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In "Marthas Briefe an Maria" präsentiert Paul Heyse eine filigrane Epistolarsammlung, die das Leben einer jungen Frau im 19. Jahrhundert durch die Linse von Freundschaft und gesellschaftlichen Erwartungen beleuchtet. Der literarische Stil ist geprägt von einer sensiblen, poetischen Sprache, die die inneren Konflikte der Protagonistin und ihre tiefen Emotionen eindrucksvoll zur Geltung bringt. Heyses Fähigkeit, die Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen zu erfassen, spiegelt sich in der Darstellung von Marthas Gedanken und Gefühlen wider und liefert einen faszinierenden Einblick in die gesellschaftlichen Normen seiner Zeit. Paul Heyse, ein bedeutender deutscher Schriftsteller und Nobelpreisträger, war stark von den Strömungen der Romantik und des Realismus geprägt. Sein umfangreiches literarisches Werk umfasst sowohl Gedichte als auch Romane und Dramen und zeigt oft autobiographische Elemente. Heyse, der in einem bürgerlichen Umfeld aufwuchs, schildert in seinem Werk häufig die Herausforderungen und Freuden des Lebens aus der Perspektive der Frauen, was seine Empathie und das Verständnis für deren innere Welt unterstreicht. "Marthas Briefe an Maria" ist nicht nur ein zeitgeschichtliches Dokument, sondern auch ein eindringlicher Appell an die Leserschaft, die Komplexität der menschlichen Emotionen zu erkennen. Ich empfehle dieses Buch allen, die sich für die feinen Grautöne des Lebens interessieren und Freude an literarischen Meisterwerken finden, die sowohl melancholisch als auch hoffnungsvoll sind.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Die nachfolgenden Briefe wurden mir vor einiger Zeit aus England zugeschickt, mit der Anfrage der Dame, an die sie gerichtet waren, ob ich nicht auch der Meinung wäre, durch ihre Veröffentlichung möchte denen, die in Wort und Schrift für die Berechtigung des Frauenstudiums eintreten, ein Dienst geleistet werden. Sollte ich diese Ansicht teilen, so sei sie zu der Erklärung ermächtigt, daß auch die Frau, die diese Briefe geschrieben, nichts dagegen hätte, sie gedruckt zu sehen, wenn sie auch bei ihren Mitteilungen an die Jugendfreundin nicht von fern an etwas anderes gedacht habe, als sich das Herz zu erleichtern. Sie müsse es daher zur Bedingung machen, daß der Herausgeber ihren Stil sorgfältig von allen Unklarheiten und Flüchtigkeitsfehlern reinige, und zweitens, daß Name und Wohnort der Schreiberin nicht kenntlich gemacht würden.
Daß sie – die Empfängerin – mit diesem Anliegen sich an mich wende, hätte ich dem lebhaften Interesse für diese brennende Frage zu verdanken, das ich schon zu einer Zeit, da nur erst schüchterne Funken des heutigen Brandes herumschwärmten, durch meine „Fastenpredigt“ über Frauenemancipation an den Tag gelegt hätte. Sie hoffe, dies Interesse sei inzwischen nicht erkaltet und ich würde gern das Meinige dazu beitragen, ihren Wunsch zu erfüllen.
In dieser Hoffnung soll die werte Frau sich nicht betrogen haben. Zwar ist die Frage, die das Thema dieser Briefe bildet, in einer schier unübersehbaren Litteratur verhandelt worden, eine Aufzählung der wichtigsten Bücher, Broschüren, Zeitschriften und Aufsätze, die sich mit ihr beschäftigen, findet man in dem ausgezeichneten Buche des Göttinger Professors Dr. Gustav Cohn „Die deutsche Frauenbewegung“ (Berlin, 1896). Immerhin ist für solche, die durch das Für und Wider einer theoretischen Debatte leicht ermüdet werden, die Betrachtung eines Lebensbildes von überzeugenderer Kraft, wie denn jeder Prediger weiß, daß er seiner Gemeinde durch Beispiele tiefer ans Herz greift als durch die bloße Lehre. So habe ich es mir zur Ehre gerechnet, die Herausgabe dieser Briefe – an deren klarem und die Person und die äußeren Verhältnisse der Schreiberin ihrem Wunsche gemäß einen Schleier gebreitet, dessen sie, wie ich meine, trotz ihrer Bescheidenheit wohl hätte entraten können.
Ist es denn wahr? Geschehen wirklich noch Wunder am Ende dieses ungläubigen neunzehnten Jahrhunderts? Wunder, die sich mit Händen greifen und ans Herz drücken lassen, wie eine vor acht Jahren begrabene und jetzt von den Toten wieder auferstandene Jugendfreundschaft?
Aber nein, meine liebste, einzigste Mary, sie war ja gar nicht richtig gestorben, diese unsre alte junge Liebe! Sie war uns nur abhanden gekommen, aber nicht abherzen (kann man das sagen?[2]), hatte Verstecken mit uns gespielt und sich so gut versteckt, daß sie sich am Ende selbst nicht mehr zu uns zurückfand.
Gewiß, mein alter Schatz, es war keine Herzenshärtigkeit Deiner Martha, daß sie selbst die große Neuigkeit ihrer Verheiratung Dir verschwieg. Wußte ich denn, wie ich Dir das fröhliche Blatt mit den kurzen und guten acht Worten:
zukommen lassen sollte, da ich Deine Spur so gänzlich verloren hatte. Erst, wenn ich mein Ziel erreicht habe, lass’ ich von mir hören! hattest Du gesagt, als wir uns am Bahnhof zum letzten mal umarmten, to sever for years,[3] und ich wenigstens half broken–hearted[4], denn ich verlor ja mit Dir mein halbes Herz, und die Hälfte, die zurückblieb, lag schwer wie Blei in meiner achtzehnjährigen Brust. Du gingst einer Zukunft voll Müh’ und Arbeit entgegen, einem harten aber erfrischenden Kampf mit dem Leben, der alle Deine Kräfte beflügelte, und ich blieb in einem bequemen müßigen Scheinleben zurück, ohne andere Pflichten, als die einer guten Tochter gegen liebe Eltern, die aber von dem, was ihr Kind bedurfte und ersehnte, keine Vorstellung hatten.
Wie oft habe ich dann an meine Herzensfreundin gedacht, von ihr geträumt, sie gescholten, daß sie ihr Wort so streng und stolz halten und mich nach einem Lebenszeichen verschmachten lassen konnte. Sie muß doch längst „ihr Ziel erreicht“ haben, sagte ich mir. Aber freilich, sie hat nun Wichtigeres zu thun, als sich an eine unbedeutende Schulfreundin zu erinnern; wer weiß, sie ist vielleicht noch weiter von mir verschlagen, bis über das große Wasser und eines Tages bringt die deutsche Zeitung in New York Bild und Biographie einer berühmten deutschen Aerztin, die wissenschaftliche Abhandlungen schreibt und in ihren Sprechstunden täglich von hundert Hilfe suchenden Frauen und Kindern überlaufen wird. Konnte ich denn denken, daß ein Brief verloren gegangen war, jener Brief, in dem Du mir, wie Du sagst, die Geschichte Deiner Studienjahre in der Glasgower School of Medicine for Women erzählt und Deine Promovierung zur Doktorin verkündet hattest? Und wie nun gestern der eingeschriebene Brief aus Glasgow kam, die Adresse in einer mir fremden echt englischen Handschrift, und ich, während ich den Empfang bestätigte, mir den Kopf zerbrach, wer mir aus Glasgow schreiben könnte – zu meiner Schande gesteh’ ich’s, nicht von fern kam mir die Vermutung, er könne von meiner alten Mary sein, von ihr, an die zu denken ich nie aufgehört hatte, deren Photographie über meinem Schreibtisch, auch wenn ich hätte untreu werden wollen, mich vor dieser Todsünde bewahrt haben würde.
Aber wie ich nun das Couvert aufgriffen hatte und unter den acht engen Seiten den geliebten Namen las und in dem photographischen Kärtchen das liebe alte Gesicht wiederfand, jetzt freilich noch etwas ernster und „sibyllinischer“ – Du entsinnst Dich wohl unserer alten Neckerei – aber immer noch meine Mary und jedes ihrer Worte so schwesterlich vertraut, – o meine alte Unvergeßliche, es überströmte mich eine so heiße Freudenflut, daß sie im Herzen nicht Raum fand und aus den Augen wieder herausstürzen mußte! Du weißt, ich habe Lori Schumacher nicht ausstehen können. Ich verachtete sie, daß sie in der Litteraturstunde, wenn wir die „Jungfrau von Orleans“ lasen, unterm Tisch ein Buch von Paul de Kock verschlingen und dazu Pralinés naschen konnte. Aber nun will ich ihr alles abbitten, weil sie es war, durch die Du mündliche Nachrichten über mich erhieltst und erfuhrst, daß ich weder untreu, weder tot sei, sondern acht lange Jahre nicht ein Wort von Dir erfahren hatte.
