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Was Auschwitz war, muss man nicht erklären. Wohl aber, wie Auschwitz entstand und welche Funktion das Lager in der deutschen Kriegswirtschaft hatte. Die Historikerin Susanne Willems beschreibt die Genesis des Konzentrations- und Vernichtungslagers. In ihre Darstellung flossen wissenschaftliche Untersuchungen ein, die weltweit vorliegen. Das Lager existierte viereinhalb Jahre. Es wurde am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit. Heute ist das der Gedenktag für die Opfer der faschistischen Diktatur. Allein in Auschwitz starben weit über eine Million Menschen: als Arbeitssklaven der deutschen Kriegswirtschaft, die aus den von der Wehrmacht besetzten Ländern geholt wurden, und als »unwertes Leben«, wie die Herrenrasse sie nannte. Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle. Kinder und Greise, Kranke und Schwache, die nicht ausgebeutet, also »verwertet« werden konnten, wurden in den Gaskammern ermordet. Willems legt die organisatorische Infrastruktur des systematischen Terrors, der Sklavenarbeit und des Völkermordes in Auschwitz offen. Mit Dokumenten belegt sie, wie die SS deutschen Konzernen half, dass diese die Kriegswirtschaft am Laufen hielten und Profit machten.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Susanne Willems
Terror – Sklavenarbeit – Völkermord
Auschwitz
Die Entstehung des Lagers
Die Anfänge des Stammlagers
Der Aufbau des Stammlagers
Das Interessengebiet
Die Industrieansiedlung
Die I.G. Auschwitz
Der Ausbau des Stammlagers
Arbeit und Vernichtung im Stammlager
Massenvernichtung im Stammlager
Das Lager der sowjetischen Kriegsgefangenen im Stammlager
Der Aufbau des Lagers Birkenau
Der Beginn der Massendeportationen europäischer Juden nach Auschwitz
Das Frauenlager
Verelendung und Massenvernichtung in Auschwitz-Birkenau
Der Ausbau von Birkenau
Die Organisation der Vernichtung durch Arbeit
Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau
Massenvernichtung und Sklavenhaltung
Konspiration und Revolte
Die Befreiung
Das Museum Auschwitz-Birkenau
Anmerkungen
Personenregister
Firmenregister
Ortsregister
Den Tag der Befreiung des Lagers Auschwitz haben die Vereinten Nationen zum Internationalen Gedenktag erklärt und der Erinnerung an die Opfer des Holocaust gewidmet.1 An jenem 27. Januar 1945 erreichte die 1. Ukrainische Front der sowjetischen Truppen das Terrain des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Mehr als siebentausend Gefangene, unter ihnen mehrere hundert Kinder, verdankten ihre Rettung der vorgezogenen Offensive der Roten Armee, die das oberschlesische Industrierevier von der deutschen Kriegswirtschaft abschnitt.
In den Kämpfen um die Befreiung der Stadt Oświęcim verloren zweihunderteinunddreißig Rotarmisten ihr Leben, sechsundsechzig fielen auf dem Auschwitzer Lagergelände.
Bei der Räumung der Auschwitzer Lager hatte die SS die marschunfähigen Gefangenen zurückgelassen. Nach dem Abzug der SS-Wachposten waren sie von patrouillierender SS und von marodierender Wehrmacht bedroht. Und es trafen Spezialkommandos der SS ein, die Gefangene kolonnenweise aus den Lagern zur Exekution führten. Diesen systematischen Massakern fielen noch siebenhundert Menschen zum Opfer.
Erst am 25. Januar gaben die Mordkommandos auf, um sich eilends nach Westen abzusetzen. Nachdem die SS große Teile der Lagerakten vernichtet und mehrere Magazinbaracken mit der den Deportierten geraubten Habe in Brand gesetzt hatte, sprengte sie in der Nacht zum 26. Januar auch das letzte funktionsfähige Krematorium in Birkenau.
»Unseren Augen bot sich ein schreckliches Bild: eine riesige Anzahl von Baracken«, erinnerte sich Jahrzehnte später Alexander Woronzow, einer der Rotarmisten, die die Befreiung des Lagers filmisch dokumentierten. »Auf den Pritschen lagen Menschen […] Skelette schon, mit Haut überzogen und abwesendem Blick. Es war schwer, sie ins Leben zurückzuholen.«2 Hunderte Tote wurden auf dem Gelände der Lager geborgen; mehr als zweihundert der ausgezehrten Menschen verstarben in den Tagen nach der Befreiung. Tage und Wochen dauerte die Verlegung der von Hunger, Krankheit, Frost und Erschöpfung gezeichneten Menschen aus den Barackenlagern von Birkenau und Monowitz in die im einstigen Stammlager Auschwitz hergerichteten Krankenstationen. Wochen und Monate bedurften Überlebende der Obhut von Ärzten, Pflegern und freiwilligen Helfern aus den Reihen des sowjetischen Militärs, des Polnischen Roten Kreuzes und der befreiten Mitgefangenen.
Etwa achtundfünfzigtausend Gefangene hatte die SS am 18. Januar 1945 aus den drei Auschwitzer Lagern und deren entfernteren Außenlagern auf die Todesmärsche getrieben. Unterwegs liquidierte sie neuntausend, möglicherweise fünfzehntausend der Geschundenen, wenn diese das Tempo nicht halten konnten oder zu fliehen versuchten. Etwa vierzigtausend Überlebende erreichten die Lager von Groß-Rosen, Buchenwald, Mittelbau-Dora, Mauthausen, Ravensbrück, Sachsenhausen, Dachau, Flossenbürg, Neuengamme, Bergen-Belsen und Theresienstadt und waren dort weiterhin dem Mordregime der SS ausgesetzt. Etwa einhundertdreißigtausend Auschwitzer Gefangene hatte die SS bereits im Laufe des Jahrs 1944 aus dem Stammlager und aus Birkenau zur Sklavenarbeit in andere Konzentrationslager und deren Außenlager abgegeben.
Von Mai 1940 bis Januar 1945 deportierten deutsche Behörden und Besatzungsorgane 1,3 Millionen Menschen nach Auschwitz. Diese Mindestzahl ließ sich erst nach Jahrzehnten der historischen Forschung Anfang der 1990er Jahre rekonstruieren und belegen.3
Nach Auschwitz deportiert wurden seit Kriegsbeginn verhaftete einhundertsiebenunddreißigtausend Polen, dreihunderttausend polnische Juden und zuletzt dreizehntausend polnische Zivilisten jeden Alters, die die SS ab August 1944 aus dem aufständischen Warschau in die Konzentrationslager verschleppte.
Annähernd fünfundzwanzigtausend nichtpolnische Gefangene aus allen europäischen Ländern wurden wegen ihres Widerstands oder wegen des Partisanenkampfes im deutschen Machtbereich nach Auschwitz deportiert, darunter mehr als fünftausend belorussische Männer, Frauen und Kinder.
Auschwitz war eine der Stätten des Völkermords an den rassistisch verfolgten Sinti und Roma, von denen dreiundzwanzigtausend, die meisten aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, nach Auschwitz deportiert wurden.
Von den fünfzehntausend sowjetischen Kriegsgefangenen in Auschwitz, die die Wehrmacht ab Juli 1941 der SS auslieferte, gehörten anderthalbtausend zu den frühesten Opfern der Massentötung durch das Giftgas Zyklon B am 2. und 16. September 1941.
Ab März 1942 ließ die SS Juden zu hunderten, tausenden, zehntausenden und hunderttausenden aus dem deutschen Machtbereich nach Auschwitz deportieren, insgesamt etwa 1,1 Millionen Menschen, unter ihnen wahrscheinlich zweihundertsechzehntausend Kinder und Jugendliche. Sie stammten aus der Tschechoslowakei, Frankreich, Polen, den Niederlanden, Belgien, Jugoslawien, Österreich, Deutschland, Norwegen, Luxemburg, Griechenland, Italien und Ungarn.
Diejenigen, die die Befreiung Europas von Faschismus und Krieg im Mai 1945 erlebten, haben als Zeugen der Verbrechen die Erinnerung an Auschwitz in aller Welt verbreitet.
Oświęcim, die 1939 etwa vierzehntausend, mehrheitlich jüdische Einwohner zählende Kleinstadt, hatten die Deutschen in Auschwitz umbenannt und korrupten deutschen Amtskommissaren und Bürgermeistern unterstellt. Geschäftemacher aus Deutschland und aus Osteuropa umgesiedelte Deutsche übernahmen die großen und kleinen Unternehmen der Bürger Oświęcims. Die deutsche Herrschaft beendete die Zeit gelungener religiöser Koexistenz in Oświęcim und die in Jahrzehnten des politischen und sozialen Pluralismus gewachsene Gemeinsamkeit der katholischen und jüdischen Bevölkerung in der kommunalen Selbstverwaltung. In fast fünfeinhalb Jahren der Okkupation überzogen Deutsche die Stadt und deren dörfliche Umgebung mit gigantischen Industrieansiedlungen und landwirtschaftlichen Versuchsgütern. Wo zuvor die Menschen von der Arbeit in wenigen Fabriken, dem Handel und von ihren Höfen gelebt hatten, platzierten sich deutsche Industriebetriebe. Für deren Bedarf schafften deutsche Behörden einheimische Polen und ein Heer von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Sklavenarbeitern aus ganz Europa herbei. Ihre Zahl übertraf im Sommer 1944 die einstige Bevölkerungszahl der Stadt um ein Zehnfaches.
Ab 1942 baute die SS das Lager Auschwitz so aus, dass an diesem Zielort der Massendeportationen Vernichtungsstätte und Konzentrationslager kombiniert wurden. Wie Chełmno, Bełżec, Sobibór und Treblinka war Auschwitz einer der Orte des Völkermords an den europäischen Juden. Von den annähernd sechs Millionen unter deutscher Herrschaft ermordeten europäischen Juden ist mindestens eine Million in Auschwitz umgekommen. Fast neunhunderttausend Deportierte wurden als nicht zum Arbeitseinsatz tauglich sofort in den Gaskammern vernichtet.
Wer die Selektion in Auschwitz zunächst überlebte, teilte das Los der Feinde der deutschen Okkupation – Männer, Frauen und Jugendliche, die die Nazis aus ganz Europa in die Konzentrationslager verschleppten, um den Rest ihres Lebens unter unsäglichen Bedingungen als Arbeitssklaven für die deutsche Kriegswirtschaft zu fristen.
Zwischen Juni 1940 und Januar 1945 registrierte die SS in Auschwitz vierhunderttausend Menschen als Gefangene, fast zweihundertsiebzigtausend Männer und seit März 1942 mehr als einhundertdreißigtausend Frauen. In den Lagern wurden etwa zweihunderttausend der registrierten Gefangenen systematisch vernichtet.
Mindestens 1,1 Millionen Menschen sind im deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz ermordet worden. Mindestens.
Die sowjetische Kommission, die gemeinsam mit polnischen Experten und Überlebenden des Lagers unmittelbar nach der Befreiung die in Auschwitz begangenen Verbrechen dokumentierte, berichtete dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, dass die Lager von Auschwitz dazu bestimmt waren, dauernd etwa zweihunderttausend Menschen gefangenzuhalten, um diese durch in höchstem Maße entkräftende Zwangsarbeit auszubeuten. »Die Menschen, die diese Arbeiten verrichten mussten, wurden in einen Zustand völliger Erschöpfung gebracht und dann als nutzlos umgebracht. Jede Woche trafen deutsche Ärzte eine ›Auswahl‹, als deren Ergebnis alle Kranken in den Gaskammern umgebracht wurden. Diese wurden durch solche ersetzt, die per Bahn im Lager neu angekommen waren. Es war ein genau ausgearbeitetes System, ein schreckliches laufendes Band des Todes. Die einen wurden umgebracht, um durch andere ersetzt zu werden, die dann an der Reihe waren, durch rücksichtslose Ausbeutung zu Krankheit und Erschöpfung gebracht zu werden, und dann schickte man sie wie die anderen in die Gaskammern.«4
Die Entwicklung des Lagers Auschwitz von einem Ort der Internierung, Folter und Vernichtung polnischer politischer Gefangener zu einem Ort der Versklavung und Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener, der Sinti und Roma und einer Million Juden war bei der Errichtung des Konzentrationslagers im Mai 1940 nicht geplant. Die SS orientierte ihre Entscheidungen über die Funktion und den Ausbau dieses Lager in den folgenden Jahren nicht nur an den eigenen politischen und ökonomischen Optionen, sondern auch an den Interessen ihrer mächtigen Partner: zuerst der I.G. Farbenindustrie AG, dann der Wehrmacht und schließlich des Rüstungsministeriums. Die von der SS Hand in Hand mit Interessenten aus Staat und Wirtschaft betriebene Expansion des Lagers machte Auschwitz nach der Zahl der deportierten, ermordeten, gefangenen und abermals in andere KZ transferierten Menschen zum größten der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager.
Ortsschild von Oświęcim, das unter deutscher Besatzung von 1939 bis 1945 Auschwitz hieß
Das ungeheuerliche Geschehen von Auschwitz haben Nachgeborene immer wieder von Neuem an dem von ihnen begehbaren Ort und durch die an einem Menschen verübten Verbrechen zu begreifen versucht.
Die Errichtung des Konzentrationslagers Auschwitz war eine Folge des im April 1939 beschlossenen Angriffskriegs gegen Polen. Dessen Entfesselung, urteilten die Richter im Nürnberger Prozess, sei das schwerste internationale Verbrechen, das im Unterschied zu den anderen Kriegsverbrechen das akkumulierte Übel all jener in sich trägt.5
Als Kriegsanlass dienten angeblich von Polen ausgehende, tatsächlich von deutscher Seite unter falscher Flagge inszenierte Anschläge auf Personen und Einrichtungen im Grenzbereich. Am 22. August 1939 hatte Hitler den Oberbefehlshabern der Wehrmacht angekündigt, er werde »den propagandistischen Anlaß zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft. Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Bei Beginn und Führung des Krieges kommt es nicht auf das Recht an, sondern auf den Sieg.«6
Am 1. September 1939, es sollte in Polen der erste Schultag sein, flog die deutsche Luftwaffe Bombenangriffe gegen vierundsechzig polnische Städte und Ortschaften. In wenigen Tagen waren weite Teile des Landes von der Wehrmacht erobert. In Oświęcim waren am ersten und zweiten Tag des Kriegs die Kaserne in Zasole, der Bahnhof, die Altstadt mit einer Schule und dem Gymnasium Ziele des Bombardements und des Gewehrfeuers aus der Luft; mehrere Soldaten, ein Eisenbahner, zwei ältere Frauen und ein Junge wurden getötet, ein Mädchen wurde schwer verletzt. In Panik machten sich die Bewohner auf die Flucht; die Evakuierung der Stadt begann. Am 3. September verteidigten Einheiten der polnischen Armee die Stadt westlich der Soła bei Rajsko. Auf dem Rückzug sprengten sie die Brücke zur Altstadt, etwa hundert Polen waren gefallen.
Die Wehrmacht etablierte sich in Oświęcim, trieb alle Juden auf dem Marktplatz zusammen, ermordete acht Bürger und nahm Geistliche und katholische Stadträte in Geiselhaft.
Bis Monatsende verteidigten die polnische Armee und die Warschauer Bevölkerung ihre vom 4. bis 6. September bombardierte und seit dem 9. September belagerte Hauptstadt.
Die Kampfhandlungen beendete das polnische Militär durch die jeweilige Übergabe seiner in militärisch aussichtsloser Lage stehenden Truppen. Die polnische Armee kapitulierte nicht gegenüber den deutschen Invasoren. Allein deshalb war die Errichtung des deutschen Okkupationsregimes einschließlich der Annexion von Teilen des polnischen Staatsgebiets – wie per se der Angriffskrieg – völkerrechtswidrig. Entgegen der damaligen Behauptung des Auswärtigen Amts existierte der polnische Staat fort, seine Regierung handelte im Exil, wo sich auch die polnische Armee neu formierte. Im Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht nahmen Menschen aus allen Kreisen der polnischen Bevölkerung den Kampf um die Befreiung ihres Landes auf. Der Krieg, den Deutschland seit dem 1. September 1939 gegen Polen führte, endete erst mit der bedingungslosen Kapitulation des deutschen Militärs am 8. Mai 1945 in Berlin.
Die deutschen Invasoren überzogen das Land mit beispiellosem Terror: Die Luftwaffe zerbombte insgesamt hundertneunundfünfzig Städte und Ortschaften, sie bombardierte Flüchtlingstrecks, und das Heer setzte fünfundfünfzig Städte und vierhundertsechsundsiebzig Dörfer in Brand. Die Zahl der durch diese Kriegführung im September 1939 umgekommenen Zivilisten scheint nie ermittelt worden zu sein. Die Verluste des polnischen Militärs werden mit siebzigtausend toten und einhundertdreiunddreißigtausend verwundeten Soldaten beziffert. Zur polnischen Erfahrung terroristischer deutscher Herrschaft gehören neben willkürlichen Verhaftungen und Geiselmorden auch die vom Reichssicherheitshauptamt, dem RSHA, zum propagandistischen Nachweis angeblich polnischen Terrors gegen Deutsche gesteuerte Diversantentätigkeit und die Morde des im September von einheimischen Deutschen gebildeten Selbstschutzes. Insgesamt massakrierten Deutsche zu Beginn des Kriegs etwa fünfzigtausend Polen.7
Die deutsche Regierung führte den Krieg mit dem Ziel, den polnischen Staat zu vernichten, um sich den wirtschaftlichen Reichtum des Landes und die Arbeitskraft der polnischen Bevölkerung dauerhaft anzueignen. Deshalb plante sie die Ausrottung der politischen, intellektuellen und geistlichen Führungsschicht des polnischen Volks. Bei Verhaftungsaktionen griffen die deutschen Polizeiorgane auf vorgefertigte Listen zurück, darunter ein vor Kriegsbeginn in Berlin erstelltes Sonderfahndungsbuch mit den Namen von einundsechzigtausend Polen. Zu den Gesuchten zählten auch die früheren Aktivisten der schlesischen Aufstände, des Kampfes um die Zugehörigkeit des oberschlesischen Industriereviers zu der am 11. November 1918 aus der Fremdherrschaft der deutschen, russischen und österreichischen Monarchien hervorgegangenen polnischen Republik. Den Kommandeuren seiner Einsatzgruppen sagte Heydrich, der Chef des RSHA, im September 1939 die Übernahme von zwanzigtausend zu Verhaftenden in die Konzentrationslager im Reichsgebiet zu, und zwar der führenden politischen Vertreter des polnischen Volkes aus den für die Annexion vorgesehenen Gebieten Polens. Andere Träger und einflussreiche Vermittler polnischer Kultur und nationalen Bewusstseins – namentlich Lehrer, Geistliche, Gutsbesitzer und Offiziere – waren zunächst in provisorischen Lagern im künftigen Grenzgebiet zu konzentrieren, um dann in das übrige Okkupationsgebiet abgeschoben zu werden.
Die Entscheidung zur Errichtung des KZ Auschwitz fiel erst, nachdem am 26. Oktober 1939 die deutschen Verwaltungen etabliert waren, die das besetzte polnische Staatsgebiet den wirtschaftlichen Kriegszielen entsprechend zergliederten: Die als neue Reichsgaue Danzig-Westpreußen und Wartheland sowie als Erweiterungen der Provinzen Ostpreußen und Schlesien bezeichneten annektierten Gebiete waren die landwirtschaftlich und industriell höchstentwickelten Gebiete Polens und sollten sofort germanisiert werden. Die Reichsgrenze wurde nach Osten verschoben, die polnische Währung außer Kraft gesetzt und im dadurch erweiterten deutschen Binnenmarkt Zollfreiheit hergestellt. Inländisches Recht galt in den annektierten Gebieten allerdings nur insoweit, als dieses ausdrücklich eingeführt wurde. Und die zunächst nur Danzig und das polnische Oberschlesien einbeziehende, ansonsten weiterhin entlang der bisherigen Reichsgrenze beibehaltene Polizeigrenze verhinderte, dass Deutsche sich unkontrolliert in die annektierten Gebiete begaben und Polen sich illegal im sogenannten Altreich aufhalten konnten. Geschlossene Grenzen hatte auch das übrige, nicht in das Deutsche Reich eingegliederte Okkupationsgebiet, das als sogenanntes Generalgouvernement deutscher Verwaltung unterstand. Eingeteilt in die Distrikte Krakau, Radom, Lublin und Warschau, bekam es die Funktion eines Polen-Reservats, in dem die dort ansässige und die aus den annektierten Gebieten abzuschiebende polnische und jüdische Bevölkerung verelenden sollte.
Die Festlegung des jeweiligen Umfangs des einzugliedernden polnischen Gebiets und damit zugleich die Abgrenzung des Generalgouvernements richtete sich nicht nach der ethnischen Herkunft der Bevölkerung; sie resultierte aus der Logik der Eindeutschung des größtmöglichen wirtschaftlichen Potenzials Polens und ging deshalb über die Revision der Nachkriegsgrenzen weit hinaus.
Auf Verlangen Görings wurden Schlesien nicht nur das Gebiet der polnischen Wojewodschaft Śląsk mit dem ostoberschlesischen Industrierevier zugeschlagen, sondern auch westliche Gebiete der Wojewodschaft Kielce mit dem Dąbrowa-Becken und der Wojewodschaft Kraków mit dem Revier von Jaworzno.
Dem neu errichteten schlesischen Regierungsbezirk Kattowitz wurden der nach dem Ersten Weltkrieg weiterhin deutsche Teil des oberschlesischen Industriereviers um Gleiwitz und letztlich auch das von Polen – im Schatten der deutschen Aggression gegen die Tschechoslowakei 1938 – annektierte tschechische Olsagebiet mit dem Karviná-Revier zugeordnet. Er umfasste die Industriereviere mit der gesamten Kohle- und Zinkerzförderung Polens sowie siebenundneunzigkommafünf Prozent der Roheisen- und neunzig Prozent der Stahlproduktion des Landes. Allein im Bereich der Förderung von Steinkohle trug dieser Raubzug der deutschen Kriegswirtschaft einen Zuwachs von fünfundzwanzig Prozent ein und vermehrte deren Reserven um einhundertfünfzig Prozent.8
Die deutsche Besatzungsmacht raubte nicht nur das Vermögen des polnischen Staats, sondern auch gewerbliches und privates Vermögen polnischer Bürger. Soweit solches nicht schon ab September von der Wehrmacht oder den Einsatzgruppen requiriert worden war, veranlasste die seit Oktober 1939 im Auftrag der Vierjahresplanbehörde Görings tätige Haupttreuhandstelle Ost, die HTO, die Verwaltung und Verwertung jeglichen polnischen Vermögens. An deren Kattowitzer Filiale verloren polnische Eigentümer rund zweihundertzwanzigtausend im Regierungsbezirk befindliche Objekte, darunter fast achtundzwanzigtausend Unternehmen.9
In allen Teilen des Landes unterwarf die deutsche Besatzungsmacht die Bevölkerung Polens einem rassistischen Arbeitsregime: je nach kriegswirtschaftlichem Bedarf verpflichtete sie Polen an Ort und Stelle in die Betriebe oder ließ sie zur Arbeit ins Reich abtransportieren. Die polnischen Juden hingegen wurden zur Zwangsarbeit in Arbeitslager gesperrt oder in Ghettos gepfercht.
Wehrmacht und Reichssicherheitshauptamt begannen bereits im September 1939, Juden zu tausenden und zehntausenden aus dem jeweils eigenen Machtbereich über die Polizeigrenze, die militärischen Bereichsgrenzen oder die deutsch-sowjetische Demarkationslinie abzuschieben. Wer gegen das Verbrechen des Kriegs, die Okkupation und das Gewaltsystem der materiellen Enteignung, kulturellen Unterdrückung und sozialen Verelendung aufbegehrte, sich dem Zwangsregime entzog oder zum organisierten Widerstand entschloss, lief Gefahr, Opfer des gezielten staatspolizeilichen Terrors zu werden.
Seit den Massenverhaftungen am Vorabend des 11. November, des polnischen Nationalfeiertags, beklagten örtliche Behörden die Überfüllung der Gefängnisse im Regierungsbezirk Kattowitz. Polizeibehörden monierten, es wäre aus Platzmangel nicht möglich, weitere Verhaftete einzuliefern. Kurz vor Jahresende erfuhren die örtlichen Polizeidienststellen vom Kommandeur der Gendarmerie im Regierungsbezirk, dass gemäß einer Zusage des Kattowitzer Gestapo-Chefs vom 18. Dezember nach Neujahr ein besonderes Lager eingerichtet werden würde, um die Gefängnisse zu entlasten. Es sollte als Durchgangslager für zehntausend Schutzhäftlinge dienen, die dann nach einer Zeit der Quarantäne – der Abrichtung auf den KZ-Alltag – in andere Konzentrationslager im Reich umgesetzt werden würden. Als Standort für ein Lager in der Art der staatlichen Konzentrationslager in Schlesien favorisierte der Breslauer Inspekteur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, der Sipo und des SD, ein von der Wehrmacht requiriertes Kasernengelände der polnischen Armee in Oświęcim.
Der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei Himmler, von dessen Entscheidung die Errichtung des Lagers abhing, erfuhr am 25. Januar 1940 von dieser Präferenz seines Untergebenen und forderte am 1. Februar ausführliche Berichte zu einer Reihe möglicher KZ-Standorte an.
Im Februar 1940 war das Lager Auschwitz in Regie der zentralen Inspektion der Konzentrationslager dann beschlossene Sache. Deren Leiter Glücks ließ Himmlers Amtschefs Heydrich und Pohl sowie dem Reichsarzt-SS Grawitz seinen ausführlichen Inspektionsbericht zu Auschwitz zukommen. Am 21. Februar informierte Glücks Himmler, es könne das Lager sofort als Quarantänelager betrieben werden. Es gelte nur noch die Überlassung des Objekts durch die Wehrmacht am 8. April 1940 abzuwarten.
Zwischenzeitlich hatten sich die Kattowitzer Behörden für eine Interimslösung entschieden. Es standen die Razzien und Massenverhaftungen der AB-Aktion, zur »außerordentlichen Befriedung« bevor: Im Vorfeld der am 9. April gegen Dänemark und Norwegen und am 10. Mai 1940 gegen die Niederlande, Belgien und Luxemburg ausgelösten Angriffskriege und der Invasion Frankreichs sollte jeder Widerstand im Keim erstickt werden. Deshalb übernahm die SS ein Juden-Abschiebelager in Sosnowiec als provisorisches KZ.
In der zweiten Aprilhälfte entsandte Richard Glücks eine Kommission unter Rudolf Höß nach Auschwitz, die am 18. und 19. April 1940 die bauliche Bestandsaufnahme abschloss. Sie hielt die in österreichischer Zeit als Quartier für galizische Saisonarbeiter errichtete, nach 1918 von der polnischen Armee genutzte Anlage für geeignet, zu einem Konzentrationslager ausgebaut zu werden. Die dortigen Kasernen- und Stallgebäude waren den Angaben eines Lageplans von Dezember 1939 zufolge für zweitausendeinhundert Mann und achthundertsechsunddreißig Pferde ausgelegt.
Die erforderlichen Instandsetzungen und Neubauten legte in Berlin das Amt Bauten der SS unmittelbar nach der Rückkehr der Kommission fest. Die Kostenaufstellung vom 30. April 1940 führte die Mindestausstattung eines KZ auf: elektrische Drahtsicherung, Lagermauer, Außenbeleuchtung, Trafostation, Notstromaggregat, Zellengebäude und Krematorium. Unter den insgesamt dreißig verschiedenartigen Bauvorhaben war die Ausstattung des Lagers mit einem Pumpenhaus, einer Wasserversorgungsanlage, Wasser- und Abwasserleitungen sowie Warmwasser in einem als Wäscherei vorgesehenen Gebäude die teuerste geplante Investition. Das SS-Verwaltungsamt genehmigte am 20. Mai 1940 die veranschlagten zwei Millionen Reichsmark für den KZ-Bau.10 Höß, zuletzt Lagerführer im KZ Sachsenhausen, verlegte am 30. April seinen Dienstsitz nach Auschwitz und wurde am 4. Mai 1940 zum Kommandanten des KZ Auschwitz ernannt.
Die Errichtung des KZ Auschwitz in der annektierten polnischen Bergbau- und Industrieregion mit zweieinhalb Millionen Einwohnern erleichterte es Göring und dem Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt der Wehrmacht, sowohl das seit Anfang Februar 1940 beim Reichsministerium des Innern in Berlin erörterte Begehren des schlesischen Gauleiters Wagner, Teile des Annexionsgebiets als nicht germanisierbar wieder auszugliedern, als auch das Interesse des Generalgouverneurs Frank abzuwehren, das polnische Industrierevier zugunsten des Generalgouvernements auszubeuten, ohne sicherheitspolizeiliche Gesichtspunkte zu vernachlässigen. Denn vom ersten Tag an war die Funktion des Lagers Auschwitz nicht auf die eines Durchgangs- oder Quarantänelagers begrenzt. Das staatliche KZ Auschwitz war zum Ort des Terrors gegen Polen bestimmt, die im schlesischen Annexionsgebiet und darüber hinaus in allen Distrikten des Generalgouvernements als politische Gefangene inhaftiert wurden.
Am 14. Juni 1940 traf der erste Transport politischer Gefangener im KZ Auschwitz ein. Die in Tarnów auf einen Zug verladenen 728 Polen waren seit Beginn der Okkupation in der südpolnisch-slowakischen Grenzregion zwischen Sanok und Zakopane gefangengenommen worden. Die meisten der Verhafteten hatten versucht, das Land zu verlassen, um sich polnischen Militäreinheiten im Exil anzuschließen. Andere waren wegen des Verdachts der Widerstandstätigkeit in die Fänge der deutschen Polizei geraten, gehörten zu den konspirativen Jugendverbänden Weißer Adler, darunter die von Pfadfindern gebildete militärische Gruppe Resurrectio, oder zu dem seit Herbst 1939 landesweit aktiven Verband des bewaffneten Kampfes Związek Walki Zbrojnej (ZWZ). Vor der KZ-Haft hatten die meisten Wochen oder Monate in überfüllten Gefängnissen im Distrikt Krakau zugebracht. Sie waren der Tortur von Gestapo-Verhören ausgesetzt und wussten von der Hinrichtung mitgefangener Kameraden. Als ihnen im Gefängnis ihre persönliche Habe ausgehändigt wurde, hofften sie, entlassen zu werden. Die aus Tarnów Deportierten vermuteten, sie würden zur Arbeit nach Deutschland abtransportiert, zumal der Zug den Kontrollpunkt an der Grenze des Generalgouvernements passierte.
»Auschwitz«, der Stationsname am Bahnhof der polnischen Stadt Oświęcim, sagte den Gefangenen des ersten Transports noch nichts. Nach stockender Fahrt stoppte der Zug auf einem Nebengleis. Die Deportierten wurden aus den Waggons durch ein Spalier brüllender bewaffneter SS-Männer zu einem Gebäude geprügelt, das von einem hohen Zaun umgeben war. Hinter dem Tor gerieten sie in ein zweites Spalier, diesmal aus Knüppel schwingenden Kerlen in gestreiften Klamotten. Schläge, Tritte, dann in Reihen aufgestellt, ausgerichtet, abgezählt, gemeldet. Ins Gebäude getrieben, der persönlichen Sachen beraubt und entblößt, am ganzen Körper rasiert, unter eiskaltes Wasser gedrückt und zuletzt nur ein Stückchen Pappe in der Hand mit einer Nummer darauf – das war der von der SS den KZ-Häftlingen zugestandene Rest menschlicher Individualität.
Dieselbe einschüchternde und entwürdigende Aufnahmeprozedur von der Rampe zum Gebäude des früheren staatlichen Tabakmonopols erfuhren am 20. Juni 1940 auch die 313 Polen des zweiten Transportzugs aus dem Gefängnis in Wiśnicz Nowy. Es waren vor dem Nationalfeiertag im Herbst 1939 verhaftete Lehrer, Juristen, Studenten und Priester aus Krakau, Ingenieure eines Stickstoffwerks in Mościce, Mitglieder der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS), und beim illegalen Grenzübertritt Festgenommene.
Mit kleineren Lastwagentransporten wurden 283 Polen zwischen dem 22. und 27. Juni sowie am 6. Juli 1940, als das Lager in Sosnowiec aufgelöst wurde, eingeliefert. Hunderte junge Leute hatte die Gestapo seit Mitte April verhaftet: Sie gehörten zu Gruppen des Polnischen Aufständischen-Verbandes (POP), der im oberschlesischen Annexionsgebiet bislang nicht organisierte, polizeilich also unverdächtige Jugendliche für die konspirative Arbeit angeworben hatte. Sie verbreiteten mit der im September 1939 in Warschau entstandenen Organisation Służba Zwycięstwu Polsce (SZP, »Dienst am Sieg Polens«) die Flugschriften Świt (»Morgenrot«) und Zryw (»Aufstand«).
Die Menschen im Okkupationsgebiet übten sich im Widerstand: Sie beschafften aus dem Ausland unabhängige Informationen, klebten Plakate, sammelten Geld, fälschten Dokumente, fanden Quartiere und Lebensmittel für Untergetauchte, requirierten Waffen und bildeten sich militärisch aus, um Sabotageakte auszuführen. Nach laufend ergänzten Fahndungslisten spürten Sicherheitspolizei und Gestapo Widerstandsverdächtige auf, kassierten bei Razzien Menschen aber auch ohne jedes Verdachtsmoment ein. Welche Dienststelle des Himmler unterstehenden deutschen Polizeiapparats auch im Einzelfall die Haft veranlasste – in Auschwitz wurden alle derselben Willkür unterworfen.
Lebend sollte keiner der Häftlinge das KZ Auschwitz verlassen. Das wurde allen Eingelieferten durch drastische Ansprachen des Lagerführers und die Brutalität des SS-Personals und seiner Handlanger unter den Funktionshäftlingen eingebläut. Unverhüllt konfrontierte die SS die Gefangenen mit dem Zweck dieses ersten nach Kriegsbeginn im Okkupationsgebiet errichteten deutschen KZ: ihre Vernichtung. Sie alle sollten auf die eine oder andere Weise den unmenschlichen Bedingungen im Lager erliegen. Die Mörder gestanden ihnen nur verschiedene Fristen zu: Juden, hieß es, höchstens zwei Wochen, Geistlichen allenfalls einen Monat, allen anderen Polen längstens drei Monate.11
Die erste Phase der KZ-Haft, die für den Einzelnen je nach Arbeitsbedarf Tage, Wochen oder Monate dauerte, nannte die Lagerverwaltung Quarantäne: Die SS wollte die Gefangenen fertigmachen. Sport hieß eine der Torturen, die deren völlige körperliche Erschöpfung bewirkte, willkürlich herausgegriffene, zumeist schon geschwächte Gefangene vor aller Augen zu misshandeln und zu töten – das sollte den Willen aller brechen.
Bis Anfang Juli 1940 wechselten alle Gefangenen vom Tabakmonopolgebäude in das frühere Kasernengelände. In drei Reihen standen beidseits eines Reitplatzes je elf gemauerte Gebäude im Karree, die Eckbauten zweistöckig, dazwischen sieben Eingeschosser von mehr als fünfundvierzig Metern Länge und fast achtzehn Metern Breite.
Nur sechs der Gebäude waren anfangs verfügbar. Einen Parterreblock mit mehreren Werkstätten hatten die am 20. Mai 1940 vom künftigen Rapportführer Palitzsch aus dem KZ Sachsenhausen nach Auschwitz gebrachten dreißig Deutschen bezogen, die als Lagerältester, Kapos und Blockälteste fungierten. Die etwa tausenddreihundert polnischen Gefangenen wurden in zwei benachbarte ein- und zweistöckige Blöcke gezwängt. Auch dort befanden sich in einzelnen Räumen Werkstätten.
Die Häftlinge der Krankenstube bezogen einen von drei Parterreblöcken; die beiden anderen Blöcke waren für die Quarantäne neu eintreffender Gefangener bestimmt. Wegen des hohen Krankenstands im Lager wurden auch diese beiden Blöcke bald Teil des Häftlingskrankenbaus. Die noch provisorische Einzäunung umschloss auf dem dreihundert mal zweihundert Meter messenden Areal zwanzig der Steinbaracken und trennte zwei der acht Zweigeschosser ab: die Kommandantur und das SS-Hospital. Die Reihe der drei Häftlingsblöcke war separat eingezäunt und durch mehrere Meter tiefe Sperranlagen aus Stacheldrahtrollen gesichert. Auch die Reihe der drei Krankenblöcke auf der anderen Seite des Platzes sperrte Stacheldraht ab.
Den Gebäuden fehlte jede Installation. Grundwasser wurde am Appellplatz von Hand gepumpt. Die übrigen Versorgungseinrichtungen lagen im Freien zwischen den drei Unterkunftsblöcken: eine Feldküche, ein Wasserbottich und eine Latrinengrube.
Nachts lagen die Häftlinge auf dem Steinfußboden: seitlich und dicht aneinander, auf Säcken mit brüchigem Stroh, vielleicht mit einer Decke; wer nachts zur Latrine musste, verlor seinen Platz im Gedränge. Der ruhelosen Nacht in stickiger Luft folgte vor fünf Uhr morgens, im Winter eine Stunde später, ein erschöpfender Tag, auf Schritt und Tritt von Schlägen bedroht. Die aus den Unterkünften gejagten Häftlinge versuchten mit einem Blechnapf am Bottich etwas Wasser zu fassen, um ihre unter immer demselben verdreckten, durchnässten und zerlumpten Drillichzeug angegriffene Haut zu reinigen; sie standen an der Latrine an, um dann in Sekundenschnelle ihre Notdurft zu verrichten. Stuben und Säle waren zu räumen, die über Nacht Gestorbenen vor den Block zu legen, Strohsäcke und Decken an der Wand zu stapeln, in späteren Jahren auf dreistöckigen Holzpritschen auszurichten. Dann standen die Gefangenen abermals an, um den zum Waschen benutzten Blechnapf mit wässrigem Aufguss von Ersatzkaffee oder Kräutern zu füllen. Danach hatten sie zum morgendlichen Zählappell anzutreten, blockweise in Zehnerreihen gruppiert und nach Körpergröße ausgerichtet.
Zweigeschosser hinter Stacheldraht
Sobald der Rapportführer die Zahl der Lebenden und der Toten registriert hatte, formierten sich die Häftlinge an festgelegten Sammelpunkten zu Arbeitskommandos. Die mindestens zehnstündige Arbeitszeit unterbrach nur eine Mittagspause, mit abermaligem Appellstehen und zur Ausgabe der dreiviertel Liter Suppe, auf Kartoffeln oder Rüben gekocht, mit Gemüseextrakt versetzt und nur selten mit Getreide angereichert. Anschließend wurden erneut Arbeitskommandos formiert.
Der Abendappell begann um neunzehn Uhr und dauerte, bis alle Kommandos wieder eingerückt waren – mit ihren Toten. Denn die morgens, mittags und abends festgestellten Zahlen mussten übereinstimmen. Erst nach dem Appell wurde die das Frühstück ersetzende Brotration ausgeteilt, bestenfalls dreihundert Gramm mit einem Stück Margarine oder etwas Marmelade, selten einer Scheibe Wurst. Die Portionen reichten nicht, um je den Hunger zu stillen.
Am 6. Juli 1940 floh Tadeusz Wiejowski. Die Lagerführung rächte sich an den Gefangenen: Der vom Lagerkommandanten Höß angeordnete Strafappell dauerte bis zum frühen Nachmittag des 7. Juli 1940. Zusammenbrechende wurden von SS-Leuten und ihren nummerierten Handlangern geschlagen, getreten, mit Wasser übergossen und wieder zum Stehen gezwungen. Neunzehn Stunden mussten die Häftlinge bewegungslos ausharren, in der feuchten Kälte der Nacht wie in der brennenden Hitze des Tags. Manche der zu Boden Gesunkenen vermochten Mithäftlinge in den Krankenbau zu retten.
In jener Nacht kam Dawid Wongczewski ums Leben, den seine deutschen Peiniger in der Gefangenschaft, davon siebzehn Tage in Auschwitz, besonders bestialisch misshandelt hatten, weil er Jude war.
Die Gestapo fahndete während des Appells intensiv nach den Helfern des Geflohenen innerhalb und außerhalb des Lagers. Fünf Arbeiter aus Oświęcim, Babice und Brzezinka, die dem Polnischen Aufständischen-Verband angehörten und im Lager für eine Baufirma als Elektriker tätig waren, wurden von der Gestapo wegen ihrer Hilfeleistung für die Gefangenen verhaftet. Sie hatten Zivilkleidung, Lebensmittel und Zigaretten geteilt und Briefe aus dem Lager geschmuggelt. Die Gestapo warf die fünf Polen in den Bunker, die Zellen im Keller des Blocks 11. Sie wurden nicht, wie zuerst von Höß und dem Breslauer Chef der Sicherheitspolizei und des SD vorgeschlagen, erschossen, sondern auf Entscheidung Himmlers Anfang Oktober 1940 zu einer Prügelstrafe von dreimal fünfundzwanzig Stockhieben und zu fünf Jahren KZ verurteilt.
Die Haft in Auschwitz und später in Mauthausen überlebte nur einer der fünf; und bald nach der Befreiung verstarb auch er.
Die Politische Abteilung, die Filiale der Kattowitzer Gestapo im Lager, verhörte sofort alle Häftlinge, die Tadeusz Wiejowskis Stube oder dessen Arbeitskommando angehört hatten. Elf Mitgefangene sperrte die Gestapo unter dem Verdacht der Fluchthilfe, des Kontakts zu Zivilarbeitern und eigener Fluchtvorbereitungen in den Keller des Todesblocks. Sie wurden – wie seit Mitte August alle Gefangenen des Lagerarrests, alle Geistlichen und alle neu eingelieferten Juden – der Strafkompanie zugeteilt, am 16. Oktober 1940 wieder entlassen und in den Bunker zurückgeworfen.
Sitz der Gestapo in Auschwitz, Aufnahme 2014
Das ihnen am 1. November 1940 vom Schutzhaftlagerführer Fritzsch zunächst verlesene Todesurteil wurde abgewandelt, und zwar in fünfundzwanzig Stockhiebe und drei Jahre verschärfter Haft in den Steinbrüchen des KZ Flossenbürg. Nach Vollstreckung der Prügelstrafe und einer weiteren Woche im Bunker wurden die Gefangenen am 8. November 1940 nach Flossenbürg abtransportiert. Eugeniusz Hejka, von dem ein Brief stammte, den die Gestapo bei ihren Durchsuchungen außerhalb des Lagers entdeckte, erlebte die Befreiung und bezeugte die Ereignisse vor Gericht.
Tadeusz Wiejowski konnte in Zivilkleidung auf einem Güterzug aus dem Auschwitzer Gebiet in das Generalgouvernement entkommen und lebte versteckt in der Umgebung seines Heimatorts Kołaczyce. Im Herbst 1941 wurde er erneut verhaftet, ins Gefängnis nach Jasło gebracht, von dort verschleppt und ermordet.
Nach der Flucht des ersten Gefangenen trieb Lagerkommandant Höß die Räumung des westlich der Soła von der SS beanspruchten Gebiets voran, und zwar zunächst nach Norden: entlang der Industriegleise bis zum Bahnhof und flussabwärts bis zur Brücke in die Oświęcimer Altstadt. Am 8. Juli 1940 erfuhren die in eine Fabrikhalle beorderten Einwohner von Zasole, das KZ werde ihren gesamten Ortsteil übernehmen. Zwölf Familien hatten ihre Häuser sofort zu räumen und die Gehöfte samt Äckern, Wiesen und Vieh der SS zu überlassen. Der Breslauer Chef der Sipo und des SD, der Auschwitz am 18. Juli besuchte, bekräftigte die von Höß bereits im Mai 1940 erhobene Forderung, mehrere Quadratkilometer um das KZ gänzlich zu räumen, und ordnete an, in dieser Sicherheitszone von der SS angetroffene suspekte Personen, auch Frauen und Minderjährige, der Gestapo Kattowitz zu übergeben.
Die Brücke über der Soła in der Oświęcimer Altstadt, dahinter das Schloss: die Nordgrenze des SS-Gebietes
