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Man könnte meinen, dass bei den Prominenten das Leben irgendwie einfacher ist. Sie müssen sich um Geld keine Sorgen machen, der Alltag besteht aus Partys und Wohltätigkeitsveranstaltungen und die Familien funktionieren von ganz alleine. Könnte man meinen. Die Wirklichkeit sieht aber etwas anders aus. Natascha Ochsenknecht erzählt offen und ungeschminkt ihre Geschichte und die ihrer Familie, die – so verrückt sie auch in der Öffentlichkeit erscheinen mag – noch viel mehr zu bieten hat als außergewöhnliche Vornamen und Auftritte auf dem roten Teppich. Natascha Ochsenknecht erzählt entwaffnend offen von ihrem Leben in der Glamourwelt und Phasen tiefer Depression, von der großen Liebe, großer Enttäuschung und einer Wunschfamilie, die gemeinsam unglaubliche Krisen meistert und am Ende dennoch zerbricht. Vor allem aber erzählt sie davon, wie sich ein Leben an der Seite eines bekannten Schauspielers anfühlt, wie man sich nach einer schmerzhaften Trennung neu orientiert und wie man ein neues Leben beginnt, wenn alle dabei zusehen.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
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1. Auflage 2018
© 2012 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,
Nymphenburger Straße 86 D-80636 München Tel.: 089 651285-0 Fax: 089 652096
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Manuskriptbearbeitung: Palma Müller-Scherf, Berlin
Redaktion: Marion Appelt, Wiesbaden
Umschlaggestaltung: Maria Wittek, München
Umschlagabbildung: Harry Schnitger, Berlin
Satz: HJR, Jürgen Echter, Landsberg am Lech
EPUB: Grafikstudio Foerster, Belgern
ISBN Print 978-3-86882-494-0ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-259-7
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86415-293-1
Weitere Infos zum Verlag finden Sie unter
www.mvg-verlag.de
Romantisch ist was anderes ...
Meine Family
Meine Wurzeln
Immer was los
Ein Schnitt, der mein Leben veränderte
The Oscar goes to ...
Mir fehlen die Worte ...
Auf ein Neues
Meine wilden Kerle?
Gesund – was ist das?
Ein Ende aus dem Nichts
Wenn schon neu, dann richtig
Ich sag dann mal Danke
Immer wenn man nicht damit rechnet, dann passiert es im Leben ... Ich war gerade in München angekommen und suchte die Wohnung meiner Freundin Carmen. Zu der Zeit wohnte ich noch zusammen mit meinem Fast-Exfreund in Köln. Vor meiner Abreise hatte ich ihm schon gesagt, dass unsere Beziehung keinen Sinn mehr machen würde. Ich fühlte mich ausgenutzt, arbeitete rund um die Uhr als Model, während er mit meinem schwer verdienten BMW durch die Gegend fuhr. Irgendwas lief falsch. Wenn wir Frauen uns verknallen, übersehen wir gerne mal die roten Ampeln. Ich liebe es zu lieben und gebe dann alles, nur verarscht werden, geht gar nicht.
Als ich bei meiner Freundin ankam, verkündete sie mir gleich die frohe Botschaft, dass später bei ihr eine Boxkampf-Party stattfinden würde. Ich hatte mich schon auf einen entspannten Abend gefreut, daraus wurde nun nix. Gott sei Dank war Wochenende und ich hatte zwei freie Tage. Dieser Boxkampf am 25. Februar 1989 veränderte mein Leben um 180 Grad.
Carmen hatte sich vor dem Kampf noch mit Freunden zum Essen verabredet. Ich schmiss mich also in meine Jeans, weißes T-Shirt, keine Schminke, offene Haare, dunkle Brille, Cowboystiefel. Wir fuhren nach Schwabing in eine Kneipe mit der größten Speisekarte, die ich je gesehen habe. Carmen erzählte mir nebenbei, dass wir uns alle um fünf Uhr bei ihr in der Wohnung treffen würden, um den Mike-Tyson-Kampf anzuschauen. Plötzlich traten ein paar Leute an unseren Tisch und ich lernte den ersten Schauspieler meines Lebens kennen. Ralf Richter. Ein netter Kerl mit unverkennbarer Stimme. Zu der Zeit hatte ich noch nicht so eine große Klappe wie heute. Ich war eher zurückhaltend, beobachtete gern.
Um vier Uhr morgens brachen wir zu Carmens Wohnung auf. Die ersten Leute trafen ein, ihre Nachbarn Giorgio und Margit, andere Freunde, unter ihnen Bruno Eyron. Kurz bevor der Kampf begann, klingelte es und ein Mann kam durch den Flur geschlendert. Bei der Fashion-Police wäre er definitiv durchgefallen. Schwarze Karottenjeans, geschätzte 20 Zentimeter zu kurz, weiße Tennissocken, die perfekt zur Geltung kamen, schwarze spitze Schuhe, graues Sweatshirt mit schwarzweiß gestrickten Bündchen, eine Baseballkappe und – jetzt kommt’s – eine goldene riesige Ray-Ban-Brille mit orangerosa Gläsern. In der Hand hielt er eine Plastiktüte mit Flaschen. Dieser Typ sagte nur kurz: »Hallo«, ging in die Küche zum Kühlschrank, beugte sich vor, um die Flaschen dort hineinzulegen, während mein Blick ihm folgte und ich auf diesen Knackarsch schaute. Ehe ich mich versah, saß er mir dann gegenüber, neben Giorgio. Ich hockte auf dem Boden und realisierte da erst, dass dieser Typ, der hier reinkam und sich nicht vorstellte, Uwe Ochsenknecht war. Er hatte seit dem Kinofilm Männer ein paar Kilo zugelegt, später erfuhr ich, dass das auch für eine Filmrolle war.
Er beobachtete mich die ganze Zeit und auch ich musste immer wieder zu ihm hinschauen. Mist, diese grünen Augen provozierten mich irgendwie. Wir sprachen kein Wort miteinander. Immer wenn sich unsere Blicke kreuzten, guckte ich schnell zu Giorgio. Jahre später habe ich erfahren, dass Margit eifersüchtig auf mich war, sie dachte nämlich, ich wollte ihren Mann anmachen.
Der Tyson-Kampf begann und nach drei Minuten war er durch ein schnelles K. o. schon wieder zu Ende. Wir waren alle sauer und diskutierten wie blöd. Plötzlich stand Uwe auf, setzte sich neben mich und fragte: »Wer bist denn du eigentlich?« Ich schaute ihn an und sagte: »Wer bist denn du eigentlich? Du kommst hier rein, stellst dich nicht vor. Meinst du, jeder muss dich kennen oder was?!« Er sah mich sprachlos an und ich merkte, wie die Runde aufhörte zu reden. Alle waren gespannt auf seine Reaktion, und die fiel anders aus als erwartet.
Uwe entschuldigte sich, und das nicht nur einmal, sondern im Verlauf des Abends noch mehrfach. Leider machte er trotzdem schnell den nächsten Fehler. Er lud mich zur Filmpremiere von Doris Dörries FilmGeldin zwei Wochen ein. Natürlich sagte ich Nein, ich kannte ihn doch gar nicht und dann gleich so was. Ich erklärte ihm, dass ich keine Lust dazu hätte. Da seien Fotografen und ich wäre nicht scharf darauf, zusammen mit ihm abgelichtet zu werden. Er schaute mich verdutzt an. Jede andere Frau hätte sich wahrscheinlich darum gerissen, aber mir war das wurscht. Schauspieler hin oder her.
Also unser Kennenlernen war auf jeden Fall alles andere als romantisch. Dass etwas zwischen uns in der Luft lag, merkten wir beide und die anderen auch. Es war halt irgendwie anders. Uwe wollte bei Giorgio und Margit übernachten, die in der Wohnung gegenüber wohnten. Wir verabredeten, dass derjenige von uns beiden, der zuerst aufwacht, den anderen anruft. Als ich im Bett lag, merkte ich, dass dieser Typ mir Kopfzerbrechen bereitete, und zwar so sehr, dass ich die Augen kaum zubekam. Warum denken wir Frauen kurz vor dem Einschlafen bloß immer über alles nach ... Männer legen sich einfach hin und sind, zack, im Tiefschlaf. Nach zwei Stunden Schlaf fiel mir unsere Abmachung ein, wer zuerst aufwacht, ruft an. Also ich war wach und müsste eigentlich anrufen, Uwe schlief anscheinend noch, sonst hätte er sich ja wohl gemeldet. Typisch Frau, wieder zu viel nachgedacht, rufe ich zuerst an, denkt er vielleicht, ich wäre hinter ihm her. Rufe ich ihn nicht an, würde ich mein Wort nicht halten ... Okay. Ich rufe an, lass einmal klingeln und lege sofort wieder auf. Gedacht, getan. Es klingelte einmal, ich legte auf. Kaum aufgelegt, klingelte es bei mir, ich habe mich so erschrocken. Wer ist dran? Uwe. »Hast du angerufen?« Ich: »Ja …« Er: »Wollen wir heute Abend zusammen ins Kino gehen?« Ich: »Ja, passt.«
Es war ein Katastrophen-Film. Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, todlangweilig. Uwe war genauso begeistert wie ich. Danach trafen wir noch Freunde von ihm in einer Kneipe. Außer reden und den anderen beobachten passierte nix. Als Model ist das schon komisch, denn normalerweise gehen die Männer eher gleich zwei Schritte weiter. Trophäen einsammeln und so. Aber nix, gar nix. Nach einer Weile spürte ich plötzlich ein Knie an meinem Bein, ach du Scheiße, und nun? Irgendwie überraschte mich das, erst wartet man, nichts passiert, dann passiert’s und man ist überrascht und weiß nicht, was man tun soll. Nach einer Weile trennten sich unsere Wege und wir verabredeten uns für den nächsten Abend in einem Restaurant. Kein Kuss!
Ich hatte am folgenden Tag ein Casting und freute mich tierisch auf diesen Abend, der dann auch entsprechend enden sollte. Wir saßen am Tisch und redeten über alles, was uns gerade einfiel. Uwe kam aus einer ganz anderen Welt als ich, und das war echt spannend.
Ich bin auf einem Dorf mit 500 Einwohnern groß geworden, zwei Kneipen, ein Edeka, ein Bäcker. Meine Eltern waren zwar die Freaks dort und passten eigentlich nicht in den Ort, aber wir waren bodenständig und deshalb hat man uns auch irgendwann akzeptiert.
So, jetzt saß Natascha Wierichs aus Liedingen, 24 Jahre alt, Uwe Ochsenknecht, bekannt aus Männer, gegenüber und die Chemie passte verdammt gut. Wir fingen an zu essen und plötzlich schaute mich Uwe an und sagte: »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du einen wunderschönen Mund hast?« Ich: »Mm, nee, noch nie.« Ich merkte, da kommt jetzt noch was. Er: »Den würde ich jetzt gerne küssen.« Ich: »Und ich würde jetzt gerne weiteressen, danach kannste mich küssen.« Er: »Okay!« Innerlich sagte ich zu mir: Was redest du da, Natascha, bist du bescheuert?! Der muss ja denken, du hast sie nicht mehr alle.
Na ja, was soll’s. Ich war mit dem Essen fertig, guckte Uwe an und sagte: »Jetzt darfste mich küssen.« Der erste Kuss!
Eine Woche später bin ich dann doch mit zur Premiere gegangen. Uwe im pinkfarbenen Seidenanzug und ich im schwarzen Kleid mit einer pinkfarbenen Jacke darüber, die mir meine Mutter noch schnell genäht hatte. Es sah so abgesprochen aus mit unseren Klamotten, denn es war haargenau der gleiche Pinkton, dabei war es Zufall. Wir hatten eben die gleiche Lieblingsfarbe ...
Als ich das hörte, dachte ich: Klar, ein Mann liebt Pink, haha.
Die Premiere war spannend. Ich lernte seine Mutter kennen und tausend andere Leute aus der Filmbranche. Ich merkte als Hobbypsychologin (ich glaube, das ist irgendwie jede Frau) schnell, dass da mehr Schein als Sein ist. Jeder ist nett und dann ... blablabla. Ich nahm mir gleich vor: Du bleibst, wie du bist. Ich denke auch heute noch so: Aufpassen, vergiss nie deine Wurzeln.
Das allererste Geschenk an Uwe war dann auch etwas Besonderes, ein typisches Natascha-Geschenk: ein von mir bemaltes Gänseei und frische Nürnberger Rostbratwürstchen. Ein bisschen bescheuert hat er da schon geguckt.
Aber mal ehrlich, Gänseeier gekocht wie ein Frühstücksei sind der Hammer. Da ist viermal so viel Eigelb drin und das schmeckt so lecker. Heutzutage gibt’s die wohl gar nicht mehr, denn nirgendwo sieht man sie.
Meine Familie ist fresssüchtig, meine Mutter haben wir früher liebevoll »unseren Mülleimer« genannt. Alles, was wir nicht aufaßen, verputzte sie, getreu dem Motto: »Das kann man doch nicht liegen lassen, wär doch schade drum!« – Ja, Mama, lass es dir schmecken.
Zwei Tage später bekam ich von Uwe einen Heiratsantrag. Oh Gott, war ich baff, wir kannten uns knapp zehn Tage. Ich brauchte eigentlich noch Zeit und überlegte, ob ich dieses andere Leben überhaupt wollte. Aber wo die Liebe hinfällt … Ich entschied mich für unsere Beziehung und damit für dieses Leben in der Öffentlichkeit, ohne Wenn und Aber. Ich nahm mir vor, nie eifersüchtig zu sein und mich nie zu beschweren, wenn er zum Drehen unterwegs war. So bin ich. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann zu 100 Prozent.
Nach zwei Wochen zog ich bei Uwe bei. Da stand ich dann mit meinen pinkfarbenen Reisetaschen auf seinem pinkfarbenen Teppich. Das zum Thema Pink, es war tatsächlich seine Lieblingsfarbe. Wir lebten von da an mitten im Großmarktviertel von München, Uwe wohnte schon ewig dort. Erdgeschoss, circa 70 Quadratmeter, vor dem Wohnzimmerfenster die Bushaltestelle, an der sich gerne Obdachlose die ganze Nacht aufhielten. Ab vier Uhr morgens donnerten die Lkws am Schlafzimmer vorbei, und wenn man im Bett lag, hörte man, ob die U-Bahn pünktlich war.
Nebenan befand sich ein italienisches Restaurant, die Küche grenzte an unser Badezimmer, das war wie Radio, denn man konnte immer hören, was gerade geordert wurde. Wenn ich mal Essen bestellte, dann machte ich das im Bad, denn eine Minute später hörte ich: »Eine Pizza Quattro Stagioni füre Natascha un e Spaghetti Vongole für Uwe, avanti, avanti.« Das war echt super.
Es war mit die schönste Zeit in unserer Beziehung, alles überschaubar und gemütlich, ohne Glanz und Glamour. Aber es gab auch schräge Geschichten ... Uwe fuhr im April mit Giorgio zu Freunden nach Gstaad, es war saukalt und schneite ohne Ende. Ich hatte einen Job in München und bin deshalb nicht mit. Nach drei Tagen hatte er die verrückte Idee, dass ich unbedingt nachkommen sollte. Gesagt, getan. Ich im Flieger nach Bern, katastrophaler Flug, nachts, Propellermaschine und dann noch Schneesturm. Als ich ankam, sollte ich mir wegen des Wetters ein Taxi nehmen. Die Fahrt dauerte vier Stunden und es wurde die teuerste Taxifahrt meines Lebens. Uwe bezahlte 500 DM dafür.
Wir wohnten in einem wunderschönen Chalet. Als ich am nächsten Morgen duschte und nackt vor dem Spiegel stand, fühlte ich mich irgendwie beobachtet. So was spürt man doch, oder? Nur mir fiel nichts auf, kein Schlüsselloch, nichts. Ich dachte schon, ich spinne, bis ich sie entdeckte. Es waren vier oder fünf Männer, sie standen in einem Heißluftballon und der hing in einer riesigen Tanne genau vor dem Badezimmerfenster fest. Der Ballon hatte sich darin verfangen und die Jungs guckten mir schon die ganze Zeit im Bad zu.
Kurze Zeit später waren wir dann zum Geburtstag von Gloria von T. u. T. im Regensburger Schloss zum Essen eingeladen. Himmel noch mal, was ziehe ich an ... Ich liebe Schnäppchen. Im Vorbeifahren sah ich vor einem Geschäft einen Kleiderständer mit reduzierten Brautkleidern. Da musste ich hin, und tatsächlich fand ich dort ein schulterfreies Hochzeitskleid für 100 DM, dazu trug ich dann pinkfarbene Chucks und weiße Rüschensocken. An dem Abend mussten wir getrennt sitzen und ich gab mich als Bäckerei-Fachverkäuferin bei meinen wichtigen Nachbarn aus.
Keith Haring war auch als Gast da, man sah ihm schon an, dass er sehr krank war. Er hatte für jeden einen wunderschönen Platzteller entworfen und noch dazu mit seiner Unterschrift und dem Namen des Gastes versehen. Als Gloria auf die Bühne stürmte, um zu singen, sah ich, wie plötzlich einige selbst betagtere und prominente Gäste sich stapelweise Platzteller unter den Arm klemmten und zum Ausgang hechteten. Ich fand das furchtbar, wie konnte man so gierig sein!
Ich beobachtete mal wieder alles Mögliche, als auf einmal ein junger Mann neben mir auf sich aufmerksam machte. Wir sagten »Hallo« und dann schwiegen wir uns erst mal gefühlte Ewigkeiten an. Da war ich dann plötzlich schüchtern. Aber irgendwann sagte er: »Entschuldigung ... Ich komme aus einer Tennisfamilie, mein Vater hat sogar nebenbei Jugendmannschaften trainiert. Er selber spielt im Alter noch Oberliga.« Und ich stehe also neben Boris Becker auf einer Party.
Tja, und dann fingen wir an, uns zu unterhalten, wie sich normale Leute eben unterhalten. Ich freue mich immer, Boris zu sehen. Ich muss jedes Mal darüber schmunzeln, wie schüchtern wir doch damals waren.
Übrigens, mein Keith-Haring-Platzteller war auch verschwunden und Uwe seiner wurde Jahre später von unserer Putzfrau in den Geschirrspüler gestellt und somit war die ganze Signatur dann abgewaschen.
Nach Regensburg musste Uwe für sechs Wochen nach Ungarn, er drehte dort Bismarck. Ich hatte noch Termine, wollte dann aber nachkommen. Alles lief super, außer dass es noch eine andere Seite von mir gab, die kannte keiner und die war furchtbar. Ich musste mich mehrmals am Tag übergeben. Es fing immer nachmittags an und ging über Stunden. Mittlerweile hatte ich mich schon so daran gewöhnt, dass es wie essen und trinken zu meinem Leben gehörte, es ging ja schon drei Jahre so.
Zu der Zeit war es im Schnitt sechs Mal am Tag. Keiner bemerkte es und ich wollte auch niemanden damit belasten. Ärzte konnten mir nicht helfen, meine Blutwerte waren super und ich versuchte irgendwie damit klarzukommen. Uwe merkte auch nichts.
Ich fuhr mit seinem Auto nach Budapest und freute mich darauf, ihn wiederzusehen. Wir wohnten dann im Hilton Budapest mit einem Wahnsinnsblick auf die Stadt. Als Uwe vom Drehen kam, hatte er eine Kappe auf, und als er sie abnahm, fiel ich fast in Ohnmacht. Seine schönen Locken waren weg und er hatte eine Landebahn auf dem Kopf, nur an den Seiten hatte er noch Haare. Da er Otto von Bismarck im Alter von Mitte 30 bis 70 spielte, musste die Matte ab. Plötzlich lag ich also statt mit einem Rocker mit einem »alten« Mann im Bett.
Immer wenn Uwe freihatte, erkundeten wir die Gegend und quatschten über Gott und die Welt. Ich erfuhr, dass er auch Musik machte und sang, dabei hoffte ich inständig, dass er auch wirklich singen könne und dass es kein Schrott war, denn sonst müsste ich ihm das sagen, und damit kann ja leider auch nicht jeder umgehen.
Eines Tages spielte mir Uwe während einer Autofahrt einen Song vor und erzählte, dass er den für einen Film geschrieben hätte. Ich war begeistert, er konnte singen, es war ein tolles Lied und es traf meinen Geschmack. Glück gehabt!
Uwe ist ein großer Stevie-Wonder-Fan und ich sagte zu ihm: »Wenn jetzt Stevie Wonder in unserem Hotel wäre, dann würde ich ihm glatt den Song vorspielen, so toll ist der.« Uwe lachte noch darüber. Zehn Minuten später erreichten wir das Hotel und eine Menschentraube kam uns entgegen, weitere Limousinen fuhren vor. Als wir das Hotel betraten, lief uns der Maskenbildner völlig aufgeregt entgegen und erzählte folgende Geschichte: Er wartete auf den Fahrstuhl, Fahrstuhl kommt, Fahrstuhl geht auf – und vor ihm steht Stevie Wonder! Uwe und ich schauten uns an, wir konnten es nicht fassen. Ich dachte, der verarscht uns, ich war so baff und konnte es einfach nicht glauben. Er zeigte dann in die Richtung, wo die Menschen standen, und tatsächlich entdeckten wir dort Stevie Wonder.
Er gab an dem Abend ein Konzert in Budapest. Ich dachte daran, was passiert wäre, wenn wir zwei Minuten früher am Fahrstuhl gestanden hätten und Stevie Wonder wäre plötzlich leibhaftig vor uns aufgetaucht. Ich glaube, ich wäre vor Schreck umgefallen. Das war zu verrückt.
Ungarn war eine tolle Zeit, wir waren frischverliebt und es war einfach nur schön. Eines Morgens meinte Uwe: »Komm, hör auf, die Pille zu nehmen.« Über Kinder hatten wir schon gesprochen, bei uns ging alles ratzfatz und somit landete die Pille im Mülleimer. Ich hatte damit gerechnet, dass es eine Weile dauern würde, bis ich schwanger wäre, aber nein. Das Filmteam machte schon Scherze über meine schwache Blase und als mir dann noch eine Taube im Sitzen auf den Schoß kackte, meinten alle: »Pass auf, du bist bestimmt schwanger.«
Klar, als wenn das so zack, zack ginge, aber in meinem Gesicht stand nichts darüber. Es war jedoch tatsächlich so. Zurück in München, erfuhr ich, dass ich schwanger war. Was für eine Überraschung, wir waren gerade mal vier Monate zusammen. Unsere Beziehung lief echt im Schnelldurchlauf. Ich hatte eine super Schwangerschaft und das Beste daran war: Ich musste mich nicht mehr übergeben. Es war wie weggezaubert und ich hatte die Hoffnung, dass es endgültig vorbei war.
Eine Bekannte von mir war auch schwanger und schleppte mich eines Tages mit zum Geburtsvorbereitungskurs. Ich war im fünften Monat und völlig entspannt, las Bücher über Schwangerschaft und Kinderkriegen und das war’s, mehr nicht. Als ich den Raum betrat, spürte ich gleich dieses »Wir sind schwanger« schwer in der Luft liegen. Werdende Väter waren auch dabei, mir taten sie leid. Sie trugen ihren Frauen die Taschen, die Frauen waren im vierten Monat schwanger; sie zogen ihnen die Schuhe aus, dabei hatten die Frauen noch nicht mal einen Bauch; sie atmeten mit ihnen, besser gesagt, für sie, sodass ich dachte: Wer bekommt wohl später die Wehen?! Sie gingen mit ihnen zur Toilette; sie litten mit ihnen, obwohl es nichts zu leiden gab. Es war rundum furchtbar, in diesem Raum war schwanger sein eine Krankheit.
Das war der erste und letzte Versuch, mich zu einem Schwangerschaftskurs zu schleppen. Ich nahm mir auch vor, niemals so unerotisch schwanger auszusehen und mich hängen zu lassen wie die Frauen dort, denn das törnt ja auf Dauer jeden Mann ab.
Vier Monate später wurde Wilson geboren. Mein »Little Buddha«. Kurz vor seiner Geburt verlegte ich noch den Teppich in seinem Zimmer und schraubte die Möbel zusammen. Ich hatte mir vorgenommen, das Kind auf der Donnersberger Brücke im Auto zu bekommen, alle redeten von schrecklichen Geburten und ich wollte es so entspannt wie möglich angehen. Als die Wehen einsetzten, sagte ich Uwe erst mal nichts, ich wollte ihn nicht beunruhigen und außerdem wollte ich mein Kind ja im Auto bekommen. Ich sagte Uwe erst Bescheid, als sie alle drei Minuten kamen, er konnte es nicht glauben, dass ich es ihm nicht früher gesagt hatte.
Tja, und dann kam die Donnersberger Brücke. Ich musste so lachen über die Vorstellung, dass mein Kind jetzt sofort kommen würde, dass die Wehen aufhörten. Na super. In der Klinik entschieden sie dann, mich erst mal wieder nach Hause zu schicken.
Wilson wurde, zehn Tage überfällig, ganz normal im Krankenhaus geboren. Er hatte länger als eine Woche keinen Namen. Wir wollten in Ruhe die richtige Entscheidung treffen, denn sein Name musste zu meinem Mädchennamen und, wenn wir dann irgendwann mal heirateten, auch zu Ochsenknecht passen.
Als Uwe das erste Mal live mit seiner Band spielte, war das ein Song von Wilson Pickett, und deshalb entschieden wir uns für Wilson. Da er innerhalb von einer Viertelstunde geboren wurde, und das richtig fix war, kam für uns nur noch Gonzalez infrage, von Speedy Gonzalez, der schnellsten Maus aus Mexiko. Weil er zu schnell auf die Welt kam, hatte er leider ein sogenanntes Micky-Maus-Hämatom am Kopf. Die Hebamme hatte ungefähr 100 Kilo und bei Wilsons Geburt legte sie ihr ganzes Gewicht auf meinen Körper und drückte das Kind raus. Ich dachte, sie bricht mir dabei alle Knochen. Das wurde früher öfter so gemacht, um die Geburt zu beschleunigen. Man nennt es die Bauernzange, die mittlerweile allerdings verboten ist.
Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus musste ich zwei Tage später in die Notaufnahme, ich bekam ganz schlecht Luft, hatte überall blaue Flecken und konnte mich kaum bewegen. Dort stellte man schwere Prellungen an den Rippen fest, da konnte man nichts machen, nur abwarten, dass es besser würde. Der Arzt meinte, das käme von der Bauernzange.
Toll, ich war eine frischgebackene Mutter, die ihr Kind kaum heben konnte. Wilson war aber das ruhigste meiner Kinder, er sah aus wie ein Buddha und war auch so entspannt. Er lachte viel und schaute sich stundenlang seine niedlichen Fingerchen an. Da ich stillte und deshalb nicht verhütete, wurde ich wieder schwanger, als Wilson gerade mal sieben Monate alt war. Es kam aus heiterem Himmel, ich war geschockt, viel zu früh, und Uwe war überhaupt nicht begeistert. Ich denke, er war mit der Situation überfordert. Für mich war diese Zeit schrecklich.
Ich wollte aber immer vier Kinder haben, zwar nicht so schnell hintereinander, aber nun war es passiert.
Unsere Beziehung bekam dadurch für mich erste Risse. Ich wollte das Kind, zur Not auch ohne Mann, irgendwie würde es schon gehen. Als Frau ist man in dieser Situation eigentlich völlig allein, wir müssen die Entscheidung treffen, schlimmstenfalls gegen unser Gewissen und für oder gegen die Partnerschaft. Man hasst und liebt den anderen zugleich in solchen Momenten. Ich litt und hatte ein Baby zu versorgen, was die Sache nicht leichter machte. Der Druck war einfach zu viel für mich.
Uwe merkte wahrscheinlich gar nicht, wie schlecht es mir ging. Männer stellen dann oft automatisch auf Selbstschutz um, nicht weil sie es böse meinen, sondern das ist bei ihnen dann einfach so. Ich nehme es ihm auch gar nicht übel, denn auch ich hatte meinen Selbstschutz, und der hieß: Lass dir nichts anmerken.
Am 25. Dezember kam es, wie es kommen musste. Als ich fast im fünften Monat war, bekam ich Blutungen. Wir fuhren in die Klinik, ich hatte Angst, dass ich mein Kind verliere, gerade jetzt, wo ich es unbedingt behalten wollte. Der Arzt meinte dann, dass alles okay sei, ich sollte mich ausruhen, mich hinlegen und Stress vermeiden. Ich hatte eher den Eindruck, er wollte seine Ruhe haben, denn es war ja Weihnachten.
Aber tatsächlich, am nächsten Tag war alles vorbei und es ging mir besser. Dann passierte es doch. Nachts bekam ich auf einmal schlimme Krämpfe und Blutungen. Ich dachte, ich würde ohnmächtig vor Schmerz, ich schaffte es gerade noch zur Toilette, da riss plötzlich etwas in mir und ich spürte, wie ich mein Kind verlor. Es plumpste einfach in die Toilette, ich zitterte, stand komplett unter Schock und dann drückte ich die Spülung ... Ich spürte eine unendliche Traurigkeit, gemischt mit Hilflosigkeit und der fassungslosen Frage: Was hast du gerade getan?? Aber ich stand so neben mir und war komplett erstarrt.
Wenn ich Geschichten von Frauen lese, denen das Gleiche passiert ist, dann tut mir das unendlich leid. Natürlich gibt es Menschen, die dumme Kommentare abgeben, obwohl sie eigentlich gar nichts dazu zu sagen haben. Frauen, die das erlebt haben, werden es keinesfalls vergessen. Dass ich dieses Kind verlor, weiß fast niemand. Wir Frauen wollen ja meist mit unseren Sorgen niemanden »belästigen«. Eigentlich total bescheuert und wir sind oft selber schuld daran, wenn wir dann in solchen Situationen alleine sind.
Nachdem ich mich einigermaßen klar fühlte, hatte ich die Kraft, es Uwe zu sagen. Und dann wollte ich nur noch ins Krankenhaus. Ich hatte Schmerzen und war total schlapp, es war der 27. Dezember, dieser Tag hat sich in mein Hirn eingebrannt. Als ich dem Arzt dort erklärte, was passiert war und dass das Kind in die Toilette gefallen war, da fragte er mich doch glatt, ob ich es mitgebracht hätte. Ohne Worte. Das gab mir den Rest. Kein bisschen sensibel, wie kann man nur so eine bescheuerte Frage stellen.
