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Jens+Mari+Rudi+Ernst lebt als Profikiller in Ostholstein - irgendwo bei Preetz mitten auf dem Lande. Er erledigt Mordaufträge in ganz Europa. Er ist akademischer (Promovierter) Mörder, Jens+Mari haben an der Mörderakademie in Moskau promoviert, haben Praktika in Georgien und Kuba absolviert und sind jetzt freischaffende Mörder. Eudi+Ernst sind erst später imKopf aufgetaucht. Zugegeben, das ist nix für Agatha Christie- und andere Krimi-Klassiker-Fans, kein who dun it - eher ziemlich "abgefahren"... U.a.mit Carsten, dem Ostholstein-Meister im Geradeauspflügen. "Geiersturzflug" muss man einfach gelesen haben - die Story ist nur noch "abgefahren" - spätestens dann, wenn US-Marines in russischen Uniformen Rügen einfach so en passant besetzen...!
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Seitenzahl: 591
Veröffentlichungsjahr: 2015
Klaus Bock
Wir(r) im Kopf
18 kriminelle Geschichten vom Killer mit den 4 Persönlichkeiten im Kopf
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Wir(r) im Kopf
Hinweis
Vorwort
Tod am Strand
Inne Kneipe
Haukes Alter
Das Hafendampfer-Unglück
Viererpack
Die Prüfung
Carsten weiß ´was…
Der Job in Venedig
Auktionsstress
Der Schiri-Job
Krach im Dörpkro
Rudi erzählt auch mal
Geiersturzflug. Geier-Fonds auf Rügen (Teil 1)
Geiersturzflug. Geier-Fonds auf Rügen (Teil 2)
Es gibt Aal im Dörpkro
Schachmatt in null Zügen
Platz für Geschichten, die noch zu schreiben sind
Tschüß
Die Beerdigung
Was wäre ein Autor…
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Impressum
Wir(r) im Kopf
Klaus Bock
Wir(r) im Kopf
Ungewöhnlich absurde Geschichten von Auftragskillern, die sich einen Kopf teilen müssen – vor allem aber nicht nur – aus Ostholstein
© 2014 Eigenverlag Klaus Bock
Erschienen bei
Hinweis
Ich weise die geschätzten Leser/innen gerne darauf hin, dass die im Folgenden erzählten Kurzgeschichten meiner Fantasie frei entsprungen sind, und dass es da zwischen Kiel, Plön und Hohwacht killermäßig wirklich nicht so wild zugehen dürfte, wie in den Geschichten beschrieben. Dasselbe dürfte für die anderen Tatorte zutreffen.
Das zuständige Fremdenverkehrsamt konnte allerdings auf Anfrage keine exakten Kill-Zahlen liefern. Trotzdem, ich bin überzeugt davon, dass man als Tourist ruhig da hinfahren kann, der Ostholsteiner ist einfach nicht so… ganz im Gegenteil.
Und: Es wird in Ostholstein sicher Bier getrunken, vielleicht auch viel, mag sein, aber bei weitem nicht so viel, wie von mir erzählt!
Ach, ja, ich soll alle ganz lieb von Carsten grüßen, er winkt Ihnen virtuell von seinem Trecker aus zu. Im Moment bereitet er sich auf die ostholsteinischen Treckermeisterschaften vor (ich habe da in einer Geschichte vorgegriffen). Er ist Favorit im Geradeauspflügen, mit Kurven hat er es nicht so. Höchstens, „bei die Frunslüüd“ oder wenn er aus Elsas „Dörpkro“ rauskommt....
Klaus Bock
Im November 2014
Vorwort
Ich denke, es geht allen Autoren ähnlich: Du sitzt da vor deiner Schreibmaschine und der Leser erwartet, dass du los schreibst… Tja, und da fängt das Problem an. Ich fange dann tatsächlich mit dem Tippen an, ohne zu wissen, wo meine Schreibmaschine mich heute hinführen wird… „Das merkt man“, wird der eine oder andere, der schon etwas von mir gelesen hat, jetzt denken.
Pause – Kaffeeholen ist angesagt, dabei kann ich überlegen, was ich als nächstes schreiben könnte… Nach dem Kaffee kommt ein neues Blatt, eine Herausforderung.
Also: Ja, ich schreibe Geschichten. Andere Geschichten als andere (hoffe ich)! Ob sie gut sind? Keine Ahnung, da kann ich auch keine Rücksicht drauf nehmen… Sie müssen ja erst einmal vor allem raus aus meinem Kopf, wissen Sie, sonst werde ich ja verrückt.
Wahrscheinlich traue ich mich im richtigen Leben einfach nur nicht, das zu tun, was mir (manchmal) als Gedanke so durch den Kopf geistert. Ist vielleicht auch besser so, sagt meine Frau, wenn sie schließlich liest, was ich da wieder einmal zu Papier gebracht habe.
Meistens sind es politisch gar nicht korrekte Texte geworden, es gibt Geschichten, in denen kommt sogar das Wort „Neger“ vor!
Bei mir sind die Mörder die Guten, nein, falsch, aber sie sind die Sympathischen, die, mit denen man mitfühlt. Nach „Morituri. Wie die Fliegen…“ haben mir einige Leser geschrieben, dass man das als Autor doch nicht machen könne: All die sympathischen Alten einfach sterben zu lassen…, man habe sich als Leser schließlich gerade erst an sie gewöhnt, sie sogar lieb gewonnen, die alten Mörder und Mörderinnen. Ehrlich, so hatte ich es beim Schreiben noch nicht betrachtet – zu spät, nun sind sie tot…
Meine Mörderfiguren kommen eigentlich immer „gut davon weg“ (außer denen, die von Beginn als „Arschlöcher“ angelegt waren) – oder sie sterben eh, bringen sich um oder verschwinden einfach in irgendeiner schriftstellerischen Versenkung.
Die Polizei kommt bei mir nicht vor oder meine „Bullen“ hegen selber schon mal Sympathie für meine „Bösen“ und lassen sie laufen. Ich finde, die Polizei hat sowieso eine verdammt gute PR-Abteilung, die hat mich gar nicht mehr nötig: Die fangen die Mörder angeblich immer – wenn man den TV-Krimis glauben darf. Und warum sollte man das nicht glauben, die offiziellen Statistiken sprechen ja auch für die Polizei. Naja, Statistik… das kennt man ja. „Besser, es wird einem nichts gestohlen. Dann hat man wenigsten keine Unannehmlichkeiten mit der Polizei“, sagte schon Karl Kraus.
Ich neige dazu,
nicht alles gut zu finden, was die anderen machen: Dauernd in Handies zu quatschen, zum Beispiel, oder 12 Stunden am Tag Emails zu beantworten. Tue ich nicht.
nicht alles zu glauben, was veröffentlicht wird…
journalistische Mainstream-Ausflüsse nicht ernst zu nehmen, ich sage nur „Ukraine-Krise“…
In meiner Fantasiewelt geht es eh anders zu als in der Realität. Oder war das anders herum? Egal, das ist ja das Gute am Schreiben: Ich kann mir meine Welt so schaffen, wie ich sie richtig finde.
Parallelwelten? Pah, dazu braucht es doch keine neundimensionale Stringtheorie! Die versteht eh keiner – außer mein Herr Brandt in „Aus dem Ruder gelaufen“ und der entstammt bekanntlich meiner Fantasie.
Auch ohne Stringtheorie gibt es mindestens eine Parallelwelt schon lange: Die in meinem Kopf. Und von da kommen die Parallelweltgeschichten aufs Papier.
Und in meiner ostholsteinischen Parallelwelt gibt es sogar einen Bullen: Henning! Der ist zwar ´n büschen doof, vielleicht tut er aber auch nur so und ist in Wirklichkeit auch nur faul. Aber auf jeden Fall nett, finde ich.
Tod am Strand
„Bringen wir es hinter uns“, sagt mein Opfer und dreht das Feuer unter der Bratpfanne mit den Bratkartoffeln ab, „ich ziehe mir nur schnell eine Jacke an, ist kalt draußen, man muss ja nicht auch noch frieren, wenn man schon sterben muss, oder?“.
Er lächelt etwas gequält, greift in den kleinen Kleiderschrank, nimmt sich wahllos eine Jacke und zieht sie an.
„Ich bin soweit“, sagt er dann emotionslos, „kann losgehen. Ich bin fertig. Fertig zum Sterben. Wohin gehen wir? An den Strand?“
Ich nicke nur.
„Ja“, sagt er, „da würde ich es auch machen, wenn ich die Pistole haben würde“, und damit deutet er auf die 0.22er Pistole in meiner Hand, „im Winter am Strand, ein guter Platz zum Schießen, höchstwahrscheinlich niemand da und zum Sterben ist´s eh egal.“. Er machte eine kurze Pause. „Wer geht zuerst?“, fragt er schließlich.
Ich, natürlich. Ich öffne die Wohnwagentür, schaue mich kurz um, vergewissere mich, dass niemand zu sehen ist, mache einen Schritt aus der schmalen Tür des Wohnwagens und winke ihn mit einer Bewegung des Pistolenlaufes in die Dunkelheit heraus. Ich bin vorausgegangen, damit er mir nicht im letzten Moment wegläuft. Hat es schon gegeben… „Nicht mit mir“, denke ich.
Es ist niemand da, natürlich, kein Wunder, wer ist gegen 18.00 Uhr Mitte Dezember schon auf einem Campingplatz an der Ostsee? In den Alpen, vielleicht, da soll es ja so etwas wie Winter-Camping für Extraharte geben. Oder in Italien. Da ist´s ja auch im Winter warm genug. Aber an der Ostsee? Nein, sicher nicht, kein Schwein von Verstand würde sich das antun. Außer ihm. Aber er hat sich hier ja auch versteckt. War eigentlich gar nicht so schlecht als Versteck. Aber nicht gut genug.
Wer die Bosse reinlegen will, der muss sich verdammt gut verstecken, noch besser als er hier, denn die lassen suchen, richtig suchen, bis jeder gefunden ist – und irgendwer weiß doch etwas und hält dann doch nicht dicht. Am Ende finden sie dich. Und dann kommen wir. Pech gehabt, Ende und aus. Hasta la vista, Baby…
In dem Job darfst du keine Freunde haben, das geht einfach nicht. Und Frau und Kinder schon einmal gar nicht. Keine Geliebte und keine Freundin. Für Bedürfnisse gibt es Huren. Und Haustiere auch nicht. Nichts, an was du eine Bindung entwickeln könntest, absolut keine Gefühle, oder so! Niemals. Und wenn doch? Nicht gut, gar nicht gut. Also lebst du ziemlich einsam.
Ich nicht, aber das ist etwas anderes… Meine Freunde können nicht reden, also, nicht mit anderen, meine ich. Und wenn doch, bin ich der erste, der es erfährt.
Er hatte grundsätzliche Fehler gemacht. Fehler Nummer 1: Er hatte eine Freundin gehabt und Fehler Nummer 2: Er hatte sie verlassen. Dumm von ihm, Gefühle zuzulassen – vor allem bei ihr! Verlassene Frauen können so nachtragend sein.
Natürlich hatte ich sie gefunden. Sie meinte, sie würde nicht reden, so eine sei sie nicht. Naja, das sagen alle, aber kaum hatte ich angefangen, ihren Papagei zu rupfen – lebend - hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Der Papagei übrigens auch nicht. Sie haben dann geredet wie ein Wasserfall. Beide, sie und der Papagei. Was sie gesagt hat, war wichtiger. Sie behauptete zwar, nicht zu wissen, wo er sei... Vielleicht stimmte das sogar. Aber sie wusste von Orten, wo er gerne war, und sie wusste von dem Campingwagen in Kalifornien gleich neben Brasilien. Von da an war es einfach gewesen. Vor allem, als ich mich erinnert hatte, das es Kalifornien und Brasilien auch in Ostholstein gibt.
War übrigens pures Mitleid mit der leidenden Kreatur gewesen, dass ich dem Vogel schließlich doch den Kopf umgedreht hatte, ein nackter Papagei ohne Federn? Geht gar nicht. Hatte der Tussi nichts geholfen, dass sie nach den ersten Federn schnell geredet hatte. Sie war jetzt natürlich genauso tot wie der Vogel, mindestens. Ganz wichtig in meinem Job, geradezu grundlegend: Hinterlasse keine Zeugen. Sie können nicht nur reden, sie werden reden! Immer. Irgendwie und irgendwann. Kaum jemand kann den Mund wirklich halten. Erst recht nicht, wenn jemand nachhilft. Und selbst wenn, ich würde es nicht glauben. Und Rudi erst Recht nicht.
Er kommt jetzt heraus, schaut sich ebenfalls um und schaudert trotz Jacke. Ich verstehe ihn. Es ist schon verdammt kalt hier am Strand. Und dann der Wind. Aber es sind keine fünfzig Meter zum Strand, er würde es aushalten…
Er sabbelt nicht. Ich bin ihm dankbar dafür. Die anderen haben fast alle ununterbrochen geredet, geheult, gebettelt und gebeten. Was haben sie nicht alles für einen Scheiß geredet: Sie hätten doch gar nichts getan (haha), sie seien verheiratet (na und?), die Frau (oder die Mutter) sei krank, sie hätten kleine Kinder (hätten sie vorher dran denken müssen)…
Sie haben mir Geld angeboten – jede Summe. Morgen! Erst müssten sie allerdings zur Bank. Aber morgen! Morgen würde ich jede Summe von ihnen bekommen, mehr Geld als ich mir vorstellen könne, mehr Geld, als ich ausgeben könnte. So in der Richtung.
Sie haben in jeder Sprache parliert, gut, dass ich die meisten nicht kannte. Sonst wäre ich vielleicht wütend geworden und hätte Rudi ran gelassen! Rudi ist nämlich gemeiner als ich.
Und – geradezu DER Klassiker – sie würden natürlich niemanden etwas erzählen, wenn ich sie jetzt laufen liesse, nie! Ehrenwort! Für wie blöd hielten die mich eigentlich? Der erste Weg hätte sie zu den Bullen geführt.
Als ob das etwas geholfen hätte. Man, wenn ich es nicht getan und die Bosse es gemerkt hätten, wäre eine Woche später ein Kollege gekommen, um den Auftrag zu erledigen – und mich auch.
Ehrlich, es war so dumm, so peinlich, es war zum Kotzen. Es war alles so berechenbar, was die sagen würden…
Auf Knien haben sie vor mir gelegen, sie haben Rotz und Wasser geheult, gebettelt haben sie. Alles nur wegen dem bisschen Leben. Als ob es nichts anderes gäbe.
Was? Ehre, zum Beispiel, oder Anstand.
Aber der Kerl hier, der inzwischen den dunklen sandigen Weg zum Strand vor mir her geht, sagt kein Wort. Er heult nicht, er wirft sich nicht in den Sand, er bettelt und fleht nicht. Er pisst sich nicht vor Angst in die Hose. Ein echter Kerl. Eigentlich schade um ihn. Er bleibt stumm. Er weiß, es würde doch nichts nützen. Er geht einfach drei Meter vor mir, hält die Hände so, dass ich sie gut sehen kann. Ein Profi. Er weiß, was ihn erwartet. Nichts Gutes. Aber er weiß auch, dass es zu spät ist. Dass ihn nichts mehr retten kann. Höchstens ein Blitzschlag aus heiterem Himmel – aber damit rechnet er nicht. Er weiß auch, dass ich es ihm leicht oder schwer machen kann. Kurz und schmerzlos oder das Gegenteil…
Als wir am Strand sind, sehen wir beide einen Moment auf die See hinaus. Es weht im Moment kein Wind mehr, also ist auch kaum Brandung. Aber die Wellen rollen die letzten Meter mit weißem Schaum an den Strand. „Wuuusch“, machen sie leise, als sie an den Strand rollen und „Wuuusch“, und wieder und wieder.
„Schön“, sagt Mari kopfintern, „dasMeer ist immer schön – auch nachts.“
Wir anderen sagen nichts, ist irgendwie nicht der Moment zum Reden.
Er schaut nicht hin. „Wo?“, fragt er.
„Da drüben“, weise ich ihn mit einer kurzen Bewegung mit der Pistole an, „bei den Dünen.“. Er stapft wortlos durch den Sand.
„Darf ich“, fragt Rudi. Rudi ist der, der es am liebsten macht. Fast immer wenn es soweit ist, drängelt er sich vor. Irgendwie ist er pervers, glaube ich. Er hat von uns allen am meisten Freude am Töten. Sogar, wenn es darum geht, eine Spinne zu erschlagen, versucht Rudi, es machen zu dürfen.
„Nö, Rudi“, denksagt Mari, „du hast gestern die Ratte erschlagen, wenn Jens es nicht macht, bin ich dran.“
Mari ist der weibliche Teil von uns. Sie ist viel emotionaler als wir anderen, Frau eben. Sie hat es aber auch schwer in einem männlichen Körper zu leben. Aber wenn sie den Körper übernommen, sich geschminkt und ein schickes Kleid angezogen hat, dann… wow. Die Kerle überschlagen sich geradezu. Wir anderen ziehen uns dann in unsere Zimmer zurück und lassen Mari machen.
Sie ist äußerlich dann so etwas wie ein Travestie-Künstler, nur eben mit dem Unterschied, dass sie gehirnmäßig wirklich eine Frau ist. Sie schafft es auch irgendwie, viel weicher als wir zu wirken, also körperlich, meine ich. Keiner von uns bewegt sich wie sie. Ich meine, es ist derselbe Körper, aber sie schafft es irgendwie, in dem Körper sehr weiblich auszusehen. Wirklich sehr weiblich. Aber bei aller Mühe, die sie sich gibt, den kleinen Unterschied kriegt sie nicht weg… Manchmal würde ich es ihr ja gönnen. Aber wir anderen wollen den Piesel behalten, wir sind eben männlich durch und durch.
„Ruhe“, sage ich intern, „das mache ich!“.
Ich bin der Älteste, also der, der als erster da war. Die anderen sind erst später… sagen wir „erwacht“. Es ist auch nicht klar, ob da nicht noch welche hinzu kommen werden. Obwohl wir alle finden, dass fünf Typen in einem Kopf genug sind. Noch mehr, man, das würde nur ein Tohuwabohu geben, nee, lass man, fünf reicht.
Der andere Typ, der die Dünen inzwischen fast erreicht hat, kriegt von der Diskussion nichts mit. Natürlich nicht, sie ist ja intern.
Dann sind wir da, wo ich ihn haben will: Irgendwo in einer Senke, ein paar Meter in den Dünen, vom Strand aus nicht einsehbar. Zugegeben, kein gutes Versteck, eigentlich sogar gar keines. Nur ein flaches Loch im Sand zwischen drei Meter hohen Dünen.
Ich muss es ihm nicht sagen, er weiß, was von ihm erwartet wird: Er kniet nieder und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. „Mach es richtig“, sagt er nur leise, „triff… und schnell, bitte.“
Ich stehe immer noch drei Meter hinter ihm. Absolut keine Entfernung! Trotzdem, ich mache zwei schnelle Schritte auf ihn zu.
„Mach´ du es auch gut“, sage ich noch, als ich abdrücke. Ich glaube nicht, dass er es noch mitbekommen hat. Auf die Entfernung treffe ich immer. Er ist sofort tot. Aber trotzdem, ich drücke noch einmal ab. Sicher ist sicher. Man hat schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen. Jetzt ist er auf jeden Fall so etwas von tot, mehr geht nicht. Ich bin eben auch ein Profi.
Die Pistole lege ich neben ihn in den Sand und schubse mit dem Fuß etwas Sand darüber. Ist besser so, schon, falls Kinder ihn als erste finden sollten, die sollen ja nicht mit Waffen spielen. Da habe ich etwas dagegen, viel zu gefährlich.
Ich gehe langsam zurück zum Wohnwagen, schaue mich um: Immer noch niemand zu sehen, der Campingplatz liegt so kurz vor Weihnachten wie tot da. Ich lösche das Licht im Wohnwagen und schließe ab. Den Schlüssel werfe ich so weit wie ich nur kann in die Dunkelheit. Dann ziehe ich die Handschuhe aus.
„Schade“, bedauert Rudi leicht beleidigt, „ein bisschen Spaß hätten wir uns ja auch machen können, finde ich.“
„Schnauze“, denkschimpfe ich entschieden und gehe zu unserem Fahrrad.
„Du bist ja pervers“, schimpft Mari im Gehen, und sie meint Rudi, „Job ist Job. Da geht es nicht um Spaß, nicht bei einem Job! Und das genießt man auch nicht. Nichts wie weg hier.“
Rudi schweigt beleidigt, tut so, als ob er nicht da wäre.
Die anderen beiden sagen nichts. Sind sie überhaupt da?
„Schade um die Bratpfanne“, denkt Mari, „war ´ne alte Eisenpfanne, gut eingebraten, die hätte ich gerne gehabt… Schon wegen der Bratkartoffeln, die schmecken aus so einer Pfanne viel besser, als aus dem ganzen neumod´schen Kram…“
„Ja“, denkgebe ich ihr Recht, „schade… Aber wir nehmen nie etwas mit, keine Spuren, das weißt du.“
„Klar, Jens, natürlich.“
Wir steigen aufs Fahrrad und fahren los. Der Wind kommt wie immer von vorne.
„Rudi“, denke ich, „willst du fahren?“. Rudi antwortet nicht, macht auf beleidigte Leberwurst. Ach so, seine Zimmertür ist zu. Keine Ahnung, was er dahinter macht. Vielleicht denkt er daran, wie er die Ratte erschlagen hat.
Von mir aus, ich habe den Körper noch drei Stunden. Zeit für ein Bier im Dörpkro. Dann ist Mari dran.
Inne Kneipe
Wir, das heißt natürlich für alle anderen ich allein, sitzen in Elsas Dorfkneipe am Tresen und nuckeln am, ich glaube, dritten Bier. Das Bier hat bei Elsa wie in allen Kneipen im Norden 200 Kubik, in Bayern würden sie das nicht einmal als „Kleines“ durchgehen lassen. Also haben wir gerade einen „Halben“ intus, höchstens.
Elsa ist mit dem einzigen anderen Gast, einem unauffälligen ca. 50jährigen Mann, beschäftigt, der an einem der Tische in der entferntesten Ecke sitzt und sich von ihr die kleine Speisekarte erläutern lässt. Die umfasst seit Jahren immer dasselbe:
Drei Spiegeleier mit Bratkartoffeln
Sauerfleisch mit Bratkartoffeln oder mit Kartoffelsalat.
Und natürlich die unvermeidbare Currywurst mit Kartoffelsalat und selbst gemachter Currysauce.
Zur Not konnte man bei Elsa auch Spiegeleier mit Salat bekommen.
Oder Suppen: Gulasch-, Ochsenschwanzsuppe oder Soljanka.
Der Kartoffelsalat war natürlich ein Mayonnaisen-Salat mit klein geschnittenen Gewürzgurken und Äpfeln, den Elsa inklusive Mayonnaise selber zubereitet.
Bei dem anderen Gast scheint es auf irgendetwas mit „schön dunklen Bratkartoffeln“ hinauszulaufen.
Dann ruft Elsa plötzlich: „Du, Jens, mien Jung´, weißt du, wann die Landstraße wieder auf ist, da wo die Baustelle ist, meine ich?“.
Ich schüttle den Kopf. „Nö, tut mir leid, keine Ahnung…, noch ein, zwei Tage vielleicht. Ruf doch Rollo an, der muss das doch wissen, der hat, warte mal, 268.“
Rollo leitet nämlich den Bautrupp, das weiß ich zumindest. Der Fremde winkt ab, murmelt in etwa „nicht so wichtig“, nimmt sich die Kieler Nachrichten von gestern und beginnt zu lesen.
Dann sitzen wir auf unserem Barhocker wieder einfach nur so da – nach außen stumm wie ein Fisch – und klönen intern lautlos miteinander. Anwesend, besser aktiv, sind ich, der intern als Jens gerufen wird, Rudi und Mari.
Ernst und Drews haben sich – wie so häufig – mal wieder in ihre Zimmer zurückgezogen. Das tun sie meistens. Sie sind sehr in sich gekehrte Typen. In unserem Kopf sind sie irgendwann als letzte aufgetaucht und irgendwie kommen sie nicht mit unserem Beruf zurecht, glauben Rudi, Mari und ich. Wann immer ein Job ansteht, sind sie schon Tage vorher verschwunden, bis der Job erledigt ist. Und wenn sie dann wieder auftauchen, sind sie meistens noch schweigsamer als sonst.
Hatte ich schon gesagt, dass wir ein Auftragskiller sind? Sind wir, wir sind gut, richtig gut. Uns ist noch keiner ausgekommen. Wir haben noch nie Nerven gezeigt und noch nie einen Job nicht auftragsgemäß zu Ende gebracht. Unsere Erfolgsquote beträgt satte 100%.
Ach so, ja, noch einmal zu uns: Für andere sind wir natürlich eine Person. Klar, man sieht ja auch nur den einen Körper. Intern sind wir aber, wie gesagt, zu fünft. Ernst und Drews sind sehr selten aktiv, sie wollen auch nur sehr selten die Kontrolle über unseren Körper übernehmen, fast, als ob sie eine Scheu davor hätten, sich eines Killer-Körpers zu bedienen. Grundsätzlich darf natürlich jeder mal den Körper haben. Jeder von uns hat den Körper für bestimmte Zeiten. In denen kann er oder sie machen was er/sie will. Aber man/frau muss aufpassen, dass man/frau den Körper nicht verletzt, denn das wäre für alle ziemlich Scheiße, verstehen Sie.
Aber jetzt hatten wir drei uns auf der Agora in unserem Kopf versammelt. Das ist ein Platz, auf dem wir uns treffen: Mari, unser Mädchen, Rudi und ich. Unser Thema war der gestrige Job am Strand. Rudi war immer noch beleidigt, dass er unser Opfer nicht ein bisschen quälen gedurft hatte. Aber er war auch nicht dran gewesen. Ich hatte den Körper gehabt. Rudi fand, das sei ungerecht und bescheuert, dass meistens – er behauptete „immer“ – ich dran bin, wenn es um einen Job geht. Oder Mari.
Aber wir beide sind die rationalen Egos, wir erledigen die Jobs kompromisslos, ohne Wenn und Aber. Aus Erfahrung wissen wir, dass Rudi dagegen dazu neigt, sich gehen zu lassen. Er ist ein Sadist, da beißt keine Maus auch nur zwei Zentimeter vom Faden ab! Er vertritt den Standpunkt, das mache doch nichts, unsere Opfer würden eh sterben, die sollen sich doch nicht so haben, da wären fünf Minuten (oder so) leichte bis mittelschwere Folter schon mal drin, oder? Wenn sie dann tot wären, hätten sie´s ja auch schon wieder vergessen… Und außerdem: Das bekomme ja auch keiner mit, naja, außer dem Opfer… Und, so argumentiert Rudi, unsere Opfer wären im Normalfall im echten Leben ja auch keine Waisenknaben gewesen..., viele sogar schlimmer als er.
Mit der letzten Bemerkung hatte er ziemlich Recht. Niemand lässt jemanden ermorden, der nichts auf dem Kerbholz hat, Erbschaftsangelegenheiten einmal ausgenommen.
Erbschaftssachen sind eh etwas anderes, da gelten völlig eigene Regeln. Oft geht es dabei auch gleich um mehrere Jobs, damit die Erbreihenfolge richtig geregelt wird, also im Sinne unseres Auftraggebers. Sie kennen das von Shakespeare, denke ich mir.
Erbschaftsaufträge übernimmt intern meist Mari - Frauen sind da einfach kreativer. Wo ich „direttissima“ mit der Pistole arbeite, setzt sie auf verschlungenen Wegen verschiedene Gifte ein, stellt die Szene wie einen Selbstmord durch Erhängen oder Erschießen dar oder so. Tod eben nicht durch Fremdeinwirkung, das ist ihre Spezialität. Sie ist da wirklich gut, das muss ich neidlos zugeben. Alle Fälle hat sie zur vollsten Zufriedenheit erledigt! Und wir kriegen deshalb seit einiger Zeit immer häufiger Jobs angetragen, in denen es um Erbschaftsangelegenheiten geht. Gute Arbeit spricht sich einfach herum.
Aber zurück zu unserem Sorgenkind Rudi. Wir anderen sehen das mit dem Quälen natürlich anders als er. Deshalb hatte ich den gestern auch am Strand erschossen – und zwar kurz und schmerzlos.
Rudi ist da anders, er ist eher der Typ, der einer Spinne erst die Beine einzeln ausreißt, bevor er sie schließlich doch ein bisschen erschlägt. Und dann erst richtig.
Gut, ich gebe zu, manchmal kommt man in unserem Job um ein bisschen Quälen nicht herum. Leider. Zum Beispiel, um den Typen von gestern zu finden, mussten wir seine Ex intensiv befragen. Erst wollte sie nicht reden, aber als ich begonnen hatte, ihren Papagei zu rupfen, hat sie sich entschieden auszupacken…
Ernst und Drews machen es sowieso nicht, gar nicht, nicht einmal ganz normal töten. Ist nicht ihr Ding, denke ich mir. Sie sind irgendwie anders; es ist so, als ob sie sich in den falschen Kopf verirrt hätten. Sie passen einfach nicht hier rein: Sie trinken kein Bier, sie bevorzugen teuren Wein und kubanische Zigarren. Gut, von mir aus sollen sie.
Und ab und zu eine kubanische Zigarre oder ein Glas Rum von der Insel mögen Mari und ich seit damals ja auch ganz gerne. Aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht erzählen wir sie ja einmal…
Die Kopfschmerzen nach zuviel Bier, Wein oder Rum hat hinterher übrigens nur der, der den Körper hatte. Aber die beiden lesen auch keine Thriller, sie lesen Literatur. Fragen sie mich nicht was genau, Literatur eben. Ziemlich trübes Zeugs, Sachen, die einen zum Nachdenken bringen. Naja…
Rudi nölt intern gerade wieder herum, was er mit dem aus dem Wohnwagen alles hätte anstellen können – die Hand in die heiße Bratpfanne ist noch das Einfachste…
Mari will ihn gerade zurechtweisen (und wenn Mari und Rudi aneinander geraten, fliegen die Fetzen), als Henning Pogwisch in Elsas Kneipe kommt.
Henning ist der Kriminale am Ort. Keiner weiß, wie er die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Er war schon in der Dorfschule nicht der Hellste gewesen. Ich kann das sagen, denn ich war in derselben Klasse gewesen. Aber nun war er nicht etwa uniformierter Polizist, nein, er war etwas Besseres: Kriminalbeamter.
„Gestatten, Pogwisch, Mordkommission“, stellt er sich meist mit einer knapp angedeuteten Verbeugung des Oberkörpers vor. Es fehlt nur, dass er die Hand zum Gruß an die Mütze legt (er trägt keine Mütze) und die Hacken zusammenschlägt. Aber so hat er das wohl beim Bund gelernt. Als er seine zwölf Jahre dort (ich vermute ziemlich lustlos) abgeleistet hatte, war er nahtlos zur Polizei gegangen. Die hatten ihn wahrscheinlich nehmen müssen, von wegen Beamter, sonst hätten die ihn nie genommen, glauben übrigens alle hier im Dörp.
Genau, Hennig ist nicht nur keine Leuchte, er ist auch noch irgendwas zwischen faul und oberfaul, sagen die Leute im Dorf – aber nur wenn er nicht da ist. Es gibt Tage, da verlässt er sein Haus nicht einmal. Das fällt im Dorf natürlich auf. Hier belauert jeder jeden, hier ist nichts geheim.
Selbst die Sache mit Elsa und Hinnerk war damals in Stunden „rum“ gewesen, obwohl die beiden sich auf Mallorca so viel Mühe gegeben hatten, ihr Vierzehn-Tage-Bett-und-Bumms-Verhältnis geheim zu halten. Unsinn, das klappt hier nicht. Da auch nicht. Nirgendwo und niemals.
„Homeoffice“, nennt Henning das, wenn er mal einen Tag zuhause blieb, „Faulheit“ die Dorfbewohner.
Mir, besser uns, ist es das ja nur Recht, dass der „doofe Henning“ unser Kriminaler ist. Ein Grund, dass wir ab und zu für jeweils mehrere Wochen oder Monate wieder hier im Dörp im Haus unser Eltern lebten, jetzt, wo die tot sind. Sonst haben wir zwei Wohnungen in München: Eine für die Jungs und eine für Mari.
Wir haben nichts mit dem Tod unser Eltern zu tun gehabt, die sind ganz natürlich gestorben, ehrlich!
Aber trotz Hennings Beschränktheit haben wir ja nicht vor, unsere Profession hier bei uns im Dorf, quasi vor der Haustür, auszuüben. Der Job am Strand bei Kalifornien ist reiner Zufall und eine einmalige Ausnahme gewesen.
Normalerweise arbeiten wir irgendwo in Europa, meistens in Deutschland, aber auch schon mal im schönen Italien oder an der Cote d´Azur oder da, wo eben die Kerle sitzen, die unsere Bosse geärgert haben. Von wegen „Bosse“ – nicht, dass Sie glauben, wir sind bei der Mafia oder so, nein, wir sind reine free lancer, also Freiberufler. Wir bieten das ganze Programm, das ganze Programm, wie Dittsche sagen würde.
Wir haben einen richtig guten Ruf in der Branche, da werden wir immer wieder gerufen – meist, wenn es kompliziert ist. Sonst haben sie ihre eigenen Killer. Naja, sagen wir nur… Man o man, was sich da so Killer nennt, teilweise sind das ganz schöne Pfeifen. Aber uns soll es Recht sein, so sind wir gut im Geschäft: Sechs- bis achtmal pro Jahr. Mindestens. In letzter Zeit häufiger.
Fast immer geht es um viel Geld, wenn wir ins Spiel kommen, oder um wertvolle Ware, die gestohlen wurde, sehr selten um abstrakte Dinge wie die Ehre oder um Beziehungsstörungen der Bosse oder so. Für uns ist es egal. Job ist Job. Ein Job wird ausgeführt. Schnell, sauber, clean: Hin, puff, puff, Wumme entsorgen und weg.
So einfach geht ein Job. Und dann wird bar auf die Kralle kassiert… Aber davon ahnt Henning nichts, nicht einmal in seinen dunkelsten Träumen. Beim örtlichen Finanzamt kennen sie uns gar nicht, glaube ich, höchstens, wenn wir das Obst aus Vatters Garten verkaufen, das versteuern wir. Oder das eine oder andere Buchhonorar.
„Moin“, sagt Hennig in unsere (für ihn: meine) Richtung, schaut sich kurz um, scannt gewohnheitsgemäß den Raum, taxiert für einen Moment den Fremden in der Ecke und setzt sich dann auf den Barhocker neben uns. Wenn er uns nicht gekannt hätte (genauer, er kennt den Körper, den er Jens nennt, von unser Vielfalt im Kopf hat er keine Ahnung), hätte er sich landestypisch ans andere Ende der Theke gesetzt, vielleicht mit einem einfachen „Moin“ gegrüßt und dann ab und zu mal mürrisch herüber gesehen. Da er mich kennt, hat er kein Problem damit, sich zu uns zu setzen. Von Mari weiß er nichts, von Rudi auch nicht, er glaubt, dass nur ich in mir wohnte, dass ich normal bin.
Naja, wie sollte er auch. Wir reden mit „Externen“ ja nicht darüber. Deshalb sagt er auch: „Moin-Moin, Jens, wie geht´s immer so? Gut?“. Und als ich nicke, fügt er ein „Gut!“ hinzu.
Zu Elsa gewandt ruft er: „Elsa-Mädchen, machst du mir mal ´n Bier, meine Schöne? Oder besser gleich zwei, nacheinander, so zwei Minuten Abstand, denke ich, so um und bei… Willst du auch eines, Jens?“, fragt er mich.
Ich deute auf mein noch halb volles Glas und winke mit einer seitlichen Bewegung des erhobenen Zeigefingers dankend ab. Man muss ja nicht immer reden, Zeichensprache geht hier im Norden allemal, da ist niemand beleidigt. Findet Henning auch und zuckt mit den Schultern. „Wer nicht will, der hat schon“, heißt das wortlos.
„Geit klor, mien Henning“, erwidert uns´ Elsa, greift ein frisch gespültes Glas und beginnt, sein erstes Bier zu zapfen.
„Sach mal“, fragte sie ihn dann über die Zapfanlage hinweg, „wat is´ denn das da für eine Geschichte, da in Kalifornien, meine ich?“
„Wat denn?“, stellt Henning sich dumm, „Wat soll denn da sien?“
„Naja, komm schon, Henniiing“, (sie spricht Henning mit einem ganz lang gedehnten „in“ am Ende, aber ohne das „g“), „nun stell du dich man nicht doofer als du so schon bist, da soll doch einer erschossen worden sein, da achtern in die Dünen… Und du bist ja da gewesen.“
„Ach das“, brummte Henning und winkte lässig ab, „du meinst den ollen Toten da...“
„Ja, das, der olle Tote da..., genau! Hier, dein Bier“. Damit stellt Elsa ein Bier vor Henning. Der trinkt einen großen Schluck, hebt sein Glas, schaut den Pegelstand kritisch an und winkt dann damit in Richtung Elsa und sagt: „Mach mir das andere man auch gleich mal fertig, mien Elsalein, man, heb´ ich een´ Durscht.“
„Den Schmus, von wegen Elsalein und so, kannst du dir man gleich mal sparen“, meint Elsa und zapft schon wieder, „erzähl uns man lieber, was da los gewesen ist.“
„Darf ich nicht“, erwidert Henning, „weil…, von wegen Dienstsache!“, als ob damit alles gesagt wäre.
„Du erzählst das jetzt – oder du kriegst hier heute kein ein Bier mehr, Henning Pogwisch“, droht Elsa. Elsa ist die Neuigkeiten-Drehscheibe im Dorf. Selbst der doofe Henning weiß, was er hier erzählte, wäre in Nullkommanichts rum im Dorf.
Ich mische mich ein: „Komm schon, Henning, mein Alter, Elsa hat schon Recht, nun mach man mal zu, was ist da denn los? Wir wollen das schon wissen. Schon, weil, sonst fühlen wir uns hier ja nicht mehr sicher, nicht wahr, Elsa? Also mit Toten in die Dünen…“. Elsa nickt mir dankbar zu.
Henning starrt nachdenklich auf die Theke und schüttelt stumm den Kopf.
„Nee“, sagt er traurig, „ich würde ja gerne, wirklich – ober hebb ick doch all seggt: Dienstgeheimnis!“
„Nun mach schon, Henning, denk doch nur mal dran, bei wem hast du in der Schule immer abschreiben dürfen?“, insistiere ich.
„Ja…, nee…“, murrt Henning und schüttelt noch einmal abwehrend den Kopf. Das „ja“ bezieht sich auf das Abschreiben, das „nee“ auf die Neuigkeiten aus den Dünen.
„Und wer hat dir damals den Platz im Apfelbaum gezeigt, wo du die dicke Gerda in ihrem Zimmer nackt beobachten konntest, wenn sie schlafen ging?“, lege ich nach.
„Ihr Ferkel“, lacht Elsa, „ihr habt Gerdas nackte Möpse beobachtet? Aus´m Birnbaum?“
„Apfelbaum, war ´nen Apfelbaum, kein Birnbaum. War ja auch nur ein paar Mal“, gibt Hennig leise zu, „und außerdem, ganz nackt war sie ja doch nie, jedenfalls nicht, wenn ich da war, um zu gucken… Und denn, außerdem ist das mehr als zwanzig Jahre her, oder fast dreißig, glaub´ ich, auf jeden Fall ist das schon lange verjährt…“.
Und in unsere Richtung zischt er: „Blödmann! Ich habe jetzt die Scheiße am Hals.“. Elsa hat das gehört. „Genau“, sagt sie lässig, „oder du erzählst jetzt, was da los ist. Hier dein Bier. Geht aufs Haus – aber nur, wenn du voll auspackst. Und zwar nicht nur von Gerda, Henning, das auch. Vor allem aber von dem ollen Toten in den Dünen. Das interessiert hier am meisten!“
Hennig schaut sie skeptisch an, dann sagt er: „Aber nur, wenn alle meine Biere heute aufs Haus gehen…“
„Geit klor“, stimmt Elsa zu, „von mir aus, aber nur, wenn du alles erzählst, haarklein!“
Hennig trinkt das zweite Bier in einem Zug aus und hält Elsa das leere Glas hin: „Denn mach aus dem man erst mal die Luft raus, Elsa.“
Als das Glas gefüllt zurückkommt, beginnt er zu erzählen: „Is´ ja keine so´ne große Sache“, sagt er, „da lag eben ´ne Leiche tot in den Dünen.“. Er tut so, als ob das Finden einer Leiche für einen Kriminalen wie ihn nichts Besonderes wäre. „Ganz tot. Mausetot. Erschossen. Das ist eigentlich schon alles…“
„Nee“, sagt Elsa, „das reicht nicht für einen ganzen Abend Freibier, Henning Pogwisch, da muss schon mehr kommen, oder Jens, was sagst du? Ich sage nur: Wer? Warum? Wann? Von wem erschossen? Das ganze Programm, würde Dittsche sagen, das ganze Programm, Henning!“
„Man“, sagt Henning traurig, „wir wissen doch auch noch nicht viel mehr…, die Spusi ist man gerade eben erst weg…“
„Spusi?“, fragt Elsa, „sag´ mal, is´ das ne neue Geliebte von dir, Henning? Das wär´ ja mal etwas Neues, da weiß ja keiner was von… Henning, Henning, du bist mir ja vielleicht einer!“
„Nee, Spusi, Spurensicherung“, erläutert Henning, „sag mal, siehst du denn kein Fernsehen, Elsa? Das weiß doch inzwischen jeder, oder, Jens?“. Er schaut uns um Zustimmung heischend an.
„Naja“, sage ich (also wirklich ich, die anderen sagten nix), „die Elsa steht ja immer in der Kneipe wenn die Krimis laufen, denke ich mir, die sieht das doch nicht. Kann sie gar nich´“
„Genau“, stimmt Elsa zu, „zu der Zeit, wo du schon vor der Glotze sitzen kannst, Henning, müssen andere Leute arbeiten, weißt du… Noch´n Bier, Henning?“
„Das ist nicht einfach Glotzen, für mich ist das man reine Fortbildung“, widerspricht Henning, „zum Beispiel, wenn sie die Serie Body Farm zeigen, oder CSI – da ist alles echt… Da kann selbst ich noch ´was lernen, ehrlich!“
„Das glaube ich sofort“, stimmt Elsa zu, „du oller Dösbaddl, ich weiß zwar nicht, was das ist, dieses CS-Scheiß oder dieses Boddie-Dingsbumms, aber dass du da was lernen kannst, glaube ich dir sofort, Henning Pogwisch, du schon…“
„Wie meinst du das?“, will ein argwöhnischer Henning wissen, „Ach egal, mach mir lieber noch´n Bier fertig, ist richtig trockene Luft hier drinnen“, er sieht sich um, „da kriegt man ja einen Durst von, einfach sagenhaft.“
„Erst mal Butter bei die Fische, Henning, was ist nun mit der toten Leiche vom Strand?“, will Elsa wissen.
„Tja, was soll ich sagen? Also, tot war der, mausetot, wahrscheinlich sofort, kein Wunder nach zwei Kugeln von hinten. Eine innen Kopf rein und eine mitten ins Herz. Wenn ihr mich fragt: Profiarbeit, das war rein professionelle Arbeit, absolut!“
„Hier? Bei uns in Kalifornien? Profis? Mörderprofis?“, fragt Mari, „das glaubst du doch selber nich´, Henning.“
Mir war das gar nicht recht, dass wir uns jetzt einmischten. Aber gesagt war gesagt. Intern schaue ich Mari streng an, sie antwortet mit der internen Entsprechung eines Achselzuckens, ich mit der des Kopfschüttelns.
„Doch, Jens“, meint Henning, „Profi, kleines Kaliber, 0.22er, die typische Killerwaffe, ganz typisch…“
„Wieso wisst ihr schon das Kaliber?“, wollte Elsa wissen.
„Weil, ganz einfach, Elsa, die Pistole lag ja neben dem Body, also dem Toten, ich meine, neben seiner Leiche. Auch typisch Profi. So machen das die ganz abgefuckten Profis. Genau. Benutzen jede Waffe nur einmal!“, doziert Henning und führt weiter aus: „Damit sie keine Spuren legen für die Profiler, wisst ihr. Ich sag´s ja: Absolut saubere Profiarbeit, also professionell. Das ist meine Meinung. Und ich bin auch ganz sicher, dass die Waffe noch nie bei ´was anderem verwendet wurde, nee…, ganz bestimmt nicht, würde ich drauf wetten.“
„Und woher willst du denn wissen, wie Profis das machen?“, will Elsa wissen, „Hier gibt es doch sonst höchstens mal ´nen Hühnerdiebstahl, oder ´nen Fahrrad kommt weg, aber allerhöchstens. Auch nicht gerade häufig so´n Fahrradklau, höchstens im Sommer, wenn die Fremden hier sind. Oder ´ne Kuh, die sich verlaufen hat.“
„Bin selber ´n Profi“, gibt Henning zu bedenken, „hab´s eben hier, im Köpfchen“, damit tippt er sich an die Stirn, „von den Kursen in Kiel, wisst ihr. Da besprechen wir solche Sachen. Unter Kollegen.“
„Du…, im Köpfchen?“, will Elsa sich weglachen, „Was soll da denn drin sein? Der viele Alkohol von den Köms und den Bieren vielleicht…, höchstens.“
Henning ist jetzt ernsthaft beleidigt. Er zieht sogar in Erwägung, seine Biere selber zu zahlen. Aber dann überschlägt er die aufgelaufene Summe und das, was er noch zu trinken gedenkt – und dann überwiegt doch wieder die Vernunft: „Willst du jetzt die Geschichte hören oder nicht?“, fragt er.
„Erzähl“, mischt sich Mari wieder ein, „nun mach´s nicht so spannend, Henning, wir wissen alle, dass du ein helles Kerlchen bist, die Leuchte unseres Dorfes, wenn du draußen rumläufst kann der Bürgermeister die Lapüster abschalten, nich´, so hell is´ denn.“
Henning sieht uns für Maris Beitrag dankbar an – für den ersten Teil. Für den zweiten fragt er: „Verarscht du mich jetzt, Jens?“. Er beschließt aber, einfach darüber hinweg zu gehen. „Wir wissen noch nicht, wer der Tote ist“, sagt er, „wird auch schwierig werden…“
„Wieso“, will ich jetzt wissen.
„Keine Fingerabdrücke!“
„Häh?“, macht Elsa, „hat die nicht jeder, also automatisch, sozusagen von Geburt an? Dachte ich.“. Dabei schaut sie sich kritisch ihre Finger an, und ist froh, Fingerabdrucklinien zu finden.
Das mit den abben Fingerabdrücken war mir neu, das hatte uns niemand gesagt.
„Was ist das denn für eine Scheiße?“, fragt Mari intern, „Wieso hatte der keine Fingerabdrücke? Dann war der aber eine große Nummer in der Firma.“
Die anderen bekommen von unseren internen Gesprächen natürlich nichts mit. Wir reden ja auch nicht miteinander, also nicht im herkömmlichen Sinne, wir denken lautlos miteinander.
„Hab´ ich ja gesagt“, murrt Rudi, „ich hätte locker aus dem rausbekommen, wer er war…“.
„Wahrscheinlich ein Kollege“, vermute ich, „auch ein Auftragskiller, ein Abtrünniger vielleicht?“.
„Oder einer, den sie loswerden wollten, weil er eine ganz große Nummer umgebracht hatte? Einer, der zu viel wusste?“, schlägt Mari vor.
„Oder ein Großdealer, oberste Ebene, die lassen sich schon mal die Fingerkuppen verätzen, damit man sie nicht identifizieren kann“, vermutet Rudi. Dann geht es draußen schon weiter.
„Doch, natürlich“, stimmt Henning Elsa zu (unsere internen Gedanken bekommt er ja nicht mit), „klar, jeder hat Fingerabdrücke, aber vielleicht haben sie sie dem weggemacht, weil er in einem von diesen Zeugenschutzprogrammen war, von denen man hört? Auch, wo der doch im Dezember auf dem Campingplatz gewohnt hat – das macht doch keiner bei normalem Verstand, oder? Bei der lausigen Kälte? Das macht doch nur einer, für den es verdammt eng wird, glaube ich. Könnte doch sein, oder? Da werde ich ja auch nicht informiert, das ist alles viel zu geheim für unsereiner… Einer, der in einem Prozess aussagen sollte, weil er ´was oder zuviel wusste von irgendwelchen Geschäften? Waffen vielleicht, oder so? Ich sag´ nur Griechenland, da sollen sie doch Panzer gegen Schmiergeld geliefert haben, habe ich gelesen. Vielleicht, wahrscheinlich sogar“, flüstert Henning, „Junge, junge, man… Und das hier bei uns. Naja, die MaK in Friedrichsort hat ja auch Leos gebaut. Das ist ja man gerade quer über die Förde…“
Laut sage ich: „Da ist der Killer denn mit ´nem Hafendampfer von der MaK rüber gekommen, um den umzulegen? Das ist nicht dein Ernst, Henning, oder? Bauen die da eigentlich noch Panzer?“
Leise sage ich zu den beiden anderen in unserem Kopf: „Man, ist Henning doch nicht so doof, wie er immer tut? Zeugenschutzprogramm, das könnte hinhauen… Aber das wäre gar nicht gut, wisst ihr, wenn der eine große Nummer in einem Prozess werden sollte, dann bleibt das nicht mehr lange Klein-Henning sein Fall, dann kommen sehr bald die großen Jungs vom Bundeskriminalamt oder sogar die vom BND.“
„Na und“, denkt Mari, „es gibt keinen Hinweis auf uns! Gut, dass du Rudi da nicht rangelassen hast.“
„Was soll das heißen?“, fragt ein wütender Rudi.
„Das heißt, dass du eventuell, natürlich ohne es zu wollen, Spuren hinterlassen hättest… Blut und so, ausgerissene Fingernägel vielleicht, was weiß ich denn, was du mit dem angestellt hättest…“.
„Ich…“, brülldenkt Rudi, „warum soll ausgerechnet ich Spuren hinterlassen, du blöde Kuh? Ausgerecht du! Du mit deinen auffälligen Klamotten und mit der Messerarbeit, du hinterlässt nichts, oder?“
„Ruhe“, mahne ich, „ich will das mitbekommen.“
„Keine Ahnung, ob der mit ´nem Hafendampfer gekommen ist, das muss ich prüfen… Aber am Tatort gibt es jedenfalls keine Spuren“, sagte Henning gerade, als ich wieder zuhören konnte, „gar nichts, da am Strand kann es ja nichts geben, ist ja alles nur Sand… War gar nicht dumm, den da umzunieten. Und dann hat es ja auch ziemlich geweht in der Nacht, selbst wenn es Spuren gegeben hätte, würde meine Spusi nichts mehr finden, alles weggeweht, weißt du.“
„Das ist ja komisch“, stimmt Elsa zu, „wirklich gar nichts?“
„Nee, sach ich doch: Nichts! Sag´ mal, gibt dein Zapfhahn noch ein Bier her oder ist der schon wieder trocken?“. Henning winkt Elsa mit dem leeren Glas zu.
„Eines geht schon noch, oder zwei… Hier, das erste.“. Henning greift zu wie ein Ertrinkender.
„Ja, von hinten erschossen…“
„Von hinten? Das ist ja ganz blöd…“, gibt Elsa zu bedenken.
„Wieso blöd? Aus Sicht des Toten ist es doch egal, ob von hinten oder von vorne erschossen, tot ist tot. Toter geht ja nicht. Und irgendwie, also, wenn mich mal einer…, also, erschießen sollte, Gott bewahre, aber wenn doch, denn hätte ich das auch lieber von hinten, als in den Lauf der Pistole blicken zu müssen, aus der gleich die Kugel kommen wird, die mich… erledigt, also, glaube ich…“, meint Henning an seinem xten Bier nuckelnd.
„Ja, aber ist denn nicht das letzte Bild, das man im Leben gesehen hat, auf der Netzhaut…, so, naja, geradezu eingebrannt? Kann man das denn nicht wieder sichtbar machen? Ich habe da mal einen Roman gelesen, da konnten die das, weißt du, geradezu an die Wand projizieren.“
„Papperlapapp, Elsa“, wischt Henning den Hinweis weg, „Gerüchte, alles Gerüchte, sage ich dir. Das geht nicht. Gar nicht. Also das sagen zumindest die von der Spusi, das ist unsere CSI, ich habe die das nämlich auch schon mal gefragt. Geht nicht, haben die gesagt, das Auge sei ja schließlich kein Fernseher… Und selbst wenn doch, dann hätten sie den Stecker für die Bildübertragung noch nicht gefunden, also, bis jetzt…, haben die gesagt! Aber das wäre schon richtig geil, wenn das ginge, nich´?“
„Würden das dann nicht die Mörder beachten und nur noch von hinten kommen?“, gibt Mari laut zu bedenken.
„Genau, Jens“, stimmt Henning zu, „der Mörder an sich ist ja auch nicht blöd, nicht wahr, also zumindest manche nicht, und erst recht nicht der echte Profi! Und wenn das mit den Augen ginge, dann würden ja alle von hinten ermordet werden!“
„Es sei denn, da wäre ein Spiegel, in dem der Tote seinen Mörder sieht, also der gleich darauf Tote, meine ich“, wendet Elsa ein.
„Aber nur wenn sich das Spiegelbild auch einbrennt…“, sagt Mari, „nur denn…“
„Warum sollte sich das Bild im Spiegel nicht auf der Netzhaut einbrennen?“, will Elsa wissen.
Ich zucke die Schultern. „Keine Ahnung“, läßt Mari uns sagen, „auf jeden Fall wäre es aber spiegelverkehrt…, da hätte uns´ Henning schon wieder ein Problem.“
„Mari“, weise ich sie intern zurecht, „nun hör auf mit dem Scheiß, lass den Henning.“
„…aber mit Photoshop könnte man es kontern!“, ist das Letzte, was Mari laut von sich gibt, bevor sie intern vor Lachen fast platzt.
„Klar, das könnte man“, meint Henning nachdenklich, „genau, gute Idee, Jens, aber uns fehlt ja der Stecker, aber so eine gemoppste Photoshop-Version hätte ich ja noch zuhause. Da ist mal ein Container mit Software aus China vom LKW gefallen, wisst ihr, war ganz einfach und dann auch recht günstig zu haben…“
„Aber unser Mörder kam ja von hinten und am Strand gibt es ja auch keinen Spiegel. Also: Unbekannter Toter, von hinten erschossen von einem unbekannten Profi, der vielleicht mit dem Hafendampfer gekommen ist“, fasst Elsa Hennings Erkenntnisse zusammen, „einer ohne Fingerabdrücke, also auch ein Profi, mindestens vermutlich, oder?“
„Genau“, stimmt Henning zu, „da waren zwei Profis unter sich und nur einer hat überlebt.Fast wie im Western… Aber wisst ihr was?“. Dabei schaut Henning triumphierend in die Runde.
Wir (Elsa, Mari, Rudi und ich) schauen ihn gespannt an ob dessen, was da von ihm kommen soll.
„Was denn?“, fragt Elsa.
„Was denn?“, fragen wir.
„Seit gestern ist kein Bus gefahren, die Hafendampfer fahren ja nur bis Laboe, da muss einer ganz schön laufen, viel zu weit bei dem Schietwetter, glaube ich, die Eisenbahn fährt nur in der Saison und die Straße nach Preetz ist wegen Bauarbeiten gesperrt.
„Ja, und?“, will Elsa wissen, die prophylaktisch – und wahrscheinlich im Unterbewusstsein – noch ein Bier für Henning zapft, „Was heißt das? Dass die vom BKA nicht herkommen können?“
„Das auch. Aber viel wichtiger: No way out, Elsa, no way out! Locked Room, nennt man das. Der Mörder kann nicht weg!“, flüstert Henning, „der ist noch hier! Muss er sein!“. Er schaut sich triumphierend um.
„Naja“, denke ich, „er könnte schon – zu Fuß am Strand längs in Richtung Laboe, trotz Wetter, oder mit dem Fahrrad in jede Richtung.“. Wir sagen aber nichts.
„Von uns aus´m Dorf war es garantiert keiner. Da ist kein Profi dabei. Höchstens beim Fördergelder aus Brüssel abgreifen, aber das ist ja normal. Und dabei wird ja auch nicht geschossen. Geschossen wird hier nur beim Wildern, oder? Daraus folgt: Der einzige Fremde hier, muss es gewesen sein. Und wer ist zur Zeit der einzige Fremde im Dorf? Ist da einer?“, fragt Henning. „Elsa, wie viele Gäste hast du im Moment?“
„Nur einen, ist ja keine Saison, und wer kommt schon außerhalb der Saison, wenn er keinen Grund hat, oder?“
„Genau“, lächelt Henning jetzt gemein, „wer kommt schon ohne Grund…? Außer er hat einen Grund, einen Auftrag, einen Mordauftrag! Du, Elsa, wo ist denn dein einziger Gast?“
„Oh Gott“, schlägt Elsa sich die Hand vor den Mund, aber nicht, weil sie einen Mörder beherbergt: „Der hat ja Bratkartoffeln mit drei Spiegeleiern bestellt“, sagt sie aufgeregt, „die habe ich ja ganz vergessen. Der arme Kerl verhungert mir ja! Weil ihr aber auch immer über solche Sachen redet, da kommt unserein ja gar nicht weg, in die Küche, meine ich.“
Und dem einzigen weiteren Gast im Gastraum ruft sie zu: „Mein Gott, sie Armer, vor lauter Geplauder mit den Jungs hier habe ich ihr Essen vergessen, ich beeile mich jetzt aber ganz doll… Kommt gleich.“
„Brauchst du nicht mehr, Elsalein, der Mann wird ab sofort auf Staatskosten verköstigt…“, sagt Henning betont lässig. Damit erhebt sich Henning und geht leicht schwankend auf den Fremden zu und verhaftet ihn mit ziemlicher Schlagseite wegen Mord. „Aber hett noch Tied“, sagt er, „erst einmal mach mir noch´n Bier, Elsa!“
So löppt dat hier bie uns im Dörp, klaro? Henning hett allens bestens im Griff.
Haukes Alter
Nach dem dritten Bier mit Doppelkorn schimpfte Hauke auf „den Alten“, der den Hof „auf den Tod" nicht übergeben wollte, wo Hauke doch inzwischen schon 35 war und seit 5 Jahren mit seiner Frau Gabi „den Hof schmiss“, während „der Alte“ sein ganzes Geld „zu den Huren in Kiel“ trug.
Nach dem vierten Gedeck (kleines Bier mit Korn) schwieg er wütend und nach dem fünften begann er, wüste Drohungen gegen den Alten auszusprechen…
Nach dem sechsten ging ich dazwischen und sagte: „Hauke, nun halt´ mal lieber den Mund, red´ dich hier man nicht um Kopf und Kragen, denn wenn einer dich hier jetzt ernst nehmen würde, würdest du echt Probleme kriegen, weißt du…“
„Ach watt, seid ja bloß ihr da…, is´ ja sonst keiner da“.
„Ihr“ – das waren Elsa, die gerade die nächste Runde zapfte, Henning, unser Kriminaler, Carsten und ich. Carsten zählte aber nicht wirklich voll mit, denn der war nicht ganz richtig in der Birne. Nicht dass, er gefährlich wäre, nee, das nun gar nicht, er war einfach nur schlicht in der Birne. Die Schule hatte er mit 14 in der fünften Klasse beendet, das sagt ja alles. Aber ansonsten ist Carsten ein lieber Kerl. Auf dem Trecker ist er ein echtes As, da macht ihm keiner ´was vor. Ich bezweifelte, dass Carsten die Bedeutung von Haukes Tiraden auch nur ansatzweise begriffen hatte.
Henning war da ein anderer Fall. Auch er war keine Leuchte vor dem Herrn, ganz gewiss nicht, aber er war auch nicht doof, so mittlerer bis oberer Durchschnitt. Immerhin hatte es für ihn zur Kriminalpolizei gereicht. Bei ihm musste man schon vorsichtig sein. Er hatte garantiert genau hingehört. Er hatte jedenfalls so geguckt. Deshalb hatte ich Hauke ja auch hinauskomplementiert.
„Ich zahl nachher“, rief ich Elsa zu, als ich Hauke am Kanthaken aus dem Schankraum führte, „ich komm nachher noch mal wieder.“
„Schon gut“, nickte sie, „ich stell dir dein Bier warm…“
Als wir wohl an die zwanzig Meter weit schweigend gegangen waren, sagte Hauke plötzlich: „Du, Jens, eines Tages…, wirklich, eines Tages hau ich den Alten um, ganz bestimmt, ich sach´ das ja nich´ nur so, is´ doch keine Art nich´, was der mit mir und Gabi da aufführt, vor allem mit die Gabi…“
Ich erwiderte nichts.
„Und weißt du, was der jetzt vor hat, Jens?“
„Nee?“
Hauke ging ein paar ausgeprägte Schlenker, dann hatte ich ihn wieder eingefangen.
„Weißt du was der will, das alte Schwein, ich meine, der ist ja schon über 70…“
„Nee, hab´ ich doch schon gesacht, was denn nun, Hauke?“
„Der will sich ´ne Braut aus Polen kommen lassen und sie gleich heiraten…“
„Ehrlich?“, fragte ich verblüfft, „Aus Polen? Das sagt der doch nur so, oder?“
„Nee, nee“, Haukes Aussprache war inzwischen ziemlich undeutlich geworden, der Sauerstoff tat zusammen mit dem Alkohol seine Wirkung, „das hat der ernsthaft vor…, Jens, glaub´ mir man, der hat sich sogar einen Katalog mit polnischen Bräuten kommen lassen… Echt scharfe Dinger, sag´ ich dir, so´was kriegst du hier bei uns gaaanich zu sehen, ehrlich, also, nicht auf´m Land…“.
Hauke musste eine Pause machen, um sich zu übergeben. Er hatte wohl schon vorgeglüht, bevor er zu Elsa gekommen war.
„Du, der will die Braut heiraten, wirklich, und ihr gleich einen Haufen Kinder machen, alle auf einmal – mit über Siebzig!“. Das letzte brüllte er. „Und dann will er mich enterben. Hat er gesagt. Du kriegst nicht mal ´nen Pflicht, du nicht, du Nulpe, hat er gesagt, von wegen grobem Undank, hat er gesagt, das Schwein. Und wer macht inzwischen den Hof? Gabi und ich. Er ist doch dauernd im Puff in Kiel. Anfassen tut der auf´m Hof nichts mehr, nur im Puff, da grabscht der nach den Mädchen. Das ist doch krank inne Birne, oder? Der hat sich doch garantiert die Birne weichgefickt mit irgend so´ner Geschlechtskrankheit. Das gibt´s doch?“, fragte er mich plötzlich erstaunlich klar, „Vielleicht in Thailand, da war er ja auch schon…“
„Ehrlich?“, wollte ich wissen.
„Ja. So ein Schwein“, sagte Hauke, „bei die ganz jungen Dingers, da bleibt nix anderes, Jens, ich hau den weg… Muss ich ja tun. Schon wegen Gabi.“
„Tja“, sagte ich, „Grund genug hättest du ja wahrscheinlich… Das Dumme ist nur, jeder weiß jetzt, dass zwischen euch ordentlich Knies ist, Hauke, und denn noch deine Ankündigung vorhin bei Elsa, wo Henning doch zugehört hat. Keine gute Idee, Hauke, das ist man keine so gute Idee…“
„Wieso?“, wollte Hauke wissen, „Was meinst du denn, wie viele Höfe so den Besitzer gewechselt haben. Einige! Weiß doch jeder. Ich denke da nur an…“
Er kam nicht weiter, denn ein neuer saurer Schwall wollte ihn durch den Mund verlassen und tat es auch. Hauke wischte sich den Mund mit dem Ärmel seiner Arbeitsjacke ab. "Bäh", sagte er und schüttelte sich, „muss langsam nach Hause zu Gabi, muss mich hinhauen, glaube ich, war wohl doch ein Bierchen zu viel.“
„Keine Ahnung“, erwiderte ich und meinte die Hofwechsel, wir waren ja noch nicht lange wieder im Dorf „aber wenn, denn haben die garantiert nicht drüber geredet… Nicht so wie du.“
„Meinst du?“, fragte Hauke, „aber da war doch eben fast keiner…“
„Doch, Henning und Elsa. Carsten kannst du vergessen. Aber Elsa ist ein Plappermaul, da ist das gleich rum, was du da in deinem Suff von dir gegeben hast, und Henning ist gefährlich, der war sogar fast noch nüchtern! Dem können wir nicht einmal einreden, dass er schon blau gewesen ist. Folge dem Geld, heißt es bei der Polizei. In fast 90% der Fälle geht es bei Mord um Geld oder um Beziehungen, da haben die Bullen die Täter gleich.“
„Ja, bei Mord, vielleicht, aber ich will den ja nicht ermorden, ich will den ja nur weghauen, nich´ gleich so richtig ermorden, dassis doch ´nen Unterschied, oder, Jens? Und unser Henning, der alte Suffkopp, der soll was mitkriegen? Der is´ doch doof, man“, warf Hauke ungläubig ein.
„Jo“, sagte ich, „auch wenn uns´ Henning nicht der Schlauste ist, du kannst das nicht machen, dich haben sie gleich, höchstens eine Woche geb´ ich dir. Wie wolltest du das denn machen?“, wollte ich wissen.
„Ach was“, sagte Hauke mit einer wegwerfenden Handbewegung, die ihn fast zu Fall gebracht hätte, „das geht schnell, ein- bis dreimal mit dem Trecker ´rüber über den Alten… Oder ´ne Forke durch die Brust oder ´ne Ladung Mist zufällig auf ihn geschüttet, bis der ersticken tut. Oder er fällt oben von´ne Scheune… Von mir aus auch ´nen Schrot in die Brust. Nix Kompliziertes…, nee, kein richtigen Mord, einfach nur weghauen eben, nix Hinterhältiges.“
„Hauke", sagte ich, „nun hör mal ganz genau zu. Du bist doch fast schon wieder nüchtern, oder? Du verstehst mich doch?“
„Fast“, rülpste Hauke, „nich´ ganz, aber fast…“
„Na gut, also, wenn du das machst, oder deine Gabi, denn haben sie euch gleich: Ihr seid die einzigen, die einen Vorteil vom Tod von deinem Alten haben. Das dauert keine Woche, oder höchstens zwei, aber nur, wenn Henning ermittelt, denn sitzt einer von euch beiden oder ihr beide schon im Knast. Für Mord gibt es 15 Jahre. Getrennte Zellen. Bis dahin ist euer Hof unter Unkraut verschwunden. Und Gabis Möpse sind dann auch nicht mehr das… Klaro?“. Das von den Möpsen leuchtete ihm am meisten ein, die mochte er, darauf wollte er nicht verzichten.
„Klar. Meinst du wirklich? 15 Jahre nich´ an die Möpse? Das wär´ Scheiße.“
„Gar nicht Scheiße, Hauke, es gibt immer Optionen…“
Hauke schaute jetzt sehr interessiert und ziemlich nüchtern.
„Optionen? Das sind doch Möglichkeiten, oder?“, wollte er wissen, „Welche denn?“
„Tja, du willst den Alten wirklich weg haben, oder?“
„Hab ich doch gesagt. Arschloch, das... Weg, nichts wie weg! Total!“
„Dann lass´ es jemand anders machen.“
„Jemand anners? Wen denn? Einer aus´m Dorf? Du spinnst, da kann ich ja man gleich zu Henning gehen. Oder so´n Killer? Wie im Fernsehen bei Tatort? Soll ich da irgendwo anrufen: Killerverleih, oder so? Soll ich denn sagen: Hört mal, ich brauch´ einen, der meinen Alten wegpustet?“. Er machte eine Pause, schaute mich an: "Bist du jetzt total durchgeknallt, Jens, oder was? Oder hab´ ich da ´was verpasst in meinem Tran?"
Wo er Recht hatte, hatte er Recht, er war definitiv wieder nüchtern.
Da meldete Mari sich in meinem Kopf: „Jens“, hörte ich sie, „ich mach das, ich habe da eine Idee.“
„Ich auch“, warf Rudi ein, „im Puff in Kiel. Zwei Kugeln… Und vorher darf ich ihn ein bisschen quälen, ja?“.
„Später“, mahnte ich zur Ruhe, „das entscheiden wir später."
„Nö" sagte ich zu Hauke, "viel einfacher, ich mach´ das für dich. Kostet natürlich ein büschen, aber nicht viel im Vergleich zu dem, was du gewinnst. Und wenn ich das mach´, kriegen sie dich auch garantiert nicht, keinesfalls. Du bist raus.“
„Du, Jens? Wieso du? Warum?“
„Einfach so…"
„Einfach so? Einfach so mal einen umbringen? Als Freundschaftsdienst? Man, du hast sie ja nicht alle, Jens. Ich mein´, ich bin ja noch´n büschen blau, aber du bist ja wohl voll durchgeknallt…“
„Nee, nicht einfach so, schon gegen Geld!“
„Wie viel?"
„Für dich, weil du das bist, Hauke, sagen wir einmal für 25.000 Euro.“
„Das is´ aber verdammt viel Geld!“
„Vergleich es mit dem, was du bekommst: Einen eigenen Hof, Ruhe. Und der Alte ist doch dod. Da ist das nichts, nada!“
„Trotzdem, das habe ich nicht flüssig!“
„Macht nichts, besorg´ es dir, wird schon gehen.“. Ich machte eine kurze Pause, bevor ich fortfuhr: „Von mir aus, Hauke, nur unter uns beiden, mein letztes Wort: 20.000 Euro. Aber bar auf die Kralle. Wenn du es zusammen hast.“
„Du meinst es ernst?", fragte Hauke vorsichtig, „du würdest das wirklich machen...“
„Einhundert pro!“
„Ehrlich?“
„Jawoll.“
Hauke hielt mir seine Treckerjoystick-gestählte Pranke hin: „Hand drauf“, sagte er und ich schlug ein.
„Ich komm schon allein nach Hause, Jens“, meinte er offenbar schon wieder total nüchtern, „geh du man wieder zu Elsa… Ach so, wann kannst du es machen?“
„Mal sehen“, sagte ich, „muss ich mal bereden…“
„Bereden?“, fragte er lauernd, „Mit wem denn?“
„Nichts", antwortete ich, „verstehst du sowieso nicht, vergiss es, war nur „dumm´ Tüch“, nur mit mir selber, Hauke, nur mit mir, aber vorher müssen wir dich und Gabi aus der Schusslinie bringen, verstehst du, ihr müsst weg sein.“
„Verstehe“, nickte er, „von wegen…“, er dachte nach, „ Alibi, oder?“
„Genau!“
„Da ist irgendwann eine Treckerschau von John Deere in Husum, glaube ich, da könnten Gabi und ich hinfahren, dauert zwei Tage.“
„Perfekt“, stimmte ich zu, „das passt, na, tschüss denn.“
„Ja, man tschüss, nich´, mach´s gut, Jens, oller Killer!“
„Du auch. Und halt´ die Schnauze!““
Auf dem Weg zurück zu Elsa denkfragte ich intern stumm: „Irgendwelche Ideen?“
Sofort denkantwortete Rudi: „Is´ doch klar, wenn der wieder in ´nen Puff geht, kriegt der da im Hof ´ne Kugel in die Birne und eine ins Herz, wie immer! Denkt jeder, das war ein Zuhälter.“
„Ach nö“, denkwarf Mari ein, „nicht schon wieder puff, puff und weg, das wird ja langweilig…“
„Ist aber erfolgreich, schnell, sauber und relativ gefahrlos… da haben wir viel Erfolg mit gehabt“, gab ich Rudi recht.
„Ich könnte es auch mal wieder mit dem Messer machen, so wie damals in…“
„Wissen wir, Rudi“, unterbrach ihn Mari, „vergiss nicht, wir waren dabei, man, war das eine Sauerei, überall Blut, ich habe mich noch tagelang geschrubbt, eklig, ehrlich! Nicht noch mal...“
„Hat aber Spaß gemacht“, denkmeinte Rudi wieder einmal beleidigt, wie meistens, wenn Mari ihm widersprach. Ich fühlte mich veranlasst, zwischen den beiden ausgleichend zu wirken. So auch jetzt: „Ja, die Messerarbeit war damals angebracht, Rudi, da hast du Recht, auch die tiefen Schnitte und so, das war ja auch ein Zeichen, das wir setzen sollten. Auftragsarbeit. Genau so wollte der Auftraggeber das haben. Inklusive der Sauerei. Insofern war das wirklich gute Arbeit, Rudi, aber ´ne Schweinerei war es trotzdem, da gebe ich Mari Recht. Gut, dass damals keiner auf uns gekommen ist, bei den vielen Spuren… Das hätte eng werden können, das musst du zugeben, Rudi!“
Rudi war wieder einigermaßen in der Spur, das spürte ich. Wir sind uns ja viel näher als andere Menschen, bei denen immer nur einer drin steckte. Das ist, glaube ich, verständlich.
„Und wie würdest du das machen wollen“, denkfragte ein einigermaßen beruhigter Rudi, „ich meine sauber und clean…?“
„
