Aus dem Schatten gemalt - Josef Brainin - E-Book

Aus dem Schatten gemalt E-Book

Josef Brainin

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Beschreibung

Mitten im intriganten, männerdominierten Kunstbetrieb des Wiener Fin de Siècle wandelt sich Olga Wisinger-Florian (1844-1926) von einer malenden, bürgerlichen Wiener Apothekersgattin zu einer führenden österreichischen Landschaftsimpressionistin, zur politisierten Weggefährtin von Bertha von Suttner und zu einer Kämpferin für die gesellschaftliche Anerkennung und akademische Gleichberechtigung bildender Künstlerinnen. Sie widersetzt sich den vielseitigen Forderungen, die Ehe, Mutterrolle und gesellschaftliche Konventionen an sie stellen, unternimmt Reisen in Europa und nach Amerika und feiert internationale Ausstellungserfolge. Diese Bio-Fiktion schafft ein lebendiges Bild sowohl von einer interessanten Epoche als auch von einer außergewöhnlichen Malerin und ihren Begegnungen mit zahlreichen Persönlichkeiten, die weitgehend historisch belegt, aber auch vielfach erfunden sind. Hinter den farbintensiven und sinnlichen Gemälden, die Olga Wisinger-Florian der Nachwelt hinterlassen hat, wird eine faszinierende, witzige, kluge und ehrgeizige Frau sichtbar.

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Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2024

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JOSEF BRAININ

Aus dem

Schatten

gemalt

ROMAN

Inhalt

Widmung

Epilog

Danksagung

Impressum

Widmung

Gewidmet Wilbirg und Anna.

Gemeinsam mit ihnen habe ich an einem unserer

Ausstellungs-Nachmittage Olga Wisinger-Florian

im Belvedere „Stadt der Frauen. Künstlerinnen

in Wien 1900-1938“ entdeckt. Ihre Bilder berührten mich, die Recherche faszinierte mich, meine Fantasie inspirierte mich – zu diesem Buch.

Sie wollte so lange auf Deck bleiben, bis der Sonnen­untergang die Farbe ihres Aperitifs angenommen hatte. Das Zinnober begann schon zu dunkeln, so wie die Tuben von Weissbach, wenn sie mehrere Wochen ohne Verschluss herumlagen. Sie war so tief in ihren Deckchair hinuntergerutscht, dass sie den Horizont sowohl durch das geschliffene Aperitifglas sehen konnte als auch dessen Verlängerung in natura, ohne diesen Filter. Der Trick bestand darin, die Augen so zusammenzukneifen, dass die Konturen des Glases und der Reling verschwanden und nur die beiden Rottöne beim Zusammenwachsen beobachtet werden konnten. Bald würden sie nicht mehr voneinander zu unterscheiden sein, die Farbmischung wäre perfekt gelungen.

Olga bedauerte die absehbar erfolgreiche Beendigung ihres Experiments, denn damit müsste sie in den Speisesaal, zu ihrem Tisch beim Captain’s Dinner. Dort würde Schindler mittlerweile die ewig träge Diskussion mit dem Sommelier abgeschlossen haben, bei der er die Tischgesellschaft jeden Abend mit seinem önologischen Wissen beeindruckte.

Das Meer war heute besonders ruhig. Olga war aufgestanden. Die kratzige Wolldecke glitt von ihr ab und sank in die Sitzmulde der emblemverzierten Segeltuchbespannung wie ein treuer, zotteliger Hund. Ein beglückend tiefer Atemzug füllte ihre Lunge mit der herrlichen Luft bis zum Platzen. Sie hoffte, dass sie auf dem Rückweg zum Speisesaal nicht wieder in den langen Gängen der Elena Cosulich verloren gehen würde und sich damit weiteren Vorwürfen aussetzen müsse, sie sondere sich von der Gruppe ab.

Der aufmerksame Steward hatte sie durch die gläserne Tür zum Speisesaal kommen sehen und öffnete ihr lächelnd. Olga kam gerade zur rechten Zeit, als die letzten Worte der Kapitänsansprache unter dem Beifall der Passagiere unhörbar wurden. Schindler war aufgesprungen und rückte ihr den Stuhl bereit, alle Augen waren auf sie gerichtet. Zum Captain’s Dinner kam man nicht zu spät.

„Schön, dass es Ihnen besser geht“, sagte er, aber so halblaut, dass es alle hören konnten. Olga nickte – einerseits dankbar für die fabrizierte Entschuldigung, andererseits zum pauschalen Gruß an die Tischgesellschaft, die aus Schülerinnen und Schülern Emil Jakob Schindlers bestand, die mit ihm gemeinsam die Küstenlandschaft Dalmatiens besuchen und sie im Auftrag Seiner Majestät des Kronprinzen malen würden.

Sofort entspann sich eine empathische Diskussion mit anschaulichen Beispielen über die Tücken der Seekrankheit, auch bei ruhigem Seegang, was bald die Grenzen eines appetitanregenden Tischgesprächs zu sprengen drohte.

Schindler rettete die Situation galant, indem er sein allabendliches, vorhersehbares: „Kinder, was wollt ihr trinken?“ in die Runde warf. Die Tischrunde, auch wenn sie alle längst keine Kinder mehr waren, fühlte sich in ihrer künstlerisch didaktischen Abhängigkeit zu Schindler regrediert genug, um sich betroffen zu fühlen. Sie griffen den neuen Themenschwerpunkt dankbar auf.

Der herbeigeeilte Sommelier versuchte, die vielfältigen Wünsche gemeinsam mit Schindler in einzelne Flaschen zu ordnen und ging gewichtigen Schritts wieder ab.

Unter dem Schutz der mächtigen Speisekarte, die Olga mit ihrem Unterarm abstützte, hatte sich Schindlers Hand an die ihre herangepirscht. Die Berührung war Olga unangenehm. Sie entzog ihm ihren Arm, so plötzlich, dass der Foliant unerwartet auf die Hand Schindlers rutschte und ihn bis zum Ellenbogen wie schamhaft bedeckte.

Der Anblick entbehrte nicht einer gewissen Komik, noch dazu, wenn man, so wie die anwesenden Kinder wusste, dass es Schindler war, der immer von einer inhärenten Logik eines Stilllebens sprach und bei der Auswahl und Struktur jedes Sujets Konzept und Vorsatz forderte.

***

Schindler hatte ein Haus direkt am Meer angemietet, etwas außerhalb von Ragusa. Sie alle wohnten hier zusammen, wie in einem ihrer unbeschwerten Kindersommer, an die sich Olga erinnerte, an diese unerhört heißen Tage auf dem Land, an denen man der Hitze der Stadt entkommen wollte.

Den eigentlichen Unterricht hatte Schindler in die frühen Abendstunden gelegt, wenn es etwas kühler geworden war. Tagsüber hatten alle Zeit, in der Gegend herumzustreunen, Motive zu suchen, Skizzen und kleine Aquarelle anzufertigen, um sie dann der Runde zu präsentieren.

Olga bedauerte diesen Zeitplan, weil sie dadurch gerade das kräftige, farbintensive Licht des schwindenden Tages nicht für ihre Bilder nützen konnte. Manchmal schwänzte sie deshalb den Abendunterricht, blieb an irgendeinem Felsen sitzen, im Schatten einer Pinie und konnte sich an der Steilküste nicht sattsehen. Sie malte nicht, sondern saß nur da und beobachtete die minutiösen Veränderungen der Schatten in den Ritzen, Buchten und Höhlen der Felsen. Das Meer krachte gegen die Klippen, und das silbrige Glitzern war schon wieder verschwunden, bevor die nächste Welle brach. Die Farben wurden nach und nach dunkler, so wie Olga ruhiger und in sich stiller wurde, bis der Himmel dieses sommerliche, magische Blau annahm und sie sich auf den Heimweg machte.

Dort saß die lärmende Runde, die schon die ersten Gläser Wein getrunken hatte. Schindler sah Olga fragend an und wollte zumindest eine Zeichnung, eine Skizze, irgendetwas als Entschuldigung für ihre Abwesenheit vom Unterricht sehen. „Frau Wisinger-Florian, wenn wir schon keine Arbeit von Ihnen sehen können, so soll uns wenigstens Ihr Anblick erfreuen.“

Olga war verärgert, dass Schindler sie vor allen so abkanzelte. Natürlich wusste sie, dass er sich auf diese Weise für ihre steten Zurückweisungen revanchieren wollte. Vielleicht war es sogar ein Versuch, vor allen zu demonstrieren, dass er mit ihr gar keine Absichten hätte. Gleichzeitig dürfte es Schindler allerdings entgangen sein, dass ein derart offensichtliches Schaffen von Distanz nur noch mehr geeignet war, den Verdacht auf etwas zu lenken, was sicherlich nur in seiner Fantasie stattfinden würde.

Schindler, das war bekannt, lebte in einer tristen Beziehung, einer Ménage-à-trois. Seine Frau gab sich gar keine Mühe, ihr Verhältnis mit ihrem Quartiergeber zu verheimlichen. Vielleicht war das der Grund, warum Schindler Olga so nachstellte. Aber weder wollte sie in Schindlers Revancheakt auftreten, noch hatte Schindler für sie irgendeine erotische Ausstrahlung.

Schindler hatte sich, wohl als Kompensation für seine defekte Ehe, ein akademisches Neutrum angeeignet, das ihn mit einem Nimbus der Unnahbarkeit umgab. Sein verkniffener Blick ließ ihn als den Künstler oder den Professor erscheinen, der jeden einzelnen Moment auf eine mögliche Verwendung in einem seiner Bilder oder in seinen Vorlesungen zu prüfen schien. In Wirklichkeit war es der Versuch, durch vorgespielte Unaufmerksamkeit seine emaskulierte Existenz aus dem allgegenwärtigen Geschlechterkampf herauszuhalten, um sich so vor der gefürchteten Zurückweisung zu schützen. Das führte manchmal zu einer gewissen gesellschaftlichen Schwerfälligkeit, wo Charme und Witz angebracht schienen, oder manchmal zu überdeutlicher Empfänglichkeit für Zeichen, die gar nicht so gemeint gewesen waren. Nach dem Wunsch seines Vaters hätte Schindler eine Offizierskarriere einschlagen sollen. Dazu kam es aber nicht; Schindler wurde akademischer Maler. Trotzdem blieb seine Körperhaltung geradezu militärisch gerade und sein Äußeres war stets sorgfältig gepflegt. Schindlers Stimme hatte sich vermutlich durch das viele Sprechen als Pädagoge eine sehr flache, kräftesparende Melodie angewöhnt, die gut hörbar durch Räume trug.

Insgesamt war Schindler eine optisch sehr attraktive Erscheinung, was wohl seinem Metier als Maler geschuldet war. Wenn er ein wenig getrunken hatte, konnte er sich von den Belastungen seines Alltags etwas befreien, und er konnte eine Tischrunde amüsieren und mit seinem Wissen beeindrucken. Wenn er zu viel getrunken hatte, wurde seine Verletzlichkeit sichtbar, und dann trank er noch mehr.

Nicht zuletzt deshalb hoffte Olga sehr, dass ­Schindler die Peinlichkeit der vorletzten Nacht an Bord nicht wiederholen würde, vor ihrer Kabinentür zu stehen und von seiner unendlichen Zuneigung zu faseln. Er war hart­näckig, das musste man ihm lassen. Trotz der zahlreichen, ihm zweifellos ergebenen jungen Frauen in der Gruppe, hatte er seit dem ersten Tag auf der Elena Cosulich wenig unversucht gelassen, ihre Ablehnung zu überwinden. Vielleicht gehörte das zu seiner Vorstellung einer romantischen Seereise. Das mochten manche Frauen schmeichelhaft finden, Olga fand es widerwärtig.

Sie war doch glücklich mit ihrem Franz verheiratet und war Mutter eines mittlerweile Sechsjährigen. Das war stadtbekannt. Warum sollte Schindler gerade ihr einen Ehebruch zutrauen?

Vielleicht war sie aber auch die Einzige, die wegen Schindlers Kunstsinn und Malgenie auf diese Reise mitgefahren war. Manchmal hatte sie den Eindruck, dass hier viele zahlende Bürger- und Beamtengattinnen nur wegen der Reise dabei waren. Zumindest ließen ihre Arbeiten wenig Talent, dafür grenzenlose Begeisterung für das südliche Leben erkennen. Und die paar Männer, die sich in der Gruppe fanden, waren – bis auf den geheimnisvollen Russen, Samuel Lewitan, wohl auch eher wegen der abenteuerlustigen Damen dabei als aus echtem Kunstinteresse.

Samuel war ihr schon am Anfang aufgefallen und zwar zunächst nicht als Person, sondern als Maler eines bemerkenswerten Aquarells.

Am Tag vor der gemeinsamen Abreise nach Triest hatte Schindler in seinem Atelier eine kleine Ausstellung für seine Reisegruppe kuratiert. Statt einer langweiligen ersten Kennenlernrunde hatte er von allen eines ihrer Gemälde erbeten, das er dann in der Runde vorstellte. In launischen Worten analysierte Schindler die Arbeiten und schuf so einen Bezug zur jeweiligen Person.

Olga war von einem dieser Bilder besonders fasziniert, einem Aquarell von Samuel Lewitan. Zunächst einmal war es deutlich kleiner als die Gemälde der anderen, nicht größer als eine Postkarte. Die unendlich zarten Pinselstriche ließen die berühmte Küstenpromenade Abbazias erkennen, schemenhaft ein paar Villen hinter Zypressen auf den ansteigenden Hügeln. An sich wäre das ein sehr häufig gesehenes Motiv gewesen, das nicht zu einem zweiten Blick einlud. Olga gönnte sich jedoch so einen zweiten, aufmerksameren Blick und tauchte unversehens ein in den mediterranen Farbrausch eines Städters, der eben aus dem Nachtzug gestiegen ist, geblendet von der Sonne eines gleißenden Vormittags, die dazu zwingt, die ermüdeten Augen zusammenzukneifen. Blühender Ginster und mächtige Platanen, die vom Hang zu rutschen drohen, das kräuselnde Meer, das seine sanfte Gischt durch das grün lackierte Geländer spritzt, das den müßigen Gang elegant gekleideter Herren sichert. Damen allein oder zu zweit untergehakt, in heller Sommergarderobe mit neckisch kleinen Sonnenschirmchen.

Diese technisch in vielerlei meisterhafte Miniatur erzählte einmal mehr die Geschichte des luxuriösen Badeorts in der Kvarner Bucht, tausendfach gemalt in Wasser, in Öl, mit Kohle oder Stift. Das Besondere jedoch, das Olga berührte, war der für sie spürbare Hohn, der dieser konventionellen Betrachtung anhaftete. Es war die Nutzung des Materials, das kommerziell vorgegebene carta-postale-Format, versandfertig an die Daheimgebliebenen (seht, wo ich meine Tage verbringe), die sparsamsten, fast pointilistischen Farbsetzungen, so als gälte es, Farbtuben zu sparen angesichts der abgebildeten reichen, flanierenden Oberschicht. Was bei manchen vielleicht als Spaß, als Spott durchgehen mochte, war für Olga eine erkennbare Mischung aus Verachtung und Respekt, aus Sehnsucht und Verweigerung, die Sichtweise eines ewigen Außenseiters auf unbeherrschbare Schönheit.

Olga fühlte sich in der Gegenwart des jungen ­Russen sehr wohl. Es waren die Gespräche, die über das Geplapper der Wiener Damengesellschaft hinausgingen. Olga wusste wenig von Russland und von den täglichen Schwierig­keiten, die einem jüdischen Künstler begegneten. Samuel war zu einem Besuch eines Verwandten nach Wien ­gekommen, und ein Galerist hatte ihn auf die Dalmatienreise Schindlers aufmerksam gemacht. Auch wenn Samuel schon ein sehr reifer Maler war, so fanden er und Schindler aneinander Gefallen, nicht zuletzt auch deswegen, weil Samuel der Meinung war, man könne von jedem lernen.

Damit war der Eitelkeit Schindlers Genüge getan und Samuel konnte an der Reise teilnehmen. Allerdings hatte sich Schindler vorher sorgfältig informieren lassen, ob es von der Gruppe, trotz der von allen vertretenen Weltoffenheit, einen Einwand zu Lewitans Teilnahme gebe.

Von Samuel hingegen wurde erwartet, dass er niemanden mit komplizierten Speisegesetzen belästigen würde. Samuel verwies sehr amüsiert auf seine nicht vorhandenen Schläfenlocken und seinen dreijährigen Studienaufenthalt in einer Künstlerkolonie in der Westschweiz.

***

Olga fand das Herumschleppen einer Staffelei in der Natur immer sehr beschwerlich. Sie fertigte meist Skizzen in ihrem Heft an und prägte sich dabei ihren Blick ein, der die Farben einfing, sich das Licht merkte, die Proportionen registrierte und auf diese Weise ein ganzes Bild in sich aufnahm. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass ihr Kopf so voll von Bildern war, von diesen Hunderten, Tausenden Bildern, dass sie nicht mehr unterscheiden konnte, ob sie diese tatsächlich irgendwo gesehen hatte oder ob sie ausgedacht waren. Wenn sie dann endlich vor der Leinwand oder dem Papier saß, dann leerte sie ihren Kopf und war jedes Mal von dem Bild überrascht, das hier entstand. Da war ihre Erinnerung an Gesehenes und dessen Wiedergabe, aber was war das andere in diesem Bild? Woher kam das?

Olga hatte sich damit abgefunden, dass jede Repräsentation ihres Eindrucks nicht nur von Gesehenem, sondern von allem Geschehenem immer Unzulänglichkeiten aufweisen würde. Als langjähriger Konzertpianistin war ihr das Fehlen einer akustischen Begleitung jeder eigenen optischen Wahrnehmung vielleicht bewusster als anderen. Wie sehr beeinflusste etwa das Geräusch des Windes oder der Gesang von Vögeln ihre visuelle Erinnerung an einen Moment in einem Waldstück oder an einer Klippe über dem brausenden Meer? Dazu gab es die Vielfalt an Gerüchen, die sie in sich aufnahm und die sie niemals würde malen können. Aber noch wesentlich beunruhigender empfand sie die innere Rastlosigkeit oder die unendliche Ruhe und jeden Zustand zwischen diesen beiden Extremen, die sie zwar selbst in ihren Bildern zu sehen glaubte, aber von denen sie überzeugt war, dass keine Betrachterin oder Betrachter ihres Gemäldes sie je erfahren werde können.

Schindler war Techniker. Ein hervorragender Techniker. Schindlers langjährige Erfahrung und seine Expertise waren unendlich wertvoll für alle, die bei ihm lernen wollten. Sein Umgang mit Farben, seine präzise Wiedergabe von Licht und vor allem seine unnachgiebige Forderung nach einer Struktur jedes Bildes hatten Olga von Anfang an begeistert. Die Komposition einer Darstellung musste ihm zufolge logisch sein. Diese Logik ergebe sich aus dem Blick des Malers auf sein Werk. Olga sah das anders. Jede Logik müsse sich aus der Erinnerung des Blicks der Künstlerin auf die erfahrene Realität ergeben.

In einem nächtlichen Streitgespräch in einer Runde hatte Schindler ihr dann plötzlich entgegengebrüllt, dann sei die ursprüngliche Aufgabe des Malers ja völlig ad absurdum geführt. Olga hatte dann sehr kühl geantwortet, die übernimmt ja nach und nach sowieso die Daguerreotypie. Schindler hatte einen roten Kopf. Niemals, schrie er, niemals werde ein schwarzer Kasten die Kunst ersetzen. Welche Kunst, fragte Olga. Schindler aber hatte den Raum schon verlassen.

Samuel las in ihren Bildern, so wie sie in seinen. Diese gegenseitige Annäherung war für beide eine so unerwartete Begegnung, dass sie erschraken. Sie hatten sich bis jetzt allein und nur für sich selbst in der Arbeit erfahren. Das Wissen, dass der andere zugrunde liegende Motive erkennen konnte, brachte es mit sich, dass sie begannen, ihre Arbeiten mehr und mehr zu verschlüsseln, mehr und mehr hineinzupacken. Schindler und die ganze Abendrunde waren oft ratlos, wenn sie ihre Bilder, oft auch nur Entwürfe, präsentierten.

Natürlich brachten diese Erfahrungen mit der gegenseitigen Visualität auch eine zusätzliche Qualität in ihre restliche Beziehung ein. Olgas zunächst undefinierte Sympathie für Samuel wuchs zu einer Irritation, wenn er spät zum Frühstück kam, so als wäre es seine Pflicht, eine Verzögerung rechtzeitig bekanntzugeben. Olga ertappte sich dabei, dass sie seinen Blick suchte, wann immer sie mit Schindlers Ausführungen zu einem Thema nicht einer Meinung war. Es war sehr häufig, dass Samuel gerade dann auch ihren Blick fand. Olga wäre in so einem Moment gerne länger in Samuels schwarze Augen eingetaucht, aber da hatte er sie schon wieder abgewendet und auf den Vortragenden fokussiert.

Bei den abendlichen Weinrunden, nach dem schweren, olivenölreichen dalmatinischen Essen versuchte Olga immer einen Platz neben Samuel zu finden und musste feststellen, dass er sich gar nicht in demselben Maße darum bemühte, neben ihr zu sitzen. Oft saß er neben Tina Blau, manchmal neben Bertha von Tarnóczy und Marie Egner. Die drei hatten ihn richtig eingekreist und je länger der Abend dauerte und sie dem süßen dalmatinischen Wein zugesprochen hatten, kicherten sie haltlos, sahen ihm tief in die Augen und berührten wie zufällig seinen Arm, wenn sie ihm etwas erzählten.

Olga hatte das Gefühl, dass Samuel in dieser Bedrängnis manchmal seinen Blick zu ihr wendete, so als erwartete er Hilfe von ihr, aber Olga fand Genugtuung darin, ihn in dieser vom Prošek ungehemmten Frauenrunde ausgeliefert zu sehen.

Eines Abends hatte sich die Runde schon aufgelöst und fast alle Schülerinnen waren auf ihre Zimmer gegangen. Das Hauspersonal räumte Geschirr, Gläser und die zahllosen leeren Flaschen weg. Das melodisch dumpfe Klingen, wenn zwei leere Flaschen aneinanderschlagen, bevor sie auf ein Tablett gestellt werden, mischte sich mit dem halblauten albanischen Gemurmel der weiß beschürzten Frauen. Das Klirren der Weingläser, das rhythmische Gluckern eines Wasserschwalls, der aus einer noch halb vollen Karaffe in das trockene Erdreich geschüttet wird – ­Sinfonie eines zu Ende gegangenen Abends im sommerlichen Mondlicht.

Olga ging als Letzte von der überwachsenen Pergola weg, in das nahe Pinienwäldchen. Die heutige Nacht schien ihr einfach zu schade, um sie an Schlaf zu verschwenden. Sie hatte in den letzten Wochen viel Sonniges und üppig Blühendes gemalt. Sie wollte auch diese magische Nacht mit einem Bild einfangen. Aber wie könnte man das, tagsüber? Das wäre doch eine Frage an Schindler.

Wenn kein Licht war, außer Kerzenschein, der den Blick blendete, wie käme dann so ein Gemälde zustande? War man da nicht ausschließlich auf die Erinnerung angewiesen? Ja, nicht einmal die Daguerreotypie würde hier funktionieren, denn ohne Licht auf die Platte gab es gar kein Bild. War ein Gemälde so einer Nacht nicht auch Metapher für anderes nicht Sichtbares? Wie lange darf ein Eindruck zurückliegen, um noch als visuelle Erinnerung zu gelten? Ab wann können wir davon ausgehen, dass es Inhalte eines vielfältigeren, umfassenderen Gedächtnisses sind, die auf Papier oder Leinwand gebracht werden? Sind in diesem Gedächtnis nicht auch noch eine Vielzahl nichtvisueller Eindrücke enthalten, die jetzt für andere sichtbar werden, jenseits des Mondscheins, der Pinie, des moosbedeckten Wegs?

Olga war wie verzaubert und atmete den frischen, nächtlichen Duft der feuchten Nadeln. Da sah sie vor sich die Gestalt Samuels. Er schien stehen geblieben zu sein und auf sie zu warten. Olga fühlte sich überrumpelt. Eine Malerin kann nicht behaupten, sie hätte etwas nicht gesehen und plötzlich umkehren. Gleichzeitig lief sie ihm jetzt direkt in die Arme, was nach so einem Abend, an dem er so augenscheinlich von anderen umworben wurde, wie der Versuch wirken würde, als hätte sie das Bedürfnis, etwas wettzumachen, was sie den ganzen Abend versäumt hatte.

Wieso liegt die gesamte Verantwortung zur Rechtfertigung eines zufälligen Treffens im Pinienwäldchen im Mondschein bei ihr? Es ist die Etikette, die Gebote der Sittlichkeit einer anständigen Frau, die ihr diese Rolle zuteilen. Olga gewährt oder verweigert, gestattet oder verbietet in dieser frühen Phase einer Annäherung. In den Momenten, in denen ein einziger Blick noch so verzaubern kann, dass man einen Tag und eine Nacht an ihn denkt, wenn eine scheinbar unabsichtliche Berührung den ganzen Körper zum Klingen bringt oder ein kleines, unbedachtes Wort Rätsel aufgibt, die sich nicht und nicht lösen lassen.

Olga ging weiter und stand schließlich vor Samuel, der groß und dunkel auf sie herabblickte. Seine Locken gaben dem sonnengebräunten Gesicht einen verspielten Rahmen, sein Bart hingegen: kurz und schwarz, seine Augen sanft, und seine Stimme ließ ihre Haut kribbeln. Er bot ihr seinen Arm an, und sie gingen gemeinsam tiefer in den Wald. Die Berührung fühlte sich gut an. Nach ein paar Schritten blieb Olga stehen, und Samuel drehte sich zu ihr. Olga erwartete einen Kuss, den so eine Begegnung in solch einer Nacht auch von Samuel erwartete. Samuel begann zu sprechen – von seiner Zuneigung zu Olga, von seiner Wertschätzung von ihr als Künstlerin, von einer Seelenverwandtschaft trotz unterschiedlicher Herkunft und Sozialisation. Doch da sei noch etwas, etwas Unüberbrückbares, das sie als Mann und Frau immer trennen würde. Samuel erzählte von Urs, einem Schweizer Maler, den er in der Künstlerkolonie am Mont Pèlerin zurückgelassen habe, um sich über sich und sein Leben klar zu werden.

Olga nickte, als würde sie verstehen. Olga wandelte sich von der begehrt Geglaubten zur Freundin, die Samuels Vertrauen geschenkt bekommen hatte. Sie konnte dieser neuen, völlig überraschenden Qualität ihrer Beziehung zu Samuel zunächst nur so etwas wie mütterliche Liebe entgegenhalten. Der Schmerz und die Trauer, die sie aus Samuels Erzählung von seiner Trennung heraushörte, schienen ihr Auftrag, den verwundeten Freund zu schützen und selbstlos zu trösten. Sie umarmten sich und standen lange und vertraut im Mondlicht.

***

Schindler hatte einen Badeausflug organisiert. „Kinder, man kann nicht nur arbeiten!“, hatte er beim Frühstück in das noch kühle Gartenzimmer gerufen, in dem die Schülerinnen und Schüler ihre Kipferl rhythmisch in den Kaffee tunkten und sich von dem wieder einmal durchzechten Abend erholten.

„Wir fahren heute mit zwei Pferdegespannen zu einem hübschen Badesee und werden uns dort erfrischen. Abfahrt in einer Stunde!“

Sofort begann die Diskussion um die Garderobe. Tina sprach von einem Trikotkleid, das sie in Paris gekauft hätte, Amelia schlug vor, man könnte ja in einem Sommer­kleid fahren und die Beine ins Wasser tauchen. Olga erinnerte sich an einen Hosenanzug aus Leinen, den sie eigentlich zum Malen mitgenommen hatte. Alle brachen in ihre Zimmer auf, um sich umzukleiden. Eine Stunde später waren sie im Schatten der drei Zypressen vor dem Haus versammelt, trugen ihre großen Sonnenhüte und Tücher ins Haar geflochten, die diese Hüte am Davonfliegen hindern sollten, ihre zusammengerollten Schirme waren wie Duellwaffen unter den Arm geklemmt und insgesamt hatte die ganze Szene die Anmutung eines schnatternden und kichernden Schulausflugs mit unbestimmtem Ausgang. Als die beiden Pferdegespanne endlich heranknarrten, begann das obligate Gezerre, wer mit wem gemeinsam in welchem Wagen fahren würde, wer den Wagen mit dem braunen, zotteligen Pferd und wer den mit dem glänzenden, schwarzen Pferd nehmen würde. Zwei der männlichen Bediensteten der Villa halfen beim Besteigen der Leiterwagen, die mit Stroh und Decken ausgelegt waren. Manchen Unentschlossenen musste mehrmals beim Hinauf- und Hinunterklettern geholfen werden, da sie ihre ursprüngliche Entscheidung spontan widerriefen. Olga und Samuel hatten es sich an der Längsseite des einen Leiterwagen bequem gemacht und wie zufällig berührten sich ihre nebeneinander ausgestreckten Beine. Auch drei der albanischen Küchenhilfen wurden von den Männern mit ihren zahlreichen Körben voller Obst, Wein und ­dalmatinischen Köstlichkeiten in die Wägen bugsiert. Als die Pferde ihren ersten Ruck machten, kreischten die Kinder wie tatsächliche und die für diesen Landstrich seltsame Karawane setzte sich in Bewegung.

Die Wagen verließen die Anhöhe der Villa und begannen ihren langsamen Weg ins meerabgewandte Tal, das immer noch im Schatten des Morgens lag. Ein unbarmherzig heißer Tag kündigte sich an. Olga sog das kräftige Grün der Wiesen ein. Die Vegetation hier stand ganz im Gegensatz zur gelbbraunen, trockenen Erde auf der Meeresseite. Sie fuhren entlang eines träge dahinplätschernden Bachs, dessen steile Ufer erahnen ließen, dass im Frühjahr das Wasser viel höher stand. In den hohen, flirrenden Silberpappeln schien es Olga, als würden sich da drinnen noch rasch vor dem Hitzeeinbruch Tausende Vögel für den Tag verabreden. Die gesamte Landschaft strahlte einen Frieden aus und die Gespräche in den Wagen wurden stockender und endeten nach und nach. Der plötzliche Wechsel von der wochenlangen felsigen, karstigen Exotik in dieses fruchtbare, frische Tal mochte vielleicht viele an zu Hause erinnern und so etwas wie Heimweh erzeugen, Gedanken an Familie und Liebste auslösen, Geborgenheit und Sicherheit vermissen lassen.

Olga dachte an Franz, der Oscar vermutlich mehrmals die Woche erklären musste, wieso Mama jetzt nicht da war. Sie sehnte sich nach Oscars klugem Gesicht. Er stellte den ganzen Tag so viele Fragen und erwartete Antworten, die er auch immer gewohnt war zu bekommen. Gleichzeitig gab es aber so etwas in ihr, wie in allen anderen, ein nicht abgesprochenes, plötzliches, gemeinsames Innehalten im Übermut eines jubelnden Südens, die Einsicht, dass diese Ungebundenheit nicht von Dauer sein würde, dass es vielleicht nie wieder so eine Freiheit geben würde, dass die Ernsthaftigkeit des Lebens Pflichten und Entbehrungen mit sich brächten, die von einer Wiener Gesellschaft verlangt würde, die niemals das Meer gesehen hatte.

Olga sah Samuel von der Seite an, der Hut war tief in sein Gesicht gezogen, und sie ahnte, dass er eine andere Freiheit vermisste. Nicht die kindliche Tollheit eines Ferien­lagers, sondern die Freiheit einer Lebensform, von der er jetzt getrennt war. Verstohlen suchte sie nach seiner Hand unter einem Strohbündel, das praktischerweise zwischen ihre Körper gerutscht war.

Der See lag außerhalb eines verschlafenen Dorfes, das in unerwartete Aufruhr geriet, als die beiden Fuhrwerke über die staubige Hauptstraße knarrten. Scheue Blicke hinter dicken Vorhängen wurden sichtbar, Kinder liefen hinter den Leiterwagen her und versuchten, von den fein gekleideten Passagieren irgendetwas zu erbetteln. Zwei alte Männer, die wahrscheinlich schon seit zwanzig Jahren nebeneinander auf der gemeinsamen Bank saßen, nahmen ihre Pfeifen aus dem Mund und drehten tatsächlich ihre Köpfe, um die Fahrt der zwei Kutschen zu verfolgen. Schindler hatte ein paar Münzen vom Wagen geworfen, eine Schar Buben balgte sich im aufgewirbelten Staub der Wagenräder und der eigenen Rangelei.

Olga schämte sich für diese Geste, die Schindler vielleicht als großzügig empfunden hatte, gleichzeitig konnte sie nicht umhin, sich dieses durch den Staub diffuse, sonnendurchleuchtete Bild dankbar einzuprägen: die im Gerangel aufblitzenden, dunkel gebräunten, raufenden Arme, die sehnigen, nackten Beine, die lockigen schwarzen Köpfe, die schweißnassen Gesichter.

Hinter einem Wäldchen machten sie halt. Der See lag kühl und dunkel vor einer Kulisse von drei runden Hügeln, deren Hänge dicht bewachsen waren und eine atemberaubende Auswahl von Grüntönen im Wasser spiegelten. Entlang des Sees standen Gruppen von Weiden, deren Zweige bis fast in das Wasser hineinhingen. Während alle herumliefen und ihre Ahs und Ohs verteilten, schüttelten die drei Köchinnen Decken aus, legten sie sorgfältig im Schatten aneinander und verteilten die Essenskörbe auf ihnen. Die beiden Männer hatten die Pferde und Wagen unter eine mächtige Pinie gebracht und lagerten dort mit ihrem Tabak und ihrer Tagesration Leichtbier. Es sah aus, als machten sie sich bereit, den wundersamen Spektakel einer ausgelassenen Künstlerbadepartie aus sicherer Entfernung mit der Gelassenheit von Einheimischen zu verfolgen.

Olga ging am See entlang, als Tina und Amelie sie einholten.

„Komm, komm“, sagten sie und zogen sie unter eine tief herabhängende Weide, die sie wie eine grüne Wand vor Blicken schützte. Beide Frauen zogen sich aus, legten ihre Kleider ins Gras, und im Schutz der herabhängenden Zweige tauchten sie ihre Körper mit einem wohligen Stöhnen bis zum Hals ins erfrischende Wasser.

Olga bewunderte dieses elegante Manöver zur Überwindung des öffentlichen Schamgefühls und legte ebenfalls ihren Hosenanzug und ihre Wäsche ab und senkte ihren nackten Körper nach und nach in das herrlich kühle Wasser. Sie war sehr dankbar, dass ihr Vater ihr das Schwimmen beigebracht hatte. Olga verließ das Versteck der Weide und war mit ein paar Tempi schon einige Meter vom Ufer entfernt. Sie konnte jetzt die gesamte Gruppe in ihrer jeweiligen Phase der déshabillé überblicken. Die Männer zeigten sich in langärmeligen Hemden und ihren Unterhosen, die Frauen trugen entweder lange Bade-Wollkleider oder noch ihre Sommerröcke, die sie bis zum Knie ins Wasser gehen ließen.

Schindler hatte sich hinter einer Staffelei versteckt, so als ginge das Baden nur seine Schülerinnen etwas an. Er beobachtete das Treiben, aus dem Schatten einer hohen Pappel. Zu seinen Füßen ragte eine Weinflasche aus einem Korb.

Olga suchte Samuel und erblickte ihn weit weg von der Gruppe, allein, und wenn sie ihre Augen nicht täuschten, gerade im Begriff, nackt ins Wasser springen. Übermütig beschloss sie, im sittlichen Schutz der fast undurchsichtigen, grünlichen Wasserdecke zu ihm zu schwimmen. Sie hatte den Boden unter den Füßen längst verloren und schwamm langsam und mit regelmäßigem Atemrhythmus in Richtung Samuel. Der hatte ihr Manöver gesehen und war ebenfalls auf dem Weg zu ihr. Als sie aufeinandertrafen – das Wasser hatte ihre Haare ins Gesicht, in die Augen geklebt, die Lider waren schwer von den nassen Wimpern –, suchten sie beide unwillkürlich Halt aneinander, ihre Hände trafen sich, und der Atem ging beiden schnell, von der Schwimmanstrengung, aber auch von der plötzlichen Ahnung, einander unter Wasser nackt zu wissen. Wassertretend kamen sie sich näher und schließlich umarmte Samuel Olga unter Wasser. Er hatte seine Arme um ihren Rücken gelegt und keuchte. Olga lächelte ihn an, aber Samuel hatte die Augen weit aufgerissen und hielt sie fest umklammert. Olga spürte das Gewicht Samuels an ihr zerren, und sie strampelte stärker, sodass ihr Mund über Wasser blieb. Samuel begann Wasser aus dem Mund zu speien und sein Kopf ging immer wieder unter, während er sich an Olga festhielt, um sich in Panik hochzuziehen. Olga begann zu schreien, sie konnte sich nicht länger an der Oberfläche halten, Samuel war zu schwer. Olga versuchte sich aus seinem Griff zu lösen, sie schrie und strampelte um ihr Leben. Samuel hatte den Halt an Olgas Rücken verloren, gurgelte in Panik und schlug mit seinen Armen hilflos wild platschend ins Wasser, suchte immer wieder sich erneut an Olga zu klammern.

Edmund und Albert tauchten plötzlich auf, sie hatten die Schreie gehört und waren sehr schnell vom Ufer herangeschwommen. Jeder der beiden griff sich einen der panisch strampelnden Körper, allerdings von hinten, um den bedrohlich rudernden Armen zu entkommen. Sie waren beide erfahrene Schwimmer, hatten den Kopf der zu Rettenden fest an den Kiefern gepackt, hielten sie so vom eigenen Körper sicher entfernt und schwammen rückwärts in Richtung Ufer.

Dort half ihnen die Gruppe, die beiden an Land auf die Wiese zu legen. Samuel hatte viel Wasser geschluckt und hustete sich die Seele aus dem Leib. Olga war nur grenzenlos erschöpft und atmete schwer. Jemand hatte ihnen Decken über ihre Nacktheit gelegt. Schindler lief besorgt auf- und ab und rief immer wieder: „Na sowas, na sowas“. Samuel lächelte zwischen seinen Hustenanfällen. Olga schüttelte ihren Kopf. Nein, nein, man müsse jetzt nicht nach Hause fahren. Man müsse nur vorsichtig sein beim Schwimmen.

Die Gruppe löste sich langsam auf, man hatte den beiden Trinkwasser und Tee gebracht, als hätten sie nicht schon genug Flüssigkeit in sich. Olga lag neben Samuel im Gras, als er halblaut „Danke!“ sagte. Sie hätte ihm das Leben gerettet.

„Ach nein, das waren Edmund und Albert“, sagte sie bescheiden. „Sie haben auch mir das Leben gerettet.“

„Ich war dabei“, sagte Samuel. „Ich weiß, was passiert ist, ich danke, dir.“ So lagen sie nebeneinander im Gras, lächelten sich an, und Olga hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie den ganzen Tag so hätten daliegen können. Aber Schindler rief zum Mittagessen, das auf den Decken aufgetischt war. Die Gruppe war zwar mitfühlsam mit den Geretteten, aber mittlerweile doch hungrig geworden.

Olga war aufgestanden, hatte die Decke um sich gehüllt und ging zu ihrer Umkleidekammer unter der Weide. Samuel hatte einen weiteren Weg zu seinem Kleiderdepot. Er hatte die Decke um seine Hüften geschlungen und ging mit bloßem Oberkörper am Ufer entlang. Nicht nur Olgas Blicke folgten ihm. Samuel hatte ein deutlich gezeichnetes Dreieck von kurzen, krausen Haaren auf seiner Brust, einen muskulösen Rücken und schlanke, gebräunte Arme mit leicht ausgeprägten Bizepsen.

Natürlich wurde über diesen sogenannten Badeunfall gemutmaßt. Hatte sich Samuel Olga im Wasser genähert? War das der Grund, warum Olga so geschrien hatte? Das stand zwar im Widerspruch zu der offensichtlichen Vertrautheit, die die beiden beim Mittagessen auf der großen Deckenlandschaft an den Tag legten. Aber es passte in das Bild, das sich alle gerne von dem Vorfall machen wollten. Oder hatte Olga Samuel im Wasser nach unten gezogen, was war da vorgefallen? Es wurde unvermeidbar in so einer sensationsausgehungerten Gruppe getuschelt. Hinter vorgehaltener und nicht vorgehaltener Hand.

Wäre man in Wien, in einer der vielen Salons, die den meisten Teilnehmerinnen offen standen, dann hätte dieses Ereignis bald den Stellenwert gehabt, den es verdiente, überlagert von wesentlich ergiebigeren Gerüchten, wäre es bald vergessen.

Doch hier, in der von gesellschaftlichem Tratsch ausgedürrten Abgeschiedenheit eines dalmatinischen Fischerorts? Ein Exilrusse, schön wie ein Adonis, zwar Jude, aber ein großartiger Künstler, eine junge, angeblich glücklich verheiratete Apothekersgattin, ich bitte Sie, eine Apothekersgattin … Klar, sie hat früher ganz passabel Klavier gespielt, war eine Epstein-Schülerin, jetzt ist sie eine begabte Malerin, aber wie soll sich ihre musische Veranlagung in Pulverchens und Tiegelchen ausleben können? So eine Dalmatientour mit Schindler muss ja das reinste Abenteuer für sie sein. Man kann sie schon verstehen. Aber wieso hat ihr Mann das zugelassen? Billig war die Reise auch nicht. Es soll ja auch sogenannte offenen Beziehungen geben. Denken wir nur an den armen Schindler, den seine Frau ganz öffentlich und ungeniert zum Hahnrei macht. Er hat wenigstens seine Kunst, als Ausgleich und als einträglichen Verdienst.

***

Franz war hinreißend und erwartete Olga mit einem riesigen Blumenstrauß am Bahnhof. Auch die beiden Hunde gerieten außer Rand und Band vor Freude, als Olga nach wochenlanger Abwesenheit wieder da war. Natürlich waren die anderen Ehemänner auch für ihre Frauen gekommen, aber Olgas große Willkommensszene wurde von allen mit Argusaugen beobachtet, da sie synchron mit der Abschiedsszene von Samuel stattfinden würde. Auch wenn es mittlerweile offenkundig war, dass es zwischen Samuel und Olga nichts außer platonischer Zuneigung gab, so waren die Sensationshungrigen doch auf die Reaktion des Herrn Apothekers Franz Wisinger gespannt, seine Frau von einem so schönen Mann Abschied nehmen zu sehen.

Schindler erwies sich in dieser heiklen Situation allerdings unbeabsichtigt als besonders hilfreich, da er – obwohl sich die meisten ohnehin, zumindest seit der Abreise, kannten – den versammelten Ehemännern am Bahnsteig den Großteil der Reisegruppe nochmals vorstellte.

Damit verschwand Samuel im Trubel einer anonymen, sich umarmenden und küssenden Menge, wobei die einen willkommen geheißen wurden, während die anderen sich voneinander verabschiedeten und ein ehebaldiges Wiedersehen vereinbarten.

Samuel hatte seiner Lebensretterin, wie er Olga nun gerne nannte, schon auf der Rückreise am Schiff mitgeteilt, dass er sofort nach der Ankunft den nächsten Zug in die Schweiz nehmen werde. Er hatte sie gebeten, sich um seine Bilder zu kümmern und so mit ihnen zu verfahren, als wären sie ihre eigenen.

Schindler wollte ja ausgewählte Arbeiten der Reisegruppe noch vor Weihnachten in einer Ausstellung präsentieren und so weitere Verdienstmöglichkeiten für sein Dalmatinisches Kunstprojekt zu schaffen, das durch allerhöchste Gunst ja sowieso schon ausreichend finanziert war.

Olga freute sich, Franz wieder zu umarmen. Sie saßen eng nebeneinander in der Kutsche, während ihre Koffer aufgeladen wurden und sahen sich lange und fest, wortlos in die Augen. Die Entwurzelung, die eine lange Abwesenheit von zu Hause mit sich bringt, schien Olga nun nicht mehr eine Prüfung ihrer Beziehung zu sein, sondern eine wertvolle Erfahrung für beide, die Verreiste und den Daheimgebliebenen. Wenn sich tägliche Wertigkeiten eine Zeit lang verschieben und so unterschiedlich werden, wie wilder Thymian im Abendrot einer Felsküste und Kampfergeruch in einer Pharmazie, dann wird die verbleibende Gemeinsamkeit nur noch deutlicher.

Olga genoss ihre wiedergewonnene Rolle als Mutter. Oscar hatte in den fast drei Monaten ihrer Abwesenheit einen großen Wachstumsschub erfahren. Ihr schien auch, dass er einen Sprung in seiner Persönlichkeitsentwicklung durchgemacht hatte. Er lernte gut. Das bestätigten ihr seine Lehrer. Er sei ein begabtes Kind. Bei derartigen Äußerungen glaubte Olga, einen pädagogischen Auftrag mitschwingen zu hören, die sie als Mutter in die Pflicht nehmen wollte, weniger in südlichen Ländern zu malen und sich mehr um die Talente ihres Sohnes zu kümmern. Der sorgenvolle, fast bedauernde Blick des Lateinlehrers etwa erschien ihr als neidischer Vorwurf und sittliche Instanz gleichermaßen. Der arme Teufel, der sein Leben mit Deklinationen und Konjugationen fristete, erhob sich zumindest in seinen Moralvorstellungen über seine Auftraggeberin, indem er einen Teil ihres Lebens einmahnte, von dem er nur träumen konnte. Dabei blieb ihm sicherlich verborgen, welche wochenlangen Konflikte der Entscheidung zu dieser Reise vorausgegangen waren.

Natürlich hatte in der Vorstellungswelt von Franz die Dalmatienreise seiner Ehefrau keinen Platz. Neben den gesellschaftlichen und organisatorischen Erwartungen an eine Apothekersgattin ging es ja auch um Olgas Pflichten als Mutter. Oscar war gerade jetzt in einem schwierigen Alter. Olgas Antwort, dass jedes Alter schwierig sei, nahm Franz nicht zur Kenntnis. Aber natürlich ging es auch um ihn, um Franz Wisinger, Apotheker in dritter Generation, der sich nicht nur vernachlässigt, sondern bedroht fühlte.

Man hörte allerlei von Schindlers Klientel – Frauen aus der Wiener Gesellschaft, die vorgaben, sich in der Kunst des Malens unterrichten zu lassen, sich aber in Wirklichkeit im Atelier eines Makarts nackt malen ließen und ausschweifende Feste feierten. Wieder einmal an einem derartigen Punkt in der Diskussion angelangt, verließ Olga den Raum und schwieg tagelang.

Die Versöhnungsversuche von Franz erwiesen sich nach und nach als erfolgreich, um sich aber dann, nach einer scheinbar gelungenen Annäherung, am Thema der Dalmatienreise abermals zu entzünden.

In den Auseinandersetzungen, in denen auch das Wort Trennung fiel, kämpfte Olga vordergründig nicht um die Erlaubnis und schließlich auch Finanzierung dieser Reise. Sie forderte unnachgiebig die Einsicht ihres Ehemanns, dass sie Malen nicht nur als anerkannt Begabte zu ihrem damenhaften Zeitvertreib ausübte.

Malen begründete vielmehr ihre ureigene künstlerische Existenz und Ausdrucksform. Ihre ununterbrochene Konfrontation mit Licht und Form und Farbe führte zu einer Transformation ihres Innersten, das sie immer und immer wieder zu Papier oder auf die Leinwand bringen musste, um dieses Brennen in ihr zumindest vorübergehend zu stillen. Wie klein sähen daneben die geifernd kolportierten Atelierfeste eines Wiener Salonmalers aus. Was hätte das mit der Sinfonie eines südlichen Farbrausches zu tun, mit dem magischen Lichtspektakel eines Sonnenuntergangs im Meer?

Franz war manchmal bereit, sich seinen gestärkten, weißen Apothekermantel vom Leib zu reißen, um sich von seiner Frau in die lichten Höhen ihrer Sinneswelt entführen zu lassen. Doch war er zu sehr Sohn seines strengen, pharmazeutischen Vaters. Er liebte seine Frau, aber wusste gleichzeitig, dass er ihr nicht dorthin folgen konnte, wo sie beschlossen hatte zu sein.

Schließlich willigte er ein in ihre lange und teure Dalmatienreise, und sie dankte es ihm, weil sie spürte, dass er es aus Liebe getan hatte, nicht aus Einsicht. Und das zählte für sie noch viel mehr.

Olga hatte auch ihre Rolle als Hausfrau und Gastgeberin in gewisser Weise vermisst. Diese gesellschaftlich so sehr bestätigte Bewertung weiblicher Tugenden empfand sie als Herausforderung, denn manche könnten vielleicht versucht sein, etwaige Mängel in diesen tradierten Funktionen mit ihrer Abwesenheit in Dalmatien zu begründen. Damit waren die Ansprüche hoch, denn ihre eigene Perfektion war nur durch sie selbst zu übertreffen.

Die Gediegenheit ihrer Villa offenbarte sich in vielen Facetten, vom schweren Silberbesteck bis zu den alten Teppichen, vom Blick in den Garten mit seinen üppigen Herbstfarben und dem sanften Klirren der Kristallluster, die sich in der kühlen Abendbrise wiegten. All dies hatte ihr mehr gefehlt, als sie sich eingestehen wollte.

Sie hatten viele Gäste, alle wollten von ihrer Reise hören und reichten die Beschreibungen nicht aus, musste sie das Gartenhaus aufsperren, das ihr Atelier geworden war, und die Bilder zeigen, die alle bewunderten. Samuels Bilder hingen und standen neben den ihren und fanden großes Interesse, das sie allerdings nie für sich in Anspruch nahm, sondern immer nur auf einen befreundeten Russen verweisen ließ.