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Lynne ist 32, Einzelgängerin, Fotografin – und daran gewöhnt, dass das Leben es selten gut mit ihr meint. Als ihre beste Freundin sich heimlich mit ihrem Ex trifft, gerät ihre fragile Welt endgültig ins Wanken. Die Wunde ihrer Vergangenheit reißt wieder auf – ein Schmerz, den sie tief vergraben glaubte. Zwischen Passfoto-Shootings, einsamen Nächten und plötzlichen Erinnerungen beginnt Lynne, sich mit dem auseinanderzusetzen, was sie nie aussprechen konnte – warum sie einst ihre Pflegefamilie verließ. Das Schicksal aber hat einen eigenen Plan – und Lynne begegnet jemandem, der ihr näher ist, als sie zunächst ahnt. Eine feinfühlige Geschichte über das Schweigen zwischen den Menschen, den Mut zur Versöhnung und die leisen Wege, auf denen die Liebe zurückkommt.
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2026
Quentin Lennox
Augenblicke – Lichtblicke
Quentin Lennox
Was zwischen uns bleibt
Roman
R. G. Fischer Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2026 by R. G. Fischer Verlag
Sontraer Str. 13, D-60386 Frankfurt/Main
Alle Rechte vorbehalten
Schriftart: Vollkorn 12pt
Herstellung: rgf/pr/2A
ISBN 978-3-8301-9326-5 EPUB
Lynne, 2016
Lynne, 1998
Lynne, 2016
Alan, 1998
Lynne, 1998
Ben, 2016
Lynne, 2016
Lynne, 1998
Lynne, 2016
Cam, 2016
Lynne, 2016
Lynne, 1998
Lynne, 2016
Lynne, 2017
Lynne, 1998
Lynne, 2017
Lynne, 2017 (eine Woche später)
Al, 2017
Lynne, 2017
Ben, 2017
Lynne, 2017
Ben, 2017
Lynne, 1998
Lynne, 1999
Lynne, 2017
Ben, 2017
Cam, 2017
In Gedanken verloren. So tief, dass man selbst nicht genau weiß, woran man denkt. Als würde der eigene Körper irgendwo im Nirgendwo treiben, schwer wie ein Fels, mit einem Gefühl, das man wohl am besten als Benommenheit beschreiben könnte. Alle körperlichen Sinne gedämpft, schwammig …, benommen. Wie das Gefühl, das man in dem Moment hat, nachdem man eine kräftige Ohrfeige bekommen hat, nachdem man davon ausgegangen war, dass ein Streit nur auf verbaler Ebene bleiben würde.
Ich erlebte dieses Gefühl jeden einzelnen Morgen, in dem Moment, als ich unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde – wenn dieser seltene Zustand überhaupt eintrat –, taumelte aus dem Bett, schwindelig wegen niedrigen Blutdrucks, und ging in die Küche, um ein befriedigend-sättigendes Frühstück zuzubereiten, bestehend aus Kaffee, einer Zigarette und – falls Zeit war – einer Scheibe Toast.
Und es setzte sich fort, wenn ich das Haus verließ, mit der zweiten Zigarette in einer Hand, der Handtasche – sofern ich dran dachte – in der anderen.
Und als ich schließlich den kleinen Eingang des Fotostudios erreichte, in dem ich arbeitete und das ich mit einer Aushilfe leitete, konnte ich wenigstens einen Teil der Gedanken ausblenden. Meine Sinne gewannen
genug Klarheit zurück, um mit Händen und Augen wieder halbwegs effektiv arbeiten zu können. Schließlich gehörte es zur Professionalität, Gedanken auszublenden und sich ganz darauf zu konzentrieren, was die Sinne taten, oder? Jedenfalls war es bei meiner Arbeit so. Ich war Fotografin.
Und wie großartig war es gewesen, damals jemanden zu finden, der bereit war, ein sozial unbeholfenes, ziemlich wortkarges Teenagermädchen aufzunehmen, das sich dann langsam hocharbeiten konnte – zu einer richtig guten Fotografin!
Bis ich schließlich einen kleinen Laden mit einem »Zu verkaufen«-Schild entdeckte, ganz in der Nähe des Ortes, an dem Al und ich gewohnt hatten. Und was für ein verdammter Kampf das gewesen war – gegen meinen ehemaligen Chef, meine eigenen schlechten Angewohnheiten, gegen das bisschen Geld, das sich kaum auf meinem Konto zu halten schien, sobald ich auch nur kurz wegsah –, endlich oben anzukommen, meinen eigenen Platz in der Selbstständigkeit zu finden! Genau das hatte ich mir gewünscht, seit ich mit siebzehn meine Ausbildung begonnen hatte.
Jetzt, über fünfzehn Jahre später, klammerte ich mich verzweifelt mit einer Hand an eine der unteren Sprossen, nachdem die oberste unter mir weggebrochen war. Dieser Septembermorgen war einer dieser Tage …
Wow, schon sieben? Ich war doch gerade erst ins verdammte Bett. Und dieser Scheißtraum … Keine einzige Minute vernünftigen Schlaf bekommen. Aber das war ja nix Neues. Und dieses verdammte Schwindelgefühl! Ich sollte das echt mal checken lassen. Machte Diabetes nicht auch schwindelig? Vielleicht war ich ja schwanger, haha.
Das waren diese oberflächlichen, leicht zynischen Gedanken, die mir an einem gewöhnlichen Morgen durch den Kopf gingen. Darunter aber, tiefer unten, sah es noch ganz anders aus –wirbelnd wie Blätter in einem Herbststurm, tobten die ehrlicheren, düstereren Gedanken, die die Benommenheit sonst mühsam niederhielt.
Was würde passieren, wenn ich den Laden dichtmachen müsste? Wie lange noch, bis ich ernsthaft darüber nachdenken müsste, Insolvenz anzumelden? Ich hatte nie Als oder Cams Geld gewollt … Selbst die Ausgaben für die einfachsten Dinge – Essen, Kleidung, Miete – waren schon auf ein Minimum runtergeschraubt. Vielleicht sollte ich mir eine kleinere Wohnung suchen. Nicht nur, weil die alte mittlerweile überquoll vor lauter Erinnerungen.
Ich kaufte längst kein Flaschenwasser mehr und hatte durch wenig Essen auch gleich noch ein paar Pfund verloren (oder wie auch immer diese neue Maßeinheit heutzutage hieß – jedenfalls war ich eindeutig ein paar Zentimeter geschrumpft). Was der Kühlschrank nachher wohl noch hergäbe? Was zum Teufel konnte ich sonst noch tun, um meine Finanzen irgendwie ins Lot zu bringen? Würde heute jemand meinen Laden betreten? Diese eine Frau wollte heute zumindest mit ihrem Sohn die Passfotos abholen … War das heute?
Hatten die Kunden aufgehört zu kommen, weil der Laden so runtergekommen war? Es modernere, coolere Studios gab? Oder lag’s eher an mir, dass sie nicht mehr wirklich Lust hatten? Tür sah auch ziemlich bescheiden aus … Vielleicht lag’s auch einfach daran, dass wir im Zeitalter der Smartphones angekommen waren und ein halbwegs passables Familienfoto mit einem Selfie-Stick schneller und günstiger ging als ein klassisches Fotoshooting.
Na schön. Sollten sie doch.
Alles war so viel leichter gewesen, als Al noch da gewesen war und mir den Rücken freigehalten hatte. Wo steckte der eigentlich so außerhalb der Arbeit? Was ging ihm im Alltag so durch den Kopf? Hatte er schon jemanden Neues kennengelernt?
Al.
Wie ich sein Lachen vermisste, wenn er sich seine Lieblingssitcoms reinzog, und wie er diese Nudeln mit Käsesoße machte! Ich hab diese blöde Soße nie richtig hinbekommen. Immer war sie klumpig gewesen.
Warum war ich bloß zu blöd, irgendwas, was mir wichtig war, zu behalten?
Cam war so ziemlich alles, was mir noch geblieben war. Würde meine charmante Art, mich auszudrücken, sie irgendwann auch noch vergraulen? Andererseits kannte sie mich gar nicht anders … Ich sollte besser heute um eins beim Kaffee mit Cam auftauchen, nachdem ich sie gestern schon hatte sitzen lassen.
»Wir wollten Stanleys Fotos abholen. Sind die fertig? Wenn wir zu früh dran sind, können wir später noch mal kommen …«
Während ich hektisch versuchte, wenigstens ein bisschen Staub von den Regalen zu wischen, hatte ich gar nicht bemerkt, dass Kunden den Laden betreten hatten.
Wo steckte Miles? Staubwischen war seine Aufgabe. Hatte der schon wieder seinen freien Tag? Der Laden lag an einer Straße – bei dem Lärm von Autos, die mit 50 km/h vorbeibretterten, wo eigentlich nur 30 erlaubt waren, konnte man sich ja einiges an Ausreden zusammenreimen.
»Ich … äh … sorry? Oh. Stanley … Brighton? Hier, bitte sehr.«
Ich drückte der rothaarigen Frau die Fotos in die Hand, die sie gleich ihrem Sohn zeigte – einem pummeligen Jungen mit schlechter Haut um die dreizehn.
Er sah sich die Bilder an, als wären sie das Schlimmste, was ihm an diesem Tag noch passieren könnte, wobei ich mir nicht ganz sicher war – die Mimik von Menschen zu lesen, gehörte nicht zu meinen Stärken.
»Da seh ich aber nicht wie ich aus.« Sein Tonfall passte perfekt zu seinem Gesichtsausdruck – wieder einmal erstaunlich abfällig.
»Jetzt stell dich nicht so an, Stan! Du willst doch nett aussehen auf deinem Passfoto, oder? Schließlich fliegen wir bald in den Urlaub, weißt du noch?«
Ich fand es faszinierend, dass es diese Art von Mutter-Sohn-Dynamik tatsächlich außerhalb von schlechten Sitcoms gab.
»Findest du etwa, ich seh nicht gut aus?«
»Quatsch, Stanny, du bist perfekt.«
Wahrscheinlich mit ein bisschen zu viel Bildbearbeitung, ehrlich gesagt. Ich hatte mich immerhin bemüht, die meisten Hautunreinheiten zu kaschieren und das Haar halbwegs ordentlich wirken zu lassen … Ich war mir nicht sicher gewesen, ob der Junge wegen der Hitze an diesem heißen Augustnachmittag so geschwitzt oder ob ihm das Haar einfach ungewaschen an der Stirn geklebt hatte.
»Ja, tschüs«, sagte er – oder besser: fauchte er –, als sie sich zum Gehen wandten.
Seine Mutter drückte mir das Geld für die Fotos in die Hand und murmelte: »Es tut mir so leid wegen seines Benehmens. Die Pubertät, das geht jetzt schon seit Wochen so …« Dann eilte sie hinter ihm her.
»Wenn die mich nachher nicht erkennen und mich nicht in den blöden Flieger lassen, dann bist du schuld!«, hörte ich ihn noch brüllen, bevor die Tür ins Schloss fiel. Ich atmete endlich aus. Ein bisschen guter Wille hätte mich fast einen weiteren Kunden kosten können. Auch wenn’s nur alle paar Lichtjahre um ein Passfoto für fünfzehn Pfund ging. Ich schluckte beim Gedanken an die Mundpropaganda: »Die Fotos werden da völlig übertrieben bearbeitet! Lieber woanders hingehen!«
Warum war ich eigentlich so streng mit mir selbst? Niemand hatte sich jemals beschwert. Der Junge war einfach ein Rotzlöffel. Vielleicht sollte ich in Zukunft erst mal fragen, ob die Leute überhaupt wollten, dass ihre Fotos bearbeitet werden würden. War ich vielleicht letztlich doch nicht geeignet für den Job, weil ich echte, natürliche Schönheit nicht mehr erkennen konnte? Aber, erinnerte ich mich, natürlich konnte ich sie erkennen. Verdammt noch mal, natürlich konnte ich das! Der Grund, warum ich das hier machen wollte, warum ich schon immer hatte fotografieren wollen, war genau der: Momente einfangen. Blumen, Tiere, das Lächeln eines Babys, den Kuss von Liebespaaren, das alberne Gesicht eines Kindes, das die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen auspustete. Und all diese kitschigen, emotionalen Dinge halt.
Erst in den letzten vier Jahren oder so war meine Arbeit nicht unwesentlich auf Passfotos und gelegentliche Familien- oder Baby-Porträts zusammengeschrumpft. Der Grund, warum meine Ernährung sich auf löslichen Kaffee, Toast und Nudeln mit Butter und Salz beschränkte. Müsste vielleicht auch mal mit dem Rauchen aufhören, schon wieder eine Packung leer … Das könnte vermutlich ein paar Pfund im Monat sparen.
Das Leben ist kompliziert. Allein schon die Tatsache, dass es existiert, ist so komplex, dass die Menschheit bis heute nicht wirklich verstanden hat, wie genau alles funktioniert. Wie sollen wir da bitte schön die ganzen kleinen Details verstehen – diese ganzen zwischenmenschlichen Dinge zum Beispiel? Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum wir manchmal irrational handeln. Kämpfen, Kriege anzetteln, zerstören, Substanzen konsumieren, um unsere Umgebung auszublenden: weil wir einfach alle restlos überfordert sind.
Aber mal ehrlich: Wenn wir wüssten, wie man sich in jeder Sekunde eines jeden Tages richtig verhält – wären wir dann überhaupt noch menschlich? Wären Liebe, Freude, Glück und all diese echten Gefühle überhaupt noch echt, wenn es sonst nichts mehr zu fühlen gäbe?
Ähnliche Gedanken gehen wohl jedem Erwachsenen irgendwann mal durch den Kopf – meistens in ruhigen Momenten, wenn man gerade nichts Bestimmtes zu tun hat. Zum Beispiel, wenn man in der Bahn zur Arbeit sitzt oder wartet, dass das Wasser für den löslichen Kaffee kocht …
Kinder hingegen machen sich Sorgen darüber, dass sie nicht zur Schule gehen wollen, aber trotzdem müssen. Darüber, dass sie von Eltern und Lehrern ausgeschimpft werden, weil sie herausforderndes Verhalten an den Tag legen und es noch nicht als solches zuordnen können, oder wegen der Dinge, die sie sich zu Weihnachten wünschen, aber vielleicht nicht bekommen. Sie weinen, weil ein anderes Kind versehentlich in sie hineingerannt ist und sie hingefallen sind oder weil sie ein Spielzeug wollen, das sie nicht haben können. Das Kind, das vorhin neben mir von der Schaukel gefallen war (nicht aus großer Höhe, eher gestolpert bei dem Versuch, elegant abzusteigen) und gerade von einer Lehrkraft betreut wurde, weinte in heller Panik – laut und in zunehmend schriller Tonlage. Warum?
Ich verstand Kinder nicht. Obwohl ich selbst vor nur wenigen Jahren noch eines gewesen war. Und Erwachsene verstand ich noch weniger, obwohl ich nur ein paar Jahre davon entfernt war, selbst (zumindest rechtlich gesehen) als Erwachsene zu gelten.
Meine Gedanken gingen selten so tief. Die einzigen Dinge, über die ich momentan wirklich nachdachte, waren, irgendwie die Schule zu überstehen, ohne zu viel Energie zu investieren, Zeit mit mir selbst und einem guten Buch zu verbringen oder – noch wichtiger – allein mit Gregs Kamera zu sein und nach Herzenslust zu knipsen.
Im Grunde war das alles, was ich tun wollte, seit dem Tag, an dem ich zum ersten Mal Gregs Kamera benutzen durfte – die Liebe seines Lebens oder eher die zweite Liebe seines Lebens, wenn man die Leidenschaft in seinem Blick bedachte, wenn er Phoebe ansah, seine Frau.
Greg und Phoebe waren meine Pflegeeltern. Sie hatten sich ein paar Monate zuvor für mich entschieden – ein fünfzehnjähriges Mädchen –, nachdem Anita, meine Sozialarbeiterin, mich von den vorherigen weggeholt und zu ihnen gebracht hatte. Es war ungewöhnlich, dass ein Teenager dauerhaft in Pflege gegeben wurde. Rückblickend betrachtet, waren sie erschreckend mutig.
Teenager waren anstrengend, mit all den Hormonen und dem ganzen Kram. Nein, die Leute wollten meistens Klein- oder Vorschulkinder, soweit ich das während meiner Zeit im Heim beobachtet hatte. Niemand entschied sich für einen passiven, lethargisch wirkenden, pickeligen Teenager, wenn man stattdessen ein dreijähriges, strahlendes, nach Keks duftenden Bündel haben konnte. Aber Phoebe und Greg hatten sich eben doch so entschieden.
Sie hatten erklärt, dass sie wegen ihrer Jobs keine Zeit für ein kleines Kind hätten, das sich nicht selbst versorgen, sein Frühstück machen oder den Weg zur Schule finden könne – aber dass sie die Gesellschaft und die Freude eines Kindes vermissten und das Gefühl, sich um etwas – oder jemanden – kümmern zu müssen, das bzw. der nicht sie selbst oder eine Katze sei. Später wurde mir klar, dass sie selbst keine Kinder bekommen konnten.
Es war ein ziemlich warmer Tag gewesen. Fast so, als hätte der Sommer gespürt, dass sein Ende nahte, und noch mal richtig Gas gegeben – eine letzte Welle aus Wärme und Sonnenschein, bevor er sich dem düsteren, klammen, schleichenden Kalten des Herbstes ergäbe.
Und ich hatte mich gelangweilt – wie so oft in letzter Zeit. Ich hatte auf dem Wohnzimmerteppich gelegen, ein Tuch, das ich unter kaltes Wasser gehalten hatte, über mein Gesicht gelegt, und dem Fernseher zugehört.
»Keine Hausaufgaben heute?«, hatte Phoebe gefragt.
Sie war von freundlicher Natur, aber sehr ernst, wenn es um Bildung, Arbeit und den Beitrag zur Gesellschaft ging. (»Die jungen Leute wählen heutzutage nie! Warum wählen junge Leute eigentlich nie?«)
»Mmh«, war meine Antwort gewesen.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, Lynette, manchmal sind deine Aussagen so tiefgründig, dass ich sprachlos bin.«
»Ich weiß.«
»Hakt es irgendwo?«
»Nein, ich muss nur Französisch machen, aber es ist so scheißwarm!«
»Wie bitte? Habe ich da gerade ein Toilettenwort gehört – kam das etwa aus dem Fernseher?«
Ich war rot geworden und hatte in einer Weise gelächelt, die meinen peinlichen Zustand ausdrücken sollte. Nachdem ich viele Jahre in verschiedenen Heimen mit unterschiedlichen Familien verbracht hatte – Familien, die oft mehr an den finanziellen Vorteilen der Pflege interessiert waren als an mir –, hatte ich wohl keine andere Wahl gehabt, als das Fluchen zu übernehmen. Die Pflegeeltern, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen hatten sich um uns gekümmert. Wir wurden zwar versorgt, aber sie hatten selten die Kapazität, um sich mit jedem Einzelnen von uns mit einer Tasse heißer Schokolade hinzusetzen, nachdem der Direktor angerufen hatte, um beiläufig Dinge zu besprechen wie: wie man sich angemessen verbal ausdrückte, um ein Gespräch zu beginnen. Oder wie man sich verhielt und welchen Konsequenzen es geben könnte, wenn man es nicht tat. Verhütung und so.
»Schau dir das an«, sagte Greg, der still seine Zeitung gelesen hatte. Er war halb aus seinem Stuhl aufgestanden, mit einem Anflug eines Lächelns im Gesicht. Auf der Terrasse jagte ein rotes Eichhörnchen spielerisch einem kleinen Vogel hinterher, den ich nicht identifizieren konnte, der dann provokativ davonflog. Nachdem er die Tiere noch einen Moment beobachtet hatte, stand Greg auf, griff nach der Kamera auf einem der überfüllten Bücherregale und machte ein Foto. »Wird wahrscheinlich nichts …, sind zu zappelig! Versuch du’s, Lynni, du bekommst sie aus einem besseren Winkel von da unten! Komm schon, gleich sind sie weg!« Ich nahm das Tuch ab, rollte mich auf die Seite, hob dann vorsichtig die Kamera auf und schaute hindurch … Ich verfolgte die verspielten Bewegungen der beiden Tiere einen Moment lang, bis es so aussah, als wäre es wert, verewigt zu werden. Ich machte zwei Aufnahmen, bevor sich die Tierchen in einen Teil des Gartens bewegten, der außerhalb meines Sichtfelds lag.
Phoebe meldete sich wieder zu Wort: »Komm schon, Liebling. Ich gebe zu, dass Französisch nicht gerade mein bestes Fach war, aber ein paar Grundlagen sind sicher hängen geblieben.«
»Nur eine Sekunde!«
Die schneeweißen, dunstigen Wolken vor dem klarblauen Himmel im Hintergrund hatten etwas so Idyllisches an sich; ich sprang impulsiv vom Teppich auf und ging nach draußen. Fünf Aufnahmen von fünf verschiedenen Formationen später kehrte ich zurück zu einem stolz lächelnden Greg.
Obwohl die Haut um seine Augen herum sich zu falten begann und sein Haar sowie sein Bart ergrauten, wirkten seine blauen Augen so jung und erwartungsvoll. »Bald ist der Film voll! Dann können wir ihn entwickeln lassen und sehen, ob was dabei ist …«
Den Film einzuschicken und zwei Wochen später zur Drogerie zurückzukehren, dort einen Umschlag voller Bilder mit meinem Namen darauf zu finden, erfüllte mich mit einem noch nie da gewesenen Gefühl der Zufriedenheit. Abgesehen von den leicht verschwommenen Fotos vom Eichhörnchen, das dem Vogel hinterherjagte, waren sie ganz gut geworden.
Ich entdeckte bald, dass manche Dinge – etwa Wolkenformationen oder Panoramalandschaften – nicht exakt so eingefangen werden konnten, wie ich sie sah. Zumindest nicht ohne die richtige Ausrüstung. Und so begann ich, mein monatliches Taschengeld zu sparen, bestimmte Objektive zu meinem Geburtstag und zu Weihnachten zu wünschen, und hatte mir bald ein gewisses Maß an allgemeinem Wissen und Können angeeignet. Ich gebe zu, dass ich nicht besonders bescheiden war – ehrlich gesagt, fand ich meine Fähigkeiten ziemlich gut. Sie waren da, keine Frage, aber klar hatte ich noch sehr viel zu lernen.
Obwohl ich nichts lieber getan hätte, würde ich Fife, bis ich Mitte zwanzig wäre, niemals verlassen (abgesehen von zwei sehr verregneten Wochen in Wales). Ich stellte mir bereits vor, berühmte Fotografin zu sein, die Aufnahmen für eine dieser Bildungszeitschriften oder so etwas machte – von exotischen Landschaften, Menschen, Flora und Fauna. Vielleicht auch von Models in Designerklamotten oder so.
Dennoch gelang es mir, immer beeindruckendere Bilder von regionalen Landschaften, Menschen und Tieren einzufangen – einige davon schafften es sogar in die Schülerzeitung, die einmal im Monat erschien. Es waren, wie man sich vielleicht vorstellen konnte, primär noch viele weitere Eichhörnchen und kleine Vögel und Wolken – aber es war ein Anfang, und ich hatte Spaß. So wusste ich mit sechzehn schon ziemlich genau, in welche Richtung ich beruflich gehen wollte.
Cam war bereits da und hatte etwas vor sich stehen, das wie ein Karamell-Latte oder etwas Ähnliches aussah. Sie blickte von ihrem Handy auf und grinste, als ich mich mit einem lauten Seufzer der Erleichterung auf den Stuhl gegenüber fallen ließ.
»Langer Tag, was?«
»Kannst du laut sagen«, sagte ich und griff nach der Karte mit heißen und kalten Getränken und Snacks.
»Hab ein bisschen im Laden umgeräumt – das hätte ich schon vor Ewigkeiten machen sollen. Überall Staub und Spinnen. Langsam frage ich mich, wofür ich Miles eigentlich bezahle!«
Der Kellner lief nun schon zum dritten Mal an unserem Tisch vorbei, ohne uns eines Blickes zu würdigen.
»Ähm, Entschuldigung? Ich hätte gerne eine Tasse normalen Kaffee.«
»Ach, komm schon«, warf Cam ein und trank ihren Latte aus. »Bestell dir was Schönes! Geht auf mich! Ich nehme noch so einen – und das Schokoladen-Fudge-Stück auch, bitte.«
Ich spürte, wie ich errötete. »Aber ich mag normalen Kaffee eigentlich ganz gern.«
»Soll ich in ein paar Minuten wiederkommen?«, fragte der junge Mann, während er Cams Bestellung notierte.
»Machen Sie einfach jeweils zwei draus?«
»Aber das ist so …«
Ich machte eine Geste, als wollte ich Cam erwürgen, während ich noch röter anlief, nachdem der Kellner weitergezogen war.
»Was denn? Viel? Komm schon, Maus, du hast doch nichts auf den Rippen!«
»Ich weiß, aber all der raffinierte Zucker und so … Ich versuche halt, gesünder zu leben.«
Cam sah mich skeptisch an, während sie die kalten Milchreste mit dem Löffel aus ihrer Tasse kratzte.
»Teuer!«, jammerte ich. Ich hielt die Karte dicht an das Gesicht meiner Freundin. »Fünf fünfundzwanzig für eine Tasse lauwarme verdammte Milch? Davon könnte ich eine Woche lang leben!« Ich versteckte mein eigenes Gesicht hinter der Karte vor lauter Verlegenheit … Das war’s wohl mit dem Vorsatz, die Illusion aufrechtzuerhalten, Geld sei aktuell kein großes Thema.
Ich senkte die Karte schnell, als der Kellner mit den Getränken kam und ankündigte, dass der Kuchen in einer Minute gebracht werde.
»Wir gehen ja nicht so oft aus. Man muss sich ab und zu was gönnen. Schau mich an, ich schlemme gerade, obwohl ich eigentlich Low Carb mache!«
Cam rieb sich voller Vorfreude die Hände, als ein großes Stück Schokoladenkuchen vor ihr abgestellt wurde.
»Die machen echt leckere Kuchen hier, und schau – sogar mit Schlagsahne!«
Er roch verdammt gut. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. »Ich weiß. Sieht auch echt gut aus. Danke, Cam.«
»Ist es wirklich gerade so schlimm bei dir, Mausi?«
Sie musste einfach nachhaken. Natürlich musste sie nachhaken. Aber sie war meine liebe, besorgte Freundin Cam. Also sah ich von meinem Kuchen auf – es war wirklich ein verdammt guter Kuchen – und erzählte ihr die Wahrheit über meine finanzielle Lage.
Cam hörte mir mitfühlend zu, ihre großen braunen Augen auf mich gerichtet, dann starrte sie nachdenklich in die Ferne, während sie wieder begann, an ihrem Kuchen zu essen.
Ich sah mich verlegen um und rührte unnötig in meinem Latte.
Schließlich sprach Cam: »Hast du vielleicht mal darüber nachgedacht, den Laden aufzugeben – nein, lass mich ausreden – und im Geschäft zu bleiben, aber als Angestellte, zum Beispiel bei einer Werbefirma oder so, dir dort einen Namen zu machen und dann irgendwann zurückzukehren, um wieder dein eigener Chef zu sein, mit eigenem Studio und allem Drum und Dran? Stell dir vor, Leute stünden für dich Schlange! Oder du machst Fotos von Models in Haute Couture für Hochglanzzeitschriften!« Cams Augen leuchteten, als würde sie sich vorstellen, wie sie selbst über den Catwalk lief.
Ich dachte einen Moment darüber nach. »Aber es ist mein Traum. Dieser schmuddelige, heruntergekommene kleine Laden ist doch mein Traum.« Ich verzog das Gesicht, als ich es laut aussprach. Wie melodramatisch! Ich klang wie ein quengeliges Kind, das wütend war, weil seine Eltern ihm gesagt hatten, dass es im Moment nun mal keinen eigenen Eisladen eröffnen könne.
»Ich weiß doch, Maus.«
Ich konnte sehen, dass Cam sich nur mit Mühe davon abhielt, die Reste von ihrem Teller zu lecken. Ich auch. Aber spätestens, wenn man Anfang dreißig war, gab es Impulse, denen man in der Öffentlichkeit widerstehen sollte, beschloss ich und stellte meinen Teller wieder ab. »Aber denk mal darüber nach: Verdienst du im Moment überhaupt irgendetwas mit deinem Traum? Du hast mir doch gerade von all deinen Problemen erzählt. Du ernährst dich von Nudeln ohne alles. Du lebst ohne Internet und Telefon zu Hause, ohne alles. Und du trägst gefühlt dieselben drei T-Shirts seit sechs Jahren. Du solltest das bisschen Geld, das du hast, lieber in vernünftiges Essen investieren als in Zigaretten!«
Ich zog meine Fleecejacke enger um mich, fast unbewusst, um meinen Körper zu verbergen. Ich war schon immer schlank gewesen. Jetzt mochte ich es nicht mehr, in den Spiegel zu schauen, weil ich mich selbst irgendwie krank aussehend fand. Und älter, als ich war. Aber Letzteres lag wahrscheinlich an den Zigaretten. Ich hatte nie verstanden, warum Cam so ein Aufheben um ihre Figur machte. Sie sprach immer von sich selbst als »mollig« oder »ein bisschen zu viel«. Fand ich nicht.
Und selbst wenn, war es denn wichtig?
Ich merkte, dass ich vor mich hin geträumt hatte, und nickte, um zu zeigen, dass ich gehört hatte, was sie sagte. »Ich weiß. Ich denke darüber nach. Es ist eine gute Idee.«
»Bitte tu das. Und falls du in der Zwischenzeit Geld brauchst – zum Essen, für Kleidung oder wenn du mein Internet benutzen willst, um eine Website aufzubauen oder was auch immer –, sag es bitte einfach. Ich weiß, du fühlst dich bei solchen Dingen unwohl, aber du weißt, dass ich immer für dich da bin. Du könntest sogar«, sie beugte sich vor, als sie das sagte, und schaute mich mit ihrem ernsten Gesichtsausdruck an, damit ich zuhörte und es wirklich aufnahm, »aus dieser winzigen Bude aus- und bei mir einziehen.«
Ich nickte zögerlich. Ich liebte Cam, aber ich war damit aufgewachsen, meine eigenen Kämpfe auszutragen, und hatte nie solche echte Freundlichkeit erfahren – außer in der Zeit, die ich mit Greg und Phoebe verbracht hatte. Und in meiner Zeit mit Al. Ich schüttelte die Gedanken ab, als ich spürte, wie Tränen aus Wut in meine Augen stiegen, und trank meinen Kaffee aus. »Danke.«
Sie schaute mich nachdenklich an. »Du bist aber wirklich trocken, oder?«
Ich errötete erneut, obwohl ich keinen Grund hatte, mich schuldig zu fühlen. Ich war seit Monaten trocken. »Natürlich. Außerdem könnte ich’s mir gar nicht leisten zu trinken, selbst wenn ich wollte.« Ich lachte verlegen und sah dann nach unten, murmelte ein »Sorry«, als sie die Augenbrauen hob.
Sie war nicht amüsiert, was ich verstehen konnte. Cam hatte mich mehr als einmal in einem ziemlich schlechten Zustand erlebt und wollte nicht, dass ich dorthin zurückfiel. Ich wollte es, ehrlich gesagt, auch nicht.
»Gut. Bleib dabei.« Sie sah auf ihre Uhr. »Ich muss los.« »Wohin?«
»Treffe jemanden.«
Jetzt errötete Cam. Cam errötete nie. Und ich bemerkte ein verlegenes kleines Lächeln. Ich dachte nach. Und da war noch etwas, aber ich konnte nicht genau sagen, was.
»Wen?«, fragte ich verschmitzt.
»Ach, niemanden. Na ja, nur ein Typ. Nichts Ernstes. Nur ein zwangloses Abendessen. Ich will vorher noch duschen und mich umziehen, ein bisschen frisches Make-up auflegen.«
Das war eine ziemlich vage Beschreibung dessen, was passieren würde, wenn sie mit »einem Typen« ausging – besonders wenn das von Cam kam. Normalerweise erzählte sie mir genau, wer die Leute waren, die sie datete, wie ernst es war, wohin sie zum Essen gingen und welches teure und semitransparente Kleidungsstück sie sich zum Anziehen rausgesucht hatte.
Das musste ernst sein. Oder Cam war einfach vorsichtiger geworden mit dem Dating, nachdem sie immer wieder enttäuscht worden war und sich die Augen aus dem Kopf geheult hatte bei großen Schüsseln voller Cookie-Dough-Eiscreme – oder weil sie letztens mitten in der Nacht durch irgendein Fenster hatte klettern müssen, um ein Taxi nach Hause zu nehmen?
»Dann viel Spaß«, sagte ich und lächelte, während ich aufstand, um sie zu umarmen. »Und danke für den Kaffee. Und für alles, du weißt schon.”
Das Mittagessen war eine Katastrophe. Warum mussten Schulmittagessen immer eine Katastrophe sein? Kochen war doch das Einfachste auf der Welt. Andererseits, ich sah mich in der Cafeteria um und konnte nicht zählen, wie viele Schüler und Schülerinnen und Personal da waren – es waren viele. Trotzdem, eigentlich konnte man bei Spaghetti mit Tomatensoße nicht viel falsch machen.
Eigentlich.
»Hast du die Mathehausaufgaben gemacht?«, fragte mich mein Kumpel Peter zwischen zwei Bissen.
»Ich hab’s versucht, war aber verdammt schwer. Meine Mum und mein Dad hatten diese Woche im Restaurant zu viel zu tun, um mir zu helfen.«
»Ach, Mist.«
»Warum machst du’s nicht einfach mal selbst? Deine Mum ist doch daheim und hat Zeit, oder?«
»Aber Hausaufgaben sind Mist! Ich hab Besseres zu tun. Zum Beispiel Fußballtraining. Wir hatten zwei Spiele am Wochenende.«
»Wahnsinn.«
»Hey!«
Pete und ich waren komplett unterschiedliche Typen. Er war so redselig, so begeisterungsfähig – vor allem, wenn es um Fußball ging. Ich dagegen konnte mit Fußball nicht viel anfangen. Ich schaute mir hier und da ein Spiel mit meinem Dad an.
Meine Mum und mein Dad waren meistens in ihrem Restaurant und ich auch. Teils, weil ich mir so mein Taschengeld verdiente, teils, weil ich es liebte, dort zu sein – mit all den Düften, der Geräuschkulisse und Menschen. Es war kein superschickes Lokal. Ganz lockere Atmosphäre. Ein Ort, an dem Familien freitagabends hingingen, um nicht kochen zu müssen – mit Buntstiften, Hochstühlen und allem Drum und Dran. Ein Ort, wo sich Freunde nach der Arbeit auf ein Bier trafen. »Ich hab heute Abend kein Training, übrigens. Können wir nach der Schule zu deinen Eltern auf ’ne Pommes?« »Kocht deine Mum nicht?«
»Doch, aber sie geht später mit meinem Dad weg – Hochzeitstag oder so. Haben die nicht abends immer den Sportsender laufen? Al?«
Ich hatte Geräusche bemerkt, die nicht zu dem hektischen, monotonen Gemurmel in der Cafeteria passten – sie kamen von ein paar Tischen weiter weg.
»Gib’s zurück jetzt! Komm, bitte!«
»Dann nimm’s dir doch, Dicke, komm schon!«
»Das ist mein Essengeld! Ich hab Hunger!«
»Wir wollen dich doch nur davor schützen, noch dicker zu werden, Schwabbel!«
Es war Camilla Lawson, ein Mädchen aus zwei Jahrgangsstufen unter uns. Sie wurde ständig von einer Jungs-Clique gemobbt.
»Puh, sollten wir was unternehmen?«, fragte Pete zögernd.
Ich war schon halb aufgestanden. Vielleicht machten sie sich ja nur einen Spaß mit ihr und gaben ihr das Geld gleich zurück. Idioten. Dieser verdammte Harvey war locker doppelt so breit wie sie! So ein richtiges Ekelpaket, der lautstark Kommentare über die Oberweite von Mitschülerinnen machte und Lehrer beleidigte.
