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Gerade ihr Abitur geschafft, reiste Silvia erstmals allein an die Lahn. Auf einer einsamen Wanderung über die Höhen, entdeckte sie eine verfallene Burgruine, deren Turm mit der Hoffnung auf eine herrliche Aussicht lockte, doch ein Unglück brachte sie in eine scheinbar aussichtslose Lage. Konnte ihr jemand, mit dem sie im Traum sprach, helfen? Oder war es gar kein Traum, war er real? Würde sie die Burg jemals wieder verlassen können?
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Seitenzahl: 57
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Ulrich Conrad
Der Rucksack lastete auf Silvias Schultern. Sie spürte durch die sommerliche Hitze und die Anstrengung beim Besteigen der Höhen immer deutlicher ihre Zunge am Gaumen kleben. So hielt sie Ausschau nach einer Sitzgelegenheit für eine kleine Pause und fand einen geeigneten Stapel aus Baumstämmen am Wegesrand. Hier nahm sie Platz, legte eine Rast ein und trank einen Schluck aus ihrer Wasserflasche.
Entspannt lehnte sie sich mit dem Rücken an das Holz, legte ihren Kopf in den Nacken, ließ ihre Haare in einer leichten Brise wehen und genoss die Sonnenstrahlen, die durch die Äste der Laubbäume fielen. Sie lauschte den Vögeln, dem flüsternden Rauschen des Windes und dem Knarren alter Äste.
Als sie sich umsah, entdeckte sie auf einem nahegelegenen Bergrücken ein altes Gemäuer, eine Burgruine mit einem Turm.
„Von da oben müsste ich einen herrlichen Blick haben“, dachte sie, „und der Wind wird für Abkühlung sorgen, aber wie komme ich dort hin?“
Als sie ihre Wanderung auf der befestigten Forststraße fortsetzte, fand sie schon nach wenigen Metern einen unscheinbareren Trampelpfad, der zügig ansteigend auf die Bergeshöhe führte. Sie folgte ihm und erreichte gut zehn Minuten später eine Ebene mit nur schwer zu durchdringendem Dickicht. Als wäre es nur ein Wildwechsel, führte der Pfad durch einen engen Tunnel aus Gebüsch und Brombeerranken. Tief gebückt schlängelte sie sich hindurch und stand mit einem Mal vor einem bemoosten, aus Natursteinen gemauerten Torbogen, dem Eingang zur Burg.
Der Rest eines hölzernen Türflügels hing schief in den Angeln, der andere verrottete allmählich auf dem Waldboden. Meterhoch wucherten Farne, Gräser und Kräuter. Efeu umrankte das Tor.
Silvia trat ein.
Nach wenigen Schritten erreichte sie die verwitterten Mauern des einst stolzen Palas’, neben dem sich der Bergfried in die Höhe reckte. Durch eine bröckelnde Türhöhlung trat sie ins muffige Turminnere und entdeckte eine uralte hölzerne Treppe. Putzreste hingen in Spinnenweben und der Boden war mit Laub und Vogeldreck verunreinigt. Silvia ließ sich nicht davon abschrecken, die Hoffnung auf eine großartige Fernsicht trieb sie nach oben.
In der abgeschiedenen Stille des Turmes erschien das Knarren der Stufen beinahe unheimlich. Nichts anderes war zu hören als ihre Schritte und das Stöhnen der Balken, die wohl schon lange keine Last mehr zu tragen hatten. Durch winzige Schießscharten kam nur wenig Licht, doch es genügte, um dem Lauf der Treppe folgen zu können. Über mehrere Etagen hinweg wurde es allmählich heller. Auf dem letzten Stück führte eine enge Wendeltreppe hinauf in die Höhe.
„Gleich bin ich oben!“, dachte sie erwartungsvoll. „Der Ausblick wird phantastisch sein.“
Voller Temperament beschleunigte sie ihre Schritte. Das Dach des Turms schien schon seit Jahrzehnten beschädigt und war teilweise sogar eingestürzt. Tropfen fielen herunter. Die vor sich hin rottenden Stufen wurden weicher, doch vor lauter Freude auf die bevorstehende Aussicht achtete sie nicht darauf. Sie bemerkte auch nicht, dass bei jedem ihrer Schritte etwas Wasser zwischen den bemoosten Balken hervortrat. Stellenweise war das Holz bereits ganz vermodert. Der Boden schien ihre Schritte abzufedern, doch die Konstruktion gab mehr und mehr nach.
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Eine Stufe zerbrach unter ihrem Gewicht, doch konnte man das kaum als „brechen“ bezeichnen, da sie so durchfault war, dass sie wie Gummi nachgab. Silvia sackte ab und reagierte reflexartig. Das Gleichgewicht haltend sprang sie auf die nächste Stufe, die jedoch ebenfalls marode war, aber gerade noch so viel Halt gab, dass die Ausflüglerin weiter hinaufeilen konnte. Oben erwartete sie steinerner Boden, doch diesen musste sie erst erreichen, bevor sie die altersschwache Treppe hinter sich lassen konnte.
Schnell überwand sie die letzten Schritte zur Aussichtsplattform und erreichte die Turmspitze, doch durch die jahrzehntelange Nässe war die Treppe so morsch, dass sie weiter absackte. Für Sekundenbruchteile schien sie nur ganz langsam nach unten zu sinken, doch das altersschwache Gebälk fand keinen Halt und so brach die Treppe schließlich mit gewaltigem Krachen zusammen!
Entsetzt sah Silvia hinter sich in einen gähnenden Abgrund, wo eben noch die Treppe war. Wie sollte sie nun wieder nach unten gelangen? Vor Schreck zitterte sie am ganzen Körper und erkannte ihre ausweglose Lage. Wann würde man sie hier finden? Wie würde man sie befreien?
Sie war gefangen! Gefangen auf einem alten Burgturm. Dabei hatte sie sich doch nur gewünscht, frei zu sein. Frei und ungezwungen wollte sie allein und endlich einmal ohne ihre Eltern reisen. Es war der Sommer 1985. Gerade hatte sie ihr Abitur gemacht. Sie war erwachsen geworden, hatte Zeit, doch Geld war knapp, so hatte sie gerne die Einladung ihrer Großtante Charlotte angenommen, die ein gemütliches Häuschen in einem malerischen Städtchen an der Lahn hatte und sie für ein paar Tage aufnahm.
Charlotte war glücklich über den seltenen Besuch ihrer Großnichte. Sie verwöhnte sie, so gut sie konnte, doch an diesem Tag würde sie wohl lange auf ihren Gast warten müssen.
Gefangen auf dem alten Turm konnte Silvia nur versuchen so kräftig es ging um Hilfe zu rufen, doch der Pfad auf den Burgberg war so versteckt, so zugewachsen, dass wohl nur sehr selten jemand zu diesem Ort fand. – Wie weit wäre sie wohl zu hören? So laut sie konnte, schrie sie: „Hilfe! – Hilfe!“ Sie rief ununterbrochen, doch niemand antwortete.
Dass ihre Stimme nie besonders kräftig war, wusste sie. Schon ihre schwerhörige Großmutter hatte sie stets gebeten, lauter zu sprechen, doch das hatte ihr immer viel Mühe bereitet. Um von diesem Turm aus bis zur Forststraße gehört zu werden, hätte sie viel lauter rufen müssen als es ihr möglich war.
„Vielleicht sind ja noch andere Wanderer auf dem Hauptweg, von dem der schmale Pfad abzweigt“, überlegte sie, doch auch dorthin würde ihre Stimme kaum tragen.
Sie rief immer wieder, doch es kam keine Reaktion. Niemand rief etwas zurück, niemand erschien im Burghof.
Am Abend würde Tante Charlotte sie vermissen, dessen war sie sich sicher. Sie würde Silvia suchen lassen, aber wo? Und wann würde man sie finden?
Es wusste ja niemand, wohin sie wollte. Sie hatte es am Beginn ihrer Tour ja selbst noch nicht gewusst und sich von Lust und Laune treiben lassen. Sie hatte sich vorgenommen die schönsten Aussichtspunkte zu suchen und ausführlich zu genießen.
„Hoffentlich muss ich nicht die ganze Nacht hier oben verbringen“, fürchtete Silvia.
Trotz des heißen Sommertages ließ der zu dieser Zeit noch angenehme Wind eine kühle Nacht erwarten. Im Notfall würde sie sich in den Windschatten der Brüstung setzen, doch viel könnte sie so bestimmt nicht schlafen.
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