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Aus Sorge, die zwanzigjährige Jenny könnte einen verhängnisvollen Fehler begehen, beschließt der deutlich ältere Andi der leichtfertigen Zugbekanntschaft zu helfen. Ihre ganz speziellen Bedürfnisse zu erfüllen wird jedoch zu einer mühevolle Aufgabe, besonders als die Fahrt in Leipzig mit einer ungewöhnlichen Gewitternacht endet, der weitere Überraschungen folgen. Dabei wäre Andi nie mit Jennys Tränen konfrontiert worden, hätte er nicht den letzten ICE nach Dresden verpasst. Seine Hilfsbereitschaft lässt ihm jedoch keine Wahl.
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Seitenzahl: 35
Veröffentlichungsjahr: 2019
Für den Kauf dieses Büchleins bedanke ich mich. Ich wünsche gute Unterhaltung und viel Freude beim Lesen.
Außerdem bedanke ich mich bei meinem Onkel, Thomas Günther, Lektor im Ruhestand, für das Lektorat.
Ulrich Conrad
Bahnfahrt nach Leipzig
Jennys Freundschaft
Hoffentlich hat der ICE nach Dresden Verspätung, sonst komme ich erst weit nach Mitternacht zu Hause an. Mit schwerem Rollkoffer eile ich auf den Bahnsteig und sehe gerade noch die roten Lichter meines Zuges in der Abenddämmerung verschwinden. Nicht einmal auf die Unpünktlichkeit der Bahn ist Verlass.
Einem kurzen Ausruf des Zornes folgt der Blick auf die Bahnhofsuhr in Fulda. Es ist Viertel nach acht. Eigentlich schon spät genug, um nach Hause zu fahren, doch nun bleibt mir nichts anderes übrig, als noch eine Stunde auf den nächsten ICE zu warten.
Ich gehe zurück in das Bahnhofsgebäude, verzehre einen kleinen Imbiss und begebe mich wieder auf den Bahnsteig. Allmählich beginnt er sich zu füllen, der nächste Zug wird erwartet. – Warum steht jetzt „Leipzig“ auf der Anzeige? Fährt er nicht bis Dresden? Habe ich etwa den letzten verpasst? – Ach, das kann doch alles nicht wahr sein!
Mit leichtem Stöhnen atme ich tief aus. Es hilft ja nichts, dann fahre ich eben nur bis Leipzig und warte dort auf den ersten morgendlichen Regionalexpress.
Hätte ich mich doch nur eher von den Kumpels verabschiedet. Das wird eine lange Nacht.
Zahlreiche Fahrgäste warten inzwischen auf dem Bahnsteig, als die Einfahrt des ICEs angekündigt wird. Endlich erscheinen drei weiße Lichter, Bremsen quietschen, die Türen öffnen sich. Einige Fahrgäste steigen aus, aber viel mehr drängen hinein. Auch ich zwänge mich in den gut gefüllten Zug aus Frankfurt.
Überall suchen Leute mit Gepäck nach freien Plätzen. – Fahrräder, Koffer, Rucksäcke, Jacken. – Ist irgendwo noch ein freier Sitz? Ja, dort, in dem Viererabteil, neben dem älteren Paar, das vis a vis am Fenster sitzt. Glück gehabt!
„Ist hier noch frei?“
Der mürrische Blick eines verkniffen wirkenden Mannes trifft mich. „Sieht so aus!“ Dann dreht er mir wieder seine weißhaarig umkränzte Glatze zu und schaut aus dem Fenster.
„Danke.“ Ich versuche höflich zu bleiben, doch mein bemühtes Lächeln nehmen weder er noch seine Begleiterin wahr.
Sie sieht auf den Bahnsteig. „Hast du diese junge Frau mit ihren Tätowierungen gesehen? – Einfach unmöglich“, keift sie.
Er stimmt ihr zu. „Früher hätte es das nicht gegeben.“
Jetzt muss ich meinen Koffer, über die Köpfe der Mitreisenden hinweg, in die Gepäckablage wuchten. Aber wie? Auf seinen Rollen kann ich ihn zwar recht gut hinter mir herziehen, aber die Steine aus dem Erzgebirge, um die mich Peter für seine Mineraliensammlung bat, sind irre schwer. – Und dann kommt er nicht zum Treffen! Er entschuldigt sich und will sie nächste Woche in Dresden abholen! Denkt er, dass die schweben? – Ob ich den Herrn um Hilfe bitte? Neben ihm stehen Gehstützen. Nein, der kann mir nicht helfen.
Ich lasse meinen Trolley im Gang stehen. Es geht nicht anders. Andere stellen ihr Gepäck ja auch mitten in den Weg.
Der Zug ist längst unterwegs. Nachdenklich beobachte ich die Frau mir gegenüber, mit ihrem verkniffenen Gesicht und ihren offensichtlich dunkel gefärbten Haaren.
Plötzlich sieht sie mich an. „Sind sie geschäftlich unterwegs?“
„Nein, privat.“ Vielleicht hilft diese Unterhaltung einer drohenden Langeweile zu entfliehen.
„Ich war auf einem Klassentreffen. Wir feierten 25 Jahre Abitur.“
„Wie schön“, sagt sie offensichtlich desinteressiert und wendet sich ab.
Mühsam freundlich bleibend lächle ich sie an. „Und wohin fahren Sie?“
„Gotha.“
„Gerda“, raunzt ihr der Alte zu, „das geht doch keinen was an.“
Schweigend dreht sie sich zum Fenster. Das Gespräch ist beendet.
Nach schneller Fahrt hält der Zug in Bad Hersfeld. Es steigen viele aus, aber auch einige ein, sodass die Sitze noch immer nicht ausreichen. Auf dem einzelnen Platz mir gegenüber liegt jedoch nur die Handtasche der jetzt schweigsamen Seniorin, als wäre er belegt. Wahrscheinlich bleibt er genau deswegen frei.
Einige Leute müssen stehen. Sie murren über das allerorts störende Gepäck. Auch mein Trolley ist im Weg, einer stößt sich daran und flucht. „Verdammtes Gerümpel, so was gehört in die Kofferablage!“
Die beiden Senioren blicken auf. Die Frau will vermutlich nicht als Eigentümerin in Verdacht geraten. Mit ihrem Zeigefinger weist sie auf den
