2,99 €
2. überarbeitete Auflage: Private Drohnen als Waffe, NSA und Abhören, modernste Modelltechnik, Hacken ... Die Alten haben alles drauf! Man muss sie einfach lieben, die Münchner StadtGuerilla 60+ und ihre jungen Helfer, wie sie sich gegen die internationalen Entmieter zu wehren wissen. Im "Aus dem Ruder gelaufen" ist alles anders: In (fast) jedem modernen Krimi … • spielen Polizisten oder Detektive die Hautrolle – hier nicht • haben die Protagonisten schwerwiegende priva-te Probleme als Teil der Story – hier nicht • wird der Mörder erst am Ende erkannt – hier nicht • sind die Mörder die Bösen – hier nicht • geht es political correct zu – hier ganz und gar nicht • sind alle Personen frei erfunden – hier nicht…, hier sind wichtige Figuren zwar erfunden, aber die "Location", den Laden, den Hübnerplatz und einige (nicht! alle handelnden Personen) gibt es wirklich! Wohnblöcke in München sollen in Luxuswohnungen umgewandelt werden, die Mieter werden vertrieben - bis auf einen harten Kern, diese Mieter beginnen sich zu wehren, einige mit high-tech andere ganz primitv. Das Buch ist in gewisser Weise eine Fortsetzung von "Morituri. Wie die Fliegen...", denn einige der dort vorkommenden Personen kommen in "Aus dem Ruder gelaufen" auch vor. Es ist eine langsam (aber nie langweilig) erzählte Geschichte, in die man als Leser(In eintauchen kann, man leidet mit den Figuren und ist bei allem "Bösen", was sie tun, doch auf ihrer Seite... Und im letzten Drittel nimmt der Roman richtig Fahrt auf. Wie gesagt, der Roman ist anders als andere Krimis.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 631
Veröffentlichungsjahr: 2014
Klaus Bock
Aus dem Ruder gelaufen
2. überarbeitete Auflage. Neues vom Hübnerplatz: Entmietung!
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Einleitung
Conte Camilleri
Bettlaken
Pressekonferenz
Im Büro
Im Vertriebspoint
Der Autor
Bericht in der mz
Der Mann mit den Plastiktüten
Im Laden
Am Kiosk
Im Laden
mz berichtet
„Es geht um ein Schloss“
Scherben
Im Vertriebspoint
Schlüssel
Knapp daneben
Schlösser
Der Conte
Notstromversorgung
Kennenlernen
Frau Wegmann
Bericht in der mz
Marmelade
Concetta
Im Krankenhaus
Sarah und Udo
Der Konjunktiv-Fall
Im Krankenhaus
Konjunktiv-Besprechung
Entlassung
Die Entmieter
Notstrom
Chiara und Autor
Udo
Umschauen
Kater Baghira
Chiara
Drohnenflug
Notarbesuch
Ein Update
Helldorfs „Kampf“
Werkstätten
Im Laden
Bei Brandt zuhause
Chiara
Chiara
Beerdigung
Baghira
Am Kiosk
In Catania
Neue Ideen für Harry Hole!
Rohplanung
Frau R.
Ein Auftrag
Die Bestellung
Auspacken
In Grünwald
Concetta
Übungsweise
Vermessen
Grünwald
Chiara
Udo
Kreuzfahrt
Drohnenflug
mz berichtet
Überweisung
Eine Entscheidung
Donaukreuzfahrt
Gottseidank
Chiara
Nachdenklich
mz berichtet
Kapitel 77
mz berichtet
Briefe
Briefkasten
Weihnachtspost
Später, irgendwann im Frühjahr…
Danksagung
Impressum
Vorwort
In (fast) jedem modernen Krimi …
spielen Polizisten oder Detektive die Hautrolle – hier nicht
haben die Protagonisten schwerwiegende private Probleme als Teil der Story – hier nicht
wird der Mörder erst am Ende erkannt – hier nicht
sind die Mörder die Bösen – hier nicht
geht espolitical correctzu – hier ganz und gar nicht
sind alle Personen frei erfunden – hier nicht…,
denn den Laden und einige (nicht! alle handelnden Personen) gibt es wirklich
Vieles ist hier anders!Ist das hier denn überhaupt ein richtiger Krimi? Vielleicht, vielleicht auch nicht – auf jeden Fall ist er anders…
Die Handlung dieses Romans und die Figuren sind frei erfunden (bis auf einige, dazu siehe Danksagung am Ende).
Sollte es bei den von mir erfundenen Figuren oder der Handlung Ähnlichkeiten mit lebenden Personen geben, so sind diese nicht beabsichtigt.
Einleitung
München 2013. Neuhausen ist ein nicht so schicker Münchner Stadtteil, in dem seit vielen Jahren eine bodenständige städtische Mittelschicht lebt, insbesondere gilt das für den Teil von Neuhausen, in dem unsere Geschichte spielt, also im Dreieck zwischen Dachauer Straße, Leonrodstraße und Landshuter Allee.
Die Häuser an der Ecke Hübnerstraße und Fasaneriestraße in Neuhausen sind nichts Besonderes, eher im Gegenteil. Gebaut wurden sie irgendwann in den sechziger Jahren und so sehen sie auch aus: Schmucklose, viergeschossige Kästen, eher hässlich, ohne jeden Luxus – aber die Menschen darin leben zufrieden, die meisten schon viele Jahre, nicht zuletzt wegen der für Münchner Verhältnisse niedrigen Mieten. Sie vermissten nichts – am wenigsten eine sog. „Heuschrecke“.
Und genau die hatte ihre gierigen Fühler nach den Häusern und weiteren im Quartier ausgestreckt.
Das Eckhaus war inzwischen seit fast einem Jahr eingerüstet, der Kran, den man für den Dachausbau gebraucht hatte, war schon wieder abgebaut. Eine hausgroße fotorealistische Abbildung am Gerüst zeigte den Passanten neuerdings die zukünftige Fassade: Schick und vor allem teuer sah das aus. War es auch – den Mietern waren von den neuen Besitzern Umbauten mit Wohnwertverbesserungen – u.a. neue Küchen und Bäder, neue Böden, ein Fahrstuhl, ein neuer Eingangsbereich etc. – „einfach so“, also ohne jede Absprache, angekündigt und in der Folge sehr saftige Mieterhöhungen angedroht worden – so hoch, dass sie wahrscheinlich gar nicht durchzusetzen wären.
Einige waren daraufhin angstvoll sofort ausgezogen, ohne sich anwaltlich oder vom Mieterverein beraten zu lassen, sie waren geradezu geflohen. Andere hatten genau das getan (sich beraten lassen) und deshalb in Kenntnis ihrer Position bessere Nerven bewiesen und Abfindungen und Umzugskostenersatz ausgehandelt. Wieder andere hatten noch höher gepokert und waren erst ausgezogen, als man ihnen zusätzlich neue Wohnungen angeboten hatte.
Denn das, was hier entstehen sollte, sah eher nach Ambiente und Schöner Wohnen für potente Neumieter als nach tragbaren Mieten für die bisherigen Bewohner, aus.
Aber ganz so einfach stellte sich der Umbau für die neuen Besitzer nicht dar, zwar waren inzwischen die meisten Mietparteien ausgezogen, ein kleiner harter Kern der Bewohner stellte sich stur und zog zum Verdruss der Besitzer einfach nicht fort.
Weder finanzielle Anreize noch die kaum zu ertragenden Begleitumstände der laufenden Baumaßnahmen unter dem Dach, im Treppenhaus und in den leer stehenden Wohnungen schienen sie zum Auszug bewegen zu können.
Eine Keimzelle des Widerstandes, wenn man es denn so nennen wollte, sozusagen das Lutetia in Neuhausen, war der Laden ohne Namen im Erdgeschoss des Eckhauses, in dem Frau Z. und Herr F. seit mehr als 20 Jahren die Nachbarschaft in einem Mittelding aus Supermarkt und Tante-Emma-Laden mit den allerwichtigsten Dingen des Alltages, einem täglich wechselnden Mittagstisch und vor allem mit lokalem Ratsch und Tratsch versorgten.
Die Zeit als Supermarkt hatte der Laden lange hinter sich, die Waage hatte sich in den letzten Jahren immer eindeutiger in Richtung „Tante Emma“ und vielleicht auch schon darüber hinaus geneigt. Von den guten alten Zeiten als Supermarkt träumten allein die beiden verstaubten Kassen im Ausgangsbereich, die seit Jahren nicht mehr benutzt wurden. Heute zahlte man direkt an der Kühltheke hinten im Laden, die als Verkaufstresen diente. Supermarktgerechte Einkaufskörbe geschweige denn –wagen hatte man hier schon lange nicht mehr, denn kein Kunde kaufte hier so viel ein, als dass es sich gelohnt hätte, einen Korb zu nehmen und seine Einkaufstasche oder -tüte brachte man natürlich mit.
Anders als in modernen Supermärkten wurde die zu bezahlende Summe im Kopf – oder wenn es, ungewöhnlich genug, einmal mehr war – mit Zettel und Bleistift errechnet. „Unser Gehirnjogging“, nannte Frau Z. das. Und Herr F. und Frau Z. verrechneten sich nie – jedenfalls hatte sie noch nie jemand dabei ertappt. Was aber auch nicht verwunderte, denn erstens waren die beiden richtig fit im Kopfrechnen, zweitens waren sie ehrlich und welche oder welcher von den alten Kunden konnte drittens so schnell im Kopf mitrechnen?
Das Licht ging im Laden meist erstmals vor fünf Uhr morgens an, dann fuhr Frau Z. zum Einkaufen in den Großmarkt. Wer gestern einen Wunsch geäußert hatte, den die beschränkten Vorräte des Ladens nicht erfüllen konnten, für den brachte Frau Z. die Ware heute mit.
Frau Z.´s alte Assistentin, Frau R., kam auch gegen fünf, meistens jedenfalls. Wenn sie nicht am Abend vorher zum Tanztee gegangen war.
Frau R. war eine Dame von über achtzig Jahren. Sie wohnte oben im Haus in einer besseren Kammer mit Küche. Ihre schmale Rente besserte sie sich im Laden mit Aushilfsarbeiten auf. Sie putzte, sie füllte Regale auf und brachte anderen alten Kunden (viele jünger als sie selber), die „nicht mehr so konnten“, ihre Bestellungen oder warmen Mittagessen in die Wohnungen. Dann sah man die zähe alte Dame mit ihrem kurz geschnittenen, schlohweißen Haar und ihrem von Jahr zu Jahr ausgeprägteren Bechterew langsam durch die Straßen des Quartiers schleichen – mit Betonung auf „langsam“, denn „schnell“ ging bei ihr nicht mehr. Aber sie erreichte ihre Ziele, und darauf kam es an – sowohl den dankbaren Kunden als auch Frau Z.
Ein- oder zweimal in der Woche lebte Frau R. auf, dann wurde sie wieder jung: Denn dann ging sie zum Tanzen: Rock ‘n Roll! Ausgerüstet mit Tanzschuhen (mit erstaunlich hohen Absätzen) mit Wildledersohlen, die vor dem Tanz gebürstet werden mussten, und im schicken Tanzkleid mit Petticoat. Sie tanzte Rock ‘n Roll – mit manchem Partner mit Rücksicht auf den auch nur jeden zweiten Takt. Aber es rockte.
Und noch eine Zeit gab es, die Frau R. genoss: Den Fasching. Dann sah man sie schon (oder noch?) morgens um neun „in Maschkara“ im Laden: Mit bunter Perücke, stark geschminkt, im superkurzen Mini-Kleidchen, mit schwarzen Strumpfhosen und weißen Pumps mit schwarzen Punkten – einfach heiß.
Trotz des inzwischen gebeugten Rückens sah, wer genau hinschaute, dass sie früher mal „ein echter Feger“ gewesen sein musste.
Sie bot den Kunden im Fasching gerne mal einen „Berliner“ an, der hier im Laden natürlich „Krapfen“ hieß. Und wenn eine oder einer einen Krapfen mit Senffüllung erwischte, konnte sie sich weglachen – Frau R. lebte einfach gerne.
Sie kam also meist auch kurz vor fünf Uhr morgens. Und wäre ein wahnwitziger Kunde auf die Idee gekommen, jetzt schon zum Einkaufen zu gehen, wäre er von Frau R. natürlich auch bedient worden – aber wer wollte denn um die Zeit schon etwas kaufen? Die frischen Semmeln brachte Frau Z. ja erst mit, wenn sie vom Großmarkt kam, also so gegen sieben Uhr. Und dann kamen die ersten Kunden, jedenfalls zum ersten Mal für diesen Tag. Denn die meisten kamen mehrmals – was hatten die Alten sonst schon zu tun und natürlich kamen sie auch wegen des Ratschens…
Also machte Frau R. kurz nach fünf Uhr, wenn Frau Z. zum Großmarkt gefahren war, das Licht wieder aus (mit der Rente lernt frau zu sparen!) und wartete in der Küche im Dunkeln auf Frau Z. Manchmal schlief sie wieder ein und dann träumte sie von den guten alten Zeiten und manchmal auch von dem einen oder anderen Tanzpartner, von denen der eine oder andere auch schon einmal von Frau R. träumte…
Der Laden war vor allem zur Mittagszeit, wenn sich die Nichtkochenden der Umgebung ihr vorbestelltes warmes Essen abholten, ein beliebter Treffpunkt, dann toste hier das Leben. Es war beileibe nicht so, dass alle Kunden sich gegenseitig mochten – aber auch Antipathie war für manche interessanter als nichts.
Hier kamen zwar kaum Junge, aber viele Ältere, die meisten Rentner, manche echte Typen, einige sogar skurril und dann tatsächlich auch einige, die laut Frau Z. „noch Bruttosozialprodukt machten“. Als da waren: der Architekt, der Herr Doktor, der Autor, die Frau Anwältin.
Sogar die polnischen Bauarbeiter von der Hausbaustelle versorgten sich hier manchmal mit Leberkäs-Semmel, Pflanzl und/oder – selten – einem Bier.
„Na, na, de können nix dafür, des san‘ d bloß arme Kerl‘ “, erklärte Frau Z. den Stammkunden, die sie schon einmal aufgefordert hatten, „die da“ nicht mehr zu bedienen, weil „die da“ ja die angestammten Hausbewohner vertrieben. „Denn wenn die das nicht machen, dann machen das andere arme Schweine aus Rumänien, Bulgarien oder aus der Ukraine...“
Und Herr F. meinte dann, „die da“, die seien doch austauschbar, wenn wir etwas machen wollten, dann müssten wir an die Hintermänner heran, an die Investoren, dann müssten wir die packen, denen müssten wir ans Leder, nicht den armen Bauarbeitern …
Weil vor drei Monaten die alte Frau Meisner fast von einem Stein erschlagen worden wäre, der beim Ausbau des Dachgeschosses zu Luxuswohnungen direkt vor dem Eingang eingeschlagen war (der Stein war zwischen Hauswand und Gerüst herunter gekommen), hatte Herr F. mithilfe der etwas jüngeren Kunden Wolfgang und Udo aus Stahlstangen vom Buntmetalllager gleich nebenan in der Fasaneriestraße und Holz im Eingangsbereich ein Schutzgerüst gebaut, das sehr, sehr stabil ausgefallen war. Frau Z. hatte gefragt, ob die drei da etwa einen Bunker bauen wollten, so stabil war das.
Weil die drei selber fanden, dass der Eingang zu dunkel geworden sei, hatten sie noch einige Glühbirnen installiert, die das Ganze illuminierten.
Jetzt, hatte Frau Z. befunden, sähe das Ganze a aus, wie der Eingang zu einem Puff, und zwar einem billigen. Wahrscheinlich wegen der roten Glühbirnen, die Herr F. gerade übrig gehabt hatte. Nein, hatte sie entschieden, so kann das nicht bleiben.
Also fuhren die drei grummelnd zum Baumarkt, um weiße Glühbirnen zu kaufen. Und zwar die alten, die die EU verboten hatte oder verbieten wollte – das wäre ja noch schöner, sich die guten alten Glühbirnen verbieten zu lassen. Wenn der Altkanzler Schmidt in Hamburg schon Zigaretten en gros hortete, dann würden sie eben Glühbirnen auf Lager nehmen… Ihre Kunden würden es ihnen danken, denn die hatten keine Lust sich „von Brüssel“ die „guten alten Glühbirnen“ verbieten zu lassen, mit denen man alt geworden war. Außerdem waren die neuen, da waren sich alle einig, für Rentner viel zu teuer – und wer brauchte Glühbirnen, die, wenn man den Versprechungen der Hersteller („alles Lügenbolde“ hatte Herr F. beschieden und man hatte ihm gerne zugestimmt) glauben durfte, einen um Jahre überleben würden?
Udo nahm die Gelegenheit war, sich im Baumarkt mit weiterem Werkzeug zu versorgen, u.a. kaufte er ein Stemmeisen.
„Was wollen sie denn damit?“, hatte Herr F. gefragt, „damit können sie ja ein ganzes Haus abreißen.“ Nun war Udo in seinem früheren Leben unter anderem einmal Werftarbeiter in Hamburg gewesen, da war er „schweres Gerät“ gewohnt, er fand „das Ding“ eher handlich, um nicht zu sagen „niedlich“. Die Frau an der Kasse war unter dem Gewicht allerdings fast zusammengebrochen, als Udo ihr „das Ding“ lässig mit einer Hand zum Scannen reichte.
Als sie die weißen Glühbirnen in die Fassungen geschraubt hatten, befand Frau Z., dass das „Puff-Feeling“ zwar verschwunden sei, schön fand sie es immer noch nicht. Aber das Gestell im Eingang stand nun einmal und seitdem war auch kein Kunde mehr erschlagen worden – oder auch nur fast…
Herr F. war ein mehr als geschickter Bastler, das gab Frau Z. gerne zu: „Mei‘ Jürgen“, sagte sie dann, „kenna dat der scho‘ ois – wenn er mag. Wenn aba net, dann macht er glei‘ gar nix nicht: Da kannt i‘ ewig hi‘warten, bis der bloß a defekte Glühbirn‘ austausch’n dat. Nacha mach i‘s halt dann, ja mei“.
Herr F. war lange Techniker bei der Bundeswehr gewesen (manche Kunden vermuteten auch, dass das eher der BND als der Bund oder sogar ein noch viel geheimerer Geheimdienst (den niemand kannte) gewesen sei, einige vermuteten sogar den israelischen Mossad – Herr Z. hatte seinen Spaß an dem Versteckspiel und gab keine Auflösung dafür), also war er vor allem für „das Elektrische“ bei den Eingangssicherungsmaßnahmen zuständig. Udo hatte auf einer Hamburger Werft Schweißer gelernt – entsprechend stabil war seine Konstruktion, die er in seiner Werkstatt gleich um die Ecke auf dem Gelände des Buntmetallhandels in der Fasaneriestraße zusammengeschweißt hatte. Denn dort gab es eben nur stabile Stahlprofile, nichts Filigranes, hatte er Frau Z. erklärt. Und sicher sollte es ja auch sein, oder?
Wolfgang war der Dritte im Bunde der Erbauer dieses Tunnelbunkers. Von ihm wusste niemand, wer er eigentlich war und wo er herkam. Er konnte alles – manches sehr gut, anderes nur so ein bisschen.
Herr F. dozierte gerne vor seinen Kunden. Meistens fanden die das auch interessant (und das war es objektiv auch), denn er war sehr belesen – aber er konnte in manchen Situationen seine 68er Vergangenheit nicht verhehlen oder wollte das auch gar nicht.
„Uns kriegen die hier nicht raus“, sagte Herr F. immer, wenn die Sprache auf die Entmietung des Hauses zu sprechen kam, „uns nicht – und wenn doch, dann höchstens mit den Füßen voran, also tot!“
Die, die an seine Mossad-Vergangenheit glaubten, tuschelten, dass er eher ein paar alte Kumpels in Tel Aviv anrufen würde, wenn es wirklich Ernst werden würde – und dann Gnade Gott dem Conte … Denn man glaubte hier zu wissen, dass der Gott der Israeliten eher ein strenger, rachsüchtiger war: Auge um Auge und so. Dabei war das mit dem Mossad natürlich Unsinn, sagten die anderen. Aber ein Hauch von Unsicherheit blieb.
Conte Camilleri
„Sagen sie einmal, Frizzoni, sind sie eigentlich wahnsinnig geworden?“, schimpfte der Conte Camilleri, „morgen veranstalten wir hier unseren großen Pressetag und ich muss da diese Bettlaken an unserem Gerüst sehen? Was steht da drauf? Lesen sie einmal vor, sie haben doch junge Augen und ich habe meine Brille nicht dabei.“
Conte Camilleri war stinkwütend. Hatte er es denn immer nur mit Versagern zu tun? Da stand er am Tag vor der Pressekonferenz auf dem zukünftigen Hübnerplatz (der im Moment einfach eine schiefe Kreuzung von Dom-Pedro-, Hübner- und Merianstraße war) und was musste er sehen: Sein Eckhaus, dem er – ER! – ein sauteures Großplakat mit dem zukünftigen Ambiente spendiert hatte, wurde durch zu Protestplakaten umfunktionierte Bettlaken verschandelt.
„Nun lesen sie schon“, forderte er seinen Mitarbeiter Frizzoni auf.
„Äh, ja, also da steht...“
„Was denn nun?“
„Wir wollen hier bleiben!“
„Nun ja. Und?“ Der Conte schüttelt den Kopf ob soviel Unverstand.
„Wohnen ist Leben. Hier!“
„Pah, und was noch?“
„Keine Mietervertreibung durch Heuschrecken!“
„Frechheit! Und?“
„Tod dem Kapital!“
Da musste der Conte vor Empörung tatsächlich schnaufen. Er holte tief Luft und rief: „Unglaublich, sind das alles Kommunisten da drüben, oder Sozis? Eh alles ein Pack“, befand er wütend.
„Äh, ja, wahrscheinlich...“ stimmte Frizzoni clever seinem Chef zu. Der Mann war ja nicht dumm.
„Holen sie die Dinger da runter, Frizzoni, sofort!“
Frizzoni sah ihn unsicher an. Er? Da rauf? Meinte der Chef das im Ernst?
„Na gut, von mir aus machen sie das später, Frizzoni, morgen früh will ich da keines dieser unseligen Laken mehr flattern sehen. Morgen gegen Mittag kommen die Presse und unsere Freunde aus Italien. Begreifen sie, was das für mich, äh, für uns bedeutet? Da will ich nur noch unser Foto sehen, das war teuer genug. Also, Frizzoni, nehmen sie sich einen der Arbeiter, wenn sie einen brauchen, und klettern sie da rauf. Holen sie die Dinger runter. Und nicht, dass da morgen auch nur ein neues Laken hängt. Ist das klar?“
„Ja, natürlich Conte, ich erledige das! Gleich nachher.“
Der Conte wandte seinen Blick nach halb rechts. Er lächelte.
„Das Bauschild da drüben sieht richtig gut aus, Frizzoni“, lobte er.
Der Conte deutete auf das riesengroße Schild mit seinem aufwendigen Gestänge vor dem gelben Altbau an der Ecke Dom Pedro- und Hübnerstraße, das gestern noch wegen der Italiener, die kommen würden, aufgestellt worden war: „Hier entsteht das Hübnerplatz-Palais“, las er laut vor, „elegantes Wohneigentum für gehobene Ansprüche.“
In den nächsten Wochen würden die ersten Speditionswagen vor der Tür stehen. Aus dem Desaster im Eckhaus gegenüber klug geworden (dort wohnten für den Conte völlig unverständlich immer noch welche von den alten Mietern), hatten sie großzügig bemessene Auszugsprämien ausgezahlt. Und dankenswerterweise war außerdem eine von den alten Schachteln vor Schreck gestorben, als sie das Kündigungsschreiben erhalten hatte. So viel Stil hatte der Conte der alten Dame gar nicht zugetraut – fällt einfach um und ist tot! Das ließ sich gut an... Gedankenverloren rieb er sich zufrieden die Hände.
Mit der Bemerkung „Ja, Chef, das haben sie sehr schön entworfen!“, riss Herr Frizzoni den Chef aus seinen Gedanken.
Der Conte blickte seinen Mitarbeiter skeptisch an. Sollte der doch etwas von seinem Job verstehen oder legte er nur eine Schleimspur? Er entschied sich, das später zu entscheiden. So sagte er nur: „Ist schon gut, Frizzoni, ist schon gut.“
Das Schild war objektiv schön, das fand er auch. Eine fotorealistische Architekturzeichnung zeigte einen postmodern eingerichteten riesigen Wohnraum mit enormen Fenstern und einem großzügigen Balkon, mit Blick in einen parkartigen Innenhof. Diese modernen Architekturprogramme konnten fotorealistische Ansichten wie Fisheye-Objektive erzeugen, da sah jede bessere Besenkammer, in die sich höchstens ein Bumm-Bumm-Becker mit Gespielin klemmen konnte, wie ein Ballsaal aus. Aber ihm war das egal, wenn´s half, die Wohnungen an den Mann zu bringen, dann sollte es eben sein. Und schließlich bekam der Architekt einen Haufen Geld für diese Abbildung. Viel zu viel, fand er.
Bei der nächsten Zeile auf dem Plakat, die er sich halblaut vorlas, musste er fast selig lächeln: „ Wohnträume von 150 bis 250 m2 für 2,0 bis 3,5 Millionen Euro!“
„Frizzoni“, sagte er sich die Hände reibend, „ich sage ihnen, das ganze Ding hier wird ein super-super Geschäft...“ Er drückte es mit „super-super“ so aus, wie der neue Trainer von Bayern München „gut“ gesteigert hätte. Aber das wusste der Conte nicht; Fußball war nicht sein Ding und die Sportschau durfte er nicht sehen; das erlaubte seine Frau, die in letzter Zeit rapide alternde Schauspielerin, nicht. Die hatte den riesengroßen Fernseher vor allem angeschafft, um alte Filme (gab es neue?) zu sehen, in denen sie – damals noch eher niedlich anzuschauen – mitwirkte.
Der Conte meinte allerdings ein Riesengeschäft für ihn, und lies den Satz vom super-super Geschäft daher unvollendet im Raum stehen.
50 Meter weiter saß Herr F. wie so häufig auf seiner umgekehrten Lieblings-Bierkiste vor der Ladentür und schaute dem Treiben des Conte und Frizzonis zu. Hören konnte er nichts, aber er sah die weit ausholenden Armbewegungen des Conte, seine bestimmende Körpersprache und das heftige zustimmende Kopfnicken seines Adlatus.
Schade, fand er, dass er sein Richtmikrofon nicht dabei hatte – das ruhte zuhause im Kästchen. Er entschied sich, dass er das unbedingt einmal mitbringen müsste. Für heute war es zu spät. Auf jeden Fall schien da wegen der Häuser etwas im Busche zu sein. Etwas Größeres. Aber was?
„Wir haben Glück, das Wetter scheint so gut zu bleiben“, sagte der Conte zu Frizzoni, „stellen sie morgen den Tisch und die Banner hier auf der kleinen Verkehrsinsel auf, da ist genug Platz und man hat einen guten Blick. Nicht zu früh, aber früh genug, dass sie fertig sind, wenn die Bande kommt. Ich komme mit den Investoren so gegen halb ein Uhr in den Vertriebspoint. Sehen sie zu, dass die Häppchen da sind und der Prosecco kalt ist. Das muss klappen, Frizzoni. Unsere italienischen Freunde investieren hier eine Menge Geld und deshalb muss die Show, die wir ihnen bieten, gut sein. Klar? Was haben wir denn zu essen?“
„Brezn und Obazda, Radi und Chilli-Leberkäs´ als Beitrag der bayerischen Küche und italienische Vorspeisen: Schinken, ich glaube, San Daniele, und Parmigiano als italienische Beiträge. Ein Augustiner Bier vom Fass, Weißwein und Pellegrino gibt es zu trinken.“
„Gut so, Frizzoni, und denken sie daran, wenn die Itaker irgendetwas Kritisches fragen sollten, wir haben keine Probleme, wir haben Lösungen! Verstanden?“
Frizzoni nickte. Das hatte ihm der Conte alles schon so häufig erzählt, dass er es nachts im Schlaf auswendig herbeten könnte.
„Jawohl, Chef, ist mir klar. Den Tisch und die Banner stelle ich gegen zwölf Uhr auf.“
„Und passen sie auf, das die kommunistischen Idioten da drin“, der Conte nickte auf das eingerüstete Haus, „nicht auf die Idee kommen, die Banner umzuwerfen oder so. Am besten schließen sie sie im Haus ein!“
Frizzoni wiegte den Kopf. „Das wird schwer, Chef, wir haben die Haustür doch extra rausgenommen, damit die nachts Angst haben, weil da könnte ja ein Böser kommen und...“
„Welcher Idiot hat die Idee gehabt? Sie Frizzoni?“
Frizzoni befand sich jetzt in der Bredouille, denn nicht er hatte die Anweisung gegeben, sondern der Conte selber.
„Ja, äh, Chef“, sagte er ängstlich, „das ist so eine Sache, das, äh, waren sie...“
„Ach so, naja, ich erinnere mich jetzt, Frizzoni, so schlecht ist die Idee auch gar nicht, kein Wunder, dass sie nicht darauf gekommen sind, Frizzoni, da muss man einfach mal kreativ werden, die Leute sollen da schließlich raus! Dann lassen sie die Tür eben zumauern.“
Frizzoni verzog das Gesicht.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte der Conte.
„Mit der Presse vor der Tür, Chef?“
„Ja, gut, da haben sie recht, ausnahmsweise, Frizzoni, ausnahmsweise! Lassen sie sich etwas einfallen, wofür bezahle ich sie denn? So und jetzt muss ich wieder... Sehen sie zu, dass sie die Fetzen da drüben runter bekommen.“
Der Conte wies auf das Haus mit dem Laden. Dann drehte er sich um und stieg in seinen Jaguar. Seine Frau würde ihm die Hölle heiß machen, wenn er sie zu spät vom Friseur, äh Coiffeur, abholen würde. Und das würde er nicht wagen. Er könnte es gerade noch in die Belgradstraße schaffen, wenn er sich nicht um alle blöden Ampeln kümmern würde – nur um die wichtigen. Was die bloß an diesem komischen Friseur Frank fand – falsch, ganz falsch, das durfte er nicht vergessen: „Coiffeur Froonk“ musste er ihn nennen, wie diesen Ribery von den Bayern, den mit dem Schmiss im Gesicht, von dem sie alle schwärmten.
Ab und zu war die Contessa, die alternde Schauspielerin, die ihre große Zeit im Film mit Zwanzig, – also vor fast fünfzig Jahren oder waren es noch mehr? – gehabt hatte, ja ganz hilfreich – zum Beispiel, wenn es darum ging, in die Klatschpresse zu kommen oder um die eine oder andere Tür zu öffnen. Gott sei Dank scheute sie sich auch nicht, manches seiner Geschäfte im fremden Bett anzuleiern. Was die Kerle nur immer an ihr fanden? Gut, stöhnen konnte sie ja, das musste er zugeben, aber das konnte man von einer Schauspielerin ja wohl auch erwarten, nicht wahr?
Das mit den Bett-Geschäften störte ihn nicht. Aber anderseits war sie manchmal grundlos wieder so verdammt schwierig. Dabei hatte sie ihre Wechseljahre doch wohl lange hinter sich.
Und die letzte Gesichts-OP war irgendwie danebengegangen. Der Schönheitschirurg war das viele Geld wirklich nicht wert gewesen. Aber das traute sich niemand, ihr zu sagen. Er schon mal gar nicht. Er sah lieber weg.
„Scheiß auf die rote Ampel“, dachte er. Er trat das Gaspedal durch und der Jaguar tat das Seine... Was kümmerte es ihn, dass eine Panda-Fahrerin, die aus einer Querstraße kam, in die Eisen steigen musste, sollte die dumme Kuh doch langsamer fahren oder besser aufpassen, er hatte jedenfalls keine Zeit dafür. Außerdem, wofür fuhr er Jaguar?
Bettlaken
Als der Conte Camilleri verschwunden war, seufzte Herr Frizzoni, atmete tief durch und machte sich auf den kurzen Weg zum Eckhaus.
Herr F. saß immer noch auf seiner Kiste. Erstaunlicherweise grüßte er Herrn Frizzoni von unten, das hatte er noch nie getan: „Möge der Tag ihnen gewogen sein“, sagte er.
„Wie? Was?“, fragte der überraschte Frizzoni, „Was soll der Tag mit mir? Welcher Tag?“ Hatte er da etwas verpasst?
„Der Tag. Das Heute“, sagte Herr F. immer noch im Sitzen, „oder besser das Jetzt. Es möge ihnen gewogen oder zugeneigt sein.“
„Ach so, der Tag! Danke. Ja. Guten Tag.“. Frizzoni fragte sich im Stillen, ob der Alte etwa einen an der Birne hatte? „Möge der Tag ihnen gewogen sein“, so ein Blödsinn dachte er, „was war das denn für ein Gruß. Ein schlichtes Grüß Gott tat es doch.“
„Sie sehen so zweifelnd aus, als ob sie glaubten, der Tag wäre ihnen nicht so zugetan“, sagte Herr F. Er sprach manchmal so... etwas übersteigert. Nicht, dass das seine normale Sprache war, er hatte einfach Spaß daran, in die meist dummen Gesichter der so Angesprochenen zu schauen. Das Gesicht von Herrn Frizzoni machte ihm im Moment besonders viel Spaß. „Probleme?“, fragte er, ein Vertrauen heuchelnd, das er nicht hatte, das er dem Gesprächspartner aber vermitteln wollte.
„Ich muss da rauf“, sagte Herr Frizzoni und ihm war anzusehen, dass er das gar nicht wollte, „ich muss da oben rauf und die Bettlaken abschneiden.“
„Aber warum denn? Die hängen da doch schon seit Tagen.“
„Tatsächlich? Mag sein, aber da hat mein Chef sie noch nicht gesehen...“
„Und deshalb sollen sie auf das Gerüst klettern und ihr Leben riskieren?“
„Naja, wegen der Pressekonferenz...“
„Welche Pressekonferenz?“
„Darüber darf ich nicht reden. Ich habe schon zu viel gesagt“, versuchte Frizzoni zurück zu rudern.
„Pressekonferenz? Morgen?“
„Wie kommen sie auf morgen?“
„Sonst müssten sie nicht heute auf das Gerüst klettern.“
Frizzoni nickte nur, sagte aber nichts. In dem Moment steckte einer der polnischen Bauarbeiter seinen Kopf aus dem offenen Türrahmen.
„He, du da“, rief Frizzoni und zeigte auf den Bauarbeiter, „komm mal her.“
Der als „Heduda“ angesprochene Bauarbeiter tat so, als hätte er nichts gehört, kippte mit Schwung einen Eimer Bauschutt aus der Tür, erzeugte damit eine Riesenwolke beißenden Staubes und wollte gerade wieder verschwinden. Frizzoni musste zwei oder drei schnelle Schritte zurück machen, damit er, respektive sein Anzug, nicht eingenebelt wurde.
Der Bauarbeiter sah zu, dass er schnell weg kam, denn „He, du da“, bedeutete nach seinen Erfahrungen auf Baustellen mindestens zusätzliche Arbeit, meistens ein Problem und vielleicht sogar ein größeres.
Dann machte Frizzoni ein paar schnelle Schritte in Richtung der Tür und zog den Bauarbeiten am Ärmel hinter sich her. „Heduda“ wehrte sich nicht. Nach seiner Erfahrung gab das die größten Probleme. Er folgte also dem Anzug tragenden Frizzoni.
Der klopfte sich erst einmal das bisschen Staub vom Zwirn, das ihn trotz seines schnellen Rückschrittes erreicht hatte, dann deutete er nach oben und wies den polnischen Bauarbeiter an: „Kollege, du da jetzt husch, husch raufklettern und machen Tücher ab!“
Der Bauarbeiter blickte skeptisch nach oben und sah, dass die Tücher im vierten Stock befestigt waren.
„I bin da als a Maurer und nicht als a Aff´ angestellt. Wennst du des Zeigl da weg haben willst, dann kletterst selber husch. husch nauf oder hol´ dir wen von de‘ Poln. I kletter da jedenfalls net nauf. Des kannst vergessen. Du nicht Chef!“, ahmte er mit den letzten Worten erstaunlich gekonnt einen harten östlichen Akzent nach, „ah, übrigens – i komm aus Degg‘ndorf und net aus Krakau, mit mir kannst deutsch red‘n oder mi am Arsch leckn.“ Damit drehte er sich um und ging wieder ins Haus.
Herr F. meinte noch leise ein „Arschloch, italienisches“ zu vernehmen, und grinste Frizzoni an.
„Tja“, meinte er mit einer bedauernden Geste, „Freitagmittag! Ich glaube, die Polen sind schon fort für dieses Wochenende, da werden sie wohl selber...“
Er deutete nach oben und schaute zweifelnd am Gerüst hoch. Dann bemerkte er mit etwas Zweifel in der Stimme: „Ganz schön hoch, oder? Aber wie sagt unser Autor immer: „Wat mut, dat mut!“, und ergänzte erläuternd „Der kommt nämlich aus Norddeutschland!“
Und mit einem fröhlichen: „Möge der Tag weiterhin mit ihnen sein“, drehte er sich um und ließ den unglücklich aussehenden Herrn Frizzoni stehen.
„Scheiß drauf“, knurrte der Herrn F. hinterher. Der hob ohne sich umzudrehen, im Weggehen als Antwort zum Abschied immerhin grüßend eine Hand, denn er hatte das gehört.
Herr Frizzoni schaute noch einmal zweifelnd erst das Gerüst und dann seinen fast neuen Anzug an, den er nur wegen des Treffens mit dem Conte angezogen hatte. Wie hätte er denn ahnen sollen, dass er heute noch auf dem Gerüst rumturnen sollte.
Er blickte noch einmal hinauf, dann lächelte er. Die Bettlaken hingen vom vierten Stockwerk vor dem Plakat herunter. Im vierten Stock waren die fast fertigen Musterwohnungen. Das hieß, er könnte durch das Treppenhaus nach oben gehen und musste dann nur durch ein Fenster zu steigen. Ein Klacks, fand er, für einen Fitnessstudio-gestählten jungen Mann!
Grundsätzlich hatte er recht. Aber allein durch das Treppenhaus zu kommen, war real ein Kampf. Überall lagen Zementsäcke und Bauschutt herum, über die er steigen musste. Zwischen zwei Geschossen fehlte das Treppengeländer und war durch zwei nicht sehr vertrauensvoll zusammengenagelte Stück Bauholz ersetzt worden. Kaum hatte er dieses „polnische Geländer“ angefasst, hatte er auch schon einige Splitter in der Hand. Er fluchte. Im dritten Stock fand er eine riesige Pfütze auf dem nackten Beton vor den Wohnungen, durch die er waten musste. Er wunderte sich, wie die alten Mieter hier durchkommen konnten, wenn er schon solche Probleme hatte.
Mindestens seine italienischen Schleicher an den Füßen konnte er wegwerfen, die waren durch Kalk und das Wasser der dreckigen Pfütze hin. Na gut, dachte er, da würde er einfach ein paar Überstunden aufschreiben...
Als er oben war, hatte er Glück, „Heduda“ werkelte in einer der beiden Musterwohnungen, die Tür war auf. „Gott sei Dank“, dachte er, denn sonst hätte er wieder runterkraxeln können, um den Schlüssel aus dem Vertriebspoint zu holen.
„Ah“, wurde er von „Heduda“ aus Deggendorf niederbayerisch begrüßt, „der Herr Akademiker haben den leichteren Weg gefunden...“
Frizzoni sagte nichts, öffnete ein Fenster, sah heraus. Das sah ziemlich hoch aus, fand er. Ihm war noch nie aufgefallen, wie hoch ein vierter Stock eigentlich war.
„Ja“, sagte „Heduda“, „ganz schee hoch, wenn ma`s net g‘wohnt is... Und erst auf‘m G‘rüst!“
Er schaute auf Frizzonis professionell gepflegte Hände, von denen eine durch Splitter bereits deutlich angeschwollen war. „Haben sie denn Werkzeug dabei? Eine Schere oder ein Messer?“
Frizzoni stöhnte auf. Hatte er nicht! Aber „Heduda“ entwickelte sich zu einem netten Helfer. „I kann‘t dir mei‘ Messer geb‘m“, sagte „Heduda“, „aber bloß, wennst‘s net fall‘n lasst!“ Er war nicht nett, er wollte den eleganten Heini bloß auf dem Gerüst sehen. Darauf freute er sich schon, deshalb sein Hilfsangebot.
Frizzoni begann auf das Fensterbrett zu klettern. Zwischen Haus und Gerüstplattform war ein Zwischenraum von vielleicht dreißig Zentimetern. Er schloss die Augen, stützte sich mit beiden Händen hinter dem Rücken auf dem äußeren Fenstersims ab und ließ sich ganz langsam abwärts gleiten. Dabei tastete er mit einem Fuß nach der Gerüstplattform.
Er fand mit einem Fuß das Gerüst, tastete nach Halt, fand ihn und ließ langsam auch den zweiten Fuß auf die Bretter gleiten. Mit einer Hand ergriff er den Handlauf. Mein Gott, er war froh, dass sein Job es in der Regel nicht erforderte, in der Höhe auf einem Baugerüst zu klettern. Wenn er ehrlich war, war es das erste Mal. Und wenn es nach ihm ging, würde es auch das letzte Mal sein.
Er hielt sich jetzt mit beiden Händen am Geländer fest und sah sich vorsichtig um. Ein guter Blick fand er und er fühlte sich jetzt ein wenig sicherer. Bis..., ja, bis die Alte im dritten Stock direkt unter ihm, die, von ihm unbemerkt, das Fenster geöffnet hatte und jetzt am Gerüst rüttelte und mit schriller Stimme schrie, dass er ihr Tuch in Ruhe lassen sollte, dass sie doch mit so viel Mühe befestigt hatte.
Er wollte nicht glauben, was er gehört hatte:...was SIE befestigt haben wollte? Die Alte wollte doch nicht behaupten, hier draußen rumgekrochen zu sein? Alles – nur das nicht!
Das Gerüst wackelte zwar nur leicht, die alte Dame hatte nicht viel Kraft. Frizzoni kam es aber so vor, als befände er sich in einer Nussschale mitten im Sturm auf hoher See, so schien sein Untergrund unter ihrer Wut zu schwanken. Er hielt sich mit wieder zusammengekniffenen Augen krampfhaft fest. Was wollte er hier nur? Was hatte er hier verloren? Nichts, fand er.
Plötzlich fühlte er an der Schulter den kräftigen Griff von „Heduda“.
„I halt di schooo“, sagte der beruhigend, „is net schwer, wenn ma‘s g‘wohnt is... Passiert scho nix. Und jetzt mach d‘ Aug‘n wieder auf, sonst geht glei‘ gar nix!“
An die Alte im dritten Stockwerk gewandt rief er:
„Du lass´ d‘ Finger weg vom G‘rüst, Krampfhenna oide, sonst kimm i oba und hau da ‘n Arsch, da kannst di verlassen!“ Dabei kniff er Frizzoni ein Auge und lachte.
Mit einem empörten „pah“ schloss Frau Wegmann ihr Fenster. „So ein Rohling“, befand sie für sich, „so spricht man doch nicht zu einer Dame... und zu einer alten Dame schon einmal gar nicht.“
Frizzoni hatte die Augen, trotz der Aufforderung von „Heduda“, seit dem Gerüttel der Alten immer noch geschlossen, weil er sich immer noch in der Nussschale glaubte. Doch dann merkte er, dass niemand rüttelte. Er öffnete die Augen. Tatsächlich, er stand ziemlich sicher auf dem Brett. „Heduda“ hielt ihn immer noch lachend fest.
Direkt vor ihm war das erste Bettlaken mit einem Kabelbinder befestigt.
„Kann ich ihr Messer haben“, bat er „Heduda“, „bitte.“
„Hallo“, sagte „Heduda“, „jetzt plötzlich so förmlich. Wir sind ja so etwas wie urbane Berggenossen, oder? Da können wir beim Du bleiben.“
Hätte Herr Frizzoni sich getraut, nach unten zu blicken, hätte er gesehen, dass sich auf der anderen Straßenseite einige Zuschauer eingefunden hatten, die sich das erwartete Spektakel nicht entgehen lassen wollten: Nämlich die, die immer im kleinen Straßenbiergarten des Neuhauser Augustiner saßen, einige Passanten aus der Nachbarschaft und die, die von Herrn F. telefonisch informiert worden waren, dass sich am Haus etwas täte. Dazu gehörten unter anderem Udo und Ernstl, beides kräftige Männer. Udo war so um die Sechzig und hatte nicht nur viele Jahre auf einer Werft in Hamburg gearbeitet, er hatte als Seemann die Weltmeere befahren – wenn man seinen Döntjes und Geschichten Glauben schenkte... Udo hatte Hände wie Kohlenschaufeln, die aber, wie Sarah, seine Frau bestätigen würde, auch sehr zärtlich sein konnten. Ernstl war etwas jünger. Er hatte sich seine besten Jahre als Rummelboxer auf Jahrmärkten in ganz Deutschland in Boxzelten herumgeschlagen, ein Trumm von einem Mannsbild mit Boxernase und Blumenkohlohren als Andenken an diese Zeit. Ihm gehörte der Kiosk in der Leonrodstraße, wo frau und man sich ab und zu traf. Seine Currywurst war legendär in der Gegend. Und nicht nur da – aus ganz München kamen inzwischen Kenner, um Currywurst mit Ernstls selbst gemachtem Kartoffelsalat zu essen.
Beide schauten genauso gespannt wie die anderen Zuschauer, auf den sich offenbar ziemlich unsicher auf dem Gerüst bewegenden Herrn Frizzoni.
„Heduda“ reichte Frizzoni das Messer durch das Fenster. Er nahm es, ein schneller Schnitt und schnipp, der Kabelbinder war durchgeschnitten. Das war leicht, fand Frizzoni. Und er fand auch einen Teil seiner Sicherheit wieder. Mit drei, vier Schritten hatte er das andere Ende des Bettlakens erreicht. Schnipp und „Wir wollen hierbleiben“ flatterte langsam zu Boden, wo Herr F. wartete.
Von unten hörte Frizzoni das laute „buh“ seiner Zuschauer. Er sah nach unten und erschrak. Was wollten denn die vielen Menschen?
In dem Moment traf ihn etwas an der Wange – ziemlich fest. Zu fest für ein Insekt, das ihm ins Gesicht geflogen war. Was war das? Wurde er etwa beschossen? Er fasste mit einer Hand an die Stelle, wo er den Schmerz spürte: Kein Blut! Aber es tat weh.
Das Volk unten auf der Straße johlte vor Begeisterung. Man sah zwar nicht, was ihn getroffen hatte, nur das... und dass sich ein Junge einige Fenster weiter aus dem Fenster beugte und immer noch mit einer Zwille auf ihn zielte.
„Hepp, hepp, hepp“, hörte Frizzoni Anfeuerungsrufe von unten. Und er war klug genug, um zu wissen, dass die Anfeuerung nicht ihm galt.
Jetzt wurde er wieder getroffen. Diesmal am Hals. Verdammt, das tat weh! Er blickte zu Boden und sah ein nasses Stück blaues Löschpapier, das mehrfach zusammengefaltet war: Ein typisches Zwillengeschoss, so viel wusste er noch aus seiner Schulzeit. Er schaute nach rechts und sah im Augenwinkel gerade noch den roten Haarschopf eines Buben im Fenster verschwinden.
„Weg hier“, hörte er die Stimme eines anderen Jugendlichen rufen. Das mussten die Buben aus dem ersten Stock sein. Dort wohnte die Familie Abraham, die hatte zwei Buben im Alter von 14 und 16 Jahren und einer von denen war rothaarig. Denen traute er glatt zu, dass sie ihn mit einer Zwille beschossen hatten.
Frizzoni brauchte einen Moment, um sich zu beruhigen. Was ging hier vor, was würde noch alles passieren? Das Volk da unten würde jeden Fehltritt von ihm bejubeln! Was wollten die denn bloß? Er tat doch, verdammt noch mal, nur seinen Job... Und er hatte jedenfalls einen, im Gegensatz zu dem arbeitslosen Gesocks da unten, denn wer sonst konnte um diese Zeit im Biergarten faulenzen? Er atmete einige Male tief durch. Dann hatte er sich wieder im Griff. Er fühlte sich jetzt sicherer auf dem Gerüst.
Ein paar Minuten später flatterten auch die anderen Bettlaken nach unten und Frizzoni kletterte an der starken Hand von „Heduda“ wieder durch sein Fenster. „Auftrag erfüllt“, dachte er. Er war stolz auf sich. Das hatte er doch gut gemacht, oder, fand er.
Als er nach unten blickte, sah er Herrn F. und die beiden Buben zu ihm herauf schauen und winken. Der Rothaarige hatte immer noch die Zwille in der Hand. „Na warte“, dachte Frizzoni, „wenn ich dich mal kriege!“
„Für an Akademiker ganz guat“, lobte „Heduda“, „aber a richtiger Arbeiter vom Bau werd aus dir net.“
Frizzoni nickte. Denn das wollte er auch nicht.
„Mei Messer bitt‘schee“, sagte „Heduda“, „des kriag i no‘.“
Dass unten auf der Straße Herr F., Udo und Ernstl die Bettlaken-Plakate einsammelten und sorgfältig zusammenlegten, sah Frizzoni nicht mehr. Als er das Haus durch die nicht mehr existierende Haustür verließ, hatten sich seine Zuschauer schon wieder verlaufen, Herr F. saß wieder auf der Bierkiste und hatte die Hübnerstraße im Blick. Neben ihm standen zwei kräftige Männer (Udo und Ernstl, aber die kannte er zu dem Zeitpunkt noch nicht) und alle drei hatten lässig eine Flasche Flens mit Bügelverschluss in der Hand. Das Bier hatte Herr F. vor allem wegen Udo ins Angebot des Ladens genommen. Aber inzwischen tranken auch andere Kunden gerne mal „Bölkstoff“.
Herr Frizzoni ging langsam an Herrn F. vorbei und sagte leise: „Prost! Ich denke, der Tag war mir doch zugetan, so oder so...“
„Es sieht so aus“, antwortete Herr F. und sog an seiner Zigarette und Udo sagte: „Sie sollten an ihrem Outfit arbeiten... Das sieht sehr nach Bau aus!“
Frizzoni blickte an sich herunter und erschrak. Er konnte nicht nur die Schuhe vergessen, auch der Anzug war auch total versaut. Ob das alles mit „geschriebenen“ Überstunden wieder einzuholen war?
Pressekonferenz
Auf der kleinen dreieckigen Verkehrsinsel, an der die Dom-Pedro-, Hübner- und Merianstraße aufeinander treffen, standen an einem extra aufgestellten Tisch, und vor einigen übermanngroßen Bannern einige Herren und wenige Damen. Auf dem Tisch lagen großformatige Zeichnungen und Architekturpläne sowie ein Stapel Hochglanzbroschüren, man schaute, man blätterte. Man wartete auf das, was da kommen sollte – vor allem auf den Conte Camilleri.
Da, aus der Dom Pedro-Straße rollten ein Mercedes 450 und ein AUDI A8, beide schwarz mit getönten Scheiben, bogen in die Merianstraße ein und parkten verbotswidrig direkt hinter den Bannern. Die Türen öffneten sich und es stiegen der Conte und drei kleine, sehr elegant gekleidete Männer mit dunklem Teint in dunklen Anzügen mit Sonnenbrillen aus. Wenn es nicht ein so abgegriffenes Klischee wäre, hätte man sagen können prototypisch Mafia! Das waren die italienischen Freunde oder – exakter – die Geldgeber für das Neue Hübnerplatz-Projekt aus Sizilien. Aus dem AUDI entstiegen die Contessa und ein braun gebrannter Mann in einem schwarzen Nappalederanzug mit einem weißen T-Shirt drunter. Auch er trug eine Sonnenbrille, Typ Pilotenbrille. Früher waren diese Brillen als sogenannte „X-Ray-Brillen“ beworben worden, mit denen „man“ durch die Kleidung von „frau“ sehen konnte. Das ganze Outfit des Mannes sah extrem cool aus. Dass er der Banker war, der das Geschäft eingefädelt hatte und jetzt durchführte, würde man bei dem Auftritt so nicht vermuten. Er sah allerdings aus, als ob mit ihm nicht gut Kirschen essen sei...
Der Conte begrüßte seine Mitarbeiter und die Vertreter der Presse mit Handschlag.
Dann räusperte er sich in das bereitstehende Mikrofon und erheischte damit die Aufmerksamkeit der Anwesenden, die verstummten.
„Meine Damen und Herren, ich wünsche ihnen einen wunderschönen guten Tag! Ich darf mich kurz vorstellen: Mein Name ist Conte Camilleri. Ich bin der Chef der INTERBAVARIA REAL ESTATE. Dort sehen sie meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für das Projekt Neuer Hübnerplatz verantwortlich sind. Der Herr im schwarzen Anzug ist mein guter Freund, Herr Mölders von der GERMANIA HYP, einer der großen deutschen Investmentbanken, die ausländische Investoren nach Deutschland holen. Und hier zu meiner Linken darf ich ihnen die drei Vertreter unser Investoren aus Italien vorstellen. Die Herren sprechen leider kein Deutsch. Wenn wir nachher zu ihren Fragen kommen, so wollen sie diese bitte nur an mich stellen.
Kommen wir gleich in medias res.“
Er blickte stolz in die Runde. Das Geld für das Rhetorikseminar hatte sich eben doch gelohnt: In medias res, man, das war so gut, fand er. Er fuhr fort:
„Das was sie dort drüben auf der anderen Straßenseite halb rechts vor uns sehen, also hinter dem großen Bauschild, wird – ich sage einfach so banal, weil es die Sache im Kern trifft – ein, nein, das „Sahnestück“ moderner Münchner Wohnkultur“, erläuterte der Conte mit einer weit ausholenden Handbewegung, „denn dort wird meine Firma, die INTERBAVARIA REAL ESTATE, ein luxuriöses Ambiente für die neue Münchner Wohnkultur auf höchstem Niveau schaffen! Ein Traum, meine Damen und Herren. Fast könnte man so sagen: Schwabing goes Neuhausen...“
„Schwabing goes Neuhausen“, da war er selbst darauf gekommen.
„Das wird Architektur vom Feinsten, sage ich ihnen, von außen und von innen! Diesen prachtvollen, jetzt noch etwas heruntergekommen aussehenden Altbau mit dem schönen Baumbestand da drüben, den werden wir kernrenovieren und zum eleganten Hübnerplatz-Palais umbauen.“
Er machte wieder einen Pause. „Pausen sind wichtig“, hatte ihm sein Rhetoriktrainer eingepaukt. Deshalb machte der Conte viele Pausen.
„Palais“ betonte er, „Palais – das sagt doch alles, oder? Die Zeichnungen liegen übrigens hier vor ihnen. Ich verspreche ihnen, den Altbau werden sie in einem Jahr nicht wiedererkennen, wie überhaupt die ganze Ecke hier. Das wird München vom Feinsten: Sechs Zimmer, ab 150 Quadratmeter, hohe, lichte, offene Räume, großzügige Terrassen. Ein Wohntraum! Die Contessa hat mich schon gefragt, ob wir nicht hier wohnen wollen, nicht wahr, Schätzchen.“
Er machte wieder eine Pause, lächelte über seinen Witz und schaute stolz in die zwar recht vielköpfige aber, sehr jung aussehende Journalistenrunde. Von denen lachte niemand – „Dumme Bande“, befand der Conte, „nicht einmal einen Witz verstanden die, wenn ihnen keiner sagte, dass es einer war!“.
Der BR hatte ein „richtiges“ Fernsehteam geschickt. Den blau-weißen Wagen hatte er wohlwollend schon bei der Anfahrt wahrgenommen. Aber STADTTV hatte offenbar nur einen Mann mit so einer kleinen Amateurkamera geschickt.
MRadio und MKindl waren natürlich da, das mussten die beiden jungen Tussen in Highheels sein, die da mit ihren Mikrofonen herum fuhrwerkten. Hoffentlich hatten die seine Rede aufgenommen. Zur Not musste er ihnen den Text eben noch einmal in das Mikrofon sprechen. Klar, dass die da waren, bei den Dudelsendern musste man gar nicht so viel Werbung schalten, dann bekam man von denen alles.
Obwohl, die von MRadio sah ganz passabel aus, mit der müsste er sich mal beschäftigen... später, wenn seine Frau wieder einmal ein Geschäft anleierte!
Die Boulevardblätter hatten wohl abgesprochen, nur Volontäre zu schicken. Unverschämt, bei dem Projekt!
Eigentlich hatte sein Freund, der Oberbürgermeister, heute kommen wollen, aber dem war im letzten Moment etwas dazwischen gekommen. Am Telefon hatte der etwas von Parteiarbeit geredet, als ob das eine Entschuldigung wäre. Mit dem müsste er auch einmal Tacheles reden. Was der wohl glaubte, warum er der Sozialisten-Brut diese Unsummen gespendet hatte? Undankbare Bande diese Sozis, befand der Conte im Stillen. Wahrscheinlich waren das eh verkappte Kommunisten. Denen (den Kommunisten und damit den Sozis, eh ein Gesocks) traute er sowieso jede Schandtat zu.
Mit Frizzoni würde er auch reden müssen, das war doch keine Pressearbeit! Nur Jungspunde, kein ausgewachsener Redakteur, was wollten die denn wohl berichten – zwanzig Zeilen und ein Bild, mehr würde dabei garantiert nicht herauskommen.
Laut fuhr er fort: „Dahinter, sie blicken von hier aus genau auf die Ecke des Hauses an der Ecke Hübner-/Fasaneriestraße, das ist das Haus mit dem Gerüst mit diesem seltsam unzeitgemäßen Tante Emma-Laden, sind wir dabei, großzügige Wohnungen für anspruchsvolle Familien zu schaffen. Auch wenn ihnen das im Moment unvorstellbar erscheinen dürfte, auch dort werden wir etwas Elegantes schaffen, von der jetzigen Proloschicht-Schäbigkeit wird nichts bleiben! Sie brauchen sich ja bloß das Foto auf dem Gerüst anzuschauen, schön, nicht wahr? Und weiter dahinter in der Fasaneriestraße, von hier aus ahnen sie ihn eher, als dass sie ihn sehen, finden sie im Moment noch – ich betone: Noch! – einen echten Schandfleck im Viertel, einen Schrottplatz! Schrottplatz! Mitten im schönen Neuhausen! Rattenverseucht! Ich mag gar nicht daran denken, was wir dort noch alles im Boden finden werden. Die Entsorgung wird richtig teuer werden, aber wir schrecken vor nichts zurück, wir machen das, das kriegen wir in den Griff! Unglaublich, dass es so etwas mitten im Wohnviertel noch geben darf, aber keine Sorge, meine Herren, das Grundstück werden wir in den nächsten Wochen erwerben, wir sind da in den Endzügen der Verhandlungen und werden dieses Filetgrundstück ebenfalls einer sehr anspruchsvollen Wohnbebauung zuführen. Dort werden wir auch eine Nursery mit viersprachiger Ganztagsbetreuung einrichten. Die Kinder können dann mit der Muttermilch gleich Englisch, Chinesisch, Koreanisch und natürlich auch Deutsch einsaugen. Diese Kinder sind für die Zukunft bestens vorbereitet. Denn – wenn ich das so sagen darf – „unsere Mütter“ stellen sich den Bedingungen der globalisierten Wirtschaft, arbeiten hart, sind erfolgreich, die erwarten eine liebevolle 24Stunden-/365Tage-Betreuung für ihre lieben Kleinen, die ihnen mehr gibt als nur Spielzeug. In unser „quadrolingual Nursery“ werden die kleinen Scheißer von der ersten Minute auf den in der Zukunft ja noch härter werdenden Wettbewerb vorbereitet. DAS nennen wir Service für Familien von heute, meine Herren.“
Inzwischen hatte sich auf der gegenüberliegenden Seite der Dom Pedro-Straße eine kleine Gruppe Neugieriger versammelt, die zu der Pressekonferenz herüber sah. Der Conte sah sie mit Bangen. Er hatte heute Nacht geträumt, dass eine schwarze Wand von Protestierern seine Pressekonferenz stören würde. Er hatte von faulen Eiern und Tomaten geträumt und von einer stummen Wand, die ihn und die anderen wegfegen würde. Aber im Moment waren da nur circa zehn Leute. Genauer gesagt, es waren Herr F., Udo und Ernstl, beide im Blaumann, Frau Wegmann, Frau R. mit ihrem krummen Rücken, Herr und Frau Bartling vom Metallhandel (dem angeblichen Schrottplatz), Herr Brandt mit seinen unvermeidlichen Plastiktüten, Fräulein Concetta aus dem Kosmetiksalon in der Hübnerstraße und Pille, der Wirt von Neuhauser Augustiner. Sie standen still und sahen dem Treiben der Pressekonferenz stumm zu.
Der Conte blickte zu ihnen herüber, führte aber weiter aus: „Uns gegenüber zur Linken sehen sie diesen grauslich-grauen Komplex von drei Häusern aus den Sechzigern, der sich aus der Dom-Pedro-Straße bis in die Fasaneriestraße hineinzieht. Auch nichts, auf das München stolz sein darf, meine Herren, oder? Diese Häuser haben wir bereits erworben – die werden wir im zweiten Bauabschnitt des Hübnerplatzprojektes entkernen und vollständig umbauen. Dort werden ca. 100 Top-Wohnungen für erfolgreiche, anspruchsvolle junge Familien und Singles entstehen. Der Architekturwettbewerb wird in den nächsten Tagen in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen städtischen Behörden ausgeschrieben werden.“
Der Conte machte eine kurze Pause, blickte zu der rapide wachsenden Gruppe auf der anderen Straßenseite und dann hinter sich. Seine italienischen Freunde schienen trotz der drohenden Gruppe zufrieden zu sein. Einer nickte ihm hinter seiner Sonnenbrille aufmunternd zu.
Er fuhr fort: „Wir haben mit der Stadtverwaltung vereinbart, dass die Dom Pedro-Straße in die erste Münchner Radler- und Fußgängerstraße umgewandelt wird. Und bevor sie fragen, meine Herren von der Presse, wie die Anwohner in ihre Tiefgaragen kommen, das wird der Clou: Unterirdisch! Die ganze Dom Pedro-Straße wird zweistöckig: Unten die Autos, oben die Menschen. Aus meiner Sicht einer der ersten wirklichen Fortschritte in der Stadtentwicklung seit Erfindung des Autos! Und mein Freund, der Oberbürgermeister, hat mir versprochen, dass die Stadt eine Radler- und Fußgängerbrücke in Verlängerung der Dom Pedro-Straße über den tiefen Einschnitt des Mittleren Ringes bauen wird, damit das Neue Hübnerplatz-Viertel an die Gegend um den Rot Kreuz-Platz angebunden wird.“
Der Conte nickte höflich lächelnd den Italienern zu, die wahrscheinlich nichts verstanden aber genauso höflich applaudierten.
„Ich darf noch auf die diversen Ladengeschäfte in der Dom Pedro-Straße und den umliegenden Straßen hinweisen, die wir weitestgehend erworben haben. In denen werden wir schicke Läden platzieren, genau das, was unser anspruchsvolles Publikum erwartet: Von der eleganten Espresso-Bar im italienischen Stil für das schnelle Frühstück, über einen Lebensmittelladen für mediterrane Bioprodukte über mehrere Serviceangebote, die vielsprachige Nursery habe ich schon erwähnt, die in ihrer Vielfalt unseren Mietern das Leben erleichtern sollen, bis zum kleinen aber feinen Restaurant, Sterne nicht ausgeschlossen“, lachte er stolz in die Runde, „das wird ein Boulevard im Pariser Stil!“.
„Sie sehen, wir denken an alles, wir heben das Niveau hier gewaltig an. Das sind aber erst die ersten Schritte, denn wir denken durchaus in größerem Rahmen: Unsere sehr potenten Freunde,“ er deutete kurz auf die Italiener, „interessiert nämlich der ganze Bereich zwischen Dachauer und Leonrodstraße bis zur Landshuter Allee, das ist ein sehr entwicklungsfähiges Gebiet, innenstadtnah, verkehrstechnisch gut angebunden und doch ein ruhiges Wohnviertel – im Moment allerdings völlig unterbewertet, finden wir von der INTERBAVARIA REAL ESTATE. Aber wir wollen unser Projekt hier beginnen, genau hier, wo wir im Moment stehen, hier am Hübnerplatz, der übrigens eine öffentliche Tiefgarage erhalten wird, die natürlich auch unterirdisch angefahren wird. Insgesamt entsteht hier das, wie wir es nennen, Neue Hübnerplatzviertel!“
Die angewachsene Zuschauermenge war allmählich – immer noch stumm – näher gerückt. Der Conte bekam es langsam mit der Angst zu tun. Was wollten die? Etwa Ärger machen? Den konnte er jetzt gar nicht brauchen. Er dachte an seinen Rhetorikkurs und sagte deshalb:
„Ja, kommen sie nur näher, meine lieben Freunde, wenn es sie interessiert. Vielleicht bleiben sie da am Randstein stehen. Da können sie gut hören. Danke schön...“
Dann wandte er sich wieder seinen Journalisten zu: „Ich bin mir sehr sicher, in ein paar Jahren wird man genauso stolz sein, im Neuen Hübnerplatzviertel zu leben, zu LEBEN, ich sage leben und nicht wohnen, meine Herren, wie heute rund um den Gärtnerplatz – ich möchte es mit Charles Darwin so sagen: München entwickelt sich...“
Er machte eine Pause und trank einen Schluck Wasser, den Frau Schade, seine Sekretärin, ihm reichte. Dann sagte er: „Ihre Fragen, meine Damen und Herren...“
Als erster fragte der mz-Reporter: „Herr Camilleri...“
„Ich bitte sie“, unterbrach ihn der Angesprochene, „Conte Camilleri, das ist korrekt, so viel Höflichkeit muss sein, Herr...?“
„Ja“, dachte der Redakteur von der mz, „aber vor allem, weil dich die Adoption soviel Geld gekostet hat, sonst würdest du doch noch genauso heißen wie ich: Müller... und zwar Johannes Müller und nicht Giovanni Camilleri, du alter Lackaffe.“
Laut sagte er allerdings: „Natürlich, Conte, Müller von der mz! Entschuldigen sie bitte. Also, Conte Camilleri...
Der Conte verdrehte die Augen, weil Müller Camilleri jetzt auf dem „mill“ betonte und die folgenden Buchstaben sehr kurz und alles andere als italienisch sprach. Aber Müller fuhr ungerührt fort: „Was passiert mit den jetzigen Bewohnern? Wenn sie schon Darwin zitieren: Die – ich ergänze: finanziell – Starken überleben eben, so ist das... Die jetzigen Mieter werden ja wohl raus müssen aus ihren Wohnungen?“
„Natürlich. Aber von wegen der Starken, die überleben, was hat das mit Darwin zu tun?“
Er würde Frizzoni fragen müssen, der hatte ihm den Quatsch schließlich aufgeschrieben. Dann antwortete er lächelnd: „Aber den jetzigen Mietern will ja niemand etwas Böses, ganz im Gegenteil, denen bieten wir sehr entgegenkommende, sehr soziale Lösungen an, Herr Müller...“
Die ersten Zuschauer pfiffen jetzt laut, andere lachten abfällig. Was den Conte offenbar nicht störte, denn er fuhr ungerührt fort: „... großzügige Entschädigungen, preiswerte Neubauwohnungen – alles absolut sozial verträglich. Und alles mit dem Bezirksausschuss abgesprochen und der ist schließlich sozialistisch, äh, ich meine, sozialdemokratisch dominiert! Wir haben das alles prüfen lassen. Die Studie besagt, die Leute werden gerne umziehen und in ihren neuen Wohnungen sehr glücklich sein, nicht wahr, Schatz?“
Seine Gattin, die ehemals bekannte Schauspielerin, schreckte kurz zusammen, nahm den ihr zugespielten Ball dann aber professionell auf, sie war eben in jeder Hinsicht professionell:
„Wissen‘s, wir, mein Mann und ich, wir fühlen diese soziale Verantwortung natürlich, die wir als Prominente haben – ich glaube sagen zu dürfen, mehr als andere, viel mehr, gell, Schatz?“
Der Conte nickte bestätigend. Die Contessa fuhr fort:
„Und es ist ja auch so: Die meisten, die hier wohnen“, sagte sie nur leicht münchnerisch eingefärbt, gerade so, dass sie als echtes Münchner Kindl durchging. „können sich das Leben in der Stadt ja eigentlich gar nicht mehr leisten, das weiß man ja. Und weil die meisten, die hier wohnen, Rentner sind, leben die weiter draußen viel besser... also, auf dem Lande, meine ich, an frischer Luft und so... die müssen ja nicht mehr zur Arbeit... und g‘sünder ist das auch! Das Klientel, das wir, also, das mein Mann, anspricht, arbeitet in der City, die wollen und die brauchen kurze Wege, nicht wahr? Und die bringen München doch voran, das muss man doch mal sehen. Die gut verdienenden jungen Leute, die Manager und die Banker, die verdienen doch heute das Geld. Und die geben es auch aus! Bloß, weil einer ein Banker ist, ist er doch nicht schlecht, oder? Auch wenn sie das immer schreiben! Für die wollen, müssen wir eine leistungskorrelierte Lebensumgebung schaffen, also, das heißt, das wollen wir, also eigentlich, natürlich, mein Mann.“
Der dachte, was zum Teufel heißt in dem Zusammenhang „leistungskorreliert“? Hat der Frizzoni etwa etwas mit ihr? Woher hatte die sonst solche Worte? Aus der Bunten bestimmt nicht, vielleicht aus der Gala? Aber auch das bezweifelte er.
Seine Frau sprach inzwischen weiter:
„Wissen’s auch das ist sozial, wissen sie. Wir können uns doch nicht nur immer um die Alten kümmern, die kein Nettosozialperfekt mehr schaffen, wo kämen wir denn da hin?“
„Nettosozialperfekt? Sie meinen Bruttosozialprodukt?“, fragte einer der Journalisten.
„Natürlich meint sie das“, fauchte der Conte den Journalisten an, „ein kleiner Versprecher, das kann passieren nicht wahr, Spätzchen“. Der Spatz schaute leicht verwirrt, sagte aber nichts. Das war in solchen Situationen meistens besser, hatte sie gelernt.
„Soll das heißen, sie deportieren die jetzigen Bewohner...“ begann Herr Müller von der mz seine Frage.
„Ach, papperlapapp“, unterbrach ihn wieder Conte Camilleri, „so hat meine Frau das doch nicht gemeint...“
Er sah ihn kurz böse an und machte sich gedanklich eine Notiz, dass er den Herausgeber der mz beim nächsten Treffen auf dem Golfplatz einmal zurecht stoßen müsste, so ginge das doch nicht, so ein Sozialneider dieser Müller. Dann fuhr er nach einer kurzen Pause fort: „Wir sind doch nicht die Bösen! Wir entwickeln München weiter – für die Fleißigen, die Erfolgreichen, die Leistungsträger der Gesellschaft! Das ist nicht schlecht, das ist gut! Wir brauchen die Erfolgreichen. Wir sind die Guten“.
Er betonte jeweils das „wir“.
„Ich versichere sie, das ist alles in jeder Richtung abgesichert.“
Weil die Zuschauer immer mehr geworden waren, bekam er es doch immer mehr mit der Angst zu tun. Deshalb ließ er die Einladung an die Journalisten zu einer Runde durch das alte Neue Hübnerplatzviertel unter seiner Führung lieber ausfallen. Verdammt noch einmal, dachte er, müssen Demos nicht angemeldet werden? Vor allem kommunistisch gesteuerte? Wo blieb denn die Polizei? Diese verdammte Kommunisten-Bande machte ihm die ganze Show zunichte.
Ziemlich lahm sagte er zu den Presseleuten: „Ich schlage vor, wir nehmen einen kleinen Imbiss und ein Gläschen Champagner oder zwei“, er lächelte charmant in die Runde der Volontäre, „in unserem Vertriebspoint, den sie dort drüben an der Ecke Raglovichstraße sehen, dort, wo die Luftballons wehen, dort können sie dann auch ihre weiteren Fragen stellen. Dort bekommen sie auch ihre Pressemappen, echt Leder! Will der Herr Fotograf noch ein paar Bilder mit mir und meiner bezaubernden Frau machen? Das kommt immer gut...“
Er nahm „Spätzchen“ in den Arm und lachte in die Runde. Sein Zahnarzt ließ weithin grüßen... Seine Frau lächelte nur leicht aber sehr gekonnt in die Kamera, die gezückt wurde – nur leicht, mehr war nicht drin, denn das Gesicht schmerzte nach der letzten Straffung immer noch.
In dem Moment blickten die Journalisten und seine Italiener an ihm vorbei auf das Gebäude hinter dem Conte. Niemand sah noch ihn und seine Frau an. Er drehte sich langsam um. Er erwartete Schlimmes und wurde nicht enttäuscht...
Sein Gesicht lief rot an: „Frizzoni!“, brüllte er, „was soll das?“ Frizzoni schaute genauso fassungslos wie sein Chef.
Die Zuschauer lachten und zeigten mit den Fingern auf das Eckhaus mit dem Gerüst. Auf dem Gerüst, das er gestern noch von den Bettlaken hatte befreien lassen, standen im vierten Stock vier Männer und Frauen. Sie entrollten die zusammengenähten Bettlaken, die gegenüber den vier Laken von gestern offenbar um weitere zu einer riesigen Fahne ergänzt waren:
Die Zuschauer johlten und begannen zu skandieren: „Investoren weg, Investorendreck...“ Der Conte wäre am liebsten im Boden versunken!
Die Kameras surrten (keine moderne Kamera surrt tatsächlich noch, denn die TV-Kameras arbeiten heute digital, also muss kein Film mehr surrend durch die Kamera gezogen werden – aber der Conte meinte, das Surren der Kameras zu hören) und die jetzt doch in den Händen der Journalisten aufgetauchten Fotoapparate klickten (einige klicken tatsächlich, selbst wenn sie keinen Spiegel mehr haben, denn manche haben extra einen kleinen Tongenerator eingebaut, der das professionelle Klicken erzeugt): Das war doch mal etwas für die Journaille.
„Frizzoni“, flüsterte der Conte, „das werden sie mir büßen!“
„Aber“, stotterte Frizzoni, „ich kann doch nichts dafür, sie haben doch gesagt, ich soll die nicht rauslassen aus dem Haus...“
„Und wer sind die da?“, zischte der Conte und zeigte auf die johlende Menge. „Nicht aus dem Haus...“, sagte Frizzoni leise.
In diesem Moment erschienen feixend die beiden Buben im zweiten Stock auf dem Gerüst und banden die unteren Enden der riesigen Fahne fest. Um den Kopf trugen sie rote Bänder, in denen jeweils eine Feder steckte. Stadtguerilla eben.
„Herr Müller“, fragte den Conte ein sein Grinsen kaum unterdrückender Müller von der mz: „Ihre Stellungnahme zu dem Protest? Das sieht mir insgesamt nicht nach freiwilligem Auszug oder gar „sozial verträglich“ aus – oder täusche ich mich da? Guerilla sogar? Das ist neu für München, oder?“
Die Italiener fragten Herrn Frizzoni, was auf den Plakaten stehen würde. Der lallte nur: „Nix parlare Italiano!“ Was glatt gelogen war, denn seine Eltern waren sizilianische Einwanderer der ersten Welle gewesen und er sprach ganz gut italienisch, sogar einen sizilianischen Dialekt beherrschte er halbwegs. Aber in diesem Moment verschlug es ihm die Sprache.
Die Journalistin von HALLO versuchte zu helfen. Sie klaubte ihr bestes Italienisch zusammen, lächelte die Italiener freundlich an und begann zu übersetzen: „Credo, che voglia direin italiano.
Vogliamostare qui!
Live è la vita. Ecco!
Nessunosfratto
