Pharmageddon - Klaus Bock - E-Book

Pharmageddon E-Book

Klaus Bock

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Beschreibung

1968 verlieren sich 6 enge Schulfreunde in den ersten Studiensemestern aus den Augen. 1980 treffen sich zwei in einem pharmazeutischen Unternehmen wieder und sind an einem großem Schwindel beteiligt: Das Unternehmen erfindet mittels einer innovativen Software auf sog. Vax-Computern (das war damals das non-plus-Ultra) Patienten, die angeblich im Rahmen von klinischen Studien behandelt wurden. 2012 erpressen die letzten lebenden Beteiligten am Betrug den Pharmakonzern. Für den Konzern steht buchstäblich die Existenz auf dem Spiel. Die Erpresser werden von professionellen Killern gnadenlos gejagt. Die alten Jugendfreundschaften kommen bis zum überraschenden Ende wieder zum Tragen. Eine Geschichte von Freundschaftt. Eine Geschichte eines cleveren Betruges. Eine Geschichte einer gnadenlosen Jagd. WEine Geschichte mit einem gewaltigen Ende. Spannung, atmosphärische Dichte einer ungewöhnlichen Story, Insiderwissen und mitreissende Dialoge machen diese Kriminalgeschichte aus.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 574

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Klaus Bock

Pharmageddon

Simsalasin. Ein medizinisches Präparat gezaubert aus der Vax. Ein Pharma-Thriller

 

 

 

Dieses eBook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Prolog

1967. Zur Erinnerung

Kiel und Schwentine

Juni 1968

1988. Zur Erinnerung

Die Firma

GPF GmbH

GPF GmbH

München

GPF GmbH

GPF GmbH

GPF GmbH

GPF

GPF GmbH. Im Chefrestaurant

Birmingham

Bei MicroMed

GPF GmbH

München

Die Journalistin

Freising

GPF GmbH

Cayman Islands

2012. Zur Erinnerung

Der Brief

Kiel

Kiel

Westküste

Löptin

Usedom

Burgdorf

Hohn

Telefonat

München - Berlin

Hecker

GPF GmbH

Germering

GPF GmbH

Rom

Germering

Birmingham

GPF GmbH

Im ICE

Astas Artikel

Löptin

GPGF GmbH

Nein

Berlin

Pressekonferenz

Redaktionelle Recherche

Berlin Hauptbahnhof

Berlin - Hannover - Hamburg

Verloren

Berlin - Usedom

Telefonat

Telefonat

Prenzlau

Anruf bei Asta

Asta ruft an

Entscheidung

Hohn

Kiel

München

Redaktion Frankfurter

Artikel in der Frankfurter

Ja

Traueranzeige

Prüfung

Geld

Am Deich

Hotel achter´n Diek

Husum

Auf dem Deich

Einkauf

Bei GPF

Kein Entsatz

Hotel achter´n Diek

Löptin

Berlin

Epilog

Anhang

Danke!

Impressum

Vorwort

Bei diesem Roman handelt es sich natürlich um eine weitestgehend frei erfundene Geschichte, die im Zeitraum von 1967 bis 2014 spielt – das ist fast ein Menschenleben, vor allem, wenn es zum Ende hin zu Mord & Totschlag kommt!

Eine Geschichte von mehreren Arbeitsleben in und um die Pharmaindustrie, die von sehr viel ehrlicher Arbeit handelt, aber auch von Tricksereien und großem Betrug, und die mit Mord & Totschlag noch nicht einmal endet.

Unseres Wissens hat der im Roman beschriebene Betrug mit der hier geschilderten „rückwärts rechnenden Software“ so nie stattgefunden; andererseits ist die Idee für Insider so naheliegend, dass es die Autoren nicht wirklich wundern würde, wenn doch …

Beachten Sie bitte die Erläuterung von Fachbegriffen am Ende des Buches!

Prolog

Landschaft, Stadt und Himmel waren grau. Die Stadt war klein, das Hotel schäbig, das Zimmer billig. Sein Bett machte man selber. Kein Angestellter kümmerte sich um die Gäste, kein Gast kümmerte sich um einen anderen. Außerdem waren kaum Gäste da.

Das Frühstück stand morgens einfach da, benutztes Geschirr ließ man stehen. Sein Bier holte man am Automaten. Der Empfang war nicht besetzt – wenn es Gesprächsbedarf gab, rief man eine auf einem Zettel handschriftlich vermerkte Nummer an. Die Besitzerin kam dann langsam aus dem Nachbarhaus herübergeschlurft. Das dauerte lange und unfreundlich war sie auch.

Das einzige Fenster im Zimmer ging zum Hof, der mehr ein großer Lichtschacht als ein kleiner Hof war. Das Licht, das am Nachmittag noch so eben ins Zimmer gefallen war, hatte keinen Schluss darauf zugelassen, ob die Sonne geschienen hatte oder nicht.

Dem Mann war es egal gewesen. Er hatte sein Zimmer in den letzten Tagen nur verlassen, um gemeinsam mit seinem Partner die Opfer zu finden und zu überwachen. Jetzt waren sie, war er, vor allem, bereit.

Er hatte den Nachmittag auf dem Bett gelegen und geraucht. Rauchen verboten? Hier nicht, hier kümmerte es niemanden. Er hatte versucht, nicht einzuschlafen. Denn im Schlaf wären die Träume gekommen … Was sie in Shindand und Farah erlebt hatten, wollte ihn seitdem nicht mehr loslassen. Immer wenn er schlief kamen die quälenden Albträume.

Jetzt saß der Mann auf seinem Bett, einen Stuhl gab es nicht. Auf den Knien hielt er ein Gewehr mit einem ungewöhnlich langem Lauf. Einer der Kyrillisch lesen konnte, hätte den Herstellernamen ???????? als Dragunov entschlüsselt. Das Gewehr war ein Scharfschützengewehr.

Der Mann hatte Lauf und die Hochleistungs-Zieloptik gereinigt, das Magazin mit Patronen gefüllt.

Bei den Patronen handelte es sich um Munition mit besonders hoher Treibladung. Die benötigte er, weil die Schüsse vielleicht über 1000 Meter gehen würden. 1000 Meter waren kein Problem für einen Scharfschützen wie ihn.

Er schaute noch einmal durch das Zielfernrohr. Alles klar. Dann schraubte er den Schalldämpfer wieder ab, nahm die teure Optik aus der Halterung und legte alles sorgfältig in den Gewehrkoffer.

Er nahm die Pistole in die Hand. Es handelte sich um eine alte Walther PP. Er brauchte diesen modernen Kram von Glock, Beretta oder Heckler & Koch nicht. Er vertraute seit Jahrzehnten seiner Walther.

Er legte den Sicherungshebel um, betätigte die Entriegelung des Magazins und entfernte es aus dem Griff. Er zog den Schlitten nach hinten, die Patrone, die sich im Lauf befunden hatte, fiel ihm in die Hand.

Er füllte die zwei fehlenden Patronen in das Magazin - eine so oft vorgenommene Abfolge von Handgriffen, dass er sie gar nicht mehr wahr nahm! Er schob das Magazin wieder in seine Halterung. Mit einem kurzen Schlag mit dem Handballen auf das untere Ende rastete es ein. Er steckte die Walther in die Hosentasche. Das war einer der Vorteile dieser alten Waffe: Sie war klein und verschwand unauffällig in jeder Jacken- oder Hosentasche.

Der Mann stellte den Gewehrkoffer auf den Boden und legte sich wieder auf das Bett. Die Schuhe behielt er an.

Er war entspannt. Warum auch nicht? Was nach Afghanistan gewesen war, interessierte ihn nicht. Er hatte heute Nacht nur einen Job zu erledigen, wenn es gut ging, vielleicht auch zwei. Das war für ihn kein Grund, nervös zu werden. Er hatte in seinem Leben schon so viele Jobs erledigt …

Er war gut darin, Jobs zu erledigen, verdammt gut. Normalerweise schoss er mit einer Pistole zweimal, um das Zielobjekt zu erledigen: Einmal in die Brust und einmal in den Kopf.Er konnte sich nicht erinnern, einmal einen dritten Schuss gebraucht zu haben, um einen Menschen zu töten.

Wenn ihn jemand gefragt hätte, wie viele Jobs er schon erledigt hätte, hätte er nur mit den Schultern gezuckt. Es gab keinen Grund, sich das merken!

Mann? Frau? Kind? Egal.

Einer? Zwei? Viele? Egal.

Es war immer nur ein Job! Ein gut bezahlter Job noch dazu.

Heute Nacht würde das Hauptzielobjekt eine Frau sein. Wenn er sich Gedanken um sie gemacht hätte, wäre sie schon tot - sie wusste es nur noch nicht. Und wenn er sie in den Kopf getroffen hatte, würde sie nicht mehr denken können, um es zu merken, denn das Projektil würde vom Gehirn der Frau höchstens den Rest einer grauen Masse übrig lassen, einen Rest ohne Gedanken. Es war nur ein Job!

1967. Zur Erinnerung

6-Tage Krieg zwischen Israel und Ägypten

Besuch des Schahs von Persien in Deutschland – es gab einen Toten: Benno Ohnesorg

Erste konzertierte Aktion zur Überwindung der Wirtschaftskrise unter Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller

Che Guevara wird am 9. Oktober erschossen

Vietnam-Krieg: 2.000ster Abschuss eines US-Flugzeugs über der Demokratischen Republik Vietnam

Schweden führt den Rechtsverkehr ein

Start des Farbfernsehens in der BRD

Kiesinger war Bundeskanzler, Heinrich Lübke Bundespräsident

Eintracht Braunschweig wird deutscher Fußballmeister

Erste Herztransplantation an einem Menschen in Südafrika von Christiaan Barnard

Sören, Thorben und die anderen aus der UIa der Kieler Hebbelschule absolvieren erfolgreich das Vorabitur

Kiel und Schwentine

15. Juni. Am Morgen stachen zwei schwer beladene Vierer bei bestem Ruderwetter vom Steg der Schülerrudervereine der Kieler Gymnasien, nun ja, nicht gerade in See, das zu behaupten wäre zu deutlich übertrieben, aber sie legten ab und ruderten langsam mit langen leichten Schlägen, in denen nicht viel Kraft lag, schräg über das ruhige Wasser des Kieler Hafens in Richtung Schwentine-Mündung.

Ein Boot war ein eleganter Renn-Doppelvierer, in ihm saßen fünf mehr oder weniger aufgeregte Mädchen der Ricarda Huch Schule, vier Ruderinnen und eine Steuerfrau, alle sehr sportlich und so um die sechzehn Jahre alt. Von vorne nach hinten waren das Regina, Meike und Susanne. Am Schlag saß Asta und gab die niedrige Schlagzahl an, man war schließlich nicht bei einer Regatta unterwegs. In dem Fall hätten die Mädchen ganz anders, mit viel mehr Kraft aus Beinen und Armen und mit einer viel höheren Schlagfrequenz richtig reingehauen, um das schlanke Boot sehr viel schneller voran zu treiben – denn rudern, das konnten die vier. Sie hatten in Regatten auf der Hörn (das ist das untere Stück der Kieler Förde) schon Vereinsboote geschlagen.

Asta, der Schlag“mann“, würde Jahre später einmal deutsche Meisterin im Frauenrudern werden und sogar eine Olympiamedaille erobern, aber das wusste zu dem Zeitpunkt noch niemand.

Als Steuerfrau hatten sie „Muck“ dabei. Rotschopf Muck war etwas kleiner als die übrigen Mädchen und für ihre Sechzehn ziemlich proper gebaut. Ihre kurzen „Hebel“ – sprich Bein- und Armlängen – verhinderten, dass sie je eine erfolgreichere Ruderin werden würde.

Sie ruderte trotzdem gerne und vor allem sehr elegant nur so zum Spaß, war fast immer gut gelaunt, lachte auch gerne und viel, hatte lockige kurze Haare und überall viele niedliche Sommersprossen, der Name „Muck“ war also passend.

Das mit Mucks niedlichen Sommersprossen „überall“ wusste Sören ziemlich genau, er hatte sogar begonnen, ein fotografisches Verzeichnis der Sommersprossen anzulegen – aus rein wissenschaftlichen Gründen, natürlich. Muck fand das irgendwie süß und ließ ihn machen... Und dass die große, schlanke Asta verdammt gute Muskeln hatte, wusste wiederum Thorben ganz genau. Sören und Thorben saßen in dem anderen Boot.

Regina war der schlanke blonde und eher kühle Typ, den die Jungs im anderen Boot – die von Mädchen oder Frauen noch nicht viel oder besser gar nichts verstanden – aber für einen schlafenden Vulkan hielten, der, einmal ausgebrochen, nur von einem von ihnen zu löschen war. Sie waren sogar davon überzeugt, dass nur einer von ihnen diesen weiblichen Vulkan zum Ausbrechen bringen könnte… Was natürlich der pure Unsinn war. Aber das wussten die Jungens noch nicht, denn wir schreiben das Jahr 1967.

Meike und Susanne waren groß, kräftig und breitschultrig, hatten also eher echte Ruderinnen-Figuren, nach ihnen drehten sich kaum Jungs um. Kein Wunder, dass sie neben dem Schülerruderverein der Ricarda Huch-Schule im EKRC trainierten und ruderten. Aber sie würden nie Medaillen errudern. Davon träumten sie nur.

Dieses andere Boot, das so einhundert Meter hinter dem schlanken Boot fuhr, war ein breit gebautes Wanderboot, ein Riemenvierer, der für langsames Rudern mit Gepäck gebaut war.

In dem ruderten fünf wegen der Mädchen aufgeregte Jungs von der Hebbelschule, der Oberrealschule für Jungen in der oberen Feldstraße in Kiel, im Alter von von siebzehn oder achtzehn Jahren.

Hebbelschule und Ricarda Huch Schule waren so etwas wie inoffizielle Partnerschulen. An der Ricarda Huch gab es nur Mädchen, an der Hebbelschule dagegen nur Jungen. Co-Education wurde später an der Hebbelschule zwar eingeführt – aber bald wieder verworfen.

Für Klassenfeste bediente „man“ sich ab eines gewissen Alters jeweils bei der anderen Schule. Irgendwie mussten die Jungen und Mädchen ja das andere Geschlecht erkunden. Man kannte sich also...

Wolfram machte sich Hoffnungen auf die kühle Regina, der große und sehr breit gebaute „Muskelprotz“ Ernst hatte ein Auge auf die ebenfalls kräftige Meike geworfen. Wolf-Dieter und „Susi“ waren die Einzigen in der Truppe, die nicht irgendwie miteinander verbandelt waren.

Aufgeregt waren alle, weil es das erste Mal war, dass die Mannschaften der beiden Schulen zu einem Ausflug mit Übernachtung im Zelt verabredet waren. 1967 war so etwas auch mit sechzehn und achtzehn Jahren keineswegs selbstverständlich und in der Geschichte der Schulen bis dato einmalig.

Natürlich wussten die Eltern und Lehrer nur die Hälfte – nämlich die, dass es einen Bootsausflug geben würde. Von einem Begleitboot, dazu noch einem andersgeschlechtlich besetzten, war weder an der Ricarda Huch noch an der Hebbelschule die Rede gewesen.

Wobei an beiden Schulen eine gewisse freche Schlitzohrigkeit – natürlich in Maßen – ohne Weiteres gerne gesehen wurde, es gehörte an beiden Schulen in diesen späten sechziger Jahren zum pädagogischen Prinzip, dass die Schüler ausgesprochen „selbstständig“ dachten und handelten.

Also hätten die verantwortlichen Sportlehrer – wären sie beim Ablegen anwesend gewesen – wahrscheinlich schmunzelnd zur Seite geschaut und so getan, als ob sie von einem zweiten Boot nichts sähen. Aber so früh am Morgen war kein mahnender Lehrer anwesend gewesen. Die älteren Schüler unter den Mitgliedern der Schülerrudervereine hatten Schlüssel für die Bootshäuser und konnten sich jederzeit Boote nehmen. Man musste sich, das Fahrtziel und die vorgesehene Rückkehrzeit nur in ein dickes Buch eintragen. Ein Ausflug oder ein Training auf der Kieler Förde, damals wegen des Kiel Kanals immerhin eine der meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt, erforderte sowieso viel Verantwortungsbewusstsein bei den jungen Ruderern, was war da schon ein „gemischter“ Ausflug auf der ruhigen Schwentine…

Nach einer halben Stunde waren beide Boote am Schwentinefall angekommen. Hier endet die Schwentine in einem kleinen Wasserfall von vielleicht zwei Metern Höhe, um hinab in den Kieler Hafen zu fallen. Eine Schlepp- und Tragestelle erlaubt kleinen Booten den Übergang vom Hafen- auf das Flussniveau und umgekehrt.

An dem kleinen Steg herrschte großes Hallo, denn erst jetzt wagten es „die Paare“, Sören und Muck und Thorben und Asta sich richtig zu begrüßen, also zu küssen.

Wolfram versuchte es bei Regina, aber damals war das Wangen-Küsschen zur Begrüßung in Norddeutschland noch nicht angekommen. Regina drehte sich also scheu (nur ein wenig und nicht zu sehr) von Wolframs suchendem spitzen Mund weg. Im Wegdrehen achtete sie allerdings sehr darauf, dass ihr kleiner Busen Wolfram am Arm berührte. Der war wie elektrisiert, sie tat selbstverständlich so, als habe sie nichts bemerkt.

Die Jungens waren natürlich Gentlemen, sie halfen den Mädchen beim Entladen ihres Bootes (vor allem die Zelte waren schwer) und trugen das Boot hoch über ihren Köpfen unter lautem Gekicher und vielen frechen Bemerkungen und Wassergespritze der Mädchen den kurzen Weg hinauf, bis sie es ins Wasser der Schwentine setzen konnten.

Anschließend schleppten die Jungen ihr sehr viel schwereres Boot den ihnen jetzt viel länger und steiler erscheinenden Weg schnaufend und keuchend hoch – die Mädchen schauten nicht mehr zu...

Die Burschen schafften es natürlich trotzdem, setzten ihr Boot in das Wasser der Schwentine, holten müde ihr Gepäck vom unteren Steg – dann brauchten sie eine Pause. Natürlich waren sie nach ein paar Minuten wieder „fit wie ein Turnschuh“. In dem Alter hatten sie Kraft ohne Ende! Beim Handballtraining bei Holstein Kiel standen Sören und Thorben erst das durchaus anspruchsvolle Training der Junioren durch – nur, um anschließend noch bei den „Männern“ mitzumachen, und denen beim zweitausend Meter Lauf die Show zu stehlen.

Die Mädchen saßen schon wieder in ihrem Boot, ließen sich vom Steg albern lachend abstoßen, rollten in ihren Rollsitzen vor, dann gab Muck das Kommando und Asta und die anderen machten rhythmisch die ersten Ruderschläge.

Muck rief den Jungens noch winkend zu: „Ihr könnt uns ja einholen… spätestens an der Raisdorfer Mühle.“ Das war nämlich die nächste Tragestelle einige Kilometer flussaufwärts.

„Wenn ihr es schafft, uns vor der Mühle einzuholen, gibt es eine Belohnung!“. Sie ließ offen, welche. Als die Jungen zehn Minuten später ebenfalls ablegten, stellten die sich nur noch vor, was das wohl sein könnte und kamen nur auf das, was die Mädchen keinesfalls gemeint hatten! Deshalb legten sie sich ordentlich ins Zeug. Jungens in dem Alter können sich sehr „ins Zeug legen“, wenn sie sich etwas – was wohl? – einbilden...

Natürlich holten sie die Mädchen ein, und natürlich lachten die nur und versprachen dann wieder „etwas“ für den Abend, was sie wieder nicht genauer definierten. Und die Jungen dachten wieder nur „das eine“... (an was die Mädchen keinesfalls dachten, weil Mädchen in dem Alter zwar neugierig, aber ganz anders gestrickt waren als Jungen).

Gegen siebzehn Uhr und diverse Mückenstiche später lag die Mühle weit hinter ihnen und sie suchten die Ufer nach einem Platz ab, an dem sie die Zelte aufschlagen konnten, in denen die Burschen ihre Belohnungen erwarteten.

Am Nachmittag war es schwül geworden, der Himmel hatte sich langsam mit dicken Wolken bedeckt und in den letzten fünfzehn Minuten ziemlich schnell total zugezogen, dicke, immer dunklere Wolkenberge türmten sich steil auf, es sah nach einem ordentlichen Sommergewitter aus.

Die Boote lagen ohne Fahrt dicht nebeneinander im hier relativ breiten Fluss. Die Wasser der Schwentine flossen hier sehr langsam, weshalb auch die Boote nur kaum merklich trieben. „Es wird langsam Zeit, glaube ich“, sagte Muck in Richtung des Jungenbootes und deutete in den Himmel, „da scheint ein Gewitter zu kommen. Und Blitze auf dem Wasser … – das finde ich gar nicht gut!“. Laut Lehrplan hatten sie in Physik gerade Faraday und seinen Drachen abgehandelt.

„Da drüben“, meinte Thorben daraufhin, „da drüben ist eine Wiese, da wo die Lücke im Schilf ist, ist eine gute Stelle, da sind so etwas wie ein paar Meter Strand, da können wir anlegen. Und da ist ein Haus, da können wir fragen, ob wir über Nacht zelten dürfen!“

Es waren wohl zwanzig Schläge, bis sie die von Thorben erspähte Stelle erreicht hatten. Wolfram sprang aus dem Boot in das kaum mehr als knietiefe Wasser und zog beide Boote ans Ufer.

Dabei warf er Regina vielversprechende Blicke zu, die die Blonde aus ihren blauen Augen eher kühl aber offenbar nicht völlig uninteressiert erwiderte. „Immerhin“, dachte Wolfram, „sie erwidert meine Blicke, und wie, die steht auf mich.“

„Immerhin,“ dachte Regina, „er bemerkt, dass ich nun Bubikopf trage“ und zupfte die Haarsträhne über dem rechten Auge weiter ins Gesicht.

Als alle aus den Booten ausgestiegen waren, schlug Sören vor, dass er und Muck zum Haus gehen würden, um die Erlaubnis einzuholen, auf der Wiese am Fluss zelten zu dürfen, während die anderen ja schon einmal anfangen könnten, die Zelte aufzubauen. Der Blick nach oben zum Himmel zeigte, dass es inzwischen eilte.

Die beiden marschierten händchenhaltend flott los, um das vielleicht zweihundert Meter entfernte Haus auf der Anhöhe zu erreichen. Nach noch nicht einmal fünfzig Schritten fielen die ersten Tropfen, die sie veranlassten, einander loszulassen und zu rennen – und dann öffneten sich urplötzlich alle Schleusen des Himmels; das Wasser schien aus allen Richtungen zu kommen. So ähnlich musste ein indischer Monsunregen sein, den sie gerade im Geografieunterricht erörtert hatten.

Eine flott aussehende Bäuerin erwartete sie unter einem Scheunentor, das sie wegen des aufziehenden Gewitters gerade verschlossen hatte.

„Na, ihr beiden, ihr seid ja nass wie ersoffene Kätzchen, wo kümmt ji denn her?“, fragte sie freundlich.

„Von unten, von der Schwentine“, sagte Sören, „wir wollten fragen, ob wir unten am Fluss bei den Eichen zelten dürfen – nur für eine Nacht? Wir sind mit dem Ruderboot auf der Schwentine unterwegs. Wir machen auch nichts kaputt.“

„Und wo kümmt ji her?“

„Aus Kiel.“

„Ut Kiel? Und ihr wüllt zelten? Unten an der Schwentine? Bei den Eichen? Ja, seid ihr denn noch zu retten? Kennt ihr denn nicht den Spruch bei Gewitter: „Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du weichen“? Naja, typisch Städter, keine Ahnung nicht von der Natur…, dass ich nicht lache, da schwemmt euch der Regen ja weg wie nix… und gefährlich ist es auch, wegen der Blitze. Da unten schlägt es gerne ein... in die Eichen.“

„Ehrlich?“, fragte Muck und schaute sich ängstlich nach ihren Freundinnen um.

„Wie viele seid ihr denn?“, fragte die Bäuerin Muck, „Mädels sünn ook dobie?“

„Wir sind zehn, fünf Jungens und fünf Mädchen…“

„Bie dem Wetter holt euch ja der Dübel da unten, dat is´ doch keen Wetter zum Zelten, nich´.“

„Naja, was sollen wir sonst machen?“, fragte Sören, „wir sind ja nun einmal da, nicht? Das halten wir schon aus, den Regen, meine ich, der ist ja warm. Und der wird ja auch mal wieder aufhören, nicht?“

„Na, ich weiß nich´,“ sagte die Bäuerin, die vielleicht so um die Vierzig war und sehr adrett und nett aussah, skeptisch. Sie erinnerte Sören ein wenig an Mucks Mutter, die ihm auch so gut gefiel.

„Wisst ihr was, Kinners, holt man eure Plünnen, ich habe zwei große Fremdenzimmer… Ein paar müssen eben auf Luftmatratzen schlafen… Ihr habt doch welche?“

Muck nickte.

„Is´ immer noch besser, als da unten auf der Wiese mit Wasser von oben und von unten zu übernachten. Bei dem Mistwetter steigt die Schwentine ganz schnell ganz schön an. Is´ jedenfalls trocken hier und ihr holt euch nicht den Tod!“

„Danke“, sagten Sören und Muck wie aus einem Mund.

„Aber eines sage ich euch, keen Swinkram nich´, in eurem Alter“, sie taxierte die jünger als sie war aussehende Muck, „´n büschen Schmusen, von mir aus, aber mehr is´ nich´… is dat klor!“

„Ja“, sagte Sören, „völlig klar!“, und dachte bei sich, „Scheiße, so ein Mist…“, denn er hatte ganz andere Pläne mit Muck gehabt – endlich alle Sommersprossen zählen zum Beispiel, wobei die Betonung auf „alle“ lag. Und Thorben sicher auch mit Asta, das wusste er von Thorben. Die beiden waren sich völlig einig gewesen, das die Mädchen „das“ auch wollten.

Sören lief durch den pladdernden Regen zurück zu den anderen, zwischendurch rutsche er auf dem nassen Gras aus – von oben bis unten dreckig erreichte er die anderen, die genauso pudelnass wie er unter einer großen Eiche am Fluss auf ihn warteten. Am Himmel zuckten Blitze, alle schauten ängstlich drein, in den Booten stand das Wasser mehr als handhoch, das Gepäck war durchnässt, die Zelte waren noch kein Stück aufgebaut.

„Wir können bei denen übernachten“, rief Sören ins Unwetter, „scheint ´ne nette Bäuerin zu sein! Und eine Hübsche...“

„Gott sei Dank“, antwortete Asta, „übrigens, lass das lieber nicht deine Muck hören, von wegen „hübsche Bäuerin“, Thorben pack die Sachen. Wir gehen ins Hotel.“

„Ja“, sagte Sören und lud sich sein und Mucks Gepäck auf, „aber kein Doppelzimmer für euch allein, die Bäuerin hat gesagt, dass da nix gefummelt werden darf oder so, oder nur ein bisschen, aber nicht mehr… und Männer und Frauen kriegen getrennte Zimmer!“

Wieso, wusste keiner zu sagen, aber irgendwie war die Stimmung nach dieser Ankündigung plötzlich viel entspannter. Die Zelte ließen sie unter den Eichen liegen. Bei dem Wetter würde niemand kommen, um sie zu stehlen, das war klar.

„Aber den Rum dürfen wir doch wohl trinken?“, fragte Wolfram, der eine Flasche Pott dabei hatte „oder ist deine Bäuerin auch antialkoholisch?“

„Aus medizinischen Gründen“, ergänzte Asta, „wegen der Kälte und dem Regen. Und dann geht es in die Heia. Alleine, sagt sie.“

Als sie pitschenass bis auf die Haut und verfroren mit ihrem durchnässten Gepäck oben ankamen, sahen sie aus wie eine ganze Horde ins Wasser gefallener junger Katzen, die von einer mitleidigen Seele gerade vorm Ertrinken gerettet worden waren.

Lächelnd wurden sie von der Bäuerin empfangen: „Na, denn erst einmal in die heiße Wanne“, rief sie, „ihr seid ja pudelnass. Erst die Mädchen, dann die Jungs – schön brav nacheinander! Handtücher habe ich hingelegt. Immer zwei müssen sich eines teilen, ich habe nicht so viele. Und Hunger habt ihr sicherlich auch, oder?“

Da waren es die Jungen, die heftig nickten.

„Mit dem Ruderboot seid ihr gekommen? Von Kiel? Da müsst ihr ja ganz verhungert sein…“. Das stimmte, denn die von den Müttern geschmierten mitgebrachten Brote waren entweder längst vertilgt oder völlig nass und nicht mehr zu genießen.

Nach dem heißen Bad versammelten sich nach und nach alle in der Küche, und es gab erst eine heiße Milch für jeden (je nach Geschmack mit oder ohne Kakao – von Rum war keine Rede!), anschließend eine große Schüssel Rühreier und dann Schinken- und Käsebrote. Und Cola! „Weil, Bier gibt es nur für Erwachsene“, sagte die Gastgeberin, die offenbar großen Spaß an der inzwischen wieder frohgemuten Sippe hatte. Es war richtig gemütlich in der bäuerlichen Küche. Aus einer Ecke dudelte Radio Luxemburg. Bei „Poor Boy“ mit den Lords sangen alle, inklusive Gastgeberin, die erste Strophe laut mit:

„When I was born you know

I couldn't speak "I'll go"

My mother worked each day

and she learned me to say.

Mother and father and son…“

Und dann kam von Wencke

Beiß nicht gleich in jeden Apfel, 

er könnte sauer sein, 

denn auf rote Apfelbäckchen 

fällt man leicht herein.

Bei den nächsten beiden Zeilen sangen die Mädchen besonders laut:

„Küß nicht jedes schöne Mädchen, 

das kann gefährlich sein …“

Dabei wollten sie sich gemeinsam weglachen.

„Hören sie öfter Radio Luxemburg?“, wollte Ernst wissen, dem inzwischen auch langsam aufgefallen war, wie adrett die Bäuerin aussah – eigentlich gar nicht nach einer vom Lande geschweige, denn nach einer Bäuerin.

„Na klar“, sagte die, „für wie altmodern hältst du mich denn?“

„Warum sind sie so nett zu uns?“, fragte Thorben die Bäuerin sehr direkt, denn vom Bauern hatte noch keiner etwas zu sehen bekommen. Vielleicht hoffte Thorben insgeheim darauf, dass die hübsche Bäuerin ihn für ein sehr spezielles Dankeschön mitnehmen würde. Er wäre jedenfalls bereit gewesen, seiner „Mrs. Robinson“ alles zu geben, was die verlangen würde. Nur verlangte die nichts.

„Thorben!“, zischte Asta, die die Frage etwas zu direkt fand.

„Ach was“, winkte die Bäuerin lachend ab, „das will ich dir sagen: Weil mein Sohn, er ist in eurem Alter, im Schüleraustausch in Amerika ist, und er hat mir geschrieben, dass dort alle unglaublich nett zu ihm sind.“

„Da geben sie jetzt ein wenig zurück?“, fragte Muck.

„So in etwa…“, antwortete die Bäuerin, als die Tür aufging und der Bauer, er musste es sein, nass, dreckig und schimpfend herein kam. Er war offenbar auch vom Unwetter überrascht worden.

„Was ist hier denn los?“, fragte er seine Frau gar nicht unfreundlich, als er die Küche voller intensiv kauender junger Leute sah.

„Die sind mit dem Ruderboot von Kiel gekommen und ich habe sie quasi wie nasse Katzen aus der Schwentine geangelt“, lachte die, „ich konnte sie doch schlecht absaufen lassen, oder?“

„Nee, wohl kaum“, sagte der Bauer, „aber es wird mindestens die ganze Nacht regnen, glaube ich, auch wenn sich das Gewitter ausgedonnert hat. Wir haben doch nur zwei Zimmer?“

„Ach, das geht wunderbar“, sagte Asta, „in dem einen Zimmer wir…“. Sie deutete auf die Mädchen, „und im anderen die“, und damit zeigte sie auf die Jungen.

„Na, wenn das man gut gehen tut“, meinte der Bauer und blickte etwas finster, „nicht, dass da heute Nacht auf dem Flur die Hölle los ist... dann fliegt ihr gleich wieder raus, das sage ich euch!“

„Ist ja schon gut, Hinnerk“, beruhigte ihn seine Frau, „ist schon alles geklärt. Die Regeln sind klar. Wieso bist du denn so nass?“, fragte sie ihn dann endlich.

„Der Trecker is´ mal wieder kaputt“, stöhnte er, „ausgerechnet…“

„Was ist denn?“, fragte Thorben neugierig.

„Keine Ahnung, irgendetwas mit dem Motor, „wird scheißteuer, die Reparatur… ausgerechnet jetzt, Schietkram!“

„Vielleicht können wir helfen?“, fragte Wolfram vorsichtig, „weil, sein Vater hier“, und er zeigte auf Thorben, „hat eine Autowerkstatt, da basteln wir ab und zu … Das Meiste kriegen wir schon hin.“

Der Bauer schaute die Jungs skeptisch an. Dann seufzte er und sagte schließlich: „Von mir aus probiert es, mehr als kaputt machen könnt ihr das alte Ding ja nicht, ist ´n alter, das Scheißding steht im Hof…, Werkzeug ist in der Scheune, da müsst ihr ihn reinschieben – viel Spaß! Ich muss zu den Tieren.“. Damit war er verschwunden. Im Radio lief jetzt „Puppet On A String“ und dann „Dear Mrs. Applebee“, wozu die Mädchen summten.

Alle mussten nun schieben helfen und mit viel „Hau-Ruck“ hatten sie den Trecker endlich in der Scheune. Nicht nur wegen des Regens hatten sie alle nur Badehosen und Badeanzüge an, die meisten Klamotten hatte die Bäuerin zum Trocknen auf der Leine in der Scheune aufgehängt.

Weil die Jungen die halbe Nacht damit verbrachten, den Trecker wieder in Gang zu kriegen, sahen sich die Mädchen abgemeldet. Wie gesagt, es waren andere Zeiten damals… als die Reize von durchaus hübschen Mädchen mit denen eines kaputten Treckers wetteifern mussten – und unterlagen.

Was nichts machte, fanden die, denn Regina hatte den schwarzen Eyeliner in ihrem Rucksack mitgeschmuggelt und übte unter dem scharfen Blick der übrigen, wie man Twiggyaugen malte, die auf beiden Seiten gleich aussahen und das war schwierig, das wussten alle.

Irgendwann in der Nacht kamen die gelangweilten Mädchen (in Jeans, außer Muck, die im Flower-Power-Kleid steckte) aus ihrem Zimmer und halfen beim Trecker bis sie genauso ölverschmiert waren wie die Jungs. Ab und zu wurde in einer versteckten Ecke der Scheune ein wenig geschmust, aber kein „Swinkram“…

Sie hatten ein altes Radio in der Scheune gefunden. Thorben hatte ein wenig daran herumgefummelt, an ein oder zwei Röhren gewackelt und jetzt lief es wieder. Sie hatten die Wahl zwischen den einzigen beiden Sendern, die für sie in Frage kamen, nämlich Radio Caroline und Radio Such. Die sendeten von umgebauten Fischdampfern, die außerhalb der Drei Meilen Zone vor der englischen Küste lagen, auf Mittelwelle Rock- und Beat-Musik. Sie hatten sich für Radio Caroline entschieden. Da der Sender immer wieder wegfadete, mussten sie ihn ab und zu wieder einfangen, bis das magische Auge des alten Radios wieder glühte. Caroline spielte die neuesten Rock- und Beat-Songs und irgendwann brüllten alle im Chor

„My bonnie is over the ocean

my bonnie is over the sea

My bonnie is over the ocean

Oh, bring back my Bonnie to me

Bring back, bring back

oh, bring back my bonnie to me, to me

Bring back, bring back

oh, bring back my Bonnie to me”

Als Radio Caroline noch „Under my Thumb“, „Bus Stop“, „Last Train to Clarksville“, „My Generation, „San Francisco“ und „Yellow Submarine“ spielte, tanzten sie ausdauernd zu den schnellen Stücken und schmusten genauso ausdauernd zu den langsamen. Asta und Muck mit ihren Jungs etwas mehr (je langsamer, je lieber), Regina zunehmend intensiv mit Wolfram.

So gegen Mitternacht hatten die Hormone die technische Neugierde überstimmt. Irgendwann verschwanden Wolfram und Regina länger in einer dunklen Ecke der Scheune. Als sie wieder zu den anderen kamen, hatte Wolfram rote Backen und grinste wie ein Honigkuchenpferd über alle vier Backen.

Gegen ein Uhr morgens – es lief gerade der aktuelle Hit der Stones „Let`s Spend the Night Together“ und die Jungens blickten ihre Mädchen auffordernd (aber erfolglos) an – erschien Hinnerk im gestreiften Pyjama in der Scheune. Er blickte erstaunt auf das Radio: „Habt ihr das alte Ding wieder zum Laufen gekriegt…? Das steht hier schon Jahre stumm rum.“

„War´n Klacks“, antwortete Thorben, der Naturwissenschaftler und Techniker unter ihnen, lässig.

„Na, prima“, sagte Hinnerk und drehte gleichzeitig dem Radio mit der Bemerkung „Schluss jetzt mit dem Lärm, die Tiere müssen schlafen…“ den Saft ab und scheuchte sie aus der Scheune und in die Betten.

„Und nix da mit „together“ “, rief er ihnen noch lachend nach, bevor er das Licht ausschaltete.

„Was´n los?“, fragte Ernst, dem das immer noch dümmliche Gegrinse von Wolfram langsam auf den Wecker ging, ihn endlich „hast du sie etwa…?“

Wolfram hatte es mit seinem Grinsen auf genau diese Frage angelegt. Die Wangenmuskeln taten ihm schon weh. „Na, aber hallo“, lächelte Wolfram jetzt weltmännisch, "aber so ´was von …“

„Hast du sie …? Ich meine, hast du etwa mit ihr geschlafen?“, fragte Wolf-Dieter.

„Da kannst du aber einen drauf lassen“, gab Wolfram an.

„Und?“, wollte Ernst wissen, „wie war sie?“

„Ich sage dir, die Frau ist so etwas von rattenscharf, das glaubt ihr nicht. Das Heisseste seit Erfindung des Ferrari.“

„So heiß?“

„Aua“, antwortete Wolfram und tat so, als ob er sich die Finger am heißen Auspuff eines Ferrari verbrannt hätte, „ich sage dir: Noch heißer! Viel heißer…“

„Habt ihr auch französisch… ich meine…“

Wolfram war sich nicht ganz im Klaren, was „französisch“ in diesem Zusammenhang bedeutete. „Na klar, was glaubst du denn? Das gehört doch wohl dazu, oder? Dreimal hab´ ich´s ihr besorgt. Die ist so ´was von abgegangen. Habt ihr ihre Schreie nicht gehört?“

Nein, das hatte niemand – „Wohl wegen eurer lauten Musik“, vermutete Wolfram.

Regina erzählte die Geschichte im Mädchenzimmer etwas anders.

„Du hast doch mit dem nicht etwa geschlafen?“, wollte Muck wissen.

„Naja, fast, ich hätte es ja gerne mal probiert…, zuhause ist ja immer meine große Schwester da. Die ist so etwas von blöd! Die passt besser auf mich auf als die Alten. Das war die Chance …“, gab Regina zu.

„Und wie war´s?“, wollte Asta wissen, „ist der groß und richtig dick? Da… Du weißt schon… Ich meine Muskeln hat der Typ ja schon…!“

„Der hat doch keine Muskeln … da. Sag mal, hast du in Bio nicht aufgepasst? Und der ist doch nicht dick, ich meine, der Typ!“, verteidigte Regina ihre Eroberung und dann lachte sie, „naja schon… ein bisschen… geschwollen, vielleicht!“

„Wie groß ist das nun? Mehr als ein ganz dicker Regenwurm?“, wollte die neugierige und völlig unerfahrene Meike wissen.

„Naja, ganz normal… glaube ich“, gab Regina zu, „schon mehr als ein Regenwurm, selbst mehr als ein gaaanz fetter dicker… sooo genau weiß ich das jetzt auch nicht.“

Meike schüttelte sich vor Ekel – Regenwürmer mochte sie nun gar nicht.

„Hast du ihn … äh, richtig geküsst? Ich glaube, das macht man so, überall, oder?“ fragte albern kichernd Susi.

„Ach wo, bin ich gar nicht zu gekommen, nee, hätte ich auch nicht gewollt, glaube ich.“

„Und wieso hast du dann nicht mit ihm geschlafen?“, fragte jetzt wieder Muck.

„Naja, der ist ja … ich weiß auch nicht…, da hatte der jedenfalls noch die Hose an. Und dann ging nichts mehr…, irgendwie.“

Allen war klar, dann ging nichts mehr!

„Aber ihr haltet den Mund, ja, versprochen?“

Sie schworen heilige Eide, dass sie nichts und niemandem etwas von Reginas Beinahe-Abenteuer erzählen würden.

Trotz aller Bemühungen in der Scheune wollte der Trecker auch am nächsten Mittag noch nicht anspringen, weshalb Thorben seinen Vater anrief. Der schimpfte zwar erst, nicht viel – und kam dann die fünfundzwanzig Kilometer von Kiel herüber gefahren und erledigte die Reparatur im Nullkommanichts.

Dass da auch Mädchen herumlungerten, kommentierte er nicht und Thorben war ihm sehr dankbar dafür, dass er nichts sagte.

Sein Vater wollte der Bäuerin die Unterkunft der Bande bezahlen, aber Hinnerk, der Bauer lehnte ab: „Nix da“, sagte der stattdessen, „was kriegst du für die Reparatur?“.

„Nix da“, lachte Thorbens alter Herr, „danke, dass ihr die Kinder aufgenommen und vor dem Ertrinken gerettet habt.“

„Ach, da nicht für… die sind nett, wirklich, und aufgepasst haben wir auch wie die Bessenbinder, dass da nix passiert ist, außer viel von dieser lauten Musik und ein büschen Schmusekram war da nix...“

Am nächsten Tag ruderten zwei gut gelaunte gemischte Mannschaften wieder in Richtung Kiel.

Die Mannschaften waren jetzt durcheinander gewürfelt. Klar, sie mussten sich etwas umstellen vom Riemen- auf Doppelvierer und anders herum. Aber nachdem sie ein paar Krebse gefangen und deshalb schmerzhaft die Riemenenden der hinter ihnen auf den Rollsitzenden Rudernden in den Rücken bekommen hatten, ging es ganz gut. Das Boot mit Asta auf dem Schlag und Muck, Thorben und Sören an den Riemen brauchte viel länger als das andere, weil eine bunt blühende Wiese mit einigen Büschen zwischenzeitlich einlud.

Da die Sonne schien und es nach dem Gewitter endlich wieder richtig warm war, hatten sie alle nicht viel an, die Decken waren schnell hinter den Büschen ausgebreitet (eine leichte Restfeuchte des Grases störte nicht wirklich)…

Über die nächste halbe Stunde wurde später über Generationen von jederlei blutsaugendem Stechgetier auf der Wiese – von der Mücke bis zur Pferdebremse – als das Große Fressen oder auch das Unendliche Gemetzel berichtet.

Die Wiese wurde von den Stechflüglerinnen (nur die stechen) zum Heiligen Gral an der Schwentine erklärt. Jahre später haben Bremsenmütter und -omas ihren Töchtern und Enkelinnen noch von dem Blutrausch berichtet…

Dabei lief es eigentlich ganz gut an bei unseren Paaren – bis Muck sich urplötzlich mit einem Schrei aus Sören neugierigen Fingern, die sich auf der Suche nach der allerletzten unerkannten Sommersprosse befanden, befreite, zum Fluss rannte und wild um sich schlagend hineinsprang. Sören schaute erst genau so dämlich wie Asta und Thorben, dann bemerkten auch sie die unglaublichen Schwellungen, die die Blutmahlzeiten der unersättlichen Viecher an ihren Körpern hinterlassen hatten und hüpften ebenfalls keuchend ins kühlende Nass der Schwentine.

Panikartige Flucht war ein zu schwaches Wort für das, was sie veranstalteten. Weg – nur weg hier, hieß es. Dabei waren sie doch alle vier zum Letzten bereit gewesen, doch wieder waren die Umstände dagegen. Jetzt wollten alle – verschwollen, wie sie waren – nur noch eines: Heim! Wohl vorher nicht und danach nie wieder ist auf der Schwentine so schnell gerudert worden.

Als Thorben wieder zuhause war, sagte niemand ein Wort über den gemischten Ausflug, nicht einmal sein kleiner Bruder, der sonst nie den Mund halten konnte. Wahrscheinlich war es das reine Mitleid mit dem total zerstochenen Thorben. Nur einmal, als sie alleine waren, nahm ihn sein Vater zur Seite und fragte: „Sag mal, Thorben, ihr seid schon vorsichtig, oder? Nicht, dass du mir mit einem Kind ankommst… Dafür seid ihr noch viel zu jung, beide, du und die Muck!“

Thorben winkte ab. „Ach was“, sagte er, „da ging sowieso nichts… schon wegen der Bremsen…“. Und nach einer Weile sagte er enttäuscht: „Obwohl, weißt du, die anderen aus meiner Klasse sagen alle, sie hätten schon einmal mit einem Mädchen geschlafen…“

„Und du nicht?“

Thorben schüttelte traurig den Kopf. „Nö“, sagte er, „das ist irgendwie blöd …“

Der Vater lächelte seinen Sohn an und machte etwas, was er sonst sehr selten tat: Er wischte oder streichelte ihm kurz liebevoll über den Kopf. „Weißt du was, Thorben?“, sagte der Vater immer noch lächelnd und machte eine kurze Pause, um Thorben direkt anzuschauen, „denn sag´ das doch auch.“

Thorben folgte dem Rat – die darin liegende große Weisheit begriff er allerdings erst Jahre später.

Juni 1968

Im Juni machten Thorben, Sören, Ernst und Wolfram ihr Abitur an der Hebbelschule. Sie waren die vier, die ohne Sitzenbleiben durchgekommen waren. Achtundvierzig Schüler waren sie in der Sexta gewesen, nur noch zwölf in der Oberprima. Die Auswahl war hart gewesen.

Zwei Jahre später gingen die Mädchen aus dem Vierer ins Abitur an der Ricarda Huch-Schule. Bei ihnen war das Verhältnis mit 45 zu 12 ähnlich brutal gewesen.

Das waren die Jahre lange vor „Pisa“, da kam es der Politik noch nicht darauf an, dass in Statistiken möglichst viele Abiturienten auftauchten; „Elite“ war noch kein Schimpfwort.

Selbst in der verschlafenen Universitätsstadt Kiel begannen in der Zeit die Achtundsechziger zu greifen. Stichwort: Studentenrevolte – Raus mit dem Muff von 1000 Jahren aus den Talaren und so.

Sören war wehrdienstmäßig „untauglich“. Warum, hatte ihm nie wirklich eingeleuchtet. Er begann noch im Wintersemester ein Biologie- und Chemie-Studium in Kiel, Thorben musste zum Bund.

Asta und Regina begannen 1970 in Kiel Germanistik und Betriebswirtschaft beziehungsweise Germanistik und Politologie zu studieren. Meike und Susanne folgten dem aktuellen Trend und nahmen Studien der Soziologie und Philosophie auf. Muck folgte ihren Interessen und studierte Ökotrophologie und Landwirtschaft.

Nur Sören und die Mädchen trafen sich regelmäßig bei Demonstrationen, zum Beispiel bei die Amis raus ausVietnam und Gegen dasAmerika-Haus, die Naturwissenschaftler waren die bravsten Studenten im Kiel der 68er Jahre; die Mädels aus den anderen Fakultäten waren politisch viel aktiver.

Aber man traf sich nach den Demos in den einschlägigen Studentenkneipen. Nach den Vordiplomen verteilten sich die Freundinnen und Freunde auf die Universitäten in ganz Deutschland und verloren den Kontakt zueinander. Erst telefonierte und schrieb man sich noch häufig, dann weniger, schließlich gar nicht mehr. Denn SMS und Email waren noch lange nicht erfunden, und unter sozialen Netzwerken verstand man bestenfalls Wohltätigkeitsvereine.

1988. Zur Erinnerung

Helmut Kohl ist Bundeskanzler, Richard von Weizsäcker Bundespräsident

Werder Bremen wird deutscher Fußballmeister, Holland wird in Deutschland Europameister, Steffi Graf gewinnt bei den US-Open. In Calgary finden die XV. Olympischen Winterspiele statt, in Seoul die XXIV. Olympischen Sommerspiele

Sowjetische Truppen ziehen aus Afghanistan ab

Erster Golfkrieg (Iran-Irak)

Amerikaner schießen irrtümlich einen iranischen Airbus ab (290 Tote)

Franz Josef Strauß stirbt

In der Nordsee verbrennt die Bohrinsel „Piper Alpha“ (167 Tote)

In München findet das erste Tollwood-Festival statt

In Angola gibt es einen Waffenstillstand mit Kuba und Südafrika

Eine PANAM Boeing 747 explodiert über Lockerbie (270 Tote)

Der erste Computerwurm, namens „Morris“ legt weltweit zehn Prozent des Netzes lahm.

Die Firma

Graham Parker Finnian Ltd. war vor dem Zweiten Weltkrieg ein unbedeutendes lokales Pharmaunternehmen im Westen Englands, außer den Apothekern zwischen Birmingham, Sheffield und Liverpool kannte es wohl niemand – oder fast niemand.

Als Fleming das Penicillin erfunden hatte, und im Zweiten Weltkrieg der Bedarf an dem neuen Wundermittel explosionsartig anstieg, hatte die Regierung händeringend Firmen gesucht, die in der Lage waren, Penicillin für die in Nordafrika und im Mittelmeer kämpfenden Truppen zur Verfügung zu stellen. Die Truppen, die während der Invasion in der Normandie kämpften, wurden bei Infektionen mit Nitrofurantoin-ähnlichen Substanzen behandelt. Es dürfte sich um den größten versuchsweisen Einsatz neuer Medikamente gehandelt haben, der in der Geschichte je stattgefunden hat. Und die Pharmaunternehmen verdienten …

Graham Parker Finnian Ltd. bekam ab 1944 bis 1945 zwar nur einen kleinen Teil des großen Kuchens ab, produzierte aber rund um die Uhr und wurde reich. Nach dem Krieg hatte man sehr, sehr viel Geld verdient. Klugerweise brachte man das Geld nicht zur Bank und investierte es auch nicht in den Kolonien, sondern in einer Liverpooler Reederei, die am nach dem Kriegsende boomenden Welthandel prächtig verdiente. Dieses Geld investierte Graham Parker Finnian Ltd. in die eigene Forschung und entwickelte einige neue pharmazeutische Produkte.

Wieder verdiente man viel Geld. Graham Parker Finnian Ltd. war dann in der Lage, einige andere mittelgroße pharmazeutische Unternehmen zu akquirieren.

Anfang der sechziger Jahre war Graham Parker Finnian Ltd. bereits zu einem nationalen Schwergewicht herangewachsen und wurde folglich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.

Da man weiterhin immer wieder Firmen zukaufte, die gute Produkte entwickelt hatten, verfügte Graham Parker Finnian Ltd. über ein sehr gutes Portfolio ertragsträchtiger Präparate.

In diesen Jahren erfolgten Zukäufe in Spanien, Italien und in der Bundesrepublik. In Deutschland wurde zuerst eine kleine Firma in Mainz gekauft. Mit ca. 100 Mitarbeitern wurden 30 Millionen Mark Umsatz generiert – nicht viel und auch nicht wenig, auf jeden Fall zu wenig, um im schnell wachsenden Markt mithalten zu können. Graham Parker Finnian Ltd. übernahm diese Firma, ersetzte den Geschäftsführer durch einen ehrgeizigen jungen Mann mit wenig Skrupel: Gotthilf Victor Frantzen. Dem wurden einige Engländer aus der Zentrale in Birmingham zugeteilt, die unauffällig aufpassten, was in Mainz passierte und die ein wenig english style in die Firma brachten. Der neue Geschäftsführer holte sich weitere junge Mitarbeiter, die er von Konkurrenten und aus der Finanzwelt abwarb. Auch diese zeichneten sich neben hervorragenden Fachkenntnissen vor allem durch Ehrgeiz aus. Ihre Aufgabe: Graham Parker Finnian GmbH erst zu einem der führenden pharmazeutischen Unternehmen zu machen und dann zur Nummer eins.

Zwanzig Jahre später hatte Gotthilf Victor Frantzen sein Zwischenziel erreicht – GPF (so hieß die Firma inzwischen griffig) war nach Hoechst und BAYER die Nummer drei in Deutschland, was den Umsatz anging. Mit Antibiotika, Antikrebsmitteln und Rheumapräparaten hatte man in drei wichtigen Indikationsbereichen die umsatzstärksten Produkte. Und die Forschungspipeline im Mutterkonzern war gut gefüllt.

Bei seinen Mitarbeitern hatte Gotthilf Victor Frantzen firmenintern inzwischen den Spitznamen Gottvater – abgeleitet aus seinem Kürzel „GottV“. Und entsprechend benahm er sich.

Steuern zahlte die GPF GmbH in Deutschland nur marginal – die anonymen Besitzer und Chefs fanden es nur dumm, die zur Genüge bestehenden Möglichkeiten nicht auszunutzen.

Die GmbH machte niemals großen Profit, dafür sorgten eine ausgeklügelte internationale Struktur und verdammt gute Steuerberater. Die GPF, als deutsche Tochter des internationalen Konzerns, war schlicht und einfach nur dafür da, einen möglichst großen finanziellen Anteil vom boomenden deutschen Gesundheitsmarkt in die Taschen der anonymen internationalen Besitzer zu schaufeln, für nichts anderes. Mit Ethik oder Humanität hatte das Geschäft rein gar nichts zu tun. Nichts. Niemand wusste, wer die Besitzer der GPF-Aktien waren. Es wurde viel gemunkelt und spekuliert, wer mit wie viel Geld beteiligt sei. Die dabei genannten Geldgeber – insbesondere eine italienische Geldquelle – hatten nicht alle einen guten Leumund. Internationale Großbanken und Fonds waren ebenfalls Großaktionäre. Alle Aktienbesitzer erwarteten Gewinne, Ausschüttungen und hohe, und vor allem steigende, Aktienkurse.

GPF machte in Deutschland Umsätze in Höhe von mehreren Hundert Millionen Mark – aber keine Gewinne. Und das ging – stark vereinfacht – so:

Ein Gramm eines Antibiotikums kostete in der Herstellung in der Fabrik in Indonesien circa 7 US Cent. Es musste nach Deutschland transportiert werden, im Hamburger Freihafen zwischengelagert werden, durch den Zoll gebracht und schließlich zur Fabrik in Nürnberg transportiert werden. Hier wurde es zu Tablette, Kapsel oder Saft verarbeitet.

Dasselbe Gramm Wirksubstanz kostete die Fabrik in Nürnberg jetzt schon 2,50 DM. Die Differenz von 93 Cent (= 1.300 %) waren „gute“ Kosten, denn für jeden einzelnen Schritt war eine eigene Firma zuständig: Die GPF Transport Ltd., die die erforderlichen Container bei der GPF Container Ltd. Mietete, und die Fracht bei der Blue Funnel Line Ltd. (sie erinnern sich an die Reederei, an der sich die GPF Ltd. beteiligt hatte) bezahlte, in Hamburg war die GPF Freihafen Logistik Ltd. für Lagerung, Verzollung und evtl. Weitertransport in andere europäische Tochterfirmen in Mailand, Madrid und Paris zuständig.

Überall fielen Premiumkosten an. Und die beteiligten Firmen waren größtenteils nicht in Deutschland registriert und steuerpflichtig, sondern in Guernsey oder in der Karibik.

Wenn das Penicillin in der Fabrik in Nürnberg ankam, kostete es also bereits 2,50 DM pro Gramm. Jetzt musste man in Nürnberg aus der Grundsubstanz die Tabletten herstellen. Also entstanden noch Verarbeitungskosten in Nürnberg: Die Verpackung und der Transport zum Großhändler waren auch nicht umsonst zu haben. Alle hatten Mitarbeiter, die ihr monatliches Gehalt auf dem Konto sehen wollten. Forschungs- und Marketingkosten müssen auch noch eingerechnet werden – und, und, und... Schließlich kostete die 1-Gramm-Tablette 3,40 DM. Ausgeliefert wurde für 3,65 DM. Da blieb für Steuern in Deutschland „leider“ nichts mehr übrig… Aber das ist ja nicht so schlimm, schließlich blieb für den Staat doch noch etwas übrig, denn wenn das Medikament über den Tresen des Apothekers ging, fiel ja noch die Mehrwertsteuer an. Also?

1983 hatte man sich in Birmingham das erste Mal in ein wirtschaftliches Abenteuer in den USA eingelassen – das ging gründlich in die Hose. Die Aktienkurse fielen ins Bodenlose. Plötzlich brauchte der Konzern Geld, viel Geld. Banken zogen sich ängstlich zurück.

Und dann geschah ein Wunder: GPF Ltd. bekam schnelles Geld aus dubiosen Quellen (die Presse munkelte von zig Millionen von der Mafia, die über die Vatikanbank geflossen seien). Den Finanzmenschen war´s egal. Bald strahlten die GPF-Sterne wieder heller denn je.

1985 zog die Firmenverwaltung in ein neues repräsentatives Domizil in München um. Inzwischen zählte sie knapp 200 Mitarbeiter in der deutschen Zentrale, und ca. 600 Außendienstmitarbeiter bewarben die Produkte bundesweit.

Die ehemaligen Mitstreiter aus Mainz hatte Gottvater nach und nach durch andere ersetzt.

Wenn Frantzen Gottvater war, waren das firmenintern die Halbgötter: Der Finanzchef Dr. Lorentz, Personalchefin Frau von Reventlow, der Leiter der internen Verwaltung, Herr Peters, Marketingchef Dr. Schmölders, der Chef der Medizinischen Abteilung, Dr. Cagliari. Direkt beim Geschäftsführer war in Person von Fräulein Gramlich eine ganz neue Abteilung installiert worden, Internal Affairs hieß sie. In anderen Firmen hieß die entsprechende Abteilung Controlling. Fräulein Gramlich war jung, aber unerbittlich, niemand mochte sie, die Produktmanager, die sie vor allem überwachte, schon einmal gar nicht. Sie war die rechte Hand Gottes, fand sie. Obwohl sie jung war, schien sie jeden Trick zu kennen, jede Finte zu ahnen. Die anderen fanden eher, dass sie eine fiese, kleine Teufelin war. Ihr war das egal, Gottvater stand ja hinter ihr.

In der obersten, der 6. Etage, des toprenovierten Firmensitzes in Münchens Leopoldstraße residierte Gottvater mit seinen wichtigsten Adlaten in eleganter Atmosphäre, mit Dr. Lorentz, Frau von Reventlow und Fräulein Gramlich.

Die anderen Halbgötter regierten eine Nummer weniger elegant, aber immer noch sehr schick, eine Etage tiefer.

Gottvater und die Halbgötter trafen sich mittags im kleinen Restaurant im sechsten Stock, das vom ehemaligen Sternekoch Jamie Roche betrieben wurde. GPF verfügte über die einzige Kantine in Deutschland, die im Gault-Millau geführt wurde. Gottvater leistete sich diese kleine Extravaganz, um den anderen Chefs in deutschen Pharmakonzernen zu zeigen, was er unter „Klasse“ verstand und was GPF sich leisten konnte.

Die Idee des Geschäftsführungs-Restaurants hatte er von einem der Basler Pharmariesen übernommen. Hier waren Gottvater und seine Halbgötter unter sich, hier konnte man offen reden, hier wurden die gemeinsten Pläne geschmiedet, wenn wieder einmal eine Firma eingegliedert werden sollte. Hier ging es sehr leise und sehr gesittet zu.

Von den Mitarbeitern der GPF-Zentrale waren die meisten noch nicht „im Himmel“ gewesen, wo Gottvater residierte. Von den über sechshundert Außendienstmitarbeitern der Firma würde es mit sehr großer Wahrscheinlichkeit niemand schaffen, dieses Stockwerk je zu betreten. Hierher konnte man sich auch nicht einmal verlaufen – das Treppenhaus war abgeschlossen und die Sicherheitstür mit einem Code gesichert, im Fahrstuhl gab es keinen Knopf mit einer Sechs, wer dahin wollte, benötigte einen speziellen Schlüssel. Und selbst die Chefsekretärinnen hatten die Nase so hoch, dass sie mit den anderen Mitarbeitern kaum je sprachen.

Wenn die Chefs aus England kamen, wurde hier das Beste vom Besten aufgetischt, was Küche und Keller hergaben. Dass GPF nicht wie Hoechst und Bayer über eigene Weinberge oder ein eigenes Gästehotel verfügten, wurmte Gottvater. Aber noch war die Erfolgsgeschichte von GPF ja nicht zu Ende geschrieben, dachte er bei sich.

Mitarbeiter aus den anderen Etagen konnten dieses kleine Chef-Restaurant nur bei zwei Ausnahmen betreten: Wenn sie von den Göttern eingeladen wurden oder wenn sie einen besonders wichtigen Gast bewirten wollten.

Einer der wenigen Mitarbeiter, die hier selten aber regelmäßig Gäste bewirten durften, war Dr. Thorben Lüderitz, ein, nein, der wichtigste Senior Clinical Research Officer von GPF Deutschland. Er war der Mann, der die wichtigen klinischen Studien betreute, der den Kontakt zu den meinungsbildenden Professoren und Universitätskliniken hielt oder aufbaute. Sein Budget war größer als das der wichtigen Produktmanager – und die konnten schon viel Geld ausgeben. Denn die beginnenden Achtziger waren das goldene Zeitalter des Pharmamarketings. Es gab keine Beschränkungen dafür, was die Firmen den Ärzten zukommen lassen durften.

Einzige Beschränkung war das Budget. So konnte es vorkommen, dass Produktmanager 3000 Stereoanlagen oder Spiegelreflexkameras bestellten und über den Außendienst an Ärzte abgaben. Die Gegenleistung bestand darin, eine wenig aufwendige Anwendungsbeobachtung eines Präparates bei 5 bis 10 Patienten durchzuführen, der entsprechende Patientenbogen war in maximal zehn Minuten pro Patient auszufüllen. Es kam nicht auf den wissenschaftlichen Gehalt an, das war Pharmafirma, Außendienstmitarbeiter und Arzt klar. Es war einfach ein für beide Seiten erfreuliches Geben und Nehmen – „Ich gebe dir die Kamera, du verschreibst „mein Zeugs“…“ – bis die nächste Firma mit einer attraktiveren Prämie kam. So war das Spiel.

Der Senior Clinical Research Officer kam nicht mit solchen „Kleinigkeiten“. Die Prüfärzte erwarteten mehr und bekamen mehr. Ein bisschen mehr „Wissenschaft“ war gefordert, vielleicht sogar etwas mehr als „ein bisschen“ – dafür war das Honorar auch höher. 1000 DM oder mehr waren da schon drin. Kein Wunder, dass der „Senior Clinical Research Officer“ ein gern gesehener Gast in den Chefetagen der Kliniken war.

Wichtige Ärzte hatten damals noch ein zweites Feld, auf dem sie „verdammt gutes Geld“ verdienen konnten: Vorträge und Publikationen.

Für den Vortrag mit dem richtigen Inhalt bekamen sie zwischen 1.500 und 3.500 DM – plus Reisespesen für zwei Personen oder auch mal mehr. Für eine Publikation ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse – und die fielen damals fast immer gut aus und wenn nicht, wurden sie unter den Tisch fallen gelassen und nicht publiziert – konnten sie ebenfalls mit 2.500 DM rechnen.

Da jeder sogenannte Meinungsbildner immer mit mehreren Firmen gleichzeitig „bandelte“, konnte dieses Nebeneinkommen deutlich über seinem „normalen“ Jahresgehalt liegen. Und Thorben Lüderitz war bei GPF der Mann, der die großen Aufträge unter die Ärzte brachte.

Aber auch er durfte seine wichtigsten Prüfärzte, die in der Regel Chef- oder zumindest Oberärzte in großen Kliniken in der Bundesrepublik oder im angrenzenden Ausland waren, als Gäste nur hierher führen, wenn er eine schriftliche Erlaubnis seines Chefs, Dr. Cagliari, vorweisen konnte.

GPF machte inzwischen Jahresumsätze von 300 Millionen DM. Das war viel, aber nicht genug. Die großen deutschen Konzerne lagen im Umsatz immer noch weit vor GPF. Das wurmte Gottvater und stellte seine englischen Chefs keinesfalls zufrieden. Sie wollten ihre Firma an der Umsatzspitze sehen. Die Mittel waren egal. Was zählte, war das Ergebnis. Frantzen hatte in den letzten Jahren eine fantastische Performance hingelegt, nicht zuletzt mit diversen Zukäufen von mittelgroßen Pharmafirmen.

Geld war nie ein Problem. Die Banken trugen GPF das Geld geradezu hinterher. Denn die Aktienkurse der englischen Mutter bewegten sich in sphärischen Höhen, sollten nach Ansicht der Großaktionäre aber immer weiter steigen – immer weiter. Shareholder-Value war das Götzenbild, dem alle hinterher hechelten. Vor allem in Birmingham, wo man vom (deutschen) Markt so weit entfernt war.

Frantzen war gut, das gab man in Birmingham intern (aber nie ihm gegenüber) zu – aber wer so gut war, konnte es noch besser, viel besser, fand man in Birmingham, dem musste man die Zielkörbe eventuell auch zweimal im Jahr höher hängen. Und Frantzen hechelte. Und erreichte die vorgegebenen Ziele mit hängender Zunge und extremem Druck auf seine Mitarbeiter. Davon konnte vor allem Marketingchef Dr. Schmölders ein Lied singen. Der gab den Druck natürlich weiter an die Gruppenleiter Marketing und die Außendienstleiter.

Ganz unten in der Hierarchie standen die Außendienstmitarbeiter, die ihre Ziele nur mit extremen Einsatz aller Mittel, vom Schmieren der Kunden bis hin zu Bitten und Betteln, erreichen konnten. Dafür bekamen sie großzügige Gehälter und Prämien, fuhren attraktive Firmenwagen und machten schöne Kongressreisen, um „ihre“ Ärzte zu betreuen. Denen oben war´s egal, wie die da unten ihre Solls schafften. Die Oberen wollten die richtigen Zahlen zum richtigen Zeitpunkt und bekamen sie in der Regel auch. Wer den Druck nicht aushielt, wer nicht schmieren wollte oder konnte, der war für den Job zu schwach, der sollte seine Brötchen, bitteschön, woanders verdienen.

Einmal im Jahr durften sich die Außendienstler in der Gegenwart von Herrn Frantzen sonnen. Der hielt dann auf der mehrtägigen Jahrestagung in luxuriösen Hotels – natürlich im Ausland – eine launige Rede, belohnte die Besten der Besten mit großzügigen Prämien, und verbat sich eventuelle Misserfolge der Mittelmäßigen und der Versager. Die noch klareren Worte musste Frau von Reventlow übernehmen, die konnte das hervorragend.

Trennungen von Mitarbeitern hatte sie kurz vor der Jahrestagung veranlasst, schließlich ist man ja kein Unmensch. Ihr Spitzname unter den Außendienstlern war übrigens „Die alte Bulldogge“, und zwar eine bissige.

GPF war inzwischen weit oben im Pharmageschäft angekommen und Umsatzsteigerungen von 20 % waren im Vergleich mit anderen zwar schon ein Spitzenwert, nur gab es andere Konzerne mit mehr Umsatz.

Also hatte man sich 1985 in Birmingham entschlossen, das bisher nicht „beackerte“ Feld der Herz-Kreislauf-Erkrankungen „aufzurollen“.

Man kaufte Patente von einer Entwicklungsfirma in Japan, denn deren Blutdrucksenker erschienen in Tierversuchen hoch wirksam zu sein. Es handelt sich um molekulare Variationen bekannter, sehr erfolgreicher Präparate, also keine kompletten Neuentwicklungen – also erschien das Risiko gering.

Ende 1987 war die erste Substanz der Japaner soweit fertig, dass die deutsche GPF genügend Tabletten erhielt, um die ersten Probandenstudien im Bereich Blutdrucksenkung beginnen zu können. Das weltweite Marktpotenzial war mit drei Milliarden. Dollar berauschend hoch. Solche Zahlen machen optimistisch und das wollte man auch keineswegs für sich behalten. Folglich wurde in Birmingham die erste Pressekonferenz für die Wirtschaftspresse abgehalten, und kurz danach stiegen die Aktienkurse signifikant. GPF Ltd. hatte seinen Hut in den Ring geworfen.

Von nun an durfte es nur noch Erfolge geben. Nur noch. Versagen war verboten.

GPF GmbH

1. Juni. Thorbens Telefon klingelte. Es war sein Chef, Dr. Cagliari, der medizinische Direktor: „Lüderitz“, sagte er, „kommen sie mal eben zu mir. Briefen sie mich auf Simsalasin. Wie ist der aktuelle Status? Ich muss nachher in den 6. Stock.“

Zehn Minuten später betrat Thorben das große Eckzimmer. Bosse der oberen Kategorie haben immer Eckzimmer.

Auf dem Tisch standen zwei Tassen und eine Kanne Kaffee.

„Kaffee? Bedienen sie sich, Lüderitz“, sagte Dr. Cagliari, „also, wo stehen wir?“

„Probandenstudien sind abgeschlossen, Pharmakokinetik weitestgehend. Und wir haben 110 komplett ausgefüllte Patientenbögen.“

„Ergebnis?“

„Etwas seltsam.“

„Das heißt?“

„Bei circa der Hälfte der Patienten eine minimale Blutdrucksenkung, bei anderen Patienten geht es bis runter in den Normbereich. Dementsprechend ist die klinische Wirksamkeit über alle Patienten betrachtet nur mäßig – keinen Deut besser als das, was wir bereits auf dem Markt haben, eher schlechter!“, bedauerte Thorben.

„Scheiße!“, schimpfte Dr. Cagliari.

„Kann man so sagen…“

„Wie sind wir im Zeitplan?“

„Besser als wir müssten – wir haben 110 Bögen und müssten laut Plan erst 95 haben.“

„Gut. Haben sie eine Idee, woran das liegen könnte?“

„An der Wirksubstanz selber, es könnte sich um ein Racemat-Problem handeln, meinte Professor Heinrich. Ein Teil der Dosis wirkt, ein Teil nicht…“

„Verstehe, wie beim Joghurt mit links- und rechtsdrehender Milchsäure. Ist das in den Griff zu bekommen?“

„Er sagte, da müssen die Chemiker noch einmal ran, sicherlich ist eine zusätzliche Reinigungsstufe erforderlich, um das linksdrehende Simsalasin rauszuholen. Die rechtsdrehende Form scheint dagegen prima zu wirken, sagt Heinrich“, erläuterte Thorben.

„Das gibt Ärger, die Fabrik ist so gut wie fertig, wenn die jetzt die Produktion umstellen müssen – o je…!“

„Die Fabrik kostet ungefähr einhundert Millionen, oder?“

„Ich habe so etwas gehört. Da möchte ich nicht da oben sitzen… Na, gut“, sagte Dr. Cagliari und schlug seine Unterlagen zu, um anzudeuten, dass er fertig sei, also stand Thorben auf. Aber sein Chef fuhr noch fort „ich habe die Besprechung beim GF um 14.00 Uhr. Halten sie sich auf Abruf bereit, wenn der tiefer einsteigen will.“

„Mache ich.“

GPF GmbH

1.6. Die Besprechung in der sechsten Etage war für 14.00 Uhr angesetzt. Die sechste Etage bedeutete tiefe Teppiche am Boden, holzgetäfelte Wände, echte Gemälde an den Wänden, elegant und sehr, sehr teuer eingerichtete Büros. Hier lachte niemand, hier rief niemand ein Scherzwort über den Flur. Hier oben ging es nur um eines: Profit. Hier regierten der Geschäftsführer, der Finanz- und der Personalchef „den Laden“.

Wenn der Boss der Bosse sie einbestellte, waren auch die Bosse pünktlich. „Kleine Runde“ hatte es geheißen. „Kleine Runde“ besagte, dass Geschäftsführer Frantzen da war, Finanzchef Dr. Lorentz, Marketingchef Dr. Schmölders und Dr. Cagliari, Chef der klinischen Forschung. Sonst niemand. Und niemand würde es wagen zu stören, wirklich niemand. Nicht einmal die Feuerwehr, sollte es brennen.

„Meine Herren“, begann Herr Frantzen die Besprechung im kleinen Kreise ohne große Begrüßung oder freundliche Einleitung, „ich will es kurz machen: Schlechte Nachrichten aus Birmingham: Unser Einstieg in den Herz-Kreislauf-Markt mit Simsalasin ist vom Headquarter aus strategischen Gründen vorgezogen worden.

Und wir haben mit Simsalasin jetzt einen Blockbuster in der Hand, das war selbst mir neu.“

Blockbuster bedeutete einen Milliardenseller, eine Substanz, die weltweit pro Jahr mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz machte. Davon gab es Ende der Achtziger im weltweiten Pharmamarkt nur eine Handvoll. Und dazu sollte ihr Simsalasin gehören? Das war selbst den Mitgliedern dieser illustren Runde nicht bekannt.

Damit hatte Frantzen die ungeteilte Aufmerksamkeit aller. „Lord Loughborough hat mich gerade informiert, dass wir in exakt vierzehn Monaten die Unterlagen zur Zulassung einreichen müssen. Ich kann ihnen sagen, der Lord war sehr direkt und sehr bestimmt.“

Jeder im Kreis hatte Lord Loughborough schon erlebt; nicht viele mochten ihn, eigentlich keiner: Ein Mittelding aus altem englischen Adel, Ausbilder an der Militärakademie Sandhurst und Sklaventreiber. Wobei die letzten beiden Beschreibungen mehr oder weniger dasselbe meinten. Und wenn Frantzen sagte, er sei „sehr bestimmt“ gewesen, dann hatte er es mit dem Sandhurst-Ausbilder zu tun gehabt: „Achtung. Stillgestanden!“

„Sein Stichwort“, ergänzte Frantzen, „lautete Shareholder-Value!“, als ob das etwas erklären würde.

„Unmöglich“, sagte Dr. Cagliari kopfschüttelnd, „unmöglich, ich sage es ungern, Herr Frantzen, aber das ist absolut unmöglich!“

„Kollege Cagliari“, sagte Frantzen, „Loughborough hat nicht gefragt, ob es möglich sei, er hat gesagt, wir müssen in vierzehn Monaten einreichen. Wir müssen! Und ich ergänze: Wir werden!“

Der Marketingfuzzi schaute aus seinem Designeranzug desinteressiert auf seine frisch manikürten Hände – Zulassung von Produkten, das war nicht sein Problem.

Er hatte oft genug Probleme. Zum Beispiel, wenn Umsatzziele urplötzlich angehoben oder wenn Marketingbudgets zusammengestrichen wurden (das war normal, hatte er lernen müssen), oder wenn er urplötzlich einen neuen Außendienst aus dem Boden stampfen oder kurzfristig 200 Leute rauswerfen sollte. Das waren echte Probleme, Probleme die ihn interessierten, weil er sie lösen musste. Was den blasierten Dr. Cagliari anging (allein schon der Name!) war ihm schnurz. Am liebsten wäre er aufgestanden und gegangen, aber da war der Frantzen davor!

„Herr Cagliari, ich verstehe ihre Bedenken – wie viele Patienten haben sie denn schon?“, fragte der Geschäftsführer.

„Einhundertzehn.“

„Nur einhundertzehn?“, schnaufte Gottvater, der wohl eine sehr viel höhere Zahl erwartet hatte.

„Wir sind sogar schneller als der Zeitplan“, warf Dr. Cagliari ein, „wir müssten erst 95 haben... nach Plan, meine ich. Und das ist der Plan des Headquarters, nicht der unsrige.“

„Der Plan ist ab sofort für den Mülleimer“, sagte Gottvater, „was brauchen Sie, Kollege Cagliari, um das neue Ziel zu erreichen?“

„Das ist gar nicht zu erreichen“, wandte Dr. Cagliari aufmüpfig ein, „ich will hier nicht drum herum reden, das geht nicht – absolut nicht!“