Vetter Gabriel - Paul Heyse - E-Book

Vetter Gabriel E-Book

Paul Heyse

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Beschreibung

In "Vetter Gabriel" entwirft Paul Heyse ein facettenreiches Bild von menschlichen Beziehungen, beeinflusst durch gesellschaftliche Konventionen und individuelle Sehnsüchte. Die Novelle, erschienen in einer Zeit, als der Realismus und der Symbolismus in der Literatur aufstrebten, zeichnet sich durch ihre prägnante Sprache und tiefgründige Charakterstudien aus. Heyse spielt meisterhaft mit Emotionen, Dressuren und inneren Konflikten der Protagonisten, wobei die Erzählstruktur die thematische Vielfalt in den Vordergrund stellt und den Leser in eine Welt voll unerfüllter Träume und melodramatischer Wendungen entführt. Paul Heyse, ein bedeutender deutscher Schriftsteller des 19. Jahrhunderts und Träger des Nobelpreises für Literatur, war Zeitgenosse von Größen wie Thomas Mann und Bjørnstjerne Bjørnson. Seine Erfahrungen und Beobachtungen in der internationalen Literaturszene sowie sein tiefes Verständnis für menschliches Verhalten und zwischenmenschliche Dynamiken prägten seine Werke. Diese Einflüsse spiegeln sich deutlich in "Vetter Gabriel" wider, dessen Erzählung ebenso autobiografische Züge aufweist wie gesellschaftskritische Anklänge. "Vetter Gabriel" ist nicht nur eine Lektüre für Fans der klassischen Literatur, sondern auch für jeden, der sich für die Komplexität menschlicher Beziehungen interessiert. Heyse gelingt es, den Leser auf eine emotionale Reise mitzunehmen und die zeitlosen Themen von Liebe, Ehre und den oft schmerzhaften Grenzen des menschlichen Daseins zu erforschen. Dieses Werk ist ein eindringliches Beispiel für den literarischen Reichtum des 19. Jahrhunderts und bleibt bis heute relevant.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Paul Heyse

Vetter Gabriel

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547841388

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text

Vetter Gabriel

Inhaltsverzeichnis
Vetter Gabriel.
Von Paul Heyse.

In einer rheinischen Stadt, die durch die Schönheit und Munterkeit ihrer Frauen und Mädchen berühmt ist, ging eines heiteren Septemberabends ein junger Mann mit hastigen Schritten die Hauptstraße hinab auf das ansehnlichste Privathaus zu, in welchem von allen Schönen die Schönste wohnte. Er war eben mit dem Dampfschiff, das rheinaufwärts fuhr, gelandet und hatte sich auf dem fliegenden Steg allen anderen Passagieren vorgedrängt, als könne er die Zeit nicht erwarten, bis er den Fuß auf festen Boden setzte. Trotz des frischen Abendwindes trug er den mit schwarzem Flor umwundenen Strohhut in der Hand; sein blondbärtiges Gesicht war stark geröthet, das lose geknüpfte Halstuch schien ihm noch immer den Athem einzuengen; gleichwohl sprach er im raschen Gehen abgerissene Sätze vor sich hin, stand dann wieder, wie um Luft zu schöpfen, und benahm sich überhaupt so wunderlich selbstvergessen, daß mancher Vorübergehende ihn im Verdacht hatte, er habe wohl bei irgend einer Mostprobe den Gehalt des heurigen Jahrganges zu gründlich untersucht. Damit that man ihm nun freilich schweres Unrecht. Wenn er berauscht war, war es nicht von jungem Wein, sondern von alter Liebe, seiner ersten und einzigen, deren Aufblühen in unvordenkliche Tage, in die übermüthige Knabenzeit, zurückdatirte und somit Muße genug gehabt hätte, auszugähren und zu einem gesunden Haustrunk heranzureifen. Aber mancherlei Schicksale hatten diese friedliche Entwickelung gehemmt, und wenn wir verrathen, daß in den letzten zwei Jahren und sieben Monaten der jugendliche Phantast die Straße, die zu seiner Schönen führte, mit keinem Fuß betreten hatte, obwohl er nur drei Stunden rheinabwärts auf seinem Weinberg haus’te, so wird es Niemand befremden, daß ihm jetzt bei dem hastigen Gang Herzklopfen und Beklommenheit übermächtig zu schaffen machten.

Auch blieb er, vor dem bewußten Hause, Nummer 27 in der Rheinstraße, angelangt, wohl fünf Minuten unten an der stattlichen Pforte stehen, ehe er den Muth fassen konnte, die breiten Sandsteinstufen zu betreten. Er betrachtete die schöngeschnitzten Löwenköpfe an den schweren ehernen Klopfern, als könnten sie Orakelsprüche aus ihren Rachen erschallen lassen. Dann sah er zum Balcon hinauf, dessen zierlich vergoldetes Geländer ganz mit Schlinggewächsen überhangen war. Auf dem hatte er manch liebes Mal gestanden, bei Tag und Nacht; es war ihm wie gestern, daß er der Straßenjugend von droben herab Confect und Früchte vom Nachtisch eines großen Schmauses zugeworfen hatte, den der Hausherr zu Ehren seiner schönen Tochter an ihrem Geburtstage gegeben. Dann war die achtzehnjährige Geliebte hinter ihn getreten und hatte gesagt: „Was machst Du wieder, Vetter? Du hast immer Possen vor. Wenn der Vater das sähe!“ – Und er hatte erwidert: „Soll das Gesindel da unten nicht auch was davon haben, daß Du auf der Welt bist, Bäschen?“ – Und nun hatte sie sich selbst von seinem Muthwillen anstecken lassen und alles Geld aus ihrer Börse unter die jauchzenden Buben und Mägdlein ausgeworfen und dann dem Tumult zugesehen mit einer Miene, wie eine Königin am Krönungstage; er aber war sich wie der König vorgekommen, und selbst die Dazwischenkunft des gestrengen Papas, der ihn trotz des Festtages noch einmal in’s Comptoir schickte, um einen dringenden Brief zu schreiben, hatte seine stolze Glückslaune nicht niederzuschlagen vermocht. Er war allerdings nur ein armer Commis, der von den Unterstützungen einer alten Tante lebte, und wenn ihn auch die Tochter des Hauses Vetter nannte, er selbst wagte es nicht, den Herrn des Hauses Onkel zu nennen. Besagte alte Tante war auch freilich nicht die Schwester, sondern nur eine weitläufige Cousine des reichen Kaufmannes, in dessen Haus und Geschäft ihr Neffe seit einigen Jahren aufgenommen war, und wenn der junge Mann sich nicht so brauchbar und unermüdlich gezeigt hätte, seinem Principal zu dienen, die Verwandtschaft und gar die Jugendfreundschaft mit dem Bäschen hätten ihm dieses vornehme Haus eher verschlossen als geöffnet. Bei alledem hatte er sich durch sein fröhliches Wesen und seine guten Manieren nach und nach so eingebürgert, daß selbst der einsilbige Herr Chef hinter seiner goldenen Brille dann und wann einen wohlwollenden Blick für ihn hatte, und keinem nichtigen Grunde und Niemand als sich selbst durfte er es zuschreiben, daß plötzlich dies Alles ein Ende mit Schrecken genommen.

Auch diese Erinnerung tauchte wieder in ihm auf, aber das Bittere daran war verschwunden in der Hochfluth seliger Hoffnungen, die jetzt durch sein Herz stürmten. Er nickte dem Portier, der ihn verwundert ansah, fast gönnerhaft zu und erstieg noch ganz so im Fluge wie sonst die teppichbelegte Treppe, mußte aber auf dem ersten Absatz ausruhen, um Athem zu schöpfen. Da brach er von einem mächtigen Oleanderbaume, der unter andern Tropengewächsen den Flur schmückte, eine Blüthe ab und steckte sie als Vorzeichen des Sieges in’s Knopfloch. Dabei kam ihm der Ring mit dem Smaragd, den er am kleinen Finger trug, vor die Augen. Er hatte ihn heute erst angesteckt und dachte ihn nicht lange zu tragen. Nun drehte er ihn am Finger herum, als könne er einen dienstbaren Genius damit heranbeschwören, zog aber, als nichts Wunderbares geschah, einen kleinen Kamm aus der Tasche, um seinen dicken Haarbusch von der Stirn zurückzubändigen, und musterte sich dabei in dem hohen Spiegel neben den Blumen, der seine kraftvolle Gestalt vortheilhaft genug darstellte, um ihm alle Geisterhülfe bei seinem Vorhaben entbehrlich erscheinen zu lassen.

Er war, außer dem lichtgrauen Rock, ganz weiß gekleidet, das schwarzseidene Halstuch in einen flotten Knoten geschlungen, Alles in Allem eine schmucke Erscheinung, die sich selbst in diesem mit dem üppigsten Geschmack ausgestatteten Hause wohl sehen lassen durfte.

Eben wollte er die letzte Stufe ersteigen, als er aus der Thür, die in den Salon führte, eine Mädchengestalt treten sah, in Hut und Mantille, zum Ausgehen gerüstet. Das Gesicht sah er nicht sogleich, da die schöne Schlanke den Kopf zurückgewendet hatte, um einer Zofe einen Auftrag zu hinterlassen. Aber hätte er auch die Stimme nicht gehört, schon der Schatten dieser Gestalt hätte ihm verrathen, daß es die war, die er suchte. Mit einem Sprung war er oben. „Bäschen,“ rief er, „kennst Du mich noch?“

Sie wandte sich nach ihm um. „Mein Gott!“ sagte sie und trat, wie vor einem Gespenst erschreckend, einen Schritt zurück – „Du bist’s?“

„Kein Schlechterer, als meine arme Wenigkeit,“ versetzte er und versuchte zu lachen. Aber die Heiterkeit verging ihm schnell. Denn obwohl nur ein falber Rest von Tageslicht in dem Treppenflur herrschte, konnte er doch sehen, wie todtenblaß sie geworden war und in wie heftiger Bewegung sie an dem Pfosten der hohen Flügelthür einen Halt suchte.

Ein paar Minuten standen sie so einander gegenüber, jedes suchte nach einem gleichgültigen Wort, das den jahrelang zerrissenen Faden wieder anknüpfen sollte.