Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Basel im Sommer 1940, seit zehn Monaten herrscht Krieg. Aktivdienst, Rationierung und die Angst vor einer Invasion der Deutschen prägen den Alltag in der Schweiz. Als Kriminalkommissär Staehelin im Pikettdienst zu Hause von Wachtmeister Gelzer zu einem Einsatz abgeholt wird, schwant ihm Übles. Ein Toter im Gellert. Suizid. Irgendwo am Anfang der Gellertstrasse, ein stattliches Anwesen an der Ecke zur Grellingerstrasse, mehr wisse man noch nicht. Voll böser Ahnungen lässt er sich zum Fundort fahren. Lebt doch sein Neffe Max gemeinsam mit seinem Freund Simon und der Haushälterin Rosa in einer herrschaftlichen Villa an der Gellertstrasse 10. In seinem dritten in Basel spielenden Kriminalroman lässt Thomas Blubacher seinen Ermittler auf eine Reihe von mysteriösen Todesfällen sowie ein undurchdringliches Dickicht aus Intrigen, familiären Abgründen, Neid und Gier stossen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 254
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Cover
Über das Buch
Impressum
Titel
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
Über den Autor
Backcover
Cover
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelseite
Inhaltsbeginn
Thomas Blubacher
Aufgelöst
Der Zytglogge Verlag in der Schwabe Verlagsgruppe AG wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2026–2028 unterstützt.
© 2026 Thomas Blubacher© Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, BaselAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Thomas GierlKorrektorat: Philipp HartmannUmschlaggestaltung: Weiß-Freiburg GmbH, Freiburg i. Br.eBook-Produktion: 3w+p, Rimpar
ISBN ePub: 978-3-7296-2465-8
www.zytglogge.ch
Thomas Blubacher
Aufgelöst
Kriminalroman
«Gelzer! Was fällt Ihnen ein, hier Sturm zu läuten?» Tropfend stand Jakob Staehelin in der Eingangstür, wischte sich mit einer Hand den brennenden Seifenschaum aus den Augen, der von seiner Glatze herabgelaufen war, und versuchte mit der anderen, die beiden Enden des Badetuchs zusammenzuhalten, das er um die Hüften geschlungen hatte und das für diesen Zweck viel zu klein war. Früher hatte man diese Tücher mühelos festknoten können. Warum wurde seit Jahren an Stoff gespart? Und weshalb war die Regierung, wie er seine Frau Elsbeth nannte, just heute ausgegangen, zu einem ganz und gar überflüssigen Staatsbesuch bei ihrer Freundin Nelly? Sie hätte gewusst, wo sein Frotteemantel hing. Sie wusste alles. Meistens besser. Erst hatte er sich, statt von ihr bekocht zu werden, mit dürftigen Funden aus dem spärlich bestückten Frigidaire bescheiden müssen: einer Omelette, die aufzuwärmen ihn nicht lohnenswert gedünkt hatte, etwas Gruyère, rezentem immerhin, wie er es mochte, einer angeblich besonders gesunden, so roten wie rohen Peperoni und zwei Tomaten. Und kaum hatte er sich mit noch immer knurrendem Magen ins warme, mit einem Gutsch Silvapinol versetzte Wasser gelegt, um ein wenig zu entspannen, und damit begonnen, sich einzuseifen, hatte ihn das nicht enden wollende Schellen der Glocke wieder hochgejagt. Notgedrungen hatte er fast füdliblutt geöffnet, und nun wurde seine Leibesfülle, die er keineswegs ererbt, sondern ehrlich erworben hatte, ausgerechnet von Gelzer mit abschätzigen Blicken bedacht. «Sie haben doch auch schon meinen Neveu aus der Wanne aufgescheucht, nicht wahr? Wie lange ist das her, zwei Jahre? Ist das so ein ... eine Art Fetisch von Ihnen? Oder erfreuen Sie sich einfach am Anblick unbekleideter Herren?»
«Ja.»
«Ja?»
Unübersehbar rötete sich Gelzers rundliches Kindergesicht. «Nein! Also ja, als wir damals sein Haus nach einem Flüchtigen durchsuchen mussten, lag Ihr Neveu zufällig in der Badewanne, aber nein, Ihr Anblick ...» Er starrte auf die Wasserperlen, die in dem ergrauten Pelz auf Staehelins Brust und dem gewaltigen Bauch glitzerten. Der Kommissär hat überall Gekräusel, dachte er, wie widerlich, selbst auf den Schultern und sicher auch auf dem Rücken. Nur auf dem Kopf nicht. Gelzer strich sich unwillkürlich über sein eigenes weizenblondes Haar, das er kurz geschoren wie eine Bürste trug, weil ihm das, so glaubte er, ein virileres Aussehen verliehe. «Ihr Anblick err... erfreut mich nicht.»
«Nein? Bevorzugen Sie jüngere Semester?»
«Ich habe vergeblich versucht, Sie anzurufen, Herr Kommissär. Es war permanent besetzt.»
«Und was geht Sie das an? Es ist drei viertel acht, ich habe längst Feierabend.»
«Sie haben Pikettdienst. Die Vorschrift besagt, dass ...»
«Was gibt es denn?», unterbrach Staehelin wirsch.
«Man hat eine Leiche gefunden.»
«Augenblick.» Der Kommissär schlug dem Wachtmeister, der schon seit Jahren ein stetig sprudelnder Quell seines Missvergnügens war, die Tür vor der Nase zu, tapste achtsam, um mit seinen nassen Füssen ja nicht auszurutschen, über den schwarz-weiss gefliesten Flur, legte en passant den Hörer auf die Gabel des Fernsprechapparats, der dort auf einer Konsole stand, und stieg schnaufend die Stufen hinauf. So rasch er es vermochte, schlüpfte er im Schlafzimmer in frische Leibwäsche, ein von Elsbeth sorglich geglättetes Hemd und den hellgrauen Sommeranzug, den er über den stummen Diener in der Ecke gehängt hatte. Erst auf dem Weg hinunter bemerkte er, dass er noch keine Socken und Schuhe trug. Als er endlich einsatzbereit gekleidet hinaus auf die Birmannsgasse trat, die, abgesehen von einem ihm flüchtig bekannten Hagestolz von schlanker Postur, der seinen herzkranken Barsoi ausführte, wie ausgestorben wirkte, trommelte der Wachtmeister im Fond des Dienstwagens der basel-städtischen Kriminalpolizei schon seit Minuten ungeduldig mit seinen Fingern Doublés auf der Rückenlehne des Beifahrersitzes. Grusslos nahm Staehelin neben Korporal Mazzoni Platz, der ihm dennoch freundlich zunickte, das Gaspedal betätigte und den schwarzen Packard durch die wegen der Benzinrationierung fast autofreien Strassen in Richtung Steinenring chauffierte.
«Wie gesagt, Herr Kommissär, man hat eine Leiche gefunden», beugte sich Gelzer zwischen den Sitzen nach vorne und rümpfte die Nase. «Sie schmecken nach Fichtennadeln, wie ein frisch geschlagener Christbaum. Und das im Juli.»
«Mit dem kernigen Duft Ihres Knize Ten kann ich natürlich nicht konkurrieren. Damit erzielen Sie sicher enorme Erfolge bei ... den Damen, oder?»
Gelzer schnaubte leise und lehnte sich wieder zurück. «Ein junger Mann, Mitte zwanzig, hat sich mit seinem Hosengurt an einem Fenstergriff erhängt. Die Hausangestellte, die im Ausgang gewesen war, hat ihn nach ihrer Rückkehr aufgefunden. Zumindest hat sie das behauptet, als sie offenbar völlig aufgelöst dem Einsatzdienst des Polizeikommandos telefoniert hat. Und da es sich um keinen natürlichen Tod handelt, haben die Kollegen uns ...»
«Ich kenne die Vorschriften.»
«Ach, doch?»
«Wohin fahren wir denn?», wollte Staehelin wissen, als der Wagen die Pauluskirche passierte, deren monumentaler Viereckturm in der Abendsonne leuchtete.
«Ins Gellert.»
Staehelin schwieg.
«Jemand anders würde fragen, in welche Strasse.»
«Jemand anderen würde das auch interessieren.»
«Ich werde es Ihnen trotzdem sagen.»
«Das hatte ich befürchtet.»
«In die Gellertstrasse.»
Staehelin zuckte zusammen. Dort wohnte sein 26-jähriger Neveu Max Werthemann, zusammen mit der so warmherzigen wie resoluten Haushälterin Rosa, die ihn seit Kindertagen versorgte oder, besser gesagt, mütterlich umsorgte. Der Vater, ein Bruder von Staehelins Frau Elsbeth, war vor über einem Jahrzehnt verstorben und hatte ein solch beträchtliches Vermögen hinterlassen, dass dessen Erträge Max geradezu fürstlich alimentierten. Die Mutter vergnügte sich seit Jahren als lustige Witwe in ihrer Geburtsstadt Florenz mit einem angeblich kolossal talentierten jungen Cellisten, der ihr Sohn hätte sein können. Aber, so beruhigte sich Staehelin, dass Max sich etwas angetan haben könnte, schien mehr als unwahrscheinlich. Dazu war der mässig ambitionierte Dauerstudent viel zu lebensdurstig. Nicht zuletzt wusste er um die Wirkung, die sein fein geschnittenes, von gewellten blonden Haaren gekröntes Jünglingsantlitz auf Frauen ausübte, und bediente sich grosszügig seiner Möglichkeiten.
«Die Gellertstrasse ist lang. Wo denn genau?»
«Aha, nun habe ich Ihr Interesse doch erweckt.»
Staehelin spitzte die Ohren.
«Ziemlich am Anfang, Nummer ... Die Nummer ist mir entfallen, bedaure. Aber wir können die Kollegen des Polizeikommandos, die bereits vor Ort sind, nicht verfehlen.»
Im Rückspiegel sah Staehelin, wie Gelzer einen Mundwinkel nach oben zog. Wieso ...? Er musste schlucken. Sein Neveu wohnte in der Gellertstrasse 10. War es doch denkbar, dass Max ...? Oder hatte sich dessen ehemaliger Kommilitone und bester Freund Simon Schrage ...? Max hatte ihn vor einem Jahr bei sich aufgenommen. Platz gab es in der Villa mehr als genug, und Simon, der wegen seiner jüdischen Herkunft vor sechs Jahren nach Basel übergesiedelt war und sich seit seiner Promotion erfolglos um ein Quotenvisum für die Vereinigten Staaten bemühte, hätte sich schwerlich ein anderes Logement leisten können. Die Fremdenpolizei hatte dem alerten Germanisten jede entlohnte Tätigkeit untersagt, und die Zahlungen seines in Berlin ausharrenden Vaters blieben seit den Pogromen im November 1938 aus. Während des mittlerweile schon mehr als zehn Monate dauernden Krieges war Simon in noch heftigere Depressionen versunken als schon zuvor, insbesondere seit dem deutschen Blitzsieg über Frankreich und der nicht nur in Staehelins Augen defaitistischen Rede des Schweizer Bundespräsidenten vor dreieinhalb Wochen. Marcel Pilet-Golaz hatte nicht wie gewohnt von Widerstand, Unabhängigkeit und bewaffneter Neutralität gesprochen, sondern verkündet, nun sei es an der Zeit, vorwärts zu blicken und am Wiederaufbau der im Umbruch stehenden Welt mitzuwirken. Das hatte unmissverständlich nach vorauseilender Anpassung des von den Achsenmächten umzingelten Landes an das nationalsozialistische Deutschland geklungen. Hatte Simon voller Angst, in der Falle zu sitzen, alle Hoffnung fahren lassen? Wie hatte Max neulich geklagt? Simons Verzweiflung sei oft herausfordernd ...
«Der Tatort befindet sich schräg gegenüber dem Pfründerinnenheim, das das Bürgerspital im Lilienhof eingerichtet hat, an der Ecke zur Grellingerstrasse.»
Staehelin wurde kreidebleich. Seine schlimmste Befürchtung bewahrheitete sich. Genau an dieser Stelle stand das Werthemannʼsche Tudorschlösschen, eine ziemlich getreue Kopie des englischen Landsitzes Shadwell Park.
«Jetzt ist es präzise genug, nicht wahr?», ätzte Gelzer. «Sie haben ja Schweissperlen auf der ... Stirn. Hatten Sie Sorge, dass wir den Tatort nicht finden? Oder beunruhigt Sie etwas anderes?»
In diesem Augenblick fuhren sie bereits vorbei am St. Alban-Tor, und kurz darauf bog der Packard in die breite, mittig mit zwei Reihen Rosskastanien bepflanzte Gellertstrasse. Mazzoni drosselte das Tempo. Schon von Weitem sah Staehelin, dass Licht in der Werthemann-Villa brannte, er atmete noch schwerer, doch der Wagen rollte an deren schmiedeeisernem Tor vorüber und kam östlich der Einmündung der Grellingerstrasse zum Stehen. Nicht, wie der Kommissär nun erwartet hatte, vor dem Zinshaus an der Ecke, einem gesichtslosen Neubau, sondern erst bei der Strassenlaterne, die fast unmittelbar vor dem Eingang des trotz eines hübschen Erkers und zweier schmaler Balkone abweisend wirkenden Gebäudes mit der Nummer 16 stand. Er stieg aus, warf die Wagentür entschieden heftiger ins Schloss als erforderlich und einen erleichterten Blick dorthin, wo Max und Simon vermutlich mehr oder minder munter beieinandersassen. «So so, an der Ecke zur Grellingerstrasse!», zischte er hässig Gelzer zu und grüsste den uniformierten Kantonspolizisten, der den Eingang bewachte, umso freundlicher: «Guten Abend, Korporal. Staehelin, Kommissär Jakob Staehelin. Darf ich um Ihren Rapport bitten?»
«Das Anwesen gehört Balthasar Roth, 67 Jahre, verwitwet, Alleinbesitzer der Roth-Chemie.»
«Kurz: Roche?», mischte sich Gelzer ein. Staehelin gab sich keine Mühe, ein Grunzen zu unterdrücken.
«Genauer gesagt: der Roth’schen Chemie-Werke, RCW. Er lebt hier mit seiner Gesellschafterin, einer gewissen Elisabeth Graf. Die beiden halten sich aber zurzeit in St. Moritz auf. Ebenfalls im Haus wohnt ... wohnte der jüngste Sohn, Albert Roth, 25, ledig, tätig in der Finanzbuchhaltung der väterlichen Firma. Und das Dienstmädchen Verena ... Augenblick», er zückte ein Notizbuch, «Verena Dietschy, die den Verstorbenen aufgefunden und uns telefoniert hat. Sie wartet in der Küche. Wenn Sie ins Vestibül kommen, gleich die erste Tür rechts.»
«Und wo ist der Tote?», wollte Staehelin wissen.
«Im ersten Obergeschoss. Er hängt im Zimmer zum Garten hin.»
«Dann machen Sie, Mazzoni, dort schon einmal alle erforderlichen Aufnahmen, während ich mich mit diesem Fräulein Dietschy unterhalte.»
Wie verloren stand der Korporal in der ihm eigenen miserablen Haltung da, mit hängenden Schultern, den fast kinnlosen Kopf nach vorne gestreckt, und druckste herum: «Ich ... ich weiss nicht, ob ... ob ich ...»
«Sie schaffen das. Glauben Sie mir, niemand bedauert mehr als ich, dass ausgerechnet unser Polizeifotograf nicht zu den zwei Dritteln der Armee gehört hat, die kürzlich demobilisiert worden sind.» Er wandte sich um. «Warum haben Sie eigentlich noch keinen Aktivdienst leisten müssen, Gelzer?»
«Ich bin für die basel-städtische Kriminalpolizei so unabkömmlich wie Sie, Herr Kommissär.»
«So, sind Sie das?» Staehelin liess den Wachtmeister stehen und setzte sich in der Küche zu dem noch immer fassungslosen Dienstmädchen, das sich zur Beruhigung einen Verveine-Tee aufgegossen hatte und diesen nun aus einer mit dunkelblauen Herzchen verzierten Steinguttasse schlürfte. Verena Dietschy hatte ein kleines, spitzes Gesicht mit himmelstürmender Nase und schmalen Augen, war nicht besonders gross und beinahe zierlich, schien aber sehnig und zäh. Der Kommissär schätzte sie auf Anfang zwanzig, und so überraschte es ihn, dass sie mit der lamentierenden Fistelstimme einer kränklichen alten Dame grüsste.
«Sie waren also heute Nachmittag im Ausgang, Fräulein Dietschy?»
«Ich war in der EPA posten, aber den Bon habe ich leider nicht aufbewahrt. Und danach war ich am Kleinbasler Rheinufer spazieren.»
«Allein?»
Sie nickte und goss sich Tee nach. «Mögen Sie auch einen Schluck? Nein?»
«Wann sind Sie zurückgekehrt?»
«Das muss um sieben oder kurz danach gewesen sein. Im Vestibül brannte Licht, obwohl es ja draussen noch lange nicht dunkel war. Auf dem Weg hinauf zu meiner Mansarde sah ich, dass auch im Zimmer des jungen Herrn die Deckenlampe leuchtete, die Tür stand nämlich halb offen. Ich sagte laut: ‹Guten Abend, Herr Roth!›, erhielt aber keine Antwort. Das war eigenartig, der junge Herr ist ... war immer sehr freundlich zu mir, ganz anders als der Herr Direktor und vor allem als dessen ... Gesellschafterin. Ich klopfte. Immer noch keine Reaktion. Da lugte ich vorsichtig hinein und sah den jungen Herrn, wie er ... Er war ...» Das Dienstmädchen, das sich die Augen rotgeweint hatte, brach abermals in Tränen aus, wischte sich mit dem Handrücken hinablaufenden Schleim ab und zog zugleich geräuschvoll die Nase hoch.
«Sie haben ihn eindeutig erkannt?»
«Was für eine Frage. Es war ... ist ... war Albert Roth.»
«Und dann haben Sie dem Polizeiposten telefoniert?»
«Und gleich danach dem Herrn Direktor in St. Moritz. Er hatte mir die Nummer vom Hotel Palace für Notfälle hinterlassen. Das ist doch ein Notfall, oder nicht?»
«Natürlich. Ich nehme an, Herr Roth wird seine Ferien abbrechen.»
«Der Herr Direktor hat gesagt, er wolle morgen Abend oder spätestens am Sonntag in Basel eintreffen.»
«Richten Sie ihm bitte aus, ich werde ihn am Montag aufsuchen.»
«Selbstverständlich.»
«Albert Roth war ledig, hat man mir rapportiert. Hatte er eine Verlobte?»
Sie schüttelte heftig den Kopf. «Jedenfalls hat er nie eine junge Frau ins Haus gebracht. Er war eine so zurückhaltende Natur, dass er, wenn ich das so sagen darf, bei Damen wenig Anklang fand.»
Vergeblich versuchte sie, ein Aufstossen zu unterdrücken. Staehelin kam es vor, als müsste sie sich jeden Moment übergeben. «Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein Dietschy?» Erst zuckte sie mit den Schultern und schien etwas antworten zu wollen, dann nickte sie stumm. «Das ist verständlich nach dieser Aufregung. Jetzt ruhen Sie sich aus, wir benötigen Sie nicht mehr.»
Im ersten Obergeschoss wachte ein weiterer Korporal der Kantonspolizei neben der Tür zu Albert Roths spartanisch eingerichtetem Zimmer, wo man dessen Leiche selbstverständlich exakt so belassen hatte, wie sie aufgefunden worden war, und grüsste den Kommissär wortlos. Mazzoni hatte die ihm zugewiesene Aufgabe soeben erledigt, nicht ohne Mühe, und trat voller Sorge, ob der Film nach der Entwicklung wirklich alles für die weiteren Untersuchungen Erforderliche zeigen würde, mit misslicher Miene beiseite. Schweigend betrachtete Staehelin den Toten, der ein weisses, kurzärmliges Hemd trug, helle Leinenhosen und Sandalen, von sportlicher Statur war, widerspenstige, dunkelblonde Locken und grüne Augen hatte. Trotz der Leichenblässe gewahrte man, dass der Verblichene alles andere als bleich, sondern auffallend sonnengebräunt gewesen war. Das blühende Leben, wie man so sagte. Wieso hatte er es sich genommen?
«Sie sehen ja selbst, Albert Roth hat sich mit seinem Ledergurt stranguliert.» Gelzer klappte ein Büchlein zu, in das er eifrig Notizen gemacht hatte. «Dort auf dem Bett liegt eine Art Abschiedsbrief.»
Auf dem Titelblatt einer Zeitschrift stand quer über ein Gedicht mit dem Titel «Ein Soldat» mit violettem Kopierstift geschrieben: «Ich kann nicht mehr. A.»
Staehelin langte nach dem dünnen Journal. «‹Menschenrecht. Blätter zur Aufklärung gegen Ächtung und Vorurteil.› Vorurteile sind nie gut, nicht wahr, Gelzer?»
«Das ist ein monatlich erscheinendes Periodikum für Homosexuelle. Das Motiv für den Suizid dürfte damit geklärt sein.»
«So? Meinen Sie?» Staehelin nahm das Leintuch, das Albert Roth in Sommernächten augenscheinlich als Ersatz für ein Duvet gedient hatte, und warf es Gelzer zu, der reflexartig danach griff. «Der arme Junge muss ja nicht länger ... Decken Sie ihn zu.»
Während der Wachtmeister eher widerwillig und mit mässigem Geschick versuchte, das Laken über den Fenstergriff und den darunter hängenden, zugleich halb sitzenden Körper zu breiten, blätterte Staehelin das abbildungslose Blättchen durch, überflog dann die Bleiwüste des ersten Artikels und las laut vor: «‹Das Märchen von der Minderwertigkeit des Homoeroten widerlegt das Leben der Wirklichkeit wieder einmal besser als alle wissenschaftlichen Untersuchungen. Geht man durch die Strassen, so entdeckt man unter der Policemütze oft ein Gesicht, von dem man weiss, dass es einem Menschen unseres Kreises gehört.› Stimmt das, Gelzer?»
«Ich denke nicht, dass man solcher Propaganda Glauben schenken sollte, Herr Kommissär. Es kann wohl kaum angehen, dass eine Minderheit dem normal und gesund empfindenden Mehr des Volkes ihre Weltsicht aufdrängt.»
«Das aus Ihrem Mund zu hören, frappiert mich.»
«Was soll das heissen? Ich wollte mir schon lange verbitten, dass ...» Gelzer spürte, wie er fuchsig wurde, doch er schluckte seinen Zorn hinunter. «Aber natürlich gilt den einzelnen Individuen unser aller Mitgefühl, sofern sie nicht unverschämt in die Öffentlichkeit drängen und uns mit ihrer Verirrung behelligen. Roth jedenfalls hat seiner bedauernswerten Existenz ein Ende gesetzt.»
«Wussten Sie, dass der jüdische Philosoph Otto Weininger ein übler Antisemit war?»
«Ich verstehe den Zusammenhang nicht, Herr Kommissär?»
«Egal. Sie gehen also davon aus, dass Albert Roth unter seiner Veranlagung gelitten hat?»
«Selbstverständlich. Zweifeln Sie daran?»
«Haben Sie die Chiffonière dort an der Wand durchsucht?»
«Nur frische Wäsche wie Unterhosen, Leibchen, Nachthemden und Socken. Zudem Sockenhalter, Manschettenknöpfe, Krawatten, Pochettli, Foulards und Shawls.»
«Und was ist im Sekretär? Gibt es einen Taschenkalender, Briefe, Notizen, gar ein Tagebuch? Oder Fotografien?»
«Nichts dergleichen.»
«Nicht einmal ältere Ausgaben dieser Zeitschrift? Wenn ich das richtig gelesen habe, wird sie nicht am Kiosk verkauft, sondern ausschliesslich an Abonnenten versandt.»
«Schreibbogen und Couverts, zwei Drehbleistifte und ein Füllfederhalter, etwas Münz, ein fast aufgebrauchtes Päckchen Marocaines und ein paar Zündholzbriefchen, uninteressant.»
«Ich nehme an, die Zündholzbriefchen haben Werbeaufdrucke?»
«Schon möglich. Moment ... Ja, auf diesem hier steht ‹Steineneck› und auf dem ‹Valencia›, beide sind ganz neu. Das dritte, aus dem bis auf ... fünf alle Anzünder rausgebrochen worden sind, stammt aus dem Sonnenbad St. Margarethen, genauer gesagt von der Beiz dort.»
«Geben Sie Bescheid, dass die Leiche in die Gerichtsmedizin transportiert werden kann. Sagen Sie, ich würde mich schandbar freuen, diesmal den Bericht nicht erst in acht Tagen auf meinem Pult zu finden. So gravierend wie wegen des Aktivdienstes im Mai und Juni kann die Personalnot ja nicht mehr sein. Und richten Sie Mazzoni aus, dass er mich nicht nach Hause chauffieren muss. Ich gehe zu Fuss.»
«Sie wissen, dass Sie im Pikett verpflichtet sind ...»
«Ja, das weiss ich», schnitt ihm Staehelin das Wort ab. «Ich werde auf dem kürzesten Weg in die Birmannsgasse marschieren. Ich schwöre, bei allem, was Ihnen heilig ist. Obgleich ich keinen Schimmer habe, was das sein könnte.» Er steckte sein kleines, schwarzes Buch in die Innentasche seines Vestons, auch er hatte etwas notiert, nickte Gelzer zu und begab sich abermals in die Küche, wo das Dienstmädchen, das sich ein wenig beruhigt hatte, nun schon die dritte Tasse Tee schlürfte. «Entschuldigen Sie, wenn ich Sie noch einmal behellige, Fräulein Dietschy, aber eines nimmt mich wunder: Sie sagten, Herr Roth habe nie eine junge Dame mitgebracht. Hatte er denn ab und an Herrenbesuch?»
«Sie meinen, ob Arbeitskollegen von ihm bei uns waren?»
«Nicht unbedingt Arbeitskollegen. Bekanntschaften. Freunde. Ein guter Freund?»
Die junge Hausangestellte sah ihn mit leeren Augen an.
«Ein ... ganz besonders guter Freund?»
«Herrenbesuch, jetzt verstehe ich, was Sie meinen. Erstens hätte der Herr Direktor so etwas niemals geduldet, schon gar nicht unter seinem Dach, und zweitens, wenn der junge Herr Roth ... also wenn er ... also, das hätte ich gemerkt.» Sie schlang ihre schmalen, sehnigen Hände mit einer merkwürdig heftigen Gebärde ineinander, sodass die Gelenke knackten. «Das merkt man diesen Menschen doch an, nicht wahr? Wie kommen Sie auf solch eine abwegige Idee?»
«Es war nur eine Frage, Fräulein Dietschy. Nur eine Frage.»
Der kürzeste Weg in die Birmannsgasse wäre auch der schnellste gewesen, hätten nicht nach kaum hundert Metern Hunger, Durst und Familiensinn dem Kommissär versagt, an der Villa seines Neveus vorüberzugehen. Er zog kräftig an dem Messinggriff, welcher über eine feingliedrige Kette mit einer Glocke im Inneren verbunden war. «Ja, ja, ich komme ja schon!», hörte er Rosa durch die schwere, opulent mit Schnitzereien verzierte Haustür rufen, dann sperrte sie auf, sichtlich überrascht, den Onkel ihres Arbeitgebers zu sehen, obgleich selten mehr als zwei, drei Tage verstrichen, ohne dass er sich selbst zum Essen einlud.
«Um diese Zeit? Wir sind schon seit über einer Stunde fertig mit dem Znacht. Keine Angst, viel haben Sie nicht verpasst, es hat heute nur Gschwellti mit Randensalat gegeben. Kommen Sie herein, wir sitzen im Salon und spielen einen Handjass zu dritt. Doch jetzt, wo wir zu viert sind ... Soll ich Ihnen vorher rasch ein Schinkenbrot richten? Mit Cornichons?» Von schweren Lidern halb verdeckt, funkelten die braunen Augen über der Stupsnase in ihrem weich modellierten Gesicht schelmisch. «Und einer dicken Schicht Anken?»
«Hätten Sie denn ein Warteck dazu im Frigidaire? Vielleicht sogar zwei?»
«Kommt sofort! Sie kennen ja den Weg.»
«Onkel Jakob! Was verschafft uns die Ehre? Setz dich!», begrüsste ihn Max, der wie immer in seinem abgewetzten, aber unvergleichlich bequemen Lederfauteuil vor dem um diese Jahreszeit natürlich kalten Cheminée lümmelte, von dessen Marmorsims ein Strauss frischer Eichenblatt-Hortensien seinen Duft verströmte. Staehelin nahm zur Linken Simons auf dem Canapé Platz. Bevor er antworten und auf den Anlass des unangekündigten Besuchs zu sprechen kommen konnte, wollte sein Neveu wissen: «Wie geht es Tante Elsbeth?»
«Nicht so gut.»
«Was hat sie denn?»
«Mich. Sie beklagt sich jeden Tag, sie könne wegen meines Schnarchens kein Auge zumachen. Aber ich denke, in Wahrheit hört sie das Geräusch ganz gern, dann weiss sie, dass wir beide noch leben.»
«Wie romantisch!»
«Das nennt man eine Palliativbeziehung, Herr Schrage.»
«Seit mehr als einem Jahr bitte ich Sie, einfach Simon zu mir zu sagen.»
«Natürlich, entschuldigen Sie, Simon. Zumal ich, so gerne ich meinen Neveu sehe ...»
«Vor allem, wenn Rosa etwas Feines auftischt!»
«... heute Abend Ihretwegen hier bin. Meine Visite hat einen dienstlichen Grund. Ich denke, Sie könnten mir helfen.»
«Ich bin ganz Ohr.»
«Ich musste wegen eines Todesfalls in die Gellertstrasse kommen.»
«Ein Mord?»
«Das nicht. Wie in den meisten Fällen war die Todesursache das Leben.»
«Ein ungesunder Lebenswandel?», wunderte sich Simon. «Was hat die Kriminalpolizei mit den zweifellos fatalen Folgen von Trunksucht oder», er zögerte kurz, «Völlerei zu schaffen?»
«Der junge Roth hat das Leben nicht länger ertragen und sich erhängt.» Staehelin bemerkte, wie schlagartig alle Spuren guter Laune aus Maxʼ Gesicht wichen. «Du hast ihn natürlich gekannt.»
«Flüchtig.»
«Nur flüchtig? Die Roths wohnen doch in nächster Nachbarschaft?»
«Dann müsste ich ja auch sämtliche alten Weiber kennen, die gegenüber in der Nummer 9 versorgt werden», erwiderte Max überraschend heftig. «Das ist Kabis, Onkel Jakob.»
«Was ist denn plötzlich los mit dir?»
«Aus welchem Grund wollten Sie zu mir?», versuchte Simon, einen möglichen Disput im Keim zu ersticken.
«Offenbar war Albert Roth homosexuell.»
«Und nun denken Sie, er hat sich das Leben genommen, weil er unter seiner Veranlagung gelitten hat wie alle Schwulen? Und ich als selbst von diesem grausamen Schicksal Betroffener soll Ihre brillante Hypothese bestätigen?»
«Um Himmels willen, nein, ich wollte nicht ...»
«Oder dass er seine Neigungen verheimlicht hat und ...»
«Das Dienstmädchen hat deutlich erklärt, es könne sich nicht vorstellen ...»
«... erpresst wurde und keinen Ausweg mehr gesehen hat?»
«Wäre das denn so abwegig?»
«Natürlich nicht. Wir sind alle einsam und unglücklich, fallen entweder einem Gewaltverbrechen zum Opfer oder setzen unserer deplorablen Existenz selbst ein vorzeitiges Ende. Vorausgesetzt natürlich, wir sind im fraglichen Fall nicht die schändlichen Triebtäter, Intriganten, Bankrotteure oder ...«
«Ich wollte nicht ... Was herrscht denn heute hier für eine Stimmung? Ihr seid beide so gereizt! Hat Rosa beim Jassen das bessere Blatt gehabt?»
«Woher wissen Sie denn, dass dieser Roth schwul war, wenn nicht einmal das Dienstmädchen etwas davon mitbekommen hat?»
«Er hat einen Abschiedsbrief hinterlassen, besser gesagt: eine Abschiedsnotiz auf der aktuellen Ausgabe des ‹Menschenrechts›.»
«Er hat also zeit seines Lebens verborgen, wer er wirklich war, aber sich kurz vor seinem schrecklichen Exitus durch die Wahl dieser Zeitschrift offenbart? Wozu?»
«Es gibt viele Verbrecher, die ihr Geheimnis nicht mit ins Grab nehmen wollen und im letzten Moment gestehen.»
«Ein Verbrechen ist Homosexualität, soweit ich weiss, im Kanton Basel-Stadt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr.»
«Natürlich nicht, aber ...»
«Aber?»
«Ach, was ich heute auch sage, ist lätz.»
«Ein belegtes Brot mit Schinken und zwei eisgekühlte Fläschchen Warteck. Bitte schön, Herr Staehelin.» Rosa stutzte. «Dicke Luft? Was ist passiert?»
«Ich habe so dumme Dinge von mir gegeben wie sonst nur Gelzer und Simon damit verärgert. Albert Roth hat sich das Leben genommen.»
«Der nette junge Roth aus der Nummer 16? Das ist ja schrecklich! Weiss man schon, weshalb?»
«Weil er schwul war. Das sei ein hinreichender Grund, findet der Kommissär.»
«Simeli, bitte! So hat das Onkel Jakob nicht gesagt. Oder wenigstens nicht gemeint. Ihr werdet euch doch deswegen nicht in die Haare kriegen!»
«Die ich gar nicht mehr besitze.»
«Wenn der junge Roth sich umgebracht hat», versuchte Rosa einen kühlen Kopf zu bewahren, «ist das doch gar keine Angelegenheit, mit der sich die Kriminalpolizei beschäftigen muss. Es sei denn, Auslöser der Tat wäre eine Erpressung gewesen.»
«Genau das scheint mir nicht unwahrscheinlich. Ich nehme an, Roth war wie fast alle Männer im entsprechenden Alter seit letztem September zumindest vorübergehend im Aktivdienst ...»
«Was bin ich froh, dass man mich dispensiert hat, damit ich mein Studium abschliessen kann», unterbrach Max seinen Onkel.
«Könnte, Mäxchen. Man nennt diesen Modus Irrealis.»
«Nebbich! 121 stumpfsinnige Diensttage von September bis Januar als Füsel im Jura waren fürs Erste genug. Ich stehe lieber allein unter der Dusche, speise von unseren Strassburger Fayencen statt aus der Gamelle, trage Budapester anstelle unbequemer Zahnradfinken und grüsse nur, wen ich grüssen mag. Offizier zu werden, habe ich abgelehnt ...»
«Das würde sich aber so gehören für jemanden aus dem Daig, oder?»
«Und jetzt, wo man beschlossen hat, das Gros der Armee zurückzuziehen und Basel zur ‹offenen Stadt› zu erklären, also auch dieses allerliebste Häuschen hier im Angriffsfall nicht zu verteidigen, sondern kampflos den Teutonen zu übergeben ...»
«Dürfte ich vielleicht ausreden?», riss Staehelin, dessen Geduld genug strapaziert worden war, wieder das Wort an sich. «Ob Roth im Aktivdienst war, werde ich morgen früh überprüfen lassen. Möglicherweise ist im Kantonnement etwas vorgefallen.»
«Du meinst, er hat im Strohlager die Wärme eines Kameraden gesucht?»
«‹Gross ist des Vorurteils bindende Kraft›, nicht wahr, werter Werthemann?»
«Sagt wer, Herr Dr. Schrage? Lessing?»
«Nestroy.»
«Ich brauche euch wohl kaum zu belehren, dass Homosexualität in der Schweizer Armee verboten ist. ‹Widernatürliche Unzucht› wird mit Gefängnis bestraft. Und selbst wer sich nicht ... betätigt, aber zu seiner Veranlagung bekennt, wird für dienstuntauglich erklärt.»
«Wer Männer tötet, erhält einen Orden, wer sie liebt, wird entlassen», konstatierte Simon.
«Und in sein Dienstbüchlein wird ein Code eingetragen, der für eine ‹abnorme sexuelle Veranlagung› steht.»
«Fast wie das ‹J› in meinem deutschen Pass.»
«Wenn ich richtig deute, was Fräulein Dietschy, so heisst das Dienstmädchen ...»
«Verena?», fragte Rosa. «Ich treffe sie ab und zu beim Posten. Ein liebes Mädchen!»
«... was Verena Dietschy gesagt hat, wäre der alte Roth alles andere als erfreut darüber gewesen.»
«Ich stelle die gleiche Frage nochmal: Wenn wirklich ein Kamerad auf welche Weise auch immer von Albert Roths heimlichen Neigungen erfahren und ihm damit gedroht hätte, sie öffentlich zu machen, hätte Roth sie in seinen letzten Minuten offenbart? Damit sein Vater ihn über den Tod hinaus verachtet? Er hätte seine Abschiedsbotschaft ebenso gut auf den Börsenteil der ‹Basler Nachrichten› kritzeln können oder auf ein Exemplar der ‹Schweizerischen Kirchen-Zeitung›.»
«Die Roths sind katholisch? Das hätte ich nicht von ihnen gedacht.»
«Ach, Rosa, was weiss ich, das war ein willkürliches Beispiel. Darum geht es nicht.»
«Wir müssen jemanden finden, der mehr über Albert Roth weiss, der ihn besser kannte als die Dietschy und als der Vater und ... Ach, das habe ich gar nicht erfragt: Wisst ihr, ob Albert Roth Geschwister hatte?»
«Einen Bruder, drei oder vier Jahre älter, und eine Schwester, die mittlerweile Anfang vierzig sein dürfte.» Rosa war stets bestens über die Verhältnisse im Quartier informiert. «Beide wohnen aber längst nicht mehr im Elternhaus. Trudi, also eigentlich Gertrud, aber alle sagen ihr Trudi, ist seit vielen Jahren verheiratet. Mit einem Mangold, wenn ich mich nicht irre. Kinderlos. Werner war eine Zeitlang mit einer Tochter der Sandreuters aus der Sevogelstrasse liiert, aber man munkelt, sie habe die Verbindung auf Drängen ihrer Eltern gelöst, weil er nach Feierabend ständig mit seinen Kollegen versumpft sei, statt sich um sie zu kümmern. Aber das ist sicher vier, fünf Jahre her. Was seinen gegenwärtigen Familienstand anbelangt, muss ich passen.»
«Hat man denn in Roths Zimmer etwas gefunden, das auf einen Freund oder wenigstens einen Schwarm schliessen liesse? Briefe? Postkarten? Fotos?», wollte Max wissen. «Darauf, wo er seine Freizeit verbracht hat und imfall den Urlaub vom Aktivdienst?»
«Nichts. Nur drei Zündholzbriefchen. Eines vom Valencia, eines vom Steineneck ...»
«Das ist allerdings so einschlägig wie das Exemplar des ‹Menschenrechts›», räumte Simon ein.
«... und eines vom Sonnenbad St. Margarethen.»
«Trotzdem kann er sich aus einem Grund entleibt haben, der nichts, aber auch gar nichts mit seinen Neigungen, seinen möglichen Neigungen, zu tun hatte. Wegen erdrückender Schulden zum Beispiel, Spielschulden vielleicht. Weil er schwermütig war. Oder weil er an einer unheilbaren Erkrankung litt.»
«Ich werde mit seinem Vater sprechen, sobald dieser aus St. Moritz zurück ist, natürlich ganz behutsam. Aber es wäre bäumig, wenn Sie, Simon, sich möglichst bald in den beiden Lokalitäten umhören könnten, ob einer der Stammgäste oder jemand vom Personal Albert Roth gekannt hat. Vielleicht erfahren wir irgendetwas, das seinen Selbstmord erklärt.»
«Ich fürchte, als Spitzel eigne ich mich nur bedingt. Ausserdem», hob Simon mit gespieltem Bedauern die Schultern, «hat mir die Fremdenpolizei jede entgeltliche Tätigkeit verboten.»
«Von einen Salair war keine Rede.»
«Schon gut, Herr Staehelin, ich helfe Ihnen selbstverständlich gerne.»
«Wenn ich dort wie ein alter Waggis auftauche und mich nach einem jungen Mann erkundige, wird man denken, ich ... wird man mir kaum Vertrauen entgegenbringen. Mazzoni hat bedauerlicherweise ab morgen wegen einer familiären Angelegenheit ein paar Tage frei. Und den verknorzten Gelzer kann ich schwerlich in zwei Schwulenbeizen schicken und ernsthaft glauben, er agiere dort diskret und mit Erfolg.»
«Was Letzteres anbelangt, muss ich dir tatsächlich einmal recht geben heute», feixte Max.
«Ich werde ihn stattdessen ins Sonnenbad beordern, falls das Wetter beständig bleibt ...»
«Es soll immerhin dreiundzwanzig oder sogar vierundzwanzig Grad geben», wusste Rosa. «Vor Kurzem waren es gerade mal fünfzehn, und das Mitte Juli!»
«... am besten am Sonntag. Das wird ihm wenig Freude bereiten, aber wer Karriere machen will, muss jederzeit Einsatzbereitschaft zeigen. Roth war sonnengebräunt wie ein ägyptischer Kameltreiber ...»
«Wieso sagen Sie nicht: wie ein ägyptischer Gastroenterologe», warf Simon ein, «Orthopädieschuhmacher oder Damencoiffeur?»
«... vermutlich hat er sich also nicht nur einmal dort aufgehalten», fuhr Staehelin ungerührt fort. «Und da er unter der Woche in der Firma seines Vaters tätig war, wenn er nicht Militärdienst leistete, falls er Letzteres wirklich tat, und nach Feierabend die Sonne eher kraftlos am Horizont steht, dürfte er das Bad vor allem sonntags frequentiert haben. Vielleicht kannte ihn ein anderer Habitué und weiss irgendetwas, das uns weiterhilft.»
«Ausgerechnet Gelzer soll dort unauffällig Nachforschungen anstellen? Dazu müsste er doch so tun, als wäre er ein ganz normaler Badegast?»
