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In Paul Heyses Novelle "Auferstanden" wird das Thema der Auferstehung nicht nur im wörtlichen Sinne behandelt, sondern als tiefgreifende Metapher für Transformation und Selbstfindung interpretiert. Der literarische Stil zeichnet sich durch eine elegante Prosa aus, die gleichermaßen poetisch und präzise ist. Heyses erzählerische Finesse verwebt psychologische Einsichten mit einer intensiven Charakterstudie, die den Leser in eine Welt von inneren Konflikten und existenziellen Fragen eintauchen lässt. Vor dem Hintergrund des 19. Jahrhunderts beleuchtet das Werk die gesellschaftlichen Normen und den Einfluss von Religion und Philosophie auf das individuelle Leben. Paul Heyse, Nobelpreisträger von 1910, gilt als einer der herausragendsten Autoren seiner Zeit. Geboren in München und geprägt von einer vielseitigen Ausbildung in Literatur und Philosophie, nutzte Heyse seine tiefen Einsichten in die menschliche Natur, um komplexe Themen wie Identität und Moralität zu erforschen. Das Schreiben von "Auferstanden" war für ihn ein Ausdruck seines Wunsches, das Spannungsverhältnis zwischen Glauben und Zweifel zu ergründen. Dieses Buch empfiehlt sich für Leser, die an philosophischen und emotionalen Fragestellungen interessiert sind und einen tiefen Einblick in die humanistische Perspektive des 19. Jahrhunderts suchen. Heyses subtile Erzählkunst und seine Fähigkeit, die menschliche Psyche zu erforschen, machen "Auferstanden" zu einem zeitlosen Klassiker, der auch heute noch relevant ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
In den südlichen Abhängen der Tiroler Berge, in die der Gardasee tief hineintritt, liegt ein altes Felsenschlößchen, kühn an die schroffe Bergwand geklebt, wie ein Mövennest an eine vorspringende Klippe, und so günstig gerade an die Stelle gebaut, wo die Thalschlucht eine Biegung macht und sich verengt, daß eine Handvoll entschlossener Leute mit einigen sicheren Geschützen auch heute noch wohl im Stande wäre, einem von Süden heranziehenden Corps den Paß zu verlegen. Auch tragen die alten bezinnten Umfassungsmauern, die in beträchtlicher Höhe vieleckig aufsteigen, vernarbte Spuren erbitterter Kämpfe, die freilich in der Erinnerung des Landvolkes längst erloschen sind. Nicht einmal der Name des alten Baronengeschlechts, das ehemals hier haus’te, hat sich erhalten. Wer nachfragt in einer der Steinhütten, die sparsam das Thal hinunter zerstreut unter Kastanien- und Nußbäumen liegen – auch Wein und Oel gedeiht an den Südabhängen tiefer zum See hinab – der erfährt nur, daß das einsame Schlößchen droben „das Castell“ genannt werde und einem Marchese gehöre, dessen Namen man nicht kenne, wenigstens nicht kannte in den ersten fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts, in denen sich zutrug, was ich erzählen will. Damals war, wie Jeder weiß, die Lombardei, in deren geographisches Gebiet dieses Thal schon hinabreicht, noch österreichische Provinz und Wenige ließen sich träumen, wie bald diese Perle aus der Krone des Hauses Habsburg herausgebrochen werden sollte. Dennoch sah es gerade in diesen Grenzbezirken mit der Verbrüderung oder gar Verschmelzung der Nachbarstämme übel aus. Ungastliches Mißtrauen war das Glimpflichste, dessen ein deutscher Wanderer in diesen Thälern von dem Landvolk sich zu versehen hatte. Und kein Jahr verging ohne irgend eine geräuschlos blutige That der Tücke und Feindschaft, deren Urheber zu erreichen der Arm der k. k. Justiz meistentheils zu kurz war.
Aus diesem Grunde wollte es zwischen den beiden Männern, die eines schönen Augustnachmittags den verfallnen Fuhrweg zum Castell heranklommen, zu keiner sehr ersprießlichen Unterhaltung kommen. Zwar hatte der stattliche junge Deutsche, dem der welsche Bauernbursche als Führer und Träger diente, die österreichische Hauptmannsuniform wohlweislich in Riva mit einem leichten bürgerlichen Habit und das Käppi mit einem breiten Strohhut vertauscht und sprach überdies die Landessprache so fließend, als sei er mit Wasser aus dem Gardasee getauft worden. Aber in Gang und Haltung konnte er dennoch den kaiserlichen Officier nicht verleugnen, und gerade die Civilkleidung schien seinem verdrossenen Begleiter geheime Absichten zu verrathen, die ihn noch einsilbiger machten. Er gab wenig mehr von sich, als was der junge Reisende schon wußte, daß droben im Castell ein gewisser Marchese wohne, der schon seit drei Jahren ganz menschenfeindlich mit geringer Dienerschaft dort sein Wesen treibe, Niemand bei sich sehe, als alle Sonn- und Feiertage seinen alten Beichtvater aus dem Capuzinerkloster droben im Gebirg, der dann hinabsteige, um in der Capelle des Castells die Messe zu lesen, und daß die Straße, die sie jetzt wanderten, nur von Zeit zu Zeit von einem Ochsenwagen befahren werde, der Mundvorrath für Wochen und Monate hinaufschaffe. Der Reisende forschte nach der Gemüthsart des Marchese, ob er mildthätig sei, wie er seine Diener behandle und dergleichen, erfuhr aber nur, daß er das Wild, das er auf seinen Streifzügen im Gebirg zu schießen pflege, großen Theils an die Bauern schenke, übrigens selten mit einem Begegnenden ein Wort wechsle. Er selbst, der Erzähler, wollte ihn noch nie gesehen haben.
Damit verstummte die Zwiesprach zwischen den Beiden, und der junge Mann schritt gedankenvoll in den tief ausgefahrenen Geleisen bergan, noch einmal Alles bei sich bedenkend, was er zu thun und zu sagen sich vorgenommen hatte. So jung er war, hatte er es oft genug bewiesen, daß es ihm an Muth und männlicher Entschlossenheit nicht gebrach. Und doch konnte er sich, je näher das Ziel seiner Wanderung rückte, einer unbehaglichen Spannung und Aufregung nicht erwehren. Gar zu unheimlich sah das Castell von der Höhe des Weges herab, die wenigen Fenster mit Läden dicht verschlossen, der eine Thurm an der Seite mit seinen Zinnen hoch hineingewachsen in einen breitästigen Kastanienbaum, durch dessen Zweige er argwöhnisch ins Land hinauszulugen schien, und was den seltsamsten Eindruck machte: aus beiden Seiten neben dem Hauptthore, zu dem die alte Zugbrücke steil hinanlief, standen je drei uralte Cypressenbäumchen, an der Windseite kahl und auch sonst struppig genug, die dem fensterlosen Mauerhaufen das Ansehen eines verwitterten Mausoleums gaben und jeden Lebendigen von dieser Schwelle wegzuweisen schienen.
Als nun endlich die letzte Steile erklommen war, dämmerte es bereits und die Nachtvögel fingen an, die Zinnen zu umkreisen. Der Fremde warf die Cigarre weg, die ihm längst ausgegangen war, und that einige kräftige Schläge an der festgefugten Hofthür, die er zweimal wiederholen mußte, ehe im Innern sich etwas zu regen begann. Ein hölzerner Fensterladen vor einer Art Schießscharte neben dem Thor ward geöffnet und ein Kopf kam zum Vorschein, der wenig einladend die späten Besucher angrins’te. Das Gesicht war noch jung, aber durch die Verheerungen der Blattern sehr entstellt, dazu fehlte das eine Auge und ein dicker Büschel schwarzer Haare hing über die von Entzündung geröthete sternlose Augenhöhle herab. Diese ganze Seite des Gesichts schien von Schmerzen verzerrt, und die andere vor Wuth über diese Schmerzen. Mit einem kurzen scharfen Ton, der fast wie ein Bellen klang, fragte er, was man wolle; hier sei keine Herberge. – Ob der Marchese zu sprechen sei, fragte der Fremde, dem die Ungeschliffenheit des Pförtners seine ganze militärische Würde zurückgab. – „Nein,“ war die Antwort. Und damit wollte der Einäugige den Laden wieder vorschieben, als ein paar Worte, die der Bauer, dem Reisenden unverständlich, hinauf rief, den widerwilligen Menschen stutzig zu machen schienen. Er verlangte den Namen des Fremden zu wissen, und als dieser seine Karte in die Mauerlücke reichte, verschwand er alsbald, um nach zehn Minuten das schwere Portal mit einem großen Schlüssel aufzuschließen.
„Der Herr „Marchese will den Herrn Capitän empfangen,“ sagte er, auch jetzt mit sichtbarem Widerwillen. „Du da bleibst draußen!“ fuhr er den Bauer an.
„Und das Gepäck?“ fragte der Bursch, der den Mantelsack des Reisenden und einen Kasten mit Instrumenten einstweilen auf der Zugbrücke niedergelegt hatte.
„Trag’s in den Hof hinein,“ befahl der Officier, „und warte dann hier draußen, bis ich zurückkomme.“
Es war ihm befremdlich, daß der Bursch nicht einmal in den Hof treten sollte, und doch traute er ihm selbst nicht genug, um ihn unter vier Augen mit dem Gepäck vor dem Thor zurückzulassen. Er sah, wie sorgfältig der Einäugige die Thür wieder hinter ihnen verschloß, und von Neuem überlief ihn ein räthselhaftes Unbehagen, als er sich nun in dem öden Burghof umsah und den Hall seiner eignen Schritte an den kahlen Mauern vernahm. Unwillkürlich faßte er in die Tasche nach seiner doppelläufigen Pistole und ließ den schweigsamen Pförtner vorangehen. Es war dunkler hier im Schatten der hohen Zinnen, als draußen in der Schlucht. Zum Ueberfluß raubte der Wipfel einer hohen Platane, die mitten im Hof sich über einem Ziehbrunnen wölbte, ein großes Stück des Himmels. Zahllose Vögel nisteten hier und schwirrten plötzlich durch einander, als die Männer über die Steinplatten gingen. Sie schienen es nicht gewohnt, um diese Zeit Menschentritte zu hören. Dann sah der Fremde noch, während er seinem Führer zu einer schmalen Thür in der Ecke des Hofes folgte, ein hohes alterthümliches Erzgitter, das einen kleinen Garten verschloß. Späte Rosen und Cypressen wuchsen da, und ein Feigenbaum, der sich durch das Gitter hinausgezweigt hatte, gab Zeugniß dafür, daß diese Thür seit vielen Jahren nicht mehr geöffnet worden war und ungestört mit ihren Eisenstäben zum Spalier dienen konnte.
Um so mehr überraschte es ihn, als er das Innere betrat, dort keine Spur von Vernachlässigung zu finden. Die Stufen, die er hinangeführt wurde, waren sorgfältig gekehrt, die engen Gemächer einfach, aber wohnlich ausgestattet, die Scheiben der kleinen Fenster blank geputzt und seidene Vorhänge davor, die seinem flüchtigen Blick durchaus nicht hundertjährig erschienen. Er sah jetzt auch, daß der einäugige Diener in saubern Kleidern steckte, in einer jägermäßigen Livree, ein großes hirschfängerartiges Messer mit Perlmuttergriff umgegürtet, und bemerkte, daß er trotz seiner schweren Nagelschuhe leise auftrat. Zwei bis drei Vorzimmer im ersten Stock durchschritten sie, alle winklig und eng; dann öffnete der Diener ein größeres Gemach und blieb, stumm hineindeutend, an der Schwelle stehen.
