ich weiß«, lächelte sie und drückte Kim an sich.
Ich legte von der anderen Seite meinen Arm um Mutter und gab ihr ein Küsschen auf die Wange. »Lass dir doch ein bisschen Zeit.«
»Von wegen, in meinem Alter darf man keine Zeit verlieren. In deinem übrigens auch nicht. So groß ist die Auswahl mit vierzig nämlich auch nicht mehr.«
Einen Moment lang hatte ich tatsächlich das Gefühl gehabt, einen Hauch von Familienidylle zu verspüren.
»Noch bin ich neununddreißig«, sagte ich und stand auf. Sollten sich die beiden doch weiter durch die Männer wühlen, ich hatte zumindest erst einmal die Nase voll von denen.
Mein Kollege aus dem Naturwissenschaftstrakt merkte davon scheinbar nichts, auch wenn unser erstes Zusammentreffen alles andere als vielversprechend verlaufen war. Er hatte einen Vornamen als Nachnamen, was mich immer durcheinanderbrachte, weil ich sie wahlweise für Doppelnamen hielt, den Vornamen als Nachnamen nahm, wenn ich die Person siezte, oder den Nachnamen als Vornamen, wenn ich sie duzte. Dementsprechend verwirrend lief unsere Vorstellungsrunde ab, als er mich an meinem ersten Tag in der Astrid-Lindgren-Realschule begrüßte.
»Hallo, mein Name ist Klaus, Klaus Walter.«
»Winter. Meike Winter. Klaus Walter und weiter?«
»Nein, nur Klaus Walter. Das ist mein Nachname.«
»Ah so, sehr erfreut, Herr äh …«
»Walter. Aber nennen Sie mich ruhig Klaus. Physik und Chemie übrigens. Wir teilen uns mit Biologie die gleichen Räume. Wenn Sie also Fragen haben …«
»Schön, danke, Walter … Klaus.«
»Klaus Walter, aber Klaus reicht.«
»Tut mir leid, Klaus.«
»Also, man sieht sich, Meike.«
»Ja, bestimmt.« Und schon hatte ich wieder vergessen, welcher der beiden Namen sein Vorname war.
Ich war kurz nach den großen Ferien an diese Schule versetzt worden, auf eigenen Wunsch. Denn nachdem ich hinter Arnes Betrug gekommen war und Hals über Kopf unsere gemeinsame Wohnung verlassen hatte, war es mir von Tag zu Tag schwerer gefallen, nicht nur ihn jeden Morgen an meiner alten Schule zu sehen, sondern auch seine Freundin. Also hatte ich mich erst beurlauben lassen und dann eine Versetzung aus privaten Gründen beantragt. Als man mir nach den großen Ferien die Stelle in Köln anbot, hatte ich sofort zugesagt, auch wenn es für mich und Kim eine größere Umstellung bedeutete als gewollt. Aber wenigstens kannte uns hier keiner. Ich erntete morgens keine mitleidigen Blicke meiner Kollegen mehr und musste auch nicht so tun, als würde es mich nichts angehen, wenn mein Ex im Lehrerzimmer mit seiner Neuen flirtete.
Es war ein vollständiger Neuanfang, und deswegen war ich leicht besorgt, als meine Kollegin Silvia meinte, Klaus Walter habe ein Auge auf mich geworfen. Ich war erst seit einem Dreivierteljahr Single, und anders als meine Mutter plante ich nicht, diesen Zustand so bald wieder zu ändern. Zunächst tat ich Silvias Grinsen und Gerede, wann immer Doppelname meinen Weg kreuzte, als übertrieben und albern ab und fand ihn einfach nur höflich. Als er mich allerdings in einer großen Pause am Kopierer abfing, um zu fragen, ob ich mich denn schon gut in Köln eingelebt hätte, und auf mein Schulterzucken, gepaart mit einem lahmen »Zu viel zu tun«, hinterherschob, dass er mir ja mal die ein oder andere Ecke der Stadt zeigen könnte, glaubte ich Silvia allmählich. Ich zuckte erneut mit den Schultern und erklärte höflich, dass das sehr nett sei, ich aber immer noch sehr viel mit den Umzugs- und sonstigen daraus resultierenden diffusen Angelegenheiten zu tun hätte.
»Natürlich, das kann ich verstehen, so ein Umzug in eine neue Stadt bringt viel Ärger mit sich«, erklärte Doppelname immer noch freundlich, und ich hoffte vergebens, dass er die versteckte Abfuhr in meiner Antwort verstand. Stattdessen gab er mir einen Zettel mit seiner Handynummer. »Falls du doch mal einen Stadtführer brauchst«, sagte er und ging mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen ins Lehrerzimmer zurück. Ich starrte irritiert auf die Nummer und war fest entschlossen, nie wieder etwas mit einem Kollegen anzufangen.
»Walter?«
»Klaus.«
»Klaus, natürlich. Äh, hättest du heute Abend vielleicht Zeit, mir ein bisschen die Stadt zu zeigen?«
Das war immerhin eine ganze Woche später. Heute war der 12.12., mein Geburtstag und seit genau vierundfünfzig Minuten auch mein erster Tag als offiziell geschiedene Frau.
»Das hat dieser Mistkerl doch extra gemacht«, fluchte meine Mutter stellvertretend für mich am Frühstückstisch, und ich war ihr dankbar dafür, weil ich dann nicht im Beisein meiner Tochter über ihren Vater herziehen musste. Natürlich konnte Arne genauso wenig wie ich etwas für den ungünstigen Gerichtstermin, aber es tat gut, es zu glauben. So konnte ich mich während der Zugfahrt von Köln nach Bielefeld in die entsprechende kämpferische Stimmung bringen, die sofort verflog, als ich Arne im Flur des Gerichts gegenüberstand. Er hatte nichts von seiner Anziehungskraft verloren, und das lag nicht nur an seinen ein Meter neunzig, den vollen strohblonden Haaren und dem gewinnenden jungenhaften Lächeln, mit dem er mich begrüßte. Wir passten gut zusammen, das hatten immer alle gesagt. Sowohl äußerlich als auch was die sonstigen Dinge anging, die bei Mann und Frau eben gut zusammenpassen konnten. Mit meinen eins zweiundachtzig war ich froh gewesen, einen Mann zu haben, bei dem ich mich zum Küssen nicht hinunterbeugen musste. Wir waren gleich alt und auf dasselbe Gymnasium gegangen, studierten beide nach dem Abi in Bielefeld, wählten extra unterschiedliche Fächer, damit wir die Chancen erhöhten, an dieselbe Schule zu kommen. Wir hatten dieselben Interessen, mochten dieselben Filme und bevorzugten das gleiche Essen. Wir waren schlank – wenn böse Zungen wie meine Mutter mich auch gelegentlich als mager bezeichneten – und liebten Ausdauersport. Beim Lauftraining trieben wir uns gegenseitig zu neuen Bestzeiten an, hatten schließlich sogar gemeinsam das Abenteuer Marathon wagen wollen.
Und das war dann der Anfang vom Ende. Mit unserer eisernen Disziplin, einer weiteren Charaktereigenschaft, die wir teilten, schafften wir es schnell bis zum Halbmarathon und steigerten uns stetig. Bis bei Kilometer dreißig eine alte Baumwurzel das Ende meiner Ehe bedeutete. Ich holte mir einen Bänderriss und Arne sich eine neue Laufpartnerin. Sie schafften den Marathon in weniger als vier Stunden.
Meine Scheidung dauerte nur ganze zehn Minuten. Zehn Minuten, in denen das geregelt wurde, was auch ohne Richter schon geregelt war. Wir teilten uns die Eigentumswohnung, für die Arne mich nach und nach auszahlen würde, den Gegenwert unserer fast neuen Familienkutsche und Kim, die Arne wegen der Entfernung allerdings nur jedes zweite Wochenende und für die Hälfte der Ferienzeit sehen würde. Alles andere hatten wir ohnehin schon aufgeteilt. Eine Unterschrift, dann war meine Ehe endgültig geschieden. In zehn Minuten hatten wir zweiundzwanzig Jahre Freundschaft, sechzehn Jahre Ehe und vierzehn Jahre gemeinsamer Erziehung unserer Tochter abgehakt. Zehn Minuten vor dem Scheidungsrichter, für die ich mir einen Tag frei und zweieinhalb Stunden Hin- und Rückfahrt mit der Bahn in Kauf nehmen musste. Ganz zu schweigen davon, dass mein vierzigster Geburtstag durch diesen Termin noch deprimierender wurde, als die Vier vor der Null ohnehin schon war. Zwischen Bielefeld und Rheda-Wiedenbrück verdrückte ich ein paar Tränen. Zwischen Hamm in Westfalen und Dortmund-Scharnhorst zückte ich mein Handy und rief Klaus Walter an.
Die Kneipe, in die er mich nach einem zu reichhaltigen Essen bei einem schlechten Italiener in der Südstadt führte, sah auf den ersten Blick etwas heruntergekommen aus. Auf den zweiten vermischte sich die Patina mit Stil. Auf der einen Seite ein paar kleine Nischen mit abgewetzten roten Lederbänken, auf der anderen eine altmodische Bar ohne viel Leuchtreklame oder Brimborium, dafür mit einem echten Barkeeper, der sogar wie in alten Western ein weißes Hemd, eine schwarze Weste und ein Band um seinen Oberarm trug. Überhaupt hätte diese Kneipe gut in einen amerikanischen Film aus den Fünfzigern gepasst.
Auf den dritten Blick hatte ich ein Déjà-vu. Irgendwo glaubte ich den dunkelhaarigen Mann, der allein an der Bar stand, schon mal gesehen zu haben. Was allerdings unwahrscheinlich war, denn bis auf meine Kollegen, die gestresste Dame vom Einwohnermeldeamt und die nette, aber hilflose Stimme der Hotline von Netcologne kannte ich in Köln noch niemanden. Ich schaute also wieder weg und wandte mich Doppelname zu. Ich hatte mir vorgenommen, diesen Abend mit ihm zu genießen, obwohl mir schon nach fünf Minuten klar gewesen war, dass wir privat noch nicht mal so etwas wie Freunde werden würden. Gut, er war nett und sogar fünf Zentimeter größer als ich, aber er redete zu viel. Ich mochte Leute nicht, die mir in den ersten fünf Minuten ihre komplette Lebensgeschichte erzählten. Da, wo ich herkam – aus Ostwestfalen-Lippe –, tauschte man in den ersten fünf Minuten nur skeptische Blicke aus. Stattdessen wusste ich nun bereits, dass er aus Düsseldorf stammte, eine uneheliche vierjährige Tochter hatte, die offenbar einem One-Night-Stand entsprungen war, und einen Schuhfimmel, weil er sich gerne und ausschließlich Schuhe von Nike kaufte. Da ich bei meinen Sportschuhen auf Adidas schwor, verlief auch dieser Gesprächsansatz im Sande. Zum Glück kam die fettige Pizza bei dem schmierigen Italiener recht schnell, so dass Klaus oder Walter mich mit weiteren wichtigen Details aus seinem Leben verschonte, die Pizza in Tortenstücke schnitt und sie mit den Fingern aß. Nichts von alldem hatte auch nur irgendwie mein Interesse für ihn geweckt. Trotzdem war ich ihm bereitwillig in diese Kneipe gefolgt, sein nächster Geheimtipp.
In einer Nische wurde ein Tisch mit leeren Kölschgläsern und einem Rotweinfleck in der Mitte frei, und wir setzten uns. Ich betrachtete die Bilder an der Wand, geschmackvolle Schwarzweißfotos von Jazzmusikern, die ich, bis auf Louis Armstrong und Dizzy Gillespie, nicht erkannte. Aber ich schaute sie mir sowieso in erster Linie an, um mir einen weiteren Redeschwall von Doppelname zu ersparen. Kurz darauf stand er auf und ging zur Toilette. Als ich ihm mit dem Blick quer durch den Raum folgte, bemerkte mich der Anzugmensch an der Bar und kam auf mich zu. Er hatte mich noch nicht ganz erreicht, da fiel mir zum Glück wieder ein, woher ich ihn kannte. Es war Nicolas Vater, und er trug denselben Anzug wie am Elternsprechtag. Mit Kellner hatte ich also fast richtig gelegen, auch wenn ich die Aufmachung selbst für diese auf alt getrimmte Bar etwas übertrieben fand. Ich bestellte ein Kölsch und einen Rotwein bei ihm und bekam ein freches Grinsen serviert.
»Ich bin hier nicht die Bedienung«, antwortete er.
»Ach so, ich dachte, Sie arbeiten hier«, versuchte ich meinen Fauxpas herunterzuspielen.
»Das schon, aber nicht als Kellner«, grinste er immer noch. Ich fragte lieber nicht weiter nach, er hatte etwas leicht Italo-Mafioses an sich. »Herzlichen Glückwunsch!«, sagte er völlig unverhofft. Ich sah ihn etwas verwirrt an.
»Zum Geburtstag«, erklärte er wie selbstverständlich. »Sie haben doch heute Geburtstag, oder nicht?«
Woher wusste er das? Über Klaus Walters Geschwätz hatte ich meinen Geburtstag ja selbst inzwischen vergessen. Herr Möller erklärte freimütig: »Die Kinder. Sie reden ziemlich viel und laut, und meistens kann ich mir nicht schnell genug die Ohren zuhalten.«
Ich musste gegen meinen Willen lachen. Allerdings konnten Kim und Nicolas unglaublich viel miteinander reden, meistens am Telefon und meistens, wenn Schlafenszeit war. Dann kam mir allerdings in den Sinn, was wohl der Anlass für ihr Gespräch über meinen Geburtstag gewesen war. Vermutlich wollte Kim ihrem Freund nicht einfach nur mitteilen, dass ihre Mutter am heutigen Tag vierzig wurde. Sondern dass heute, ausgerechnet an »Mamas Geburtstag«, der Scheidungstermin ihrer Eltern war. Mein Lachen verebbte ziemlich abrupt, und ich schaute Nicolas Vater plötzlich nicht mehr ganz so ungezwungen an. Er verstand meine stumme Frage und nickte.
»Ja, darüber haben sie auch geredet.« Dann sah er mich prüfend an und scherzte: »Ich hoffe, Sie sind nicht hier, um sich deswegen zu betrinken.«
»Nein, ich bin hier, um zu feiern. Aber trotzdem danke für Ihr Mitgefühl!« Ich hatte schon wieder vergessen, wie unverschämt er war. Er folgte meinem automatischen Blick zu Doppelname, der von der Toilette zurück war und jetzt an der Bar stand und vergeblich versuchte, den Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen.
»Ach, mit ihm?«, fragte Herr Möller und sein »Ach« war mir einen Hauch zu schnippisch, deswegen hakte ich nach: »Ja, wieso, haben Sie was dagegen?«
»Nein, ich hoffe nur, man hat Sie gewarnt.«
»Gewarnt? Wieso, ist er gefährlich?« Ich versuchte, ein überlegenes Lächeln aufzusetzen, wie Lauren Bacall in einem Film noir, weil es irgendwie in dieses Ambiente passte. Leider fehlten mir dazu das Talent und die Zigarette.
»Kommt drauf an, was Ihre Pläne mit ihm sind«, redete Herr Möller ungeniert weiter. »Er genießt an Ihrer Schule einen gewissen Ruf.«
»Ach ja?«, sagte ich und überspielte meine Unsicherheit nicht gerade sehr überzeugend.
»Er kommt öfter hierher. Jedes Mal mit einer anderen Frau.«
»Ja, schön, warum auch nicht? Er ist eben ein geselliger Mensch!«
»Ich dachte nur, es interessiert Sie vielleicht, dass man Sie an Ihrer Schule schon für sein nächstes Opfer hält!«
»Was heißt denn hier Opfer?«
»Deswegen fragte ich ja, ob man Sie gewarnt hat.«
Als er meinen konsternierten Blick sah, zuckte er entschuldigend mit den Schultern.
»Tut mir leid, die Kinder reden eben sehr viel.«
»Ja, und wissen Sie, was? Langsam glaube ich, Sie sollten tatsächlich nicht mehr zuhören! Vielen Dank, bis eben hatte ich gehofft, diesem ziemlich miesen Tag einen einigermaßen versöhnlichen Abschluss geben zu können, damit ich wenigstens einen Hauch von dem Gefühl bekomme, das man eigentlich an seinem Geburtstag haben sollte. Aber dank Ihnen ist er nun endgültig ruiniert, da ich ja nun weiß, dass ich mich mit diesem harmlosen Date zum Tagesgespräch in der Schule gemacht habe. Sie können also getrost wieder zur Theke gehen und das tun, was auch immer Sie hier als Arbeit bezeichnen, aber belästigen Sie mich bitte nicht mehr mit Ihrem Insiderwissen.«
Offensichtlich hatte ich ihn mit diesem Ausbruch nun doch etwas überrumpelt. Er nickte jedenfalls nur irritiert und zog sich zurück. Ich folgte ihm mit meinem Blick, mit dem ich ihn am liebsten durchlöchert, gevierteilt und aus der Kneipe befördert hätte. Aber er blieb ganz und auch in der Kneipe. Und dann erkannte ich, was es war, das er hier als Arbeit bezeichnete. In einer dunklen Ecke stand ein Klavier. Das hatte ich beim Reinkommen völlig übersehen, und auch jetzt erkannte ich es nur, weil Herr Möller sich davor auf einen Drehhocker setzte und eine kleine Lampe einschaltete, die nun ein schummriges Licht auf die Tasten, seinen Kopf und das Notenbrett warf, auf dem aber keine Noten standen. Der Rest des Klaviers versank im Dunkeln, als sollte es nicht gesehen werden. Auch von Nicolas’ Vater konnte ich nur noch den Rücken sehen, als er anfing, eine unaufdringliche Melodie zu spielen. Ich wusste nicht, ob sie improvisiert war oder zu einem Lied gehörte, ich kannte sie auf jeden Fall nicht. Aber sie bahnte sich einen direkten Weg in meinen Kopf und verbannte schlagartig alle negativen Gedanken. Es war eine leise, süße Melodie, die offenbar nur der Untermalung dienen sollte. Kaum einer in der Kneipe schien bemerkt zu haben, dass jemand angefangen hatte, Klavier zu spielen. Aber ich war so überrascht, dass dieser unverschämte, großkotzige Vater des Freundes meiner Tochter eine so schöne Musik aus seinen Fingern zaubern konnte, dass ich ihr unentwegt zuhören musste. Auch als Doppelname endlich mit den Getränken zurückkam, folgte ich seinem Gerede kaum noch. Die Musik hatte mich vollkommen in ihren Bann gezogen, was Doppelname aber nicht zu stören schien. Seitdem ich von seinem Ruf wusste, hatte ich noch weniger Lust, mich mit ihm zu unterhalten. Stattdessen schaute ich über seine Schulter hinweg auf den Rücken von Herrn Möller und lauschte seiner Musik. Er wechselte übergangslos von der Melodie zu ein paar bekannteren Stücken, spielte Klassiker von den Beatles, Simon and Garfunkel und Cat Stevens. Es fehlte eigentlich nur noch, dass er nun As Time Goes By anschlug, und ich hätte mich vollends wie Ingrid Bergman in einem deutschen Remake von Casablanca gefühlt. Aber plötzlich spielte er ein anderes Lied nur für mich. Mitten zwischen diesen verschnörkelten, sehnsuchtsvollen Erinnerungen an unsere Jugend, oder vielmehr die unserer Eltern, ertönte plötzlich ein lautes, klares »Happy Birthday to You«. Als es beendet war, klatschten einige Zuhörer, wünschten alles Gute an unbekannt und prosteten in den Raum hinein.
»Scheinbar hat hier jemand Geburtstag«, schloss Doppelname messerscharf.
Ich lehnte mich zurück und nickte lächelnd. »Ja.«
»Mann, Mama, musstest du denn unbedingt mit diesem Lehrerinnentröster ausgehen?«, begrüßte Kim mich am nächsten Morgen, noch bevor ich meine Augen richtig öffnen konnte. Ich hatte zwar nicht so viel getrunken, aber es war trotzdem spät geworden gestern Abend.
Jetzt riss ich meine Augen auf. Meine Schläfrigkeit war im Nu verflogen. »Mit dem Lehrerinnen… Wie bitte, was?«
»Hättest du dir nicht einen anderen Mann für dein Date aussuchen können als diesen blöden Walter?«
»Woher kennst du denn Walter … und diesen schrecklichen Spitznamen?«
»Von Nicolas. Alle haben doch schon darauf gewartet, dass er dich rumkriegt. Und ich hab auch noch behauptet, dass du dich nie auf so ein Ekelpaket einlassen würdest.«
Meine Augen wurden noch weiter, während meine Mutter unser Gespräch langsam interessant fand. Sie hatte sich ohnehin beschwert, dass Kim und ich am Frühstückstisch so schweigsam wären.
»Also, wirklich, Kim, erstens finde ich es ein Unding, dass du mir nichts davon erzählst. Und zweitens hat er mich nicht rumgekriegt.«
Im Gegenteil, mir war es sogar gelungen, Doppelname ohne das obligatorische Abschiedsküsschen nach Hause zu schicken und mich mit einem freundlichen, aber abweisenden Handschlag für den Abend zu bedanken.
»Es war total harmlos! Er ist nur ein Freund. Noch nicht mal das, ehrlich gesagt«, versicherte ich meiner Tochter. Trotzdem schmollte Kim mich beleidigt an, als wäre sie die Leidtragende meines ersten Ausgehversuches seit Arne. Ich ahnte, dass mehr dahintersteckte als die Wahl des Mannes. Vermutlich eher die Tatsache, dass ich überhaupt mit einem Mann ausgegangen war.
»Wieso hat er dich denn nicht rumgekriegt?«, mischte meine Mutter sich neugierig ein, und ich sah sie nun ebenfalls entgeistert an. Nicht nur wegen der Wortwahl, die überhaupt nicht zu ihr passte, sondern vor allem, weil ich mit meiner Mutter noch nie über Sex gesprochen hatte. Aber seit sie selbst wieder auf der Jagd war, schien sie dieses Thema irgendwie zu interessieren.
»Mutter, bitte!«
»Ich sag ja nur, du hättest die Gelegenheit doch ruhig nutzen können. Man rostet schneller ein, als man denkt, das kannst du deiner alten Mutter ruhig mal glauben.«
»Ich bin nicht eingero… Mutter, können wir vielleicht über etwas anderes reden?«
Ich konnte nicht glauben, dass ich mit meiner Mutter gerade dieses Gespräch führte, und dann auch noch vor meiner Tochter, die deswegen allerdings überraschend schnell wieder aus ihrer Schmollecke herauskam. Sie kicherte, und ich konnte sie noch nicht mal zurechtweisen, da sie schließlich nichts für die Taktlosigkeit ihrer Großmutter konnte.
»Sei doch nicht so prüde«, fuhr diese denn auch fort.
»Ich kann nicht anders, Mutter, ich wurde so erzogen, falls du dich vielleicht erinnerst. Also können wir endlich aufhören, über etwas zu reden, das nicht stattgefunden hat?!«
»Ich finde ja nur, ein bisschen Übung schadet nicht, wenn man so lange nicht im Rennen war.«
Ich versuchte, meine Mutter mit mehr oder weniger deutlicher Mimik darauf aufmerksam zu machen, dass ich nicht gewillt war, vor Kim über mein nicht vorhandenes Sexleben zu reden.
»Ich war nicht aus dem Rennen, ich war nur verheiratet. Ich weiß ziemlich genau, wie das geht, der Beweis dafür sitzt schließlich gerade mit uns am Tisch, MUTTER!«
Vergeblich, sie bekam meine subtilen Hinweise nicht im Geringsten mit. »In vierzehn Jahren kann viel passieren … oder auch nicht mehr passieren.«
»Mama«, mischte Kim sich nun auch noch in unsere Konversation ein. »Versprichst du mir wenigstens, dass du dir zum Üben nicht wieder jemanden von deiner Schule aussuchst? Ich würde gerne länger hier wohnen bleiben.«
»Schatz, ich habe nicht vor zu üben«, beruhigte ich sie.
»Das solltest du aber«, drängelte sich Mutter wieder dazwischen und kam endlich zum eigentlichen Punkt dieses Gesprächs: »Also ich gehe heute Abend mit Anton aus …«
»Och nee, Omi, mit dem dreimal geschiedenen Fordarbeiter? Der war doch nur die Reserve.«
Ich war mir nicht sicher, ob ich den Weg, den dieses Gespräch einschlug, so gut fand. Und noch unsicherer war ich mir darüber, ob ich es so gut fand, wie meine Mutter Kim in ihre Männersuche mit einspannte. Meiner Ansicht nach sollte sie Liebe als etwas Romantisches kennenlernen, nicht als eine mehr oder weniger erfolgreiche Bestellung auf dem Kontaktanzeigenmarkt.
»Für mein erstes Date ist er mehr als ausreichend, Kleines«, erklärte meine Mutter ihr vollkommen sachlich. »ICH hätte auf jeden Fall nichts dagegen, wenn er mich ›rumkriegen‹ will.«
»O Gott, Mutter!«
»Bäääh, in deinem Alter.«
»Was heißt hier in meinem Alter? Dein Opa und ich …«
»Es reicht«, ging ich eilig dazwischen und hielt mir vorsorglich die Ohren zu. Jetzt war ich mir sicher, dass ich den Weg nicht gut fand, den dieses Gespräch eingeschlagen hatte. Die eigene Tochter und die eigene Mutter gehörten definitiv nicht zu der Gruppe von Leuten, mit denen man ein ungezwungenes Gespräch über Sex führen sollte. Meine Mutter sah mich etwas enttäuscht an, also fügte ich beschwichtigend hinzu: »Es freut mich, dass du jemanden gefunden hast, der mit dir ausgeht, Mutter. Lass es doch einfach auf dich zukommen, okay?«
»Das werde ich, mein Kind. Das werde ich.« Sie wirkte immer noch ein wenig beleidigt, dass wir ihre Bettgeschichten nicht hören wollten, und ich fühlte mich gezwungen, weiter mit ihr über ihr Date zu reden. Es schien sie irgendwie stolz zu machen, vielleicht auch nur, weil sie sich wieder jung fühlte und mitreden konnte.
»Wo wollt ihr denn hingehen?«, fragte ich etwas ruhiger.
»In ein Brauhaus. Am Dom, hat er gesagt. Urkölnisch soll es da zugehen.«
»Kölsch, Oma.«
»Was?«
»Kölsch sagt man hier. Urkölsch!«
»Na, wenn du meinst, meine Kleine. Du bist hier schließlich das Genie.«
Sie tätschelte Kim plötzlich wieder ganz großmütterlich die Wange, und damit schienen sich die Wogen geglättet zu haben. Von einer Sekunde auf die andere waren wir wieder eine ganz normale Halbfamilie am Frühstückstisch, die sich auf einen ganz normalen Arbeits- und Schultag vorbereitete. Meine Mutter schmierte Kim ein Schulbrot, goss mir und sich Kaffee nach und ließ zwei Süßstofftabletten in ihre Tasse plumpsen.
»Anton hat übrigens einen Sohn in deinem Alter, Meike, habe ich das schon erzählt? Gerade zum zweiten Mal geschieden.«
»Das klingt ja vielversprechend«, stöhnte ich und beschloss, diesen Morgen irgendwie auszusitzen.
»Du kannst doch nicht mit dem Sohn von Omas Freund ausgehen, Mama«, fuhr mich meine Tochter entgeistert an. »Das wäre doch … Inzest!«
»Nicht ganz, mein Schatz, rein biologisch gesehen, aber objektiv gesehen wäre es vermutlich genauso schlimm. Nein, Mutter, wir gehen nicht auf ein Doppeldate, das kannst du dir gleich mal aus dem Kopf schlagen.«
»Na ja, es ist sicherlich besser als mit einem deiner Kollegen, da muss ich Kim übrigens zustimmen.«
Allmählich schwirrte mir schon so sehr der Kopf, dass ich kurzzeitig überlegte, mich krank zu melden und wieder ins Bett zu gehen. Aber dann hätte sich meine Mutter den ganzen Tag über um mich gekümmert, und am Ende wäre ich tatsächlich mit ihr und Antons Sohn in ein Kölsches Brauhaus gegangen. Genau bei diesem schaurigen Gedanken fiel mir der eigentliche Knackpunkt dieses Morgens auf: »Woher weißt du überhaupt, dass ich mit Doppel… also diesem Klaus oder Walter aus war?«, fragte ich Kim nachdenklich. Denn da ich davon ausging, dass Doppelname sich mit diesem misslungenen Abend nicht brüsten würde, hatte ich gestern noch berechtigte Hoffnung gehabt, die Nachricht von meinem einmaligen Date mit ihm würde niemals in den Dunstkreis meiner Schule gelangen.
»Nicolas hat es mir erzählt.«
Natürlich, die beiden hatten ja schon vor dem Aufstehen wieder ihre Liebesbeteuerungen per E-Mail, Festnetz und SMS ausgetauscht.
»Und der weiß es …?«
»Von seinem Vater, der hat dich gesehen.«
Und es direkt seinem Sohn weitergetratscht. Wie nett. Augenblicklich verblasste der schöne Teil meiner Erinnerungen an gestern Abend, und die Wut über meinen kurzen Schwächeanfall während der Zugfahrt siegte. Männer konnten mir wirklich gestohlen bleiben.
Ich kämpfte immer noch mit den Tränen, als ich die Haustür aufschloss. Ohne meinen Mantel und die vom Schneematsch dreckigen Schuhe auszuziehen, ließ ich mich im Wohnzimmer aufs Sofa fallen und starrte auf das in Fetzen zerrissene Weihnachtspapier, das von unserer Bescherung übriggeblieben war. Heiligabend bei Tageslicht um Viertel nach drei zu feiern war einfach nicht dasselbe. Kim hatte auch geweint, als sie in die Regionalbahn nach Bielefeld eingestiegen war. Aber so war nun mal die Regelung. In einem Jahr blieb sie Weihnachten bei mir, im nächsten Jahr feierte sie bei Arne. Und das erste Jahr war leider das Papa-Jahr. Mich erwarteten dagegen ein langweiliger Nachmittag ohne Suche nach Last-Minute-Geschenken und Diskussionen, zu welchen Verwandten wir an welchem Feiertag fahren würden, dann ein Abendessen mit Bockwürstchen, Kartoffelsalat und dem dreimal geschiedenen Anton, der sich bei meiner Mutter mit nur einer Verabredung von der Reservebank auf Platz eins katapultiert hatte. Und als Krönung eine einsame Nacht vor dem Fernseher mit ein, zwei Gläsern Wein und dem Herz-Schmerz-Weihnachtsprogramm.
Ich nahm die Satteltaschen auf, die Kim mir geschenkt hatte. Sie hatte ein Auge für praktische Dinge. Statt Striemen auf meiner Schulter und Muskelzerrungen im Nacken von den schweren Büchern und Klassenarbeiten in meiner Umhängetasche hatte ich jetzt zwei wasserdichte, abschließbare, reflektierende Gepäckträgertaschen, in Rot, meiner Lieblingsfarbe.
Sie waren perfekt. In ein paar Stunden würde Kim mit ihrem Vater – und vermutlich Petra – unterm Weihnachtsbaum sitzen, bei ihrer anderen Oma und ihrem anderen Opa am ersten Weihnachtstag Ente essen, ihre (einzige) Freundin aus der Mathe-AG treffen und mit Arne – und vermutlich Petra – am zweiten Weihnachtstag zu unserem Lieblingsgriechen gehen.
Ich dagegen hatte keine Ahnung, wie ich die Feiertage rumkriegen sollte. Plötzlich konnte ich all diejenigen verstehen, die Weihnachten eher fürchteten. Das Fest der Familie ohne Familie. Unwillkürlich musste ich an Weihnachten vor einem Jahr denken. Man ging nie davon aus, dass es das letzte »Familienfest« sein könnte, mit all unserer gelebten Tradition, dem gemeinsamen Aussuchen des Weihnachtsbaumes, dem Schmücken am Nachmittag, dem Verteilen der Geschenke auf dem bereits angenadelten Teppichboden darunter, dem Besuch von Oma und Opa, die Kartoffelsalat und Würstchen mitbrachten. Merkwürdig, wie sehr man Rituale erst zu schätzen wusste, wenn sie nicht mehr stattfanden. Auf den Weihnachtsbaum hatten wir dieses Jahr verzichtet.
Nachdem ich zehn Minuten lang bewegungslos auf dem Sofa gesessen und vor mich hin gestarrt hatte, beschloss ich, dass es genug war mit dem Selbstmitleid, und räumte die Überreste unserer Bescherung weg. Mit dem Roman, den meine Mutter mir geschenkt hatte, überbrückte ich den restlichen Nachmittag, bis es an der Zeit war, den Tisch zu decken. Anton würde bald kommen, und meine Mutter war im Bad, um sich für ihn »aufzubrezeln«, wie sie mir stolz in ihrem neuen verjüngten Deutsch erzählte.
Pünktlich auf die Minute klingelte ihr Verehrer an unserer Haustür, und genauso pünktlich kam meine Mutter fertig aufgebrezelt aus dem Badezimmer. Es hatte auch seine Vorteile, mit einer Generation zusammenzuwohnen, bei der Pünktlichkeit noch die höchste Tugend war. Anton hatte Blumen und ein Fünfliterfass Kölsch dabei. Er und meine Mutter schüttelten sich förmlich die Hände, und ich dachte, dass es doch ganz angenehm sein musste, wenn das Kennenlernen noch nach gewissen Regeln ablief und man keine zwanghafte Lockerheit an den Tag legen musste. Anton erwies sich als ein äußerst witziger und unkomplizierter Zeitgenosse. Unsere westfälische Kartoffelsalat-und-Würstchen-Tradition nahm er, ohne zu murren, hin und versorgte sich und uns dabei unauffällig und ununterbrochen mit frischem Kölsch. Für einen fast Siebzigjährigen sah er überraschend jung aus, trotz unkaschierbarer Bierplauze und Dreiviertelglatze. Er lachte gerne und viel, und ich mochte seinen rheinischen Dialekt, auch wenn ich ihn nicht immer verstand. Unter den dreizehn Männern, die zur Auswahl standen, hatte Mutter offenbar auf Anhieb eine gute Wahl getroffen.
