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Juliane Junge-Hoffmeister zeigt, dass wir wieder mehr lernen müssen, Krisen als normale Bestandteile des Lebens zu akzeptieren und deren Bewältigung als Aufgabe anzunehmen. Die SARS-CoV-2-Pandemie führt uns gerade unsere Verletzlichkeit schmerzlich vor. Wir müssen wieder akzeptieren, mit Ungewissheiten zu leben. Dieser Impfstoff wird Kindern und Jugendlichen dabei helfen.
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Seitenzahl: 26
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Inhalt
Juliane Junge-HoffmeisterAuffrischimpfungEin Diskurs über das Impfen gegen psychische Beschwerden
Die Autorin
Impressum
Juliane Junge-HoffmeisterAuffrischimpfungEin Diskurs über das Impfen gegen psychische Beschwerden
Was brauchen Kinder, um seelisch gesund aufzuwachsen? Spontane Antwort einer 13-Jährigen: eine funktionierende Familie, die einem Halt gibt, Freiräume für die eigene Entwicklung, Freunde treffen können, keinen Druck, elterlichen Idealen entsprechen zu müssen, Motivation durch die Eltern und dass sie ihren Selbstwert stärken. Ein Neunjähriger ergänzt: dass die Eltern mit dem Kind spielen, dass sie ihr Kind streicheln und mit ihm kuscheln.
Sicher, das sind individuelle Antworten zufällig befragter Kinder und keine repräsentativen Studienergebnisse. Dennoch, wenn aufgeschlossene Kinder diese durchaus auch wissenschaftlich belegten Schutzfaktoren so direkt benennen können und – so unterstelle ich – die überwiegende Zahl der Eltern versucht, ihre Kinder gut zu erziehen und zu begleiten, warum berichten dann aktuelle Studien von Prävalenzraten psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen von mehr als 20 Prozent1 schon unter »Normalbedingungen«? Die Coronapandemie hat die Rate betroffener Kinder schon jetzt auf mehr als ein Drittel anwachsen lassen.2
Zu Recht diskutiert man immer öfter die Frage, wie viel Lockdown für Heranwachsende vertretbar ist und wie der Infektionsschutz gegenüber der psychischen Gesundheit zu gewichten ist. Einfache Antworten auf diesen Zielkonflikt gibt es nicht. Fakt ist jedoch, dass Kinder und Jugendliche mit manifesten psychischen Beschwerden – anders als Menschen mit akuten Atemwegserkrankungen oder anderen somatischen Problemen – in weniger als zehn Prozent der Fälle eine ärztliche beziehungsweise psychotherapeutische Behandlung erhalten.3 Die psychische Gesundheit sowie die Inanspruchnahme von Versorgungsangeboten sind dabei umso schlechter, je geringer der soziale Status der Heranwachsenden ist.4 Dabei sind die ökonomischen und gesellschaftlichen Kosten psychischer Erkrankungen immens: monetär (etwa die direkten Behandlungskosten und indirekten Arbeitsausfallkosten)5, aber auch für die individuellen Biografien betroffener Kinder und Jugendlicher (zum Beispiel schulische Erfolge und Ausbildungsabschlüsse, die soziale Entwicklung und Integration, die Partnerschaftsentwicklung bis hin zur eigenen späteren Elternschaft).
Letztlich sind also psychische Probleme Einzelner nicht nur ein individuelles Problem, sondern durchaus relevant für die Volkswirtschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt, das heißt auch für die Fähigkeit, in Krisenzeiten konstruktiv in der Gemeinschaft zusammenzuwirken.
Es gibt also gute Gründe, zu überlegen, an die Stelle der späteren Behandlung eine frühzeitige Immunisierung zu setzen. Aber geht das? Kann man gegen psychische Erkrankungen impfen wie gegen die Masern?
Gemeinhin wird unter einer Impfung die Gabe eines Impfstoffes (= stofflich) mit dem Ziel des Schutzes vor einer (Infektions-)Krankheit verstanden. Das Immunsystem wird dabei so aktiviert, dass es lernt, Krankheitserreger effektiv zu neutralisieren. In der Vakzinologie stellen sich konkretisierend unter anderem folgende Fragen:
1.Welche Krankheit soll der Impfstoff verhindern?
2.An welchem Krankheitserreger oder Mechanismus muss das Vakzin ansetzen?
3.Was muss der Impfstoff enthalten? Oder mit welcher Intervention kann man den Erreger ganz konkret unschädlich machen?
Versuchen wir eine Übersetzung dieser Fragen in die Psychopathogenese.
Welche Krankheit soll der Impfstoff verhindern?
Betrachten wir Angststörungen oder Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen oder Zwänge, stoffgebundene Suchterkrankungen (wie Alkoholabhängigkeit) oder nicht stoffliche Süchte (wie die Gaming Disorder)? Geht es um Essstörungen oder Persönlichkeitsstörungen (etwa die narzisstische oder die Borderline-Persönlichkeitsstörung)? Geht es ausschließlich um Störungen von »Krankheitswert« oder auch um das unbequeme Übermaß an hyperaktivem Verhalten beziehungsweise das irgendwie anders Sein?
