Augentraining - Robert G. Koch - E-Book

Augentraining E-Book

Robert G. Koch

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Beschreibung

Lange Bildschirmzeit, wenig Bewegung: Unsere Augen leiden unter dieser einseitigen Belastung. Dabei verdanken wir diesem wichtigen Sinnesorgan, dass wir das Leben bildhaft erleben. Der Mediziner Robert G. Koch erklärt uns unseren «Spiegel zur Seele» in diesem Ratgeber näher. Er beschreibt die Ursachen und Hintergründe für Sehschwächen und verrät, wie wir die visuelle Wahrnehmung nicht nur erhalten, sondern sogar verbessern können. Spezifische Augenübungen, bestimmte Nahrungsergänzungsmittel und Akupressur sind nur ein paar von vielen guten Ratschlägen. Viele weitere praktische Tipps, verblüffende Fakten rund um die Augenwelt und unterhaltsame optische Täuschungen machen das Buch zu einem wahren Augenschmaus.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dank

Ich hatte erneut das Glück, bei der Verwirklichung dieses Projekts Christine Klingler Lüthi zur Seite zu haben. Als Lektorin hat sie mit ihren kreativen Ideen und ihrer Ausdauer wesentlich zum Gelingen dieses Buches beigetragen, wofür ich ihr ganz speziell danken möchte.

© 2024 Beobachter-Edition, Zürich

Alle Rechte vorbehalten

www.beobachter.ch

Herausgeber: Der Schweizerische Beobachter, Zürich Lektorat: Christine Klingler Lüthi

Reihengestaltung und Umschlag: Frau Federer GmbH

Satz: Bruno Bolliger

Umschlagillustration: Frau Federer GmbH

Illustrationen: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Herstellung: Bruno Bächtold

Druck: Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KG, Calbe

ISBN: 978-3-03875-522-7

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Inhalt

Vorwort

1 Ein phänomenales Sinnesorgan

Die menschlichen Sinnesorgane

Die Evolution kennt 40 verschiedene Augentypen

Tieraugen können mehr

Aufbau und Funktion des menschlichen Auges

Lider, Wimpern und Brauen

Tränendrüsen

Der Augapfel, eine Ausstülpung des Gehirns

Unsere sehende Haut: die Netzhaut (Retina)

Äussere und innere Augenmuskulatur

Die visuelle Hirnschaltzentrale

Auge überlistet Hirn: Optische Illusionen und Rätsel

«Ein phänomenales Sinnesorgan» in Kürze

2 Das Auge im Laufe des Lebens

Sehen: von der Jugend bis ins hohe Alter

Spuren der Zeit am und im Auge

Blindheit – angeboren oder erworben

Schielen

Hornhautverkrümmung (Astigmatismus)

Kurz- und Weitsichtigkeit

Trockene Augen (Xerophthalmie)

Okulärer Schwindel

Altersweitsichtigkeit (Presbyopie)

Grauer Star (Katarakt)

Grüner Star (Glaukom)

Diabetische Retinopathie

Altersbedingte Makuladegeneration (AMD)

Netzhautablösung (Ablatio retinae)

Verletzungen und Erkrankungen

Verletzungen und Fremdkörper

Entzündungen

Gefässverschlüsse

Geschwülste

«Das Auge im Laufe des Lebens» in Kürze

3 Die Sehkraft erhalten und optimieren

Positive und negative Einflüsse unserer Lebensweise

Faktoren, die die Sehkraft positiv beeinflussen

Bewegungsmangel, Stress, freie Radikale und andere Bösewichte

Wie sich die Ernährung auf die Augen auswirkt

Wenn die Augen mehr brauchen: Supplemente

Umwelteinflüsse managen

Prophylaxe am Arbeitsplatz

Optische Hilfsmittel und medizinische Eingriffe

Brillen, Kontaktlinsen und Co.

Lasern und chirurgische Eingriffe

Augenuntersuchungen in der ärztlichen Praxis

Zukunftsaussichten

«Die Sehkraft erhalten und optimieren» in Kürze

4 Training, Massagen, Akupressur

Ohne teure Geräte: Augenfitness zu Hause

Vom Nutzen des Sehtrainings

Die Bates-Methode

Ausgleichende Entspannung

Weitsichtigkeit

Kurzsichtigkeit

Konvergenzübungen

Divergenzübungen

Augenturnen

Schielen

Übungen am Schreibtisch

Augenmassage

Traditionelle Chinesische Medizin für die Augen

Grundlagen

Akupressur für die Augen

«Training, Massagen, Akupressur» in Kürze

Anhang

Nährstoffe für die Augen

Sehprobe- und Lesetafeln

Glossar

Links und Adressen

Auflösung der Rätsel

Quellen

Bildnachweis

Vorwort

Unsere Augen gelten als Schnittstelle zwischen Aussen- und Innenwelt, als Verbindung zum Gegenüber und als Spiegel der Seele. Alle Sinnesorgane haben einen überlebenswichtigen Zweck, aber das Auge übertrifft sie alle, denn kein anderes Sinnesorgan versorgt uns mit derart vielfältigen Informationen zur Umwelt.

Dieses Buch will unser faszinierendes Sehorgan näher beschreiben und Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, die Funktionsweise dieses Wunder­­werks der Natur näherbringen. Zur Sprache kommen Ursachen und Hintergründe für Sehschwächen sowie Methoden, wie wir die Sehkraft nicht nur erhalten, sondern unter Umständen sogar verbessern können. Spezifische Augenübungen, ein gesunder Lebensstil, manche Nahrungsergänzungsmittel und Akupressur gemäss der Traditionellen Chinesischen Medizin sowie viele weitere praktische Tipps leisten dabei gute Dienste.

Die Meinung ist weitverbreitet, dass gegen das nachlassende Sehvermögen kein Kraut gewachsen ist – dass mit Sehhilfen die Symptome zwar bekämpft werden können, sich aber an der Ursache nichts verändern lässt. Doch es gibt Lichtblicke. Genau so, wie wir beim altersbedingten Muskel- und Gehirnschwund in der Lage sind, im Sinne von use it or lose it Gegensteuer zu geben, können wir auch unsere ermüdenden Sinnesorgane trainieren. Die Scharfeinstellung des Auges wird durch die Linse beeinflusst, daneben aber auch durch die äusseren Augenmuskeln, die in der Lage sind, die Form des Augapfeld in zielführender Weise zu verändern. Ein spezifisches Training bewirkt eine Stärkung der Augenmuskeln, verbessert die Beweglichkeit der Augen und kann die Fokussierung von Objekten in verschiedenen Entfernungen schärfen. Die Absicht dieses Ratgebers besteht darin, dass Sie Ihre visuelle Leistung möglichst lange und ungetrübt erhalten können.

Dr. med. Robert G. Koch

März 2024

1 Ein phänomenales Sinnesorgan

Die menschlichen Sinnesorgane

Alle Lebewesen sind zum Überleben auf Sinnesorgane angewiesen. Regenwürmer tasten sich ohne Augen durch die Erde, Zugvögel orientieren sich am Erdmagnetfeld und Schlangen riechen ihre Beute mit der Zunge. Für den Menschen sind in erster Linie die Augen von Bedeutung.

Vor rund 700 Millionen Jahren ereignete sich in der Evolution der Sinnesorgane ein entscheidender Schritt: In den Ur-Ozeanen entstanden Lebewesen, deren Körper einen Anfang (Kopf) und ein Ende (Schwanz) besassen. Sie bewegten sich mit dem Mund voran, weshalb die wichtigsten Sinne im Kopfbereich angesiedelt wurden (Augen, Nase, Gehör und das Geschmacksorgan im Mund). Quallen brachten die frühesten Sinnesorgane hervor, nämlich primitive Lichtrezeptoren und ein Gleichgewichtsorgan, mit dem sie erkennen, was oben und unten ist. Als sich ein paar Millionen Jahre später die ersten mausartigen Wirbeltiere entwickelten, mussten sich diese gegen überlegene Raubtiere wehren, um nicht gefressen zu werden. Die Sinnesorgane, allen voran die Augen und das Gehör, verbesserten sich rasch zu hochempfindlichen Körperteilen, die bei der Orientierung in der Natur halfen, insbesondere in der Klasse der Säugetiere. Denn sie erlaubten es, Nahrungsquellen zu finden und Feinden zu entkommen, und dienten so dem Überleben.

Die Sinnesorgane kann man mit Fühlern vergleichen, die unser Gehirn in die Umwelt ausstreckt. Sensible Nervenzellen reagieren auf verschiedenste Reize wie Licht, Farben, Schall, Gerüche, Geschmäcker oder Berührung, Druck und Schmerz, indem sie diese Stimuli in elektrische Signale umwandeln und ans Gehirn weiterleiten, wo sie zu Eindrücken verarbeitet werden.

Info | Bewusstseinsfilter Jede einzelne Sekunde erreichen Millionen von Sinnesempfindungen das Gehirn. Aber nur ein Bruchteil der ­sensorischen Meldungen dringen ins Bewusstsein, zum Beispiel besonders laute oder wichtige Alarmsignale wie etwa Schmerz oder der Geruch von Verbranntem und Schimmlig-Fauligem. Der Grossteil der Botschaften wird von unserem Unbewussten verarbeitet und ­gefiltert, damit das Bewusstsein nicht in der Flut der Meldungen «ertrinkt».

Beim Menschen ist gemeinhin von fünf Sinnen die Rede: Riechen, Schmecken, Hören, Tasten und Sehen. Darüber hinaus werden auch der Gleichgewichtssinn (vestibuläre Wahrnehmung) und die Registrierung der Position und der Bewegungen des Körpers im Raum (Propriozeption) hinzugezählt. Einige Tiere verfügen über weitere erstaunliche sinnliche Fähigkeiten, die uns Menschen fremd sind (siehe Seite 16).

Von allen menschlichen Sinnen gilt das Sehen als der bedeutendste. Allerdings hat im Kollektiv der Wahrnehmungsorgane jeder Sinn seine eigene Funktion und keiner sollte unterschätzt werden. Unsere Sinnesreizungen dienen nicht primär dem Genuss. Das Leben wäre zweifelsohne fad, könnten wir den Geschmack unserer Leibspeise nicht erleben, keine Rose riechen, Musik nicht hören oder die zärtlichen Berührungen des Partners, der Partnerin nicht spüren. Doch viel wichtiger ist die Tatsache, dass unsere Sinne uns vor so mancher Gefahr warnen und uns vor schmerzlichen Erfahrungen bewahren. Ist eine Oberfläche oder ein Getränk zu heiss? Hören wir eine von hinten kommende Bedrohung? Ohne Tastsinn würden wir nicht erregt, die Fortpflanzung wäre erschwert. Kurzum, ohne Sinneseindrücke könnten wir kaum unbeschadet leben.

Info | Sinnesverlust kompensieren Bei blinden oder gehörlosen Menschen werden die ursprünglich visuellen oder auditorischen Neuronen (Nerven­zellen) von anderen Sinnen vereinnahmt. Deshalb hören Blinde besser und Gehörlose sind effizienter in der visuellen Wahrnehmung: Sie reagieren genauer und schneller auf Objekte am Rand des Blick­feldes. Und das äusserst feine Gehör blinder Menschen nimmt ­Geräusche wahr, die ein normal Sehender nicht ­beachtet (siehe auch Seite 52).

Orientierung und Schutz

Das Augenlicht scheint für die meisten Menschen der unentbehrlichste Sinn zu sein. Nicht so für gewisse Naturvölker. Auf den Andamanen im Indischen Ozean ist der Geruchssinn ausschlaggebend. Die Menschen orientieren sich anhand der olfaktorischen Bewertung der Luft beziehungsweise am sich verändernden Geruch ihrer Umwelt. Und beim ­indigenen Maya-Volk der Tzotzil in ­Mexiko sind der Tast- und Tempe­ratursinn von vorrangiger Bedeutung.

Unsere Sinnesorgane erlauben uns die Erfahrung der Welt, zugleich schützen sie uns vor schädlichen Umwelteinflüssen. Die gustatorische Wahrnehmung warnt uns vor vergammelten Lebensmitteln und löst zusammen mit dem Geruchs-sinn einen Brechreiz aus, wenn wir verdorbenes Essen vor uns haben. Bei einem Knall oder einer Explosion zucken wir zusammen und ducken uns.

Neben den fünf klassischen Sinnen, dem Gleichgewichtssinn und der Propriozeption (siehe Seite 59) gibt es schliesslich die Wahrnehmung der inneren Organe, sei es ­eine volle Blase, Hunger oder Durst.

Die Evolution kennt 40 verschiedene Augentypen

Lichtempfindliche Zellen gibt es schon seit etwa 600 Millionen Jahren, richtige Augen seit ungefähr 540 Millionen Jahren. Am Anfang der Entwicklung eines hochkomplexen Sehorgans konnten einfache Sinneszellen nur zwischen hell und dunkel unterscheiden, bis weiterentwickelte, lichtsensiblere Zellen, sogenannte Fotorezeptoren, schärfer sahen und allmählich auch Farben registrierten. Ob Jagd- oder Fluchttier, ob tag- oder nachtaktiv – je nach Bedürfnis entstand eine Vielzahl unterschiedlicher Augenarten. Säugetiere und allen voran wir Menschen verfügen über raffinierte, leistungsfähige Linsenaugen. Einerseits ermöglicht eine Linse eine scharfe Abbildung von verschieden weit entfernten Objekten, andererseits wird das einfallende Licht von zwei unterschiedlichen Sinneszellen in der Netzhaut empfangen, den Zapfen für die Farbwahrnehmung und den Stäbchen für das Erkennen von Helligkeit. Moleküle, die auf Licht reagieren, verändern ihre chemische Struktur und senden elektrische Impulse in die Sehrinde des Grosshirns, wo sie zu visuellen Bildern verarbeitet werden.

Die Bandbreite unserer Sehkraft ist enorm, wenn man bedenkt, dass wir in einer klaren, finsteren Nacht die Scheinwerfer eines Autos in einer Entfernung von elf Kilometern sehen und sogar die zweieinhalb Millionen Lichtjahre entfernte Andromeda-Galaxie am dunklen Himmel erkennen können. Nüchtern betrachtet beschränkt sich unsere sichtbare Welt ohne optische Hilfsmittel allerdings auf eine relativ schmale Dimension, den Mesokosmos, der zwischen der unendlichen Weite des Universums (Makrokosmos) und dem mikroskopisch kleinen Raum (Mikrokosmos) liegt.

info | Dutzende Augenvarianten Sehorgane haben sich im Tierreich auf unterschiedliche Weise herausgebildet. Verwandte der See­sterne, die auf dem Meeresgrund lebenden Schlangensterne, registrieren mit ihren primitiven lichtempfindlichen Strukturen selbst ­erzeugtes Licht (Biolumineszenz, siehe Seite 17). Die einfachen Grubenaugen der ­Schnecken unterscheiden sich von den Pigmentbecheraugen der Strudelwürmer und den Lochaugen des tintenfischähnlichen Nautilus, die Flach- und Blasenaugen der Quallen und Polypen von den Spiegel-augen des Hummers – und all diese Augen sind völlig anders geartet als die komplexen Facettenaugen der Insekten, die Tausende von Einzelaugen vereinen.

Crazy Fact Unsere Vorfahren, die Neandertaler, hatten einen sehr hohen Kalorienbedarf. Sie waren muskulöser und kräftiger gebaut als wir und benötigten schätzungsweise 5000 bis 6000 Kalorien täglich. Neandertaler jagten Landtiere, ernährten sich auch von Fischen und von ­allerlei Pflanzen, Nüssen und Früchten. Augäpfel sollen ein beliebter Snack gewesen sein, wie zahlreiche Schnitt­spuren an ­Tierknochen zeigen.

Tieraugen können mehr

Viele Tiere haben visuelle Fähigkeiten, die weit über die menschliche Wahrnehmung hinausgehen. Während Quallen nur einfache lichtempfindliche Moleküle an der Körperoberfläche aufweisen und lediglich Hell und Dunkel registrieren, verfügen andere Tiere über aussergewöhnliche Sehkräfte:

Adler, die Könige der Lüfte, können auch winzige Beutetiere aus enormen Höhen erspähen, dank einer Art eingebautem Fernrohr, mit dem sie Bildausschnitte vergrössern können.Ihre Augen verfügen über ein viel besseres Auflösungsvermögen als jene von Säugetieren und sehen wesentlich schärfer. Ausserdem sind sie mit fünf verschiedenen Farbzellrezeptoren ausgestattet, zwei mehr als wir Menschen besitzen. Federn über den Augen dienen zudem als Sonnen- und Blendschutz.Bienen und Vögel registrieren Ultraviolettstrahlen mit besonderen Farbsinneszellen. Schlangen orten ihre warmblütige Beute auch in der Dunkelheit mithilfe von Infrarotrezeptoren, die für uns unsichtbare Wärmebilder aufzeichnen.Chamäleons können die vorstehenden, seitlich des Kopfes liegenden Augen unabhängig voneinander bewegen und haben ein Blickfeld von nahezu 360 Grad. Lediglich über dem Kopf liegt ein kleiner toter Winkel.Haus- und Raubkatzen verfügen über eine exzellente Nachtsicht. Hinter der Netzhaut liegt eine das Licht reflektierende Schicht, das Tapetum lucidum, (lateinisch, «leuchtender Teppich»). Spärliches Licht wird zur Verstärkung ein zweites Mal auf die Fotorezeptoren der Netzhaut zurückgeworfen und aufgehellt. Während es uns schwerfällt, bei schummrigem Licht ein Buch zu lesen, haben Katzen kein Problem, in finsterer Umgebung ihren Fang zu erspähen. Das Tapetum lucidum ist auch für das magische Leuchten verantwortlich, wenn Katzenaugen im Dunkeln direkt angestrahlt werden.Eulen sind die einzigen Raubvögel, die in der Nacht jagen. Ihre grossen Augen, dichtgepackt mit Stäbchen, lassen viel Licht hinein. Sie sehen in der Nacht zweieinhalb Mal heller als wir.In der Tiefsee ist es unterhalb von 200 Metern praktisch völlig dunkel. Trotzdem existieren hier viele Lebewesen. Etliche besitzen die erstaunliche Fähigkeit, selbst Licht zu erzeugen (Biolumineszenz). Bestens an ihre Umgebung angepasst, strahlen biolumineszente Organismen entweder selbst Licht aus (Glühwürmchen, Leuchtgarnelen, Leuchtquallen, Algen) oder sekundär mithilfe von symbiotischen Bakterien, die leuchten. Durch eine chemische Reaktion wird Energie frei, die in Form von Licht abgegeben wird. Die sich im Meer in Tiefen von 400 bis 2500 Metern aufhaltenden Gespensterfische leben in Finsternis und verfügen lediglich über Stäbchenzellen (Hell-Dunkel-Wahrnehmung). Die röhrenförmigen, nach oben gerichteten Augen enthalten einen besonderen Sehfarbstoff, der die Umgebung im schwachen biolumineszenten Licht ihrer Leuchtorgane bestmöglich wahrnehmen kann. Obwohl sie vorwiegend nach oben gucken und ihr Gesichtsfeld demzufolge eingeschränkt ist, können sie so einiges erfassen, was in ihrer stockdunklen Umgebung vorgeht.Die ebenfalls in der Tiefsee lebenden Riesentintenfische haben Augen so gross wie Fussbälle.Libellen sind wie viele andere Insekten mit sogenannten Facettenaugen ausgestattet, mit denen sie sich gerade bei schnellen Bewegungen optimal orientieren können. Das Auge einer Libelle setzt sich aus bis zu 30 000 einzelnen Augen zusammen. Jedes dieser Einzelaugen schaut in eine etwas andere Richtung und hat eine winzige Linse und mehrere Fotorezeptoren. Dank der seitlichen Anordnung der kugeligen Sehorgane erlangen Libellen eine Rundumsicht ihrer Umgebung. Zusätzlich verfügen sie über drei kleine Punktaugen an der Kopfoberseite, die wahrscheinlich zur Orientierung, für die innere Uhr und als Gleichgewichtsorgan dienen. Des Weiteren sind die Facettenaugen imstande, ultraviolettes Licht wahrzunehmen – sie können dadurch mehr Farben erkennen und sogar ins trübe Wasser hineinsehen. Kamele verfügen über sechs Augenlider, drei an jedem Auge; eines davon ist durchsichtig und schützt die Augen bei Sandstürmen.

«Auge um Auge – und die ganze Welt wird blind sein.»

Mahatma Gandhi, Anführer der indischen Unabhängigkeits-bewegung (1869–1948)

Aufbau und Funktion des menschlichen Auges

Unsere Augen sind ein evolutionäres Meisterwerk. Lichtreize werden wie bei einer Kamera auf eine helligkeits- und farbempfindliche Schicht ­projiziert. Fotorezeptoren an der Rückwand des Augapfels wandeln das Licht in elektrische Nervenimpulse um und leiten diese über den Sehnerv ins Gehirn ­weiter, wo ein farbiges, dreidimensionales Bild erzeugt wird.

Das menschliche Auge ist ein komplexes Bauwerk. Die trichterförmige Augenhöhle (Orbita) bildet eine kompakte Umhüllung zum Schutz des Augapfels und ist aus sieben Knochen aufgebaut. Der Augapfel nimmt nur etwa ein Viertel des Raumes ein, der Rest der Augenhöhle wird durch polsterndes Fettgewebe ausgefüllt.

Im Augapfel selbst entfaltet sich zwiebelförmig eine Haut nach der anderen: Bindehaut, Hornhaut, Lederhaut, Regenbogenhaut, Netzhaut und dazwischen die Augenlinse und der Glaskörper (siehe Grafik Seite 28).

Lider, Wimpern und Brauen

Die den Augapfel bedeckenden Weichteilfalten, die Lider, übernehmen eine wichtige Schutz- und Nährfunktion. Durchschnittlich bis 20 Lidschläge pro Minute befeuchten das Auge und schützen es vor Austrocknung. Der Lidschluss kann willkürlich herbeigeführt werden oder er erfolgt als Reflex, etwa wenn ein Fremdkörper ins Auge eindringt, bei Blendung oder akustischen Reizen (Knall).

Bei Lähmungen des Augenlidmuskels hängt das Oberlid herab (Ptosis). Baumelt es über die Pupillenmitte, ist die Sicht beeinträchtigt.

Mandelaugen

Für Mandelaugen (Epikanthus), nicht mehr zeitgemäss als Mongolenfalte bezeichnet, ist eine bogenförmige Hautfalte charakteristisch, die vom Ober- zum Unterlid führt und den äusseren oder, was häufiger der Fall ist, den inneren Lidwinkel verdeckt. Mandelaugen sind typisch für viele asiatische Ethnien. Die das Auge verengende evolutionäre Variante soll angeblich das Jagen bei hoher Sonneneinstrahlung, Wind und Stürmen begünstigen. Der Epikanthus ist auch bei einem Drittel aller Neugeborenen anzutreffen, verschwindet aber mit dem Wachstum bis zum sechsten Lebensmonat, ausser bei Kindern mit Trisomie 21.

Wimpern und Augenbrauen

Die bis zu 600 Augenbrauenhaare haben die Aufgabe, den Schweiss der Stirn abzufangen, damit er nicht ins Auge fliesst. Die Augenbrauen sind zudem ein wichtiges Instrument der Mimik: Kurz angehobene Brauen signalisieren Freude oder Erstaunen, lang hochgezogene Zweifel, Unsicherheit oder gar Provokation.

Die Funktion der leicht gebogenen Wimpernhaare liegt darin, Staub fernzuhalten und das Auge reflexartig vor Fremdkörpern zu schützen. Sie haben eine kurze Lebensdauer: Nach spätestens fünf Monaten werden sie abgestossen und durch neue ersetzt.

Redewendung | «Ohne mit der Wimper zu zucken» Keine ­emotionale Reaktion zeigen, sich nicht durch Bedenken oder Mit­gefühl beeindrucken lassen.

Tränendrüsen

Die Tränendrüse liegt schläfenseitig unter dem oberen Rand der Augenhöhle. Ihre Aufgabe besteht in der Benetzung und Reinigung der Binde- und der Hornhaut. Zugleich versorgt der ölig-wässrige Tränenfilm die gefässlose Hornhaut mit Nährstoffen und verfügt über antibakterielle Eigenschaften. Das fettige Sekret der Drüsen am Lidrand (Meibom-Drüsen) vermischt sich mit der Tränenflüssigkeit und verhindert eine schnelle Verdunstung beziehungsweise Austrocknung der Augen. Der Tränenfilm schützt überdies vor Verunreinigungen: Staub, Keime und Pollen werden bei jedem Lidschlag, ähnlich wie mit einem Scheibenwischer, in Richtung innerer Augenwinkel bewegt. Hier gelangt die Tränenflüssigkeit in den Tränensack und von dort in den unteren Nasenbereich.

Im Laufe eines traurigen oder sentimentalen Lebens weint ein Mensch bis zu 100 Liter Tränen. Tränen können visuelle Alarmsignale darstellen. Menschenkinder haben sie möglicherweise entwickelt, weil lautes Weinen für unsere Vorfahren gefährlich war und Feinde anziehen konnte. Menschen sind die einzigen Lebewesen, die emotionale Tränen vergiessen, etwa wenn psychologische Grundbedürfnisse verletzt oder aber intensiv befriedigt werden – aus Freude, Überforderung, Liebeskummer oder Trauer. Taktisches Weinen zur Erzielung von Zuwendung beherrschen nicht nur Erwachsene, sondern auch bereits sechs Monate alte Säuglinge. Und Schauspielerinnen und Schauspieler sind imstande, Tränen zu produzieren, indem sie sich an stark emotionale Situationen erinnern.

Info | Trockene Augen Viele Menschen klagen über trockene Augen, die brennen und jucken. Manche Betroffene vergleichen dies mit dem Gefühl, Sand im Auge zu haben. Ursache ist zu wenig oder eine fettarme Tränenflüssigkeit. Die Auslöser sind trockene Luft, Wind, ­Medikamente, stundenlanges und konzentriertes Blicken auf einen Bildschirm und (Zigaretten-)Rauch (siehe auch Seite 58, «Trocke­ne Augen»).

Crazy fact Weinen vor Lachen? Das passiert, weil beim hemmungslosen Lachen beinahe 300 Muskeln ­beteiligt sind, darunter diejenigen, die die Tränendrüsen quetschen und entleeren. Es handelt sich demnach um ein rein ­mechanisches Geschehen …

Redewendung | «Krokodilstränen» Die Redewendung stammt aus dem 16. Jahrhundert, als man glaubte, dass Krokodile weinende ­Geräusche machen, um menschliche Opfer anzulocken. Heutzutage wird unter Krokodilstränen eine heuchlerische Art des Weinens ­verstanden.

Der Augapfel, eine Ausstülpung des Gehirns

Möchten Sie einmal Ihr eigenes Hirn anfassen? Das geht ganz einfach, denn Augen sind nichts anderes als ein Teil unseres Denkorgans. Während der Embryonalentwicklung bildet sich aus einer Ausstülpung des Vorderhirns ein sackartiges Bläschen, das Auge. Zeitlebens bleibt dank des Sehnervs eine direkte Verbindung vom Augapfel bis tief ins Gehirn bestehen. Und obwohl wir vom Sehnerv sprechen, handelt es sich dabei nicht eigentlich um einen Nerv, sondern um weisse Hirnsubstanz, dementsprechend also um Verlängerungsfasern der Hirnnervenzellen.

Der Augapfel ist aus drei Hauptschichten aufgebaut (siehe Grafik Seite 28):

Die porzellanweisse Lederhaut (Sklera), das «Weiss» des Auges, bildet zusammen mit der zentral über der Pupille gelegenen durchsichtigen Hornhaut die schützende Aussenhülle. Die Gefässhaut (Uvea) liegt zwischen Sklera und Netzhaut. Sie besteht aus der Regenbogenhaut (Iris), dem die Linse stabilisierenden Ziliarkörper und der gefässreichen Aderhaut. Der Netzhaut (Retina) ist die innerste Schicht des Augapfels mit den lichtempfindlichen Sinneszellen.

Lederhaut (Sklera)

Die weisse Sklera, eine derbe Bindegewebskapsel, umgibt als äussere Umhüllung das gesamte Auge und stabilisiert seine Form. Im vorderen Bereich des Augapfels ist sie mit einer glänzenden Schleimhautschicht überzogen, der Bindehaut (Konjunktiva). Diese bedeckt die Rückseite der Lider und die Sklera bis zum Übergang vorne in die transparente Hornhaut (Kornea). Die Hornhaut ihrerseits überzieht wie ein Uhrglas den kreisförmigen Sektor über der Pupille. Sie stellt das optische Fenster des Auges dar, ist gefässlos und garantiert infolgedessen den ungetrübten Durchblick. Die Nährstoffversorgung der nicht durchbluteten Hornhaut wird durch die Tränenflüssigkeit gewährleistet und von innen durch das Kammerwasser mittels Diffusion (Konzentrationsausgleich).

Hornhautentzündungen sind meist bakteriellen, selten viralen Ursprungs und verursachen aufgrund der Eintrübung eine Sehverschlechterung. Die Unterscheidung erfolgt aufgrund des Sekretes, das bei bakteriellen Infekten gelblich-eitrig, bei viralen wässrig ist. Allergische Reaktionen und Entzündungen der Bindehaut beziehungsweise der Sklera führen zu einer rötlichen Verfärbung, wohingegen sie bei einer Gelbsucht, aufgrund des aus dem Blut austretenden Gallenfarbstoffes, gelblich schimmert.

Das Trachom, eine chronische Entzündung der Binde- und Hornhaut, ist die weltweit häufigste Augenerkrankung (siehe Seite 71).

Crazy Fact Extrem selten gibt es Doppelpupillen. Sie sind vererbt, die Folge einer Iriserkrankung oder ver­letzungsbedingt. Im alten China waren Kinder mit Doppelpupillen dazu auserkoren, grosse Kaiser zu werden.

Regenbogenhaut (Iris)

Die Regenbogenhaut bildet die Grenze zwischen der vorderen und der hinteren Augenkammer und funktioniert wie ein lichtundurchlässiger Vorhang. Sie ist zuständig für die Anpassung an verschiedene Helligkeitsstufen und schirmt das Auge vor übermässigem Lichteinfall ab. Die in der Iris eingelagerten Muskeln regeln die Verengung und Erweiterung der Pupille (das schwarze Loch in der Mitte der Iris) wie die Blende einer Kamera, die sich je nach Lichteinfall öffnet beziehungsweise verengt. Die individuell unterschiedliche Farbe der Iris beruht auf dem Farbstoffgehalt (Melanin): Bei einem hohen Pigmentanteil sind die Augen dunkelbraun, bei wenig Farbstoff graublau bis blaugrün. Im Durchschnitt haben 90 Prozent der Menschen braune und 8 Prozent blaue Augen, Grün ist mit weniger als 2 Prozent die seltenste Augenfarbe. In Finnland ist es genau umgekehrt: 90 Prozent haben dort genetisch bedingt blaue Augen. Menschen mit hellen Augen neigen zu einer höheren Lichtempfindlichkeit, weil sich weniger Pigment in der Regenbogenhaut befindet und infolgedessen die schädlichen UV-Strahlen leichter ins Auge gelangen. Hochwertige Sonnenbrillen bieten nicht nur Blauäugigen einen guten Schutz (mehr dazu Seite 103).

Info | Riskante Modeerscheinung Der aktuelle Trend, die Augen­farbe mit Irisimplantaten oder mittels Tätowierung zu ändern, ist mit hohen Risiken bis hin zum Verlust der Sehkraft verbunden.

Der Lichteinfall ist nicht der einzige Faktor, der die Pupillengrösse beeinflusst. Über das unbewusste vegetative Nervensystem, den Sympathikus, und seinen hemmenden Gegenspieler, den Parasympathikus, haben Psyche und Emotionen, Stress und Schmerzen einen direkten Einfluss auf die Pupille. Ekel führt dazu, dass die Pupille sich verengt, sympathische Erregung wie Freude oder Angst weiten sie, ebenso harte Drogen (Kokain).

Info | Babyaugen