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Freundschaft, Liebe und Mut sind die wahren Koordinaten des Lebens Tooly Zylberberg liebt Tee, lange Spaziergänge und den Buchladen ›World's End‹ in einem kleinen walisischen Städtchen, dessen stolze, wenn auch nicht gewinnbringende Besitzerin sie ist. Tooly hütet nicht nur tausende Bücher, sondern auch eine Fülle von Geheimnissen, ihre eigene Vergangenheit betreffend, die sie selbst nicht alle kennt. Als sie klein war, hatte ihr Vater sie entführt und war mit ihr durch die Welt gezogen, während ihre Mutter Chaos verbreitete, wo immer sie auftauchte. Doch waren da noch Humphrey, der griesgrämige Russe, der Bücher über alles liebte, und Venn, Sarahs Liebhaber, ebenso charismatisch wie egozentrisch, dessen Weltsicht Tooly für immer prägen sollte. Ein Dreieck, in dem Tooly versuchte, Grund unter die Füße zu bekommen, während das Leben sie durch die Luft wirbelte. Tooly fiel durch alle Netze und Raster – und doch wird sie am Ende ankommen in einem Leben, das das ihre ist. Ein großartig verdichteter Roman, in dem der Mut, sich seiner Vergangenheit zu stellen, leuchtet wie ein helles Licht.
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Veröffentlichungsjahr: 2014
Tom Rachmann
Aufstieg und Fall großer Mächte
Roman
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Deutscher Taschenbuch Verlag
Für meine Schwester Emily
Sein Bleistift schwebte über dem Verkaufsbuch, stieß, wenn Fogg einer Behauptung Nachdruck verleihen wollte, zum Blatt hinab, bis die Bleistiftspitze aufs Papier traf, stieg gleich darauf wie ein Kunstflieger auf, um dann, wenn er wieder etwas betonte, erneut im Sturzflug niederzugehen, wodurch der immer stumpfer werdende Stift ein Sternenbild von Punkten rund um jenen einsamen Eintrag dieses Morgens hinterließ, der den Verkauf eines gebrauchten Exemplars von ›Landschnecken in Großbritannien‹ von A.G. Brunt-Coppell (Preis: 3,50 £) festhielt.
»Zum Beispiel die Revolution«, rief er von vorn. »Die Franzosen sehen die völlig anders. Denen wird nämlich nicht beigebracht, dass sie nur Chaos und Schreckensherrschaft bedeutet hat. Für sie war die Revolution was Gutes. Und kann man ihnen das verdenken? Sturm auf die Bastille? Die Erklärung der Menschenrechte?«
Nähme man das französische Volk und sein rebellisches Temperament, so der Tenor von Foggs Ausführungen, dann – nun, so ganz klar war es nicht, worauf er eigentlich hinauswollte. Fogg gehörte nämlich zu denen, die sich ihre Meinung beim Reden bilden, vielleicht auch erst danach, weshalb er gern weit ausholte, um so allmählich begreifen zu können, was er eigentlich meinte. Auf diese Weise wurde der Akt des Sprechens für ihn zu einer Erkundungstour, was seine Zuhörer allerdings nicht immer zu schätzen wussten.
Foggs Stimme hallte an den Regalen entlang und die drei Stufen in den hinteren Teil des Buchladens hinab, wo Tooly Zylberberg – seine Tweedblazer, schmuddelige Jeans und Gummistiefel tragende Arbeitgeberin – zu lesen versuchte.
»Hm«, erwiderte sie, eine etwas abgegriffene Biografie über Anne Boleyn aufgeschlagen im Schoß. Sie hätte Fogg bitten können, still zu sein, und er hätte ihr den Gefallen gewiss getan, aber Fogg liebte es nun mal, sich über große Themen auszulassen, als wäre er ein Mann von Bedeutung, was er nun keineswegs war. Das fand sie an ihm ja gerade so sympathisch, auch weil er auf diese Weise seine nicht unbeträchtlichen Selbstzweifel kaschierte – sollte sie ihm widersprechen, gab er übrigens gern nach. Armer Fogg. Dank Toolys Schwäche für ihn durfte er weiterschwatzen, auch wenn sie dabei nicht lesen konnte.
»Schließlich und endlich war der Typ, der die Guillotine erfand, ein Mann der Medizin«, fuhr Fogg fort, während er Bücher zurück ins Regal stellte, vorher aber die Seiten aufblätterte, um ihr Aroma nach altem Papier freizusetzen, das er tief einatmete, ehe er die einzelnen Bände in die freien Lücken schob.
Er ging die drei knarrenden Stufen hinab, unter dem Schild »GESCHICHTE / NATUR / LYRIK / MILITARIA / BALLETT« hindurch zu einem tiefer gelegenen, »Die Klause« genannten Nebenraum. Der Buchladen war einmal ein Pub gewesen, und einst hatten regennasse Gäste in der Klause ihre Socken am mittlerweile zugemauerten, aber immer noch von Zangen und Blasebalg flankierten Kamin aufgehängt, den kleine grün-rote Wales-Fähnchen sowie eine Reihe Toby-Becher an Haken zierten. Auf einem Eichentisch lagen Fotobände mit Landschaftsaufnahmen der näheren Umgebung, während die Wände Regale mit Lyrik säumten, wozu allerdings auch eine Reihe gebundener, vor sich hin staubender Shakespeare-Werke gehörte, deren rote Buchrücken so verblasst waren, dass es großen Scharfblicks bedurfte, wollte man ›King Lear‹ von ›Macbeth‹ unterscheiden. Beide dieser ehrwürdigen, auf überladenen Regalen ruhenden Monarchen konnten jederzeit in den Schaukelstuhl hinabpoltern, in dem Tooly saß, eingewickelt in eine Schottendecke, die ihr im Winter gute Dienste leistete, wenn die Heizkörper angesichts der anstehenden Aufgabe meist nur einmal heftig erbebten, um dann jeglichen Betrieb einzustellen.
Sie strich ihr kurzes schwarzes Haar zurück, dessen Spitzen ungepiercte Ohrläppchen umkringelten; hinter einem Ohr klemmte ein Bleistift mit grauer Mine. Das vorgehaltene Taschenbuch sollte Fogg davon abbringen, ihre Lektüre stören zu wollen, doch zuckten Toolys Wangen amüsiert hinterm aufgeschlagenen Band angesichts des Kreise ziehenden Fogg – welch sichtliche Anstrengung es ihn doch kostete, still zu bleiben. In weitem Oval umstiefelte er den Tisch; die Hände in den Hosentaschen klimperten mit Kleingeld. (Immerzu fielen ihm Münzen durch Löcher in den Taschen die Hosenbeine entlang und in die Schuhe. Wenn er Letztere am Ende des Tages auszog, wobei er die Socken meist auch noch halb mit abstreifte, konnte er oft ein kleines Vermögen in seine Hand leeren.) »Es stünde ihnen gut an, in Afghanistan entschlossen zu handeln«, sagte er. »Das täte es.«
Sie ließ das Buch sinken und sah zu ihm hinüber, was Fogg veranlasste, ihr den Rücken zuzukehren. Er war achtundzwanzig, also nur wenige Jahre jünger als sie, doch hätte die Kluft zwischen ihnen durchaus noch einmal weitere achtundzwanzig Jahre betragen können. Auch in ihren Wortwechseln blieb er stets der Jüngere und gab sich respektvoll, wurde aber immer wieder vom eigenen abstrusen Gerede mitgerissen. Beim Dozieren spielte er mit einem Vergrößerungsglas aus Messing, hielt es sich wie ein Monokel vors Gesicht, weshalb er ein monströses blaues Auge hatte, bis er den Mut verlor und das Glas sinken ließ, woraufhin das Auge wieder klein und blinzelig wurde. Zu jeder Tageszeit sah er aus, als hätte ihn gerade ein Feueralarm geweckt; das Haar am Hinterkopf war vom Kissen flachgedrückt, und am Hemd fehlten Knöpfe, andere hingen am seidenen Faden, so dass Kunden sich Mühe gaben, nicht hinzuschauen, wenn versehentlich die nackte Brust hervorlugte. Die Cargohose war hinten eingerissen, weil er bei seinen Vorträgen gern die Daumen in die Hüfttaschen einhakte; die weißen Schnürbänder der Lederschuhe hatten sich längst grau verfärbt; das über der Hose hängende gestreifte Hemd war an den Manschetten abgewetzt. Überdies zeichneten Fogg die vorstehenden Schlüsselbeine und deutlich ausgeprägten Rippen eines Mannes aus, der zum Mittagessen ein Bacon-Sandwich verschlingt und dann bis drei Uhr morgens zu essen vergisst. Seine scheinbar unbekümmerte Einstellung zu Modefragen war allerdings nicht gänzlich unbedacht, galt sein Äußeres in Caergenog doch auch als Signal dafür, dass er im Dorf seiner Geburt jemand Besonderes war, ein anspruchsvoller Städter nämlich – auch wenn sein Wohnort, ja sein ganzes Leben, dem widersprach.
»Es stünde ihnen an?«, fragte Tooly lächelnd.
»Sie müssen doch begreifen«, fuhr er fort, »dass wir nicht mal wissen, wer zur Opposition gehört. Der Feind meines Freundes ist nicht …« Er beugte sich vor, um einen Blick auf das Umschlagbild ihres Taschenbuchs zu werfen. »Sie hatte dreizehn Finger.«
»Wie?«
»Anne Boleyn. Die Frau von Heinrich VIII. Hatte dreizehn Finger.«
»So weit bin ich noch nicht. Die kleine Anne ist erst zehn.« Tooly stand auf, um nach vorn zu gehen; der leere Stuhl schaukelte noch eine Weile.
Der Frühling ging zu Ende, nur gaben die Wolken über Wales nicht viel auf Jahreszeiten. Seit dem Morgen schüttete es, weshalb Tooly auf ihren täglichen Spaziergang in den Bergen verzichtet hatte, wenngleich sie zur Priorei gefahren war. Sie war im Wagen sitzen geblieben und hatte es genossen, den Regen aufs Dach pladdern zu hören. Regnete es immer noch?
»Haben wir das Fass der Ehrlichen reingeholt?« Der Bottich dieses Namens enthielt Überbestand, den Passanten mitnehmen durften (empfohlener Obolus: ein Pfund pro Buch). Das Problem war allerdings nicht die Ehrlichkeit – erfreulicherweise warfen die meisten Leute eine Münze in die Geldbüchse –, sondern der Regen, der die Bücher ruinierte. Also waren Tooly und Fogg zu versierten Himmelsbeobachtern geworden, die Wolken taxierten und das Fass rein- oder rausschleppten.
»Haben es gar nicht erst rausgestellt.«
»Echt nicht? Vergesslichkeit macht sich bezahlt.« Sie stand an der Kasse und blickte aus dem Schaufenster. Von der Markise tröpfelten braune Regentropfen – sie sahen ein bisschen aus wie: »Kaffee«, sagte sie.
»Willst du einen?« Seitdem Fogg versuchte, die estländische Bedienung im Monna Lisa Café zu bezirzen, kam er ständig mit irgendwelchen Vorwänden, um Tooly einen Cappuccino besorgen zu dürfen. Da Tooly jedoch Tee vorzog, sah Fogg sich genötigt, den Kaffee selbst zu trinken. Dass er sich in die Kellnerin verguckt hatte, war Tooly überhaupt erst aufgefallen, weil er so häufig auf die Toilette musste, was sie zu der Bemerkung veranlasst hatte, dass seine Cappuccino-Liebe sich immerhin aufs korrekte Organ auswirke, wenn auch auf inkorrekte Weise.
»Bin in einer Minute wieder da«, sagte er, meinte dreißig und schob mit der Schulter die Tür auf, deren Glocke noch bimmelte, als er schon die Roberts Road hinaufstapfte.
Darauf ging Tooly ebenfalls nach draußen, blieb vorm Laden stehen und betrachtete sinnierend den Kirchparkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite sowie ihren alten Fiat 500, der einsam auf einem der vielen Parkplätze stand. Sie streckte sich genüsslich, räkelte sich wie eine wach werdende Katze und gickste leise. Zwei Vögel flatterten vom Kirchdach und fuhren im Kampf um ein Nest die Krallen aus. Was für Tauben waren das? Schon segelten sie davon.
In Caergenog – auf der walisischen Seite gleich hinter der Grenze zu England – wohnten nur wenige hundert Seelen, ein Dorf, dessen Grenzen seit Jahrhunderten von zwei Pubs markiert wurden, von dem am oberen Ende der Roberts Road und jenem an deren unterem Ende. Vom The Butcher’s Hook, so benannt nach dem wöchentlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite stattfindenden Viehmarkt, blickte man aufs Dorf hinab, während unten, gleich gegenüber von Kirche und Kreisverkehr, das World’s End lag, wohl eine Anspielung darauf, dass sich der Pub am äußersten Dorfrand befand. Das World’s End war schon immer der weniger beliebte Pub gewesen (wer will schon beim Zechen auf Eisenkreuze vom Kirchfriedhof starren?), und Ende der siebziger Jahre hatte die Kneipe endgültig dichtgemacht. Jahrelang hatte das Gebäude leergestanden, verrammelt und vergessen, bis ein Ehepaar – pensionierte Akademiker von der Universität Bristol – das Haus gekauft und in ein Buch-Antiquariat umgebaut hatte.
Ihrer Geschäftsidee zufolge sollte sich der Laden durch die vielen Käufer tragen, die vom alljährlich stattfindenden Literaturfestival im nahen Hay-on-Wye angelockt wurden, und tatsächlich brachte das elftägige Ereignis allerhand Kundschaft ins World’s End. Leider war der Effekt des Festivals auf die übrigen dreihundertvierundfünfzig Kalendertage vernachlässigbar. Und so suchten die Mintons nach zehn Jahren einen Käufer für das Antiquariat, wollten aber das Fachwerkhaus aus dem siebzehnten Jahrhundert behalten, das sie eigenhändig restauriert hatten, innen zum Teil mit alten Milchglasscheiben, einem schmiedeeisernen Tresenbereich und den Pensionszimmern. Ein Aushang am Schwarzen Brett des Dorfes – bald überklebt von einem Hinweis der Harlecher Jugendbläsergruppe – brachte keine Antwort. Ebenso wenig die nachfolgende Anzeige in ›The Abergavenny Chronicle‹. Auch die halbherzigen Bemühungen eines Kaugummi kauenden Maklers namens Ron führten zu nichts. Einer der letzten Versuche war dann eine Kleinanzeige in einer literarischen Publikation mit geringer Auflage, von der ein leicht zerfleddertes Exemplar im Jahr 2009 seinen Weg auf den Bahnsteig eines der Bahnhöfe von Lissabon fand, wo Tooly es aufhob. Die Anzeige lautete: »Buchladen zu verkaufen«.
Bei Toolys Besuch gaben die Mintons zu, dass das Geschäft Verlust mache und die Einnahmen seit ihrer Ankunft vor zehn Jahren rückläufig seien. Das Beste, was Mr Minton über den Laden sagen konnte, war: »Ist bestimmt interessant für jemanden, der viel lesen will. Und mit Ihrem jugendlichen Elan stehen Sie fraglos bald viel besser da als wir – finanziell gesehen. Reich werden Sie damit allerdings nicht.« Tooly zahlte den verlangten Preis, fünfundzwanzigtausend Pfund, mit dem das Unternehmen und der Bestand von zehntausend Büchern an sie überging. Ehe die Mintons wieder nach Bristol zogen, erklärten sie sich damit einverstanden, dass die niedrige Ladenmiete die Nutzung der Wohnung im ersten Stock ebenso einschloss wie den Gebrauch des klapprigen knallroten Fiats.
Tooly hatte es überwältigend gefunden, plötzlich Besitzerin von abertausend Büchern zu sein. Hohe Regale füllten den Laden von vorn bis hinten, auf den höchsten Brettern die unverkaufte, eingestaubte, oft verschmähte Ware, an den Wänden gerahmte Bilder: eine Weltkarte aus dem neunzehnten Jahrhundert; ein Stadtbild Konstantinopels; eine Illustration von Edward Gorey, auf der ein Schurke einen opulenten Folianten im Arm hielt, dessen Besitzer er gerade von einer Klippe gestoßen hatte. Darunter ein Zitat von John Locke:
Bücher sind für mich wie die Pest; wer mit ihnen handelt, wird mit etwas höchst Perversem und Brutalem infiziert. Drucker, Buchbinder, Verkäufer – oder wer auch sonst Handel damit treibt und seinen Gewinn mit ihnen macht –, allen ist ein so verschrobenes, verdorbenes Gemüt gemein, dass ihnen nahezu ausnahmslos jene Art des Umgangs zukommt, die sich durchaus nicht dem Wohle der Gesellschaft fügt oder auch nur dem allgemeinen Anstande, welcher die Menschheit zusammenhält.
An den Büchergebirgen lehnte eine Trittleiter, die Tooly stets zum Alpinismus-Regal schob, Fogg aber – der diese Anspielung nicht verstand – zur Französischen Geschichte zurückstellte. Hinter jeder Reihe Bücher versteckten sich noch einmal ebenso viele Exemplare, eine wahre Schattenbuchhandlung. Auf dem Boden standen Kisten unsortierten Inhalts, weshalb man durch den Laden eher kraxelte als ging. Und auf dem floralem Teppichboden verfilzten Katzenhaare, die einst einem längst verblichenen Haustier namens Cleopatra angehangen hatten.
Um Themengebiete zu markieren, hatten die Mintons Pappschilder an die Regale geheftet, versehen mit winziger Kursivschrift, sofern sie von Mr Minton stammten, mit schwungvollen Druckbuchstaben inklusive aussagekräftiger Sketche, wenn sie von Mrs Minton waren. Die meisten Schilder verwiesen auf nichts Besonderes: Bäume, Pflanzen, Pilze; oder Kochen & Rezepte; andere dagegen (immer in Mr Mintons winziger Schrift) klangen ein wenig ungewöhnlich, etwa: »Künstler, die ihre Gattinnen nicht nett behandelt haben«, oder: »Geschichte – die langweiligen Perioden«, oder: »Bücher, die man gelesen zu haben vorgibt, aber gar nicht kennt«.
Tooly hatte den größten Teil ihres Bestandes weder gelesen, noch gab sie vor, ihn zu kennen, doch hatte sie sich nach und nach mit ihren Büchern vertraut gemacht, unterstützt vom stets entgegenkommenden Fogg, der schon seit seiner Schulzeit im Laden aushalf. Die Mintons hatten ihn ermuntert, das Dorf zu verlassen und europäische Literatur zu studieren, aber er kam immer wieder zurück, einen Cappuccino in der Hand.
Diesmal brachte er auch einen für Tooly mit – er hatte ihre abschlägige Antwort vergessen –, machte es sich auf seinem Barhocker hinter dem Tresen bequem, erweckte den Computer mausklickend zum Leben und loggte sich in die Website von BBC Radio Four ein. Der Kommentator bemühte sich, das Publikum mit seinen Ansichten über die moderne Welt in Angst und Schrecken zu versetzen, indem er das Moore’sche Gesetz zitierte und von Cloud-Computing, dem Turing-Test oder dem allgemeinen Verfall der Hirnaktivität sprach. »Heute«, erklärte er, »hat man mit jedem Smartphone Zugang zum gesamten Wissen der Menschheit.«
»Die brauchen einen Apparat«, meinte Fogg und stellte den Ton ab, »der alles aufnimmt, was einem widerfährt.«
»Wie meinst du das?«
»Ich will darauf hinaus, dass … Worauf will ich hinaus? Egal. Also Folgendes: Wenn diese Computer wirklich immerzu so viel besser werden, dann wird irgendwer bald – durchaus denkbar, wenn man mal so richtig ehrlich ist –, wird also irgendwer bald irgendwas erfinden, womit man alles speichern kann, was einem im Leben passiert. Wenn man noch klein ist, kriegt man das implantiert, einen Chip oder was weiß ich. Dann muss man sich nie mehr Passwörter merken und braucht sich auch nicht mehr darüber zu streiten, was eigentlich genau passiert ist. Bei juristischen Streitigkeiten zückt man bloß seinen Memorystick und gibt ihn dem Gericht.«
»Und wenn man alt wird«, setzte Tooly hinzu, »kann man zu den besten Szenen zurückspulen.«
»Das werden wir noch erleben. Ist nur eine Frage der Zeit – wenn man mal so richtig ehrlich ist.« Wann immer Fogg etwas Offensichtliches verkündete, wie zum Beispiel, dass etwas eine Frage der Zeit sei (und was wäre das nicht?), peppte er seine Behauptung mit einem »wenn man mal so richtig ehrlich ist« auf.
»Und was passiert mit dem Memorystick, wenn man stirbt?«, wollte Tooly wissen.
»Der wird gespeichert«, antwortete er. »Dann können sich künftige Generationen ansehen, wie ihre Ur-Urgroßeltern gelebt haben und wie sie so drauf waren.«
»Was allerdings nicht für die gilt, die vor dieser Erfindung lebten – für Leute wie unsereins. Findest du nicht, dass wir fast noch prähistorische Menschen sind? Wir werden dann ausgelöscht sein, ›versunken in derselben Vergessenheit wie Generationen von Ameisen und Bibern‹«, sagte Tooly, eine Autorin zitierend, auf deren Namen sie gerade nicht kam.
Fogg kratzte seine hellen Stoppeln und blickte zur Decke aus verzierten Blechpaneelen hoch, als starrten von oben Generationen von Ameisen und Bibern herab und warteten auf seine Antwort. »Aber unsere künftigen Nachfahren können sich unsere Erinnerungen bestimmt beschaffen«, sagte er. »Die kommen irgendwie aus der Zukunft zurück und speichern einfach, was bereits passiert ist.«
»Jetzt redest du aber Unsinn. Ich steck dich noch in die Sci-Fi-Schublade. Würde nämlich jede Sekunde deines Lebens gespeichert, wäre das viel zu viel. Kein Mensch hätte die Zeit, sich einen Memorystick anzusehen, der alles enthält, was je passiert ist – du würdest dein Leben damit vergeuden, die Vergangenheit zu checken. Irgendwann gibst du auf und musst dich darauf verlassen, dass dein Hirn das Wichtigste behält. Und dann sind wir wieder genauso weit wie heute.« Sie verschwand in einen Gang und drückte sich an einigen Bücherkisten vorbei. Tooly hatte diesen merkwürdigen Schritt, kam zuerst mit den Zehen auf, federte mit den Ballen ab und landete dann butterweich auf der Hacke. Blieb sie stehen, spreizte sie die Füße, drückte den Rücken durch, hielt das Kinn gesenkt und musterte Fogg mit einem kühlen Blick, der sich erwärmte, sobald sie lächelte, wobei zuerst die Augen strahlten und die Lippen sich nur andeutungsweise öffneten. Tooly lief über die knarrenden Stufen zur Klause, setzte sich in den Schaukelstuhl und nahm das Taschenbuch über Anne Boleyn wieder auf.
»Ich frag mich«, sagte Fogg, der ihr bleistiftfuchtelnd gefolgt war, »ob man erst nach und nach lernt, Pferdefleisch zu mögen, oder ob das eine Frage genetischer Veranlagung ist.«
Sie lächelte und genoss diesen typisch Fogg’schen Themensprung.
»Auch wenn ich annehme«, fuhr Fogg fort, »dass die Franzosen erst während der Napoleonischen Kriege anfingen, ihre Stuten und Fohlen und was weiß ich was für Pferde zu futtern – damals, als sich die russische Armee auflöste und die Männer durch die Eiseskälte zurückmarschierten, ohne was Anständiges zu essen zu haben. Zum Schluss hatten sie bloß noch ihre Gäule, also wurden die zum Abendbrot serviert, was die Vorliebe der Franzosen für Pferdefleisch erklärt.«
»Damals haben die Franzosen auch angefangen, Frösche zu essen, weil einige Truppen kleinerer Soldaten auf den Amphibien in die Schlacht gehopst sind«, sagte sie. »Ach, was wäre das Leben doch schön, wären sie auf marmoriertem Rind zur russischen Front gelangt!«
»Leider kann man auf Kühen nicht reiten«, widersprach Fogg in ernstem Ton. »Völlig unmöglich. Dieser Junge aus meiner Schule, Alex, der hat es versucht, aber es geht einfach nicht. Und im Kampfgetümmel sind Kühe schon mal überhaupt nicht zu gebrauchen. Was man aber unbedingt über die Franzosen wissen sollte, ist Folgendes …«
Die Fogg’sche Tonkulisse beruhigte sie so sehr, dass sie keine Lust mehr hatte, noch mehr über die unglückselige Anne Boleyn zu lesen, denn wie deren Geschichte ausging, das wusste sie.
Tooly fischte den Stadtplan aus ihrem Dufflecoat, klappte ihn wie ein Akkordeon auseinander und reduzierte ihn gleich wieder auf handhabbare Größe, indem sie die Insel Manhattan zu einem griffigem Quadrat zusammenfaltete, dann aufblickte und keinerlei Zusammenhang zwischen dem gedruckten Raster und der Betonstadt um sich herum fand. Pläne waren so flach, Orte so dreidimensional – wie brachte man die in Übereinstimmung? Vor allem hier, wo Kanalschächte ihr Maul aufrissen, Fußgängerampeln rot pulsierten und unterirdisch ratternde U-Bahnen die Bürgersteige erbeben ließen.
Sie lief die Fifth Avenue entlang, schob sich durch die Menge und streifte Fremde, deren Gesichter ihr einen Moment lang nahe kamen, um dann auf immer zu verschwinden. Beim Rockefeller Center sonderte sie sich ab und zog mit den Lippen die Kappe vom blauen Filzstift; der Wind eisig an den Zähnen. Sie zog die Handschuhe aus, ließ sie an der Ärmelschnur baumeln und krakelte noch eine Linie auf die Karte.
Tooly wollte ganz New York ablaufen, jede begehbare Straße in allen fünf Stadtteilen. Von ihrer Wohnung in der separatistischen Republik Brooklyn breiteten sich nach mehreren Wochen nun Linien wie blaue Adern in die abgespaltenen Nationen Manhattan, Queens und Bronx aus; allein deren mürrischer Nachbar Staten Island war unberührt geblieben. Anfangs hatte sie einzelne Viertel nur wegen ihrer schillernden Namen erkundet: den Essighügel Vinegar Hill und den Pflaumenstrand Plum Beach, die windige Landzunge Breezy Point und auch Utopia, die Landenge Throggs Neck und den speienden Teufel Spuyten Duyvil, Alphabet City und die Schildkrötenbucht Turtle Bay. Doch je verführerischer der Name, desto langweiliger die Gegend – das galt zwar nicht generell, doch die Tendenz war eindeutig. Einige Streifzüge hatten ihr Angst gemacht – Wege vorbei an verfallenen Gemäuern und Männern mit ausdruckslosem Blick. In Mott Haven flitzte ein Pitbull vor einem Laster auf die Straße, wurde überfahren und starb vor ihren Augen auf dem Gehweg.
Sie bog in die 51st Street ein – mit schlaffen amerikanischen Flaggen bespießte Gebäude, die von grellem Neonlicht bestrahlte Markise der Radio City Music Hall –, blieb stehen und ballte die Fäuste, bis sie warm wurden. Dann sprintete sie urplötzlich los, schlängelte sich an Büroangestellten vorbei, rannte um unübersichtliche Ecken und wäre fast mit einem Touristenpaar zusammengeprallt. Zwei Straßen weiter hielt sie atemlos wieder an und grinste, denn sie hütete ein Geheimnis: Es gab für sie nicht den geringsten Grund, irgendwohin zu laufen, keinen Ort, zu dem sie rennen musste, nicht in dieser Stadt und nicht auf der ganzen Welt. All die vielen Menschen eilten entschlossen an ihr vorüber. Stadtbewohner hatten Ziele, hatten Absichten, Familien, Verabredungen. Tooly hatte nichts dergleichen.
Sie nahm ihre Stadterkundung wieder auf, folgte der nordwestlichen Diagonale des Broadway, vorbei am Central Park und durch die Upper West Side, bis sie von Tischen mit antiquarischen Büchern abgelenkt wurde – verstaubte alte Bände, wie Humphrey sie so liebte. Sie sah sich die Preise an, konnte sich aber nichts leisten und warf dann einen Blick in die Nebenstraßen, zeichnete sie auf ihrem Plan ein und bewunderte die schicken Häuser. Aus Zabars Feinkostgeschäft drang der Geruch nach Käse, das Geklimper klassischer Musik. »Also gut, ich hätte gern ein Viertelpfund vom …«, sagte irgendwer. Was es für Tooly zu essen gab, war längst klar – in ihrer Manteltasche steckte ein zerdrücktes Sandwich mit Erdnussbutter, eingewickelt in Zeitungspapier, dessen Druckerschwärze sich auf dem weißen Brot abdrückte, so dass sie ihr Mittagessen auch lesen konnte.
Vereinzelte Studenten liefen vorbei, drangen aus Bereichen südlich der Columbia University in diese Gegend vor. Sie waren in ihrem Alter – um die zwanzig –, alberten herum und redeten laut. Tooly musterte einen, dann den nächsten, hoffte, angesprochen zu werden, aber sie gingen vorbei, blödelten, bis ihre Stimmen verklangen. Also machte Tooly sich wieder in Richtung Uptown auf den Weg, um herauszufinden, wo die Studenten herkamen. Oberhalb der 100th Street gab es jede Menge Pizzerien, die Pizzaschnitten zu herabgesetztem Preis an die College-Meute verkauften. Bettler hockten auf den Gehwegen und sahen übereifrigen Jungsemestern mit Pausbacken und pickliger Stirn nach, wie sie zu Examen eilten und über Anfangsgehälter fachsimpelten.
Tooly schlenderte durchs Eisentor auf den Campus der Columbia und folgte gemächlich dem roten Pflasterweg des College Walk, während Uni-Kids in allen Richtungen an ihr vorbeiströmten. Ob sie für eine von denen gehalten wurde? Für eine Doktorandin der Zoologie, eine Masterkandidatin der Kriminologie, eine Postgraduierte im Fach organische Chemie? – dabei hatte sie keinen Schimmer, was es mit solchen Studiengängen eigentlich auf sich hatte. Sie ließ sich übers Campusgelände treiben und bummelte zu einem einsamen Pfad mit Blick auf den Morningside Park, dessen öffentlicher Bereich eigentlich nur was für Leichtsinnige und Cracksüchtige war. Vögel zwitscherten in den Baumkronen, durch deren Laub man einen Streifen Harlemer Häuserdächer sehen konnte; dann und wann hupte ein Auto.
Ein Schwein watschelte die Steinstufen vom Park hinauf, trottete auf sie zu und rammte sie – kein Versehen, sondern eine gezielte Rempelei. Tooly lachte, erstaunt über diese Unverfrorenheit, und wich dem Tier aus. Es war schwarz und hatte einen übers Pflaster schleifenden Hängebauch, drahtiges Fell und eine Stupsnase, was ihm ein wenig Ähnlichkeit mit dem Mann mittleren Alters verlieh, der ihm folgte, in der Hand eine Leine, die zu dem am Hals des Schweins angebrachten Nietenband führte. Die beiden, Mann und Schwein, überquerten den Morningside Drive und bogen in die 115th Street ein. Tooly folgte ihnen.
Wenn sie Tiere sah, tat sie nichts lieber, als sich zu ihnen hinabzubeugen und sie zu streicheln. Sie hatte nie ein eigenes Haustier gehabt, woran ihr ungeregeltes Leben schuld war. Der Schweinehalter hielt vor einem sechsstöckigen Wohnhaus, zog ein letztes Mal an seiner Zigarette, schnipste sie in die Gosse und wandte sich dem mit Gaslampen und schnörkeligem Schmiedeeisen verzierten Eingang zu. Das schnaubende Schwein lief zuerst ins Haus, dann der Mann. Tooly eilte ihnen nach und huschte hinein, ehe die Tür zufiel.
Die elegante Fassade verbarg schmutzige Marmorwände, trostlose Postkästen und einen Hohlspiegel am Fahrstuhl, der gewährleisten sollte, dass niemand mit einer Pistole in der Hand hinter der Ecke lauerte. Ein rotes Warnschild forderte: »NOMOVINGONSUNDAY«, und Tooly malte sich aus, wie die Hausbewohner sonntags nicht nur keinerlei Umzüge, sondern auch keine einzige Bewegung machten. Das Schwein musterte sie misstrauisch. Und als sein Herrchen die Wohnungstür erreichte, drehte der Mann sich um und herrschte sie an: »Wohnen Sie hier?«
»Hi«, antwortete sie. »Habe ich mal. Früher, vor ein paar Jahren. Wollte mich nur ein bisschen umsehen, wenn das okay ist. Ich störe auch bestimmt niemanden, versprochen.«
»Wo haben Sie gewohnt?«
»Vierter Stock. An die Nummer kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es war die Wohnung ganz am Ende des Flurs. In der bin ich aufgewachsen.«
Tooly nahm die Treppe; jedes Stockwerk war im Schachbrettmuster gefliest, an den Türen hing über dem Spion ein Messingschild mit der Wohnungsnummer. Im vierten Stock wählte sie eine Tür, blieb davor stehen und malte sich aus, wie es dahinter zuging. Das fand sie am schönsten, fast so, als würde sie ein noch verpacktes Geschenk schütteln und versuchen, den Inhalt zu erraten. Tooly klopfte, drückte auf die Klingel. Nichts.
Na gut – diese Wohnung würde also nicht zum lang vermissten Heim ihrer Kindheit werden. Dann eben eine andere. Sie suchte den Flur ab und bemerkte einen Schlüsselbund, der an einem zerkratzten Yale-Schloss hing, die Tür nur angelehnt. Für den Fall, dass der Bewohner noch in der Nähe war, rief Tooly leise Hallo. Keine Antwort.
Mit der Gummikappe ihrer Chucks stupste sie die Tür an, die bebend aufschwang und den Blick in einen langen Parkettkorridor freigab. Ein junger Mann lag auf dem Rücken, umringt von Einkaufstüten. Er starrte an die Decke, studierte blinzelnd die Flurdecke und ahnte nicht, dass Tooly in seiner Tür stand.
Dein Schlafanzug ist auf links«, meinte Paul.
»Auf links von wo?«
»Zeit fürs Bett, Tooly.«
Sie warf einen Blick auf die Wanduhr. »Ist doch erst Spatz nach Möwe.«
»Schläfst du in Socken?«
»Ich schlaf doch noch gar nicht.«
»Bevor man ins Bett geht, zieht man die Socken aus.«
»Warum?«
»Tja.« Er sann eine Weile darüber nach. »Gibt eigentlich keinen Grund – also lass sie an.«
»Ich habe eben nachgedacht.«
»Und?«
»Und ich hab mir Sorgen gemacht.«
»Sorgen?«
»Nicht richtig Sorgen.«
»Aber du hast was von Sorgen gesagt.«
»Ich musste daran denken, dass …« Sie wies auf die leere Vitrine, ging wie von ihrem Zeigefinger angezogen hin, drückte direkt über ihrer Augenhöhe mit der Fingerspitze auf die lackierte Oberfläche, zog den Finger zurück und musterte die leichenblasse Kuppe, in die langsam das Blut zurückströmte. Das machte sie noch mal, drückte fester zu und …
»Also worüber?«, unterbrach er sie.
»Was worüber?«
»Worüber hast du dir Sorgen gemacht?«
»Dass ich sterben muss und dass ich zehn werde.«
»Sterben? Warum solltest du sterben?«
»Muss ich doch, am Ende.«
»Aber noch lange nicht.«
»Und ich werde zehn.«
»Beides geht nicht, Tooly«, sagte er. »Na ja, geht schon, aber dazwischen ist eine lange Zeitspanne.«
Als nähme sie das mit der langen Zeitspanne sehr genau, blieb sie stumm, blies die Backen auf und stieß schließlich den Atem aus. »Wenn ich tot bin, dann bin ich eine Ewigkeit lang tot.«
»Wenn du tot bist, gibt es so was wie die Ewigkeit nicht. Wenn du tot bist, dann gibt’s überhaupt nichts mehr.«
»Und ewig passiert rein gar nichts?«
»Könnte man so sagen.«
»Ach, und dann habe ich mich noch was gefragt«, sagte sie und wirkte vom Gerede übers ewige Nichts kein bisschen beunruhigt, eher gut gelaunt, weil sie ihren Vater in ein Gespräch verwickelt und die Zubettgehzeit hinausgezögert hatte, diese nächtliche Reise in die Unendlichkeit. »Mr Mihelcic hat gesagt, wenn …«
»Wer ist Mr Mihelcic?«
»Mein Physiklehrer. Der, von dem ich gesagt habe, dass er wie ein Rhinozeros aussieht.«
»Ihm ins Gesicht?«
»Nein, nur dir. Dabei mag ich Rhinozerösser.«
»Rhinozerosse.«
Ihr Fehler ließ sie zusammenzucken. »Rhinozerosse dann eben.« Dann fuhr sie fort: »Mr Mihelcic hat gesagt, wenn man in ein Schwarzes Loch fällt, bleibt man drin und kommt nie wieder raus. Wie in Treibsand.«
»Stimmt, Schwarze Löcher sollte man meiden, Tooly. Genau wie Treibsand.«
Abermals drückte sie die Zeigefingerkuppe an der Vitrine weiß und sah zu, wie das Leben langsam zurückkehrte, um sie dann erneut blutleer zu pressen.
Er öffnete den Mund und wollte etwas dazu sagen, doch fiel sein Blick in seinen Schoß, auf das Softwarehandbuch, dem er daraufhin stirnrunzelnd wieder seine volle Aufmerksamkeit widmete.
Tooly drehte drei Runden um den Kaffeetisch und stieg dabei jedes Mal über seine Beine, ehe sie über den dunklen Flur in ihr Zimmer lief. Rhinos hatten gelbe Zähne, und Zoowärter mussten sie mit Besen putzen, auf die sie aus riesigen Tuben Zahnpasta drückten. Wie war es wohl im Maul eines Rhinos?
Nach nicht mal einem Jahr in Australien war dies nun ihre letzte Nacht. Toolys Zimmer war schon komplett ausgeräumt, staubige Ränder zeigten an, wo ihre Sachen gewesen waren. Sie zog den Koffer aus ihrem Zimmer und tat, als müsste sie sich den Schweiß abwischen, obwohl niemand da war. Dann nahm sie Anlauf und schlitterte über den polierten Dielenboden zurück ins Wohnzimmer.
»Du fängst dir noch einen Splitter ein.« Paul legte seine Arbeit hin und verschränkte umständlich die Arme. »Könntest du jetzt bitte endlich schlafen?«
Sie sackte zu einem Häuflein zusammen, als hätte er sie mit einem Fingerschnippen in Tiefschlaf versetzt. Die geschlossenen Augenlider zuckten.
»Ab ins Bett mit dir!«
Tooly schlurfte davon, stolperte im Flur über einen Kofferriemen, stieß sich das Schienbein am Türrahmen an, hechtete mit einem Satz ins Bett und rollte sich auf den Rücken. Dann langte sie unter die Bettdecke und fischte ihr Buch hervor, ließ aber die Nachttischlampe noch aus, weil sie Paul hörte, der vom Flur aus sagte: »Am nächsten Ort wird alles besser.«
Tooly drückte sich die Nase am Flugzeugfenster platt; Atemwölkchen breiteten sich auf dem Glas aus und zogen sich wieder zusammen. Mit dem Handrücken wischte sie die beschlagene Scheibe frei und blickte hinab in die Nacht, so tief wie möglich, sah aber keine aufgewühlte See, auch keine bunten Landmassen wie auf den großen Wandkarten, nur Dunkelheit. Nach dem Start waren sie über Sydneys Opernhaus geflogen, über die Harbour Bridge und die endlose Leere des Outbacks, über die blinkenden Lichter von Bali und Sumatra. Jetzt aber war da unten nichts mehr, so als säße sie in keiner Flugmaschine, sondern in einer mit Sitzen ausstaffierten Metallröhre, deren Fenster man verhängt hatte, solange Bühnenarbeiter auf der anderen Seite Kulissen verschoben und neue Schauspieler nach vorn riefen, um erst danach den Vorhang wieder zu öffnen.
Ein orangefarbener Vorhang, der die Business-Class von der Economy-Class trennte, tanzte, Stewardessen schubsten ihn, von der exclusiven Seite aus, zurück in Position. Ein gläsernes Lachen übertönte das Brummen der Motoren. Die Tabletts mit dem Abendessen waren abgeräumt worden, die Bildschirme hochgeklappt, und das Kabinenpersonal hatte das Licht gedimmt. Die meisten Fluggäste schliefen, nur die Passagiere in einer der dreisitzigen Reihen – Tooly, Paul und am Gang eine unbekannte junge Frau – blieben hellwach. Die Frau zuckte bei jedem Motorengeräusch zusammen. Paul stierte unverwandt in sein abgegriffenes Buch ›The Charm of Birds‹, hatte aber seit zwanzig Minuten nicht mehr umgeblättert. Und Tooly ließ sich das lange, zerzauste Haar ins Gesicht fallen, blies alles bis auf eine Strähne fort, kaute auf ihr herum und behielt die Frau unablässig im Blick.
Sie war nicht der einzige Spion: Ein wölfisch grinsender Mann auf der anderen Gangseite ließ die hübsche junge Frau ebenfalls keinen Moment aus den Augen. Als er sich eine Zigarette ansteckte, weckte das Röstaroma ihre Aufmerksamkeit, und er bot der jungen Frau eine an, ließ sein Zippo-Feuerzeug aufschnappen und hielt ihr die Flamme hin.
Wegen seines Asthmas verlangte Paul normalerweise Sitze in möglichst großem Abstand zum Raucherabteil, aber ihr Flug war überbucht gewesen, und nur in dieser Reihe hatte es noch zwei freie Plätze nebeneinander gegeben. Als der Rauch heranwölkte, drehte Paul sich zur Seite. Tooly suchte in der Rücksitztasche nach seinen Halsbonbons. Verzweifelt, mit gespitzten Lippen und hohlen Wangen lutschte er eines davon.
»Warum«, fragte Tooly, um ihn abzulenken, blickte zum schwarzen Fenster und sah sie beide darin gespiegelt, »warum hört der Blick am Horizont einfach auf? Warum kann man nicht weiter sehen?«
»Weil die Welt rund ist.«
»Und warum sieht sie dann am Rand nicht krumm aus?«
Er wusste darauf keine Antwort, runzelte die Stirn und schnäuzte sich die Nase in eines der vielen Taschentücher, die er in der Hand zerknüllte.
Paul war eine rotrandige Brille mit einem Mann dahinter, der die Arme an den Leib presste, als wollte er auf diesem Planeten so wenig Platz wie nur möglich einnehmen. Zu lange hatte er wie ein Jugendlicher ausgesehen, fast bis Anfang dreißig, worunter sein Selbstvertrauen gelitten hatte. Als junger Mann hatte er sich Runzeln gewünscht und vorm Spiegel ständig Grimassen gezogen. Jahre später waren die Falten dann aufgetaucht, wenn auch ohne den gewünschten Effekt: Sogar beim Schlafen grub sich ihm eine Furche in die Stirn, und um die Brauen bildeten sich Krähenfüße, als hielten sie beunruhigende Gedanken in Klammern. Er war noch keine vierzig, doch sein Haar war bereits weiß.
»Das Blaue überm Horizont«, fuhr Tooly fort, »ist das das Weltall?«
»Das Blaue ist der Himmel«, antwortete er. »Das Blaue ist die Atmosphäre.«
»Und was kommt nach der Atmosphäre?«
»Das Weltall.«
»Was passiert, wenn ein Vogel ins Weltall fliegt?«
»Das geht nicht.«
»Wenn aber doch?«
»Das geht nicht.«
»Wenn es aber doch einer ausnahmsweise schafft?«
Die junge Frau in ihrer Reihe wandte sich vom Wolf auf der anderen Gangseite ab, drückte ihre Zigarette aus und stopfte den lippenstiftverschmierten Filter in den Aschenbecher der Armlehne, die sie sich mit Paul teilte. Er hielt ihr liebenswürdigerweise die Dropsrolle hin. Mit Dank nahm sie ein Bonbon an. Vermutlich hielt sie das Geschenk für einen Flirtversuch, dabei war es nur Teil des von Tooly ausgeheckten Plans, sie von der nächsten Zigarette abzulenken. Ihr Plan scheiterte, denn die junge Frau ließ sich vom Wolf Feuer für eine zweite Zigarette geben, spielte dann nervös mit einer Polaroid und fragte Paul schließlich, ob Fliegen immer so sei.
Er beugte sich zu ihr vor, als wäre er ein wenig taub, warf ein »Hm« oder »Okay« ein, um Aufmerksamkeit zu signalisieren, unterbrach sie aber nur und erweckte so den unzutreffenden Eindruck, das Wort ergreifen zu wollen. Als sie ihm folglich den Vorrang einräumte, reagierte er mit Entsetzen, nahm die Brille ab, kniff die Augen zusammen und suchte angestrengt nach einer Antwort. Tooly wischte mit bloßen Fingern seinen Daumenabdruck von der Brille. Er setzte sie mit vorgekippten Gläsern wieder auf, weshalb er den Kopf nach hinten neigte, was ihn aussehen ließ, als blickte er mit Entsetzen auf diese Welt. »Wie«, schniefte er, »lautete noch mal die Frage?«
»Darf ich ein Foto von Ihnen beiden machen?« Sie erhob sich und richtete die Polaroid auf Vater und Tochter, was Paul nicht zu gefallen schien. Sobald die Kamera das Bild ausgab, wedelte die junge Frau damit herum, bis die Aufnahme sichtbar wurde; dann hielt sie ihnen das Foto hin. Paul nahm es an, dankte für das Geschenk, das nicht als solches gedacht gewesen war, und legte es in sein Buch.
Um diese peinliche Szene nicht mitansehen zu müssen, ließ Tooly wieder ihr Haar nach vorne fallen, langte in die Sitztasche und zog Buch und Malblock heraus. Jede Zeichnung begann mit einem Schnörkel, der einer Nase ähneln sollte, und da ihr Können zu keinen weiteren Gesichtspartien reichte, reihten sich seitenweise Nasen aneinander. Vielleicht sollte sie noch ein paar mehr malen, überlegte sie, entschied sich dann aber fürs Lesen und schlug ›Nicholas Nickleby‹ auf, eines jener vielen Bücher, die Paul auf ihrer niemals endenden Reise gekauft hatte. Er selbst mochte keine Romane, versorgte Tooly aber damit, sooft sie auf einem Flughafen englischsprachige Bücher entdeckten. Er kaufte wahllos, und so las sie auch: ›Die Schatzinsel‹ von Robert Louis Stevenson; ›Cujo‹ von Stephen King; ›Lady Manhattan‹ von Judith Krantz; ›Der Mondstein‹ von Wilkie Collins; ›Angst vorm Fliegen‹ von Erica Jong; ›Wolfsblut‹ von Jack London; ›Shōgun‹ von James Clavell; außerdem jede Menge Bücher von Charles Dickens, darunter eben auch diesen Band, welcher die Geschichte eines rechtschaffenen Engländers des neunzehnten Jahrhunderts erzählt, der an einer schauderhaften Schule für verstoßene Kinder unterrichtet. Tooly hatte den Roman schon gelesen, aber wie bei all ihren Lieblingsbüchern noch vor dem Ende aufgehört. Sie fand es deprimierend, erfahren zu müssen, wie ihre papiernen Gefährten das Leben mit einer Leerstelle am Ende der letzten Seite aushauchten, also hörte sie früher auf, um sich ihnen Monate später wieder zuzuwenden, einige hundert Seiten zurückzublättern und sie erneut so anzutreffen, wie sie sie in Erinnerung behalten hatte, in Gespräche versunken und immer noch dabei, heimtückische Pläne zu schmieden oder zu scharfen Erwiderungen anzusetzen.
Sie glitt von ihrem Sitz und kauerte sich am Boden zusammen. Durch Haarsträhnen hindurch betrachtete sie ihre Umgebung von unten: Teppich, schmierige Sitzgestelle, Handgepäck und abgestreifte Schuhe. Eine hinter ihr sitzende alte Inderin, der es vorhin noch schwergefallen war, das Tablett herunterzuklappen, weshalb sie an Toolys Sitz geruckelt hatte, streckte nun ihre nackten Füße aus. An zwei Zehen steckten Ringe, und Tooly griff unwillkürlich danach. Der Zeh zuckte, wich unwillig beiseite und schlief dann auf einer zerknitterten Zeitung weiter, deren Schlagzeile von einem Treffen zwischen Reagan und Gorbatschow berichtete; daneben prangte ein Foto von Affen in Südkorea, die mit einem Stock Kokosnüsse abschlugen. Darunter stand, sie »arbeiten so viel wie hundert Männer«.
»Was treibst du da unten?«
Sie blickte auf, die Augen trocken vor Müdigkeit. »Was?«
»Ich gehe mal auf die Toilette«, sagte Paul. »Bleib, wo du bist.«
Tooly gehorchte gerade so lange, wie seine Knie brauchten, um sich in den Gang hinauszuentschuldigen. Kaum war Paul weg, musterte sie ausgiebig die Frau in ihrer Reihe: blond, das Haar zu einem Springbrunnen zusammengebunden, verwaschene Jeans mit Reißverschluss am Knöchel. Die Mysterien einer Frau – diese Raffinesse, diese Modeaccessoires – faszinierten Tooly. Abgesehen von Lehrerinnen, Haushaltsgehilfinnen und den Müttern anderer Kinder hatte sie bislang nur wenig mit erwachsenen Frauen zu tun gehabt. Die Geschichte ihrer eigenen Mutter – zumindest jene, die sie allen Außenstehenden erzählten – lautete, sie halte sich in den Staaten auf, um einige persönliche Angelegenheiten zu regeln, würde aber bald wieder zu ihnen stoßen. Bislang hatte sie sich jedoch nicht blicken lassen. Ein weiteres Jahr verging, Tooly und Paul zogen wieder um, und sie erzählten die Geschichte aufs Neue.
»Ein Vogel!«, flunkerte Tooly, um die Aufmerksamkeit der Frau aufs Fenster zu lenken. »Sehen Sie? Er fliegt neben uns her.«
Die Frau beugte sich vor und schirmte die Augen ab, sah aber nur schwarze Dunkelheit.
»Muss ganz schön kalt da draußen sein«, fuhr Tooly fort, ein wenig leiser nun, da die Frau direkt neben ihr war.
Die Frau streifte ein rosafarbenes Gummi vom Handgelenk ab und raffte Toolys zerzaustes Haar so zusammen, wie sie es trug. »Frieren die Vögel denn nicht?«
»Deshalb haben sie ja Trenchcoats an.«
Die Frau lächelte. »Aber schlagen die Flügel nicht gegen die herabhängenden Gürtelenden?«
»Die werden hochgebunden.«
»Aber was, wenn sie in solcher Höhe fliegen und plötzlich müde werden?«
»Bestimmt lassen sie sich dann nach unten gleiten. Paul würde das wissen.«
»Du nennst ihn beim Vornamen?«, fragte die Frau amüsiert, doch dann änderte sich ihre Miene. »Oder warte – ist er gar nicht dein Dad?«
Ein leises Schniefen kündigte Pauls Rückkehr an. Er setzte sich wieder auf den mittleren Platz und kommentierte Toolys Frisur mit einem Stirnrunzeln. Modefragen belustigten ihn. Soweit es ihn betraf, hatte Kleidung den Zweck, eine angenehme Körpertemperatur zu halten und ihren Träger nicht in Verlegenheit zu bringen. Gelang dies über einen angemessenen Zeitraum hinweg – sagen wir zwanzig Jahre – und zudem zum günstigsten Preis, war sie gut. Er selbst zog sich jeden Tag gleich an, ein in die Khakihose gestopftes Polohemd, dazu schwarze Schuhe mit Klettverschluss. »Jetzt sieht dein Kopf wie eine Ananas aus«, erklärte er Tooly. Die Frau auf dem Gangplatz errötete, wandte sich von ihnen ab und ignorierte sie für den Rest des Fluges.
Erst als das Flugzeug zur Landung ansetzte, schloss Tooly die Augen und hoffte auf drei weitere Minuten, aber die Zeit war um. Mit Taschen beladene Passagiere drängten sich auf die Gänge, spähten mit zusammengekniffenen Augen zum Kopf der Warteschlange und stöhnten angesichts jeder weiteren Verzögerung. Als sie dann endlich die Maschine verließen, traten sie mit einem Schritt aus der kühlen Kabine in drückend heiße Tropentemperaturen.
»Ist ein bisschen schwül«, keuchte Paul.
Trotz der späten Stunde schien der Flughafen keine Nacht zu kennen; grelle Bogenlampen tauchten die Welt in weißes Licht; barfüßige Arbeiter hockten auf dem Boden und aßen; Polizisten beobachteten die Neuankömmlinge: Aktentaschen tragende Geschäftsleute, die zum Taxistand eilten; Rucksacktouristen, die im Takt Kaugummi kauten; fischgesichtige alte Männer in Bermudashorts, die hechelnd durch die Halle watschelten.
»Einreiseformulare«, sagt der laut denkende Paul und schnappte sich zwei, als sie in der Warteschlange vor der Passkontrolle standen. »Wann bist du geboren?«
»Das weißt du.«
»Das weiß ich«, gab er zu, füllte das Feld aus und schaute sich um. Beim leisesten Geräusch schrak er zusammen – war er mit Tooly in der Öffentlichkeit, wirkte er immer äußerst gereizt. An einem seiner Schuhe hatte sich der Klettverschluss gelöst, also kniete sie sich hin, um ihn wieder festzumachen. »Was tust du da?«, fragte er verärgert. »Wir sind fast dran.«
Der Zollbeamte rief sie zu sich. Paul war ein Mensch, der sich an Vorschriften hielt – gab es keine, machte ihn das nervös. Und sobald er vor Autoritätspersonen stand, verschlug es ihm die Sprache. »Guten Morgen – Abend«, stammelte er mit Schweißperlen auf der Oberlippe.
Der Beamte warf einen Blick auf das Mädchen, dann auf Paul – und knallte einige Stempel in ihre Pässe, um sie anschließend durchzuwinken. Paul trieb Tooly zur Eile an, warf beim Verlassen des Terminals prüfende Blicke nach rechts und nach links und stieß sie mit den Fingerknöcheln vorwärts, als fürchtete er, man könnte sie wieder zurückschleifen.
Im Taxi kurbelte sie das Fenster herunter und las im Vorbeifahren die beleuchteten Reklametafeln, Werbung für Sanyo in verschnörkelter, fremdländischer Schrift, für Johnnie Walker und Zahnpasta von White Lion.
»Wer ist Johnnie Walker?«
»Ist ein Getränk. Für Erwachsene.«
»Schmeckt das?«
»Man wird davon betrunken.«
»Wie ist es, betrunken zu sein?«
»Als wäre man gleichzeitig wach und schläfrig.«
»Klingt gut.«
»Sollte aber nicht gut klingen«, sagte er und schaute sie über die Brille hinweg an. »Es wird einem übel davon, und man taumelt durch die Gegend. Manche Leute müssen sich sogar übergeben.«
Der Expressway lief in vielspurige, bis zum Horizont zugestaute Stadtstraßen aus. Und auf den Gehwegen wurden Imbissstände umschwärmt. Köche schwenkten eiserne Pfannen, Nudeln zischten, Generatorlampen beleuchteten einen Nachtmarkt, auf dem man Uhren verkaufte, Videokassetten oder Vietnamkriegsramsch. Neonreklame warb für Go-go-Tänzer und Pingpong-Shows; eine flackernde Phantasmagorie, an der an kichernden Girls hängende Ausländer vorüberwankten.
Tooly konnte sich weder daran erinnern, dass sie eingeschlafen, noch, dass sie aus dem Taxi getragen und ins Bett gelegt worden war. Paul weckte sie am nächsten Morgen, indem er die Schlafzimmervorhänge einen Spalt breit öffnete und einen Lichtstrahl aufs Fußende ihres Bettes fallen ließ. Sie trug noch die Sachen, die sie im Flugzeug angehabt hatte. Nur die Deckschuhe hatte er ihr ausgezogen, und das rosafarbene Gummiband musste irgendwo unter der Decke liegen, weshalb sich ihr Haar wie ein schwarzer Krake auf dem weißen Kissen ausbreitete. Tooly tat, als würde sie noch schlafen, und linste durch halb geöffnete Augen. Alle paar Minuten schlich Paul auf Zehenspitzen zurück ins Zimmer und zog den Vorhang ein wenig weiter auf, so dass sich das Sonnenlicht nur in kleinen Schritten über ihre Decke ausbreitete. Als es ihre Augen erreichte, zog sie das Haar drüber und knabberte an der Strähne, die ihr dabei in den Mund fiel.
»Guten Morgen, Tooly«, sagte er und gab ihr wie jeden Morgen die Hand. Dieses tägliche Händeschütteln war die einzige Gelegenheit, bei der er sie berührte. Ansonsten vermied er es, sie anzufassen; selbst wenn er ihr den Salzstreuer reichte, rückte er ihn nur in ihre Nähe, statt ihn ihr zu geben.
»Wo sind wir?«
»In deinem neuen Zimmer. Unserer neuen Wohnung.«
»Und wo ist das?«
Er zog die Vorhänge ganz auf und gab den Blick frei auf deckenhohe Fenster und die Stadt dahinter. »In Bangkok.«
Toolys Sneakers quietschten, und der Mann fuhr auf, drehte sich um und starrte sie an.
»Alles okay?«, fragte sie.
Er sprang auf die Füße und stolperte dabei über die Einkaufstüten, die er um sich herum auf dem Parkett abgestellt hatte. Er war Anfang zwanzig, hatte schwarz glänzendes Haar, papierweiße Haut und hochrote Wangen. »Bestens«, erwiderte er. »Alles bestens. Aber könnten Sie jetzt bitte gehen und meine Wohnungstür hinter sich schließen. Bitte?«
Sie tat ihm den Gefallen, kehrte zurück in die Einsamkeit des Treppenhauses und tänzelte davon, vorbei an geschlossenen Wohnungstüren, die sie einzeln in Augenschein nahm, um dann noch einmal zurückzublicken. Seine Schlüssel hingen noch im Schloss. Sie lief wieder hin und nahm sie leise an sich.
Könnten irgendwann von Nutzen sein. Besser aber wäre es, gleich jetzt eingeladen zu werden. Sie klopfte.
Er öffnete sofort – offenbar hatte er am Spion gestanden – und musterte sie neugierig. Toolys Garderobe zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass nichts zueinanderpasste: ein roter Dufflecoat über hellbeigem Zopfmusterpullover und zitronengelber Cordschlaghose, Sachen, die nach Mottenkugeln rochen (ihr vorheriger Aufenthaltsort waren Kleiderständer im Trödelladen der Heilsarmee in Long Island City in Queens gewesen). Die Figur unter den Stoffschichten hier knöchern, da weich, auch wenn die Stellen nicht unbedingt so angeordnet waren, wie es die Mode gern sah. Dazu trug Tooly Low-Top-Chucks – einen roten, einen schwarzen – und unterm Cord verborgen kniehohe Männerthermostrümpfe. Sie strahlte so frisch, als hätte sie sich gerade Wasser ins Gesicht gespritzt; den Nasenrücken zierten Sommersprossen, und sie trug kein Make-up, da sie den Umgang damit nie recht gelernt hatte. An den meisten Vormittagen vergaß sie sogar, einen Blick in den Spiegel zu werfen, und stellte sich der Welt in einem Zustand reiner Unverfälschtheit, bis sie irgendwo ihr Spiegelbild entdeckte, amüsiert zusammenzuckte, Spitzen des struppigen Bobs mit den Lippen einfing und zu kauen begann. Auch jetzt klebte eine feuchte Strähne an ihrer Wange.
Sie schnippte sie beiseite und lächelte. »Sie haben die Schlüssel stecken lassen.«
Er nahm sie entgegen und nickte dankend. »Ich bin ein Idiot.«
Sie machte keine Anstalten zu gehen.
»Danke«, sagte er zögerlich und wollte die Tür schließen.
»Moment noch«, sagte sie. »Es ist bloß … tut mir leid, wenn ich hier so reinplatze. Nur – das hört sich jetzt bestimmt ein bisschen merkwürdig an, aber … ich habe hier mal gewohnt.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich bin in dieser Wohnung aufgewachsen. War jahrelang nicht mehr in New York, aber als ich gerade am Haus vorbeiging … Ist sicher verrückt, wenn ich mal einen Blick hineinwerfen möchte, oder? Sagen Sie ruhig, wenn es verrückt ist. Allein hier zu stehen bringt jedenfalls eine Menge Erinnerungen zurück.«
»Ist allerdings im Moment nicht besonders aufgeräumt …«
»Dann fühle ich mich gleich wie zu Hause.«
Er wollte noch etwas einwenden, gab aber nach, wich einen Schritt zurück und hätte fast das Gleichgewicht verloren, als er auf eines der vielen chinesischen Takeaways trat, die verstreut auf dem Boden lagen. Sie stellten sich vor und gaben einander verlegen die Hand.
Das Haus gehörte der Columbia University, die einzelne Apartments an Studenten untervermietete. Allerdings ging nur einer der drei hier wohnenden Männer tatsächlich zur Columbia. Duncan selbst studierte Jura – »aber nicht hier«, wie er verwirrenderweise gleich hinzusetzte, während er Tooly am ersten Zimmer vorbeiführte, in dem ein MBA-Student namens Xavi (ausgesprochen: »Ksäwi«) wohnte, der gerade an der Uni war. Emerson, der dritte Wohngenosse, hielt sich ebenfalls außer Haus auf und besuchte ein Seminar über Literaturtheorie.
Duncan wollte das Bad mit einem Kopfnicken abtun, aber Tooly hielt zielstrebig darauf zu. Der Dreck bestätigte ihr, dass sie sich in einer Domäne junger heterosexueller Männer aufhielt: ein schmutziges, von leeren Geltuben und Toilettenpapierpapprollen umstelltes Waschbecken, am Rand der offenen Kloschüssel Schamhaare und angetrockneter Urin, ein schimmeliger Vorhang um eine schmierige Wanne. »Ich habe die mal sauber gemacht«, bemerkte Duncan mit einem Anflug von Stolz in der Stimme.
»Wieso das?«
»Ich musste sie benutzen. Hatte der Arzt gesagt.«
»Der Arzt hat Ihnen gesagt, Sie sollen ein Bad nehmen?«
»Wegen meiner Nase.«
»Und Sie hätten sich die Nase nicht am Waschbecken waschen können?«
»Ich …« Er sah zu ihr hin und lachte verlegen.
Jeder Mitbewohner kannte seine Aufgaben, aber wer mit Saubermachen dran war, gab bald wieder auf. »Emerson hat sich mal bereiterklärt, den Boden zu putzen. War ziemlich interessant, denn damit hatte keiner von uns gerechnet.«
Duncan führte sie in sein Zimmer: aus dem Schrank quellende Schmutzwäsche, Gläser mit abgestandenem Mineralwasser, ein Laptop samt Modem neben juristischen Fallbüchern. Ein klappriger Ständer trug ein E-Piano von Yamaha, und an den Wänden hing nur ein einziges Bild, eine Landschaft in Japan, wo er ein Jahr lang Englisch unterrichtet hatte.
Sie schaute sich um. »Das bringt Erinnerungen zurück.«
»Tut mir leid, dass es hier so chaotisch aussieht.«
»Macht nichts«, erwiderte sie. »Ich mag unaufgeräumte Jungsbuden.«
»Na dann …« Er ging weiter zur Küche; im Spülbecken türmte sich dreckiges Geschirr, die Herdanzeige blinkte unablässig 00:00 Uhr. Ein Schrank war bis obenhin mit alten Plastiktüten zugestopft, ein anderer enthielt verdächtig aussehende Gläser Gurkensaft und eine Dose Eintopf, abgelaufen 1998. »Wenn Frauen zu uns kommen, dann meist nur einmal.«
»Blöde Schnepfen!« Sie ließ sich weitertreiben.
»Schätze, Sie kennen den Weg«, brummte er und folgte ihr ins Wohnzimmer, auf dessen Esstisch sich Werbepost für Studenten stapelte, die längst ihren Abschluss gemacht, die Werbeabteilungen von Victoria’s Secret, Macy’s und L.L.Bean davon aber nicht in Kenntnis gesetzt hatten. Tooly schob ein Fenster hoch, sagte: »Was bin ich gern hier rausgegangen«, und stieg auf die wacklige Feuerleiter, wobei sie unabsichtlich einen Aschenbecher umkippte. Unten sah sie kahle Bäume und parkende Autos; auf dem schlaglochübersäten Asphalt stand »XINGSCHOOL«.
»Meine Grundschule war gleich da drüben«, improvisierte sie, während sie zurück in die Wohnung stieg. »Bin bis zur sechsten Klasse hingegangen.«
»Und wie war’s?«
»Phantastisch.«
»Nicht gerade ein Wort, das ich mit Grundschule verbinde.«
»Ach nein? Dir hat deine nicht gefallen?« Sie nutzte die Chance, die er ihr bot, und hakte nach, fragte nach seiner Schulzeit, seinen Plänen und denen seiner Mitbewohner. Emerson, ein nicht sonderlich beliebtes Mitglied des Haushalts, machte seinen Doktor in Vergleichender Literaturwissenschaft. Und der ursprünglich aus Uganda stammende Xavi war Duncans bester Freund, seit sie in Connecticut zusammen auf der Highschool gewesen waren.
»Da kommst du her? Stammst du von einer dieser vornehmen, einflussreichen Connecticut-Familien ab?«
»Ach was. Wir sind frisch eingewandert, erste Generation.« Keith, sein Dad, stammte aus Glasgow, ein Architekt, der vor drei Jahrzehnten nach New York gekommen war, weil er auf Teufel komm raus Hochhäuser bauen wollte. Heute war er Designdirektor eines Partnerschaftsbüros in Connecticut, spezialisiert auf die Eingangsbereiche von Shoppingzentren. Naoko, Duncans Mutter, war 1973 aus Kobe in Japan hergezogen, um an der Parsons Kunst zu studieren. Zwei Fremde in der großen Stadt, die sich hier kennenlernten, und auch wenn die Einheimischen ihren Akzent lustig fanden, verstanden sie sich doch blendend – soll heißen, sie missverstanden sich in ausreichendem Maße. Als Kind las Duncan alles über Kilts, Haggis und die verräterischen Campbells, spielte Trommel in einer Dudelsackband, hängte in seinem Zimmer die schottische Flagge auf und leugnete die japanische Hälfte. Auf der Junior High kehrte sich das um, nun verherrlichte er die einst verschwiegene Volkszugehörigkeit. Auf dem College gab er sich als Japaner aus. Und nach dem Abschluss zog er nach Yokohama, um dort Englisch zu unterrichten und seine Muttersprache zu lernen. Er sollte erbärmlich scheitern. »Eigentlich rede ich nicht gern darüber.«
»Ach, jetzt komm schon«, sagte Tooly. »Du siehst mich ja nie wieder.«
Er fand keine Freunde in Japan und kam mit der Sprache kaum zurecht, begriff nur, wie unmöglich sie war mit ihren höflichen Präfixen, der respektvollen Anrede, dem demütigen Ton – und den abertausend Möglichkeiten, alles falsch zu machen. Nachdem er jahrelang behauptet hatte, Japaner zu sein, begriff er nun, wie unjapanisch er war – und war folglich gar nichts mehr. »Da musste ich mir plötzlich eine Persönlichkeit zulegen. Kam ziemlich unerwartet.«
»Ach, red keinen Unsinn.«
Xavi, der damals mit seinem Wirtschaftsstudium an der NYU anfing, ermutigte Duncan, sich in New York für Jura zu bewerben, und besorgte ihnen sogar Zimmer »in der Nähe der Universität« –, nur leider in der Nähe der falschen Universität, der Columbia, und damit am anderen Ende von Manhattan. Hauptmieter waren zwei Studenten, die sich ineinander verliebt und dann bemerkt hatten, dass sie Emerson, ihren dritten Mitbewohner, nicht ausstehen konnten. Damit ihre konservativen Eltern weiterhin für die Miete aufkamen, wollten sie auch künftig behaupten können, in der Nähe der Columbia zu wohnen, suchten sich insgeheim aber eine Bleibe in Chelsea. Xavi und Duncan bekamen die Zimmer folglich zu erstaunlich günstigen Bedingungen, mussten dafür allerdings auch jeden Tag nach Downtown fahren.
»Okay«, sagte er, »und jetzt erzähl was über dich.«
»Wie wäre es damit: Ich habe unten ein Schwein gesehen.«
»Hoffentlich kein Wildschwein, oder?«
»Ein Typ kam damit vom Spaziergang zurück. Ein dicker, fetter Hängebaucheber.«
»Der Typ?«
»Das Schwein.«
»Wohnt Parterre«, sagte Duncan. »Ein Komponist.«
»Das Schwein?«
»Genau, das Schwein.«
Sie lachte.
»Sorry – du musst bestimmt wieder los«, sagte er. »Normalerweise rede ich nicht so viel. Hoffe, es hat dir gefallen, deine alte Wohnung noch einmal zu sehen.« Er machte einen Schritt auf die Tür zu.
»Wieso hast du eigentlich auf dem Boden gelegen, Duncan? Umgeben von Einkaufstüten?«
»Ich hatte gehofft, das hättest du vergessen.«
»Bist du hingefallen?«
»Das klingt jetzt ein bisschen absurd. Du wirst mich für verrückt halten.«
»Verrücktes macht mir nichts aus, solange es halbwegs vernünftig ist.«
Er seufzte, dann gestand er. Manchmal, wenn er mit seinen Einkäufen über den Campus der Columbia ging, malte er sich aus, wie er sich mitten auf dem College Walk hinlegte und alle Studenten über ihn hinwegstiegen, tagelang, wochenlang, ohne dass irgendwer stehen blieb. Ratten knabberten die Lebensmittel an; er selbst wurde immer dünner, blickte durch die Äste der Bäume nach oben, in den Regen, die Nacht, bis er irgendwann einfach verschwand. Fasziniert von dieser Vorstellung war er nach Hause gekommen, hatte laut gerufen, um sicherzustellen, dass niemand sonst in der Wohnung war, und sich dann an Ort und Stelle hingelegt.
»Wenn du so was Verrücktes in deiner Wohnung tust«, sagte Tooly, »solltest du darauf achten, dass die Tür geschlossen ist.«
»Das war im Nachhinein gesehen wohl ein Fehler.«
»Leg dich hin«, befahl Tooly.
»Wie?«
»Ich möchte dir was zeigen, das ich aus der Zeit kenne, in der ich hier gewohnt habe. Nur musst du dich dafür einen Moment hinlegen, genau da, wo du jetzt stehst.«
»Auf den Boden?«
»Genau so wie vorhin.«
Etwas unentschlossen und zögerlich gehorchte er.
Sie hängte die Kette an der Wohnungstür ein, ging zu Duncan zurück, kniete sich hin, öffnete ihren Dufflecoat und legte sich auf ihn.
»Was machst du da?«, fragte er leise.
»Ich decke dich zu.«
Einen Moment lang blieben sie still liegen. Sein Herz hämmerte, sie konnte es durch ihren Pullover spüren.
Jemand steckte einen Schlüssel ins Schloss; die Tür wurde geöffnet, stieß gegen die Kette und erbebte.
Tooly stand gelassen auf. Duncan dagegen sprang so schnell hoch, dass er beinahe umfiel, so schwindelig war ihm, hängte die Kette aus und sagte: »Hallo.«
Es war Xavi, der offenbar vornehme Kleidung liebte: Smokingjacke, violetter Schal und Schildpattbrille. Statt Tooly nur die Hand zu schütteln, hielt er sie fest, grinste breit und schloss träge die blitzenden Augen. Als er sie wieder aufmachte, schaute er Duncan an.
»Sie hat hier früher gewohnt«, erklärte der.
Tooly versicherte erneut, dass dieser Besuch viele Erinnerungen geweckt habe.
Xavi nickte förmlich und öffnete ihr die Tür. »Und wann genau haben Sie hier gewohnt?«
»Freut mich wirklich sehr, Sie kennengelernt zu haben«, sagte sie und ging zur Treppe.
Auf dem Rückweg nach Downtown sah Tooly sich weitere Gebäude an. Sooft sie sich auch das Leben darin vorstellte – Partys, die außer Rand und Band gerieten; Küchen, in denen der Wasserhahn lief; wütende Paare, die um echtes Geld Karten spielten –, die Wirklichkeit war doch immer sehr viel merkwürdiger. In einer vertikal wachsenden Stadt waren übervolle Wohnungen der einzig uneingeschränkt geschützte Rückzugsraum, jede Heimstatt eine heimelige Festung. Und doch konnte man so leicht in sie eindringen. (»Ich störe nur ungern, aber ich habe hier früher gewohnt. Würde es Ihnen was ausmachen, wenn ich mich mal rasch umsehe? Ich bin gerade zufällig vorbeigekommen. – Wahnsinn! Allein wieder hier zu stehen weckt so viele Erinnerungen!«) Meist brauchte man nur zu klopfen, ein paar Worte zu sagen und konnte eintreten. Warum sich auf den äußeren Anblick beschränken, wenn man einen Blick ins Leben anderer Leute werfen konnte – wobei vielleicht sogar noch ein paar brauchbare Erfahrungen heraussprangen?
Sie griff nach ihrem Stift und der Zeitungsseite, in die ihr Erdnussbuttersandwich eingewickelt gewesen war, um alles aufzuschreiben, was sie bei dieser Begegnung erlebt hatte, und ihr Gedächtnis nach jedem Detail zu durchforsten, von dem es Venn zu berichten lohnte.
Duncan war linkisch, unbeholfen, einsam. Solche Jungen sind so leicht um den Finger zu wickeln. Bei dem Gedanken wurde sie ganz melancholisch, und sie brauchte eine Weile, um den Grund dafür zu begreifen: Irgendwas an ihm hatte sie an Paul erinnert.
Vehement versuchte Tooly, diese Erkenntnis wieder zu verdrängen und weiterzuschreiben, aber weder ihre Hand – sie schüttelte die eiskalten Finger – noch ihre Willenskraft wollten recht gehorchen. Sie konnte nicht aufhören, die freimütigen Worte des Jungen daraufhin zu prüfen, ob etwas mit ihnen anzufangen war. Sie zerknüllte das Zeitungsblatt und stopfte es in ihre Tasche. Sein Leben und ihr Leben hatten sich für wenige Minuten überschnitten – das war alles.
Reglos blieb sie auf dem Gehweg stehen, musterte die Gesichter der Passanten und ballte die Hände zu Fäusten; ihr Puls raste. Sie spürte das drängende Verlangen, einfach loszurennen – und das tat sie dann auch.
Nachdem die Mönche Jahrhunderte zuvor das Kloster Llanthony verlassen hatten, fiel der normannisch-gotische Bau langsam in sich zusammen; die Kathedrale verlor ihr Dach, und senfgelbe Flechten überzogen die Steinmauern, die Wind und Wetter Jahr um Jahr schutzlos ausgeliefert gewesen waren; wo einst der Altar gestanden hatte, regnete es jetzt rein.
Hinter der Ruine dräuten die Black Mountains und an diesem Morgen dichter Nebel. Tooly wanderte wie durch Wolken über die mit stachligen Disteln durchsetzte Weide, vorbei an grasenden Schafen, schnurstracks die Anhöhe hinauf. Weiter oben verflog der Nebel, ihre grünen Gummistiefel patschten durchs Nass, Fußmuskeln tasteten Steine nach sicherem Tritt ab, der Schmerz in den Schenkeln eine Lust, ihre Kraft nahm ab, das Tempo zu.
Auf dem Gipfel zurrte und ruckte ein heftiger Wind an Tooly und ließ den um die Hüfte gebundenen Zopfmusterpullover flattern. Das Plateau weitete sich, die Ränder verloren sich in der Ferne, Heidekraut und Ginster säumten meilenweit den kalksandigen Weg, ein Hügelkamm, der zwei Nationen teilte. Rechts lag England: ein von Hecken und Bäumen gegliedertes Flickenteppichland, jedes Feld umzäunt und genutzt; links Wales, ein Gestrüpp weitläufiger Grünflächen, schiefergrauer Bauernhäuser und düsterer Wälder.
Die Sonne ließ Lichtflecken übers Land wandern. Wenn Tooly ihre Strahlen spürte, schloss sie die Augen und sog die Wärme in sich auf. Sooft sie schien – und es konnten Tage vergehen, ohne dass Tooly die Sonne zu Gesicht bekam –, eilte sie nach draußen. Für den Regen aber konnte sie sich regelrecht begeistern, sah durchs Schaufenster zu, wie die Welt still wurde, die Gehwege leergefegt. Nieselregen faszinierte sie nicht, es mussten schon Wolkenbrüche sein – wenn Tropfen auf Blättern detonierten, Abflussrohre überquollen, der Regen auf das Dach des World’s End trommelte. Eines Nachmittags donnerte es so laut, dass Fogg erschrocken nach Luft schnappte, was er zu übertönen versuchte, indem er energisch die Seiten eines Buches über mongolische Reiterscharen umblätterte.
»So ein Sturzregen ist doch was Schönes«, sagte sie dann.
»Regen macht nass.«
»Jetzt jammer nicht, du Weichei. Ist doch aufregend, wenn die Natur so gewaltig ist, so dramatisch. Findest du nicht?«
»Würdest du ein Erdbeben auch schön finden?«
»Na ja, wenn man nur zusehen könnte … Stell dir das mal vor. Wenn keiner verletzt und nichts Wertvolles zerstört würde, Mensch, das wäre doch unglaublich. Man sähe Bilder von flüssiger Lava.«
»Wenn dich ein Vulkan mit flüssiger Lava bespuckt, ist daran überhaupt nichts schön.«
»Ich wurde aber noch von keinem Vulkan bespuckt.«
»Ich auch nicht, wenn ich mal so richtig ehrlich bin.«
