Aufbruch, Aufschwung, Krisen - Peter E. Fäßler - E-Book

Aufbruch, Aufschwung, Krisen E-Book

Peter E. Fäßler

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Beschreibung

Seit ihrer Gründung 1949 trugen die Bundesrepublik Deutschland und die DDR einen ökonomischen Wettbewerb aus. Wirtschaftliche Entwicklungsdynamik, Produktivitätssteigerung, wissenschaftlich-technischer Fortschritt, wachsender Wohlstand und soziale Absicherung galten als wichtige Indikatoren, um die Überlegenheit des jeweils eigenen Systems zu dokumentieren. Letztlich ging es um einen Vergleich zwischen der Leistungsfähigkeit der "sozialen Marktwirtschaft" und der "sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaft". Peter E. Fäßler behandelt die Wirtschaftsgeschichte beider deutscher Staaten, Parallelen und Abweichungen, Erfolge und Fehlschläge gleichermaßen. Zuspitzungen wie die Ölpreiskrisen während der 1970er oder die Verschuldungskrise der DDR zu Beginn der 1980er Jahre kommen ebenso zur Sprache wie die Bewältigung von ökologischen Folgelasten und wirtschaftlichem Strukturwandel.

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Titelei

Vorbemerkung

1 Einleitung

1.1 Die Geschichte von Trabant und Käfer – ein Lehrstück

1.2 Leitfragen

1.3 Getrennt – verbunden – aufeinander bezogen: Konzeptionelle Überlegungen

2 Aufbruch (1945–1949): Wirtschaftlicher Neubeginn und ordnungspolitische Weichenstellungen

2.1 »Auferstanden aus Ruinen ...« Die wirtschaftliche Ausgangslage im Jahr 1945

2.2 Das alliierte Besatzungsregime: Teilung, Reparationen, Aufbauhilfen

2.2.1 Die Einrichtung der vier Besatzungszonen

2.2.2 Vorteil West, Nachteil Ost – die Reparationsauflagen der Besatzungsmächte

2.2.3 CARE-Pakete, Soli-Lieferungen und European Recovery Program

2.3 Die ordnungspolitische Gretchenfrage: Markt oder Plan?

2.3.1 Bodenreform, Volksentscheid und Volkswirtschaftsplan – auf dem Weg zur sozialistischen Zentralplanwirtschaft

2.3.2 Auf dem Weg zur Sozialen Marktwirtschaft: Ordnungspolitische Weichenstellungen in den Westzonen

2.3.3 Vorzüge und Schwächen der sozialistischen und liberalen Wirtschaftsordnung im Vergleich

2.4 Wende zum Besseren? Das bemerkenswerte Jahr 1948

3 Aufschwung (1949–1973): Beide deutsche Staaten während des Nachkriegsbooms

3.1 Ein doppeltes deutsches »Wirtschaftswunder«?

3.1.1 Unerhörte Wachstumsraten im Westen

3.1.2 Trotz etlicher Erfolge wenig Begeisterung – die ökonomische Entwicklung in der DDR

3.1.3 Arbeit für alle: Vollbeschäftigung in Ost und West

3.1.4 Wider alle Theorie: Die Wirtschaft brummt, die Preise bleiben stabil

3.2 Von Auf- und Absteigern: Volkswirtschaftlicher Strukturwandel

3.2.1 Intersektoraler Wandel: Von der Landwirtschaft über die Industrie zur Dienstleistung

3.2.2 Intrasektoraler Wandel: Wachwechsel innerhalb der Industrie

3.3 »Unser Feld ist die Welt«: Rückkehr der deutschen Industrie auf den Weltmarkt

3.3.1 Weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen bis 1973

3.3.2 Den Weltmarkt im Visier: Außenwirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik

3.3.3 Hoffnung auf wirtschaftlichen Erfolg und völkerrechtliche Anerkennung: Die DDR-Außenwirtschaftspolitik

3.3.4 Kein Außenhandel im juristischen Sinne: Die deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen

3.4 »So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben.« Die Entwicklung von Konsum und Lebensstandard

3.4.1 Von der Rationen- über die Konsum- zur Massenkonsumgesellschaft

3.5 Wirtschafts- und sozialpolitische Nachjustierungen

3.5.1 Wirtschafts- und sozialpolitische Ausrufezeichen in der Bundesrepublik

3.5.2 Unter Zugzwang – wirtschafts- und sozialpolitische Akzente des SED-Regimes

4 Krisen (1974–1989): Krisenresilienz hüben, ökonomischer Sinkflug drüben

4.1 Turbulente Zeiten: Die Wirtschaftsentwicklung in beiden deutschen Staaten

4.1.1 Stagflation, Nullwachstum, Sockelarbeitslosigkeit – kreative Begriffsschöpfungen in Westdeutschland

4.1.2 Überfordert: Die Zentralverwaltungswirtschaft zwischen sozialpolitischen Wohltaten und Modernisierungszwang

4.1.3 Erwerbslosigkeit im Westen, Fachkräftemangel im Osten, 1971/73–1989

4.1.4 Ein Gespenst kehrt zurück: Inflation, 1971/73–1989

4.2 Antreiber des Strukturwandels in Ost und West: Automatisierung – Digitalisierung – Globalisierung

4.2.1 Intrasektoraler Strukturwandel in der BRD

4.2.2 Mühsam: geplanter Strukturwandel in der DDR

4.3 Nach Bretton Woods: Die Außenwirtschaft in unruhigen Fahrwassern

4.3.1 Die außenwirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik

4.3.2 In der Zwickmühle: die DDR-Außenwirtschaft

4.3.3 Die deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen

4.4 Die deutsch-deutsche Schere geht weiter auseinander: Lebensstandard und Konsum

4.4.1 Massenkonsum- und Wegwerfgesellschaft in der Bundesrepublik

4.4.2 Erst Licht, dann Schatten: Konsum in der Ära Honecker

4.5 Wirtschafts- und sozialpolitische Anpassungen

4.5.1 Die Bundesregierungen auf der Suche nach dem angemessenen Krisenmanagement

4.5.2 Ordnungspolitische Akzente während der Ära Honecker

5 Endstation Einheit (3. Oktober 1990)

5.1 Offenbarungseid und (zu) späte Reformeinsicht, 1989/90

5.2 Der Weg zur Wirtschafts-‍, Währungs- und Sozialunion, 1. Juli 1990

5.3 Ökonomische und gesellschaftliche Nachwehen der Deutschen Einheit

6 Vier Jahrzehnte deutsch-deutsche Wirtschaftsgeschichte – ein Resümee

6.1 Fünf Faktoren begründen zwei volkswirtschaftliche Entwicklungspfade

6.2 Technologisch-ökonomische Herausforderungen und ihre Bewältigung

6.3 Wechselseitige Wahrnehmung als entscheidende Referenzgröße

6.4 Welche Handlungsoptionen hatte das SED-Regime?

6.5 Was bleibt?

Abkürzungsverzeichnis

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

Literatur

Abbildungsverzeichnis

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Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Impressum

Inhaltsbeginn

Geteilte Geschichte

Deutschland 1945 – 2000

Herausgegeben von Hermann Wentker und Michael Schwartz

Eine Übersicht aller lieferbaren und im Buchhandel angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter:

https://shop.kohlhammer.de/geteilte-geschichte

Der Autor

Prof. Dr. Peter E. Fäßler ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Paderborn. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. die Geschichte beider deutscher Staaten nach 1945/49, die Geschichte der Globalisierung sowie Fragen der Wirtschafts- und Umweltgeschichte.

Peter E. Fäßler

Aufbruch, Aufschwung, Krisen

Wirtschaftsgeschichte beider deutscher Staaten (1949 – 1990)

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Umschlagabbildung: © ullstein bild – VW/AUDI

1. Auflage 2026

Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 [email protected]

Print:ISBN 978-3-17-033232-4

E-Book-Formate:pdf: ISBN 978-3-17-033233-1epub: ISBN 978-3-17-033234-8

Vorbemerkung

»It's the economy, stupid! « Mit diesen ruppigen Worten klärte Bill Clinton 1992 einen Mitarbeiter über das aus seiner Sicht alles entscheidende Thema im laufenden US-Präsidentschaftswahlkampf auf. Es verdient sicher eine eingehende Diskussion, ob Clintons Bonmot auch die Rivalität beider deutscher Staaten zwischen 1945/49 und 1989/90 im Kern angemessen erfasst, ob also ihr jeweiliges Schicksal – Scheitern einerseits, Fortbestand andererseits – zuvörderst ökonomischen Faktoren geschuldet war. Selbstverständlich ist es nicht Aufgabe dieser Vorbemerkung, eine abschließende Antwort hierauf zu formulieren. Gleichwohl liegt nahe, dass ein Band über die Wirtschaftsgeschichte beider deutscher Staaten, der innerhalb einer Reihe zur deutsch-deutschen Geschichte erscheint, die ökonomischen Faktoren gegenüber politischen, kulturellen u. a. prominenter gewichtet. Aber, das sei an dieser Stelle betont, diese Abhandlung versteht sich nur als ein Beitrag zu der grundsätzlicheren Diskussion über den Systemwettbewerb zwischen Liberalismus und Sozialismus, mitnichten als letztgültige Antwort.

Mein Dank gilt den Mitarbeitern Florian Staffel und Daniel Kramps. Sie haben das Skript aufmerksam studiert und begleitend diskutiert. Die beiden Reihenherausgeber Hermann Wentker und Michael Schwartz haben mit kundigen und hilfreichen Anmerkungen die Genese begleitet. Vor allem aber belegt ihre schier endlose Geduld, bis die Studie schlussendlich publikationsreif vorlag, nicht nur kollegiale, sondern fast schon therapeutische Qualitäten. Herzlichen Dank dafür! Auch den für die Reihe verantwortlichen Lektoren bei Kohlhammer danke ich für die konstruktive Zusammenarbeit, insbesondere Peter Kritzinger für seine Geduld.

1 Einleitung

1.1 Die Geschichte von Trabant und Käfer – ein Lehrstück

Klein, robust und nicht allzu geschwind rollten um 1960 Trabant und Käfer über Deutschlands Straßen, der eine im Osten, der andere im Westen. Mit ihrem schlichten Auftritt verkörperten beide »Ikonen auf Rädern«1 die entbehrungsreichen Nachkriegsverhältnisse, zugleich aber auch die Hoffnung auf eine mobilere und damit bessere Zukunft. Als sich drei Jahrzehnte später die deutsche Doppelstaatlichkeit ihrem Ende zuneigte, prägte der Trabi noch immer das DDR-Straßenbild. Kantiger im Design zwar, unterschied er sich technisch nur geringfügig vom ursprünglichen Modell. Nach wie vor sorgte der Zweizylinder-Zweitakt-Motor für eine markante Geräuschkulisse sowie im Verbund mit dem Benzin-Öl-Gemisch für eine unvergessliche Duftnote. Es schien, als sei die automobile Entwicklung in der sozialistischen DDR über all die Jahre stehen geblieben. Ganz anders hingegen die Situation in der Bundesrepublik. Dort hatte der VW-Konzern 1978 die Produktion des in die Jahre gekommenen Käfers eingestellt bzw. in emerging markets wie Mexiko verlagert. Sein Nachfolger, der 1974 auf den Markt gebrachte und bis heute allgegenwärtige Golf, verfügte über einen leistungsstärkeren wassergekühlten Frontantrieb, einen höheren Fahrkomfort und seit Mitte der 1980er Jahre über einen geregelten Drei-Wege-Katalysator zur Abgasnachbehandlung. Solchermaßen ausgestattet, fuhr der Golf dem Trabant mühelos davon.

Die Geschichte von Trabant und Käfer bzw. Golf verweist auf mehrere Aspekte einer deutsch-deutschen Wirtschaftsgeschichte. Es ist die Erzählung zweier Volkswirtschaften, die nach dem Zweiten Weltkrieg von vergleichbar niedrigem Niveau aus einen Neuanfang vollzogen. Binnen weniger Jahre entwickelte die bundesdeutsche Marktwirtschaft eine Innovations- und Wachstumsdynamik, der die sozialistische Planwirtschaft kaum zu folgen vermochte. Bei technischen Standards, volkswirtschaftlichen Kennziffern wie Produktivität und Produktionskapazitäten oder beim Konsumangebot verlor sie mehr und mehr an Boden. Schlussendlich verfestigte sich das Bild von einer rückständigen DDR-Wirtschaft mit maroden Fabriken und qualitativ wenig überzeugenden Gütern – Trabant versus Golf eben.

Und noch weitere Aspekte erlauben es, die Geschichte von Trabant und Käfer respektive Golf als Lehrstück einer deutsch-deutschen Wirtschaftsgeschichte zu lesen. Beispielsweise stand die bundesrepublikanische Exportstärke im scharfen Kontrast zum chronisch schwächelnden Absatz von DDR-Erzeugnissen im Westen. Konkret: Der Golf behauptete sich wie schon der Käfer aufgrund seines attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnisses als Exportschlager auf westlichen und blockfreien Absatzmärkten. Selbst die in den 1970er Jahren aufkommende japanische Konkurrenz änderte daran wenig. Der Hersteller Volkswagen selbst entwickelte sich zu einem Global Player mit Fertigungsstätten in zahlreichen Staaten. Hingegen fand der Trabant nahezu ausschließlich in den sozialistischen »Bruderstaaten« seine Abnehmer. Dem in Zwickau ansässigen Autobauer Sachsenring gelang zu keiner Zeit der Wandel vom nationalen zum multinationalen Unternehmen.

Wenn das Zwickauer Modell ungeachtet aller technischen Unzulänglichkeiten in der DDR dennoch auf anhaltend große Nachfrage stieß, lag das weniger an seinen Qualitäten als vielmehr an den überschaubaren Alternativen. Neben dem in Eisenach produzierten Wartburg, tschechischen Škodas und sowjetischen Ladas stand gerade mal eine Handvoll weiterer Automarken zur Verfügung. Dagegen führten westdeutsche Händler eine Vielzahl in- und ausländischer Fabrikate jeder Preiskategorie. Das Auto als Statussymbol und Medium sozialer Distinktion prägte ab den 1960er Jahren die westdeutsche Gesellschaft weitaus mehr als die ostdeutsche. Dieser Befund lässt sich verallgemeinern. Bei fast allen Konsumgütern bot die westdeutsche Marktwirtschaft eine größere Vielfalt als die sozialistische Planwirtschaft. Folglich war der Spielraum, sich gesellschaftlich über Konsum zu verorten, deutlich großzügiger bemessen.

Aufgrund unzureichender Produktionskapazitäten warteten Kunden in der DDR bis zu 15 Jahre auf einen Neuwagen, für den sie bei Auslieferung einen exorbitant hohen Preis entrichten mussten. Derartige Geduldsproben beim Erwerb langlebiger Konsumgüter zählten zu den ostdeutschen Alltagserfahrungen. In der Bundesrepublik vermochten die Automobilhersteller die Nachfrage deutlich schneller zu befriedigen. Dort betrug die Wartezeit in der Regel nur einige Monate, und tendenziell sank der Preis für einen Pkw in Relation zu den durchschnittlichen Monatslöhnen. Steigende Reallöhne einerseits, eine effizientere und damit kostengünstigere Produktion andererseits bewirkten diesen Trend.

Zunehmendes Umweltbewusstsein beeinflusste die automobile Technikentwicklung in der Bundesrepublik seit den späten 1970er Jahren. So zwangen die Debatte um das Waldsterben und der daraus erwachsende öffentliche Druck die Automobilindustrie zur Reduktion der Emission von Stickoxiden mittels eines geregelten Drei-Wege-Katalysators. Dieser funktionierte nur mit bleifreiem Benzin, dessen folgerichtige Markteinführung als ökologisch begrüßenswerter Nebeneffekt gelten darf. Einen analogen Vorgang gab es in der DDR nicht. Der hier aufgezeigte Sachverhalt belegt stellvertretend für zahlreiche weitere Beispiele, dass die westdeutsche Marktwirtschaft angemessener als die sozialistische Planwirtschaft auf ökologische Probleme und daraus erwachsende umweltpolitische Forderungen zu reagieren vermochte. Freilich darf dieser Befund nicht als Öko-Persilschein für den Westen missverstanden werden. Ob das marktliberale, demokratisch eingebettete System grundsätzlich fähig ist, die von ihm mitverursachte multiple Ökokrise zu meistern, kann mit guten Gründen bezweifelt werden.

Natürlich registrierte die Öffentlichkeit sehr genau, wie sich die Autolandschaft im jeweils anderen deutschen Staat entwickelte. Denn der Privatwagen fungierte im deutsch-deutschen Bezugsrahmen gewissermaßen als kollektives Statussymbol und Sehnsuchtsobjekt. Folglich wuchs in der DDR der Ärger über den im Vergleich zu den attraktiven Westkarossen schäbig anmutenden Trabi. Umgekehrt belächelte die bundesdeutsche Gesellschaft Ende der 1980er Jahre DDR-Autos als kuriose Relikte einer längst vergangenen Zeit. Somit avancierte der Trabant auch zum Symbol sozialistischen Systemversagens.

Es ließen sich noch etliche politik-‍, wirtschafts-‍, umwelt-‍, kultur- und gesellschaftshistorische Aspekte rund um den Trabant und den Käfer ergänzen.2 Letztlich handelt es sich um ein Kapitel der bis heute verbreiteten Erzählung von der westdeutschen Überfluss- und der ostdeutschen Mangelwirtschaft: Hier die bunte Glitzerwarenwelt mit innovativen Produkten, dort lange Warteschlangen vor spärlich bestückten Regalen. In der Tat tradiert dieses eingängige Erfolgs-Misserfolgs-Narrativ eine unbestreitbare historische Realität. Allerdings birgt es die Gefahr, erhellende und bisweilen überraschende Aspekte der doppelten deutschen Wirtschaftsgeschichte auszublenden. Zudem bleiben etliche Fragen offen, deren Klärung für ein tieferes Verständnis der Geschichte beider deutscher Staaten unerlässlich ist. Daher ergänzt die vorgelegte Studie die dominante, aber allzu schlichte Schwarz-Weiß-Zeichnung um wichtige Grautöne.

1.2 Leitfragen

Erstens: Welche Faktoren bedingten das ökonomisch erfolgreichere Abschneiden der Bundesrepublik im Vergleich zur DDR? Hierzu diskutiert die historische Forschung zwei Erklärungen. Die eine These hebt vor allem auf die schwierigeren Startbedingungen der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) nach 1945 ab.3 Ihre teilungsbedingt problematische Wirtschaftsstruktur, hohe Reparationsleistungen an die Sowjetunion sowie die außenwirtschaftliche Einbindung in ein ökonomisch wie technologisch rückständiges Osteuropa hätten die wirtschaftlichen Chancen der DDR von Beginn an beeinträchtigt. Spätere Faktoren wie das strategische Embargo des Westens gegenüber den sozialistischen Staaten (CoCom, Coordinating Committee on Multilateral Export Control) sowie die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte bis 1961 minderten die Konkurrenzfähigkeit der DDR-Volkswirtschaft zusätzlich. Waren diese frühen Hindernisse aber erst einmal überwunden, so die Argumentation, wies die sozialistische Planwirtschaft vergleichbar hohe Wachstumsraten wie ihr marktliberales Pendant auf. Im Umkehrschluss profitierten die drei westlichen Besatzungszonen von einer ausgewogenen Wirtschaftsstruktur, von umfangreichen Hilfen der USA u. a. im Rahmen des Marshall-Plans sowie von ihrem ökonomisch leistungsstarken westlichen Umfeld. Da überdies die Reparationen moderat ausgefallen seien, durfte das Gebiet der späteren Bundesrepublik mit freundlicher Unterstützung der USA und Großbritanniens erfolgreich ökonomisch durchstarten. Auf den Punkt gebracht: Erfolg bzw. Misserfolg beider deutscher Staaten lägen nicht in den jeweiligen Wirtschaftsordnungen, sondern in den für die SBZ/DDR nachteiligen Startbedingungen begründet.

Dagegen führt eine andere, mehrheitlich akzeptierte Interpretation die technische und ökonomische Überlegenheit der Bundesrepublik vorrangig auf die systemischen Vorzüge der Sozialen Marktwirtschaft gegenüber der sozialistischen Planwirtschaft zurück.4 Die dem Markt eigene Koordinierungseffizienz ökonomischer Abläufe, dezentrale Entscheidungsstrukturen und große Handlungsspielräume für Privatunternehmen, um nur drei Faktoren zu nennen, generierten hohes Wirtschaftswachstum, risikobehaftete Innovationsbereitschaft sowie die erforderliche Flexibilität, um auf neue Herausforderungen angemessen zu reagieren. Entscheidend sei nicht zuletzt die hohe Leistungsbereitschaft von privaten Unternehmern, die im Gegensatz zu Staatsbetrieben über ihre Profite selbst verfügten. Die schwierigeren Startbedingungen der SBZ/DDR böten dagegen keine hinreichende Begründung für ihr vier Jahrzehnte währendes Hinterherhinken gegenüber Westdeutschland. Bestenfalls taugten sie als Erklärung für die anfänglichen Probleme.

Neben diesen beiden wichtigsten Erklärungsansätzen zur unterschiedlichen Entwicklung West- und Ostdeutschlands wird diskutiert, ob wirtschaftspolitische Grundsatzentscheidungen den ökonomischen Niedergang der DDR einerseits und die Prosperität der Bundesrepublik andererseits beeinflusst haben könnten. Insbesondere das 1963 von Walter Ulbricht initiierte Reformkonzept »Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft« (NÖSPL) und die ab 1971 von Erich Honecker angestrebte »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses.5 Auf westdeutscher Seite zählen die Globalsteuerung der späten 1960er Jahre oder auch die wirtschaftspolitische Wende in Richtung Neoliberalismus nach 1982 zu den heftig diskutierten Grundsatzentscheidungen.6

Zweitens: Anknüpfend an die erste Leitfrage gilt es zu klären, welche ökonomisch-technologischen Herausforderungen beide deutsche Staaten bewältigen mussten, und wie dabei ihre jeweilige Erfolgsbilanz ausfiel. Die vielleicht gewaltigste dieser Herausforderungen war der beschleunigte, multiple Strukturwandel einschließlich seiner gesellschaftlichen Folgen. Dazu zählt die volkswirtschaftliche Akzentverschiebung vom primären (Landwirtschaft) über den sekundären (Industrie) zum tertiären Sektor (Dienstleistungen).7 Auch der intrasektorale Strukturwandel im Energiebereich, gemeint sind die zögerliche Abkehr von der Stein- bzw. Braunkohle sowie der rasche Aufstieg von Mineralöl, Erdgas und Atomenergie, bedeutete für West- wie Ostdeutschland weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen, auf die es politisch klug zu reagieren galt. Schließlich sei noch auf den technologisch bedingten Strukturwandel vor allem innerhalb des Industrie- und Dienstleistungssektors hingewiesen, für den der mikroelektronisch-digitalen Revolution ab den 1960er Jahren eine überragende Bedeutung zukam.

Letztere muss als Kern der zweiten großen Herausforderung gesehen werden: der global zu beobachtende, äußerst dynamische wissenschaftlich-technische Fortschritt. Für beide deutsche Staaten galt es, im Bereich »Forschung und Entwicklung« günstige Rahmenbedingungen zu schaffen, um durch Produktions- und Produktinnovationen in möglichst vielen Branchen konkurrenzfähig zu bleiben. Dabei ging es keineswegs nur um den deutsch-deutschen, sondern vor allem um den weltweiten Wettbewerb im Zuge der Fahrt aufnehmenden Globalisierung.

Damit wäre auch die dritte Herausforderung benannt. Denn spätestens seit den 1970er Jahren bereiteten Exporterfolge japanischer und weiterer asiatischer Konkurrenten den Wirtschaftsfachleuten in West- und Ostdeutschland wachsende Sorgen. Erwähnung verdienen schließlich noch – vierte Herausforderung – die wirtschaftlich-technologischen Implikationen, die sich aus dem aufkommenden Umweltdiskurs ergaben. Die 1972 publizierten Mahnungen des Club of Rome (der Meadows-Report The Limits to Growth) und die Debatten auf der ersten UN-Umweltkonferenz in Stockholm im selben Jahr sensibilisierten Politik, Gesellschaft, (Technik-)‌Wissenschaft und Unternehmen für ökologische Probleme. Teure Investitionen in moderne industrielle Filter- und Kläranlagen oder in die Entwicklung strom- und ressourcensparender Maschinen bzw. Haushaltsgeräte trugen mehr und mehr zum Unternehmenserfolg bei. Wer diese Investitionen nicht aufbringen konnte oder wollte, geriet ökonomisch und auch politisch ins Hintertreffen.

Der hier skizzierte vielfältige Strukturwandel schuf zahllose Auf- und Absteigerkarrieren, was Joseph Schumpeter treffend als »schöpferische Zerstörung« charakterisierte.8 Mit Blick auf die deutsch-deutsche Rivalität stellt sich folgerichtig die Frage, wie flexibel Demokratie/Marktwirtschaft einerseits und sozialistische Diktatur/Planwirtschaft andererseits auf den ungewöhnlich rasch verlaufenden, gesamtgesellschaftlichen Wandel zu reagieren vermochten. Denn internationale und deutsche-deutsche Wettbewerbsfähigkeit standen ebenso auf dem Spiel wie der soziale und innenpolitische Frieden.

Neben den genannten, eher langfristigen Strukturveränderungen unterzogen kurzlebigere Krisen wie die Ölpreisschocks von 1973 und 1979/80 sowohl die ostdeutsche Plan- als auch die westdeutsche Marktwirtschaft ernsthaften Stresstests.9 Auch hier wäre – wie bei den strukturellen Herausforderungen – die sogenannte Krisenresilienz beider Modelle zu diskutieren.

Drittens: Welche politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen ergaben sich aus der wechselseitigen Wahrnehmung der wirtschaftlichen Entwicklung im jeweils anderen deutschen Staat? Beide befanden sich im Systemwettbewerb, und zumindest die DDR-Bevölkerung erblickte in der Bundesrepublik spätestens seit Ende der 1950er Jahre die maßgebliche Referenzgröße für die Bewertung des eigenen materiellen Wohlergehens.10 Besuche im Westen, Westfernsehen, Westpakete oder auch das »Schaufenster« West-Berlin ermöglichten einen entsprechenden Abgleich. Führende Bonner Politiker wie Konrad Adenauer (CDU) und Kurt Schumacher (SPD) hatten bereits Ende der 1940er Jahre die sogenannte »Magnettheorie« verfochten, der zufolge Demokratie und Wohlstand eine so große Anziehungskraft auf die Ostdeutschen ausüben würden, dass sie der SED-Herrschaft auf lange Sicht den Boden entzögen.11 Tatsächlich ließ das immer augenfälligere West-Ost-Wohlstandsgefälle den gesellschaftlichen Rückhalt des SED-Regimes erodieren.

Viertens: Schließlich drängt sich angesichts des ökonomischen Sinkflugs der sozialistischen Planwirtschaft, der maßgeblich zur finalen Bruchlandung des SED-Regimes 1989/90 beitrug, die Frage nach Entscheidungs- und Handlungsoptionen auf, die eine solch desaströse Entwicklung hätten verhindern können. Beispielweise könnte man an die Einbindung marktwirtschaftlicher Elemente in die sozialistische Planwirtschaft oder an den Abbau von staatlichen Subventionen im Zuge eines allgemeinen Sparprogramms denken. Allerdings bleibt zu klären, ob das ideologisch vorgegebene Institutionenkorsett nicht doch zu starr und eng geschnürt war, als dass es den aufgezeigten Reformoptionen eine Chance auf Verwirklichung ließ.

Schlüssige Antworten auf diese Fragen helfen, ein tiefergehendes Verständnis für die deutsch-deutsche Zeitgeschichte, insbesondere für den Zusammenhang von Prosperität, gesellschaftlichem Frieden und politischer Stabilität zu gewinnen.

1.3 Getrennt – verbunden – aufeinander bezogen: Konzeptionelle Überlegungen

Über vier Jahrzehnte hinweg verliefen die ökonomischen Entwicklungen der DDR und der Bundesrepublik weitgehend getrennt voneinander. Gleichwohl existierten vielfältige wirtschaftlich relevante Beziehungen zwischen beiden Staaten, erwähnt seien u. a. die Ost-West-Migration bis zum Mauerbau 1961, der innerdeutsche Handel, Joint-Venture-Geschäfte oder die umstrittenen Milliardenkredite von 1983/84. Eine weitere interessante Größe deutsch-deutscher Verbundenheit mit ökonomischer, aber auch politischer Wirkungsmacht stellte die wechselseitige Wahrnehmung dar. Denn die politisch Verantwortlichen sowohl in Bonn als auch in Ost-Berlin registrierten recht genau wirtschaftliche Erfolge oder Krisenerscheinungen auf der jeweils anderen Seite und bezogen diese Analysen in die eigenen Entscheidungen mit ein. Vor allem machte sich die Bevölkerung in beiden deutschen Staaten ein Bild von den materiellen Lebensverhältnissen und Sozialleistungen im jeweils anderen Deutschland. Ohne Zweifel bedingte die wechselseitige Wahrnehmung wirtschaftspolitische Entscheidungen, etwa wenn zu Beginn der 1960er Jahre führende SED-Funktionäre um Walter Ulbricht unter dem Eindruck des westdeutschen Wirtschaftsaufschwungs sowie der eigenen ökonomischen Unzulänglichkeit eine grundlegende Reform in die Wege leiteten.

Damit wird deutlich, dass die Bundesrepublik und die DDR wirtschaftlich getrennt, zugleich aber auch verbunden und aufeinander bezogen waren.12 Diesem spannungsbehafteten Sachverhalt trägt das Konzept der nachfolgenden Abhandlung Rechnung. Sie beschreibt und analysiert die Wirtschaftsentwicklung beider deutscher Staaten als separate, dennoch miteinander korrespondierende Pfade. Dabei kommt immer wieder der historische Vergleich zum Tragen, was der ideologisch-politischen und ökonomischen Konkurrenzsituation zwischen der DDR und der Bundesrepublik Rechnung trägt.13 Einschränkend sei angemerkt, dass ein quantifizierender Wirtschaftsvergleich aufgrund der statistischen Datenbasis generell schwierig und im Rahmen dieser Studie nur in Ansätzen zu leisten ist.14

Darstellung und Analyse beziehen ausführlich die Besatzungszeit 1945 bis 1949 ein. In jenen vier Jahren stellten alliierte und deutsche Verantwortliche etliche ordnungspolitische Weichen, die den weiteren Gang der Entwicklung beeinflussten. Zwei weitere Aspekte finden in der folgenden Darstellung größere Beachtung. Zum einen sind das internationale bzw. weltwirtschaftliche Faktoren, die das ökonomische Geschehen in beiden deutschen Staaten maßgeblich beeinflussten.15 In dem Zusammenhang ist beispielsweise die in den 1950er Jahren initiierte Wirtschaftsintegration Westeuropas, der Zusammenbruch des Weltwährungssystems von Bretton Woods 1971/73, die globale Wirtschaftskrise der 1970er Jahre oder die sich abzeichnende internationale Schuldenkrise sozialistischer Staaten um 1980 zu nennen. Zum anderen rücken ökologische Implikationen einer modernen Industriewirtschaft stärker ins Blickfeld der Ausführungen. Sowohl liberale Marktwirtschaften als auch sozialistische Planwirtschaften waren wachstumsfixiert, beuteten im Zuge der sogenannten »großen Beschleunigung« (great acceleration) ab den 1950er Jahren in bis dahin nicht gekannter Dimension natürliche Ressourcen aus und belasteten die Umwelt mit Schadstoffen.16 Zwei Jahrzehnte später diskutierte eine transnationale Öffentlichkeit sehr kritisch diesen gedankenlosen, vorrangig profitorientierten Umgang mit dem ökologischen Erbe.17 In beiden deutschen Gesellschaften prägte der aufkommende Umweltdiskurs das wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Geschehen in erkennbarer, gleichwohl unterschiedlicher Weise. Während die bundesdeutsche Demokratie die Öko-Bewegung konstruktiv integrierte und mit den Grünen eine neue Partei hervorbrachte, behinderte die sozialistische Diktatur entsprechende Initiativen in ihrer Arbeit. Am Ende eines langen Tages bildeten Umweltgruppen einen wichtigen Teil der Opposition, die den Untergang des SED-Regimes mit herbeiführte.

Endnoten

1Martin Thunich: Käfer und Trabi – Ikonen auf Rädern, in: Christoph Kleßmann/Peter Lautzas (Hgg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte, Bonn 2005, S. 192 – 215, S. 192.

2Ina Merkel: Der Trabant, in: Martin Sabrow (Hg.), Erinnerungsorte der DDR, München 2009, S. 363 – 373.

3In diesem Sinne beispielsweise Jörg Roesler: Die Bundesrepublik und die DDR. Ungleiche Konkurrenten im Wettbewerb der Systeme, in: Christoph Lorke/Rüdiger Schmidt (Hgg.), Der Zusammenbruch der alten Ordnung? Die Krise der sozialen Marktwirtschaft und der neue Kapitalismus in Deutschland und Europa, Stuttgart 2020, S. 169 – 190.

4Prominent vertreten von Christoph Buchheim: Die Wirtschaftsordnung als Barriere des gesamtwirtschaftlichen Wachstums in der DDR, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 82 (1995), S. 194 – 210; André Steiner: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, Bonn 2007, S. 7; Werner Abelshauser: Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart, 2. Aufl., München 2011, S. 404 – 407.

5Hierzu maßgeblich André Steiner: Die DDR-Wirtschaftsreform der sechziger Jahre. Konflikt zwischen Effizienz und Machtkalkül, Berlin 1999; André Steiner: Zwischen Konsumversprechen und Innovationszwang. Zum wirtschaftlichen Niedergang der DDR, in: Konrad H. Jarausch/Martin Sabrow (Hgg.), Weg in den Untergang. Der innere Zerfall der DDR, Göttingen 1999, S. 153 – 192.

6Hierzu u. a. Tim Schanetzky: Die große Ernüchterung. Wirtschaftspolitik, Expertise und Gesellschaft in der Bundesrepublik, Berlin 2007; Andreas Wirsching: »Neoliberalismus« als wirtschaftspolitisches Ordnungsmodell? Die Bundesrepublik Deutschland in den 1980er Jahren, in: Werner Plumpe/Joachim Scholtyseck/Florian Burkhardt (Hgg.), Der Staat und die Ordnung der Wirtschaft. Vom Kaiserreich bis zur Berliner Republik, Stuttgart 2012, S. 139 – 149; kritisch zum »Neoliberalismus« als analytische Kategorie Ralf Ahrens/André Steiner: Wirtschaftskrisen, Strukturwandel und internationale Verflechtung, in: Frank Bösch (Hg.), Geteilte Geschichte. Ost- und Westdeutschland 1970 – 2000, Göttingen 2015, S. 79 – 115.

7Differenzierende und kritische Anmerkungen zum Konzept des Drei-Sektoren-Modells und des darauf bezogenen Strukturwandels bietet Jan-Otmar Hesse: Ökonomischer Strukturwandel. Zur Wiederbelebung einer wirtschaftshistorischen Leitsemantik, in: Geschichte und Gesellschaft 39 (2013), S. 86 – 115.

8Zum Konzept der creative destruction Josef Schumpeter: Capitalism, Socialism, and Democracy, New York 1942, S. 134 – 142.

9Dierk Hoffmann: Ölpreisschock und Utopieverlust. Getrennte Krisenwahrnehmung und -bewältigung, in: Udo Wengst/Hermann Wentker (Hgg.), Das doppelte Deutschland. 40 Jahre Systemkonkurrenz, Berlin 2013, S. 213 – 234.

10Jens Gieseke: Auf der Suche nach der schweigenden Mehrheit Ost. Die geheimen Infratest-Stellvertreterbefragungen und die DDR-Gesellschaft 1968 – 1989, in: Zeithistorische Forschungen 12 (2015), S. 66 – 97, S. 95.

11Werner Abelshauser: Zur Entstehung der »Magnet-Theorie« in der Deutschlandpolitik. Ein Bericht von Hans Schlange-Schöningen über einen Staatsbesuch in Thüringen im Mai 1946, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 27/4 (1979), S. 661 – 679.

12So auch die programmatischen Überlegungen von Christoph Kleßmann: Spaltung und Verflechtung – Ein Konzept zur integrierten Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1990, in: ders./Lautzas (Hgg.), Teilung und Integration, S. 20 – 37.

13Konzeptionelle Überlegungen u. a. bei Johannes Bähr: Institutionenordnung und Wirtschaftsentwicklung. Die Wirtschaftsgeschichte der DDR aus Sicht des zwischendeutschen Vergleichs, in: Geschichte und Gesellschaft 25 (1999), S. 530 – 555, S. 534 – 538.

14Hierfür lassen sich mehrere Argumente anführen: abweichende bzw. wechselnde Praktiken der Datenerhebung, unterschiedliche Aussagekraft von Preisen und Währungsrelationen, politische Einflussnahmen auf die amtliche DDR-Wirtschaftsstatistik, unterschiedliche Produktqualität u. a. m.; ausführlich Burghard Ciesla: Hinter den Zahlen. Zur Wirtschaftsstatistik und Wirtschaftsberichterstattung in der DDR, in: Alf Lüdtke/Peter Becker (Hgg.), Akten, Eingaben, Schaufenster. Die DDR und ihre Texte. Erkundungen zu Herrschaft und Alltag, Berlin 1997, S. 39 – 55; Hannsjörg F. Buck: Die DDR-Statistik: Manipulation zur Festigung der Diktatur, in: Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik 77/3 (1998), S. 56 – 62; Hans-Jürgen Wagener: Anschluss verpasst? Dilemmata der Wirtschaft, in: Helga Schultz/ders. (Hgg.), Die DDR im Rückblick. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Berlin 2007, S. 114 – 134, S. 122; Albrecht Ritschl/Mark Spoerer: Das Bruttosozialprodukt in Deutschland nach den amtlichen Volkseinkommens- und Sozialproduktstatistiken 1901 – 1995, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 27/2 (1997), S. 27 – 54, S. 34 – 36; Gerhard Heske: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung DDR 1950 – 1989. Daten, Methoden, Vergleiche, Köln 2009; die gesamte Problematik knapp zusammengefasst bei André Steiner: Die DDR-Statistik: Probleme und Besonderheiten, in: Thomas Rahlf (Hg.), Deutschland in Daten. Zeitreihen zur historischen Statistik, 2. Aufl., Bonn 2022, S. 13 – 17.

15Stellvertretend und aktuell Werner Plumpe: Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution, Berlin 2019; eine andere, in Teilen konträre Sichtweise bei Friedrich Lenger: Der Preis der Welt. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus, München 2023.

16Christian Pfister (Hg.): Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft, Bern 1995.

17Patrick Kupper: Die »1970er Diagnose«. Grundsätzliche Überlegungen zu einem Wendepunkt der Umweltgeschichte, in: Archiv für Sozialgeschichte 43 (2003), S. 325 – 348.

2 Aufbruch (1945–1949): Wirtschaftlicher Neubeginn und ordnungspolitische Weichenstellungen

2.1 »Auferstanden aus Ruinen ...«Die wirtschaftliche Ausgangslage im Jahr 1945

Die ersten Worte der DDR-Nationalhymne, verfasst von Johannes R. Becher, gaben das Grundmotiv der gesamtdeutschen Nachkriegserzählung vor: »Auferstanden aus Ruinen ...«1 Tatsächlich glichen bei Kriegsende im Mai 1945 zahlreiche deutsche Mittel- und Großstädte Ruinenlandschaften. Rund die Hälfte des urbanen Wohnungsbestands galt als zerstört, vielerorts war die Strom-‍, Gas- und Wasserversorgung zusammengebrochen. Massive Bombenschäden am Schienen- und Straßennetz brachten den regionalen wie überregionalen Personen- und Warentransport beinahe vollständig zum Erliegen. In den Fabriken standen die Maschinen größtenteils still. Millionen Flüchtlinge und Vertriebene strömten aus den östlichen Gebieten in die Mitte und in den Westen des Reichs, auf der Suche nach Sicherheit und einem Dach über dem Kopf. Knapp bemessene Lebensmittel-‍, Hygieneartikel-‍, Kleider- und Brennstoffkarten teilten Güter des täglichen Bedarfs zu, wobei keineswegs eine Garantie auf deren tatsächliche Ausgabe bestand. In Ergänzung der »Rationen-Gesellschaft«2 blühte allerorts der Schwarzmarkt, auf dem Händler ihre begehrten Waren zu horrenden Preisen anboten. Rasch verlor die zerrüttete Reichsmark (RM) als Zahlungsmittel an Akzeptanz, verdrängt von der Ersatzwährung »Zigaretten«.3

Angesichts des allgemeinen Chaos war ein geregeltes Wirtschaftsleben kaum mehr gegeben. Auch der Gedanke an einen baldigen wirtschaftlichen Aufbruch erschien unrealistisch, zumal weitere ökonomische Bürden auf dem Deutschen Reich lasteten. Hierzu zählten die Gesamtschuld der öffentlichen Haushalte in Höhe von 452 Mrd. RM, was dem Fünffachen des jährlichen Bruttoinlandsprodukts entsprach, sowie das beschlagnahmte oder gar dauerhaft enteignete deutsche Auslandsvermögen. Plausible Schätzungen veranschlagen den Wert der verlorenen Industriebeteiligungen, Betriebsstätten, Patente, Warenzeichen u. a. m. auf rund 12,5 Mrd. RM.

Das hier skizzierte Bild vom in Schutt und Asche liegenden Deutschland, von der deutschen »Zusammenbruchsgesellschaft«4, dominiert bis heute die kollektive Erinnerung – festgehalten u. a. auf zahllosen ikonischen Schwarz-Weiß-Fotografien zerstörter Innenstädte. Aber dieses Bild führt nur eine Seite der Medaille vor Augen und lässt die Frage offen, wie eigentlich die von Johannes R. Becher beschworene »Auferstehung aus Ruinen« gelingen konnte. Die Antwort findet sich auf der anderen Medaillenseite. Sie zeigt weitaus weniger in Mitleidenschaft gezogene ländliche Gemeinden und wohlhabende Villenbezirke am Rande der Großstädte. Für viele Experten überraschend war der hohe Anteil immer noch funktionstüchtiger Industrieanlagen. Derzeit geht die Forschung davon aus, dass alliierte Bombenangriffe und Bodenkämpfe gerade einmal 15–20 % der 1944 vorhandenen industriellen Produktionskapazitäten zerstört hatten.5 Selbst Schlüsselbranchen wie der Steinkohlebergbau und die Schwerindustrie überdauerten die Militärschläge erstaunlich unbeschadet. Angesichts umfangreicher Investitionen während des Zweiten Weltkriegs darf man annehmen, dass die deutschen Fabriken im Mai 1945 grosso modo sogar moderner und leistungsfähiger als vor 1939 waren.6 Zudem stand trotz der immensen Zahl an Kriegsopfern ein beachtliches Angebot qualifizierter, motivierter und billiger Arbeitskräfte bereit. Es speiste sich aus den zehn bis zwölf Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen. Somit verfügte insbesondere die deutsche Industrie über zwei wichtige Voraussetzungen für das erfolgreiche »Auferstehen aus Ruinen«, nämlich funktionstüchtige Produktionsanlagen und geeignetes Personal. Weitere Faktoren wie das eingespielte, vom NS-Regime übernommene Bewirtschaftungssystem, betriebliche Materialreserven sowie die weitgehend intakte Landwirtschaft begünstigten ebenfalls den wirtschaftlichen Aufbruch nach dem Krieg. Aus ökonomischer Perspektive hat es die vielzitierte »Stunde Null« so nicht gegeben.

Gleichwohl war der Aufstieg nach Kriegsende kein Selbstläufer, ließ er doch einige Jahre auf sich warten. Wenn die deutsche Volkswirtschaft bis Mitte 1947 nur mühsam Tritt fasste, lag das vor allem am infrastrukturellen Knockout, den alliierte Bomben, Bodengefechte und deutsche Selbstzerstörungsaktionen während der späten Kriegsphase bewirkt hatten. Das Eisenbahnnetz, Rückgrat des Binnenverkehrs, wies schwere Schäden auf. Betroffen waren vor allem neuralgische Punkte wie Bahnhöfe, Stellwerke, Brücken und Tunnel. Allein die dicht besiedelte Britische Besatzungszone verfügte nur noch über 1000 befahrbare Streckenkilometer bei einem Gesamtschienennetz von 13.000 Kilometern. Gesunkene Lastkähne sowie zerstörte Hafen- und Schleusenanlagen blockierten die für Massenstückgut-‍, Kohle- und Kiestransporte unerlässlichen Wasserwege. Auch Fernstraßen und Flughäfen waren erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Hinzu kam ein eklatanter Mangel an Lokomotiven und Güterwaggons, an Lkw, an Ersatz- bzw. Verschleißteilen wie Reifen. Derart widrige Umstände erschwerten sowohl die Versorgung von Fabriken mit Rohstoffen und Vormaterialien als auch die Auslieferung der hergestellten Güter an die Kunden. Volkswirtschaftlich besonders katastrophal wirkten sich die mangelnden Transportkapazitäten beim wichtigsten Primärenergieträger Steinkohle aus. Während auf den Betriebsgeländen der Ruhrzechen die Kohlehalden wuchsen, erwarteten die Fabriken sehnlichst die Anlieferung des »schwarzen Goldes«. Soviel war klar, ohne die zügige Wiederherstellung der Infrastruktur würde ein dynamischer, überregionaler Wirtschaftskreislauf schwerlich in Gang kommen. Ein weiterer Grund für die zögerliche Wiederbelebung der Wirtschaft war die Ungewissheit der politischen und ökonomischen Zukunft Deutschlands. Bekanntlich schieben Unternehmen in unsicheren Zeiten kostspielige Investitionen eher auf die lange Bank.

Zu Kriegende befand sich die Sowjetische Besatzungszone im Vergleich zu den drei Westzonen in mehrerer Hinsicht in einer günstigeren Ausgangslage. Beispielsweise hatte der Industrialisierungsgrad Mitteldeutschlands vor 1939 – wenn auch nur geringfügig – über dem des westlichen Reichsgebiets gelegen. Hier ansässige Hightech-Branchen wie die Elektroindustrie, die feinmechanische und optische Industrie sowie der Fahrzeug- und Maschinenbau verzeichneten im Zuge der ab 1936 forcierten Aufrüstung überdurchschnittlich hohe Investitions-‍, Produktivitäts- und Produktionszuwächse. Diese Entwicklung lockte qualifizierte Fachkräfte in großer Zahl an, eine wichtige Basis für den späteren Wiederaufbau. Zudem wies die kriegsbedingte Zerstörungsquote der Industrieanlagen mit geschätzten 16 % einen niedrigeren Wert auf als die für den Westen des Reichs berechnete Quote von 22 %. Die mitteldeutschen Fabriken beherbergten daher 1945 einen vergleichsweise modernen und intakten Maschinenpark. Auch muss die Ernährungssituation in der SBZ als relativ gut eingeschätzt werden, galt die SBZ doch im Gegensatz zu den anderen Besatzungszonen als Agrarüberschussgebiet. Umfangreiche Kalivorkommen sicherten zudem die wichtige Düngemittelproduktion.

Diese Umstände erklären, weshalb sich die SBZ-Wirtschaft während der ersten beiden Nachkriegsjahre in einer stärkeren Verfassung als die westzonale Wirtschaft präsentierte. Zudem scheinen die frühen dirigistischen Lenkungspraktiken von Sowjetischer Militäradministration (SMAD) und deutschen Zentralverwaltungen die vorhandenen ökonomischen Potenziale rascher aktiviert zu haben, als das im Westen der Fall war. Allerdings verlor die SBZ seit 1948 im zonalen Vergleich rasch an Boden (▸ Tab. 1). Die Industrieproduktion erholte sich erkennbar langsamer als im Westen, und die neugegründete DDR sollte geschätzt nur knapp die Hälfte des bundesdeutschen BIP-Wertes pro Kopf erwirtschaften.

Tab. 1:Industrieproduktion in den Besatzungszonen, 1945–1949 (1936 = 100)

Jahr

Sowjetische Besatzungszone

Bizone

Französische Besatzungszone

1946

44

34/41*

36

1947

54

44

45

1948

60

63

58

1949

68

86

78

*) Werte der britischen/amerikanischen Besatzungszone vor ihrer Fusion zur Bizone am 1. Januar 1947.Quelle: Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, S. 107.

Als mögliche Ursachen für diese eklatante Schwäche gelten folgende Faktoren:

Das alliierte Besatzungsregime, insbesondere die teilungsbedingten zonalen Disproportionen, lähmte im Zusammenspiel mit weitreichenden sowjetischen Reparationsforderungen den SBZ-Wiederaufbau stärker als jenen der Westzonen.

Die US-amerikanischen und britischen Hilfsprogramme übertrafen sowjetische Initiativen bei Weitem, verbesserten daher spätestens seit 1948 die ökonomischen Perspektiven der drei Westzonen. Dagegen bremste ein eklatanter Rohstoffmangel die Industriebetriebe in der SBZ aus; seinetwegen lag im Krisenjahr 1948 ein Drittel aller Produktionskapazitäten brach. Angemessene Rohstofflieferungen aus der Sowjetunion blieben weitgehend Fehlanzeige.

Die massenhafte Abwanderung von Unternehmen, Firmeninhabern und gutausgebildeten Fachkräften aus der SBZ nach Westen wirkte sich nachteilig auf Ostdeutschland aus.

Die ordnungspolitischen Weichenstellungen in Richtung Soziale Marktwirtschaft einerseits und sozialistische Zentralplanwirtschaft andererseits dürften mittel- und langfristig höhere Dynamisierungseffekte innerhalb der drei Westzonen nach sich gezogen haben.

Gleiches gilt für die – wenn auch zögerlich einsetzende – arbeitsteilige Einbindung der Westzonen in die wirtschaftlich leistungsstarke westliche Staatengemeinschaft. Vergleichbare Effekte vermochte die SBZ aus ihrer Hinwendung zum eher rückständigen Ost‍(mittel)‌europa – löbliche Ausnahme war die Tschechoslowakei – nicht zu erzielen.

Die Besatzungsjahre 1945 bis 1949 sind als formative Phase der deutsch-deutschen Wirtschaftsgeschichte aufzufassen. Während dieses Zeitfensters gelang nicht nur die Beseitigung der ärgsten Kriegsschäden und die physische Existenzsicherung, vor allem wurde die jeweilige Wirtschaftsordnung zumindest in ihren Grundzügen etabliert. Außerdem zeichneten sich angesichts des heraufziehenden Kalten Kriegs erste Schritte zur außenwirtschaftlichen West- bzw. Ostintegration ab. Die beiden letztgenannten Faktoren generierten eine Pfadabhängigkeit, welche die weitere ökonomische und auch politische Entwicklung Ost- und Westdeutschlands maßgeblich bestimmen sollte. Denn sie schränkte die Entscheidungsspielräume für die Verantwortlichen in Bonn und Ost-Berlin ein.

2.2 Das alliierte Besatzungsregime:Teilung, Reparationen, Aufbauhilfen

2.2.1 Die Einrichtung der vier Besatzungszonen

Mit der Berliner Deklaration vom 5. Juni 1945 übernahmen die vier Siegermächte offiziell die oberste Regierungsgewalt auf dem Gebiet des Deutschen Reichs. Zugleich gaben sie dessen Aufteilung in vier Besatzungszonen bekannt. In der Reichshauptstadt Berlin richteten sie analog dazu vier Besatzungssektoren ein. Weitere territoriale Regelungen dokumentierte das Potsdamer Abschlussprotokoll vom 2. August 1945,7 unterzeichnet von den Siegermächten USA, Großbritannien und UdSSR; Frankreich stimmte wenige Tage später zu.

Abb. 1:Zeitgenössische Karte des besetzten Deutschen Reiches, 1945.

Die Regelungen betrafen die Abtrennung der Reichsgebiete östlich von Oder und Neiße. Zusammen mit der Ausgliederung des Saarlandes 1946 verlor Deutschland nicht nur ein Viertel seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche, sondern auch bedeutsame Bergbau- und Schwerindustrieregionen. Auch wirkte sich die neue Zonenordnung ökonomisch äußerst nachteilig aus. Denn sie schränkte den Binnenhandel nahezu völlig ein, was die räumlich hochgradig verflochtene deutsche Volkswirtschaft lähmte.

Die SBZ litt in doppelter Hinsicht unter teilungsbedingten Disproportionen.8 Zum einen war sie als kleineres Gebiet weitaus stärker auf den Handel mit dem größeren Westdeutschland angewiesen als umgekehrt. Spätestens seit die amerikanische und britische Zone Anfang 1947 zum Vereinigten Wirtschaftsgebiet (Bizone) und formal im April 1949 mit der französischen Zone zur sogenannten Trizone fusionierten, agierte die SBZ aus einer schwächeren Position heraus (▸ Tab. 2).

Tab. 2:Prozentualer Anteil der interzonalen Lieferungen/Bezüge am jeweiligen BIP zwischen den Westzonen, der SBZ, den Ostgebieten und mit dem Ausland, 1936

Lieferungen/‌Bezüge

Westzonen

SBZ

Ostgebiete

Interzonale Lieferungen

18

43

43

Interzonale Bezüge

13

45

39

Importe

12

8

10

Exporte

13

11

5

Quelle: Baar/Karlsch/Matschke, Kriegsschäden, Demontagen und Reparationen, S. 896.

Zum anderen verstärkte die unausgewogene Wirtschaftsstruktur Mitteldeutschlands Abhängigkeit vom Warenaustausch mit dem Westen. Zwar verfügte die SBZ über eine leistungsstarke, mittelständisch geprägte Fertigwarenindustrie, vorrangig beheimatet in Sachsen, Thüringen und Ost-Berlin. Dabei sind der Maschinen-‍, Fahrzeug- und Flugzeugbau, die Büromaschinenfertigung sowie die optische und Elektroindustrie hervorzuheben. Aber deren Hauptabsatzmarkt lag im bevölkerungsreichen Westdeutschland. Und je weiter die deutsche Teilung voranschritt, umso schwieriger wurde es, die dort ansässigen Kunden zu halten. Umgekehrt benötigte man Zulieferungen aus dem Westen für die eigenen Fertigprodukte. Das betraf selbst so alltägliche Gebrauchsgegenstände wie Fahrräder. Da auf dem Gebiet der SBZ kein einziger Kettenspezialist beheimatet war, hätte im Falle eines Lieferstopps deren Produktion eingestellt werden müssen.

Auch in der Chemiebranche wird deutlich, wie sehr die SBZ auf ein reibungsloses Funktionieren der vormaligen reichsdeutschen Wirtschaftseinheit angewiesen war. So lieferte das mitteldeutsche Chemiedreieck Halle–Merseburg–Bitterfeld Grundstoffe wie Chlor oder Ammoniak nach Westdeutschland, bezog umgekehrt chemische Produkte höherer Verarbeitungsstufen (u. a. Farbstoffe, Kunstfasern) von Herstellern aus dem Rheinland. Bei der Weiterverarbeitung zeigten sich ebenfalls derartige Verflechtungen. Synthesekautschuk aus Buna etwa verarbeiteten westliche Firmen wie Continental zu Autoreifen und lieferten sie zurück in die SBZ, wo entsprechende Fertigungsstätten fehlten. Solche Ost-West-Wertschöpfungsketten stellten angesichts wachsender politischer Spannungen, einhergehend mit Einschränkungen im Interzonenhandel bis hin zu seiner Unterbrechung 1948/49, eine empfindliche Schwachstelle der SBZ-Wirtschaft dar.9

Als noch problematischer erwies sich der Umstand, dass in Mitteldeutschland die für den Wiederaufbau unerlässlichen Roh- und Grundstoffe Steinkohle, Eisen und Stahl in nur unzureichenden Mengen gefördert bzw. produziert wurden. Das war die eigentliche Achillesferse der SBZ-Wirtschaft. Bei der Steinkohle verfügte sie über den vernachlässigbaren Anteil von 1,9 % an der reichsweiten Förderung des Jahres 1936, die entsprechenden Werte für Roheisenproduktion (1,2 %), Rohstahl (7,7 %), Eisen- und Stahlguss (18 %) sowie Walzwerkerzeugnisse (6,6 %) unterstreichen die dramatische Schwäche der SBZ-Wirtschaft bei diesen Gütern. Das nahegelegene oberschlesische Bergbau- und Industrierevier, eine traditionelle Bezugsregion, stand seit Kriegsende unter polnischer Verwaltung und fiel als Lieferant erst einmal aus. Immerhin konnten im Rahmen des Ende 1945 anlaufenden Interzonenhandels dringend benötigte Steinkohle-‍, Eisen- und Stahlkontingente aus dem Ruhrgebiet bezogen werden. Aber die im Jahr 1947 erhaltenen 1,6 Mio. Tonnen Steinkohle reichten bei Weitem nicht an die Vorkriegswerte in Höhe von 7,5 Mio. Tonnen pro Jahr heran.

Wichtigster Primärenergieträger in der SBZ war die energetisch minderwertige, ökonomisch wie ökologisch problematische Braunkohle. Zwar bedeutete ihr Anteil von rund 70 % an der gesamtdeutschen Braunkohleförderung energiewirtschaftliche Versorgungssicherheit; ihre Nutzung stand aber im Verbund mit der Braunkohleveredelung auch für raumgreifenden Landschaftsverbrauch sowie gesundheitsgefährdende Grundwasser- und Luftverschmutzung. Auf lange Sicht sollte das schiefgehen. Denn nicht zuletzt die katastrophale Umweltsituation bestärkte gegen Ende der DDR oppositionelle Gruppen in ihrer fundamentalen Regimekritik.

Verglichen mit der SBZ/DDR verfügte Westdeutschland über ein ausgewogeneres Industrieprofil und war nur bedingt auf den Handel mit der SBZ angewiesen. Vor allem die gewaltigen Steinkohlevorkommen – ca. 87 % der deutschen Vorkriegsförderung – stellten im Verbund mit der Eisen- und Stahlproduktion den entscheidenden Pluspunkt dar. Rund 75 % der gesamtdeutschen Stahlherstellung und 90 % der entsprechenden Walzwerkerzeugung bildeten eine tragfähige Basis für den Wiederaufbau. Bei den wenigen Lücken im industriellen Branchenspektrum handelte es sich meist um Leichtindustrien mit geringem Technologie- und Kapitalbedarf; sie konnten relativ einfach neu aufgebaut werden. Das betraf beispielsweise den Textilmaschinenbau oder die Radioherstellung.

Im Sommer 1948 trat die ökonomische Machtasymmetrie zwischen der sich anbahnenden Trizone und der SBZ offen zutage. Als Reaktion auf die sowjetische Blockade West-Berlins verhängte die Trizone einen Interzonenhandelsboykott bis zum Mai 1949, was erhebliche Produktionsstörungen in Ostdeutschland hervorrief.10 Nachteilige Folgen für die eigene Wirtschaft blieben hingegen überschaubar, weil wegbrechende SBZ-Lieferungen meist aus westlichen Nachbarstaaten besorgt werden konnten. Generell sollte sich die Anbindung an das industriell hochentwickelte Westeuropa und Nordamerika als kaum zu überschätzender Vorteil erweisen.

In den folgenden Jahren versuchte das SED-Regime, seine Abhängigkeit von Westdeutschlands Ökonomie auf zweierlei Weise zu reduzieren. Erstens stärkte es gezielt die schwach vertretene Eisen- und Stahlindustrie, beispielsweise durch große Neubauprojekte wie das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) nahe Fürstenberg a. d. Oder, dem heutigen Eisenhüttenstadt. Damit folgte man zugleich sowjetischen Industrialisierungsvorgaben. Allerdings verschlangen diese – oftmals ineffizienten – Fabriken riesige Investitionssummen, die dann anderen Branchen fehlten. So klagte insbesondere die Konsumgüterindustrie jahrelang über ihre Vernachlässigung seitens der zentralen Planung. Zweitens suchte man nach neuen Handelspartnern im Lager der sozialistischen Verbündeten. Die politisch bedingte Neuausrichtung der Außenwirtschaftsbeziehungen nach Osteuropa erwies sich jedoch als problematisch, weil die dortigen Kooperationspartner zu selten über das erforderliche technische Knowhow, die gewünschten Qualitätsstandards oder die notwendigen Lieferkapazitäten verfügten. Zwar gelang es der DDR, ihre ökonomische und technologische Abhängigkeit von Westdeutschland über die Jahre zurückzufahren. Auf lange Sicht aber litt ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit unter den ergriffenen Maßnahmen.

2.2.2 Vorteil West, Nachteil Ost – die Reparationsauflagen der Besatzungsmächte

Gleich einem Damoklesschwert schwebten nach Kriegsende alliierte Reparationsforderungen über der deutschen Volkswirtschaft. Bei Lichte betrachtet war von den Alliierten kaum Nachsicht zu erwarten, hatte doch das Deutsche Reich weite Teile Europas mit einem Angriffskrieg überzogen und seinerseits rücksichtslos ausgeplündert. Schwer lastete zudem die Verantwortung für unzählige Kriegsverbrechen sowie für den millionenfachen Mord an Juden oder auch an Roma und Sinti.

Wie hoch die Reparationen tatsächlich ausfallen würden, blieb einstweilen ungewiss. Die einschlägigen Erfahrungen nach dem Ersten Weltkrieg gaben ebenso wenig Anlass zur Hoffnung auf eine milde Behandlung wie jene Gerüchte, nach denen die Siegermächte einen »Karthagofrieden«11 ins Auge gefasst hätten. Auch der berüchtigte »Morgenthauplan« – salopp ausgedrückt sah er das künftige Deutschland als einen riesigen Acker – befeuerte Existenzängste und Ungewissheit. Gerade aber Unsicherheit über künftige Perspektiven ist Gift für jede Volkswirtschaft, weil Unternehmen in einer solchen Situation keine strategischen Investitionsentscheidungen treffen.

Ursprünglich verfolgte das alliierte Besatzungsregime vier ökonomische Hauptziele. Erstens sollten umfangreiche Demontagen rüstungsrelevanter Industrieanlagen Deutschland daran hindern, erneut einen Krieg vom Zaun zu brechen. Diese Zielsetzung trug den Sicherheitsinteressen der Sowjetunion und Frankreichs, aber auch denjenigen anderer europäischer Staaten Rechnung. Zweitens stärkten Demontagen von Industrieanlagen, die nicht im engeren Sinne zur Rüstungswirtschaft zählten, sowie weitere Reparationsleistungen (z. B. Auslieferung der Handelsflotte) die Volkswirtschaften der Besatzungsmächte. In gewissem Sinne stellten sie eine Wiedergutmachung für die von Deutschland zu verantwortenden materiellen und immateriellen Schäden dar. Drittens aber wollten die Siegermächte vermeiden, dass Deutschland langfristig auf ihre Unterstützung angewiesen bliebe. Vielmehr sollte allen Reparationslasten zum Trotz genügend Entwicklungsspielraum verbleiben, damit es aus eigener Kraft existieren könne. Und viertens befürworteten die Alliierten im Potsdamer Abschlusskommuniqué vom 2. August 1945 ausdrücklich eine Behandlung der vier Besatzungszonen als Wirtschaftseinheit, um sie dereinst wieder zu einem deutschen Staat zusammenführen zu können.12

Doch obwohl die Siegermächte im Sinne des letztgenannten Punkts möglichst einheitliche Reparationskonzepte wünschten, zeichneten sich bald voneinander abweichende Praktiken ab. Eingedenk der Millionen Opfer, schwerster Kriegsschäden und eines nachvollziehbaren Sicherheitsbedürfnisses verfolgte die Sowjetunion einen harten Kurs. Auch Frankreich, das knapp fünf Jahre unter deutscher Besatzung gelitten hatte, plädierte für hohe Reparationen.13 Großbritannien und die USA hingegen standen für eine eher gemäßigte Linie, um das Überleben der deutschen Bevölkerung und den anstehenden Wiederaufbau nicht zu gefährden. Insbesondere London wollte mit Blick auf die eigene schwierige Situation unter allen Umständen vermeiden, dass die von ihm verwaltete Besatzungszone allzu lange am Tropf britischer Hilfslieferungen hing. Die US-Regierung wiederum wünschte schon bald ein ökonomisch stabiles Westdeutschland als Handelspartner, nicht zuletzt zum Wohle der eigenen Wirtschaft.

Die umfangreichsten Reparationsforderungen erhob die Sowjetunion, die sie mehrheitlich aus ihrer Besatzungszone eintrieb. Das Maßnahmenspektrum umfasste

sogenannte »Trophäenaktionen«,14

Demontagen von Fabrikanlagen,

Entnahmen aus der laufenden Produktion,

Beschlagnahmung von Auslandsvermögen, Patenten und Warenzeichen,

Dienst- und Arbeitsleistungen sowie

Besatzungskosten.

Großer Schaden, geringer Nutzen: Umfangreiche Demontagen in der SBZ»Alles auf die Räder«, lautete die Devise für insgesamt fünf Demontagewellen. Bis 1948 wurden über 3.400 hochwertige Industriebetriebe in der SBZ ganz oder teilweise abgebaut und in die Sowjetunion transportiert.15 Der damit verbundene industrielle Kapazitätsverlust – er traf vornehmlich moderne und gut ausgestattete Fabriken – belief sich auf mindestens 25 %, womöglich auf bis zu 45 %, und lag deutlich über den kriegsbedingten Einbußen. Der entsprechende Vergleichswert für die Westzonen betrug nur ein Bruchteil dessen (rund 3 %). Besonders nachteilig wirkten sich die Demontagen in der Metallurgie und metallverarbeitenden Industrie aus, da sie die ohnehin unzureichende Produktion in diesen Bereichen weiter schwächten. Ähnliches gilt für den Abbau von Schlüsselanlagen in der Chemieindustrie. Und manches Mal konnte man den Eindruck gewinnen, die eine Hand wisse nicht, was die andere tut. So ordnete die Sowjetische Militäradministration in Deutschland vereinzelt an, neu errichtete Fabriken wieder abzubauen und in die Sowjetunion zu verbringen.16 Wirklich nachvollziehbar war das nicht, weshalb Belegschaft und Bevölkerung vor Ort mit Unverständnis, ja Zorn reagierten.

Wie nachhaltig Demontagen die Wirtschaftsentwicklung beeinflussten, offenbart das Beispiel der Automobilindustrie. Während in Westdeutschland diese Branche binnen eines Jahrzehnts zu einem wichtigen volkswirtschaftlichen Schrittmacher aufsteigen sollte, verharrten die Produktionszahlen in der DDR demontagebedingt bis Mitte der 1950er Jahre auf einem Drittel des Jahres 1936. Der Aufbruch ins automobile Zeitalter verzögerte sich erheblich; wohl bei kaum einem anderen Konsumgut manifestierte sich die ökonomische Schwäche der DDR gegenüber der Bundesrepublik so augenscheinlich wie bei der Deutschen liebstem Kind.

Tab. 3:Industrieller Kapazitätsverlust in der SBZ aufgrund sowjetischer Demontagen, 1945–1948 (Schätzwerte)

Industriebranche

Industrieller Kapazitätsverlust

Automobilbau

80 %

Eisenerzeugung

75 %

Werkzeugmaschinenbau

75 %

Lokomotivbau

75 %

Elektroindustrie

66 %

Optische Industrie

66 %

Feinmechanik

50 %

Quelle: Matschke, Die industrielle Entwicklung in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, S. 195.

Geradezu absurd erscheint der berüchtigte Abbau des »zweiten Gleises« im Eisenbahnnetz, lähmte er doch auf lange Sicht das Wirtschaftsgeschehen in der SBZ/DDR. Knapp ein Drittel der Hauptstrecken, rund 6.300 Kilometer, wurden zwischen 1946 und 1948 gewissermaßen der Länge nach halbiert, was zu zeitraubenden Verwerfungen in der Logistik führte. En passant entfernten die sowjetischen Beauftragten auch technische Einrichtungen wie Stellwerke, Signalanlagen und elektrische Oberleitungen. Die neugegründete DDR verfügte nur noch über 18 % der zweigleisigen Vorkriegsstrecken und vermochte bis zu ihrem Ende die Streckenverluste nicht völlig wettzumachen.17 Da auch geschätzte 40 % aller Lokomotiven und 60 % aller Güterwaggons in Richtung Sowjetunion entschwanden, sank die Transportleistung der Reichsbahn ebenso dramatisch wie dauerhaft. Im Jahr 1946 betrug sie gerade einmal 25 % des Werts von 1936 und stieg bis zum Ende der Besatzungszeit lediglich auf 57 %. Erst Anfang der 1960er Jahre erreichte sie das Leistungsniveau der Vorkriegszeit.18 In späteren Jahren sorgten zerbröselnde Betonschwellen (»Betonkrebs«), veraltete Signaltechnik und das nur zu 30 % zweigleisige Schienennetz dafür, dass die Reichsbahn ein volkswirtschaftlicher Hemmschuh blieb. Sie galt am Ende der DDR als eine der rückständigsten Eisenbahnen Europas.19 Hingegen hatte Westdeutschland seine Transportkrise bereits 1948 weitgehend überwunden, eine wesentliche Voraussetzung für die gesamtwirtschaftliche Erholung. Der Grund: Die Westmächte sahen von vergleichbaren Eingriffen in die Verkehrsinfrastruktur ab.

Gründung Sowjetischer Aktiengesellschaften und die Entnahme aus laufender ProduktionSchon nach wenigen Monaten erkannten die sowjetischen Behörden, dass der Aufwand für die Demontagen in keinem vertretbaren Verhältnis zum wirtschaftlichen Nutzen stand, den das eigene Land aus ihnen zog. Daher gingen sie 1946 dazu über, leistungsstarke Schlüsselbetriebe des Maschinenbaus, der Elektrotechnik, des Schiffbaus, der Energiewirtschaft und der chemischen Industrie nicht zu demontieren, sondern vor Ort zu belassen und in Besitz zu nehmen. Fortan produzierten mehr als 200 Sowjetische Aktiengesellschaften (SAG) mit über 300.000 Mitarbeitern überwiegend für die Besatzungsmacht. Zu ihnen zählten Schwergewichte wie die Leunawerke (Chemie) oder der Elektrogerätehersteller Sachsenwerk Niedersedlitz in Dresden. Die Ausstattung der SAGs mit Investitionsmitteln, Rohstoffen, Vormaterialien, Energie und Arbeitskräften erfolgte vorrangig und besonders großzügig, was zulasten der übrigen Industriebetriebe, letztlich der gesamten SBZ-Volkswirtschaft ging. Zudem entzogen sich diese Unternehmen einer zentralen Planung, führten damit die entsprechenden Bemühungen der zuständigen Deutschen Wirtschaftskommission (DWK) ad absurdum. Aufs Ganze gesehen schätzen Experten den Wert der aus der laufenden Produktion entnommenen Reparationsgüter auf 2,6 Mrd. US-$ in Preisen von 1938.20 Sie fehlten der ostdeutschen Volkswirtschaft, was zuweilen sehr konkreten Niederschlag im Alltagsleben fand. Beispielsweise wanderten bei Uhren und Motorrädern acht Fabrikate von zehn in die Sowjetunion, ostdeutsche Konsumenten warteten entsprechend lange auf die begehrten Waren.

Zwar konnte die DDR mit der Zeit zahlreiche Betriebe von der UdSSR zurückkaufen, allerdings entrichtete sie hierfür die stolze Summe von umgerechnet 382 Mio. US-$. Anfang der 1950er Jahre zeichneten die 116 noch verbliebenen SAGs für 20 bis 30 % der DDR-Industrieproduktion verantwortlich. In der wichtigen Chemieindustrie betrug der entsprechende Wert sogar 55 %, in der Elektroindustrie immerhin noch 35 %.21 Erst unter dem Eindruck des herrschaftsbedrohenden Volksaufstands vom 17. Juni 1953 gab Moskau die letzten 33 SAG-Betriebe zum Nulltarif zurück, um das wankende SED-Regime zu stabilisieren. Einzig die SDAG Wismut – 1954 wurde die Rechtsform »Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft« (SDAG) mit einer 50 %-Beteiligung der DDR geschaffen – verblieb über die Deutsche Einheit hinaus bis 1991 in sowjetischer Miteigentümerschaft. Hierbei handelte es sich um ein Bergbauunternehmen, das seit 1947 als Wismut AG Uranvorkommen im Erzgebirge und Thüringer Wald abbaute. Ihr besonderer Status lag darin begründet, dass das frühe Atomwaffenprogramm der UdSSR zu einem guten Teil auf der Uranförderung der SDAG Wismut mit ihren in der Spitze bis zu 200.000 Mitarbeitern basierte.22 Volkswirtschaftlich und ökologisch lastete der Uranbergbau, eine typische Reparationsindustrie, schwer auf der SBZ/DDR; den ökonomischen und militärtechnischen Mehrwert hingegen strich die Sowjetunion ein. Das ganze Ausmaß der Umweltschäden offenbarte sich erst nach der Deutschen Einheit, als Milliardensummen in die Sanierung und Rekultivierung radioaktiv kontaminierter Areale flossen.

Sonstige ReparationsleistungenNeben der Arbeitskraft von zehntausenden deutschen Kriegsgefangenen stellte insbesondere die Zwangsverpflichtung von rund 3.000 Wissenschaftlern und Technikern eine weitere Reparationsleistung dar.23 Ihr Einsatz erfolgte vornehmlich in der sowjetischen Flugzeug- und Raumfahrtindustrie sowie im Atomwaffenprogramm. Der finanzielle Wert dieses Braindrain ist schwer zu beziffern. Aber es liegt auf der Hand, dass die große Zahl hochqualifizierter Personen gute Dienste beim Aufbau der SBZ-Wirtschaft hätte leisten können. Auch westlich des »Eisernen Vorhangs« entzog die – allerdings meist freiwillige – Verpflichtung mehrerer tausend Wissenschaftler und Ingenieure im Rahmen des US-amerikanischen Nuklear- und Raumfahrtprogramms der westdeutschen Wirtschaft wertvolles Humankapital (Operation Paperclip). Zu den nicht exakt bilanzierbaren Reparationsleistungen zählten außerdem immaterielle Posten wie Patente, Betriebsgeheimnisse oder Blaupausen. Es ist davon auszugehen, dass die Westzonen und die SBZ davon im gleichen Maße betroffen waren.