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Erste Sätze, letzte Worte und all die Geschichten dazwischen Die Bücher der Schriftstellerin Dora Frenhofer werden schon lange nicht mehr gelesen. Trotzdem beschließt sie mit dreiundsiebzig Jahren, einen allerletzten Roman zu verfassen. Während ihre soziale Isolation in London immer mehr zunimmt, reist sie in ihrer Fantasie über den ganzen Globus und schlüpft in die Köpfe des verschollenen Bruders, der entfremdeten Tochter, des einstigen Liebhabers und anderer Menschen, die ihren Lebensweg gekreuzt haben. Gleich einer modernen Scheherazade verwebt Dora die verschiedenen Einzelschicksale zu einem großen Gegenwartspanorama – und einem ungewöhnlichen Selbstporträt. Ironisch wie warmherzig führt Tom Rachman uns in ›Die Hochstapler‹ die Bedeutung und Kraft der Erzählkunst vor Augen.
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Seitenzahl: 494
Veröffentlichungsjahr: 2024
Dora Frenhofer, eine in London lebende Schriftstellerin mit niederländischen Wurzeln, weiß, dass das letzte Kapitel ihres Lebens angebrochen ist. Bevor sie mit ihren dreiundsiebzig Jahren offiziell in Rente geht, will sie noch einen allerletzten Roman schreiben, der sich von ihrem bisherigen Werk entscheiden soll. Während die Probleme der Gegenwart mit dem Einbruch der Pandemie immer drängender werden, imaginiert sie sich an fremde Orte und schlüpft in Köpfe von Personen, die in unterschiedlicher Weise Bedeutung und Einfluss auf ihr eigenes Leben hatten– zum Beispiel ihr kleiner Bruder, der in den Siebzigerjahren von einer Indienreise nie zurückkehrte und ihre entfremdete Tochter, die als Comedian in L.A. lebt, aber auch flüchtigere Begegnungen. Die Geschichten scheinen zunehmend ein Eigenleben zu entwickeln, aber Dora hat am Ende doch alle Fäden in der Hand.
Ironisch wie warmherzig führt Tom Rachman uns in ›Die Hochstapler‹ die Bedeutung und Kraft der Erzählkunst vor Augen und legt nach ›Die Unperfekten‹ einen neuen Episodenroman vor, der mit seiner originellen Konstruktion, Vielschichtigkeit und überraschenden Wendungen beeindruckt.
Tom Rachman
Roman
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Für Ian Martin, für Essen und Freundschaft
Kapitel 1 Die Autorin
Kapitel 2 Der verschollene Bruder der Autorin
Kapitel 3 Die entfremdete Tochter der Autorin
Kapitel 4 Der Mann, der die Bücher abgeholt hat
Kapitel 5 Ein Schriftsteller auf dem Festival
Kapitel 6 Der Lieferbote, der im Regen stand
Kapitel 7 Die letzte Freundin der Autorin
Kapitel 8 Der ehemalige Geliebte der Autorin
Kapitel 9 Die Autorin
(Dora Frenhofer)
IHR MANN SCHWATZT, seine Kommentare nur unterbrochen von Kartoffelsalat. Demokratie steckt in der Krise. Der nächste Bissen. Populismus sagte der Freund von irgendwem. Kauen. Die Frau am Radio besorgt.
Dora – ihm gegenüber am Küchentisch– antwortet nur mit ›Mmm‹, einem Laut solcher Vieldeutigkeit, dass Barry sich besorgt fragt, ob er Unsinn redet, also redet er weiter, eine Überfülle an Worten, bei der ihm irgendwann womöglich etwas Gescheites über die Lippen kommt.
Einerseits, sagt er.
»Mmm.«
Und andererseits?
»Mmm.«
»Wann wollen die kommen? Was war noch mal abgemacht?« Er weiß es, folglich kann die Frage als ein eheliches Schallsignal verstanden werden, mit dem er die Stimmung der Gattin auslotet und registriert, was zurückgeworfen wird.
Dora, dreiundsiebzig, hat die meisten Jahrzehnte auf Erden ohne Mann verbracht, und das aus gutem Grund. Diese bevorzugte Daseinsweise fand jedoch ein Ende, als sie ihr letztes Lebenskapitel plante: Wenn sie zu alt und gebrechlich wurde, wollte sie es beenden. Nur gab es bei diesem Plan ein Problem: Handle zu früh, und du bringst dich um einen lebenswerten Teil deines Lebens. Handle zu spät, und du handelst nie.
Sie fand die Lösung: ein jüngerer Ehemann (neun Jahre Altersunterschied), der ein Auge auf sie hatte und ihr sagte, wann es Zeit wurde. Dora nennt Barry gern ihren »Senilitätsassistenten« – einer dieser Scherze, die zu oft wiederholt werden, weshalb man weiß, dass sie eigentlich kein Scherz sind. Irgendwann wird er im Zimmer nebenan zögern, all seinen Mut zusammennehmen, wird hereinkommen und bekümmert erklären: »Ich fürchte, es ist so weit.« In letzter Zeit aber sind es nicht ihre, sondern seine körperlichen Veränderungen, die Dora verblüffen: ein gebeugter grauer Mann sitzt ihr bei jedem Essen gegenüber, wohingegen die zerknitterte hochgewachsene Frau bloß im Spiegel auftaucht.
Barry schluckt den letzten Bissen herunter und greift dann nach der kleinen Dose mit den französischen, zuckerbestäubten Drops. Er wirft sich ein rotblaues Bonbon in den Mund und saugt, die Wangen werden hohl, die Tränensäcke heben sich, ein melancholischer Mann, der Heiterkeit vorspielt, obwohl man ihm die einsame englische Kindheit anmerkt mit einem Ingenieur zum Vater, ein Junge, der nur ein einziges Mal weinte, das Grundstudium über versteckt in einer von Cambridges Bibliotheken, später dann eine Reihe bezaubernd charismatischer Menschen, denen er sich gern unterwarf.
Die Sache mit Barry begann als Recherche für einen von Doras späten Romanen, ein Melodram über eine Scheidung. Sie strebte nach Authentizität, und jemand gab ihr die Nummer eines Familienanwalts. Vor dem ersten Treffen hatte Barry mehrere ihrer Bücher gelesen und fürchtete, er könnte in ihrem nächsten vorkommen. Als Dora dann eintraf, lobte er vor allem ihre Memoiren. Immer mochten alle ihre Memoiren, weshalb sie Dora am wenigsten gefielen. Ein Roman ist, was man selbst geschaffen hat, Memoiren sind, was einen geschaffen hat. Anders ausgedrückt, die Romane geben ihr Innerstes wieder, nur verkauften sich davon weltweit selten mehr als sechsundachtzig Exemplare.
Trotzdem war es Dora im Laufe der Jahre immer wieder gelungen, ihre Werke in den Buchläden unterzubringen, eine Abfolge unbedeutender Romane über unbedeutende Menschen in unbedeutenden Krisen. Was Barry anging, nun, er wurde keine Figur im nächsten Buch – für Fiktion verlor er zu selten die Contenance. Stattdessen aber mauserte er sich zu einem liebenswerten Gefährten an ihrer Seite, den sie zu klassischen Konzerten mitnahm, wie kürzlich zu Bachs Cello-Suiten in der Wigmore Hall. Als Dora während der Aufführung fragte, ob es ihm gut gehe, beugte er sich vor, räusperte ihr erst ins Ohr, woraufhin sie zurückzuckte, und murmelte dann: »Rein wissenschaftlich gesehen werden Männer öfter von Musik zu Tränen gerührt. Zumindest laut entsprechenden Statistiken.« Sie zog seinen Arm näher heran und legte seine Hand auf ihren Schenkel, was ihn schüchtern aufsehen und in ihre grünen Augen blicken ließ.
Dora schaute auf ihre Uhr – sie sollten längst hier sein. Wer noch mal? Sie faltet die Hände, knotige Arthritisknöchel, blaue Adern unter durchsichtiger Haut. Barry springt auf, lässt die geballte Faust auf den Tisch krachen, die Dropsdose macht erschrocken einen Satz. Irritiert sieht Dora ihn an.
Er zerrt am Revers seiner Tweedjacke, streckt die Zunge raus.
»Was tust du da?«, fragt sie.
Er zappelt, stumm bis auf das Quietschen seiner Gummisohlen auf den Küchenfliesen.
Sie begreift: Er hat das rotblaue Bonbon verschluckt, und es ist ihm in die Luftröhre geraten.
»Barry?« Sie steht auf. »Was soll ich tun?« Sie packt ihn am Ärmelaufschlag, er aber reißt sich los, die Hände an der Kehle, die Daumen beidseits des Adamsapfels, um das Hindernis wegzudrücken. Er starrt sie an, verzweifelt, die Augen weit aufgerissen.
Fast hätte Dora etwas gesagt. Dann aber Stille. Reglos verharrt sie vor ihm. Schließlich dreht sie sich um und stakst über den Flur davon.
Dora geht an der Treppe vorbei und findet sich im Wohnzimmer vor dem Bücherregal wieder, das die ganze Wand einnimmt. In jüngeren Jahren hat sie jedem Mann, mit dem sie schlief, ein Buch gestohlen: Lang verflossene Affären lugen so im Regal zwischen missbilligenden Klassikern vor; ihre eigenen Romane lümmeln sich kleinlaut an den Rändern.
Vom Ende des Flurs hört sie einen Rums – Barry torkelt durch die Küche, kracht mit einem Schuh gegen einen Schrank. Ein Keuchen, heftiges Husten.
Wer hustet, atmet noch.
Der Rücken unter Barrys Tweedjacke hebt und senkt sich, die Arme auf den Rand der Spüle gestemmt, in die er sein Bonbon gespuckt hat. Er dreht den Kaltwasserhahn auf, spült den blauroten Fleck langsam in den Abfluss.
»Dir geht’s wieder gut«, stellt sie fest.
Er sitzt am Küchentisch, ein Schweißfilm auf dem Gesicht, die Schultern beben bei jedem Atemzug. »Tja.« Noch ein langer, trockener Hustenanfall. »Fast wäre ich …«
»Fast wärst du was?« Als junge Schreibkraft in einem Büro hatte Dora einmal mitangesehen, wie ein deutscher Geschäftsmann einen Schlaganfall erlitt. Niemand wollte ihn von Mund zu Mund beatmen, weil in seinem Bart Kürbissuppe hing, noch warm vom Mittagessen. Für ihn endete das mit einem Ihrnschaden. »Ihrn«? Sieht seltsam falsch aus. Wie aber wird es richtig buchstabiert?
»Tor.«
»Wie bitte?«
»Sie haben gerade das Tor geöffnet«, sagt Barry. Er ruft in Richtung Haustür ein halb ersticktes »Komme!«.
Barry, als Jurist auf Scheidungen spezialisiert, fand erst vor wenigen Jahren seine wahre Passion, nachdem er sich für eine Teilzeitausbildung als Therapeut eingeschrieben hatte. Von Dora ermutigt, beendete er die Anwaltskarriere und gab eine Anzeige in ihrer Stadtteilzeitschrift im Nordwesten Londons auf: »Therapeut für Paare«. Anfangs kamen seine Klienten nie öfter als zweimal. Dass Barry nicht auf Bezahlung bestand, half nicht unbedingt – es vermittelte den Eindruck von Amateurhaftigkeit, ein durchaus korrekter Eindruck. Dann begegnete Dora zufällig ein Paar auf dem Weg nach draußen, mit dem sie ins Plaudern geriet, und die Frau rief an, um Barry zu fragen, ob seine Gattin nicht bei den Sitzungen dabei sein könne, »und sei es nur, damit wir gleich viele Jungs und Mädchen sind«. Dora willigte ein: Sie brauchte neue Figuren für ihren nächsten Roman.
Die Klienten dieses Nachmittags stehen noch vor der verschlossenen Tür, zänkisches Gewisper, dann ein Klopfen.
Im Haus sagt Barry leise zu Dora: »Ich hätte sterben können.«
»Sag die Sitzung ab, wenn dir nicht danach ist.«
»Komme!«, wiederholt Barry in Richtung Tür und schließt auf.
Der männliche Klient ist ein Glasgower mit eisgrauen Koteletten, ein Werbefachmann, gekleidet wie jener mittdreißigjährige Hipster, der er vor zwanzig Jahren einmal war. Seine Frau – eine füllige Pharmazievertreterin libanesischer Herkunft in allzu engem Kostüm – möchte die Romantik in ihrer Beziehung wieder aufleben lassen. Er trainiert lieber für Ultramarathons.
Da die Sonne scheint, hat Barry Stühle im hinteren Garten aufgestellt. Noch ehe die Klienten Platz nehmen, greifen sie den Streit von der Hinfahrt wieder auf: »Du hast gerade bewiesen, dass ich recht habe.«
»Du! Bist! Wirklich! Irre!«
»Ich?«
Während sie an Dora gewandt die vergangene Woche resümieren, beugt Barry sich über seinen gelben Schreibblock, notiert aber nichts. Die Klienten richten ihre Worte immer an Dora, und zwar genau aus dem Grund, aus dem sich die meisten zu ihr hingezogen fühlen: Dora zeigt sich interessiert, aber es kümmert sie auch nicht sonderlich, wenn ihr Gegenüber wieder geht. In einem schlecht abgepassten Moment weist Barry darauf hin, dass es zu nieseln begonnen hat, und fragt, ob sie nicht ins Wohnzimmer umziehen sollten. Der Werbefachmann hat sich warmgeredet und will bleiben – was sei schon ein bisschen Regen! Also läuft Barry ins Haus, um Regenschirme zu holen, und Dora begleitet ihn. Im vorderen Flur stellt Barry sich ihr in den Weg. »Du brauchst mich doch gar nicht«, sagt er. »Ich fühle mich so überflüssig. Du bist einfach aus der Küche verschwunden, Dora! Und jetzt sitzen wir da, als wäre nichts gewesen und reden über das Sexleben dieser Leute.«
»Das nicht vorhandene.«
»Lenk nicht ab.«
»Dann rede nicht so dummes Zeug.«
Er klemmt sich drei Regenschirme unter den Arm und öffnet die Haustür. Tropfen peitschen herein. Er geht nach draußen, schließt die Tür hinter sich. Scheppernd öffnet sich das Metalltor.
Er läuft durch Wohnstraßen, zaudert nach ein paar Schritten – eilt dann weiter, obwohl er weiß, dass er sich untypisch verhält, was ihn dazu ermutigt, jeder Typisierung zu trotzen. Barry wischt sich mit einem gebügelten Taschentuch über die Stirn, übers schüttere, klamme Haar. Gedemütigt, so fühlt er sich.
Er erreicht den Park, ehemals der Garten eines aristokratischen Palastes. Immer, wenn er sich aufregt, dreht Barry eine Bunde im Schnelltempo. ›Bunde‹ ist falsch. ›Dunde‹? Egal, er versucht, seine Gedanken zu überholen, die wie eh und je zurück zu Dora wandern, eine Deutungskonstanz, die ihn erschöpft.
Am Ententeich zerrt ein Beagle Richtung braunes Wasser, zurückgehalten von den gebellten Befehlen seines Herrchens: »Nein, Wally, nicht, ich habe das Handtuch vergessen. Nicht, Wally!« Barry presst die Hände in den Maschendrahtzaun, betrachtet den kreuzförmigen Abdruck. Als Junge hatte er Spielzeugsoldaten, mit denen er aber nie Schlachtszenen spielte; sie hielten immer Lagebesprechungen ab. Mit einem Mal übermannt ihn ein Gefühl vergehender Zeit, das Gesicht seiner Mutter, die große Kluft von damals bis jetzt.
»Ich werde denen für heute nichts berechnen.«
»Warst du im Park?«, fragt Dora.
»Ach was, nein – bin nur rumgelaufen.«
»Ich dachte, du bist bestimmt beim Ententeich.«
»Falsch gedacht.« Pause. »Willst du mich nicht fragen, wo ich war?«
»Ich bleib dabei, für mich warst du am Ententeich«, sagt sie. »Du könntest ihnen die Stunde in Rechnung stellen – sie haben die volle Zeit in Anspruch genommen.«
»Ist schon ziemlich seltsam, was passiert ist.« Seine Stimme klingt fester.
»Was denn genau, Barry?«, fragt sie und klingt plötzlich so streitlustig, dass er jedes Wort zurückgenommen hätte, wenn es denn möglich wäre. »Was war seltsam?«
Er sieht sich in der Küche um, als suchte er ein Geschirrtuch, öffnet dann den Kühlschrank, nur um irgendwohin sehen zu können. »Haben die beiden sonst noch was erzählt?«
Sie gibt ihm ein Blatt mit ihren handgeschriebenen Notizen, das Papier fleckig vom Regen. Barry bringt das Blatt nach oben ins Arbeitszimmer unterm Dach, um ihren jüngsten Beitrag abzuheften. Doras Notizen über seine Klienten hat er nie gelesen, da er fürchtet, auf Einsichten zu stoßen, die profunder sind als seine. Diesmal aber kann er nicht widerstehen, schließlich hat er den größten Teil der Sitzung verpasst.
Er hält das Blatt fast zu weit von sich, wirft nur einen flüchtigen Blick darauf. Doch seine Miene ändert sich, das Papier nähert sich seinem Gesicht. Barry hastet zum Aktenschrank, blättert Doras Notizen über frühere Klienten durch. Liest, verharrt still, das Herz rutscht ihm in die Hose.
Er findet heraus, dass Dora während all der Sitzungen nie über ihre Klienten geschrieben hat. Jedes Blatt erzählt nur von einem einzigen Menschen, einem alternden Mann in Tweedjacke, der neben ihr sitzt und sich als Therapeut ausgibt. Ihre Beobachtungen ähneln sich, ausufernde Sätze, unleserliche Worte und Rechtschreibfehler, die sie früher nie gemacht hat.
Er legt ihre Notizen zurück ins Hängeregister und schließt den Schrank ab, will die Blätter einfach nicht mehr sehen. Er sitzt an Doras Schreibtisch, lässt den Blick durch ihr Arbeitszimmer huschen. Sie verliert die Kontrolle. Er weiß es.
Ihm kommt eine Erinnerung an das Bach-Konzert. Die Musiker führten gerade jenes Stück auf, das, wie er wusste, Dora besonders schätzte, als Barry zu ihr hinübersah. Sie starrte nur die Rückenlehne vor sich an. Er berührte sie am Oberschenkel, und sie drehte sich um, schaute zu ihm hoch. Diesen verhangenen Blick kannte er kaum.
Früher hatte Dora immer sofort eine Meinung zu allem gehabt. Sie wusste, was sie dachte, was man denken sollte, was alle anderen dachten. Wurde ihr in letzter Zeit aber etwas zu viel, blockte sie einfach ab oder ging aus dem Zimmer, um später wiederzukommen, als wenn nichts gewesen wäre, und unwirsch zu reagieren, falls Barry anderes andeutete.
Sie redet davon, noch einen Roman zu schreiben. Es wird keinen mehr geben.
Barry legt das Kinn auf die Brust, atmet ein, hält die Luft an und atmet langsam wieder aus. Sein Blick wandert über das Regal mit Fotos hinter Doras Schreibtisch: ihre Tochter, lange bevor sie erwachsen wurde und bis nach Los Angeles vor ihrer Mutter floh; ein verblichener Schnappschuss von Doras Bruder, Mitte der Siebzigerjahre, ein Hippie mit Bier in der Hand; ein Schwarz-Weiß-Foto von den Eltern in Holland gleich nach dem Krieg.
Barry hat sie alle nicht kennengelernt, und doch wird er irgendwann allein mit ihnen hier sein, der letzte Bewohner dieses Hauses, nur knarrende Dielen und sein Gemurmel, im Kopf ihre scharfzüngigen Repliken, die ihn aufheitern oder verletzen oder beides, aber egal, was, er würde alles geben, um nur wieder ihre Stimme hören zu können. Rasch blinzelt er, flatternde Lider; er schluckt. Er muss mit ihr reden, jetzt gleich.
Unten, im dämmrigen Flur, lauscht Dora auf seine Schritte. Es werden entschiedene Schritte sein, bis Barry die letzte Stufe erreicht, von der er – Blickkontakt meidend – ihr verkündet: »Ich bin dein Senilitätsassistent, Dora. Ich sage dir, wann. Aber noch ist es nicht so weit.«
»Irgendwas ist aber«, wird sie erwidern. »Mit meinem Ihrn.«
»Mit deinem Ihrn ist alles bestens!«
Niemand kommt die Treppe runter. Niemand ist oben oder sonst wo im Haus. Nur Dora, die über eine Romanfigur brütet, diesen Ehemann Barry, jemand, dem sie flüchtig begegnet ist und den sie in eine Geschichte eingebaut hat, die, wie die meisten ihrer Geschichten in letzter Zeit, keinen richtigen Sinn ergibt.
In jüngeren Jahren hatte Dora ihre Romane mit liebevoll gezeichneten Stümpern bevölkert, die vorliegende Geschichte aber dreht sich um eine unsympathische Figur, eine scheiternde Romanautorin wie sie selbst. Ein zermürbendes Selbstporträt.
Dora bedauert viel in ihrem Leben: dass sie, obwohl sie liebenswerte Figuren schuf, selbst stets zu ungeduldig für Liebenswürdigkeiten ist; dass sie immer ehrlich ihre Meinung sagt, egal, wen sie damit verletzt; dass sie sich durch aller Leute Leben wühlt auf der Suche nach Romanfiguren, die den Vorteil besitzen, sich so zu benehmen, wie sie es wünscht, und den Nachteil, anders als alle zu sein, die sie kennenlernt. Entweder ist sie eine schlechte Schriftstellerin, oder die Menschen geben schlechte Romanfiguren ab.
»Ich sollte dieses Leben bald zu Ende bringen, findest du nicht?«, fragt sie die Treppe, als halte sie Barry auf seinem Weg nach unten auf, als zöge sie ihn von der letzten Stufe herab, drückte ihre Wange an seine Stirn und betrachtete seine faltigen, geschlossenen Lider, fände so ein Ende für ihre Geschichte: Die welkende Frau will keinen Senilitätsassistenten mehr, will nur noch mit diesem Mann alt werden. Sie sehnt sich wirklich nach einem Gefährten. Und doch hätte sie größte Mühe, es auch nur eine Woche mit ihm in ihrem Haus auszuhalten.
Dora geht die Treppe zum Arbeitszimmer unterm Dach hoch, ihr schmerzendes Knie lässt sie bei jedem Schritt zusammenzucken. Auf dem Treppenabsatz weigert sie sich, eine Pause einzulegen und zu Atem zu kommen, geht schnurstracks an ihren Tisch und fragt sich nervös, ob sie wirklich noch etwas zu sagen, zu schreiben hat. Sie kennt die Antwort.
Dieser Bildschirm vor mir macht mich ganz nervös. Was, wenn es nichts wird mit dem Buch, das ich schreiben will?
Ich schaue aus dem Fenster meines Arbeitszimmers auf schmale Londoner Häuser, bewohnt von Familien, die im Laufe der Jahre wachsen und wieder schrumpfen. Hinter einer fernen Glasscheibe zeigt sich ein kleines Kind. So weit fort, meine Sicht verschwimmt: ein Mädchen, nur für einen Moment, unter einem mit obsoleten Antennen gespickten Dach.
Ich lenke den Blick zurück auf das Wesentliche, auf meinen Schreibtisch, den Bildschirm, die Tastatur, den aggressiv blinkenden Cursor.
Diese Sätze entsprechen Tatsachen. Ich schreibe als ich selbst, Dora Frenhofer, gebe ausnahmsweise nicht vor, jemand Fremdes zu sein. Jedes zweite Kapitel aber wird sich einer anderen Figur widmen. Und somit stellt sich ein Problem. Leser wollen, dass der Text sich zu etwas Einheitlichem fügt, nicht zu vielerlei. Meine Figuren muss also irgendwas verbinden. Vielleicht sollte das Buch vom Schreiben selbst handeln? Oder von Schriftstellern?
Seit einem halben Jahrhundert habe ich als eine von dieser Spezies überlebt. Ich halte mich für beides, für einen Glückspilz und für eine Versagerin. Anfangs lief es erstaunlich gut, was ich fälschlich für den Beginn meiner Karriere hielt.
»Vielleicht sollte ich mich zur Ruhe setzen«, bemerkte ich vor einigen Jahren zu einem alten Mann, mit dem ich mich damals regelmäßig traf.
»Als Schriftstellerin?«, entgegnete er feixend. »Wem sagst du das.«
Er hatte recht. Man macht einfach Schluss. Niemandem wird das auffallen. Bloß überkommt mich Panik, wenn ich diesen Schritt zu Ende denke. Es auch nur zu erwähnen, fühlt sich gefährlich an. Besser, ich wechsle rasch das Thema. Also:
Ich brauchte eine Brille und fing mir ein blaues Auge ein. Da ich zu früh zu einem Arbeitsessen kam, spazierte ich durch die überdachten Arkaden abseits der Jeremy Street und wunderte mich über das Idealbild des Mannes, wie es in den Schaufenstern der Herrenboutiquen ausgestellt wurde: handgemachte Schuhe für Bankiers, getüpfelte Seidenschlipse, die gelben Homburgs der Hutmacher.
Statt mit einem Namenszug präsentierte sich die Fassade eines Optikergeschäftes mit einem Hängeschild, das eine Metallnase mit Brille und famosem Walrossschnäuzer zeigte. Ein prüfender Blick aufs Handgelenk, zu nahe, weiter weg, anschwellende, schrumpfende Zahlen: Bestimmt hatte ich noch Zeit, auch wenn ich die Ziffern nicht deutlich erkennen konnte. Ein Angestellter – nicht ahnend, dass ich ins Fenster blickte – griff nach seiner Brille, leckte über die Gläser und putzte sie am Hemd ab.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«
Man könne gleich jetzt meine Augen testen, sagte er, auch wenn die Optometristin erschrocken zusammenfuhr, als der Angestellte die Tür zum Hinterzimmer öffnete und sie ein Reisemagazin beiseitewarf, als wäre es ein Pornoheft. Sie rollte einen stählernen Apparat heran, halb mittelalterlich, halb futuristisch, und schob meine Stirn an eine Batterie unterschiedlicher Linsen.
»Deutlicher jetzt?«, fragte sie, während ich die Sehtafel studierte, eine Buchstabenpyramide, auf der oben ein triumphales ›E‹ thronte, weiter unten ein verschwommenes Allerlei, das ›P H U N T D Z‹ heißen mochte. Sie wechselte die Linse. »Oder ist es so besser?«
Ich konnte keinen Unterschied erkennen, glaubte aber, es zu müssen, da ich sonst irgendwie versagen würde. »Die zweite, eindeutig.« Offenbar würde mich mein Stolz die nächsten Jahre nur mit zusammengekniffenen Augen etwas erkennen lassen.
Einen Großteil meines Lebens bin ich ohne optische Hilfsmittel zurechtgekommen, von einer Lesebrille mal abgesehen, die ich aber eigentlich nur besitze, um sie überall verlieren zu können. Seit einigen Jahren jedoch beginnen sich die Dinge außerhalb meiner Reichweite aufzulösen. Nur, fragte ich mich, musste ich denn wirklich noch alles deutlich erkennen können? Inzwischen wusste ich doch längst, wie die meisten Dinge aussahen.
»Meinen Kunden sage ich gern«, informierte mich die Optometristin, »eine Bifokalbrille sei wie die Weisheit selbst: Man ist endlich in einem Alter, in dem man fern wie nah gut sehen kann.«
»Ist das Problem nicht eher, dass ich weder das eine noch das andere kann?«
Wortlos fällte sie ihr Urteil über meine schwachsichtigen Augäpfel und tippte ein Rezept in ihre Datenbank, während ich den Titel des kopfüber liegenden Reisemagazins entzifferte: »Rätselhafter Vorfall auf dem Hippie-Trail«, dazu ein (für mich) verschwommenes Foto von einem jungen Mann vor Gebetsfahnen im Himalaya. Ich erinnerte mich an jene Zeit, in der viele meiner Freunde mit spirituellen Absichten gen Osten trampten und mit Dias von buddhistischen Klöstern heimkehrten. Damals waren Reisen noch eine Art des Verschwindens, und niemand wusste so recht, was aus einem geworden war, bis daheim ein handgeschriebener Brief mit einem fragmentarischen Bericht der letzten Vergangenheit durch den Postschlitz fiel. Als mein Bruder 1974 über Land nach Indien fuhr, hatte ich ihm für die Reise den Roman Krieg und Frieden mitgegeben. Zu jener Zeit träumte ich noch davon, eine bedeutende Schriftstellerin zu werden.
In jungen Jahren hielt ich Schriftsteller für eine intellektuelle Sippschaft, die stirnrunzelnd durch New Yorker Buchläden streifte, sich in Pariser Mansarden abrackerte oder leidenschaftlich hitzige Debatten in St. Petersburg führte. Vielleicht würde man mich eines Tages auch dazu einladen. Hin und wieder hat man es tatsächlich getan – und ich wäre am liebsten fortgerannt. Wenn man dann entschied, mich nicht wieder einzuladen, fragte ich mich, warum.
Doch ehe ich zu alldem komme, muss ich meine Augenuntersuchung zu Ende bringen. Plötzlich war ich für das Mittagessen nämlich spät dran und hastete vom Optiker zum Restaurant in der Dean Street, schlängelte mich durch den mittäglichen Tumult in Soho, dem Gedränge der Hipster, die wie in einem Tanz hierhin und dorthin schwirrten, ausnahmslos mit einem Kaffee in der Hand. Auf dem schmalen Bürgersteig vor mir schnatterte ein überdrehter Pulk bestens gelaunter Medienfritzen, und ich bat höflich, mich vorbeizulassen. (In diesen Eintragungen will ich bei der Wahrheit bleiben, also muss ich mich korrigieren. Ich war nicht höflich.) »Das hier ist doch keine Privatstraße!«, rief ich. »Lassen Sie mich durch!«
Eine junge Frau lachte, und ich schämte mich, denn ich war ganz ihrer Meinung. Trotzdem blieb ich bei meiner Entrüstung und drängte weiter, nur um gleich darauf den Abstand falsch einzuschätzen und mit dem Gesicht gegen den Pfosten eines Verkehrsschildes zu prallen. Ich hörte, wie manch einer erschrocken nach Luft schnappte, und einige freundliche Zuschauer machten einen halben Schritt auf mich zu. Ihre Hilfe aber lehnte ich ab, starrte bitterböse den Pfosten an, als verlangte ich eine Erklärung, und las auf dem Schild: »SCHILDAUSSERFUNKTION«.
Mit einem zusammengekniffenen Auge lief ich weiter, während hinter mir das Geschnatter erneut aufbrandete, sich aber nicht um mich drehte – ich war aus dem Bewusstsein dieser Leute bereits verschwunden, auch wenn sie in meinem Kopf noch rumorten. Menschen überall, zusammengepfercht, meldeten sich zu Wort. Das schloss mich ein. Ich besaß ihnen gegenüber keinerlei Vorrechte. Warum also hätten sie mir Platz machen sollen?
Man sollte ein Restaurant nicht mit Selbstzweifeln betreten. Also riss ich mich zusammen. Small Talk als Nächstes. Die Speisekarte wanderte hin und her.
»Was ist passiert?«, fragte meine Agentin und deutete auf mein Auge.
Ich wandte den Blick vom angedrohten, in Zitrone geschwenkten Seebarsch ab. »Ein Metallpfosten hat mir aufgelauert.«
»Geht es Ihnen gut?«
»Ehrlich gesagt«, erwiderte ich. »Ich wollte Sie um Ihren Rat bitten.«
»Besorgen Sie sich ein Steak.«
»Oh, ich hatte eher an Fisch gedacht.«
»Für Ihr Auge, meine ich.« Sie machte ein Foto von meinem Gesicht und reichte mir ihr Handy: ein geschwollener, dunkelroter Balken quer über dem runzligen Profil, eine weiße Locke drängt sich ins Bild.
Sie klappte die Speisekarte zu und lächelte erwartungsvoll. »Wie aufregend: Sie haben was Neues, über das Sie mit mir reden wollen?«
»Nein, ganz im Gegenteil. Ich würde gern Ihre Meinung wissen.«
»Kein Problem.«
Eigentlich wollte ich nichts mehr dazu sagen, tat es aber doch. »Wissen Sie, ich frage mich, ob ich ein weiteres Buch überhaupt rechtfertigen kann. Mich jahrelang mit dem Manuskript abplagen in dem Wissen, dass es vermutlich niemand lesen wird. Was braucht es denn noch, bis ich meine Situation akzeptiere?« Meine Stimme klang harsch, denn ich offenbarte mich.
»Wow!« Sie wirkte leicht irritiert. Das hatte ich nicht erwartet. »Ich hasse es, Sie so mutlos zu sehen, Dora. Aber immer weiterzumachen ist doch Teil dieses Berufs, finden Sie nicht? Es sei denn, Sie ertragen es wirklich nicht länger. In diesem Fall …«
»Nein, völlig korrekt. Sie haben ja recht.« Verlegen wechselte ich auf sicheres Terrain: wie hässlich die Politik, wie hübsch unsere Desserts.
Wir holten die Mäntel. »Hören Sie«, sagte sie, ehe wir auseinandergingen. »Sie müssen sich wieder an die Arbeit machen, das ist es, was Sie jetzt brauchen. Fangen Sie einen neuen Roman an!«
Also versuche ich es, fürchte den Beginn, bin aber auch aufgeregt: die Leere der Seite, die Möglichkeiten der Wörter. Jedes könnte ich nehmen. Also kommt alle her zu mir.
Nur finde ich die richtige Distanz nicht, mein Gesicht im Widerschein des Bildschirms schrumpft und wächst, was mich an die Metallnase auf dem Schild des Optikers erinnert, an den famosen Walrossschnäuzer.
Bislang habe ich für meinen Roman nichts als eine Figur, die eine Geschichte sucht, am Schreibtisch sitzt und tippen will.
Als die Haushälterin Zeitung und Kaffee zur Tür seines Büros im Obergeschoss bringt, blafft Mr. Bhatt sie fort.
Oder
Alle im Haus lassen Mr. Bhatt in seiner Unhöflichkeit schmoren. Mahlzeiten verstreichen, doch ist er zu stolz, nach unten in die Küche zu gehen.
Oder
Eine graue Wolke quillt aus Mr Bhatts Nase über seinen famosen Walrossschnäuzer, dessen schwarze Borsten vor Neugier zucken.
(Theo Frenhofer)
EINE GRAUE WOLKE quillt aus Mr Bhatts Nase über seinen famosen Walrossschnäuzer, dessen schwarze Borsten vor Neugier zucken. Der Deckenventilator kommt ratternd zum Stehen, vergebens wischen die trägen Flügel durch den Zigarettenrauch. Bestimmt ein erneuter Stromausfall: Das aus der Küche heraufdudelnde Hindi-Liebeslied ist gleichfalls verstummt. Ausnahmsweise kommt ihm das Stromnetz in Delhi zu Hilfe.
Mr Bhatt, der sich nun endlich konzentrieren kann, schiebt aufgeschlagene Bibliotheksbücher beiseite, schnippt leere Panama-Zigarettenschachteln vom Tisch und legt den grünen Fries frei, auf dem er die heutige Ausgabe des Indian Express ausbreitet, hebt seine Schenkel und platziert sie anders, lässt Luft zirkulieren; seine Schlafanzugshose seufzt.
Zu seinem großen Ärger wurde die Zeitung verunstaltet: mit Bleistift unterstrichene Sätze, Kommentare am Rand. Mr Bhatt rückt die Nase näher ans Blatt, kann das Gekritzel seiner Frau aber nicht entziffern. Wenn Meera, die lange vor ihm aufsteht, die Zeitung als Erste liest, soll sie doch bitte alles lassen, wie es ist. Sonst präsentieren sich die gestrigen Ereignisse so, wie sie es für wichtig hält, fast wie nach einem Kinobesuch, wenn Mr Bhatt noch ganz aufgewühlt ist von Gefühlen und sie einen bissigen Kommentar flüstert, der ihn plötzlich alles mit ihrem essigsauren Blick sehen lässt.
Er setzt seine eckige Brille ab, leckt einmal über jedes Glas und putzt sie an der Brusttasche seines Schlafanzugs. Nach einem Schluck lauwarmen Instantkaffees wendet er sich dem Tarzan-Comic zu. Als Nächstes versucht er sich am Kreuzworträtsel, das er aber nicht lösen kann, also verflucht er die Idioten, die sich diese Suchbegriffe ausgedacht haben. So arbeitet er sich weiter durch die Zeitung vom 13. Mai 1974 vor – vielmehr zurück, von hinten nach vorn: Kricketresultate, Wirtschaftsteil, politische Nachrichten. Beim Lesen schraubt er ein Döschen Brylcreem auf und zu, schnuppert geistesabwesend daran.
Quer über die Titelseite steht, dass 17 Lakh Bahnarbeiter streiken. Vielleicht ist Mrs Gandhi doch zu weit gegangen, hat zu viele Gewerkschaftsführer verhaften lassen. Jetzt darf sie auf keinen Fall nachgeben, damit nicht die nächste Bande Rowdies rebelliert. Wo soll das nur enden?
Mr Bhatt betritt den Balkon mit Blick über Jor Bagh – seiner Meinung nach das zweitbeste Stadtviertel im Süden Delhis. Im umzäunten Park unter ihm steht ein Ochse mit angespanntem Pflug. Sein Hausdiener – dieser Bauer mit paan-roten Zähnen – hat das Vieh einfach vergessen. Aus der Küche zwitschert wieder das Radio, und Mr Bhatt geht zurück in sein Büro, der Deckenventilator lässt die Aufschläge seines Schlafanzugs flattern.
Während er sich ein Bad einlässt, absolviert er seine morgendlichen Hampelmänner, lässt sich dann ins überschwappende Wasser gleiten und rasiert sich im Sitzen, wie von der Zeitung empfohlen, da der Dampf die Poren öffnet. Nur wurde vergessen zu erwähnen, dass sich die Stoppeln im Badewasser ansammeln. Minutenlang sinniert Mr Bhatt, wie er es schaffen könnte, aus der Wanne zu steigen, ohne von oben bis unten mit schwarzen Härchen übersät zu sein.
Er kleidet sich zum Mittagessen an: Seersuckeranzug, dazu der marineblaue Schulschlips, der sich, dank Mr Bhatts Angewohnheit, ihn beim Nachdenken um den Finger zu wickeln, wie der Rüssel eines neugierigen Elefanten kringelt. Es gibt so vieles, was er Mrs Gandhi zu sagen hat. Sollte er das alles in einem Brief auflisten? Oder nur eine einzige schockierende Tatsache auswählen und ihr diese vorlegen?
Zuerst aber stellt sich das Problem der Anrede. »Madam Premierminister«? Oder »Eure Exzellenz«? Oder einfach nur »Sehr verehrte Frau Gandhi«? Sie wird niemanden respektieren, der zu Kreuze kriecht. Madam Premierminister, denkt er, wir rasen auf eine Katastrophe zu! Sind Sie mit dem Werk von Dr. John B. Calhoun vertraut? Dieser amerikanische Wissenschaftler schuf das perfekte Habitat für Mäuse, die sich ohne Raubtiere oder Krankheiten nach Herzenslust vermehren konnten; ein wahres Mäuseparadies. Bald aber gab es viele Tausend Nager. Männchen, die kein Weibchen fanden, zogen sich zurück. Kannibalismus breitete sich aus, ebenso gewisse Mäuseperversionen. Als Nächstes folgte der soziale Kollaps. Dann der Untergang. Das, Madam Premierminister, ist unsere Zukunft. Zu Beginn der Unabhängigkeit waren wir dreihundert Millionen. Ein Vierteljahrhundert später haben wir uns fast verdoppelt. Das Problem der Flächendichte wird in diesem Jahrzehnt noch schlimmer werden. Die Perspektiven für die 1980er-Jahre sind trostlos. Als Vorsitzender des Delhi-Ortsverbandes der NWG (Nullwachstumsgesellschaft GmbH) schlage ich folgende simple, doch strikt umzusetzende Maßnahme vor: eine Steuer auf alle Neugeborenen, eine Anhebung der Kindergartengebühren, ein Bargeldbonus für kinderlose Paare. Und wer meint, sich unbedingt fortpflanzen zu müssen, darf maximal ein Kind aufziehen, für das in den besseren Schulen zur Belohnung ein Platz reserviert wird (vorausgesetzt, die Jungen sind klug genug). Unsere nationale Presse muss ihren Teil zu dieser Anstrengung beitragen: keine Fotos mehr von süßen Babys, stattdessen abfällige Beiträge über gebärfreudige Eltern mit entsprechend beschämenden Bildern, dazu einen regelmäßigen Bericht über die Schlimmste Familie der Woche.
Trotz seiner ausführlichen Erwägungen stehen auf dem Schreibmaschinenblatt bislang nur zwei Worte geschrieben: »Madam Premierminister«. Nach Inspiration suchend schlägt er seine oft konsultierte Ausgabe von Dr. Paul R. Ehrlichs Die Bevölkerungsbombe auf, Eselsohr Seite 152, auf der Mr Bhatt unterstrichen hat: »Die Krankheit ist so weit fortgeschritten, dass der Patient nur dann eine Überlebenschance hat, wenn er sich drastischen Eingriffen unterzieht.«
Wie, fragt sich Mr Bhatt, können wir einer Zukunft entgegensehen, wenn uns Menschenmassen gleich Schwärmen von Heuschrecken (oder kannibalischen Mäusen) erwarten? Er dreht sich zur Balkontür um, und sein Puls beschleunigt, als würde der Mob zu ihm hochkraxeln, am Fenster schnüffeln und die Scheiben zerbrechen, um dann über ihn herzufallen. Er hält das Feuerzeug seitlich, zieht wie ein eleganter Filmschauspieler die Flamme mit der Zigarette an. Den Rauch ausatmend begreift sich Mr Bhatt nicht als unabhängigen Wissenschaftler, sondern als Kind seiner Eltern, als weilten sie noch auf dieser Welt und wüssten um die Bürde, die auf den Schultern ihres Sohnes R.A.S. Bhatt ruht – die Bürde, Indien zu retten.
Plötzlich poltert tatsächlich jemand die Außentreppe hoch. Mr Bhatt schnappt sich seinen Füllfederhalter und punktiert die Fingerkuppen mit blauen Sternbildern, die beweisen sollen, wie fleißig er an diesem Morgen bereits gewesen ist. Die Bürotür schwingt auf, und Ajay platzt herein, kichernd, weil er weiß, dass ihm der Zutritt verboten ist. Der Zwölfjährige rast herum, hüpft, landet auf dem Po und springt wieder hoch, versucht ein Rad auf dem Perserteppich zu schlagen, aber der Teppich rutscht unter ihm weg, und der Junge fällt erneut hin. »Du brichst dir noch alle Knochen, du Dummkopf«, warnt ihn Mr Bhatt und unterdrückt den Anflug eines Lächelns – doch dann schnappt sich der Junge ein Buch und wirft damit nach ihm. Diesmal fällt die Ermahnung ärgerlich aus: »He! Das ist aber nun wirklich dämlich!«
Ajay tut, als inspiziere er einen ramponierten Kricketball. Die Nase des Jungen läuft.
»Wo ist dein Taschentuch, meri jaan?«
»Ich hab mir die Nase schon geputzt.«
»Mit deinem Ärmel. Deshalb haben die auch Knöpfe, um Banausen daran zu hindern, sich die Nase am Ärmel abzuputzen. Hat deine Mutter dir etwa kein Taschentuch gegeben? Also wirklich, ist das denn so schwer?«
Ajay ist nach seinem ersten Jahr im Internat heimgekehrt. Mr Bhatt war selbst einst ein Dosco-Pennäler, wenn auch zu seinem Leidwesen, doch ist er davon überzeugt, dass jeder junge Mann, der etwas taugt, dies durchstehen müsse, und seine Meinung zu ändern, kam für Mr Bhatt so wenig infrage, wie sich den Schnäuzer abzurasieren: Wie ein Kind sähe er dann ja aus.
Der Junge wirft einen neugierigen Blick auf das Blatt in der Schreibmaschine, weshalb Mr Bhatt seinen Sohn erst fortscheucht, dann aber auf die Anschrift in der oberen Ecke deutet: Safdarjung Road, Wohnsitz von Mrs Gandhi. »Wir stehen in regem Briefwechsel.«
Der Junge ist nicht so beeindruckt, wie er es sein sollte, also fährt Mr Bhatt mit den Knöcheln seiner Hand über Ajays Rippen, rauf und runter, bis der Junge sich vor Lachen krümmt und das Gesicht des Mannes sich zu einem Lächeln verzieht. In diesem Zimmer, an diesem Tisch, gewinnt eine monumentale Idee Gestalt. Menschen werden wegen Mr Bhatt sterben. Weit mehr werden überleben. »Auf der Stelle nach unten«, befiehlt er. »Genug von diesem Unsinn.«
Mr Bhatt freut sich über Ajays Ausgelassenheit, doch er selbst lacht nie, da er damit ein Beispiel setzen würde. Er kommt sich (mit einunddreißig) älter vor, als er ist, was er begrüßt. Ärgerlich wird er nur, wenn sein Sohn sich Meeras Herablassung anschließt, mit der sie zu verstehen geben will, dass hier oben ein stümpernder Armleuchter am Werk ist.
»Wie lange dauert es wohl, dich zu braten?«, fragt er Ajay. »Ich meine, bis dein Fleisch so richtig zart ist.«
»Eine Stunde?«
»Wir könnten deiner Mutter ja sagen, sie soll stattdessen Naniji braten«, sagt er und meint Parvati, seine Schwiegermutter, die zu Besuch ist. »Altes Fleisch ist aber zäh; du würdest besser schmecken.«
»Und wie wär’s, wenn wir dich essen, Baba? Aber eigentlich«, setzt Ajay hinzu und wechselt sprunghaft wie immer das Thema, »will ich dich fragen, wie ein Hirn funktioniert. Was meinst du?«
Mr Bhatt nimmt die Brille zur Hand, leckt über die Gläser, putzt sie am Hemd ab und setzt sie wieder auf. »Das Hirn hat eine Idee. Wie? Nun, das Blut schickt einen Impuls, der durch die Zellen geht«, fährt er im gewichtigen Ton eines Mannes fort, der keine Ahnung hat. »Und die Zellen, die senden diese Ideen von ihren Wahrnehmungen aus. Aber das ist vielleicht ein bisschen zu kompliziert für dich.« Er flüchtet auf den vorderen Balkon, entdeckt im Park einen Bauern, der sich mit Freunden unterhält – Tagediebe, das ganze Pack. »Und wie denkt nun ein Hirn, Ajay? Lass es mich erklären.« Er dreht sich um. Der Junge ist fort.
DAS ENGLISCHE WORT für ›Anchovis‹ ist Theo Frenhofer neu. Selbst wenn er es vom entsprechenden Wort in seiner holländischen Muttersprache herleitet – ›ansjovis‹ – hat er Mühe, sich den Fisch vorzustellen, sieht vor sich nur das Meer, still an der Oberfläche, darunter ein Getümmel. In Gedanken malt er sich aus, wie die Möwe im Roman auf die glänzende Wasserfläche hinabstürzt, wieder und immer wieder, denn abgelenkt bleibt Theo stets am selben Satz hängen und die gedruckten englischen Worte in seinem Kopf werden von dem am Nachbartisch gesprochenen Englisch übertönt.
Es ist lächerlich: Der Hof der Pension ist bis auf ihn leer, trotzdem haben sie einen Tisch ausgewählt, der seinem so nahe ist, dass er die Schulter der jungen Schweizerin oder das Handgelenk des Kanadiers berühren könnte. Soll er sich umsetzen? Die Sonne brennt durch die Ranken über seinem Kopf, brät ihn – das ließe sich als Vorwand nutzen.
Die Beine der Schweizerin ruhen auf einem wackligen Stuhl; ihre Sandalen, abgestreift am Boden, haben die nackten Füße mit Bräunungsstreifen markiert. Ihr kanadischer Begleiter trägt einen angedeuteten blonden Schnäuzer und lange blonde Haare, attraktiv und fit, der Oberkörper nackt, die Arme hinterm Kopf verschränkt, die haarigen Achselhöhlen, die massigen Schultern unübersehbar; vom Bauchnabel abwärts führt eine Haarlinie und verschwindet in den ausgeblichenen Jeans-Shorts. Auf dem Tisch liegen zwei Schlüssel: kein Paar.
Theo gibt vor, zu lesen, lauscht aber ihrem Gespräch und erfährt, dass sie zufällig zur selben Zeit eingecheckt haben. Der junge Kanadier hat die Schweizerin daraufhin eingeladen, sich im Hofcafé ›ein Päuschen zu gönnen‹, und dort seinen gigantischen gelben Rucksack schwungvoll direkt vor Theos Füßen abgestellt. Die Schweizerin hält einen dunkelroten Rajasthani-Beutel im Schoß, darauf ihr schlanker Arm, eine Beedi zwischen den Fingern.
Der oberkörperfreie Kanadier spielt den abgebrühten Reisenden und protzt mit Katastrophen, bloß ist sein Erfahrungsfundus begrenzt – er ist gerade erst in Indien angekommen, redet also über Flüge, beschreibt einen Betrüger am Flughafen in Delhi und die Fahrt hierher nach Varanasi. Die Schweizerin bindet sich ihr krauses Haar zu einem Knoten zusammen, das Kinn gereckt, auf der linken Wange zwei kleine Muttermale. Sie ist eine erfahrene Trekkerin; vor sechs Monaten sind ihre Freunde und sie in Genua mit einem umgebauten Armeelaster losgefahren, quer durch den Iran und die Salzwüste bis nach Herat, haben in Sigi’s Hotel in Kabul Touristen beim Riesenschach zugesehen, sind über den Chaiber-Pass nach Pakistan und weiter.
Theo ist auch auf dem Landweg nach Indien gekommen, hat aber nur aus dem Busfenster geblickt und ansonsten wenig gesehen. Er wurde von Dora, seiner älteren Schwester, dazu ermuntert, diese Reise zu unternehmen, da sie entschieden hatte, dass er seine Probleme in ihrer holländischen Heimatstadt zurücklassen solle. Sie kam mit dem Zug aus München, wo sie kürzlich ihren ersten Roman beendet hatte, und befahl ihrem Bruder, aus den Federn zu kommen und mit ihr nach Amsterdam zu fahren. Theo hatte Angst, sich mit seiner Schwester anzulegen, die an einer für intelligente Menschen so typischen Schwäche litt: fähig, ein Tier zu sezieren, jedes Organ zu identifizieren, seine Funktion zu benennen – doch außerstande, sich zu fragen, was dieses Geschöpf empfand. In Amsterdam versuchte sie, ihren jüngeren Bruder in Bewegung zu setzen, indem sie ihm versicherte, sie wisse, was er tun müsse, blätterte in einem Reisebüro dem Hippie am Schreibtisch 299 Gulden hin und steckte Theo noch ein paar gefaltete Scheine in die Brusttasche, Geld für unterwegs. »Aber, Theodor, wenn du zurückkommst, will ich Geschichten hören. Verstanden?« Ihre Augen glänzten, als sie ihm liebevoll die Hand tätschelte.
Sobald der Bus sich in Bewegung setzte, jubelten seine Mitreisenden vor Begeisterung. Theo presste die schweißnassen Hände auf seine Jeans. Während der langen Fahrt stiegen alle bei jeder nur erdenklichen Möglichkeit aus, suchten eine Pension für die Nacht, etwas zu essen und Hasch. Theo aber blieb im Bus, schlief auf seinem Platz, fettiges Haar im pickligen Gesicht, dicke Lippen, große Zähne. Da er fürchtete, seine sockenlosen Füße in den weißen Turnschuhen könnten stinken, stand er nur auf, um sich zu recken, wenn der Bus leer war. Selbst wenn niemand sonst zu sehen war, verharrte er in der leicht gebeugten Haltung des schüchternen Jungen.
Als sie endlich den Busbahnhof von Delhi erreichten, jubelten die Passagiere und machten sich grüppchenweise auf den weiteren Weg. Theo schlug sich allein zum Bahnhof durch und kämpfte gegen seine Angst an: überall Menschen. Er kaufte ein Dritte-Klasse-Ticket zur heiligen Stadt Varanasi, da Dora sie einmal erwähnt hatte, stieg dort aus und lief durch schattige Gassen, als hinter ihm ein Fahrradfahrer klingelte, woraufhin sich Theo flach an die nächste Mauer drückte. Das Sonnenlicht flackerte, und er blickte auf: Affen hangelten sich über die Stromleitungen. Er stieß den Korb eines Händlers um, gab ihm einige Rupien zur Entschädigung und bekam im Gegenzug eine Zwiebel.
Schilder wiesen den Weg zum Dharma Guest House. Theo hastete zum Eingang und lief die Stufen zum ersten menschenleeren Platz seit Tagen hoch, ein Hofcafé, geschmückt mit einem rosagelben Wandbild des Elefantengottes Ganesha vor schneebedeckten Bergen. Holztüren säumten den Hof, nummeriert und jede mit einem Vorhängeschloss versehen. Der Manager hatte seine Pension für Gäste aus dem Westen umgebaut und sorgte gewöhnlich dafür, dass man seine Eltern nicht zu Gesicht bekam, heute aber schlurfte ein knochiger, alter, Latschen tragender Herr durch den Hof, auf der Stirn ein zinnoberrotes Tika, eine Weste über den Dhoties. In Zimmer 9 testete Theo die klumpige, baumwollgefüllte Matratze und blickte sich in seiner spärlichen Behausung um.
Er blieb in Zimmer 9, benutzte das Gemeinschaftsbad nur außerhalb der Stoßzeiten und wagte sich nie auf die Straße. Seine Schwester hatte ihn davon überzeugt, dass er Hoffnung fände, wenn er um die halbe Welt reiste. Stattdessen aber wachte er voller Schrecken auf – in wenigen Wochen würde er kein Geld mehr haben. Und dann? Während er zwischen eisiger Panik und Verleugnung schwankte, brachte er sich mit Taschenbüchern, die abreisende Gäste an der Rezeption zurückgelassen hatten, auf andere Gedanken. Dreimal täglich störte ihn der Zimmerservice: immerzu Toast mit Marmelade und eine Blechkanne mit in süßer Milch gekochten Teeblättern, Kardamom und Nelken. Einmal grinste ihn ein Angestellter an, was Theo so verlegen machte, dass er die Rechnung zahlte und sein Gepäck zum Bahnhof schleppte, weil er nach Kalkutta fahren und von dort weiter zu jenen heiligen Bergen wollte, die er auf dem Wandbild im Dharma Guest House gesehen hatte. Er würde den Rand der Welt finden, einen Blick hinüber riskieren und sich vielleicht nach vorne beugen.
Aber niemand wollte ihm einen Fahrschein verkaufen. Ein Gelehrter, der sich in seiner Nähe aufhielt, klärte ihn schließlich auf: Die Bahnarbeiter streikten. Theo lief den Weg zum Dharma Guest House zurück, schloss die Tür von Zimmer 9 hinter sich und nahm seinen Horchdienst an der klumpigen Matratze wieder auf. Alle anderen Gäste waren nur auf der Durchreise und verließen ihre Zimmer spätestens gegen Mittag, um sich die Stadt anzusehen. Dann erst ließ Theo sich blicken, setzte sich unter die Ranken, führte Selbstgespräche und las, um die Realität auf Abstand zu halten. Er bemühte sich, wieder auf sein Zimmer zu verschwinden, ehe die Gäste zurückkehrten, heute jedoch hatten ihn die ›Anchovis‹ abgelenkt.
»Man wird dich vergewaltigen.«
Verächtlich tut sie diese Behauptung des Kanadiers ab – die Schweizerin war schließlich schon durchs ganze Land getrampt und hatte überlebt. Sie prahlt mit ihrem Plan, am nächsten Tag den Ganges zu erkunden, dort ein Foto vom Sonnenaufgang zu machen.
»Was kostet das?«, fragte der Kanadier.
»Du suchst dir einen Mann mit Boot und handelst mit ihm einen Preis aus.«
»Ich bin dabei.«
»Gut – je mehr, desto billiger. Und was ist mit dem hier, der uns so aufmerksam belauscht?« Sie wendet sich an Theo, der immer noch tut, als läse er Die Möwe Jonathan. »Wie wär’s?«, fragt sie ihn. »Kommst du mit?«
MR BHATTS SCHWIEGERMUTTER und seine Frau hören auf zu plaudern, als er die Küche betritt, und sie schalten das Radio aus. Er lungert herum, wirft einen Blick in die Schränke. »Warum sitzt ihr am Dienstbotentisch?«
Mit Mühe erhebt sich Parvati, die Füße weit auseinander, um besser das Gleichgewicht zu halten, die Hände in die Hüften gestemmt, wuchtet sie sich in die Höhe. »Was ist mit deinem Gesicht?«, fragt sie Mr Bhatt und streckt eine Hand nach ihrem Schwiegersohn aus, der daraufhin zurückzuckt.
»Was soll damit sein?« Er geht in den Flur, mustert sich im Spiegel: blaues Geschmiere im Gesicht. Ehe Ajay in sein Arbeitszimmer platzte, hatte Mr Bhatt sich die Hände mit Tinte betupft, als Beweis seiner ernsthaften Anstrengungen. Danach musste er sich ins Gesicht gefasst haben. Meera kommt mit einem feuchten Tuch und säubert sein Gesicht. Während sie wischt, flüstert er seiner Frau zu: »Wann reist deine Mutter wieder ab?« Parvati hätte schon vor Tagen nach Bombay zurückkehren sollen. Da er die Antwort kennt, gibt er sie sich gleich selbst: »Dieser verdammte Streik.«
Jedes Mal, wenn Mr Bhatts Schwiegermutter zu Besuch kommt, nörgelt er. Dabei mag er sie, und ihn rührt, wie eng ihre Beziehung zu Ajay ist, was ihn an seine Tanten und Großmütter erinnert, die er als Kind vergöttert hat. »Sie tut dem Jungen nicht gut«, flüstert er so leise, dass Parvati – noch in der Küche – ihn unmöglich hören kann. »Kennt diese Frau sich mit Mathematik aus? Kann sie Schach spielen?«
»Sie hat neun Kinder großgezogen und auch all ihre Brüder«, erwidert Meera. »Natürlich weiß sie, wie man einen Jungen beschäftigt, aber Ajay sollte wieder zur Schule gehen – du kannst ihn nicht ewig im Haus behalten. Jandhu könnte ihn nach Dehradun fahren. Darüber reden wir jetzt schon seit Tagen.«
»Und wie soll ich ohne Auto zur Bücherei kommen? Außerdem, was macht es schon, wenn der Junge noch ein paar Tage bleibt?«
»Gerade eben hast du noch gesagt, er sei eine Plage.«
»Jetzt gib doch Ruhe! Und lass tagsüber das Radio aus. Und hör auf, in meine Zeitung zu kritzeln.«
»So viele Regeln.«
Während er die Außentreppe zu seinem Arbeitszimmer hinaufstapft, geht das Radio wieder an und dudelt ›Chura Liya Hai Tumne Jo Dil Ko‹. Mr Bhatt lächelt, errötet vor lauter Liebe zu seiner Frau – ihr Trotz ebenso ein Flirt wie sein unwirsches Gebaren.
Auf dem Balkon sieht er Papierdrachen über fernen Dächern schweben, jeder an einer schwankenden Schnur, die hinab zu einer bestimmten Person führt. Überall Menschen, die essen, schlafen und sich vermehren. Ajay ist unten im Vorgarten, übt Kricket und brabbelt vor sich hin, ein Testmatch für einen einzigen Spieler.
An diesem Abend trifft Mr Bhatt seine Frau im Flur; sie kommt aus dem Bad, hat sich bettfertig gemacht. Er lauert ihr auf, fragt sich ungeduldig, was sie so lange treibt – dann zeigt er sich von seiner besten Seite, denn heute Abend will er Meera verführen, zum ersten Mal seit Monaten. »Du und deine Mutter, ihr habt euch über mich beklagt?«
»Was soll denn diese Frage?«
»Ich will es einfach wissen.«
Schlagartig fühlt sich ihr Flirtgezänk fad an. So ist es seit Langem, aber Mr Bhatt ist es leid. Sie auch. Sobald aber einer von beiden einen ernsthaften Ton anschlägt, wird er vom anderen auf den Arm genommen. Anfangs führten solche Reibereien ins Schlafzimmer. In letzter Zeit sorgen sie nur dafür, dass er allein die Treppe hinaufgeht.
Dass seine Frau mit mangelnder Leidenschaft auf Mr Bhatts Wegelagerei vor dem Bad reagiert, deutet er zu ihrer Ablehnung seiner Lebensaufgabe um. Indigniert tröstet er sich mit dem Gedanken, dass es einen Intellekt der Oberklasse und einen der Mittelklasse gibt. An alltäglichen Aktivitäten zu scheitern, gilt ihm als Beweis für die eigenen erhabeneren Bestrebungen. So sagte er ihr einst: »Man stellt sich Albert Einstein gern als schlechten Autofahrer vor, oder nicht?« Aber selbst im Gebrauch der englischen Sprache beweist Meera größeres Geschick. Sie hat einmal in einer britischen Literaturzeitschrift eine Kurzgeschichte veröffentlicht, die er mit herablassendem Lächeln pries: sich in Geschichten zu versuchen sei ein für Frauen typisches Hobby, doch geradezu ein abscheuliches Unterfangen, wenn die Menschheit am Abgrund stehe. Falls sie eine weitere Geschichte verfasse, solle sie ein Pseudonym verwenden. Außerdem dürfe keine ihrer Figuren ihn zum Vorbild haben. »Ansonsten steht dir alles frei!«, sagte er in dem Bemühen, großmütig zu klingen.
»Auch Liebesszenen?«
»Wie gesagt, ich will nicht, dass du über mich schreibst.«
Wenn sie wollte, könnte Meera ihm zum Durchbruch verhelfen. Ihr fielen die richtigen Worte für die Premierministerin ein, eine Proklamation, die dieses Problem (und damit Mr Bhatt) in die vordersten Reihen katapultierte. Der entscheidende Antrieb aber käme dann nicht von ihm. Eben deshalb erwartet er von ihr bloß Bewunderung – damit ist seine Frau jedoch sehr knauserig. Ihr Lob befeuert ihn wie nichts sonst, ihre Verachtung raubt ihm alle Kraft, fast, als würde aus einem Becken der Stöpsel gezogen. Letztlich liegt es also allein an ihr. Und er kann nur ihr die Schuld geben.
Mr Bhatt berührt sie an der Schulter, lässt die Hand ihre weiche Haut hinab zum Ellbogen gleiten.
»Was soll das denn jetzt?«, fragt sie.
»Muss ich dir das erklären?«
Aber der Stöpsel ist gezogen, Mr Bhatt winkt sie fort, sagt, sie solle auf ihr Zimmer gehen. »Und sorg dafür, dass mich der Junge morgen früh nicht stört – ich habe zu arbeiten!«
IN DER NOCH DUNKLEN Morgendämmerung fotografiert Isabelle eine knochige Kuh, im Blitzlicht erstarrt der zuckende Schweif. Ein vorbeigehendes Mädchen mit Federballschläger blinzelt geblendet, weicht ihnen aus und begutachtet dann diese drei jungen Ausländer.
»Weißt du, wo der Ganges ist?«, fragt Isabelle.
Der Kopf des Mädchens wackelt ›Ja‹ mit einer Autorität, die bereits die Frau erkennen lässt, zu der sie heranwachsen wird. »Jetzt mit mir«, sagt sie und schreitet voraus wie eine Lehrerin auf dem Schulausflug. »Hallo, hallo – mir nach. Jetzt.« Kurz darauf biegt sie in eine Gasse ein, offenbar eine Sackgasse mit einem offenen Fenster in der Mauer am Ende. Dort angekommen, tritt Isabelle hindurch. Die beiden jungen Männer folgen ihr.
Der Horizont glüht orange, steigt über dem Ganges in dunkelblauem Dunst auf, Vögel kreisen, Sandsteinstufen führen hinab zum Ghat, wo Gläubige Puja begehen in dem Fluss, der einen Hauch süßer Fäulnis verströmt. Isabelle blickt mit großen Augen Theo an und drückt seinen Arm, was seltsame Gefühle in seiner Brust weckt. Dieser Ausflug – für seine beiden Begleiter nur Sightseeing – ist für Theo das bedeutsamste Ereignis seit Wochen.
»Wenn wir auf dem Boot sind«, sagt Steve, »mach Bilder von den Leichenverbrennungen.«
»Ich glaube, das ist nicht erlaubt«, entgegnet sie.
»Tu einfach so, als wüsstest du das nicht.«
Nahe am Ufer dreht Isabelle an der Blende ihrer 35-mm-Olympus, Auge am Sucher, zweimal ein langsames Verschlussklacken, um die verschwommen sichtbaren Pandits festzuhalten, die platschend in der Schwärze versinken, einen Schwall Wasser versprühend wieder emporschnellen, nach Luft schnappen und sich mit den Fingern die Zähne bürsten. Mutter und Tochter in Saris stehen hüfttief im Wasser und lassen Kerzen schwimmen, streicheln den Fluss, fahren sich mit tropfnassen Händen durchs Gesicht. Ein dicker Mann mit nacktem Oberkörper – heilige weiße Schnüre überm Bauch, Handflächen aneinandergelegt – verbeugt sich schnaufend mit geschlossenen Augen, tunkt den Kopf unter, bringt Blumengirlanden und Abfall zum Schaukeln.
Der Bootsmann lehnt sich gegen ein Ruder und bejaht gleichgültig alles, was Isabelle wissen will. Als ihr schließlich die Fragen ausgehen, nimmt er einen kleinen Stapel Rupien an und hält den jungen Männern die flache Hand hin.
Während der nächsten Minuten kommen weitere Passagiere an Bord. Mit jeder Person sinkt das knarrende Holzboot tiefer, verdrängt Wasser, das wieder hochgurgelt und über Theos Hände schwappt, mit denen er sich am Bootsrand festklammert. Fremde reden in Sprachen, die er nicht versteht, doch er stellt sich ihre Schreie vor, wenn das Boot kippt, sie darunter gefangen sind und alle nach ihm greifen. Er dreht sich nach allen Seiten um, als erwarte er jemanden. Er muss hier raus. Doch wenn er jetzt aufsteht, könnte er das Boot zum Kentern bringen.
Der Bootsmann greift nach den Rudern, sie legen ab, das Wasser wird aufgewirbelt, blinzelt in der flachen Sonne. Der überladene Kahn gleitet an den stufenförmigen, von Mogul-Festungen gekrönten Flussterrassen entlang, an Hindu-Tempeln mit goldenen Dächern, an Bollwerken, die jegliches Getöse der Stadt in Schach halten. Das gegenüberliegende Ufer ist überflutetes Flachland, leer im Vergleich zum architektonischen Pandämonium am nahen Gestade. Theo blickt von Ufer zu Ufer, knibbelt am pickligen Gesicht und hofft, dass ihm nicht übel wird. Ist das Nebel? Ein Holzstück schwelt. Streunende Hunde durchwühlen einen Scheiterhaufen.
Isabelle steht auf, bringt das Boot zum Schwanken, was den übrigen Passagieren ein entsetztes Keuchen entlockt, allein der Bootsmann zeigt keine Regung. Sie sucht den idealen Blickwinkel für die Verbrennungsstätten, und kneift Theo in die Schulter, als sie sich an ihm vorbeischiebt. Er will etwas sagen, bringt aber kein Wort über die Lippen. Mit einem Kopfnicken weist sie über das Wasser, während ihr Gesicht hinter der Kamera verschwindet. Sie fotografiert einen dahintreibenden Ast. Dann wird daraus das dahintreibende Bein einer Ziege. Nein, der Arm von irgendwem. Nein, der Leichnam eines Kindes mit aufgefächertem Haar.
DIE STREIKENDEN BLOCKIEREN Mr Bhatts chauffeurgelenkten Ambassador. Am Straßenrand stehen zwei beim Kopulieren gestörte Köter, die an den Genitalien noch zusammenhängen. Mr Bhatt zuckt heftig mit dem Kopf; deutlicher wird Jandhu, sein Fahrer, der den Arm so weit wie möglich aus dem Fenster streckt und einem der Streikenden einen Hieb verpasst.
Mäuse, die um Ressourcen kämpfen, denkt Mr Bhatt.
Jandhu drückt unablässig auf die Hupe, der Ambassador schubst Demonstranten beiseite, ruckelt an ihnen vorbei.
»Eines Menschen Leben hat für das Universum keine größere Bedeutung als das einer Auster«, bemerkt Mr Bhatt.
Jandhu wackelt zustimmend mit dem Kopf, obwohl er kaum Englisch versteht. Der Blick aus einem Zugfenster auf der Fahrt von Oxford nach London, ein kleiner Junge sieht Felder unter regenverhangenem Himmel, die Äcker von Hecken gesäumt, niemand weit und breit, der Junge, zu schüchtern, um auch nur einen einzigen Gedanken in Worte zu fassen, nichts als ein Reservoir für Empfindungen. Warum erinnert sich Mr Bhatt an diesen Anblick? Er hat als Kind kurz in England gelebt, weil sein Vater, Richter am Obersten Gericht in Indien, für ein halbes Jahr ein Stipendium in Oxford bekommen hatte.
Der Wagen hält vor Delhis Public Library.
»Ist geschlossen?«, fragt Mr Bhatt und fällt wieder ins Hindi.
Jandhu rennt zum Gebäude, um nachzusehen, rüttelt vergeblich an den Türen. Er fragt einen vorbeikommenden Studenten, läuft dann zurück. »Diese Eisenbahner«, sagt er.
»Leiten die jetzt auch schon die Bibliothek? Wie konnte unser Land nur so tief sinken?« Mr Bhatt redet, als wäre er bereits Politiker – vielleicht ohne Amt, doch eine graue Eminenz im Hintergrund, Ratgeber der Mächtigen. Das Thema von Mr Bhatts Sermon auf dem Rücksitz ist die Selbstaufopferung: Er erinnert an den Edelmut der indischen Truppen vor Bogra und daran, wie brüderlich wir feierten, nachdem wir den Pakis in Bengalen eine blutige Nase verpasst hatten. »Und dann? Was ist dann passiert? Jetzt gehen wir auf unseresgleichen los, auf unsere eigenen Landsleute!«
Jandhu steht im gesellschaftlichen Ansehen weit unter ihm, doch ahnt jeder Mann intuitiv, wie es um die Körperkraft eines anderen Mannes bestellt ist, und beide wissen sie, der Fahrer wäre der Stärkere. Mr Bhatt bietet ihm eine Zigarette an, tut, als sei es die letzte im Päckchen und er müsse deshalb für sich eine neue Schachtel öffnen. Jandhu akzeptiert, steckt sie sich für später in die Brusttasche – mit dem Boss zu rauchen, hieße, eine Grenze zu überschreiten.
Was die Geburtenkontrolle betrifft, erklärt Mr Bhatt seinem Fahrer, verfolgt unsere Regierung eine bestimmte Politik: den Frauen werden Spiralen eingesetzt, den Kerlen gibt man Präservative. Nur ist das nicht genug! Nicht annähernd. Wir schicken unsere jungen Menschen in die Schlacht, lassen sie ihr Leben für die Nation riskieren. Warum nicht minder riskant handeln, nämlich die Kontrolle über ihre Hosenschlitze anstreben? Der Sexualdrang, erläutert Mr Bhatt, ist des Menschen niederster Instinkt, kaum anders als eben bei den Hunden auf der Straße, die noch an den Genitalien zusammenhingen. Ist aber die Reproduktion unser primitivster Trieb, muss die Reduktion der Bevölkerung der Gipfel der Vernunft sein.
Er runzelt die Stirn, erinnert sich an etwas, das Meera gesagt hat, etwas darüber, dass er nur ein einziges Kind gezeugt hat. Dass Ajay Anfang und Ende war, darin sind sie sich immer einig gewesen. Worauf also wollte sie hinaus? Stellt sie seine Zeugungsfähigkeit infrage? Ärger lässt Mr Bhatts Rhetorik kämpferischer werden. Nur die Nachkommenschaft zu begrenzen genügt nicht! Zu lange haben wir das Problem ignoriert. Der Tapfere muss das größte Opfer in Betracht ziehen: freiwillig aus der menschlichen Rasse auszuscheiden.
»Und Ihr Sohn? Würden Sie sich das von ihm wünschen?«
»Was redest du denn da, Jandhu? Natürlich gilt das nicht für Kinder«, faucht Mr Bhatt.
»Und wenn er erwachsen ist?«
Diese Impertinenz erinnert Mr Bhatt daran, warum manche Menschen Fahrer sind und man sie auch keine wichtigeren Jobs ausüben lassen sollte. Womit sich allerdings weitere Bedenken melden: Wie das einfache Volk überzeugen? Was könnte ein schlichtes Gemüt wie Jandhu dazu bringen, das eigene Leben zum Wohle eines anderen zu opfern? Wer dieses eine Rätsel knackt, hat alle gelöst.
Zu ebendiesem Zweck sucht Mr Bhatt die Bibliothek auf und liest Bücher und Artikel über die Mysterien des Selbstmordes, stets in einer isolierten Kabine, die Schultern hochgezogen, Bücher am Bauch, als befasste er sich mit pornografischem Material. In seiner Tasche hat er heute Humes Rechtfertigung des Selbstmordes dabei, Montaignes Argumente für den edlen Selbstmord und eine fotokopierte Veröffentlichung des Birminghamer Gerichts zur Untersuchung von Selbstmordursachen, die aberhundert Abschiedsbriefe enthält.
Kummer und Elend mögen natürlich zur Selbstvernichtung führen, aber auch Mut und Verstand können Motive sein. Hin und wieder begegnet Mr Bhatt in Delhi Freunden seines Vaters, die stets ein wenig förmlich seiner Errungenschaften gedenken und sich an seinen Scharfsinn erinnern. Er war der klügste Mensch, den Mr Bhatt je gekannt hat. Was hatte er nicht alles gewusst? Mr Bhatts eigenen Launen mangelte es an Konsequenz; er würde sich niemals selbst etwas antun.
Wie Mr Bhatt feststellte, enthalten die meisten Abschiedsschreiben entweder Anweisungen (Soundso bekommt meine Anzüge), Tiraden (denen hat noch nie an mir gelegen) oder Entschuldigungen (ich habe euer Leben zerstört). Manche zielten darauf ab, den Lebenden wehzutun (ihr seid schuld), andere versuchten, die Wirkung ihrer Tat zu mindern (lebt wohl). Vor allem aber sind, so resümiert Mr Bhatt, Abschiedsbriefe alles andere als banal. Die Antwort fehlt, eine Leerstelle in jedem Schreiben. Sein Vater hatte keines verfasst, die Leerstelle war somit noch größer.
Auf der Fahrt nach Hause schaut Mr Bhatt aus dem Fenster, nimmt die streikenden Bahnarbeiter diesmal kaum wahr. Ein Plan keimt. Er murmelt eine Zeile, so oft gelesen, dass er sie fast wortwörtlich zitieren kann. »Die Operation verlangt viele scheinbar brutale und herzlose Entscheidungen«, schrieb Dr. Ehrlich in Die Bevölkerungsbombe. »Der Schmerz könnte gewaltig sein.«
STEVE, DER BLONDE KANADIER, entpuppt sich als Kind reicher Eltern – sein Vater besitzt ein Bergwerk im Norden von Alberta. Am Flughafen in Delhi nahm Steve sich ein Taxi nach Varanasi, das für die Strecke zwei Tage brauchte. Jetzt muss er zurück in die Hauptstadt, will den Anschlussflug nach Katmandu nicht verpassen, während Isabelle eine tausend Meilen weite Tour zu ihren Freunden nach Goa plant. Ohne Bahnverkehr der reinste Albtraum. Also macht Steve folgenden Vorschlag: zusammen nach Delhi fahren, wo Isabelle einen Zug nach Süden nehmen kann.
»Aber wir haben kein Auto«, wirft Isabelle ein.
»Das kaufe ich uns.«
Beeindruckt lehnt Isabelle sich zurück und willigt ein – unter der Voraussetzung, dass Theo mitkommt. Er sagt nur wenig, trotzdem versanden ihre Gespräche, wenn Theo sich entfernt, was Steve dazu veranlasst, Isabelle zu küssen und ihre kleinen Brüste zu kneten, als wollte er ihr Volumen vergrößern, weshalb Isabelle die Rückkehr des groß gewachsenen Holländers herbeisehnt. Was Theos eigene Reisepläne betrifft, so murmelt er irgendetwas darüber, die Berge sehen zu wollen. Nichts fürchtet er so sehr wie die Abreise seiner Gefährten, sieht er doch erneute Einsamkeit in Zimmer 9 auf sich zukommen. Sie wollen ihn aber bei dieser Reise unbedingt dabeihaben; sie bestehen darauf.
