Aufbruch in Armenien - Leonidas Th. Chrysanthopoulos - E-Book

Aufbruch in Armenien E-Book

Leonidas Th. Chrysanthopoulos

4,8

Beschreibung

Als die Sowjetunion auseinanderfiel, konkurrierten Russland, die EU und die USA um die führende Rolle im Kaukasus. Ein blutiger Krieg zwischen Aserbaidschan und der Enklave Bergkarabach, die von Armeniern bevölkert war, wurde zum Mittelpunkt dieses Machtkampfes. 'EXIL IN JEREWAN' schrieb die griechische Presse über die Stationierung von Leonidas Chrysanthopoulos und seinen drei Mann Botschaftspersonal. Für ihn jedoch bedeutete dieser Posten des ersten Botschafter Griechenlands im neuen unabhängigen Armenien eine goldene Gelegenheit, eine Freundschaft zu erneuern, die so alt war wie die Geschichte. Botschafter Chrysanthopoulos, der auch die Präsidentschaft der Europäischen Union repräsentierte, erzählt die Insider-Story. Er spricht zum ersten Mal darüber, wie externe Mächte während des fehlgeschlagenen Coup d'État im Oktober 1993 in Moskau die Unabhängigkeit Armeniens bedrohten. Er beschreibt die Entwicklung der EU Politik in dieser Region und gibt Einblicke in die Arbeitsweise einzelner Regierungsführer. Der Autor erzählt von den abenteuerlichen Aspekten des Lebens eines Botschafters, von seiner diplomatischen Arbeit und den humanitären Hilfsprojekten, in die er involviert war, von seinen persönlichen Eindrücken über Kultur und Sehenswürdigkeiten, und vor allem von den Lebensumständen, unter denen die Armenier versuchten ihr Land aufzubauen.

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Aufbruch in Armenien   |   Reihe: Via Egnatia

Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2012© Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Sewastos Sampsounis, Frankfurt 2012www.groessenwahn-verlag.deAlle Rechte vorbehalten.ISBN: 978-3-942223-13-3eISBN: 978-3-942223-54-6

Leonidas Th. Chrysanthopoulos

Aufbruch in Armenien

Chronik eines Diplomaten

Aus dem Englischen vonEdit Engelmann

IMPRESSUM

Aufbruch in Armenien

Reihe: Via Egnatia

AutorLeonidas Th. Chrysanthopoulos

Erschienen 2002 beiGomidas Institute Books, Priceton, NJ, USAOriginalausgabe:›Caucasus Chronicles, Nation-Building and Diplomacy in Armenia, 1993-1994‹Der Text wurde für die deutsche Fassung mit dem Autor abgestimmt.

ÜbersetzerinEdit Engelmann

SeitengestaltungGrößenwahn Verlag Frankfurt am Main

SchriftenConstantia und Lucida Calligraphy

CovergestaltungPeter Sarowy

CoverbildOlivier Baurain: Ararat

LektoratAlexandra von Streit

Größenwahn Verlag Frankfurt am MainApril 2012

ISBN: 978-3-942223-13-3eISBN: 978-3-942223-54-6

I N H A L T

EINLEITUNG

EINE SCHWIERIGE MISSION

ARMENIEN IM JAHR 1993

DER BERGKARABACH KONFLIKT

VORBEREITUNGEN OHNE ENDE

ERSTE SCHRITTE

AGONIE IN ARMENIEN

ARMENIEN UND DIE TÜRKEI

DER BEGINN BILATERALER BEZIEHUNGEN

DIE STREITKRÄFTE VON BERGKARABAKH EROBERN AGHDAM

ARMENIEN UND DIE EUROPÄISCHE GEMEINSCHAFT

ZWISCHENSPIEL: HISTORISCHE SEHENSWÜRDIGKEITEN

DIE USA IN DER REGION

DIE GRIECHEN IN ARMENIEN

DIE GRIECHISCH-ARMENISCHEN BEZIEHUNGEN

MOSKAU-ATHEN

DIE EREIGNISSE IN MOSKAU IM OKTOBER 1993

INTERNATIONALE ANSTRENGUNGEN

EJMIADZIN: DER SITZ DES ARMENISCHEN PATRIARCHEN

ANI-GYUMRI-YAGHDAN

WIE SICH DIE LAGE IN GEORGIEN VERSCHLECHTERTE

KEIN FORTSCHRITT BEI DEN INTERNATIONALEN BEMÜHUNGEN

ZWISCHENSPIEL: VEREINTE NATIONEN

ATHEN:EIN NEUES TEAM IM AUSSENMINISTERIUM

DER WAFFENSTILLSTAND WIRD GEBROCHEN

ABENTEUER IM KAUKASUS

BUSINESS AS USUAL – WEITER GEHT’S

ARTISTISCHES ZWISCHENSPIEL

DER WINTER KOMMT, UND DIE ARBEIT GEHT WEITER

ARMENIEN BEKOMMT EINE EIGENE NEUE WÄHRUNG

DER BERGKARABAKH KONFLIKT GEHT WEITER

WINTERLICHES ZWISCHENSPIEL

ASERBAIDSCHAN ERÖFFNET DIE WINTEROFFENSIVE

EIN FRUSTRIERENDES ZWISCHENSPIEL

INTERNATIONALE ANSTRENGUNGEN FÜR WAFFENSTILLSTAND

DIE KURDEN VON ARMENIEN

OPERATION ›FLAMME DER HOFFNUNG‹

DER ATOMMEILER METZAMOR

RUSSLANDS FRIEDENSINITIATIVE SCHEITERT

LETZTES ZWISCHENSPIEL

AUF WIEDERSEHEN, ARMENIEN

QUELLENANGABEN

BIOGRAPHISCHES

Für das armenische Volk

EINLEITUNG

Dieses Buch soll an die Eröffnung und die Arbeit der ersten griechischen Botschaft in Armenien erinnern. Es dokumentiert die Rolle, die Griechenland spielte, als sich Armenien während seiner ersten Schritte als unabhängige Nation organisierte und entwickelte.

Das Buch beschreibt die 7-monatige Periode vom 17. Juli 1993 bis zum 20. Februar 1994, als ich Jerewan wieder verließ. Sieben Monate in der Geschichte eines Landes oder einer Nation sind nur ein Bruchteil einer Sekunde im Leben eines Menschen. Aber ein Bruchteil einer Sekunde ist auch ausreichend, um ein Leben zu verlieren. Sehr viel kann in den ersten sieben Monaten im Leben eines Staates geschehen, der seine Unabhängigkeit konsolidieren will. So war es auch in Armenien. In dieser Zeit eskalierte der Krieg in Bergkarabach. Auch internationale Bemühungen konnten keinen Frieden bringen. Russland, die Europäische Union und die Vereinigten Staaten befanden sich mitten in einem Machtkampf über die Dominanz in dieser Region. Externe Mächte bedrohten die Unabhängigkeit Armeniens insbesondere während der ersten Oktobertage im Jahr 1993. Die Menschen von Armenien überstanden einen extrem harten Winter. Armenien brachte eine eigene Währung heraus und vieles mehr.

In diesem Buch beschreibe ich, was ich in diesen sieben Monaten in Armenien gesehen und erlebt habe, sowohl aus meiner beruflichen als auch meiner persönlichen Perspektive. Eigentlich hatte ich niemals vor, darüber ein Buch zu schreiben. Aber es war meine Angewohnheit, mir in meinem Jahreskalender Notizen zu machen, um planen und bequem nachfassen zu können, aber auch um schnell und einfach Zugang zu Informationen zu haben, die ich im Laufe der Zeit von den Mitgliedern der armenischen Regierung gesammelt hatte. Vor ein paar Jahren blätterte ich dann diesen Jahreskalender durch und stellte fest, dass er bei weitem genug Information enthielt, um damit die spannenden ersten sieben Monate der armenischen Nation zu beschreiben. Allerdings wollte ich damit warten, bis alle seinerzeit aktiven Spieler die politische Bühne verlassen hatten. Das ist inzwischen geschehen, und somit ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen.

Die Meinungen, wie sie hier in diesem Buch geschrieben sind, sind ausschließlich meine eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise auch die Meinung der griechischen Regierung wieder.

Ich hoffe, dass diese Zeilen einen kleinen Beitrag liefern können, wenn künftige Historiker die Zeit Armeniens unmittelbar nach seiner Unabhängigkeit erforschen wollen, und dass dieser Beitrag ihnen eine Hilfe bei ihren Untersuchungen und Analysen sein kann.

Natürlich wird man mich fragen, wieso dieses Buch zuerst auf Englisch erschienen ist. Und natürlich habe auch ich zunächst überlegt, es in meiner Muttersprache auf Griechisch zu schreiben. Aber dann dachte ich mir: Wieso sollten die Armenier, denen dieses Buch gewidmet ist, auf eine englische oder armenische Fassung warten müssen?

Zu guter Letzt gibt dieses Buch auch einen kleinen Einblick in das aufregende Leben eines Diplomaten, das teilweise gefährlich sein kann – etwas, was gemeinhin weniger bekannt ist.

EINE SCHWIERIGE MISSION

Im Juli 1992 war ich gerade in Athen und machte Urlaub von meinem Posten als ministerieller Berater in Peking, als man mich davon in Kenntnis setzte, dass ich als erster griechischer Botschafter nach Armenien entsandt werden sollte. In Anbetracht der tragischen Situation des Landes und des noch stets schwelenden Konfliktes in Bergkarabach klang das nach einer Herausforderung. Ich entschloss mich, allen Angelegenheiten nachhaltig zu begegnen und zu versuchen – soweit es in meiner Kraft stand – Armenien bei seinen ersten Schritten in ein unabhängiges Land wirkungsvoll zu unterstützen.

Es war nicht das erste Mal, dass diplomatische Beziehungen zwischen Griechenland und Armenien eingerichtet wurden. Armenien war bereits zwischen 1918 und 1920 unabhängig gewesen, bevor das Land von den Bolschewiken übernommen und später als Armenische Sozialistische Sowjetrepublik eine formal eigenständige Unionsrepublik der Sowjetunion wurde. Die griechische Regierung hatte mit königlichem Dekret vom 31. August/13. September 1920 beschlossen, eine Gesandtschaft in Armenien einzurichten.1 Aber Herr Ionnis Papas konnte seinen Posten als erster griechischer Botschafter in Armenien niemals antreten, da Armenien schon vorher aufhörte, als unabhängiger Staat zu existieren und alle weiteren diplomatischen Beziehungen auf griechisch-sowjetischer Schiene geführt wurden.2 Die Aufhebung der griechischen Gesandtschaft in Armenien wurde am 9. Februar 1923 bekannt gegeben.3 Jedoch hatte Griechenland zuvor einen politischen Repräsentanten im Kaukasus, Herrn Ioannis Stravridakis, der von Venizelos im Jahr 1919 ernannt worden war. Er war am 1. Januar 1920 nach einer recht aktiven Arbeitsperiode in Tbilisi verstorben. Im September 1920 ernannte die armenische Regierung einen offiziellen Vertreter für Griechenland, Herrn Tigran Chaiyan, der auch noch während der Zeit der Sowjetrepublik bis 1925 sein Land aktiv vertrat.4

Armenien war am 23. September 1991 wieder unabhängig geworden, und Griechenland hatte die Unabhängigkeit am 31. Dezember desselben Jahres anerkannt. Der offizielle Besuch einer griechischen Delegation im neuen unabhängigen Armenien fand im Oktober 1991 statt. Der Alternative Generalsekretär des Außenministeriums, Herr Botschafter Emmanuel Megaloconomos, führte die Delegation an. Im Januar 1992 absolvierte der Außenminister Armeniens, Raffi Hovannisian, einen ersten offiziellen Besuch in Griechenland. Bei diesem Anlass wurde auch ein Protokoll unterzeichnet über die Einrichtung diplomatischer Vertretungen, eine Kooperation in wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Angelegenheiten sowie eine Zusammenarbeit in wissenschaftlichen und kulturellen Fragen.

Die griechische Botschaft in Armenien wurde per Gesetz Nummer 2080 im September 1992 beschlossen. Für mich – glücklicherweise, muss ich sagen - waren die notwendigen finanziellen Mittel zur Aufrichtung einer Botschaft nicht sofort verfügbar. Das gab mir Zeit, die ganze Angelegenheit ordentlich zu organisieren.

Noch aus Peking im August 1992 schickte ich dem Außenministerium die entsprechenden Bestellungen für alle notwendigen Materialien, die zur Eröffnung einer Botschaft unabdingbar sind. So ungefähr alles musste nach Jerewan transportiert werden: Faxmaschinen, Korrespondenzpapier, offizielle Siegel, Flaggen, tragbare Schreibmaschinen, konsularische Gegenstände und so weiter. Insgesamt sind ungefähr 50 Telegramme von Peking nach Athen gegangen, gespickt mit organisatorischen Einzelheiten hinsichtlich der Aufrichtung einer Botschaft in Jerewan.

Als nächstes musste ich eine zuverlässige Quelle in Jerewan ausfindig machen, die mir die wirklichen aktuellen Lebensbedingungen und umstände in Armenien schildern konnte. Wie ich in der allgemeinen Presse lesen konnte, war die ganze Situation dort nicht gerade vielversprechend. Von der US-Botschaft in Peking bekam ich die Telefonnummer von deren Vertretung in Jerewan. Alle telefonische Kommunikation lief via Satellit, da die lokalen Verbindungen nicht immer einwandfrei funktionierten. Nach vielen vergeblichen Versuchen hatte ich endlich Glück: Ich wurde durchgestellt und kam in Kontakt mit einer sehr kompetenten jungen Diplomatin, Ms. Rosemary Forsythe, deren Dienstzeit dort gerade endete. Ihre Beschreibung von den Lebensbedingungen in Jerewan klang trostlos.

Ms. Forsythe empfahl uns, die Botschaft im Hotel Hrazdan einzurichten, da dieses über einen Generator verfügte und uns theoretisch den ganzen Tag hindurch mit Strom versorgen konnte – auch wenn das in der Praxis nicht immer so der Fall sein sollte. Was Nahrungsmittel anging, so gab es in Jerewan keine Milch, und Fleisch war nur schwer zu finden. Die Mitglieder der US Botschaft importierten Milchpulver und Fleisch. Kohl sei das einzige in den Wintermonaten erhältliche Gemüse. Kaffee oder andere Genussmittel seien nicht vorhanden. Die Kommunikation sei problematisch, aber AT&T habe ein System eingerichtet, über das wir per Satelittentelefon auch Griechenland problemlos erreichen könnten. Der Transport per Luft sei ebenfalls problembehaftet: Die Armenian Airlines fliege zweimal pro Woche nach Moskau und einmal nach Paris. Zusätzlich gebe es einen Charterflug zweimal pro Woche nach Beirut. Zum Schluss erfuhr ich noch, dass es zwar exzellente Ärzte in Jerewan gäbe, aber keine Medikamente. Ms. Forsythe empfahl uns dringend, einen entsprechenden medizinischen Vorrat sowie Erste-Hilfe-Material aus Griechenland mitzubringen.

Der allgemeine Eindruck und Ausblick nach meinen ersten telefonischen Gesprächen mit Jerewan war furchtbar, und die Schwierigkeiten, die vor uns lagen, schienen beinahe unüberwindlich. Aber ich sagte mir: Lass es uns versuchen - es kann ja nur besser werden.

ARMENIEN IM JAHR 1993

1993 hatte Armenien in etwa eine Bevölkerung von 3,4 Millionen, davon 60.000 bis 120.000 Kurden, 51.000 Russen, 8.340 Ukrainer, 5.960 Assyrer, 2.310 Griechen und 1.500 Georgier. Vor Ausbruch des Bergkarabach Konfliktes gab es noch rund 161.000 Aserbaidschaner, die aber nach den Massakern der Armenier in Sumgait in Aserbaidschan (Februar 1988) in ihr Heimatland geflohen waren.

Der Präsident von Armenien war zum damaligen Zeitpunkt Levon Ter-Petrossian. Der Premierminister Hranz Bagratyan war im Februar 1993 seinem Vorgänger Gagik Arutiunuan ins Amt gefolgt. Der Außenminister war Vahan Papazian.

Die größten politischen Parteien im Land waren die regierende ANM (Armenische Allnationale Bewegung) und die drei althergebrachten Parteien: die ARF (Armenische Revolutionäre Föderation) oder Dashnaktsutyun, die sozialdemokratische Hunckakian Partei, die armenische Demokratische Liberale Partei oder Ramkavars und die NDU (Nationale Demokratische Union).

Die ANM war im Herbst 1987 aus einer Massenbewegung heraus entstanden und in ihren Anfängen eine Umweltbewegung gewesen. In Demonstrationen hatte sie seinerzeit in Jerewan protestiert gegen die chemische Industrie, die die Stadt verseuchte, sowie gegen den Betrieb des Atomkraftwerkes im nahe der Hauptstadt gelegenen Metzamor.5

Im Februar 1988 hatte der Sowjet der Autonomen Region Bergkarabach eine Resolution angenommen und Moskau gebeten, die autonome Region aus der Jurisdiktion Aserbaidschans in die Zuständigkeit Armeniens zu überführen. In Armenien waren umweltpolitische Fragen inzwischen durch den Bergkarabach Konflikt überlagert. Ein Bergkarabach-Komitee, bestehend aus gutbekannten sowjetarmenischen, moskaufreundlichen Intellektuellen, übernahm die Führung der Bewegung. Da diese Intellektuellen jedoch bis Mai 1988 keinerlei Probleme lösen konnten, wurden sie durch neue, unbekannte Mitglieder ersetzt: Levon Ter-Petrossian, ein Philologe und Historiker, Vazgen Manukian und Babken Rarktsian, Mathematikprofessoren der Staatsuniversität von Jerewan, der Ethnologe Hambartzum Glatsian, der Physiker Rafael Ghazarian, der Autor Vano Siradeghian sowie der Jugendaktivist der Kommunistischen Partei Ashot Manucharian und ein paar andere.6

Nach dem Erdbeben im Dezember 1988, bei dem mehr als 25.000 Menschen in Nordarmenien ihr Leben verloren hatten, wurden die Mitglieder des Bergkarabach-Komitees von den Sowjets verhaftet und in Moskau im Gefängnis festgesetzt; allerdings nur bis Juni 1989, als sie auf Grund nationalen und internationalen Drucks wieder freigelassen werden mussten. Kurz darauf institutionalisierte das Bergkarabach-Komitee seine Aktivitäten als politische Partei unter dem Namen ANM Armenische Allnationale Bewegung.7

Im Mai und Juli 1990 siegte die ANM-geführte Koalition bei den Wahlen zum Obersten Sowjet in der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Im August 1990 bildete die ANM die Regierung im sowjetischen Armenien. Ter-Petrossian wurde als Präsident des Präsidiums des Obersten Sowjets gewählt; er ernannte Vazgen Manukian als Premierminister.8

Im Sommer 1991 verabschiedete der Oberste Sowjet ein Gesetz, das ein Referendum zur Unabhängigkeit sowie den Aufbau des Büros eines Exekutivpräsidenten erlaubte. In diesem Referendum, das am 21. September 1991 stattfand, sprach sich eine überwältigende Mehrheit für die Unabhängigkeit aus, welche am 23. September feierlich erklärt wurde. Sofort danach gewann Ter-Petrossian die präsidialen Wahlen mit populären 83 Prozent.9

Die wirtschaftliche Situation im Armenien des Jahres 1993 war tragisch. Zusätzlich zu den Schwierigkeiten, die sich aus dem Übergang eines Sowjetstaates in eine unabhängige Nation ergaben, litt das Land unter den Auswirkungen des Bergkarabach Krieges und einem Embargo, das Aserbaidschan und die Türkei verhängt hatten, sowie einer Energieverknappung, die einerseits aus der Schließung des Atomkraftwerkes in Metzamor im Jahr 1989 resultierte, andererseits aus den wiederholten Zerstörungen einer Pipeline, die Gas von Russland via Armenien nach Georgien pumpte. Aserbaidschaner, die in Georgien lebten, sprengten immer wieder Teile der Pipeline in die Luft. Doch es gab noch mehr Probleme. Auf dem industriellen Sektor waren die meisten Fabriken veraltet, und ihre Produkte konnten auf dem Weltmarkt nicht standhalten. Auch fehlten Armenien die finanziellen Mittel. Das Land war zu klein und zu arm, um ein attraktiver Markt für ausländische Investoren zu sein. Die staatlichen Strukturen im Agrarsektor löste man im Jahr 1991 auf und verteilte 90 Prozent des Landes zwischen den Landarbeitern, die bis dato darauf gearbeitet hatten. Der Sektor blieb trotzdem problematisch, denn es bestand kein System, das den Landwirten in irgendeiner Form Kredit gegeben hätte. Es gab keine Lagermöglichkeiten für landwirtschaftliche Produkte, und die Infrastruktur, um Güter zu den Märkten zu transportieren, war verwüstet.10 Obgleich das Erdbeben vom Dezember 1988 eine Flut von ausländischen Hilfen ins Land gebracht hatte, inklusive einer Anzahl neuer Projekte, lag der Norden Armeniens noch immer am Boden, was ebenfalls zur desaströsen wirtschaftlichen Lage beitrug.

Gemäß den Zahlen, die von der armenischen Regierung im Jahr 1992 veröffentlicht wurden, war das nationale Einkommen der Republik um 42.6 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen und befand sich wieder auf dem Niveau von 1975. Die Industrieproduktion war um 52.4 Prozent gefallen, der private Konsum um 54.2 Prozent. Im März 1993 funktionierten nur 50 der insgesamt 400 großen Betriebe; die Inflation lag bei unkontrollierbaren 2000 Prozent.

DER BERGKARABACH KONFLIKT

1988 war Bergkarabach (russisch für: bergiges Karabach) eine Enklave mit einer Bevölkerung von rund 182.000 Einwohnern, 75 Prozent davon waren Armenier.

Bevor der Islam ins Land kam, waren die Hochländer des bergigen Bergkarabach oder die Provinzen Uti und Artsakh »eine Region, die sicherlich als ›armenischer als Armenien‹ beschrieben werden kann.«11

Die Bewohner der Hochebenen von Uti und Artsakh identifizierten sich insbesondere in ihrer Religion und Kultur stark mit den Armeniern. Nicht umsonst gab es hier armenische Kirchen und historische Monumente, die bis ins vierte Jahrhundert zurückgingen.12 Nach der islamischen Eroberung wurden die Bergdörfer jedoch im Gegensatz zu den konvertierten Steppenbewohnern nicht islamisiert.13

Seit dem 14. Jahrhundert war die Gegend zwischen den Flüssen Kura und Arak als Gharabagh oder Bergkarabach bekannt geworden. Kara ist das türkische Wort für schwarz; bagh ist persisch und heißt Garten oder Weinbau. Die Einwohner wurden in jeglicher Hinsicht zu Armeniern - in ihrer Sprache, ihrem Glauben und ihrer Kultur - und haben sich seitdem als solche betrachtet.14

Durch den Vertrag von Gulistan im Jahr 1813 ging Bergkarabach von Persien an Russland. Es folgte eine Periode des Wohlergehens. Die Stadt Susa florierte als Zentrum armenischer Kultur und des wirtschaftlichen Lebens bis in die Anfangsjahre des Ersten Weltkriegs hinein.15

Nach dem Kollaps des zaristischen Regimes im Jahr 1917 wurde die transkaukasische Region zunächst einmal sich selbst überlassen. Die kurzlebigen Republiken Armenien und Aserbaidschan entstanden im darauffolgenden Jahr. Im Juli 1918 erklärte die Erste Armenische Vollversammlung von Bergkarabach die Region als ›selbstverwaltend‹ und gründete einen Nationalrat und eine Regierung. Am 30. November 1920 erkannte die nunmehr sowjetische Regierung von Aserbaidschan die Region Bergkarabach als Teil von Armenien an. Im Juni 1921 folgte die Regierung des sowjetischen Armenien mit derselben Entscheidung.

Am 5. Juli 1921 beschloss das kaukasische Büro der Russisch-Kommunistischen Partei, die Region Bergkarabach ins sowjetische Aserbaidschan zu überführen. Zwei Tage später entschied das regierende Revolutionskomitee des sowjetischen Aserbaidschan, einem Teil des Gebietes einen speziellen Status zu verleihen, und errichtete die Autonome Region Bergkarabach. Das Gebiet war von der armenischen Sowjetrepublik nur durch einen schmalen Streifen Landes getrennt.

Als sich die Sowjetunion bildete, wurde aus dem internationalen Problem Bergkarabach ein nationales. Und so blieb es, bis 1991 die Sowjetunion zerfiel.

Während der Chrustschow-Ära in den frühen 60er Jahren des 20. Jahrhunderts war die Trennung von Bergkarabach und Armenien ein ständiges Thema von Protesten aus Jerewan und aus Stepanakert, der Hauptstadt von Bergkarabach. Die zentralen Behörden hatten unter dem Druck von Baku diese Proteste immer wieder beiseite gelegt.

Am 20. Februar 1988 nahm der Regionale Sowjet von Bergkarabach eine Resolution an, nach der die Autonome Region Bergkarabach von der Aserbaidschanischen SSR in die Armenische Sozialistische Sowjetrepublik transferiert werden sollte. Aserbaidschan wies dieses Ansinnen zurück; es fand ein Pogrom statt gegen die Armenier, die in der aserbaidschanischen Stadt Sumgait lebten, einer Stadt am Kaspischen Meer, ungefähr 30 Kilomenter entfernt von Baku. Laut Regierungsquellen kamen dabei 30 Armenier ums Leben. Angesichts der sich verschlechternden Situation arrangierte Moskau einen Bevölkerungsaustausch zwischen Armenien und Aserbaidschan, jedoch ohne Bergkarabach mit einzubeziehen. Ungefähr 170.000 ethnische Aserbaidschaner, die in Armenien lebten, und etwa 300.000 Armenier aus Aserbaidschan wurden Flüchtlinge in Armenien und im benachbarten Russland sowie in einigen anderen zentralasiatischen Republiken.18

Am 18. Juli 1988 beschloss der Oberste Sowjet, dass Bergkarabach Teil der Aserbaidschanischen SSR bliebe. Der Beschluss basierte auf Artikel 78 der russischen Verfassung, der einen Gebietstransfer zwischen angegliederten Republiken ohne Zustimmung der jeweiligen Republik für unzulässig erklärt.19

Am 20. Januar 1989 jedoch etablierte der Oberste Sowjet der UdSSR eine spezielle eigene Verwaltung in Bergkarabach, die von Arkadi Volsky, einem hochrangigen Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, geführt wurde und unter direkter Weisungsbefugnis von Moskau stand.20 Die Volsky-Kommission wurde per Resolution vom 28. November 1989 durch den Obersten Sowjet der UdSSR wieder beendet. Am 15. Januar 1990 verabschiedete der Oberste Sowjet einen Beschluss, der Bergkarabach dem Republikanischen Organisations-Komitee der Aserbaidschanischen SSR unterstellte. Das Komitee unterstand direkt dem stellvertretenden Leiter der Aserbaidschanischen Kommunistischen Partei, Victor Polianichko. Dieser versuchte die demographische Struktur von Bergkarabach zu verändern und ergriff Maßnahmen, um die aserbaidschanische Bevölkerung durch weitere Ansiedlung aserbaidschanischer Flüchtlinge aus Armenien zu vergrößern.21

Am 1. Dezember 1989 forderte der Oberste Sowjet von Armenien die Vereinigung der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik mit der Autonomen Region Bergkarabach.

Dies eskalierte im April 1991, als Streitkräfte unter dem Kommando von Baku und Moskau mit einer ethnischen Säuberung der von Armeniern bewohnten Dörfer im Norden von Bergkarabach begannen. Die Einwohner der 24 Dörfer wurden deportiert. Dadurch sahen sich die Verwaltungen von Bergkarabach und Armenien gezwungen, rechtzeitig Kampfgruppen zu organisieren, die das Herz einer Armee von Bergkarabach bilden sollten.22

Mit dem Kollaps der Sowjetunion 1991 wurde aus dem Problem Bergkarabach erneut eine internationale Angelegenheit.

Am 30. August 1991 erklärte der Oberste Sowjet der Aserbaidschanischen SSR die Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit der Republik Aserbaidschan. Ein paar Tage später folgte der Legislative Rat des benachbarten armenischen Distrikts Shahumian dem Beispiel und rief eine Republik Bergkarabach aus. Am 1. Oktober 1991 bestätigte Aserbaidschan seine Unabhängigkeit; am 23. November annullierte es die Autonomie von Bergkarabach.

Am 10. Dezember 1991 hielt Bergkarabach ein eigenes Referendum zur Unabhängigkeit ab. 82,2 Prozent der in der Region registrierten Wahlberechtigten waren zur Wahl erschienen; 99,89 Prozent von ihnen stimmten für eine Unabhängigkeit von Aserbaidschan.24

Während die Feindseligkeiten noch im Gange waren, entschieden die Außenminister auf einer Eröffnungssitzung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), eine Konferenz zum Bergkarabach-Problem in Minsk einzuberufen. Teilnehmen sollten Vertreter der folgenden Länder: Tschechoslowakei, Schweden, Deutschland, Russland, Vereinigte Staaten von Amerika, Italien, Frankreich, Türkei, Weißrussland, Armenien und Aserbaidschan. Diese Konferenz sollte später unter dem Namen ›Minsk-Gruppe‹ bekannt werden. Den Vorsitz hatte der Italiener Mario Raffaelli. Verschiedene Treffen fanden noch im Sommer und Herbst des Jahres 1992 statt, jedoch konnten sie zu keinem Ergebnis hinsichtlich einer Waffenruhe oder gar einer Lösung des Konflikts kommen. Im September 1992 wurde, einer russischen Initiative folgend, die sogenannte Sochi-Vereinbarung zwischen Armenien und Aserbaidschan unterzeichnet, auf Grund derer Russland 50 Beobachter in die zwei Länder und nach Bergkarabach schickte. Diese Initiative wurde wiederum von den westlichen Ländern nicht begrüßt und als bewusste Umgehung der OSZE gewertet.

Noch immer dauerten die Feindseligkeiten an, mit Attacken und Gegenattacken auf beiden Seiten. Nach heftigen Gefechten wurde im Mai 1922 ein Landkorridor zwischen Armenien und Bergkarabach in Laçin eingerichtet. Ende März 1993 gelang es den Armeniern, Kelbajar, eine Stadt im Nordwesten Aserbaidschans, einzunehmen. Damit war es ihnen erfolgreich gelungen, einen zweiten Korridor einzurichten. Die Offensive um Kelbajar brachte den Konflikt zurück ins Interesse der Öffentlichkeit; international wurde wieder nach Lösungen gesucht. Die erste Resolution Nummer 822 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen wurde daraufhin am 30. April 1993 angenommen. Sie rief zur sofortigen Einstellung aller Feindseligkeiten und feindlichen Aktionen auf, um einen dauerhaften Waffenstillstand ausarbeiten zu können. Gleichzeitig sollten alle Besatzungstruppen aus Kelbajar und den anderen besetzten Gebieten Aserbaidschans abgezogen werden. Die OSZE wurde aufgefordert, die Situation in der Region zu analysieren. Anfang April 1993 unterband die Türkei alle internationalen humanitären Hilfstransporte nach Armenien, die ab jetzt türkischen Boden nicht mehr passieren durften.

Am 7. April 1993 gab die Europäische Gemeinschaft folgende Erklärung zu Bergkarabach ab:

»Die Gemeinschaft und ihre Mitgliedsstaaten sind ernsthaft besorgt über die jüngste Eintrübung der Beziehungen zwischen der Republik Armenien und der Republik Aserbaidschan infolge des Bergkarabach Konfliktes. Die Gemeinschaft und ihre Mitgliedsstaaten bedauern die Ausweitung der Kampfzonen auf Kelbajar und Fizuli. Die armenische Regierung wird dringend aufgefordert, ihren Einfluss in Bergkarabach für einen sofortigen Rückzug ihrer Truppen aus dem Gebiet Aserbaidschans und ein Einstellen aller Kampfaktivitäten geltend zu machen. Alle Parteien werden aufgefordert, sich angesichts der jüngsten Ereignisse nicht aus den dauerhaften Gesprächen der Minsk-Gruppe der OSZE zurückzuziehen.«

Nach den Gesprächen in Moskau vom 29. und 30. April 1993 vereinbarten die Vereinigten Staaten von Amerika, die Türkei und Russland einen neuen Friedensplan, der zum sofortigen Waffenstillstand aufrief, einen Rückzug aller armenischen Truppen aus Kelbajar vorsah sowie die Wiederaufnahme von Friedensgesprächen zwischen beiden Seiten.

Dies war also, grob umrissen, die Situation um Bergkarabach, als die griechische Botschaft im Juni 1993 ihre Arbeit aufnahm.

VORBEREITUNGEN OHNE ENDE

Zurück in Peking wurde ich im Dezember 1992 darüber informiert, dass Aliki Hatzi, zu diesem Zeitpunkt Erste Sekretärin unserer ständigen Vertretung bei den Vereinten Nationen, zu meiner Stellvertreterin in Jerewan ernannt worden war. Wir hatten schon vor meiner Berufung nach Peking bei den Vereinten Nationen zusammen gearbeitet. Sie war eine ausgezeichnete Wahl - vor allem sehr effizient in ihrer Arbeitsweise. Im Januar 1993 schrieb ich ihr einen Brief mit ausführlichen Instruktionen, was sie vor ihrer Abreise nach Jerewan in New York und in Athen noch zu erledigen hätte. Ich hatte bereits beschlossen, dass sie als erste nach Armenien gehen sollte, um unsere notwendige Infrastruktur im Hotel Hrazdan aufzubauen, so dass ich kurz darauf selbst nach Armenien folgen und die Arbeit sofort aufnehmen könnte. In meinem Schreiben nannte ich ihr auch die Ziele, für die wir uns während unseres Aufenthaltes in Armenien gemeinsam einsetzen wollten:

»Armenien im wirtschaftlichen Aufbau zu unterstützen, der griechischen Diaspora in Armenien in jeder nur möglichen Weise in ihrem schwierigen täglichen Leben zu helfen, bilaterale wirtschaftliche Beziehungen aufzubauen sowie bilaterale Beziehungen in Verteidigungsfragen aufzubauen.«

In der Zwischenzeit teilte mir Athen mit, dass ich zwei weitere Damen zur Administration nach Jerewan mitnehmen würde: Zeta Markozanes und Emy Samiou, die zum damaligen Zeitpunkt beide in Athen stationiert waren. Frau Markozanes wäre lieber in Athen geblieben, weil ihr Sohn dort zur Schule ging. Es war unmöglich, das Kind nach Armenien mitzunehmen und dort einzuschulen, da das Schulsystem auf Grund fehlender Heizung während des Winters überhaupt nicht stattfand. Ich fragte die Personalabteilung, ob es möglich sei, Frau Markozanes die Erlaubnis zu geben, mit jemandem zu tauschen, der keine Kinder habe. Doch dies wurde von Athen abgelehnt mit der Begründung, dass sie froh sein solle, in ein christliches Land gehen zu können und nicht in ein islamisches. Der Sinn diese Aussage (sofern da einer war) hat sich mir nicht erschlossen. Innerlich grinste ich bei dem Gedanken, dass das Außenministerium gerade dabei war, einen Harem für mich zusammenzustellen, was auch in der griechischen Presse als solches kommentiert wurde. Am 23. Juni 1993 veröffentlichte die wöchentliche Zeitung Tachydromos unter dem Titel ›Exil in Jerewan‹ folgenden Artikel:

»Botschafter Chrysanthopoulos kann als ein sehr glücklicher Mann bezeichnet werden. Warum glücklich? Nun, er wurde gerade vom Außenministerium damit beauftragt, eine Botschaft in Jerewan einzurichten, und zu diesem Zweck stellt man ihm drei Damen zur Seite, eine Diplomatin (Fr. Aliki Hatzi) und zwei Sekretärinnen (Fr. Zeta Markozanes und Fr. E Samiou), eine hübscher als die andere. Jedoch scheinen weder Herr Chrysanthopoulos noch eine der Damen Gefallen an der Situation zu finden. Man muss natürlich zugeben, dass die Aussicht, die nächsten zwei Jahre in Jerewan verbringen zu müssen, nicht gerade ideal ist. Auch nicht für jemanden, der das Arbeiten für das Außenministerium gewöhnt ist. Natürlich muss irgendjemand diese Botschaft einrichten, so wie es vor einem Jahr beschlossen worden ist. Allerdings ist für eine solche Stelle ein gewisser Sinn fürs Abenteuer in einer solchen turbulenten Gegend unentbehrlich. Ein kleines Detail ruiniert jedoch das ganze Bild. Alle, die nach Jerewan gehen, haben in der Vergangenheit im diplomatischen Tross von PASOK-Ministern* gearbeitet. Auch hätte man das Ganze etwas sensitiver angehen und Männer für einen Dienst wie den in Armenien auswählen können. Diese personelle Zusammenstellung lässt doch gewisse Fragen aufkommen.«

*(zum Zeitpunkt des Schreibens war die sozialistische PASOK in der Opposition)

Es ist richtig, dass meine drei Kolleginnen im diplomatischen Corps von Außenminister Ioannis Kapsis gearbeitet hatten und ich selbst Direktor des diplomatischen Kabinetts von Minister Theodoros Pangalos gewesen war. Aber wir vier fühlten uns keineswegs so, als würde man uns ins Exil schicken. Im Gegenteil. Wir waren uns darüber einig, dass wir auf eine für Griechenland wichtige Mission gingen, die auch den Armeniern zugute kommen sollte.

Eine Person half mir unglaublich viel bei der Eröffnung dieser Botschaft, Agop Mkrtitsian. Er hatte ein Reisebüro in Athen und vermittelte gelegentlich auch Charterflüge nach Jerewan. Als junger Mann hatte der griechische Armenier während des griechischen Bürgerkrieges auf Seiten der Kommunisten gefochten und zuvor gegen die Nazis. Er war ein drahtiger kleiner Mann, der wusste, was er wollte und wie er es bekam. Er hatte ausgezeichnete, mitunter recht schemenhafte Verbindungen in Moskau und Jerewan, wo er nicht besonders geschätzt wurde. Ich traf ihn im Sommer 1992 in Athen; er gab mir eine Menge nützlicher Informationen sowohl über die armenischen Lebensbedingungen als auch über Armenien als solches und versprach mir seine Hilfe. Er hielt sein Versprechen.

Ein anderer Armenier griechischen Ursprungs half mir mit wertvollen Informationen zur politischen Situation in Armenien: Herr Garabed Kalfayan, einer der führenden Personen in der armenischen Diaspora von Thessaloniki, wohlhabend und bereit, Armenien in jedweder Hinsicht zu unterstützen.

Im Frühjahr 1993 erhielt ich meinen Marschbefehl nach Jerewan. Ich hatte Peking im Juni zu verlassen, so dass ich meinen neuen Posten im Juli aufnehmen konnte. Jetzt, da ich wusste, dass alle Dinge, die ich benötigte, im Ministerium zum Abtransport bereitlagen, fühlte ich mich doch etwas wohler. Wie diese Dinge nach Armenien kommen sollten, stand auf einem anderen Blatt. Aliki Hatzi sollte am 26. Juni in Jerewan ankommen. Nach nunmehr 74 Jahren wäre Griechenland erstmals wieder mit einer Botschaft im Kaukasus vertreten.

ERSTE SCHRITTE

IN DEN GRIECHISCH-ARMENISCHEN BEZIEHUNGEN

Am 24. Mai 1993 weilte der Außenminister Armeniens, Herr Vahan Papazian, für einen offiziellen Besuch in Griechenland. Dies wurde zum Anlass genommen, um unter anderem auch ein Abkommen zur gegenseitigen Sicherstellung von Investitionen zu unterzeichnen sowie ein Protokoll für politische Konsultationen zwischen beiden Außenministerien.

Am 3. und 4. Juli fand der erste ministerielle Besuch Griechenlands auf armenischem Boden statt. Die stellvertretende Außenministerin Virginia Tsouderou, die unter anderem für den Kaukasus zuständig war, besuchte Jerewan und traf dort den armenischen Außenminister, den ersten stellvertretenden Außenminister, den Präsidenten der Nationalversammlung und den Vorsitzenden des parlamentarischen Komitees für Außenbeziehungen. Hauptthemen der Unterredungen waren - wie nicht anders zu erwarten - die jüngsten Friedensinitiativen der Vereinigten Staaten, Russlands und der Türkei im Bergkarabach Konflikt. Der sogenannte 3+1-Plan, wie er nach der Konferenz in Minsk unter Vorsitz von Raffaelli genannt wurde, sollte nunmehr in die Implementierungsphase kommen. Die Armenier waren jedoch hinsichtlich dieses Plans geteilter Meinung. Der Vorsitzende des parlamentarischen Komitees für Außenbeziehungen, Herr David Vardanian hielt ihn für einen absoluten Fehlschlag. Hingegen sah der Parlamentspräsident, Herr Babken Ararktsian, darin große Möglichkeiten, die keinesfalls ungenutzt bleiben sollten: Es wäre aus seiner Sicht der Beginn eines Prozesses, der einen Rahmen für weitere Verhandlungen bieten würde. Die Repräsentanten aus Bergkarabach lehnten den Plan ab. Ein Mitglied des Verteidigungskomitees von Bergkarabach stellte fest, dass seit Beginn der 3+1-Initiative noch nichts Konkretes vorzuweisen sei. Auch betonte er, dass Bergkarabach jede Lösung befürworten würde, die sicherstellte, dass man dort in Frieden leben könne. Man sei willens, Kelbajar an Aserbaidschan zurückzugeben, wenn es einen Waffenstillstand und eine Entmilitarisierung von Kelbajar gäbe und falls das Embargo über Bergkarabach aufgehoben werden würde. Keinesfalls jedoch würden sie, wie in dem Plan vorgeschlagen, leichtbewaffnete Aserbaidschaner tolerieren; das käme ihrer Meinung nach einer Bedrohung von Laçin und der Martakert-Region in Bergkarabach gleich. Der erste stellvertretende Außenminister von Armenien, Gerard Libaridian, stellte - ohne den Vorschlag abzulehnen - fest, dass es Aserbaidschan hauptsächlich darum ginge, den Krieg und die Verhandlungen hinauszuzögern. Deren Strategie, so erklärte er, sei es, erst die Armenier zum Rückzug zu zwingen, dann die Gebiete an Aserbaidschan aushändigen zu lassen und schließlich am Ende die Verhandlungen zu führen. Er kritisierte den 3+1-Plan als nicht solide genug, auch deshalb, weil er nicht Teil des gesamten Minsk-Prozesses sei.

Auf bilateraler Ebene verständigten sich beide Seiten darauf, die Kontakte zu intensivieren. Frau Tsouderou übergab Armenien einen vorläufigen Vorschlag für eine Vereinbarung über Freundschaft und Zusammenarbeit beider Nationen. Griechenland stimmte ebenfalls zu, Armenien eine Liste der Vereinbarungen zukommen zu lassen, die Griechenland mit der Sowjetunion geschlossen hatte, damit Armenien festlegen konnte, welche dieser Vereinbarungen weiterhin in Funktion bleiben sollten. Die griechische stellvertretende Ministerin händigte zudem dem armenischen Präsidenten Ter-Petrossian eine Nachricht des griechischen Premierministers Konstantinos Mitsotakis aus.