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Als einer von wenigen lettischen Juden hat Alexander Bergmann den Holocaust überlebt. Erst im Ghetto in Riga, anschließend in verschiedenen Konzentrationslagern und zuletzt als Zwangsarbeiter in einem Außenlager des KZ Buchenwald hat er eine Odyssee erlebt, deren Qualen mit menschlichem Maß kaum zu begreifen sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg als Rechtsanwalt in Riga tätig, konnte er erst nach dem Ende der sowjetischen Herrschaft 1990 daran denken, seine Erinnerungen der Jahre 1941 bis 1945 aufzuschreiben und öffentlich zu machen. Alexander Bergmann berichtet präzise und mit hohem analytischen Verstand, seine "Aufzeichnungen" gehören in unser kollektives Gedächtnis.
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Seitenzahl: 435
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Rolf-Dieter Eichenwald wurde am 27. August 1936, Eva Eichenwald am 15. Dezember 1937 in Billerbeck geboren. Die Kinder wurden mit ihren Eltern Otto und Ruth Eichenwald am 11. Dezember 1941 von Düsseldorf aus in das »Reichsjuden-Ghetto« nach Riga verschleppt. Der Vater fiel den unmenschlichen Lebensbedingungen im Januar 1942 zum Opfer. Das Schicksal der Mutter und der Kinder konnte bislang nicht mit letzter Gewissheit geklärt werden. Es ist zu vermuten, dass sie Anfang November 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.
Das Erschrecken über das unaufgeklärte Schicksal der Geschwister Eichenwald und die Scham über die fehlende Erinnerung an die Familie in ihrer Heimat führten zur Gründung der Wolfgang Suwelack-Stiftung (Billerbeck). Die Stiftung fördert insbesondere das Erinnern und Gedenken an die Opfer der Shoah aus dem Münsterland – an den Ausgangsorten wie auch an den Endpunkten der Verschleppung. Die Stiftung unterstützt daher auch die Erinnerungsarbeit und Gedenkkultur in Riga, einem der Zielorte der Deportationen aus dem Münsterland.
Riga als nationalsozialistischer Tatort verdeutlicht in besonderem Maße die europaweite Dimension der Shoah. Der Vernichtung der Deportierten aus Deutschland ging die Ermordung der lettischen Juden voraus. Seit 1989 entwickelt sich Riga zu einem europäischen Gedenkort an die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, wofür die beiden Gedenkstätten in Rumbula und Bikernieki stehen.
Alexander Bergmann
Aufzeichnungen eines Untermenschen
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die beiden Fotos auf der Titelseite gehören zu den wenigen überlieferten Aufnahmen des Ghettos in der Moskauer Vorstadt von Riga (Quelle: Museum »Juden in Lettland«, Riga).
Das Foto auf dem Rücktitel zeigt Alexander Bergmann im Gespräch mit deutschen und lettischen Schülern während einer Führung durch die Moskauer Vorstadt im Februar 2007, das Foto unten einen Gedenkstein für mehrere Verwandte des Autors auf dem Gelände der Gedenkstätte im Wald von Rumbula (beide Fotos: Wolfgang Suwelack-Stiftung, Billerbeck).
Alle anderen Abbildungen: Sammlung Alexander Bergmann.
Übersetzung: Ingrid Damerow
Redaktionelle Bearbeitung des deutschen Textes: Alexander Bergmann, Wolf Middelmann, Reinhard Enders
© Edition Temmen 2015
Hohenlohestraße 21
28209 Bremen
Tel. 0421-34843-0
Fax 0421-348094
www.edition-temmen.de
Alle Rechte vorbehalten
Gesamtherstellung: Edition Temmen
E-Book ISBN 978-3-8378-8036-6
ISBN der Printausgabe 978-3-86108-316-0
Mit freundlicher Unterstützung von:
Gewidmet meiner Mutter Klara, meinem Vater Jean, meinem Bruder Daniel (Danja) und allen Holocaustopfern
VORWORT
Der Gedanke, das Geschehen des Holocaust zu Papier zu bringen, kam mir vor 40 Jahren. Ich erhielt damals – ich weiß nicht mehr von wem – die Erinnerungen des talentierten Bildhauers Elmar Rivosch über seine Erlebnisse während der deutschen Besetzung Rigas. Sie waren natürlich im Untergrund geschrieben, d.h. mit der Schreibmaschine auf einzelneBlätter getippt. Unter Freunden wurden sie mit Vorsichtsmaßregeln zum Lesen verteilt. Rivoschs Erinnerungen beeindruckten mich tief. Darüber hinaus riefen sie bei mir eine Gegenreaktion hervor. Meine Kinder wuchsen heran, und ich beschloss, für sie die Tragödie unserer Familie aufzuschreiben und damit auch zum Teil die gemeinsame Tragödie der Juden Lettlands. Obwohl die »Tauwetter-Periode« in der Sowjetunion unter Chruschtschov noch andauerte, war es mir völlig klar, dass weder Rivoschs Erinnerungen noch das, was ich niederschreiben wollte, jemals gedruckt werden würde. Die Sowjetunion schien – nicht nur mir – unveränderlich zu sein, zumindest was die Zeit betraf, die unsere Generation überschauen konnte. So dachte ich, wie auch viele andere, nicht an eine Veröffentlichung. Mir war es wichtig, den Kindern Erinnerungen an die Nächsten zu hinterlassen, deren Liebe ihre Kinder- und Jugendjahre überstrahlt hätte, wäre der Holocaust nicht gewesen. Es waren doch ihre Großmutter, ihr Großvater, ihr Onkel … Zu meiner Verwunderung wurden Rivoschs Erinnerungen dann doch in der Zeitschrift »Sowjetisch Hejmland« in jiddischer Sprache abgedruckt, aber, wie ich meine, nur ausgewählte Passagen.
Die Jahre gingen dahin, und ich fühlte mich hin und her gerissen zwischen dem konkreten Vorhaben, das Erlebte niederzuschreiben, und dem Wunsch, die ganze Tragödie der lettischen Juden in den Blick zu nehmen. Letzteres grenzte an Größenwahn. Denn mir war klar, dass es eine gewaltige Aufgabe wäre, der ich mein ganzes Leben widmen müsste, wobei es unter sowjetischen Verhältnissen kaum Aussichten auf Erfolg gäbe. Jemandem mit meiner Biografie war der Zugang zu den Beständen spezieller Archive absolut verschlossen. Es reichte nicht, die dringend nötigen Informationen nur aus Zeugenaussagen derjenigen zu gewinnen, die den Holocaust überlebt hatten und in Lettland lebten. Außerdem zweifelte ich daran, dass unter den Bedingungen, die zur Sowjetzeit herrschten, jemand bereit wäre, seine Erfahrungen mit mir zu teilen. Mir schien, dass allein der Gedanke eine solche Ausarbeitung anzufertigen, bereits zum Scheitern verurteilt wäre.
Da hörte ich vom Erscheinen des Buches von Max Kaufmann »Churbn Lettland – Die Vernichtung der Juden Lettlands«. Herausgegeben in Deutschland, umfasst es die Tragödie des ganzen lettischen Judentums. Mit allen Mitteln versuchte ich, dieses Buch zu bekommen. Vergeblich. Als Ende der 60er Jahre meine Cousine aus der Schweiz zu Besuch in Riga weilte, bat ich sie fast auf Knien, mir das Buch per Post zu schicken. Mit größter Mühe konnte sie es bekommen. Es war im Jahre 1947 in München im Selbstverlag und in kleiner Auflage gedruckt worden. Das Paket mit dem Buch landete ohne Umschweife direkt in der Spezialabteilung der Staatsbibliothek. So waren die Sitten in einem Land hinter dem Eisernen Vorhang.
Trotzdem las ich das Buch von Kaufmann. Meine gute Bekannte, Elga Itzikson, die sowohl den Holocaust wie auch den sowjetischen Gulag überlebt hatte, erhielt es von einer Verwandten aus dem Ausland. Nachdem ich »Churbn Lettland« gelesen hatte, zog ich vier Schlussfolgerungen: Erstens hatte Max Kaufmann mit diesem Buch eine Ruhmestat vollbracht, für die ihm die Nachwelt dankbar sein musste. Zweitens war es nicht notwendig, das noch einmal zu wiederholen. Drittens basierte die Arbeit Kaufmanns ausschließlich auf Erinnerungen von Zeugen, demzufolge waren Fehler unvermeidlich gewesen, da die Möglichkeit, die Glaubwürdigkeit der Zeugen zu überprüfen, äußerst gering war. Schließlich durfte ich, als ich mich endlich an die Arbeit machte das Buch zu schreiben, nur jene Informationen verwenden, von deren Glaubwürdigkeit ich absolut überzeugt war, um Fehler und Ungenauigkeiten zu vermeiden. Das hieß, in der Regel nur das zu schreiben, was ich selbst gesehen und gehört habe.
Zwischen dem Lesen von Kaufmanns Buch und dem Schreiben meines eigenen Buches sind mehr als 30 Jahre vergangen. Ich konnte mich lange nicht an den Schreibtisch setzen, um die dem Leser jetzt vorliegenden »Aufzeichnungen eines Untermenschen« zu Papier zu bringen. Wie war das lange Schweigen zu erklären? In erster Linie wohl durch mein damaliges Unvermögen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Auch durch die Ansicht der Jugend, dass der Mensch endlos Zeit habe und das Aufschreiben des in der Zeit des Krieges Erlebten warten kann. Dann hatte ich als Anwalt noch einen interessanten Kriminalfall vor Gericht zu bringen. Ich wollte mich noch einmal in meinem geliebten Gagra im Kaukasus erholen usw., usw. Schließlich war ich nicht überzeugt, ob meine Geschichte für den Leser interessant wäre. Letzteres war das stärkste Argument, das meinen ohnehin geringen Schwung, mich an den Schreibtisch zu setzen, immer wieder bremste. Auch heute, nach der Vollendung des Buches, fühle ich diese Unsicherheit. Holocaust ist ein heiliges Thema. Darüber lässt sich nicht schreiben ohne zu zittern und ohne dass einem das Herz blutet. Ich bin ja auch kein Schriftsteller, sondern ich bin ein Jurist. Seit 52 Jahren im Dienst, stand ich in dem Ruf, Berufungen gegen Gerichtsurteile oft erfolgreich einzulegen. Über den Holocaust zu schreiben oder als Anwalt Schriftsätze zu erstellen, das sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Und dann war da noch der ungestüme Lauf meines Lebens. Nachdem der Gedanke an das Buch in meinem Kopf aufkam, waren die letzten zehn Jahre nicht nur beherrscht von beruflichen Anforderungen. Sie waren seit 1988 ausgefüllt mit gesellschaftlichen Aktivitäten, die mit dem Neuaufbau der Jüdischen Gemeinde Rigas, Leitung des Vereins der Holocaustüberlebenden Lettlands und öffentlichen Auftritten zum Thema »Holocaust« in Deutschland zusammenhingen.
Die Zeit für das Buch kam für mich erst 2002, als ich aus gesundheitlichen Gründen meine Anwaltspraxis schließen musste. Aber auch jetzt brauchte ich einen Anstoß von außen. Und als solcher erwies sich das mehrmalige freundschaftliche Drängen von Ludmilla und Arkadij Gitmann. Selbst Holocaustüberlebende aus der Ukraine, haben sie, da sie während des Krieges Kinder waren, fast keine eigenen Erinnerungen. Aufmerksam meinen Erzählungen lauschend, drängten sie mich immer wieder beharrlich, alles, woran ich mich erinnerte, zu Papier zu bringen. Und noch mehr: Ohne die beiden hätte es das Buch nicht gegeben. Sie waren auf tatkräftigste Art und Weise an dessen Entstehung beteiligt. Sie haben sich sowohl als Lektoren wie auch als Korrektoren verdient gemacht und mir wesentlich geholfen, den Text in den Computer zu schreiben. Außerdem waren sie meine ersten Leser und Kritiker, wofür ich ihnen aufrichtige Dankbarkeit schulde.
Tiefe Dankbarkeit bezeuge ich ebenfalls Maria Pljuchanova und Alexander Milow. Maria Pljuchanova hat nicht nur den Text redigiert und sprachliche Verbesserungen vorgenommen, sondern an manchen Stellen auch mit dem Autor um dessen Sichtweise gestritten. Alexander Milow hat mich, nachdem er den Text gelesen hatte, darin bestärkt, ihn als Buch herauszugeben. Gleichzeitig übernahm er die gesamte Bürde, die mit der Herausgabe verbunden war. Auch danke ich Rita Bogdanova und Grigorij Smirin für wertvolle Ratschläge und Hilfe, mit denen sie wesentlich zur vorliegenden Form des Buches beigetragen haben, von Herzen.
Ein paar Worte über das Buch.
Das Buch zu schreiben, ist mir einerseits leicht, andererseits aber auch unheimlich schwergefallen. Leicht deshalb, weil ich das ganze Material im Kopf hatte. Lange Jahre hindurch habe ich das Buch in Gedanken geschrieben, und diese mussten jetzt nur zusammenhängend zu Papier gebracht werden. Leicht war es auch, weil ich mir nichts ausdenken musste. Ich brauchte nur die Wahrheit zu schreiben. Sehr schwer aber war es wegen des Themas und der zu beschreibenden Begebenheiten.
64 Jahre sind vergangen. Aber als ich schrieb, war es, als wäre alles erst gestern gewesen, und ich begriff, was es heißt, alte Wunden aufzureißen.
Das Buch ist chronologisch aufgebaut, aber durchaus kein Tagebuch. Wenn ich es für angebracht hielt, gibt es Abschweifungen in die Vor- bzw. Nachkriegszeit. Meine »Aufzeichnungen« sind keine künstlerische Schöpfung. Sie wollen auch nicht den ganzen Holocaust in Bezug auf die lettischen Juden erzählen. Das Buch beschreibt einzelne Episoden aus meinem Leben in der Zeit des Krieges und in den ersten Monaten nach dessen Ende.
Die wichtigste Bedeutung des Buches sehe ich in der Glaubwürdigkeit der in ihm beschriebenen Ereignisse und in der getreuen Wiedergabe meiner Gedanken und Gefühle in jener Zeit.
HARRI
1. JULI 1941
Familie Bergmann im Jahr 1936. Von links nach rechts: Vater Jean, jüngster Bruder Daniel (Danja), Mutter Klara, älterer Bruder Michail (Mika) und der Autor Alexander (Sascha).
Ohne dass wir uns verabredet hätten, trafen wir uns an der Ecke Elizabetes und Lazaretes iela, jetzt Jerusalemes iela, neben Gutmanns Schulbedarfladen. Doch unser Treffen war durchaus nicht zufällig. An der Ecke, in der Lazaretes iela, stand unsere Schule, und wir drei Klassenkameraden standen nun da und warteten in der Hoffnung, andere aus unserer Klasse zu treffen.
Ich hatte es am bequemsten von uns dreien, denn die letzten Tage hatte ich zusammen mit meinen Eltern und Brüdern im Keller der Schule zugebracht, um vor eventuellen Bombardierungen in Sicherheit zu sein. Das Haus, in dem wir wohnten, war nur 50 m von der Schule entfernt. Es war aus Holz gebaut und hatte auch keinen richtigen Keller. Mein Vater, der stellvertretender Schulleiter war, hatte uns in die Schule gebracht, weil wir hier sicherer waren.
Riga war von Bomben verhältnismäßig wenig zerstört worden. Nur der Flughafen Spilve mit den Flugzeugen und die Altstadt um die Petri-Kirche herum und auch der Turm der Kirche selbst, in dem sich ein Beobachtungspunkt zur Verteidigung der Stadt befand, wurden in den ersten Kriegstagen zerstört. Der Lärm, den das Krachen der Bomben und die Detonationen verursachten, war kaum auszuhalten. Das fast völlige Fehlen irgendwelcher Informationen über die Front um Riga und dazu der Höllenlärm der Explosionen versetzten uns in Angst.
Als es mir einmal gelang, auf die Straße herauszukommen, hatte ich ein niederschmetterndes Bild vor mir: Über die menschenleere Brivibas iela, die west-östliche Hauptverkehrsader der Stadt, zogen die Rotarmisten aus Riga hinaus. Staubbedeckt und schlecht gekleidet in Wickelgamaschen und bis auf die Knie reichenden Soldatenblusen, kamen sie mir vor wie Kleinwüchsige. Die Soldaten waren schlecht bewaffnet und bewegten sich völlig ungeordnet vorwärts. Als ich ihrer ansichtig wurde, ließ mich das böse Gefühl nicht los, dass sie Riga bereits aufgegeben hatten.
An dem Tag, an dem wir uns trafen, war ich morgens aufgewacht, und alles um mich herum war ungewöhnlich still. Keine Explosion, kein Schießen … Und erst nach einiger Zeit hörten wir in unserem Keller aus den Lautsprechern, die auf der Straße aufgestellt waren, Musik und auch die lettische Nationalhymne, die vor mehr als einem Jahr durch die »Internationale« ersetzt worden war. Auf der Straße war ich erschüttert von dem, was ich an diesem ersten Julitag, dem ersten Tag der Besetzung Rigas durch die deutschen Truppen, zu sehen bekam.
Es war, als hätte sich alles mit den Nazis verbündet – eine strahlende Sonne an einem azurblauen Himmel, die freudigen Gesichter der Vorübergehenden und ganz besonders der Anblick der deutschen Soldaten. Hochgewachsen, sonnengebräunt mit aufgekrempelten Ärmeln, mit allen möglichen Waffen behängt, zogen sie in tadelloser Marschordnung über die Elizabetes iela. Sie sangen Lieder, deren Melodien und Texte ich noch heute im Ohr habe. Über das Pflaster der Rigaer Straßen marschierten die Sieger!
Woher sollte ich 16-jähriger Junge wissen, dass da vor mir keine Frontsoldaten marschierten, sondern speziell ausgewählte Einheiten, die den Einwohnern klarmachen sollten, dass hier eine unbesiegbare deutsche Armee Einzug hielt? In diesem Universum beruht vieles auf Täuschung, und ich muss gestehen, dass es den Nazis absolut gelang, auch mich zu täuschen. Mir wurde angst und bange, und gleichzeitig durchzuckte mich der Gedanke – was wird mit uns Juden?
In unserer Familie gab man sich bezüglich der deutschen Nazis keinen Illusionen hin. Die Eltern und folglich auch wir Kinder wussten gut Bescheid über die Lage der Juden in Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei. Verwandte, die früher in Berlin gelebt hatten, waren 1936 nach dem Inkrafttreten der Nürnberger Rassengesetze nach Lettland zurückgekehrt, ebenso war nach der Besetzung der Tschechoslowakei meine Tante Betty aus Prag nach Riga zurückgekommen.
Bis zur sowjetischen Besatzung hatten wir ausländische Zeitungen abonniert, hatten Hitler im Radio gehört, wie er gegen die Juden, als die Quelle allen Unglücks für das deutsche Volk, gehetzt und gedroht hatte, mit ihnen abzurechnen. Vater beherbergte in unserer Wohnung zwei jüdische Emigranten aus Österreich. Ihnen war es nach dem »Anschluss« 1938 gelungen, das Land zu verlassen und eine Aufenthaltsgenehmigung in Lettland zu erhalten.
Aus Meldungen des englischen Rundfunks wussten wir, dass in Warschau eine Reihe von Wohnvierteln durch eine steinerne Mauer abgesperrt worden war und man dort eine halbe Million Juden aus der Stadt und der Umgebung eingesperrt hatte. Das bedeutete, dass in Warschau ein Ghetto für die Juden eingerichtet worden war. Wir hatten auch Informationen über die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen und wussten von der Willkür der SS, die dort herrschte und mordete. In einem dieser Lager war auch ein naher Freund unseres Vaters ermordet worden.
Wir rechneten mit Unterdrückungsmaßnahmen vonseiten der Deutschen, wie z.B. Berufsverbote, Reduzierung der Nahrungsmittel, eine mögliche Verschleppung in ein Ghetto u.Ä. Doch weder ich noch meine Eltern konnten uns vorstellen, dass uns gleich in den nächsten Tagen quasi der Prolog der Katastrophe erwarten würde, die nicht nur die lettischen Juden hinwegfegen sollte, sondern fast alle Juden Europas.
Es ging nicht darum, wie später viele im Ghetto behaupteten, dass man unmöglich von den Deutschen, die sich doch während der Okkupation Rigas im Ersten Weltkrieg der jüdischen Bevölkerung gegenüber anständig benommen hatten, ein so grausames Verhalten hätte erwarten können. Es ging auch nicht um die Deutschen an sich, sondern darum, dass ein normaler Mensch des 20. Jahrhunderts sich nicht vorstellen konnte, dass es in der sogenannten zivilisierten Welt möglich wäre, ein ganzes Volk zu vernichten. Jetzt, nach der Shoah, da wir es besser wissen, werfen wir uns oft gegenseitig vor, nicht weitsichtig genug gewesen zu sein.
Im Widerspruch zu dem eben Gesagten, werde ich später schreiben, hätten wir allen Grund gehabt, die Katastrophe voraussehen zu können, denken wir nur an Hitlers Buch »Mein Kampf«.
Doch das widerspricht sich nur scheinbar und beweist, dass auch ich, wie andere auch, die besten Gedanken erst hinterher, also nach dem Krieg hatte. Mit einem Wort: Ich behaupte, dass ich die Masse der Nachkriegsinformationen auf die Vorkriegszeit übertrug, obwohl sie uns damals nicht bekannt waren.
Auf dem Tisch in meines Vaters Arbeitszimmer in unserer Wohnung war Seumes bekannter Text auf einer Holztafel eingebrannt: »Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder«.
Begleitet von dem Gesang der deutschen Soldaten und Seumes Vers mit Bitterkeit im Ohr, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Da traf ich auf meine Mitschüler Aisik Aisikovitsch und Harri Fainson. Sie hatten dasselbe gesehen wie ich. Allerdings mit dem einen Unterschied, dass neben Aisik, der von der Schlagkraft der deutschen Truppen ebenso überwältigt war wie ich, dieser Umstand bei Harri völlig andere Emotionen und Antriebe ausgelöst hatte.
Harri war unser Klassengenie. Seine Familie war nach Hitlers Machtergreifung aus Deutschland nach Lettland emigriert. Kurz danach kam er in unsere Klasse. In allem war er anders als wir, die gewöhnlichen Schüler der 9. Klasse, auch was sein Äußeres anbetraf. Man konnte ihn fast mit Don Quichotte vergleichen – baumlang, dünn, leicht nach vorne gebeugt. Außerdem war er kurzsichtig, mit einer Brille auf der Nase. Dazu war er auch noch blond. Mit dem edelmütigen Hidalgo verband ihn sein Idealismus und der Wunsch, Gutes zu tun. Im Unterschied zu dem Ritter stand er fest mit den Füßen auf der Erde und versuchte nicht, gegen Windmühlenflügel zu kämpfen.
Im Sportunterricht war Harri keine große Nummer, was bei den Klassenkameraden zu Spott und Gelächter hätte führen können. Doch Harri war eine von allen anerkannte Autorität. Während wir uns mit der Lösung algebraischer Gleichungen herumschlugen, löste Harri Differentialgleichungen. Schon allein das Wort Differentialgleichung ließ uns erschauern. Harris Kenntnisse in Chemie waren so groß, dass unsere Chemielehrerin mir nach dem Krieg eingestand, dass Harri sie ohne Schwierigkeiten hätte ersetzen können. Wenn unser strenger Mathe-Lehrer für die Klasse eine Kontrollarbeit in Geometrie ansetzte, auf die wir völlig unvorbereitet waren, bat die ganze Klasse Harri, irgendetwas zu tun, damit die Kontrollarbeit nicht stattfände. Harri tat etwas. An dem für die Arbeit festgesetzten Tag war es unmöglich, den Klassenraum zu betreten. Es herrschte eine solch schlechte Luft in dem Zimmer, dass man kaum atmen konnte. Der Lehrer war nicht imstande, den Grund dafür herauszufinden. Auf unsere spätere Fragen, wie er das erreicht habe, murmelte Harri etwas von Käse-Destillation.
Im Jahre 1940 bombardierten deutsche Flugzeuge London und versuchten auf diese Weise, England aus dem Krieg auszuschalten. Viele Menschen kamen dabei um, und Harri machte es sich zur Aufgabe, die Stadt zu verteidigen. Ich sah selbst das Antwortschreiben mit dem gedruckten Wappen, das er von der englischen Regierung erhielt und, wie mir heute scheint, mit der Unterschrift von Churchill, in dem er seinen Dank für den zugesandten Vorschlag einer Verteidigung Londons ausspricht und ein Honorar in Aussicht stellt, sollte das Projekt verwirklicht werden. Ich weiß nicht, was und ob aus dem Projekt etwas geworden ist. Aber die Tatsache, dass später der Schutz Moskaus vor feindlichen Flugzeugen durch den Einsatz von Ballons sichergestellt werden sollte, lässt manches vermuten. Harris nicht zu bremsende Fantasie hatte immer eine reelle Grundlage, die zur praktischen Anwendung führen konnte.
Es war um die Mittagszeit, als wir uns trafen, und die Straßen füllten sich immer mehr mit Menschen. Die einen schlenderten umher, so als wenn sie die Stadt neu erkunden wollten. Andere wiederum, die sich mit den neuen Herren arrangieren wollten, schritten tatkräftig aus. Man erkannte sie nicht nur an der Art, wie sie sich bewegten, sondern vielmehr noch an ihrer Kleidung. Sie trugen entweder die Uniform der früheren lettischen Armee oder hatten auf den Ärmeln rot-weiß-rote Armbinden, (lettische Nationalfarben), die jedoch sehr bald durch grüne ersetzt wurden. Auch die lettischen Fahnen an den Häusern verschwanden. Das Märchen, dass Lettland mit der Ankunft der Deutschen seine frühere Selbstständigkeit wieder zurückbekäme, löste sich in nichts auf. Statt in einem wieder unabhängigen Lettland fand sich die Bevölkerung nun in einer neuen geografischen und politisch-rechtlichen Struktur wieder. D.h., Lettland wurde Teil des deutsch verwalteten Reichskommissariates Ostland, eines Territoriums, welches das gesamte Baltikum und einen Teil Weißrusslands umfasste.
Später nannten wir diese Leute mit den Armbinden auf Jiddisch »Bendeldiker«, was so viel heißt wie »Mensch mit Armbinde«. Offiziell wurden sie Schutzmänner genannt. Die Existenz dieser Schutzleute in Riga schon am ersten Tag der deutschen Okkupation überraschte mich. Meiner Meinung nach bestätigte dies, dass sich diese Leute schon vor der deutschen Okkupation Rigas vorbereitet hatten, zu handeln. Ein großer Teil der Schutzleute nahm bereits in den ersten Tagen der Okkupation in der einen oder anderen Weise, als Täter oder Helfershelfer, an der beginnenden Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Lettlands teil.
Weder ich noch Harri wussten am 1. Juli 1941, was uns während der Naziokkupation erwarten würde. Den Holocaust haben wir zu diesem Zeitpunkt nicht vorhergesehen. Aber was uns von Hitlerdeutschland bekannt war, sagte uns doch, dass wir von den neuen Verhältnissen nichts Gutes zu erwarten hätten. Alles, was wir am 1. Juli in den Straßen Rigas gesehen hatten, stellte uns vor die immer wiederkehrende Frage: »Was tun?« Das fragten wir uns, als wir an der Ecke neben Gutmans Geschäft standen.
Harri hatte eine Idee: »Wir müssen uns in Richtung Osten durchschlagen, die Frontlinie überschreiten und uns in die Rote Armee einreihen.« Ohne dass groß diskutiert wurde, nahmen wir diese Idee auf. Weder machten wir uns weiter Gedanken über die Strecke, die zurückzulegen war, noch über die erforderliche Ausrüstung noch über sonst irgendetwas. Wir verabredeten uns einfach für den nächsten Tag um 11 Uhr am selben Ort, um von dort aufzubrechen.
Am nächsten Tag war ich zur angegebenen Stunde nicht am angegebenen Ort. Wie ich später erfuhr, war auch Aisik nicht gekommen, den ich nie mehr gesehen habe. Harri jedoch war gekommen. Da wir nicht da waren, machte er sich alleine auf den Weg in Richtung Osten. Nachts war er unterwegs, am Tage schlief er. Er ernährte sich von Brot und aus Konserven, die er von zu Hause mitgenommen hatte, auch von Beeren und Pilzen. Bei Bauern vorbeizugehen, vermied er aus Angst, dass diese ihn den Behörden übergeben könnten. Er war fast bis in das Gebiet von Pskov (Pleskau) gekommen, als er von der deutschen Feldgendarmerie festgenommen wurde. Sein »arisches« Äußeres, die deutsche Geburtsurkunde, sein tadelloses Deutsch und die Glaubwürdigkeit seiner erfundenen Legende retteten ihn. Doch wurde er gezwungen, nach Riga zurückzukehren.
All das erfuhr ich später im November desselben Jahres im Ghetto, als wir uns dort ein einziges Mal wieder trafen. Harri war weder auf mich noch auf Aisik wütend gewesen. Die Situationen zu bestehen, wie er sie erlebt habe, wäre für Aisik und mich mit unserem »nichtarischen« Äußeren gleich null gewesen, erzählte Harri.
Zwei Wochen nach unserem letzten Treffen – es war der 30. November 1941, der Tag der ersten Vernichtungsaktion des Rigaer Ghettos – begleitete Harri Fainson seine Mutter freiwillig in den Wald von Rumbula und wurde dort zusammen mit ihr ermordet. Es gibt außer mir keinen, der um ihn wissend trauert.
Als ich mich mit Harri und Aisik an jenem 1. Juli traf, war ich noch ein »Hauskind«. Unsere Eltern versuchten, uns drei Brüder zu selbstständig denkenden und handelnden Menschen zu erziehen, die für ihre Taten selbst verantwortlich waren. Meine Art von Selbstständigkeit drückte sich oft in allen möglichen und unmöglichen Dummejungenstreichen aus. So zog ich mir z.B. mit dem Angelhaken eine Eisscholle heran und schaukelte mit ihr auf der Daugava, wenn der Fluss Eisgang führte. Oder ich war den ganzen Tag bis zur Dunkelheit von zu Hause fort, ohne den Eltern etwas zu sagen, und verbrachte den Tag bei den Anlegestellen, nicht weit vom Hafen, wo ich mich beim Geräusch der leise an die Kaimauer schwappenden Wellen ins Lesen von Puschkins »Hauptmannstochter« und »Dubrovski« vertiefte.
Aber die Familie ohne Nachricht oder Erlaubnis der Eltern zu verlassen, traute ich mich denn doch nicht. Hätte ich von unserem Plan nach Osten zu gehen erzählt, dessen war ich mir sicher, hätte ich niemals die Erlaubnis dafür erhalten. Jetzt zweifele ich allerdings, ob das wirklich so gewesen wäre. Doch es gibt noch einen anderen Umstand, der bewirkte, dass ich nicht zum Treffen mit Aisik und Harri ging. Am dritten Tag des Krieges, es war der 24. Juni, hatten meine Eltern und Brüder Verwandte aus Moskau, die bei uns zu Besuch gewesen waren, zum Bahnhof begleitet. Ich war nicht mitgegangen, weil ich nach dem Ende des Schuljahres in einer Fabrik als Hilfsarbeiter arbeitete. Ich wollte mir auf diese Art und Weise die Grundlagen der »proletarischen Psychologie« aneignen. Vor Abfahrt des Zuges gab der Zugführer bekannt, dass, wer wolle, sich in den Zug nach Moskau setzen könne. Angesichts der Tatsache, dass ich nicht mit am Bahnhof war, hatten meine Eltern von dieser Gelegenheit keinen Gebrauch gemacht. Konnte ich sie denn daraufhin verlassen?
Diese Gedanken kamen mir erst etwas später, aber noch am selben Tag des Treffens mit Harri in den Sinn. Ihm und Aisik gleich am nächsten Tag zu erzählen, warum ich nicht nach Osten mitgehen könne, dazu fehlte mir der Mut. Ich fürchtete, vor ihnen als Feigling dazustehen. Unabhängig davon, dass ich sonst für Abenteuer jeglicher Art zu haben war, wollte ich in einer solch schwierigen Situation doch nicht die Familie verlassen und mich in den Osten absetzen. Ich wollte meinen Eltern keinen Kummer bereiten. Den aber habe ich zweifellos Harri bereitet, der ganz gewiss erwartet hatte, dass wir uns alle drei gemeinsam auf den Weg machen würden. Die Gedanken daran und mein schlechtes Gewissen verfolgen mich bis heute. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass Aisik und Harri, die ich beide in eine unangenehme Lage gebracht zu haben glaubte, doch die Möglichkeit hatten, auch ohne mich zu gehen oder statt meiner einen anderen Klassenkameraden mitzunehmen oder schlimmstenfalls von dem Plan Abstand zu nehmen. An dem besagten Tag hatten sie noch die Wahl. Das entschuldigt mein mangelhaftes Verhalten nicht.
Durch die Besetzung Lettlands durch deutsche Truppen entstand für mich und alle anderen Juden eine extreme Situation. Sie nahm uns die Möglichkeit, über unser eigenes Schicksal selbst zu bestimmen. Leben oder sterben – darüber entschieden jetzt andere. Abgesehen davon standen wir täglich vor dem gleichen Dilemma – sollten wir so oder anders handeln. Das Überleben hing oft von der eigenen Handlungsmöglichkeit, von der eigenen Vorgehensweise ab. Gleichzeitig stellte sich einem aber auch die moralische Frage nach der »Anständigkeit« des Handelns.
Im normalen Leben gibt es Regeln, nach denen das Handeln jedes Einzelnen beurteilt werden kann. Das sind die Zehn Gebote, Gesetze, sittliche Forderungen. Sogar unter Bedingungen, die ein normales Leben nicht zulassen, wie z.B. im Krieg, gibt es bestimmte Regeln, die unbedingt beachtet werden müssen – so das Verhalten gegenüber Kriegsgefangenen oder der Zivilbevölkerung, oder der Gebrauch von unkonventionellen Waffen. Ob diese Regeln eingehalten werden, ist eine andere Frage.
Für uns begann mit dem deutschen Einmarsch in Lettland ein »Spiel«, in dem keine Regeln mehr galten. Auch im normalen Leben kann nicht alles durch Regeln bestimmt werden. Das Verhalten eines Menschen hängt, besonders in kritischen Situationen, oft davon ab, ob er ein Gewissen hat oder nicht. Vom ersten Tag deutscher Präsenz in Riga an war das Gewissen für uns einzig und allein in Fragen wie Anstand und Menschenwürde maßgeblich. Doch das Gewissen hatte oft zu entscheiden zwischen mitunter unversöhnlichen Gegensätzen, wenn es z.B. darum ging, den Selbsterhaltungstrieb des Menschen zu befriedigen, dessen vier kurze Worte »Denk an dich selbst« man ständig im Ohr hatte.
Wäre ich damals über die kommende Vernichtung der Juden informiert gewesen, hätte ich dann so gehandelt, wie ich es am 2. Juli getan habe? Vielleicht hätte ich nicht auf meine Eltern Rücksicht genommen, sondern versucht, mein eigenes Leben zu retten. Ich wäre damit meinem Selbsterhaltungstrieb gefolgt.
Die Fähigkeit, in dieser ungemein grausamen Sachlage die Anständigkeit zu bewahren, ist meiner Ansicht nach die höchste Offenbarung des menschlichen Geistes. Nicht jeder konnte das. Hütet euch aber, diejenigen, die im Ghetto und besonders im KZ Kleinmut an den Tag legten, zu verdammen. Dort immer der Stimme des Gewissens zu folgen, war praktisch unmöglich. Sterben – das konnte man.
DIE ERMORDUNG MEINES GROSSVATERS
4. JULI 1941
Das passierte auf ganz alltägliche Art und Weise. Es waren drei Männer, die in die Wohnung eintraten. Zwei von ihnen trugen Armbinden, der dritte war entweder der Hausmeister oder dessen Sohn. Sie befahlen meinem Großvater mütterlicherseits, Schaja Hauchmann, und seinem Schwiegersohn, Ilja Brachmann, mitzukommen. Auf die Fragen »wohin?« und »warum?« setzte es Schläge ins Gesicht, wobei Ilja die Brille von der Nase gerissen und zerbrochen wurde, sodass er kaum noch etwas sehen konnte. Daraufhin gab es keine Fragen mehr. Großmutter konnte aus dem Fenster sehen, wie sich die beiden Schutzmänner und Großvater mit dem Schwiegersohn am Arm auf dem Siegfried-Mejerowitz-Bulvard in Richtung Polizei-Präfektur entfernten. Großvater und sein Schwiegersohn wurden nie wieder gesehen. Wo sie ermordet wurden, weiß ich nicht genau. Vielleicht hat man sie noch in der Präfektur oder im Wald von Bikernieki erschossen.
An diesem für uns schwarzen Tag wurden in Riga viele jüdische Männer ermordet. Die Orte waren immer dieselben, entweder die Präfektur oder der Wald von Bikernieki. Auch Frauen wurden erschossen, wenn auch nicht so viele. Man mordete bereits vor dem 4. Juli. Hierbei handelte es sich aber um Einzelfälle. Nach Aussage einiger belief sich die Zahl der am 4. Juli ermordeten Juden auf 2.000. Aber wer konnte die Opfer schon alle zählen? Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass an diesem Tag Hunderte von Juden ermordet wurden.
Allein aus dem Kreis unserer Verwandten wurden neben Großvater und seinem Schwiegersohn die Frau von Vaters Bruder, Rosa Bergmann, und Vaters Cousins, Harri und Abram Bergmann, ermordet. Von den anderen Verwandten weiß ich keine Einzelheiten. Listen stellten die Täter nicht auf. Uns waren schon die Telefonanschlüsse gekappt worden, und auf die Straße gingen wir nur noch, wenn es unvermeidlich war.
An diesem Tag, dem 4. Juli, wurden auch die Rigaer Große Choral-Synagoge und das Bethaus auf dem Alten Jüdischen Friedhof niedergebrannt. In beiden Fällen verbrannten mit den Gebäuden die Menschen, die man willkürlich in sie eingesperrt hatte, bei lebendigem Leibe.
Mein Großvater, 1866 geboren, nahm trotz seines fortgeschrittenen Alters noch aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Er interessierte sich für alles, was um ihn herum vorging, und arbeitete in der jüdischen Gemeinde mit. Da ihn alle für einen redlichen und unbestechlichen Mann hielten, war er in der Gemeinde mit Revisions- und Kontrolltätigkeiten betraut. Von der großen Hochachtung, die er genoss, zeugt ein ihn betreffender Artikel in dem noch vor dem Krieg erschienenen Buch über die Juden Lettlands, »Jüdische Tuer«, Riga 1934, worin er als eine angesehene Persönlichkeit des öffentlichen Lebens erwähnt wird.
Großvater Isaj (Schaja) Hauchmann, 1927
Wir Kinder vergötterten ihn. Bei ihm war es immer so gemütlich, er strahlte so viel Güte aus und war so voller Humor, dass jeder Besuch bei ihm für uns zu einem richtigen Festtag wurde. Daneben war er auch derjenige, der uns den Kontakt zum jüdischen Glauben vermittelte. Unsere völlig areligiöse Familie ging an den Feiertagen zum Großvater, um die jüdischen Bräuche und Traditionen zu leben, sei es nun Chanukka, das Fest, an dem der wunderbaren Geschichte von der Einweihung des Tempels in Jerusalem nach der Entweihung durch die Griechen gedacht wird, sei es Purim, wenn an die Rettung vor dem Untergang in Persien erinnert wird, oder insbesondere Pessach, der Feiertag im Frühling zum Gedenken an den Auszug der Juden aus Ägypten – an diesen Tagen waren wir alle beisammen.
Vor meinen Augen steht der große Tisch, der 25 Personen Platz bot. Am Tischende sitzt Großvater und liest uns die Pessach-Haggada über den Auszug der Juden vor. Um den Tisch herum unsere ganze große Familie, Großvater hatte sechs Kinder, – alle in Festtagskleidung. Auf dem Tisch der Pessach-Wein und die Schüsseln mit den verschiedenen Speisen. Alles spielte sich genau nach den Vorschriften des Pessach-Seders ab. Obwohl wir alle, einschließlich der Generation der Eltern, aufgeklärte Juden waren, herrschte eine gehobene, irgendwie feierliche Stimmung, und wir vertieften uns in die Geschichte des Volkes, zweifelten nicht an dem wunderbaren Auszug aus Ägypten, als das Rote Meer sich vor den Juden auftat, und glaubten auch an andere Wunder, die geholfen hatten, aus der ägyptischen Sklaverei zu entkommen. Ich war aber noch wegen einer anderen Sache aufgeregt. Als Jüngster musste ich, dem Brauch entsprechend, dem Großvater vier Fragen stellen. Mein Bruder Danja, der eigentlich der Jüngste von uns dreien war, war noch viel zu klein dazu. Die Fragen musste ich in Ivrit stellen, eine Sprache, die ich eigentlich nicht kannte. Deshalb lernte ich die Fragen auswendig. Ich hatte Angst, ich könnte ins Stottern kommen und dadurch die feierliche Stimmung kaputt machen. Was für eine Blamage wäre das gewesen! Doch alles verlief reibungslos, und ich war glücklich und konnte die wunderbare feiertägliche Stimmung voll genießen.
Ich selbst bin nicht Augenzeuge der Verschleppung Großvaters und seines Schwiegersohnes gewesen. Ich weiß das nur aus den Worten der Großmutter, die uns dies einige Tage später erzählte. Die Situation wurde noch dadurch kompliziert, dass es nach der Ermordung der beiden in ihrer Familie außer dem einjährigen Alexander Brachmann keine Männer mehr gab. Später, als wir alle im Ghetto waren, schickte mich mein Vater zur Großmutter, damit ich bei ihr bleiben sollte. Irgendjemand musste doch Männerarbeit tun: Holz sägen und hacken, Wasser tragen. Während der anderthalb Monate bis zu ihrem Tod am 8. Dezember 1941 erzählte mir meine Großmutter jeden Tag, wie am 4. Juli zwei »Armbinden« mit dem Hausmeister gekommen waren, wie sie Großvater und dem Schwiegersohn ins Gesicht geschlagen und sie dann zur Präfektur geschleppt hatten.
Wer auch immer es war, wer auch immer das Einverständnis zum Mord an den Juden am 4. Juli in Riga gegeben hatte, uns war schon damals klar, dass das Mordgeschäft von unseren Landsleuten betrieben wurde. In allen Fällen ergriffen die »Armbinden« die Männer und Frauen in den Häusern. Sie sprachen Lettisch miteinander, wenn sie ihre Opfer in die Präfektur brachten, wo sich von den ersten Tagen der deutschen Besetzung Rigas an die einheimischen Nazis niedergelassen hatten. Das berichteten auch die wenigen, denen die Flucht aus der Präfektur mithilfe des einen oder anderen Armbindenträgers, den sie von irgendwoher kannten, gelang.
Im Laufe von anderthalb Monaten, von Oktober bis Ende November, existierte das »Große Ghetto«, in dem ungefähr 30.000 Rigaer Juden leben sollten.Zusammengepfercht auf einem kleinen Gelände hatten sie natürlich Kontakt untereinander und konnten sich auf diese Weise erzählen, was sie am 4. Juli erlebt hatten. Aus den übereinstimmenden Berichten der Bewohner des »Großen Ghettos« über die blutigen Ereignisse, konnte ich meine Schlussfolgerungen ziehen. Deutsche waren dabei nicht zu sehen gewesen, obwohl kein Zweifel daran bestand, dass sie als Anstifter fungierten und das Morden mit Wohlwollen betrachteten.
Einige Monate vor dem 4. Juli hatte uns der Geschichtslehrer erzählt, dass lettische Arbeiter durch eine solidarische Aktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Pogrom gegen die Juden in Riga verhindert hatten. Noch nicht einmal 40 Jahre später waren ihre Kinder und Enkel an den schrecklichen Ausschreitungen des 4. Juli beteiligt. Damals fand ich keine Erklärung dafür, und auch heute, mehr als 60 Jahre später, kann ich keine vernünftige Antwort darauf geben, was zu diesen Unmenschlichkeiten am 4. Juli geführt hat.
Sicher hat es in der lettischen Gesellschaft eine ziemlich starke antisemitische Stimmung gegeben, die ihre tiefen Wurzeln hatte und mit der auch wir Kinder in den Vorkriegsjahren konfrontiert waren. Weder dieser alltägliche, »normale« Antisemitismus, der in Lettland allerdings nie zuvor in ein Massaker gemündet war, noch die Okkupation Lettlands durch die Sowjets 1940 mit ihrem Unterdrückungsregime und den Deportationen nach Sibirien vom 14. Juni 1941 geben eine Antwort auf die Frage, warum sich die einheimische Bevölkerung an der Ermordung der Juden beteiligt hat.
In Übereinstimmung mit der antisemitischen Propaganda beschuldigte man die Juden des begeisterten Empfangs der Roten Armee im Juni 1940, der Teilnahme von Juden an den Repressalien gegenüber den Letten als Vertreter des NKWD1und der Teilnahme des Juden Schustin als stellvertretendem Volkskommissar des NKWD der Lettischen SSR bei der Deportation von Letten nach Sibirien.
1NKWD: 1934 geschaffenes Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (Polizei)
Rosa Bergmann, 1939
Abram Bergmann, 1930
Ilija Brachmann, 1927
Harri Bergmann, 1922
Vor einigen Jahren hat in Rumbula bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Holocaust eine bekannte lettische Persönlichkeit des öffentlichen Lebens gesprochen. Aus dem Inhalt der Rede ging hervor, dass der Redner die Teilnahme der einheimischen Bevölkerung am Holocaust als eine Reaktion auf das Verhalten der Juden in der sowjetischen Zeit vor dem Krieg ansah. Ich will mich gar nicht in die Streitigkeiten um diese abwegige »Begründung« einlassen, halte es jedoch für wichtig, kurz auf die oben genannten Gründe einzugehen.
Ein bestimmter Teil der Bevölkerung Lettlands, hauptsächlich die ärmeren Schichten, begrüßten die Ankunft der Roten Armee mit Freude. Nicht für alle war die »Goldene Zeit von Ulmanis« wirklich eine goldene gewesen. Es handelt sich hierbei um die Zeit vom 15. Mai 1934 bis zum 17. Juni 1940, während der Karlis Ulmanis mit seinem autoritären Regime herrschte. Ökonomisch ging es vielen Leuten nicht allzu gut. Außerdem waren viele mit dem politischen System in Ulmanis’ Lettland nicht einverstanden – der Auflösung des Parlaments, des Verbots der politischen Parteien, der Verfolgung Andersdenkender und anderer »Blüten« autoritärer Herrschaft.
Eine andere Sache ist, dass die mit Ulmanis Unzufriedenen, die die Rote Armee begrüßten, einem großen Irrtum erlagen – sie kamen von Regen in die Traufe, d.h. von einem autoritären in ein unvergleichlich schrecklicheres totalitäres Regime. Die anziehenden Losungen des Sozialismus Lenin’scher und Stalin’scher Prägung konnten dessen Wesen nur für kurze Zeit verbergen. Aber das war nicht die Schuld derjenigen, die die Rote Armee begrüßten – unter ihnen waren auch Juden – sondern eher ihr Unheil. Die Ernüchterung kam sehr bald.
Am 21. Juli 1940 sah ich aus dem Fenster unserer Wohnung auf der Elizabetes iela eine imposante Demonstration. An unserem Haus zogen die Demonstranten mit Losungen wie »Lai dzivo tas, kam nav nekas«, was so viel heißt wie: »Es lebe der, der nichts besitzt«, oder: »Ulmani uz kūdru«: Ulmanis zum Torfstechen, u.Ä. vorbei. Unter den Demonstranten waren sowohl Letten wie auch Russen und Juden.
Im NKWD Lettlands gab es auch Juden. Anhand einer vor einigen Jahren veröffentlichten Auflistung der Partei-Organisation in dieser Behörde lässt sich nachweisen, dass es unter den aktiven Funktionären nur wenige Juden gab. Opfer der Tscheka-Willkür2wurden Letten im gleichen Maße wie Juden und Angehörige anderer Nationalitäten.
2Tscheka: Abkürzung der Worte »Tschreswitschainaja Komissia«. Erste politische Polizeitruppe der Sowjetunion. Sonderkommission, in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Es ist richtig, dass im NKWD der Jude Schustin als Stellvertretender Volkskommissar arbeitete. Es ist aber auch richtig, dass prozentual die meisten der nach Sibirien Deportierten Juden waren. Von den ungefähr 15.000 Deportierten stellten die Juden mehr als 12 %, d.h. 1.800 Menschen. Ihr Anteil an der Bevölkerung Lettlands betrug jedoch nur ca. 5 %.
Es ist aber weder Schustin noch der sowjetischen Herrschaft anzurechnen, dass die Deportation nach Sibirien einem großen Teil der Juden das Leben rettete, da sie dadurch dem in Lettland tobenden Holocaust entrannen.
Eine etwas weniger voreingenommene Analyse der Ereignisse der sowjetischen Herrschaft in Lettland in den Jahren 1940–41 hätte den besagten Redner bei der Gedenkveranstaltung in Rumbula zu anderen Schlussfolgerungen führen müssen. Dass nämlich erstens die Juden in der sowjetischen Vorkriegszeit nicht weniger, sondern in mancher Beziehung sogar mehr gelitten haben als die übrige Bevölkerung. Und zweitens die Zahl der an den Unterdrückungsmaßnahmen der Sowjets Beteiligten ihren prozentualen Anteil an der Bevölkerung Lettlands nicht überschritt.
Aber wie dem auch sei, Antisemitismus bedeutet, einen Splitter im fremden Auge zu sehen (auch wenn er gar nicht existiert), den Balken im eigenen Auge aber nicht wahrzunehmen.
Es ist bemerkenswert, dass diese bis heute gängige »Erklärung« für die Teilnahme der einheimischen Bevölkerung an der Vernichtung der Juden ihre Wurzeln in der menschenverachtenden Nazi-Propaganda hat, die die Seiten des Sammelbandes »Baigais gads«, zu Deutsch »Das schreckliche Jahr«, und der Zeitung »Tevija«, zu Deutsch »Vaterland«, füllten.
In »Baigais gads« wird verkündet, dass an allem die Juden schuld, und Kommunisten, Tschekisten und Juden ein und dasselbe seien. Erstaunlich ist nur, dass es heute noch Leute gibt, die diesen Sammelband wie einen Katechismus betrachten und sich in Zeitungsartikeln und Publikationen darauf beziehen. Was die »Tevija« betrifft, habe ich niemals eine widerlichere Lektüre in Händen gehalten, obwohl ich manchmal auch den »Stürmer« von Julius Streicher gelesen habe. Den Befehl zur Judenvernichtung hat Streicher nicht gegeben, aber er hat ihn empfohlen und dazu aufgehetzt. Ich bin überzeugt davon, dass die Redakteure und Journalisten der genannten lettischen Publikationen später genauso hätten angeklagt werden müssen wie Streicher beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Wenn auch Streicher ähnlich, so waren sie doch verglichen mit ihm kleinere Nummern. Legt man aber lettische Maßstäbe an, so unterscheiden sich die Auswirkungen ihrer Aktivitäten in keiner Weise von denen Streichers.
Mir ist nicht ein einziger Fall bekannt, in dem diese Schreibtischtäter wegen ihrer antisemitischen Hetze und Aufstachelung zur Tötung der Juden zur Rechenschaft gezogen worden wären – weder in der sowjetischen Nachkriegszeit noch in der Zeit nach der wiedererlangten lettischen Selbstständigkeit. Man muss dabei allerdings anmerken, dass sich ein Großteil von ihnen in den Westen flüchten und dort verbergen konnte. Auch da gab es keine nennenswerten Versuche, sie aufzuspüren und ihre Tätigkeit während des Krieges zu beleuchten.
Ich kann mir vorstellen, auch wenn diese Vorstellung absolut unentschuldbar ist, dass gewisse Teile in allen Schichten der Bevölkerung Lettlands mit tiefsitzenden antisemitischen Wurzeln, verstärkt durch die Wirkung des Giftes der Nazi-Propaganda, nach der der Jude an allem Übel schuld und daher zu vernichten sei, sich zu Bluttaten hinreißen ließen. Jedoch ist weder der Mord an meinem Großvater, an seinem Schwiegersohn noch der an Hunderten anderer Juden am 4. Juli 1941, dem vierten Tag der deutschen Okkupation Rigas, dadurch zu erklären. Der Sammelband »Das Schreckliche Jahr« war noch nicht herausgegeben, und die Zeitung »Tevija« kam gerade erst heraus. Das Radio sendete zwar schon, aber zum Massenmord rief es noch nicht auf.
Wer verübte dann die Morde vom 4. Juli?
Ich weiß, dass meine Erklärungsversuche verworfen werden können. Dennoch nenne ich diese Menschen oder besser Unmenschen »Mörder des ersten Tages«. Diese Banditen brauchten nicht erst motiviert zu werden. Schon lange vor der deutschen Okkupation waren sie bereit zu töten. Sie brauchten nur auf das Signal, die Stunde X, zu warten. Die Mordaktion vom 4. Juli war eine präzise organisierte Operation, die nur einen Tag dauerte. Dazu war es allerdings nötig, die Freiwilligen auszusuchen, sie mit Waffen und Armbinden zu versorgen, den Transport der zu Erschießenden und der Leichen in den Wald von Bikernieki zu organisieren und Gruben auszuheben. Auch musste die Anzahl der Todesopfer festgelegt werden. In allem, sei es der Mord an meinem Großvater, seien es die vielen anderen Morde, konnte weder von Spontaneität, noch von Pogromstimmung die Rede sein. Im Gegenteil, alles war sorgfältig geplant.
Die Motive dieser Mörder des ersten Tages waren vielfältig. Dazu gehörte auch die Gedankenwelt der einheimischen faschistischen Organisation, des »Perkonkrust«, zu Deutsch »Donnerkreuz«, und der »Aizsargi«, einer paramilitärischen nationalistischen Organisation aus der Vorkriegszeit. Hinzu kamen die Wünsche, sich bei der neuen Macht im Lande lieb Kind zu machen und sich – besonders auf dem Lande – am Vermögen der Juden zu bereichern. Die Zahl dieser Mörder war nicht begrenzt auf die berüchtigte Bande Arajs’,3die ihre Mordtaten vom ersten Tag der deutschen Okkupation an verübte.
3Viktors Arajs, Jurist, Chef einer Abteilung des Sicherheitsdienstes in Lettland, berüchtigter Mörder an Juden, wurde nach dem Krieg in Hamburg zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er starb im Gefängnis.
Im Juli 1941 hatte ich noch einige Tage die Hoffnung, dass Großvater zurückkommen würde. Doch schon bald, nachdem ich von anderen Juden hörte, deren Schicksal dem meines Großvaters ähnelte, schwand diese Hoffnung.
Ich weiß nicht, warum, aber vor meinem Auge habe ich ständig ein und dasselbe Bild: Großvater und mein Vater beim Schachspielen im Café Rainer, das sich in der Valnu iela befand. Ich, neun Jahre alt, sitze daneben. Großvater gewinnt ein Spiel nach dem anderen, obwohl mein Vater nach meinem Dafürhalten ein guter Spieler ist. Als Vater einen falschen Zug macht, nennt ihn Großvater im freundlichen Ton einen Dummkopf. Mein Vater war für mich immer die oberste Autorität, und ich war wegen dieser Bezeichnung furchtbar wütend auf meinen Großvater. Doch die beiden lächelten sich freundlich an.
ARBEITSBEGINN BEI DEN DEUTSCHEN
27. JULI 1941
Auf der Haustafel, die im Hauseingang hing, war bezüglich unserer Wohnung Nr. 3 der typisch lettische Name »Žanis Bergmannis« eingetragen. Für Juden war ein solcher Name eher ungewöhnlich. Das ist deshalb nicht unwichtig, weil uns nämlich am 4. Juli und den darauf folgenden Tagen keiner der Schutzleute besuchte. Nur mithilfe des Hausmeisters und aufgrund von Denunziationen bezüglich des angeblich jüdischen Aussehens oder eines typisch jüdischen Vor- und Familiennamens, der sich entweder im Telefonbuch oder auf den Tafeln in den Wohnhäusern fand, war es in den ersten Tagen möglich zu bestimmen, wer Jude war und wer nicht. Im Rigaer Telefonbuch stand »Bergmann, Jeannot« mit der Berufsbezeichnung »Lehrer«.
Allerdings beehrte uns eines Tages ein Wehrmachtsoffizier, der sich im Nebenhaus niedergelassen hatte. Elegant gekleidet, eine Reitgerte in der Hand und begleitet von einem einheimischen Zivilisten, möglicherweise dem Hauswart. Er sagte kein einziges Wort, würdigte uns keines Blickes, sondern ging durch alle sechs Zimmer und sah sich die Einrichtung an. Es war ersichtlich, dass er unsere Möbel nicht besonders schätzte. Nachdem er mit der Gerte seinen Begleiter nur auf eine kleine Etagere aufmerksam gemacht hatte, verließ er genauso schweigend wieder unsere Wohnung. Sein Begleiter fegte die Bücher von der Etagere, lud sich das Möbelstück auf die Schulter und folgte ihm. Im Vergleich mit dem, was ich mit der Verhaftung des Großvaters schon erlebt hatte, war das eine eher unbedeutende Episode. Doch hat sie sich mir tief eingeprägt. Zum ersten Mal verstand ich, dass wir in den Augen dieses Offiziers »Untermenschen« waren, die in der menschlichen Gesellschaft gar nicht existierten.
Zu einem weiteren Vorfall, der mich noch lange Jahre im Schlaf verfolgte, kam es ein paar Tage später. Das war schon zu der Zeit, als wir gezwungen waren, den Davidstern auf Brust und Rücken zu tragen, die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr benutzen durften und es uns verboten war, in »arischen« Geschäften einzukaufen. Nur im Rinnstein durften wir gehen, nicht auf den Bürgersteigen.
Wenn wir es in den ersten Tagen der Okkupation wegen unseres jüdischen Aussehens möglichst vermieden, uns auf der Straße zu zeigen, so blieben wir nach der Verordnung erst recht zu Hause und gingen nur hinaus, wenn es unumgänglich notwendig war.
Dem freundlichen Verhalten der Bäckersfrauen Kruminja und Bulinja, die uns gegenüber ihr Geschäft hatten, war es zu verdanken, dass wir mit Brot versorgt wurden. Graupen und Konserven hatte Mutter schon in der sowjetischen Zeit beschafft, in weiser Voraussicht, dass diese zu irgendeiner Zeit vielleicht einmal aus den Ladenregalen verschwinden könnten. So konnten wir uns eine gewisse Zeit über Wasser halten, ohne auf die Straße gehen zu müssen.
Doch, als wenn es der Teufel gewollt hätte, bekam ich unter der Achselhöhle einen riesigen Karbunkel, der fürchterlich schmerzte. Ich brauchte einen Arzt. Zu einem »arischen« durften wir nicht gehen. Die einzige Ambulanz, an der Dr. Chazkelson, Vater meiner jüdischen Mitschülerin, Juden behandeln durfte, befand sich vier Kilometer von unserem Haus entfernt, an der Ecke Maskavas- /Lubanas iela. Zum ersten Mal sollte ich diesen Weg hin und zurück mit dem Stern auf Brust und Rücken im Rinnstein gehen.
Keiner der Vorübergehenden schlug mich, keiner spuckte mir ins Gesicht, keiner bedachte mich mit Schimpfworten. Sie sahen mich nur an. Aber mit was für einem Gesichtsausdruck! Viele spöttisch, mit unverhohlener Schadenfreude. Die meisten aber völlig gleichgültig. Nur selten bemerkte ich bei ihneneinen mitfühlenden Blick. Es war der reinste Spießrutenlauf für mich. Ich lernte, dass Blicke nicht nur verletzen, sondern wirklich töten können. Ich fühlte buchstäblich einen körperlichen Schmerz. Dieser Weg, den ich im Traum nach dem Krieg so oft erneut ging – während des Krieges träumte ich nicht davon -, hatte aber auch einen positiven Effekt. Langsam härtete ich mich ab. Ich kümmerte mich nicht mehr um die Menschen um mich herum, sofern sie meinem Überleben nicht im Weg standen. Noch einige Male musste ich diesen Weg zum Arzt mit dem Stern auf Brust und Rücken zurücklegen, aber nichts Unangenehmes vonseiten der Passanten ist mir dabei im Gedächtnis geblieben. Ich hatte mich an meine Situation ebenso gewöhnt, wie sie sich jetzt daran gewöhnt hatten, dass diese »Untermenschen« mit einem Stern auf Brust und Rücken eben nur im Rinnstein gehen durften.
Einige Zeit später, als das Ghetto schon existierte, wir aber noch in unserer Stadtwohnung lebten, war ein Gang durch die Stadt ohne »arische« Begleitung einfach zu gefährlich. Deshalb überredete ich meinen Freund Eli Levenson dazu. Sein Äußeres ließ ihn glatt als Arier durchgehen. Blond und mit blauen Augen bot er das Bild eines Ariers schlechthin. So ging er also auf dem Bürgersteig und ich im Rinnstein. Eli, der immer gerne Scherze machte, trieb mich unablässig vor sich her und rief dabei so laut, dass die Vorübergehenden es hören konnten: »Ejātrāk, netūļājies.« – »Los schneller, nicht trödeln.«
Elis Vater hatte Frau und Kinder sich selbst überlassen und war nach Russland geflohen, weit weg von der Familie. Zusammen mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder ist Eli in einer der Mord-Aktionen umgekommen.
Ich will das, was ich auf meinem ersten Gang zum Arzt beobachtete, nicht überbewerten und bin weit davon entfernt, dem den Charakter objektiver Wahrheit zuzumessen. Auch heute werden in wissenschaftlich fundierten Erhebungen Fehler begangen. Mir blieben mit den Blicken der Passanten nur flüchtige und schwindende Eindrücke. Doch bleibe ich bei dem, was ich beobachtet und woraus ich meine Schlüsse gezogen habe.
Während der deutschen Besatzung fühlte ich mich fast wie ein Versuchskaninchen, mit dem ein Experiment angestellt werden sollte: Wie lange lebt dieses Kaninchen in einer Situation ständiger, gewaltsamer Unterdrückung ohne die geringste Möglichkeit, einmal frei atmen zu können? Dennoch verlernte ich dabei nicht, meine Umgebung genau zu beobachten, mit Ausnahme von Zeiten der völligen Apathie und Abstumpfung, die es natürlich auch gab. So habe ich im Winter 1941/42 und besonders im Winter 1942/43 einige Veränderungen im Umgang der einheimischen Bevölkerung mit uns beobachten können. Schon damals konnte ich feststellen, dass diese Veränderung mit der Lage an der Front zusammenhing, dem Zurückweichen der deutschen Truppen vor Moskau im Dezember 1941 und der Zerschlagung der deutschen Armee bei Stalingrad im Februar 1943.
Meine oben angeführten Beobachtungen bezüglich der Reaktionen der Passanten auf mein Erscheinen auf der Straße mit den Davidssternen erfordert es, in wenigen Worten auf die Bedeutung der Zeugenaussagen und dabei besonders der Aussagen jener Menschen einzugehen, die den Holocaust überlebt haben. Das ist auch deshalb wichtig, weil mein Buch zu großen Teilen als Aussage eines Augenzeugen anzusehen ist.
In meiner beruflichen Tätigkeit als Anwalt und Verteidiger in Strafsachen sah ich mich jeden Tag mit dem Problem der Zeugenaussagen und ihrer Wahrhaftigkeit konfrontiert. Oft waren die einen Aussagen bewusst unwahr, andere deshalb nicht wahrheitsgetreu, weil der Zeuge sich in dem, was er wahrgenommen hatte, irrte.
Dem ersten Fall konnten verschiedene Motive zugrunde liegen. Es konnte sich um Liebedienerei handeln oder um materiellen Eigennutz. Beiden Motiven ist gemeinsam, dass der Zeuge von einem Eigeninteresse bestimmt ist. Im anderen Fall, wenn der Zeuge die Vorgänge falsch wahrgenommen hat, können dessen physische oder psychische Verfassung die Ursache sein. Offensichtlich ist es erforderlich, jede Zeugenaussage, wie auch jeden anderen Beweis, kritisch zu bewerten.
Gleichzeitig sind Zeugenaussagen der Menschen, die den Holocaust überlebt haben, insbesondere der Augenzeugen des Massenmordes, und es gibt ihrer nur wenige, eine unschätzbare Quelle des Wissens über den Holocaust, die nicht hoch genug bewertet werden kann und durch nichts zu ersetzen ist.
Trotzdem sind Versuche zu beobachten, die Bedeutung der Aussagen der Holocaustüberlebenden gering zu achten oder sogar zu negieren. Ihre Aussagen werden mitunter auch von ernst zu nehmenden Historikern außer Acht gelassen, weil es ihnen legitim erscheint, Aussagen, die nicht in ihr Konzept passen, mit dem Hinweis auf das Eigeninteresse der Opfer abzulehnen. In unserem Fall ist die Rede von den Aussagen der Augenzeugen des Holocaust, die Zeugnis geben vom Anteil der Einheimischen an der Vernichtung der lettischen Juden. Ich meine, dass die Aussagen der Augenzeugen nur in dem Fall unberücksichtigt bleiben dürfen, wenn sie im Gegensatz zu anderen, nicht zu widerlegenden Beweisen stehen. In keinem Fall aber durch den Vorwand, dass ein Opfer eines Verbrechens immer als eine im Eigeninteresse handelnde Person angesehen wird.
