Die Gesichter - Tom Rachman - E-Book

Die Gesichter E-Book

Tom Rachman

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Beschreibung

Der übermächtige Schatten eines großen Künstlers  – eine ergreifende Vater-Sohn-Beziehung Mit einer einzigen beiläufigen Bemerkung wischt Bear Bavinsky (gefeierter Maler, zahlreiche Ex-Frauen, siebzehn Kinder) jede Hoffnung seines Lieblingssohnes Pinch beiseite, auch nur halb so viel Talent zu haben wie er. Desillusioniert zieht es Pinch raus in die Welt, in Kanada versucht er sich an einer Biografie über Bear, als Italienischlehrer in London hat er es fast geschafft zu vergessen, dass auch er einmal Großes vorhatte. Seine wahre Begabung findet er schließlich doch noch, und er schmiedet einen schier unmöglichen Plan, nicht nur sein eigenes Leuchten zu entfalten, sondern auch das Andenken seines Vaters zu retten.

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Seitenzahl: 534

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Tom Rachman

Die Gesichter

Roman

Aus dem Englischen von Bernhard Robben

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Die Gesichter

 

 

 

 

 

 

Kindheit

Öl auf Leinwand

1,73 x 4,06m

Leihgabe aus dem Bavinsky-Nachlass

1

Rom, 1955

Bear Bavinsky tunkt seinen Kopf ins dampfende Wasser der kupfernen Badewanne und schüttelt den Bart aus, dass die Tropfen durchs Atelier fliegen. Mit dem Daumen drückt er dann ein wenig Shag in den Pfeifenkopf, ratscht sein Zippo aus Messing an und saugt kraftvoll, um die Flamme auf den Tabak zu ziehen, bis der teuflisch rot glüht und sich Rauch zu den hölzernen Deckenbalken emporkräuselt. Er atmet aus und steht auf. Wasser regnet ihm vom Leib.

Pinch, sein fünfjähriger Sohn, stemmt ein dickes Badetuch in die Höhe, die Arme zittern unter dem Gewicht. Bear streift sich mit den Fingern durchs rotblonde, schüttere Haar und setzt – eine Hand auf dem Kopf des Jungen, Gleichgewicht suchend – seine Füße auf Tageszeitungen, auf denen früher am Tag Pinsel ausgewischt wurden. Die nassen Abdrücke bluten übers Papier, umringen ölblaue Kleckse und gelbe Quastenstriche.

»Das ist es«, erklärt Natalie quer durchs Atelier und kaut dabei an ihren Fingernägeln.

»Endgültig, bist du sicher?«, fragt Bear seine Frau. »Keine Zweifel?«

»Ich kenne nichts außer Zweifel.«

Er geht weiter zur metallenen Haustür und schiebt sie mit der Schulter auf; aus der Gasse drängt dämmriges Licht an ihm vorbei, bricht sich funkelnd in Farbgläsern, fällt auf malträtierte Pinsel in Terpentin und die entlang der Ziegelwand trocknenden Leinwände. In der vorabendlichen Luft steht er da, gut vierzig Jahre alt, ein Tier von einem Mann, nackt bis auf das um die Schultern gelegte Handtuch; sein Schatten verjüngt sich durchs Atelier, überspringt die Badewanne, bedeckt seine Frau und ihren kleinen Jungen. »Bist du dir ganz sicher?«

Natalie zupft sich eine schwarze Haarsträhne über die Augen und wickelt sie um ihren kleinen Finger, bis die Kuppe schmerzlich rot anläuft.

Dann huscht sie zum WC am hinteren Ende des Ateliers, schließt die verzogene Tür, stößt mit dem Kopf an die nackte Glühbirne, die sie mal in gleißende Helligkeit, mal in Dämmerlicht taucht, während Natalie den Spiegel zurate zieht: smaragdgrünes Ballkleid mit Gürtel, Kellerfaltenrock, getupfter Schal. Eins passt nicht zum anderen, und nichts davon gehört ihr. Sie steckt das Haar unter ein weißes Barett, was aber kaum hilft, denn noch immer schaut sie dieselbe, schlaksige Sechsundzwanzigjährige an, nichts als Ellbogen und Knie, tief liegende, dunkle Augen, so unsicher blickend, als wären sie mit Kohle gezeichnet, die Krähenfüße zart hingestrichelt.

Sie gesellt sich zu Bear, der immer noch nackt in der Tür steht; ein Rauchwölkchen steigt aus der Pfeife auf. »In diesem Aufzug kann ich mich kaum sehen lassen«, sagt sie, und er dreht sich zu ihr um, legt die raue Hand an ihren Busen, gerade so fest, dass ihr Atem schneller geht. Dann wendet er sich seinem Lederkoffer zu und fischt zwei Schlipse heraus, einen für sich, einen für ihren gemeinsamen Sohn. Bear hebt den schrilleren Schlips hoch und mustert ihn, als hielte er eine Makrele in der Hand. Gleich darauf schickt er Pinch los, die Leinwandschere holen, mit der er einen der Schlipse halbiert, um ihn dann dem Jungen um den Hals zu hängen. »Was meinst du, Kleiner?« Bear grinst, und sein Bart schiebt sich bis an die zu Schlitzen verengten Augen hoch. »Natty, ich liebe dich wie verrückt. Und ich folge dir meist aufs Wort, aber verdammt noch mal, Sweetie, lass uns jetzt gehen.«

Sie verstummt, umklammert mit einer Hand die andere.

»Meinetwegen, nur dann beeil dich!«, sagt sie, entfernt sich mit raschem Schritt und stolpert fast, als sie sich bückt, um ihrem Sohn den Schlips zu binden. Sie berührt Pinchs Stirn; ihre leicht pulsierende, warme Hand auf seiner Haut; die unruhigen Finger flattern eine heimliche Botschaft: »All die Zeit haben wir gewartet, Pinchy, aber jetzt ist er da!«

Der erst vor wenigen Wochen eingezogene Bear nähert sich Pinch, zerwuselt dem Jungen das feine, sandfarbene Haar (ganz der Vater) und schnickt ihn spielerisch ans nervöse Kinn (ganz die Mama), während Pinchs blaue Augen (seine ureigene Errungenschaft) zum Vater aufblicken und auf Anweisung warten.

2

Einem schwarzen Pendel gleich schwingt sich hoch über dem Kopfsteinpflaster zwischen Trastevere und Vatikan ein Starenschwarm durch den Himmel. Die drei Bavinskys hasten vom Atelier in Richtung Zentrum. Natalie hat sich bei Bear untergehakt, mit dem anderen Arm zieht sie Pinch hinter sich her. Sie zupft den Ärmel ihres Gatten hoch, um einen Blick auf seine verkratzte Armbanduhr zu werfen.

»Keine Panik, Natty«, sagt er. »Sind nur Freunde heute Abend.«

»Ja, deine Freunde.«

Solange Natalie allein mit Pinch in Rom wohnte, hatte sich niemand bei ihr gemeldet. Dann zog Bear zu ihnen, und sie wurden mit Einladungen überhäuft. Er meidet Soireen, hat ihr zuliebe aber diesmal zugestimmt – es werden jede Menge Künstlerkollegen kommen, und sie soll sich öfter zeigen, soll für ihr Werk Unterstützer finden. Dies wird ihr Abend, versprochen, ganz sicher, nur noch Minuten, dann ist es soweit. »Die können es kaum erwarten, dich kennenzulernen.«

»Meinst du?«

Sie lebt jetzt seit sechs Jahren in Rom – eine erstaunlich lange Zeit, wenn man bedenkt, dass es Tage gab, die sie kaum ertrug, von Einsamkeit erdrückt, vor allem nach der Geburt, einer katastrophalen Entbindung, bei der ihr Bauch schlimm in Mitleidenschaft geriet, sprich: Pinch wird ihr einziges Kind bleiben. Von Beginn an hat sie sich an ihn geklammert, dabei aber keine Ahnung von Kindererziehung gehabt. Zum Glück wurde sie in Italien von Nachbarinnen gerettet, für die sie der Freigeist aus Kanada war, eine junge Frau, die auf ihren amerikanischen Maler und Gatten wartete (wobei sie anfangs streng genommen gar nicht verheiratet waren). Er kam jeden Sommer und malte pausenlos, Natalie saß ihm in der drückenden Hitze Modell, der Junge schlief nahe der Wand. Am Ende des Sommers packte sie seinen Koffer, wie betäubt von dem Gedanken, dass Bear sich zurück nach New York begab, zurück zu drei Töchtern und einer Ehefrau, die ihn nicht gehen lassen wollten. Aber das ist jetzt geschafft. Er schwor, für immer hierherzuziehen, und er hat Wort gehalten.

Während sie über die Ponte Mazzini hasten, beugt Bear sich vor, zerquetscht den Jungen halb und küsst seine junge Frau mitten auf den Mund, verschmiert ihren Lippenstift. »Nun hör mir mal gut zu, Süße: Ich liebe dich wie verrückt, und das werden die auch.« Natalie glaubt ihm, solange er sie anschaut.

Sie sind an einem enormen Palast mit Blick über den müden grünen Tiber angekommen, und Bear hämmert mit beiden Fäusten an die Tür, ein synkopierter Jazzrhythmus.

Ein Dienstbote stürzt herbei, scheucht sie ins Haus – so spät! so spät! –, führt die Bavinskys an einem tröpfelnden Renaissance-Springbrunnen vorbei, eine marmorne, von alten römischen Statuen gesäumte Treppe hinauf in einen Ballsaal mit himmelhoher Decke voller Fresken, die Mars und Venus in verschiedenen Phasen ehelicher Zwietracht zeigen. An zwei Konzertflügeln klimpert je ein Maestro im Frack Debussy, während die Gäste grüppchenweise schwatzen und aus Champagnerflöten schlürfen, und ihre Zigaretten graue Fäden Rauch über Rokoko-Wandbilder und die Avantgardekunst von Guttuso, De Chirico, Burri kringeln.

Gekommen sind Bildhauer, Schriftsteller und Komponisten; amerikanische Frauen, die in den italienischen Adel eingeheiratet haben (Landpomeranzen aus Wisconsin, jetzt Prinzessin soundso); außerdem im Ausland lebende Geschäftsleute: der Typ von Procter & Gamble und der von Aramco, von Coca-Cola, jeweils in Begleitung ihrer Frauen, die sich, wenn ihr geliebter Schatz einen Witz macht, entweder vor Lachen biegen oder nur an ihrem Drink nippen. »Tja, er hat jedenfalls deine Nummer, Joan.«

Natalie kann die Künstler an ihrem Äußeren erkennen; die meisten tragen Schlabberanzüge mit abgewetzten Schuhen, wohingegen die Salondamen schimmernde Seidenstoffe präsentieren und an ihren langen Handschuhen zupfen, während sie an der Seite von beleibten Männern mit schwingendem, goldenem Uhrkettchen am Dreiteiler herumstaksen. Die zwei Gruppierungen kann man auch am Thema ihrer Gespräche unterscheiden: Die mit Geld sprechen über Kunst, die Künstler über Geld.

»Warte eine Sekunde«, sagt die Gastgeberin, eine Frau mittleren Alters, linst durch ihren Kneifer wie durch ein Paar Gucklöcher, segelt zu den Bavinskys herüber, wedelt dabei mit ihrer Unterarmtasche, die aussieht wie ein pinkfarbener Hummer, und hält mit der anderen Hand ihren Hut in Form eines hochhackigen Schuhs fest. Mishmish Shapiro ist Kunstsammlerin kalifornischer Herkunft, die vor Jahren einem Anfall von Ennui dadurch entkam, dass sie sich den Schönheiten Roms und Graf Ugobaldo in die Arme warf, Letzterer ein heruntergekommener Aristokrat und Maler schreiender Münder sowie surrealistischer Landschaften. Sollte sie, als sie Bear drängte, ihre Einladung anzunehmen, dabei einen Hintergedanken verfolgt haben (und Mishmish hat immer einige Hintergedanken in petto), dann wohl jenen, dass sie ihn zum Verkauf seiner Bilder überreden wollte. Ihr gehören ein paar frühe Bavinskys, die Bear heute als Jugendwerke abtut. Die neueren Gemälde sind große Kunst – eine ganz andere Liga, heißt es, teuflisch schwer zu bekommen.

»Der Gedanke, dass es deine Rasselbande nicht schaffen könnte, hat mich halb verrückt gemacht!«, erklärt Mishmish, umklammert Bears Hand und tätschelt Pinch gedankenverloren den Kopf. »Was für ein bezaubernder Schlingel! Ich habe gehört, du hast ihn in irgendeiner dunklen vicolo aufgegabelt?« Sie nickt einem Butler zu, der nur darauf gewartet hat, diesen Knirps zu den anderen zu bringen, die bereits in einem abgelegenen Kinderzimmer untergebracht wurden. Kaum ist Mishmish den Jungen los, taxiert sie Bears grobknochige junge Frau von den Schuhriemchen bis zum Barett. »Sie sind ja eine wirklich scharfe Braut«, fasst Mishmish ihre Beobachtungen zusammen. »Übrigens, will irgendjemand was trinken?«

»Ach, einen Drink könnte ich jetzt wirklich vertragen«, antwortet Natalie.

»Nur Geduld«, erwidert Mishmish in eisigem Ton. »Oder sehe ich wie eine Kellnerin aus?«

Natalies Dekolleté zeigt Schamesröte. Sie entschuldigt sich, wird aber kaum gehört: Gäste entdecken den gefeierten Maler in ihrer Mitte und drängen näher heran, darunter ein Mann wie eine Eiche, die Äste weit ausgestreckt. »Mensch, wenn das nicht der große Bear ist! Wie in drei Teufels Namen geht es dir?«

»Heiliger Bimbam! Rod, alter Junge! Was führt denn dich ins Heilige Römische Reich?«

Vom Tablett eines Kellners schnappt sich Natalie zwei Gläser und reicht eines ihrem Mann, der zerstreut mit ihr anstößt; vom Klirren zittert das Kristall, bis ihre Lippen den Rand berühren. Sie hält die Nase übers Glas, versteckt sich im Champagnergesprudel. Fremde umdrängen den Maler, schieben sie hin und her. Dann schließt sich vor ihr eine Wand aus Rücken.

3

Bear langt durch die Menge, zieht Natalie zu sich. »Meine wunderbare Frau, selbst eine bedeutende Künstlerin«, sagt er. »Erzähl schon, Liebling.«

Alle Augen richten sich auf sie.

»Jetzt hören Sie mal, Bear«, unterbricht irgendwer. »Sie müssen uns unbedingt …« Niemand ist gekommen, um eine unbekannte Töpferin kennenzulernen. Sie sind wegen Bear Bavinsky hier, dem Schöpfer expressionistischer Meisterwerke, wilder Farben, die über seine Bilder zucken, auf ganzer Leinwand nur eine nackte Kehle, vielleicht auch bloß eine Rolle Bauchspeck, eine zerstochene Schulter. Seine detaillierten Porträts sind fast zu intim, erschreckend tiefgründig, ohne doch je das Gesicht des Modells zu zeigen.

Als die Zeitschrift Life1953 lauthals verkündete, Bear Bavinsky sei »der Action-Maler von morgen, da er die Dynamik des zwanzigsten Jahrhunderts mit den Formen der Klassik« verschmelze, war damit folgendes gemeint: Hier ist ein Künstler, der nicht mit Farben kleckst, wie jedes Kind es könnte. Noch mehr Aufmerksamkeit erregte allerdings das Foto von Bears New Yorker Studio mit einem weiblichen Modell im Vordergrund, vermutlich nackt. Nein, nicht nur vermutlich, denn unbeabsichtigt zeigte der Schnappschuss im Spiegel die rechte Brust der Frau, das erste Mal, das ein derart eminentes Organ der amerikanischen Kultur einen weiblichen Nippel zeigte. Sowie Life dieses Malheur bemerkt hatte, wurde die Ausgabe zurückgerufen, was einen bescheidenen Bericht zu ebenjenem berüchtigten Artikel machte, der Bears Ruf als Archetyp des lasterhaften Greenwich-Village-Künstlers etablierte – ihn also genau zu jener Art Künstler machte, die diese Meute von Exilamerikanern unbedingt kennenlernen wollte.

»Woran arbeitest du gerade, Bear?«, fragt die schnippische Frau eines Chicagoer Werbefritzen. »Wie wär’s mit einer kleinen Show für uns Landeier?«

»Ich fürchte, das bringt nichts«, warnt Natalie sie sanft. »Mein Mann redet nie über das, woran er gerade arbeitet.«

Die Aufmerksamkeit der Menge bleibt dennoch auf Bear gerichtet, der – ohne zu merken, dass er Natalie damit wiederholt – einen nahezu identischen Kommentar abgibt, was rundum verständnisvolles Nicken auslöst. »Ehrlich gesagt«, fährt er fort, »verbrenne ich das meiste. Im Jahr bleiben nur etwa sechs Bilder übrig. Mishmish, du hörst das bestimmt nicht gern, aber ich habe noch nie gemalt, damit meine Bilder an den Wänden irgendwelcher Paläste hängen.«

Und Natalie setzt hinzu: »Bears Kunst ist für die breite Öffentlichkeit gedacht – für Museen, für Orte, an denen normale Menschen sie sehen können.«

»Jetzt trifft man auch schon normale Menschen in Museen?«, erwidert Mishmish. »Aus welchem Grund sollte man denn dann noch hingehen, wenn die bereits dort auftauchen?«

Alle lachen, und danach richtet sich Bear an die Versammelten. »Mein Rat, Leute? Vertrödelt eure Zeit nicht mit einem Trottel wie mir.« Ein Blinzeln, ein angedeutetes Lächeln, ein Zug an der Pfeife. Alle strahlen.

Natalie kippt ein weiteres Glas Champagner in sich hinein, die Bläschen brennen in der Kehle. Ihr ist leicht schwindlig, so als könnte sie jeden Moment hinfallen. Die Leute um sie herum sind alle so viel älter und gebildeter. Natalie stellt die Champagnerflöte auf ein vorbeischwebendes Tablett, tritt von der Menge zurück, verschränkt beide Hände über ihrem Barett und presst es nach unten, als wollte sie sich selbst in den Marmorboden rammen. Sie beobachtet diese Leute und sieht doch nur sich selbst, ihre großen hässlichen Hände, schwielig vom Töpfern jener Keramik, die keiner sehen will. Im Grunde erfüllt sie der Gedanke, diese Leute sähen sich ihre Arbeiten tatsächlich an, urplötzlich mit tiefster Scham. Nervös bittet sie einen vorbeikommenden Mann um eine Zigarette. Er reicht ihr eine und geht weiter, denkt nicht mal daran, ihr auch Feuer zu geben. Mit gehobener Zigarette schaut sie sich um. Sie wird ignoriert; gackerndes Lachen brandet um ihren Mann auf. Er mag solche Abende ja lästig finden, aber er absolviert sie souverän. Alle fragen ihn nach seiner Meinung, nach der Kunst im Sowjetblock, Ikes Gesundheit, nach rivalisierenden Kollegen. »Ehrlich gesagt würde ich gern wissen«, sagt einer der Herren, »ob Sie Señor Picassos Werk verstehen. Ich meine, wirklich verstehen.«

Natalie wünscht sich fort von diesem Ort, fort von allen Orten. Ein zufälliger Blick ans andere Ende des Saals lässt sie innehalten, die Augen zusammenkneifen. Sie geht in die Knie, um besser sehen zu können; zwischen baumelnden Handtaschen und schwabbeligen Knien entdeckt sie Pinch, wie er in eine silberne Schale greift und sich eine Handvoll Erdnüsse schnappt, um sie aus der hohlen Hand zu futtern. Er ist offenbar aus dem Kinderzimmer geflüchtet, hatte genug von seinesgleichen, so wie sie von diesen Leuten hier genug hat.

Während sie sich an Menscheninseln, Menschenstrudeln vorbeibewegt, sieht Pinch sie näher kommen. Seine Miene hellt sich auf, genau wie ihre. Natalie öffnet ihre Rocktasche, und er deponiert dort seine Erdnüsse zur sicheren Aufbewahrung. Er zeigt auf ihr Ohr, und sie bückt sich zu ihm hinab.

»Können wir gehen?«

Draußen im Hof setzen sie sich auf den Rand des plätschernden Springbrunnens, und Pinch erzählt von seinen Abenteuern. Er hat sich im Palast verirrt und in der Bibliothek einen schlafenden Alten gefunden, eine Treppe in einer Wand, einen riesigen Marmorfuß im Souterrain. Natalie drückt ihm noch eine Erdnuss in die heiße Hand – die kleinen Finger greifen zu, schieben die Nüsse zwischen die salzigen Lippen. Von oben der Widerhall der Party, vergnügtes Kreischen stichelt ihr Interesse. Sie zupft eine Strähne unterm Barett vor, zieht daran, bis sie die Wurzeln spürt, versteift den Hals, um Haltung zu wahren, und presst vor Schmerz die Kiefer zusammen.

Der Fünfjährige langt in ihre Rocktasche. Sie umarmt ihn, umfängt seine Mitte, versucht, ihn so grob wie Bear zu umarmen, drückt, als wollte sie ihm die Rippen brechen. »Du hast mich gerettet«, gesteht sie, die Nase an Pinchs Ohr gepresst.

Verwirrt stößt der Junge sie fort, starrt auf seinen abgeschnittenen Schlips.

Derart zurückgewiesen fischt Natalie die ungerauchte Zigarette aus der Tasche, hält sie von sich, als wollte sie sie einem Kellner geben – und zerbröselt sie dann in der Hand, streut den Tabak in den Springbrunnen; braune Fäden tanzen im schäumenden Wasser. »Keine Sorge«, erklärt sie Pinch. »Dein Vater kommt gleich. Er rettet dich noch früh genug.«

4

Bears Atelier, einst eine an die Mauern eines Gefängnisses aus dem sechzehnten Jahrhundert angrenzende Kornkammer, ist heute eine Werkstatthöhle, düster, weil Bear es so mag, der in seinen Gemälden extreme Schatten einzufangen sucht. Hier wohnen sie auch; anfangs saß Natalie zwischen den Vorhängen Modell, dann zog sie ein, zog ihren Sohn hier groß. Als Wohnung lassen diese Räume allerhand zu wünschen übrig. Die einzigen Lichtquellen sind drei sengend heiße Strahler, die Bear einem Requisiteur in Cinecittà abgeluchst hat; außerdem noch das bisschen Tageslicht, das sich durch die offene Eisentür hereinstiehlt. Als die an einem späten Sonntagmorgen im Dezember aufschwingt, steht Bear dort, gerade zurück von seiner Lieblingspasticceria am Campo de’ Fiori, die er nach langer Nacht aufgesucht hat.

»Hallo, meine Reptilien«, ruft er und wirft seiner Frau ein noch warmes Beignet zu, ein zweites dem Comichefte lesenden Pinch, der es nicht fängt und sogleich aus dem Bett taumelt, um dem über den verklecksten Fußboden hüpfenden und schlitternden Gebäck hinterherzurennen. Mit Riesenschritten sprintet Bear los, fängt die cremegefüllte Leckerei mit sicherem Griff, drückt sie seinem Sohn in die Hand und plumpst dann aufs schmale Bett des Jungen, zerknittert die Comics unter sich. Grinsend steht Pinch vor ihm, stopft das Beignet in sich rein und lässt seinen Dad gewähren, der ihm spielerisch in die Rippen stupst.

Vor all dieser Unruhe hatte Natalie den selten ruhigen Vormittag für ihre eigene Kunst nutzen wollen. Sie lässt sich auch jetzt nicht ablenken, was gar nicht so einfach ist, vor allem, seit Bear seinen Sohn kitzelt. Pinch kreischt und rennt weg, nur um gleich wieder zurückzukommen und wie verrückt zu kichern, weil er mehr will, immer wieder. Natalie bereitet den Ton vor, ordnet Schwämme, Schaber und Töpferwerkzeug in einer Reihe an, füllt draußen am Trinkbrunnen den zerschrammten Holzeimer mit frischem Wasser und stellt ihn laut scheppernd an der Töpferscheibe ab. Dann massiert sie sich den Nacken, denkt an plastische Formen, an zu irren Gestalten geformten Ton mit wahnwitzigen Glasuren – daran, was ich machen will. Ohne jemanden zu beeindrucken. Was mich bewegt. Bin ich denn fähig dazu?

Sie wendet sich von ihren Jungs ab, setzt mit einem Tritt die Töpferscheibe in Gang und wünscht sich, mit ihrer Bewegung die anderen anzustacheln. Bear hat versprochen, heute mit ihrem Sohn zum Weihnachtsmarkt auf der Piazza Navona zu gehen. Ob er das vergessen hat? Angespannt legt sie einen Klumpen feuchten Ton in die Mitte, hört die beiden toben, nach fehlenden Socken fahnden, nach verwaisten Schuhen. Allmählich aber ziehen die drehende Scheibe und die unter ihren Händen heranwachsende Form sie in ihren Bann. Sie wendet sich zu ihrem Mann um, wirft ihm einen bittenden Blick zu.

Er hebt die rechte Hand. Eine Entschuldigung?

Bear eilt in den hinteren Teil des Ateliers, sucht etwas, zerrt eine leere Leinwand mitsamt Gestell hervor. »So wie du jetzt bist, Natty. Ganz genau so.«

»Ich bin mitten in meiner eigenen Arbeit«, fleht sie ihn an. »Bear?« Ein beigefarbener Schwamm liegt in ihrem Schoß; Wasser tropft von ihrem Handgelenk. Die Drehscheibe wird langsamer, läuft unrund und scheuert an ihrem Innenschenkel.

Bear entschuldigt sich, während er Natalie umrundet, Vorstudien macht und Konturen auf seinen Skizzenblock wirft; der Kohlestift knistert übers Papier, Kohlestaub hängt in der Luft. »Nur eine Sekunde. Ehrlich. Du siehst einfach zu verführerisch aus – das ist allein deine verdammte Schuld!«, sagt er wie aus Spaß, runzelt dabei aber die Stirn, tritt zurück, beugt sich vor, wechselt zwischen ihr und der übergroßen Leinwand, die Vorderseite noch makellos, an ihrer Rückseite aber wischt er sich die Hände ab, hinterlässt schwarze Fingerabdrücke, reibt Tabakkrümel in die Schussfäden. Er hastet zum Grammophon, lässt die Nadel sinken. Ein Knistern, dann lautes Kreischen. Zum Arbeiten braucht er Getöse, einen Rhythmus für seine anderswo weilenden Gedanken. Die Jazz-Single läuft bereits mehrere Minuten, und er arbeitet immer noch. Pinch krabbelt herbei, greift mit beiden Händen nach dem farbverschmierten Tonarm von Dads tragbarem Telefunken, setzt die Diamantnadel behutsam erneut auf, die daraufhin wieder über die wellige 78er-Scheibe hüpft, eine aus einem Stapel, den Bear während des Krieges aus der Radiostation der Armee entwendet hat. Hallo Leute, hier spricht Gene Krupa. Mit meinem Trio spielen wir euch auf dieser Scheibe jetzt mal ein bisschen Jazz vor. Ein nervöser Trommelwirbel, ein improvisierendes Piano, ein johlendes Saxophon.

Bear brummt vor sich hin, mischt Farben, die Stirn in Falten, schweißbetropft. Er funkelt die leere Leinwand an, knirscht mit den Zähnen.

»Mein Ton trocknet aus«, sagt sie.

»Nein, ich bin ja schon fertig.« Nur noch nicht ganz. Fast. Beinahe. Mit dem Malmesser trägt er Farbe auf, buttrige, zitternde Öle. Mit einer Schweineborstenbürste fährt er übers Gestell, die Pinselzwinge raut die Leinwand auf. »Ich bin fertig«, sagt er zum wiederholten Mal, arbeitet aber weiter, jetzt mit bloßen Fingern, harkt mit den Nägeln durchs Bild. »Nicht bewegen. Ich bin fertig. Nein, warte noch.«

Nachdem die Platte siebenundzwanzig Mal gespielt wurde, will Pinch die Nadel erneut absenken und sieht Zustimmung heischend zu seinem Vater. Bear ist beschäftigt, verflucht das Miststück von Gemälde, vor allem, da er so Schönes vor Augen hat, fast, als kämpfte er gegen das Bild, müsste etwas am Feind vorbeischmuggeln. Er arbeitet gleichzeitig auf der ganzen Fläche, verbessert die Harmonie, verfeinert, übermalt – und dann die Wut, weil es falsch ist, immer noch so verdammt falsch. »Nur noch eine Minute, Liebling.«

Sie umklammert ihre nackten Knie, bibbert. (Bear vergisst immer, die Haustür zu schließen.) Auf der anderen Seite der Leinwand nimmt ein Teil ihres Körpers Gestalt an, welcher, das weiß sie nicht – seine Modelle sollen das nicht wissen, weil sie sonst befangen werden, ihre Haltung korrigieren könnten.

Abrupt hält er inne, kritzelt irgendwas auf den Skizzenblock, reißt die Seite heraus und ruft Pinch, der seiner Mutter die gefaltete Nachricht überbringen soll. Sie öffnet den ihr quer durchs Zimmer zugeschickten Brief: »Für meine Natty, die ich mehr liebe, als ich es mit Farben sagen kann.« Ihr fällt auf, dass Bear unterschrieben hat, mit vollem Namen, darunter ein Schnörkel.

»Bear, bitte.«

»Gleich, sofort. Ich brauch dich nur noch eine Sekunde. Nur noch eine. Mehr nicht.« Er verstummt, sein Blick wandert zwischen ihr und der Leinwand hin und her, er fängt Wesentliches ein und hört doch kein Wort.

5

Als sie sich kennenlernten, war Natalie kaum zwanzig, und Bear ging auf die vierzig zu. Das war im Juli 1949. Bear stöberte unweit vom Pantheon durch einen Laden voller Künstlerbedarf und suchte nach Hasenleim. Natalie, die sich in jenem Sommer in Rom aufhielt, um Zeichnen zu lernen, erkannte ihn auf Anhieb und mit einem Flattern im Bauch, denn über diesen Mann wurden Artikel geschrieben. Was wollte er hier? Sie hörte, wie er vergeblich versuchte, sich in der fremden Sprache verständlich zu machen, sie hielt den Atem an, trat vor und redete den Angestellten auf Französisch an, was für sie dem Italienischen. »Colle de lapin, peut-être?«

»Sie sind eine wahre Zauberin«, sagte Bear zu ihr und kratzte dabei sein Bartdickicht. »Und Sie haben sich gerade ein Mittagessen verdient.«

»Dafür?« Sie musste den Blick abwenden und fragte sich, ob er sie auf den Arm nehmen wollte. Es waren einsame Wochen gewesen: ein Mietzimmer in einem Kloster, in dem sie sich (mit nachlassendem Erfolg) als Katholikin auszugeben versuchte, während sie sich tagsüber durch den ausschließlich auf Italienisch gehaltenen Kunstunterricht quälte.

»Junge Dame, ich habe schon aus nichtigeren Anlässen Essen spendiert.«

»Was für ein Glück, das ich nichts wirklich Nützliches getan habe. Wer weiß, was Sie mir sonst schuldig wären.«

»Ich würde Sie dann auch noch zu einem Abendessen und vielleicht sogar zum Frühstück einladen. Vorläufig aber bleibt es leider bei einem Mittagessen. Was meinen Sie? Ich würde ja gern sagen, dass ich vor Hunger ein ganzes Pferd vertilgen könnte, aber nachher nehmen mich diese Einheimischen noch beim Wort.« Er blinzelte, zwinkerte ihr zu.

Minuten später führte Bear sie durch eine der nach Urin stinkenden Gassen Roms, über ihnen flatternde Wäsche, vor ihnen ein davonhuschender Kater. Das beste Lokal für ein Mittagessen sei ganz in der Nähe, versprach er, und sein sonores Amerikanisch hallte von den mittelalterlichen, sie umschließenden Mauern wider – bis sie schließlich auf eine strahlend helle, winzige Piazza kamen, das versprochene Lokal gleich auf der anderen Seite.

Bear entschied sich für einen Tisch in der hintersten Ecke und stellte Natalie Fragen nach ihrer Kunst, lauschte mit unverhohlener Neugier und unterhielt sich mit ihr wie mit einer geschätzten Kollegin. Sie saß auf schweißnassen Händen, rutschte auf dem Stuhl nach vorn, um sich ihm in der Größe anzupassen, und gab ihre Antworten bewusst langsam, wollte ihnen Gewicht beimessen – nur um dann die Nerven zu verlieren und den Satz überstürzt zu Ende zu bringen, fast, als kraxelte sie beständig einen Haufen Worte hinauf, der immer wieder unter ihr nachgab. Sie lenkte das Gespräch zurück auf ihn, zurück auf sicheren Grund.

Ganz ohne irgendwelche Allüren erzählte er von seinen Erfahrungen im New Yorker Kunstmilieu mit schrulligen Sammlern, habgierigen Händlern, bedeutenden Künstlern, von denen Natalie gelesen und die er persönlich kennengelernt hatte. In jeder Geschichte spielte er seine eigene Rolle herunter, gab sich als Stümper unter großen Namen. Beim Softballgame im Haus Franz Kline holte Bear fünfmal aus, pfefferte den Ball auf Harold Rosenberg und schlug dem Kritiker einen Zahn aus. »Ich wurde nie wieder eingeladen.« Bei den de Koonings trank er hausgemachten Cidre und kotzte ins Waschbecken, womit er sich Elaines lebenslange Feindschaft einbrockte. Als Bear Pollocks Scheune in East Hampton aufsuchte, war Jackson besoffen und drohte damit, ihm »das geistreiche Grinsen aus dem Gesicht zu prügeln«. Er ohrfeigte Bear, links und rechts.

»Wurden Sie verletzt?«, fragte Natalie.

»Die meisten Leute wissen nicht, dass ich auf dem College geboxt habe«, erwiderte Bear, und ein Lächeln deutete sich an. »Leider war ich auf einem Kunstcollege.«

Sie lachte, gewann an Selbstvertrauen. »Ihnen haben wohl schon viele Maler eins auf die Nase gegeben, wie, Mr. Bavinsky?«

»Viele würden es gern.« Er sagte, dass er der Kunstszene mit seinen Bildern ein Dorn im Auge sei. Seine Arbeiten fielen aus dem Rahmen – und das allein genügte, um alle zu brüskieren. Man lachte über seine Reisen nach Europa, fand es hochnäsig, dass er auf diesem zerschossenen alten Kontinent hauste und dies nur wenige Jahre, nachdem so viele bekannte Künstler von dort geflohen waren, um New York zur Hauptstadt der Kunst zu machen, zu einer Metropole, die riesige Leinwände vertrug, mächtige Pinselstriche.

»Die Europäer nehmen Sie also mit offeneren Armen auf?«

»Eigentlich nicht«, gab er zu. »Pablo Picasso hätte mir fast mal eine gescheuert.« Damals hatte sich Bear im befreiten Paris aufgehalten, zusammen mit einer Gruppe amerikanischer Infanteristen, Künstlerseelen in Uniform, die dem Meister in seinem Atelier in der Rue des Grand-Augustins einen Besuch abstatteten. »Eine Taube war schuld, wie so oft«, scherzte Bear. »Außer dem großen Mann durfte niemand sein Haustier anfassen. Jedenfalls bestimmt kein Nichtsnutz wie meine Wenigkeit. Sie werden es nicht glauben, aber dieser verdammte Vogel flog hoch und landete auf meiner Schulter. War das etwa meine Schuld? Den armen Pablo zerriss die Eifersucht. Als er sah, wie ich den Vogel streichelte, wurde er immer wütender und schrie schließlich: ›Ihr alle, raus hier!‹ Wie immer man das auch auf Französisch ruft. Er kam auf mich zu, packte mich am Aufschlag und schubste mich zur Tür.«

»Haben Sie mit ihm gekämpft?«

»Für wen halten Sie mich? Ich habe gesehen, was dieser Typ mit Gesichtern anstellt.«

Da musste sie grinsen, lief rot an und schaute ihm ein wenig zu lang ins Gesicht. Es fiel ihr schwer, ihn nicht anzustarren. Berühmte Menschen sind faszinierend auch aus der Nähe, fast wie Großwild.

Ein Kellner mit Fliege und Weste kam und sah sie mit hochgezogenen Brauen an.

Natalie hatte noch keinen Blick in die Speisekarte geworfen, eigentlich hatte sie die Karte überhaupt noch gar nicht gesehen.

»Also ich nehme einen piatto mit Gillardeau-Austern«, drängte sich Bear vor, um ihr Zeit zu verschaffen. »Danach rigatoni alla amatriciana und das gebratene vitello mit dieser Pilzsauce. Und was haben Sie da an brauchbarem vino rosso? Irgendwas Genießbares? Überraschen Sie uns.« Der Kellner nickte unterwürfig und wirbelte wieder zu Natalie herum, hing über ihr wie eine Fledermaus.

Sie wäre sich wie eine Idiotin vorgekommen, hätte sie Bears Bestellung einfach bloß wiederholt, das wäre ja, als posaunte sie in alle Welt hinaus, dass sie keine eigenen Ideen hatte. Also zögerte sie, während sich auf ihrem Dekolleté rote Flecken ausbreiteten. Sie warf einen verstohlenen Blick auf die Wahl anderer Gäste, unterm Tisch krümmten sich ihre Zehen. »Ich halte hier alle nur auf.«

»Aber wen denn?« Er winkte sie näher heran, um ihr einen freundlichen Rat zu geben. »Würde es Sie beleidigen, neue Freundin, wenn ich den Kellner bitte, Ihnen das Gleiche zu bringen, was ich bestellt habe? Sie werden es nicht bereuen. Ist die beste Wahl in diesem Laden. Das kann ich Ihnen versprechen.«

Also trug man ihnen die gleichen Gerichte auf, und Natalie schwärmte, sie lobte jedes einzelne davon, sie war eifrig bemüht, die weise Entscheidung des älteren Künstlers zu rühmen. Sie hielt auch beim Wein mit, den Gläsern Barbaresco; der Raum wurde wärmer, lauter. Als das gebratene, in dicke Scheiben geschnittene Fleisch kam, wies Bear auf die Sauciere hin, die für sie beide gedacht war. Natalie tröpfelte einen Klecks an den Tellerrand – Bear dagegen überschwemmte damit das Fleisch, goss dampfende Steinpilzsoße über den ganzen Teller.

»Es gibt Menschen, die tröpfeln die Soße an den Rand«, meinte Bear, »und es gibt Menschen, die gießen sie über alles.«

»Ich fürchte nur, wie immer das zu ruinieren, was ich schon habe«, erklärte Natalie. Die Wahrheit war allerdings komplizierter. Manchmal fällte sie überstürzte Entscheidungen, die sie dann lange bereute – Entscheidungen, die mit der Zeit immer heftiger schmerzten. Genau wegen dieser Schwäche fand sie Bear ja so attraktiv; seine Kavaliersart schien sie zu schützen. Und um ebendem Ausdruck zu verleihen, kippte sie nun doch die Sauciere über ihrem Fleisch aus, was Bear veranlasste, eine Hand auszustrecken, um mit zärtlichster Vertrautheit ihre Wange zu streicheln – denn es gab keine Soße mehr, der Topf war leer bis auf einen allerletzten Tropfen, der am Rand der umgedrehten Schüssel hing und sich zu fallen weigerte.

In Natalies Leben hatten bis zu diesem Augenblick nur wenige Männer ihr Gesicht mit romantischen Absichten berührt, und dies meist während eines gesitteten Gesprächs, in dessen Verlauf ein Typ dann plötzlich seine Lippen unbeholfen an ihre quetschte, die Lider leidenschaftlich geschlossen, wohingegen ihre eigenen flatterten. Bear aber war anders – kein Schuljunge in Montreal. Auch keiner der sich viel zu ernst nehmenden Jüngelchen vom Kunstkolleg in London. Sie geriet diesmal nicht in Panik, auch wenn ihr Puls raste. Es war, als hätte sie ein Grundstück betreten und wüsste auf unheimliche Weise: Dies ist mein Zuhause, hier werde ich wohnen.

Unter dem Vorwand, auf die Toilette zu müssen, stand sie auf und spürte den Alkohol, als sie sich durch das lärmend laute Lokal drängte, ihre breiten Hüften um die Tische mit roten Kattundecken schwenkte, Tische, an denen italienische Geschäftsleute saßen, die bei ihrem Anblick oft innehielten, um der jungen Ausländerin hinterherzustarren. Sie hielt den Blick gesenkt, sah Zahnstocher und Servietten, die Augen tränend vom Zigarettenrauch. Draußen holte sie tief Luft, unter ihren Füßen die sanpietrini-Pflastersteine. Sie suchte Halt an einer Mauer, lief dann rasch um die kleine Piazza, blieb an der Kalksteinfassade einer Kirche stehen, presste ihr heißes Gesicht dagegen – nur um erschreckt zusammenzuzucken, als ein Fahrrad vorüberschepperte, dessen Fahrer heftig gestikulierend mit seiner Verlobten redete, die hinter ihm saß, während sie an einem zerrissenen Plakat vorüberschlingerten. Unter der Markise des Restaurants wartete ein müder Kellner und sah ihr zu.

Ob er weiß, dass ich nicht hierhergehöre? Als Bear sich mit Pablo angelegt hatte, war sie noch auf die Highschool gegangen; schon damals eine Heuchlerin, die niemandem von zu Hause erzählen konnte, von ihrem kranken Vater, dessen Zustand sich stetig verschlechterte. Alle redeten von seinen »Nervenzusammenbrüchen«. Natalie war noch in der Pubertät, als ihr Vater sich ins Gesicht schoss. Er überlebte, entstellt, und wurde von da an oben im Haus gepflegt; Stöhnen drang aus seinem Zimmer. All dies hatte sie damals nur einer einzigen Person anvertraut, ihrem Kunstlehrer in der Highschool, Mr. Fontaine, einem gescheiterten Bildhauer, der sie mit abstrakter Kunst und Keramik bekannt gemacht hatte. »Gibt es auch abstrakte Keramik, Mr. Fontaine?«, wollte sie wissen, als sie sich eines Tages nach dem Unterricht allein im Klassenzimmer aufhielten. Statt ihr zu antworten, schob er ihr seine Zunge in den Mund und legte ihre Hand auf seine Leistengegend. Über Mr. Fontaines Kittel hinweg sah sie die staubige Tafel, auf der noch was aus dem Geschichtsunterricht angeschrieben stand, weshalb ihr nichts anderes übrig blieb, als etwas über den »Reichstag in Worms« zu lesen während dieses ersten, ziemlich verkrampften Geschlechtsaktes, nach dem Mr. Fontaine in sich zusammensackte, sich das Hemd in die Hose stopfte und ihr danach nur noch die kalte Schulter zeigte.

Während sie nun beschwipst auf der Piazza stand, spürte sie, wie sie eine Woge der Genugtuung überkam: Ich bin in Europa und esse mit einem echten Künstler zu Mittag. Sie funkelte den müden Kellner an, der sich daraufhin ins Innere verdrückte. Mit wackligen Knien stakste sie zurück zum Restaurant. In genau diesem Moment wartet auf mich ein Maler, der einmal in die Geschichte eingehen wird. Sie bedeckte den Mund und sprach in ihre Hand: »Ich bin eine Künstlerin.«

Als sie den Speiseraum betrat, rief Bear sie aufgeregt zu sich. Mit roten Wangen nahm sie gegenüber ihrer Zukunft Platz und ignorierte die frisch aufgefüllte Sauciere, wagte es aber, unter dem Tisch nach seiner Hand zu greifen.

6

Seit Stunden sitzt sie Modell, hört immer wieder dieselbe Jazzplatte. »Bear, ich kann nicht mehr.« Worte drängen aus ihrer Kehle. Weitere Minuten vergehen – bis er einen Pinsel durchs Studio schleudert, der ultramarine Fäden spuckt, sodass Pinch erschrocken vom Grammophon aufspringt.

Bear verpasst der Staffel einen Tritt und wischt sich die Hände an einer ausgelesenen Herald Tribune ab. Dann führt er Natalie von der Töpferscheibe zur Leinwand, damit sie das Porträt endlich sehen kann: die Farbe dick, feucht, glänzend, stellenweise mit den Fingernägeln abgekratzt, ein wildes Amalgam aus Farben. Das Dargestellte ist fast bis zur Unkenntlichkeit vergrößert, und doch zeigt es fraglos sie selbst: nur ihre Hände, nichts weiter, die Finger verschränkt, wie so oft beim Reden, wenn sie fürchtet, langweilig zu sein, eine Hochstaplerin. Und er sieht das!

Bear öffnet die Schere zu einem X.

»Was hast du vor?«

Er sticht auf die Leinwand ein, zerschlitzt sie diagonal, Farbe verdickt sich auf seiner Hand, ein Fetzen Leingewebe klafft auf.

»Bear! Was tust du? Jetzt sag doch was! Bear?«

»Das stimmt einfach nicht. Das ist nicht das, was ich im Kopf hatte. Eine Schande. Ich ertrage diesen beschissenen Anblick nicht.« Er zerrt die zerschlissene Leinwand auf die Gasse, stopft sie in die Öltonne, die eigens zu diesem Zweck dort draußen steht, und kippt Benzin über das Bild. Er schnappt sein Zippo auf, dreht das Rädchen, eine Flamme zuckt. Er ruft Pinch zu sich, drückt dem Jungen das Feuerzeug in die Hand, hält ihn um die Taille und hebt ihn zum Bild hoch. »Feuer frei, Jungchen.«

»Nicht«, fleht Natalie ihn an. »Das ist mein ganzer Tag, vergeudet. Bitte, Bear, könntest du einen Moment …«

Das Gemälde beginnt zu brennen. Bear bringt seinen Jungen in Sicherheit, stellt ihn aufs Kopfsteinpflaster, streichelt ihm dankbar über den Kopf. Mit einer Entschuldigung geht Bear auf seine Frau zu, schmiegt sein Gesicht an ihren Hals. Zerstörung schenkt eine Erleichterung, wie es Vollendung niemals vermag. Doch ist es allein seine Vollendung, seine Zerstörung, seine Erleichterung.

7

1961

Der Elfjährige legt beide Hände flach auf die riesige Eingangstür, stemmt sich dagegen und tauscht drückende Hitze mit dem kühlen Mosaikboden der Lobby. Die Eltern folgen, und schon hasten die drei Bavinskys zum Fahrstuhl, der so klein ist, dass Bear den Bauch einziehen muss, nur um ihn dann aufzublähen, sobald die Tür sich schließt, womit er seine Frau und seinen Sohn einquetscht, die beide hysterisch kichern. »Dad, wenn du das machst, stoß ich mit dem Kopf an die Knöpfe!«

Bald nachdem sich Bear endgültig in Rom niedergelassen hatte, zogen sie in diese protzige Wohnung, neunzehntes Jahrhundert, eine Bleibe, in der zuletzt der futuristische Dichter Filippo Marinetti gewohnt hatte. Die kitschigen Tapeten hängen noch, helle Rechtecke dort, wo früher Gemälde waren. Vor Jahren hatte Mishmish Shapiro das Haus gekauft, um sich die Kunst unter den Nagel zu reißen, bis sie dann hörte, dass »die Bears«, wie Mishmish sie nennt, in einem Atelier untergebracht waren. Also zogen die Bavinskys ins edlere Prati, einstmals Weideland außerhalb der Vatikanmauern, heute Sitz von Versicherungsgesellschaften, Werbeagenturen, dazwischen bürgerliche Wohnhäuser. Seit jenen schweren Zeiten gleich nach dem Krieg hat sich diese Gegend ziemlich gemausert, genau wie das ganze Land. Die Varietétheater an der Via Veneto sind rappelvoll, Filmproduzenten zeigen sich an der Seite hübscher Koketten mit Wespentaille, während sich an den antiken Orten Roms Playboy-Touristen tummeln, die an Säulen lehnen und deren diamantenes Gelächter durch die Ruinen hallt.

Pinch geht inzwischen auf eine internationale Privatschule, die insbesondere für Schüler aus den Vereinigten Staaten gedacht ist – Bear zieht es vor, seinen Sohn als Amerikaner aufwachsen zu lassen. Zu den Schülern gehören Diplomatenbälger von den Küsten, Armeebälger aus dem Süden, Businessbälger aus dem Mittleren Westen sowie die Kinder diverser Exzentriker, die das billige Leben in Rom stranden ließ. Eine erkleckliche Minderheit seiner Klassenkameraden wurde in dieser Stadt geboren, die vorherrschende Stimmung aber verabscheut alles Italienische. Die Kids kommen mit Postkarten von den Sears Towers aus den Ferien heim, mit Yale-Wimpeln und Hawaii-Bräune.

Pinch war noch nie verreist. Natalie, nun ganzjährig Hausfrau, würde nur zu gern mal ins Ausland fahren, aber Dad kann auf keinen Tag Arbeit verzichten, auch nicht am Wochenende oder in den Ferien. Außerdem hält ihn die Schar seiner Bewunderer in Atem, junge Maler, Studenten, Modelle – von allen geliebt. Immer, wenn Pinch fürchtet, nicht besonders weit oben auf der Liste seines Vaters zu stehen, entscheidet sich Bear für ihn (»Vergiss heute mal die Schule, Charlie – lass uns ins Kino gehen, nur du und ich. Deinen Lehrern sagen wir, dass du Fieber hast. Wie wär’s, Kleiner? Bist du dabei?«)

Zu solchen Gelegenheiten könnte Natalie das Atelier ihres Mannes für ihre Töpferarbeit nutzen, aber wenn Pinch und Bear nach Hause kommen, ist sie mit Hausarbeiten beschäftigt, flickt zerrissene Hemden, kürzt Hosen und bekommt wegen dieser endlosen Plackerei schlechte Laune –, dabei ist sie selbst diejenige, die sich immer neue Pflichten auferlegt. Kaum mit ihren Arbeiten fertig, wird sie ungeduldig, nervös, drängt Pinch, sie irgendwohin zu begleiten, erfindet sogar Aufgaben: »Lass uns einkaufen gehen. Du musst mir helfen, die Taschen zu tragen.« Gemeinsam prüfen sie die Marktstände, boykottieren jene, die ihre Waagen manipulieren, wohlwissend, dass sie eine Ausländerin ist. Am Wochenende geht Natalie mit ihrem Sohn gern zur Porta Portese, zu dem riesigen Flohmarkt unter freiem Himmel, wo sie seine neuste Sammlung vervollständigen: zurzeit alte Landkarten, Münzen davor, Medaillen danach. Sie fahren auch Fahrrad, fahren an der Stadtmauer lang. Pinch kurvt gefährlich in den Verkehr und schaut zurück, um sich zu vergewissern, dass seine Mutter auch verängstigt reagiert.

Er sieht seiner Mutter kaum ähnlich, sie groß und dunkel, er klein und blond, und doch fallen selbst Fremden Ähnlichkeiten auf: wie sie sich bewegen, jeder Schritt zaghaft, beinahe als bewegten sie sich über schwankenden Grund. Auch ihre Art zu sprechen ähnelt sich, mal langsam, mal schnell, im Takt mit einem Metronom, das nur sie allein hören. Pinch beendet Natalies Sätze, und sie weiß jedes Mal, was er sagen will (was er bestreitet, weshalb er zum Beweis vom Thema abweicht). Pinch verbringt viel freie Zeit mit ihr, weil seine Schulkameraden finden, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmt. In einem Alter, in dem die Jungen in ein und derselben Klasse aussehen, als wären sie fünf Jahre auseinander, zählt er eher zum unteren Ende der Skala. Er rückt einem zu dicht auf die Pelle, schnattert zu schnell, behauptet Wunder. »Gestern habe ich aus dem Fenster gesehen, und da war Marilyn Monroe und saß in ihrem Auto!«

»Saß sie nicht.«

Widerspricht man ihm, verstummt er, was alle zum Lachen bringt. Er wurde einige Male dabei ertappt, wie er was vor sich hin murmelte, und da man ihn deswegen gehänselt hat, versucht er, aufzuhören damit. Ehe er morgens die Schule betritt, meidet er Blickkontakt mit Natalie. Sie weiß, wie sehr er sich vor jedem Schultag fürchtet, auch wenn er noch nicht weiß, wie sie das wissen kann.

In Sport hielt Pinch sich eine Weile für ziemlich gut, bis sich nicht länger übersehen ließ, dass er es nicht war. Andere Jungen schlugen den Baseball in schwindelerregende Höhen; er wirft nur den Arm hoch. »Tut mir leid, Ronnie!«, brüllt er dann mit pochender Schulter übers Spielfeld. »Bin in diesem blöden Matsch ausgerutscht!« Mit den italienischen Jungen rennt er auf der Straße dem Fußball hinterher, das Gewicht grundsätzlich auf dem falschen Fuß, wenn er beim Ball angekommen ist. Er muss den Schritt wechseln, oder er verpasst den Ball; er schafft beides, säbelt durch die Luft, drischt auf den Boden ein. »Scusate, ragazzi!«, ruft er der davoneilenden Stiefelstampede nach. Mit blutigen, schmutzverkrusteten Knien versucht er so zu tun, als wäre nichts passiert, und folgt den anderen, die auf dem Feld schon zu weit fort sind, um sie je wieder einzuholen.

Er schaut Natalie zu, wie sie das Abendbrot zubereitet, nur für sie beide, da Bear noch bis spät arbeitet. Sie kocht katastrophal, was er weiß, weil er gelegentlich bei ihren römischen Nachbarn isst, die ihn meist einladen, wenn es Natalie schlecht geht und ihr die Nerven zu schaffen machen, was gelegentlich vorkommt – sie kündigen sich stets durch Wutanfälle aus nichtigen Anlässen an. Immer wieder verliert sie irgendwas und schreit dann herum. Wenn Pinch spürt, dass sie aufs Neue abstürzt, redet er schnell, versucht, etwas zu tun, weiß nicht, was, also listet er Fakten auf, die er im Unterricht gelernt hat, oder er erfindet erstaunliche Zufälle. »Letztens bin ich auf dem Lungotevere an diesen Leuten vorbeigekommen, und die haben alle über dich geredet, Mom, sie haben alle gesagt, wie gern sie dich haben.«

Natalie packt ihn.

»Was?«, fragt er verängstigt. »Was ist, Mom?«

Sie klammert sich an ihn, fast schmerzhaft. Verlegen entzieht er sich, blickt auf seine Schuhe.

Wenn Bear heimkehrt, ändert sich Natalie, versucht, ihre Stimmung seiner anzupassen. Kämpft er im Atelier mit einem Bild, kommt er schweigend herein, dann verbreitet er Stille in der gesamten Wohnung. Hat er dagegen ein Werk vollendet, stürmt er mit einem lauten »Wo seid ihr Reptilien?« durch die Tür. Ganz unabhängig von der Uhrzeit, auch davon, ob jemand schläft. Und er hat recht: Sie ziehen es vor, in diesen Momenten wach zu sein. Er packt seinen Sohn, kitzelt ihn, hebt und senkt Pinch wie eine hysterische Hantel im Pyjama. Meist aber fällt Bear dann eine Unvollkommenheit im gerade fertiggestellten Bild ein, weshalb er zurück ins Atelier hastet und nur den Geruch von Pfeifentabak zurücklässt sowie Natalie, die nun den heißgesichtigen, wildäugigen Jungen beruhigen muss. Sie rennt ihm nach, bis sie ihn eingefangen hat, zwingt ihn in ihrer Umarmung zur Ruhe, ein letztes Muskelzucken, dann schläft er ein.

8

Pinch wartet neben seiner Mutter auf den Stufen zum Gebäude, bis sie aufspringt, eine Hand über den Augen, und einem unterernährten, Tweed tragenden Engländer um die fünfzig zuwinkt, der ihr entgegenschlurft, Hände hinterm Rücken verschränkt, um das Gewicht seines Leinenrucksacks abzufangen. Cecil Ditchley war ihr Lieblingslehrer an der Londoner Central School for Arts and Crafts gewesen, an der sie sich gleich nach der Highschool eingeschrieben hatte, da sie bei den Briten studieren wollte, denn die nahmen das Töpfern ernst. Kennenlernen aber sollte sie Seminare mit eisigen jungen Männern, die über Formfragen grübelten. Englische Töpferei jener Zeit, merkte ein Kritiker an, habe die Eleganz »eines Baumstamms, eines Felsens, eines Feuersteinblocks, meinetwegen auch einer Ackerrübe«. Natalie aber wollte mehr als Rüben, wollte in Ton drehen, aufbauen, aufrauen, wollte in Ton jene expressionistischen Passionen zum Ausdruck bringen, die Malerei, Bildhauerei und Musik bereits verändert hatten. Warum sollte es keine Kunst in der Töpferei geben? Ihre Kommilitonen aber interessierten sich nur dafür, ob man Natalie leicht ins Bett bekam oder ob sie nicht deren Arbeiten dekorieren wolle – »füg was Verspieltes hinzu, Natalie«. Es war Cecil, der sie rettete, der einzige Dozent, der sie ermutigte, ihre eigene Keramik zu drehen. Dafür liebte sie Cecil, genoss diese Beziehung ohne einen Hauch von Sex, allein geprägt vom Wunsch (zumindest ihrerseits), sämtliche Zwischenstadien zu überspringen und sich ganz dem Töpfern hinzugeben. In den Dutzend Jahren, die seither vergangen waren, hatten sie einander geschrieben, waren sich postalisch nähergekommen. Für einen Besuch aber war Cecil immer zu knapp bei Kasse gewesen; diesmal jedoch hatte sich Bear eingeschaltet und ihm eine Fahrkarte geschickt.

Pinch läuft auf ihren Gast zu – nur um dann verschüchtert kurz vor ihm stehen zu bleiben. Der Töpfer hält ihm seine knochige Hand hin, und als Pinch danach greift, gleitet sein Griff über dünne, lange Finger mit Kuppen, die der Tabak gelb verfärbt hat. »Du musst Charles sein«, stellt der Engländer fest und streicht blonde Locken zurück, die ihm in die Stirn fallen und ihn jung aussehen lassen, zumindest von Weitem.

Natalie führt ihren Freund beiseite, zeigt ihm die ebenso prachtvolle wie schäbige Wohnung. Sie ist in Hochstimmung, und Pinch folgt ihr auf exakt derselben Wellenlänge. Natalie schlägt Cecil unzählige Ausflüge vor und fragt, wie seine Reise war, diverse Züge dritter Klasse, während Pinch sie immer wieder unterbricht und ihn mit Fragen nach dem Leben eines Eremiten bombardiert (er hatte einen Graubart in Lumpen erwartet).

»Mit Aktivitäten habe ich es eigentlich nicht so«, erklärt Cecil ein wenig überrascht, als bemerkte er dieses Manko erst jetzt. Londoner Künstler, die wissen, dass Cecil Ditchley dieser Tage in einem Steinhaus in den östlichen Pyrenäen haust (im Winter wochenlang eingeschneit, kein Strom) geraten bei dieser Vorstellung ins Grübeln, fragen sich, ob sein Schicksal tragisch ist. Im Großen und Ganzen aber überwiegt die Bewunderung: Karrieristen loben immer jene, denen es an Ehrgeiz fehlt.

Vor langer Zeit galt Cecil als Schönling, flatterte von Liebschaft zu Liebschaft beiderlei Geschlechts. Nach Cambridge widmete er sich der Bildhauerei, war beeinflusst von Archipenko, Epstein und Moore. Sein Pazifismus aber ließ ihn von muskulösen Skulpturen Abstand nehmen; er zog nach St.Ives in Cornwall, machte die Leach Pottery zu seinem neuen Zuhause und stellte zur eigenen Überraschung fest, dass er eine natürliche Begabung als Handwerker besaß. Kunst verlangt Erklärungen, verwandelt ihren Schöpfer in einen Redner, er aber fand es entsetzlich peinlich, sagen zu müssen, was irgendetwas bedeutete. Getöpfertes jedoch sprach für sich selbst: Dieser Topf ist für Honig, jener Krug da für Wasser.

In seinem einsamen Zuhause auf der französischen Seite Kataloniens gräbt Cecil seinen eigenen Ton und schlägt auch das Holz für seinen Brennofen selbst, lebt, wenn auch mehr recht als schlecht, vom Verkauf seiner Töpferwaren an die Bauern der Umgebung, dabei würden ein Dutzend Ditchley-Waren für eine bescheidene Show in der Bond Street schon genügen. Ein unternehmungsfreudiger Londoner Kunsthändler kam einmal nach Roussillon, um Cecils Arbeiten kistenweise zum Schnäppchenpreis zu kaufen, allerdings wohnte der Töpfer dermaßen abgeschieden, dass der Händler bloß Sprit verfuhr, um schließlich mies gelaunt, aber mit einem Kofferraum voller Wein wieder heimzukehren.

Cecil beharrt auf seinem französischen Exil, egal wie hoch die Kosten, jenen Cambridge-Spionen vergleichbar, die das trostlose Nachkriegsengland gegen das sowjetische Paradies eintauschten, nur um sich dazu verdammt zu finden, nun unwiderruflich Engländer im Ausland zu sein. Anders als Guy Burgess und Konsorten trinkt Cecil allerdings nicht literweise Alkohol. Sein Lieblingsgetränk ist Assam-Tee, dessen getrocknete Blätter er in einem wildledernen Zugbeutel aufbewahrt, den er mit seinen abgebrochenen Vorderzähnen aufreißt, um kurz Indien einzuatmen, einen Moment abwesend – als Kind hat er in Bombay gelebt –, dann aber ist er zurück, weilt wieder unter ihnen, auch wenn Cecil eigentlich nie ganz anwesend ist, geht sein Blick doch stets leicht über ihre Köpfe hinweg, als erwartete er jeden Moment jemand anderen.

9

Pinch begleitet Natalie und Cecil, die durch die brütend heiße Stadt ziehen, wieselt ihnen mal ein wenig voraus, dann wieder trottet er ein paar Schritte hinterdrein. »Der Himmel über Rom ist einfach unvergleichlich«, bemerkt Cecil, was Pinch nach oben blicken und sich verwirrt fragen lässt, was so besonders sein soll an dem strahlenden Blau mit den wenigen Pinselstrichwolken, schließlich ist das der einzige Himmel, den er kennt.

Zuvor hat Natalie ihrem Sohn erzählt, wie dringend sie nach all diesen Jahren Cecils Rat für einen künstlerischen Neuanfang brauche. Sie hat keinen Schimmer mehr, was Töpfer ihres Alters so tun – und die wiederum wissen nicht, dass es sie noch gibt. Pinch wartet, hört, wie seine Mutter sich dem Thema nähert, um ihm gleich wieder auszuweichen. Cecil selbst spricht kaum übers Töpfern, als fände er es zu vulgär, über seine Kunst in der Öffentlichkeit zu reden. Er fragt nach dem Leben in Rom, nach ihrem Leben mit Bear Bavinsky und hofft, ihn noch besser kennenzulernen. Natalie behauptet, ihr Mann sei mit seinen Studenten beschäftigt, dabei hat Pinch gehört, wie sie Bear sagte, ihr Gast wünsche sich Zeit mit ihr allein, um übers Töpfern reden zu können.

Auf der Piazza San Cosimato beugt sich Pinch über einen öffentlichen Trinkbrunnen, hält das rosige Gesicht in den Strahl aus der nasone. Cecil will wissen, ob sie Bear heute Abend sehen, an seinem letzten Abend in Rom. Wie faszinierend es doch wäre, meint Cecil, Bear über seine Kunst reden zu hören.

»Wollen Sie denn gar nicht wissen, wie ich mit meiner Arbeit vorankomme«, platzt es aus Natalie heraus. »Die ganze Zeit haben Sie mich nicht ein einziges Mal danach gefragt.«

Pinch sieht zu seiner Mutter herüber; sanft plätschert das Brunnenwasser. Ihr Hals ist fleckig angelaufen. Sie bedauert diesen Ausbruch, das weiß er.

»Ich wollte nicht aufdringlich sein«, erwidert Cecil steif.

Natalie beobachtet Pinch, dessen Haar klatschnass ist. Sie sagt zu Cecil: »War nur ein Scherz. Vergessen Sie es einfach.«

Einen Schritt getrennt gehen die beiden Erwachsenen weiter. Manchmal verschwindet Cecil, um durch dunkle Türen einen Blick in eine Kirche zu werfen, bittet Natalie aber nie, sich ihm anzuschließen. Sie wartet, weicht dem Blick ihres Sohnes aus. Sie kehren zur Wohnung zurück und trennen sich, um sich für das große Mahl frischzumachen.

Bear, der kaum Gelegenheit hatte, Cecil zu begrüßen, hat dem Gast zum Abschied ein Festessen in der besten Trattoria der Stadt versprochen. Auf dem Weg zum Largo Argentina schwärmt Bear von den Pizzen. »Ich sage Ihnen, die müssen Sie einfach probieren; es gibt keine bessere Pizza außerhalb von Neapel.« Sie drängen ins Restaurant; alle bestellen eine der hochgelobten Pizzen, nur Bear nicht, der sich für »il gebratene di Fisch« entscheidet.

»Dad!«, beschwert sich Pinch grinsend. »Das machst du jedes Mal!«

»La frittura di pesce, signore?«, fragt der Kellner nach. »Ottima scelta.«

Bear tippt dem Jungen verspielt ans Kinn, bittet den Kellner um ein paar »bottiglia di frizzante Wein« und sagt dann zu Cecil: »Egal wie viel Mühe ich mir gebe, ich lerne diese verdammte Sprache einfach nicht. Dazu fehlt mir irgendwas hier oben in der Birne«, sagt er und pocht an seine Stirn. »Aber zum Glück habe ich ja einen Dolmetscher.« Er pflanzt Pinch einen Kuss auf die Wange; sein Junge ist krebsrot von der Sonne und vor lauter Stolz. Typisch Dad – er versprüht gute Laune und genießt es, allen auf die Schulter zu klopfen, jeden kurz an sich zu drücken. Selbst Cecil wirkt geradezu ausgelassen und gesteht dem Maler seine Bewunderung für dessen Werk. Bear behauptet dasselbe über Cecils Keramik (allerdings hat Pinch gehört, wie sein Dad sagte, nie auch nur ein einziges Stück von Cecil gesehen zu haben.)

»Wieso zur Hölle leben Sie auf einem verdammten Berg?«, will Bear wissen. »Ziehen Sie hierher, Mann, zu uns in die Ewige Stadt!«

Sie werden nur noch vergnügter, als Bear seinen Gast nach dessen Expertenmeinung zu Picassos Töpferarbeiten fragt. Der kleine Spanier macht seine Keramik nicht mal selbst, sagt Cecil, er nimmt sich nur die Arbeiten der eigentlichen Künstler vor und »passt sie an«. Nichts begeistert Bear so sehr wie Schmähreden auf seinen überschätzten Gegner. »Pablo hat nicht einen Tropfen Ihres Talents«, verkündet Bear und haut wie zum Nachdruck auf die Tischplatte, woraufhin der Engländer beschämt hüstelt und darauf besteht, doch bloß Mittelmaß zu sein.

»Was Sie machen, Cecil, das ist Kunst. Kunst der höchsten Art«, beharrt Bear und greift über den Tisch nach Natalies Hand, als wolle er sich vergewissern, dass seine Frau diesem Urteil zustimmt.

Sie zieht die Finger zurück, gibt vor, in ihrer Handtasche etwas zu suchen, holt Feuerzeug und Zigaretten heraus.

»Sie betreiben da kein zweitrangiges Handwerk!«, insistiert Bear.

»Ach, ich weiß nicht«, sagt Cecil. »Keramiker können sich immer so schrecklich über die Frage ereifern, ob Töpfern nun Kunst oder Handwerk ist, doch je älter ich werde, desto eher neige ich zum Handwerk. Als Handwerker weiß ich, ob ein Stück gelungen ist. Ist der Topf so unhandlich, das ihn die Bauersfrau nicht heben kann? Ist meine Glasur giftig? Ein Topf ist richtig, oder er ist es nicht. Kunst dagegen ist nie ganz gut oder schlecht. Kunst ist einfach ein anderes Wort für ›Meinung‹.«

Der Gedanke, Kunst sei weder ganz gut noch schlecht, ist Bear so fremd, dass er ihn schlicht überhört. »Sobald etwas einen Nutzen hat«, fasst er zusammen, »weigern sich die Wichtigtuer, es als Kunst anzuerkennen. Nähme ich drei Boticellis und hämmerte sie zu einem Beistelltisch zusammen, würden die Kritiker seine Bilder anstieren und sie zweitklassig nennen. Die gottverdammt selben Bilder – und das ist das eigentliche Problem.«

»Bitte, Verehrtester, hämmern Sie keine Boticellis zu einem Beistelltisch zusammen.«

»Ich sage Ihnen, nichts verachten Kritiker so sehr wie ein Türscharnier, ein nützliches Ding«, sagt Bear. »Und Sie da draußen in der Wildnis, wo Sie mit Ihrem Brennofen kämpfen! Natty hat mir gesagt, für jeden Brand verfeuern Sie eine Tonne Holz. Das ist doch übertrieben, oder?«

»Zwei Tonnen, genau genommen. Am anstrengendsten aber ist es, das Feuer zu schüren, drei Tage lang, rund um die Uhr!«

»Das ist doch unzumutbar. Lassen Sie mich Ihnen einen vernünftigen Ofen besorgen, das Neuste vom Neuem. Picasso hat bestimmt auch so einen. Kann mir nicht vorstellen, dass der irgendwas schürt!«

»Sie sind zu freundlich. Das könnte ich nie annehmen.«

»Ach nein?«, murmelt Natalie halb laut vor sich hin. »Sind Sie nicht deshalb hier? Weil Sie pleite sind?«

Cecil wirft ihr einen gequälten Blick zu.

»Was meinst du, Liebling?«, fragt Bear seine Frau. Sie schüttelt den Kopf. Er wendet sich wieder Cecil zu. »Ich warne Sie. Wenn Sie sich nicht von mir helfen lassen, wird das schlimme Folgen für Sie haben. Ich könnte fürs Erste schon mal Romolo bitten, Ihnen keine Pizza zu bringen – und Romolo hört auf mich.« Liebevoll knufft Bear seinem Sohn in den Bauch, streichelt Natalie übers Knie. »Cecil, ich meine es ernst. Sie werden es noch weit bringen, und ich will später sagen können, ich hätte etwas dazu beigetragen.«

»Ich fürchte, könnte ich es weit bringen, hätte ich das längst geschafft.« Cecil blickt in seinen Schoß, als läge dort ein Plan. »Wissen Sie, ich wollte mal Bildhauer werden und hätte meinen linken Arm dafür hergegeben, nur um einigermaßen passabel zu sein. Aber mein Ehrgeiz hat sich irgendwann einfach in Luft aufgelöst.« Er blickt hoch. »Ehrlich gesagt, seitdem geht es mir besser.«

»Hörst du das, Natty? Nimm dir ein Beispiel an diesem Mann.«

»Ein Beispiel?«, erwidert sie und zieht heftig an ihrer Zigarette. »Soll das heißen, ich soll meine Kunst aufgeben?«

»Wovon zum Teufel redest du da, meine Liebe?«

»Ich habe nie aufgegeben«, stellt Cecil klar. »Ich habe nur aufgehört, Leute beeindrucken zu wollen, an denen mir von Anfang an nichts gelegen hat.«

»Aber wen sollte man denn sonst beeindrucken wollen als jene Leute, an denen einem nichts liegt?«, widerspricht Natalie.

»Der Punkt ist doch der«, mischt Bear sich ein, »dass man sich von diesen Arschlöchern nicht runterziehen lassen darf. Mehr will Cecil gar nicht sagen. Sicher, dieses Metier ist nichts für jedermann. Ist ein grausamer Schlamassel, die Kunst. Hab ich nicht recht?«

Cecil nickt bekümmert. »Das kann sie sein, o ja.«

»Aus dir kann was werden, liebste Natty. Falls du denn willst. Fehlt nur noch ein bisschen Pep. Aber wer sagt, dass aus dir was werden muss?« Er nimmt einen Zug von ihrer Zigarette und drückt sie dann aus.

»Die wollte ich noch weiterrauchen.«

»Hörst du, was ich sage, Sweetheart?« Er nimmt ihre Hand, langt Cecil mit der anderen an die Brust, packt ihn an der Tweedjacke, als wolle er zwei alte Freunde wieder vereinen. »Das behaupte nicht nur ich allein, das behauptet auch dein Lehrer. Stimmt doch, oder?«

Cecil hebt zustimmend die Brauen.

»Du blamierst mich«, sagt sie zu Bear.

»Ich sag nur, dass du toll bist«, korrigiert er sie. »Himmel noch eins, wen kümmert’s schon, was andere denken.« Er lässt ihre Hand los, gibt auch Cecil frei und schenkt sich randvoll Rotwein nach.

»Was habe ich schon vorzuweisen, um auch nur halbwegs wer zu sein«, fragt Natalie, leichte Hoffnung in der Stimme.

Pinch fällt auf, dass seine Mutter sich seltsamerweise gerade durch Bears Missfallen angesprochen fühlt.

»Irres Huhn.« Bear rückt mit seinem Stuhl näher heran, greift ihr in den Nacken. »Ich liebe dich wie verrückt, Natty. Allein darauf kommt es an.« Er schnappt sich ein Stück übrig gebliebene Pizzakruste von ihrem Teller, stopft sie sich in den Mund und kitzelt Natalie an den Rippen, bis sie vor Lachen kaum noch Luft bekommt. Nur Pinch bemerkt, dass ihr Lachen nicht lustig klingt – ihr treten fast Tränen in die Augen, und sie stößt ihren Mann von sich.

Schließlich gibt Bear seiner Frau die Kontrolle über ihren Körper zurück.

Sie wischt sich den Schweiß von der Oberlippe, fasst sich nun selbst an den Hals und schaut in die Runde, ob irgendwer in der Trattoria was mitbekommen hat, aber außer Pinch beachtet sie niemand, und ihr Sohn gibt vor, eifrig die letzten fiori di zucca in sich hineinzustopfen. Bear und Cecil greifen ihr trunkenes Gespräch über Kunst oder Handwerk wieder auf, und Pinch richtet sein Interesse nun auf sie, als schaute er von der Tribüne einem freundlichen Wettstreit zu, bei dem die meisten Punkte an seinen Dad gehen.

Bear fährt sich mehrfach durch das glänzende, schüttere Haar und führt das Wort, erzählt von gescheiterten Versuchen, alle lang vergangen, die seinen heutigen Ruhm nur umso heller erstrahlen lassen. Als die Rechnung kommt, besteht er darauf, den Zettel an sich zu nehmen. »Kämpfen wir nicht darum, Cecil. Vielleicht würden Sie ja gewinnen, und wie sollte ich dann damit leben? Außerdem haben wir Sie eingeladen, schon vergessen?«

Zu viert schlendern sie durch die Via del Pellegrino nach Hause; die Gasse ist dunkel, verlassen, nur gelegentlich wird die Stille von Gesprächen aus den oberen Wohnungen unterbrochen. Bear bleibt immer wieder stehen – wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen – und hält, eine Hand auf Cecils Unterarm, seinem neuen Freund Vorträge (mit für diese Uhrzeit etwas zu lauter Stimme). Der zurückhaltende Keramiker gluckst zustimmend, und Natalie lässt sie vorgehen, bummelt vor vergitterten Schaufenstern, Pinch an ihrer Seite – bis eine Maus über seinen Schuh huscht, woraufhin er vor Schreck der Luft einen Tritt verpasst.

Nachts findet Pinch das Zentrum Roms beunruhigend; er hat sogar schon von Messerstechereien gehört. Als ein Teenager auf sie zustürmt, verkrampft er sich, verfolgt den Jungen mit seinen Blicken und sieht, wie er vor einer heruntergekommenen, pastellroten Fassade stehen bleibt, zu einem der oberen Stockwerke hinaufruft und Fensterläden sich öffnen, hinter denen ein kleines Mädchen sichtbar wird, das gleich wieder davonhuscht; Lichtschimmer aus dem Innern, das Klirren von Besteck.

Bear nimmt Cecils Arm, und ihr Konvoi setzt sich, der Gasse folgend, aufs Neue in Bewegung. In einigem Abstand hinter ihnen hakt sich Pinch bei Natalie unter, macht es seinem Dad nach und will seine Mutter zugleich weiterziehen, da er sich hier nicht zu lange aufhalten will. Aber sie ist zu schwer für ihn.

»Nicht einmal«, murmelt Natalie, vertieft in eine Diskussion, die nur sie hören kann. »Den ganzen Abend lang.«

Pinch schaut seine Mutter an, mustert sie nachdenklich, hätte sie fast gefragt, was sie meint, dann aber reißt er sich los und sprintet den beiden Männern hinterher. Als sie um die Ecke in die Via dei Banchi Vecchi einbiegen, wirft Pinch einen Blick zurück: Natalie auf den Pflastersteinen, ein gutes Stück hinter ihnen, und sie lässt sich immer weiter zurückfallen. Bald hat er seine Mutter aus den Augen verloren.

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