Augenstern - Band 1: Die Invasoren - Susanne Roßbach - E-Book

Augenstern - Band 1: Die Invasoren E-Book

Susanne Roßbach

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Beschreibung

Augenstern – Die Serie: Jessi steht kurz vor dem Abi, ist in Liebesdingen nicht gerade erfolgsverwöhnt und führt ein überschaubares Leben in Frankfurt, als plötzlich mehrere Männer in ihr Leben einbrechen. Nicht alle sind von dieser Welt, und einige bedrohen sogar den Fortbestand der Erde. Kann Jessi ihren Gefühlen trauen, und welches Wesen verbirgt sich hinter welcher Gestalt? Es beginnt ein Verwirrspiel um Emotionen und Fassaden, das Jessi nur gewinnen kann, wenn sie lernt zu kämpfen: für sich, für ihren Planeten und für ihre Liebe. Band 1 "Die Invasoren": Dieser unglaublich attraktive David liegt leider völlig außerhalb Jessis Gewichtsklasse! Wie gut, dass ihre beste Freundin Laura sie mit dem sportlichen, selbstbewussten Liam verkuppeln will. Doch plötzlich findet sich Jessi in Davids luxuriösem Appartement wieder, und der Erde droht eine feindliche Invasion. Schon bald hat Jessi noch viel größere Probleme als das, sich zwischen zwei Männern entscheiden zu müssen …

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Augenstern – Die Serie:

Jessi steht kurz vor dem Abi, ist in Liebesdingen nicht gerade erfolgsverwöhnt und führt ein überschaubares Leben in Frankfurt, als plötzlich mehrere Männer in ihr Leben einbrechen. Nicht alle sind von dieser Welt, und einige bedrohen sogar den Fortbestand der Erde. Kann Jessi ihren Gefühlen trauen, und welches Wesen verbirgt sich hinter welcher Gestalt? Es beginnt ein Verwirrspiel um Emotionen und Fassaden, das Jessi nur gewinnen kann, wenn sie lernt zu kämpfen: für sich, für ihren Planeten und für ihre Liebe.

Band 1 „Die Invasoren“:

Dieser unglaublich attraktive David liegt leider völlig außerhalb Jessis Gewichtsklasse! Wie gut, dass ihre beste Freundin Laura sie mit dem sportlichen, selbstbewussten Liam verkuppeln will. Doch plötzlich findet sich Jessi in Davids luxuriösem Appartement wieder, und der Erde droht eine feindliche Invasion. Schon bald hat Jessi noch viel größere Probleme als das, sich zwischen zwei Männern entscheiden zu müssen …

Die Autorin

Susanne Roßbach ist 1966 in Frankfurt am Main geboren und lebt mit ihrem Lebensgefährten und ihrer Tochter im Süden Frankfurts. Sie ist Diplom Betriebswirtin (BA) und Diplom-Psychologin und arbeitet als Senior Business Analystin in der IT-Abteilung einer Großbank. In ihrer Freizeit widmet sie sich ihrem Pferd und ihrem Hobby als Romanautorin. Veröffentlichungen „Der Tote vom Odenwald“ (Ullstein Midnight 2017), „Schatten über dem Odenwald“ (Ullstein Midnight 2018). „Augenstern – Die Invasoren“ (2018) ist ihr erstes Buch bei mainbook.

eISBN 978-3-947612-16-1

Copyright © 2018 mainbook Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Gerd Fischer

Covergestaltung und -rechte: Nona Roßbach

Auf der Verlagshomepage finden Sie weitere spannende

Taschenbücher und E-Books www.mainbook.de

Susanne Roßbach

Augenstern

Band 1:

Die Invasoren

Serie

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

KAPITEL 1 – Die Ankunft

KAPITEL 2 – Der Gast

KAPITEL 3a – Unter Beobachtung

KAPITEL 3 – Der Angriff

KAPITEL 4 – Ein Appartement in Frankfurt-City

KAPITEL 5 – Verlorene Liebesmüh’

KAPITEL 6a – Aliensex

KAPITEL 6 – Konkurrenz belebt das Geschäft

KAPITEL 7 – Schluss mit lustig

KAPITEL 8 – Falsche Blüten

PROLOG

Das fremde Wesen schlief. Sie strahlte eine Aura voller Ruhe und Frieden aus, die auch von mir Besitz ergriff. Ich betrachtete ihr Gesicht, das ich noch nie so entspannt gesehen hatte. War sie schön? Ich wusste nicht, wie die anderen ihrer Art sie sahen, aber ich glaube, ich fand sie schön.

Langsam realisierte ich, dass ich sie gerne berührt hätte. Das mutete mir lächerlich an, zumal es sinnlos war. Was hätte sie mir mitteilen können?

Trotzdem wollte ich sie berühren. Mich neben sie legen. Meinen Körper um den ihren schlingen.

Ich verstand das alles nicht, und es beunruhigte mich.

Der Tag war für mich sehr anstrengend gewesen. Ich sprang so schnell und so leise, wie ich nur konnte, auf und verließ den Raum.

KAPITEL 1 – Die Ankunft

„Verdammtes Miststück!“

Ich hatte einen von den haarlosen Affen zu spät bemerkt und wäre beinahe von ihm getreten worden. Rasch bewegte ich mich von festem auf weicheren, bewachsenen Untergrund, den die haarlosen Affen vermieden. Mein Magen knurrte, und bevor ich dem Tritt ausweichen musste, hatte ich es nicht mehr geschafft, die Krümel aufzulesen, die ich auf dem festen Boden entdeckt hatte und die mir essbar erschienen.

Ich suchte Deckung unter einer größeren Pflanze und verschnaufte. Es war alles anstrengender, als ich gedacht hatte. Derlei aggressives Verhalten empfand ich immer noch als befremdend. Ich hätte mich wehren können, aber ich wusste, dass ich vor allem kein Aufsehen erregen durfte. Meine Reise hatte zu lange gedauert, als dass ich mir einen dilettantischen Fehler hätte erlauben dürfen. Die Chance war groß, genau hier wichtige Informationen zu finden, die uns weiterhelfen würden. Ich wusste nicht wirklich, warum, aber meine Intuition sagte mir, dass dieser Planet einen großen Wert für uns hatte.

Ein Schwarm Krähen flog den Baum neben mir an, doch als sich die ersten schon niederließen, entdeckten mich einige von ihnen. Sie stießen Warnrufe aus und drehten ab, und die, die schon saßen, folgten ihnen kreischend. Ich seufzte.

Die Zahl der haarlosen Affen, die sich in ihren rollenden Maschinen befanden, und jene, welche sich von alleine fortbewegten, nahm langsam zu. Diese Seite des Planeten hatte sich eben erst der Sonne zugewandt. Die meisten Lebewesen hier hatten sich auf das Sonnenlicht eingestellt und waren nur bei Helligkeit aktiv.

Ich hatte schon vor einiger Zeit beschlossen, die haarlosen Affen zu favorisieren. Sie schienen die Herren der Erde zu sein oder sich zumindest für diese zu halten, und in der Tat war ihre Zivilisation die am weitesten entwickelte auf diesem Planeten. Ich spürte, dass es hinter der selbstherrlichen Fassade weit mehr geben musste; etwas, was man nur als Teil dieser Spezies entdecken konnte. Aber ich hatte meine Zweifel, ob das, was ich erfahren würde, schön sei.

Natürlich hatte ich von Anfang an gewusst, dass es Probleme geben könnte. Lebensgefährliche Probleme. Jedoch hatte ich eine wichtige Aufgabe und wollte mein Bestes geben. Auch in einer feindlichen Umgebung.

Andererseits: Ich hatte Musik gehört, ich hatte liebevolle Umarmungen gesehen, ich hatte durch viele Fenster geschaut und mir schien, dass Wissen auch für sie ein wichtiges Gut darstellte. Es konnte nicht weit entwickelt sein, wenn ich mir ihre primitiven Geräte und ihre harte und starre Umwelt betrachtete, doch möglicherweise waren sie auf eine andere Weise hochentwickelt, und ich musste sie nur besser kennenlernen. Zumal sie mir untereinander nicht sonderlich aggressiv vorkamen. Es war meistens so – das wusste ich von den anderen –, dass es irgendwelche Regeln oder Übereinkünfte gab, damit sie sich nicht gegenseitig dezimierten, zumindest nicht innerhalb einer Art.

Als ich mein Interesse auf sie fokussierte, hatte ich begonnen, ihre Kommunikation zu entschlüsseln. Ich wollte sprechen können wie sie, bevor ich den entscheidenden Schritt tat. Ich musste meine Beobachtungen fortsetzen und noch mehr Wissen über sie ansammeln, wenn ich bei meiner Entscheidung blieb.

Aber zuallererst musste ich mich der profanen Aufgabe widmen, etwas zu essen zu besorgen, denn mein Magen schmerzte jetzt schon vor Hunger.

Ich trat aus dem Schutz der Pflanze. Ein behaarter Vierfüßler wurde an einer Leine vorbeigeführt. Er kläffte mich an. Diese Lebewesen sahen alle gesund und wohlgenährt aus. Aber sie standen unter den haarlosen Affen und verfügten über weniger Intelligenz. Nichts für mich.

Sollte ich es noch einmal mit den Krümeln versuchen, die ich vorhin entdeckt hatte?

Ein recht kleiner haarloser Affe blieb vor mir stehen. Ein größerer folgte ihm mit wenig Abstand.

„Guck mal, Mama, eine Krähe! Und die ist gar nicht scheu!“

Die Angesprochene lachte. „Ja, vielleicht wird sie hier öfters gefüttert und hofft auf etwas zu fressen.“

„Darf ich ihr was von meinem Frühstücksbrot geben?“

Die Große seufzte lächelnd. „Wenn’s sein muss.“ Sie holte einen kleinen festen Behälter aus einem großen weichen, den sie fortwährend in der Hand gehalten hatte. Ich erhöhte den Abstand zwischen uns, ließ sie aber nicht aus den Augen. Ich wusste, dass sie von mir sprachen.

Die Große hielt der Kleinen den offenen Behälter hin. „Aber nicht übertreiben! Nicht, dass du im Kindergarten Hunger bekommst.“

Kurz nachdem der Behälter geöffnet worden war, konnte ich es riechen, und mein Magen signalisierte mir unmissverständlich, dass es sich um etwas Essbares handelte. Ich verringerte den Abstand.

Die Kleine griff mit beiden Händen in den Behälter.

„Mach ganz kleine Stücke daraus, damit sie es schlucken kann“, sagte die Große.

Die Kleine machte plötzlich eine schnelle Bewegung in meine Richtung. Ich sprang erschrocken fort, bemerkte jedoch gleichzeitig winzige Krümel auf mich zu fliegen, drehte mich sofort wieder um und pickte nach ihnen. Sie schmeckten köstlich.

Die Kleine lachte. „Guck mal, wie sie sich freut.“ Sie griff noch mehrmals in den Behälter, und ich schnappte alles gierig auf, was sie mir hinwarf. Wir kamen uns immer näher.

„Nicht zu nah, sonst bekommt sie Angst.“ Die Große legte ihre Hand leicht auf die Schulter der Kleinen. „Und ich glaube, sie ist jetzt auch satt. Den Rest solltest du für dich aufheben.“

„Na gut.“ Die Kleine ließ die Schultern hängen.

„Komm.“ Die Große nahm die Kleine an der Hand.

„Tschüss, Krähe!“ Die Kleine drehte sich mehrmals nach mir um. „Tschühüss!“

Ich sah ihnen nach. Das Essen breitete sich in meinem Magen aus und erfüllte mich mit einem zufriedenen Gefühl.

Einige Minuten noch beobachtete ich das Treiben auf dem festen Untergrund. Die rollenden Maschinen wurden schneller und langsamer im Gleichklang mit bunten Lichtern. Aus manchen von ihnen kam Musik. Einige waren sehr groß, und es saßen viele haarlose Affen in ihnen. Vermutlich suchten sie gegenseitig ihre Nähe. Manche sprachen im Laufen in kleine Geräte. Andere liefen zu zweit dicht beieinander, berührten sich mit ihren Mündern und lächelten.

Die Sonne stieg höher und wärmte mein Gefieder.

Vielleicht war es doch nicht so schlimm, einer von ihnen zu sein.

Ich spreizte meine Flügel und erhob mich in die Luft.

KAPITEL 2 – Der Gast

„Shit!“

Hoffentlich hatte die Dame, die hinter dem Tresen auf ihren Kaffee wartete, mich nicht gehört. Ich stellte die übergelaufene Tasse samt schwimmendem Unterteller beiseite und machte mich daran, eine neue Tasse mit Kaffee zu füllen.

„Na, Jessi, bisschen tattrig heute?“, flüsterte mir Laura schelmisch grinsend zu, und ich verdrehte die Augen.

Nach Büroschluss war es in ‚Lizzys Coffee Shop’ immer sehr voll und für uns Angestellte extrem stressig, da konnte es auch bei weniger tollpatschigen Mitarbeiterinnen als mir schon einmal vorkommen, dass man etwas verschüttete oder fallen ließ. Solange ich dem Impuls, das Geschirr einem unhöflichen Gast über den Schädel zu ziehen, widerstehen konnte, bekam ich keinen Ärger mit Lizzy.

Ich wandte mich mit einem Lächeln zu der Dame in dem leicht zerknitterten Kostüm und schob ihr den Kaffee zu. „Drei fünfzig, bitte.“

Sie zahlte, ohne mich anzusehen, und ging dann zu ihren Kollegen, die bereits an einem Tisch am Fenster saßen und ihr einen Stuhl freigehalten hatten.

Ich schaute an ihnen vorbei aus dem Fenster auf die Konstablerwache und die Menschen auf dem Platz. Leute, die schnell zur U-Bahn-Station hetzten, um noch eine Bahn zu erwischen. Frauen, die offensichtlich von der Zeil kamen, vollbepackt mit Einkaufstüten. Banker jeden Alters, die selbstbewusst den Coffee Shop betraten, als erwarteten sie stehende Ovationen. Herablassend Freundliche oder ignorant Arrogante. Hinter dem Tresen musste man gleichbleibend nett und auf Zack sein, aber angesichts der guten Bezahlung, mit der ich mir mein Auto und meine Klamotten finanzieren konnte, hatte ich kein Problem damit, jedem Kunden professionell zu begegnen.

Außerdem hatte ich hier in der Freitagsschicht Laura kennengelernt. Sie flitzte gerade zwischen der Espresso-Maschine und den Besteck-Eimern hin und her. Ihre rotblonden Haare flogen bei jeder Drehung durch die Luft und zogen eine Art Feuerschweif hinter sich her, wenn man sie – wie ich – nur aus den Augenwinkeln sehen konnte.

Lauras Temperament und Lebensfreude wirkten einfach anziehend. Auch auf mich. Dass sie sich mit mir angefreundet hatte, trotz unseres Altersunterschieds, schien mir immer noch ein Wunder. Sie …

„Ähem, Jessi?“, fragte Laura, die gerade mit einem wabbeligen Tortenstück kämpfte.

Ich sah auf, folgte Lauras Kopfbewegung und blickte in zwei erwartungsvolle dunkelbraune Augen, denen ich sofort ansah, dass ihr Besitzer mich bereits angesprochen haben musste, ohne dass ich zugehört hatte.

„Oh, sorry, was darf es sein?“

Ich musste mich für mein Lächeln nicht anstrengen, denn der Typ lächelte mich seinerseits sehr breit und selbstsicher an. Seine dunkelbraunen Haare fielen ihm vorn bis in die Augen, und unter seiner Jeans und dem Kapuzen-Sweatshirt war eine athletische Figur zu erkennen.

Laura kicherte; sah ich irgendwie dämlich aus, weil ich nicht aufgepasst hatte?

Okay, ich konzentrierte mich auf die Gegenwart und lenkte meine Gedanken von seinem muskulösen Körper auf seine Bestellung.

„Hallo, ich hätte gerne einen Milchkaffee.“

Er sprach die Worte übertrieben deutlich aus; sein Gesicht spiegelte gewisse Zweifel an meiner Zurechnungsfähigkeit wider, und ich war mir nicht sicher, ob er nicht auch ein winziges spöttisches Grinsen unterdrückte.

„Ja, gerne“, antwortete ich nun voll professionell und griff nach einer Tasse. Ich wollte nicht wie ein Idiot aussehen, auch wenn es mir eigentlich egal sein konnte, was er von mir hielt.

„Vielen Dank.“ Mr. Muscle nahm die Tasse entgegen und lächelte mich an.

Ich lächelte zurück.

Er bezahlte und schlängelte sich durch Menschen und Tische an einen Platz, bewegte sich dabei sehr geschmeidig.

„Ist in der Schwarzwälder Kirschtorte Gelatine?“ Eine erschöpft aussehende, ältere Frau mit riesigen Einkaufstaschen in beiden Händen schaute mich mit großen Augen an. Ich suchte die Inhaltsliste aus der Schublade und überflog die Zutaten.

„Ja, tut mir leid … Aber in der Sacher-Torte ist keine, da hab ich schon mal nachgeschaut.“

Ich bediente noch etwa ein Dutzend Kunden, bevor Laura und ich eine kurze Verschnaufpause hatten. Wir lachten leise über einen Tisch mit Pinguinen, wie wir die Banker in ihren immer gleichen Anzügen nannten, da sie an diesem Tisch – zumindest von Ferne betrachtet – auch die gleichen Hemden und Krawatten anhatten, und spekulierten über ein erheblich altersungleiches Paar, von dem Laura meinte, es handele sich um ein Liebespaar, während ich sie für Vater und Tochter hielt.

„Und, wie findest du den in der vierten Reihe, dritter Tisch von rechts?“ Lauras Augen blitzten.

Mr. Muscle schaute unbestimmt vor sich hin.

„Joo, nicht schlecht. Gut gebaut. Ich hoffe, er nimmt keine Anabolika.“

„Naaa, macht er net“, sagte Laura. „Äh, ich meine, so übertrieben muskulös ist er doch gar nicht.“

„Es heißt: ‚Nö’ und nicht: ‚Naaa’. Wenn du heute Abend bei deinem Freund in München bist, darfst du den bayrischen Dialekt wieder auspacken“, versuchte ich abzulenken. Aber Laura war eine scharfe Beobachterin und ich offensichtlich erschreckend leicht zu durchschauen.

Laura grinste. „Denk an deine einsame Wohnung …“

„Ich fürchte, meine Eltern bezahlen mir selbige nicht nur, damit ich an meiner alten Schule noch das Abi machen kann, statt mit ihnen nach Berlin zu ziehen, sondern auch, weil sie wissen, dass ich dort die nächsten hundert Jahre keine männliche Übernachtung zu verzeichnen haben werde.“ Ich seufzte.

Laura legte mir aufmunternd die Hand auf die Schulter. „Das kriegen wir schon hin.“ Sie schaute kurz zur Tür. „Ich nutze die Flaute und verschwinde mal eben in die Fliesen-Abteilung.“

Auch meine Kollegin neben mir hatte gerade den letzten Gast abkassiert, und es stand niemand mehr Schlange. Sie stemmte eine Hand in die Hüfte. „Wie war dein Wochenende?“

„Ganz nett. Ich war Samstagabend mit meinen Freunden Billard spielen und tanzen, Sonntag wurde ein Reitturnier übertragen und ansonsten hab ich mich auf die kommenden Schularbeiten vorbereitet. Und bei dir?“

Meine Kollegin erzählte mir ausführlich von einem Streit mit ihrem Freund, während wir immer wieder Blicke in den Shop und vor allem zur Eingangstür warfen, um für die Gäste ansprechbar zu bleiben. Lizzy hatte nichts dagegen, wenn wir schwatzten, solange wir bereit waren, wenn Kunden auf uns zukamen.

Die Tür öffnete sich, und eine Gruppe Banker kam herein.

Ich erstarrte.

Ein Mann aus der eintretenden Gruppe war fast einen halben Kopf größer als die anderen und trug seinen Anzug und den geöffneten Trenchcoat mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, als säße er in ausgelutschten Sportklamotten auf seinem Fernseh-Sofa. Aber selbst in solchen Sportklamotten wäre er der absolute Blickfang gewesen. Der Mann musste Model sein. Er war etwa Mitte bis Ende zwanzig und reichte sicher knapp an die ein Meter neunzig bei ausgewogenen Proportionen. Er hatte schwarze Haare, die ihm auf einer Seite leicht in die Stirn fielen, aber vermutlich hätte er sie sich wie auch immer frisieren oder gleich komplett abschneiden können, denn sie umrahmten ein unglaublich schönes und doch männlich markantes Gesicht. Meine Wangen wurden heiß und meine Hände fingen an zu schwitzen. Wie peinlich! Ich musste mich unbedingt zusammenreißen. Ich hatte doch wirklich schon andere gutaussehende Männer gesehen … wenn auch vielleicht eher in Zeitschriften oder im Fernsehen …

Ich atmete tief ein und versuchte, meine schweißnassen Hände unter der Theke unauffällig an den Hosenbeinen abzuwischen. Dann blickte ich auf. Die Gruppe war schon erschreckend nah. Ich setzte mein geschäftsmäßiges Lächeln auf. Nur nichts anmerken lassen.

Das Model lachte gemeinsam mit dem Mann neben ihm über eine Bemerkung, die der dritte gemacht hatte, und steuerte dann schnurstracks auf mich zu. Ich betete inständig, nicht so auszusehen, wie ich mich fühlte.

„Guten Abend. Ich hätte gerne einen Latte macchiato.“

Tolle, tiefe, männliche Stimme. Sein strahlendes Lächeln entblößte eine Reihe perfekter Zähne. Ich lächelte unwillkürlich zurück und sah sicher total bescheuert aus. Wie hieß es doch so schön: Nicht auf die Verpackung, sondern auf den Inhalt kommt es an. Wahrscheinlich war der Typ ein ungeheures Arschloch und sah einfach nur gut aus. Oder er war nahezu debil und hatte sich seinen Job mit Beziehungen erschlichen. Ich versuchte, mich zu beruhigen und zu funktionieren. Das letzte, was ich jetzt wollte, war, dass mir das Glas mit dem Latte aus den schweißnassen Händen fiel.

„Und dann hat er alles wieder zurückgekauft“, sagte sein Kollege neben ihm.

Der dritte Mann stöhnte mit gespieltem Entsetzen.

„Oh nein, so ein Blödmann!“

„Aber der Schneidmüller hat es tatsächlich nicht gemerkt und ihm wieder einen fetten Bonus rübergeschoben!“

Das Model schüttelte lachend den Kopf.

„Erstaunlich.“

Dann lächelte er mich an, und mir blieb die Luft weg. Er hatte eisblaue Augen. Gab es solche Augen in echt, oder hatte er farbige Kontaktlinsen an?

„Was darf ich Ihnen geben?“

Ich überlegte rasend schnell, was er bestellt hatte, und krächzte mit der letzten Luft aus meiner Lunge: „Drei siebzig.“

Er lächelte wieder, diesmal mit leichtem Erstaunen in den Augen. Für einen kurzen Moment hatte ich das verrückte Gefühl, dass er seine Hände nach mir ausstrecken wollte, was irgendwie keinen Sinn machte; seine Hände wühlten de facto in einer sehr teuer aussehenden Brieftasche mit einer Art Hufeisen-Symbol darauf.

„Haben Sie vielen Dank.“

„Danke.“

Wir hatten uns beide gleichzeitig bedankt, und ich warf ihm noch einen schnellen Blick zu, den er wieder mit einem umwerfenden Lächeln erwiderte. Er war unbeschreiblich. Meine Beine fühlten sich schlabberig an. Erst als er sich umdrehte, konnte ich tief Luft holen. Meine Kollegin neben mir legte gerade das Geld seines Kollegen in die Kasse, und ich hörte auch sie deutlich ausatmen. Sie schaute mich unsicher an und lächelte verlegen.

„Holla.“

„Das kannst du laut sagen.“

Offensichtlich hatte ich also nicht als Einzige gegen einen unwürdigen Zusammenbruch angekämpft.

Meine Kollegin hob die Augen gen Himmel. „Wie kann man nur so gut aussehen? Allerdings redet er etwas geschwollen.“

„So einen Mann nimmt man ja auch nicht nur zum Reden mit nach Hause. Ich hoffe, er hat irgendeinen ernsthaften Makel, der mich darüber hinwegtröstet, dass dieser Typ unerreichbar für mich ist. Ein Spatzenhirn zum Beispiel oder Syphilis.“

„Jessi!“, zischte sie mich empört an. Sie hatte nicht den gleichen Humor wie Laura und ich.

Ich verzog den Mund. „Oder er hat bereits zehn Frauen an jedem Finger und parkt jeden Abend bei ’ner anderen ein.“

Unser Tellerwäscher stellte polternd eine Tasse auf einen Geschirrwagen, der am Ende der Theke stand, und gab ein Hüsteln von sich.

Das Model hatte mit den Kollegen einen Tisch fern der Theke aufgesucht, und es war zu laut im Coffee Shop, um ihr Gespräch zu belauschen. Meine Kollegin hatte sich demonstrativ zur Tür gedreht, durch die schon der nächste Gast eintrat. Ich schnaufte noch einmal durch und erlangte wieder die Kontrolle über mich selbst. Meine Bluse fühlte sich unter den Armen verschwitzt an, und ich bedauerte noch einmal meinen peinlichen Schwächeanfall.

Aus der sicheren Entfernung und mit der Gewissheit, dass es keine Begegnung mehr geben würde, versuchte ich, diesen unglaublichen Mann unauffällig zu betrachten. Der eingetretene Gast steuerte meine Kollegin an, die sichtlich froh war, einen Grund zu haben, nicht mehr an meinen offen geäußerten Gedanken teilhaben zu müssen.

Das Model – ich würde mir noch einen besseren Namen ausdenken – war die perfekte Mischung aus Schönheit und Männlichkeit. Er hatte ein leicht kantiges Kinn und ausgeprägte Wangenknochen, hervorstechend blaue Augen, ein perfektes Profil, eine ideal geformte Nase, eben perfekt. Alles an diesem verdammten Typen war perfekt. Genau. Ich würde ihn Mr. Perfect nennen. Er war groß und beeindruckend und umwerfend.

Und wenn er lächelte oder lachte, wurde mir selbst auf die Entfernung noch schrecklich heiß.

Die drei lachten wirklich viel. Sie hatten sich offensichtlich einiges zu erzählen. Vielleicht hatten sie Mr. Perfect länger nicht gesehen. Ich arbeitete ja auch erst ein paar Monate hier. Vielleicht war er auf Dienstreise gewesen oder ein Jahr ins Ausland versetzt worden und jetzt wieder zurückgekommen. Wobei, wurde man in seinem Alter schon ins Ausland versetzt? Jedenfalls würde er möglicherweise öfter hier erscheinen.

Genau deswegen musste ich mich dringend zusammenreißen. Es sollte mir echt egal sein, ob Mr. Perfect hier noch einmal herkäme. Ein solcher Mann würde sich nie und nimmer für mich interessieren. Von daher sollte ich nicht so dämlich für ihn schwärmen. Das war unwürdig und deplatziert.

Der nächste Gast stand vor mir und verlangte einen Cappuccino.

„Gerne.“

Mr. Perfect neigte sich zu dem links von ihm sitzenden Kollegen und schien ihm etwas zu erklären, während er auf seine gestikulierenden Hände blickte. Dann schaute er plötzlich auf und sah mir direkt ins Gesicht.

Ups!

Die Cappuccino-Tasse, die ich gerade auf die Theke stellen wollte, vollführte eine halbe Drehung auf ihrer Untertasse, ihr Inhalt schwappte über die Theke und platschte dem vor mir stehenden Gast vor die Füße, der selbige gerade noch rechtzeitig einziehen konnte.

Meine Körpertemperatur sprang schlagartig um zehn Grad nach oben, ich entschuldigte mich vielmals bei dem Gast und küsste in Gedanken unserem Tellerwäscher die Füße dafür, dass er sofort angesprungen kam, um den Schaden zu beheben, sodass ich die Gelegenheit bekam mich umzudrehen, um einen neuen Cappuccino zu machen. Außerdem konnte ich so mein sicherlich knallrotes Gesicht vor dem Blick eisblauer Augen verbergen.

Laura stieß gerade wieder zu uns und schaute mich fragend an. Aber schon stellte sich ein Kunde bei ihr an und nahm ihre Aufmerksamkeit in Anspruch.

Ich schaute nicht mehr in die Runde, riss mich zusammen und verkniff es mir bis zum Schichtende, irgendwelche unsinnigen Begehrlichkeiten zu pflegen.

Mr. Perfect und seine Kollegen gingen gegen acht, und als unser Tellerwäscher ihm direkt am Geschirrwagen sein Glas und seinen Teller abnahm, bedankte er sich höflich. Ich wünschte, er hätte sich arrogant oder sonst irgendwie mies benommen, dann wäre die Schönheit seiner Verpackung mit einem Schlag zunichte gewesen. Aber so ließ er mich aufgewühlt zurück.

Die letzten Gäste zogen sich an und verließen uns. Der Vater legte seiner Tochter beim Hinausgehen die Hand auf die Hüfte und küsste sie, und hätte ich damit nicht zu viel Aufmerksamkeit auf mich gezogen, hätte ich gern mehrmals hintereinander meinen Kopf auf der Theke aufgeschlagen.

„Fuck! Ich lag mal wieder sowas von daneben! Aber warum auch lässt sie sich mit so einem alten Typ ein?“

„Lass dich von ihm durchnudeln, dann weißt du’s.“ Laura grinste mich breit an. „Erfahrung zählt nicht nur im Berufsleben.“

„Mag sein, aber in dem Fall wäre es mir lieber, du testest ihn aus und erstattest mir nur Bericht. Ohne allzu plastische Einzelheiten.“

Laura schmunzelte, lief nach hinten, um ihre Tasche zu holen, und kam dann noch mal zu mir.

„Nächstes Wochenende müssen wir uns unbedingt verabreden“, rief sie mir im Gehen zu.

„Ja, unbedingt. Viel Spaß zu Hause!“, rief ich ihr nach.

Als ich mit Nassi und Mike R. aus dem Auto stieg, sah ich schon Laura mit einigen anderen Studenten oben vor dem Eingang der Eissporthalle stehen und rannte schnaufend die vielen Treppen nach oben.

„Hey“, sagte ich, „ich freu mich!“ Küsschen links.

„Ich auch.“ Küsschen rechts. Sie stand neben Robert, den ich schon von anderen Treffen kannte. Er war mittelgroß und insgesamt eine unauffällige Erscheinung. Seine dunkelblonden Haare steckten heute unter einer Strickmütze. Robert hatte mich anfangs so unzweideutig angebaggert, dass selbst ich es kapiert hatte, aber obwohl er sicher ein netter Kerl war, konnte ich mich nicht für ihn begeistern. Hoffentlich klebte er mir nicht wieder den ganzen Nachmittag an der Backe.

„Hallo, Robert, das sind Nastassja und Mike R.; Leute, das ist Robert, er studiert mit Laura Physik.“

„Hallo.“

„Hi. Physik? Das ist ja voll das Loser-Fach!“ Mike R. machte eine wegwerfende Handbewegung. „Da gibt’s ja kaum Frauen.“

Schon hatten die beiden ein Gesprächsthema.

Laura zeigte mit dem Finger auf Mike R. „Wieso ‚R.’?“

„Oh, Mike kam erst in der dritten Klasse dazu, und da gab es bereits einen Michael C., deshalb musste er durch das ‚R.’ genauer spezifiziert werden. Nassi und mich gab es vornamentechnisch nur ein Mal, das war einfacher.“

Mike R. hatte den gleichen Humor wie meine Geschwister, und damit hatten wir sofort auf einer Wellenlänge gelegen. Er war eine bullige Erscheinung mit schwarzbraunen Haaren und hellgrauen Augen. Nassi hingegen hatte dunkelblonde, gelockte Haare und einen eher zierlichen Körper. Sie trug das Herz auf der Zunge und ließ uns gerne wissen, wie ‚man’ sich verhalten ‚musste’. Trotzdem passten wir drei irgendwie total gut zusammen.

„Also von meiner Seite fehlt nur noch Isinghard …“ Laura hielt kurz inne und schaute angestrengt auf den Parkplatz. „Das ist der, der gerade in dem roten Golf da herum fährt. Isinghard ist ein bisschen speziell, aber absolut zuverlässig.“

Ich schaute gespannt auf das Auto, denn ich kannte Lauras Kommilitonen auch noch nicht.