Azubis beißen nicht! - Reiner Rudolphi - E-Book

Azubis beißen nicht! E-Book

Reiner Rudolphi

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Beschreibung

Das Buch zeigt auf leicht verständliche Weise, warum sich jedes Unternehmen, das morgen noch konkurrenzfähig sein will, heute um seinen Nachwuchs kümmern muss. Der Autor wendet sich dabei vor allem an kleine mittelständische Unternehmen und Handwerksbetriebe. Seine Botschaft: Es gibt keinen Grund, die »jungen Wilden« zu fürchten. Wichtig ist es aber, Auszubildenden Werte zu vermitteln und ihnen spannende Perspektiven zu bieten. Eine wertvolle Orientierungshilfe für alle, die sich mit Fragen der Berufsausbildung im eigenen Betrieb beschäftigen. Inhalte: - Wie bereiten sich Unternehmen auf die Ausbildung junger Menschen richtig vor? - Finden Sie die richtigen Bewerber und bieten ihnen »coole« Perspektiven - Die Rolle von Werten und die Persönlichkeitsentwicklung, angefangen beim Chef bis hin zu den Auszubildenden   Der Autor, selbst erfahrener Ausbilder und Unternehmer, wendet sich vor allem an Handwerksbetriebe sowie an kleine mittelständische Unternehmen im ländlichen Raum. Dabei werden gängige Vorbehalte ausgeräumt und auch aktuelle Herausforderungen wie die Covid-Pandemie und Fachkräftemangel thematisiert.

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Seitenzahl: 293

Veröffentlichungsjahr: 2021

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[5]Inhaltsverzeichnis

Hinweis zum UrheberrechtImpressumVorwort1 Standortbestimmung1.1 Mythos Null-Bock-Generation1.2 Rohdiamanten: nicht immer schön, aber voller Potenzial1.3 Die Welt verändert sich, und was tun Sie?1.3.1 Zunehmender Fachkräftemangel1.3.2 Die Grenzen der Digitalisierung1.3.3 Rien ne va plus – nichts gilt mehr1.4 Transformation beginnt im Kopf1.4.1 Integrieren statt spezialisieren1.4.2 Vertikales Lernen1.5 Bausteine für Ihr neues Ich1.5.1 Grundannahmen1.5.2 Positives Denken und Dankbarkeit1.5.3 Richtige Ziele1.5.4 Mut1.5.5 Beziehungen1.5.6 Gefühl und Mitgefühl1.5.7 Vergeben1.5.8 Inspiration1.5.9 Visionen1.6 Chancen für den Mittelstand1.7 Von wegen »Landeier«1.8 Erfolgsmodell duales System1.8.1 Warum eigentlich dual?1.8.2 Alternative Ausbildungssysteme1.9 Quo vadis – wo geht’s lang?2 Zukunftsaussichten2.1 Fürchten Sie nicht den »Krieg um Talente«2.2 Aussitzen ist keine Lösung2.3 Cluster: die Talentmagneten 2.4 Radikaler Schnitt3 Entscheidung3.1 »Und dann hat’s ›klick!‹ gemacht.«3.2 Wert-Schöpfung neu definiert3.3 Über den eigenen Tellerrand hinausblicken3.3.1 Das Ruanda-Projekt3.3.2 Nachhaltigkeit ist kein Modegag4 Einstieg4.1 Abbrecher: Vorbeugen ist besser als Klagen4.2 Ausbildungskonto4.3 Ohne Fortbildung keine Ausbildung4.4 Nachwuchsförderung richtig eintakten 4.4.1 Einstiegsqualifizierung als Auftakt4.5 Wertebasiertes Recruiting4.6 Ausbildung ist Teamwork4.7 Das Feedback-Pingpong4.8 Nebenjob Krisenmanager4.9 Das Vorbild: die Königsdisziplin des Lehrens4.10 Auszubildende brauchen besonderen Schutz4.11 Mit den Standards der Ausbildung vertraut machen4.12 Ausbildung richtig organisieren4.12.1 Kooperationen und Verbundausbildung5 Azubi-Suche5.1 Werber für Bewerber5.2 Positiv denken, positiv reden, positiv handeln5.3 Umdenken auf vielen Ebenen5.4 Wie finde ich die richtigen Kandidaten?5.4.1 Klassische Kanäle, neu interpretiert5.4.2 Internet-Recruiting5.4.3 Guerilla-Azubi-Marketing5.4.4 Schwarmintelligenz 5.5 Diversifizierung – denn doppelt hält besser5.6 Großzügigkeit, die sich lohnt6 Bewerberauswahl 6.1 Holen Sie sich keine Hasen ins Schwimmteam6.2 Werte und Ziele des Bewerbers6.3 Mehr als Geld6.4 Welches Motiv hätten Sie denn gern?6.5 Potenziale erkennen6.5.1 Am besten erst testen6.5.2 Dominanz6.5.3 Initiative6.5.4 Stetigkeit6.5.5 Gewissenhaftigkeit 6.5.6 Besser typisieren als blamieren6.6 Um die Ecke denken7 Ausbildung7.1 Ausbildung im digitalen Zeitalter7.2 Der unfertige Mensch7.2.1 Die Adoleszenz: ein holperiger Weg7.2.2 Auch Selbstwert ist ein Wert7.3 Das Unternehmens-Werte-Puzzle8 Perspektiven8.1 Schöne neue Welt8.2 Erziehung ist nicht delegierbar 8.3 Spannende Perspektiven: eine starke Motivation8.4 Kompass für Eltern und Azubis 8.5 Fördern statt fürchtenFragen an Hermann SchererWarum zögern Sie noch?AnhangDie AutorenDanksagung StichwortverzeichnisBildnachweis
[1]

Hinweis zum Urheberrecht

Haufe Lexware GmbH & Co KG

[4]Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de/ abrufbar.

Print:

ISBN 978-3-648-15090-0

Bestell-Nr. 14148-0001

ePub:

ISBN 978-3-648-15092-4

Bestell-Nr. 14148-0100

ePDF:

ISBN 978-3-648-15093-1

Bestell-Nr. 14148-0150

Reiner Rudolphi

Azubis beißen nicht

1. Auflage 2021

© 2021 Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg

www.haufe.de

[email protected]

Autoren: Reiner Rudolphi, Ralf Isau

Konzept: Ralf Isau (phantagon.com)

Illustrationen (Cover und Inhalt): Marcel Czeczinski

Produktmanagement: Jürgen Fischer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, des auszugsweisen Nachdrucks, der Übersetzung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, vorbehalten. Alle Angaben/Daten nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.

[2]Eine solide Ausbildung baut dem Schicksal Brücken.

Waltraud Puzicha

Gewidmet all jenen, die es mit der Ausbildung unseres Nachwuchses ernst meinen. Die verstanden haben, dass Azubis keine billigen Arbeitskräfte, sondern die nächste Generation sind, welche unser Handwerk und damit unser aller Welt am Leben erhält.

[9]Vorwort

Dies ist kein weiteres Buch auf dem Turm der Ratgeber für Lehrer oder Personaler und hauptberufliche Ausbilder in großen Unternehmen. Dies ist ein Buch, das es bisher so noch nicht gab. Ein Kompass, den ich selbst immer gern zur Hand gehabt hätte, als mich vor zwanzig Jahren erstmals Fragen zur Berufsausbildung in meinem Unternehmen umtrieben. Die rema fertigungstechnik gmbh hatte und hat bis heute ihren Sitz im pfälzischen Rockenhausen. Im ländlichen Raum also, wo man nicht aus dem Vollen schöpfen konnte wie in einer Metropolregion. »Wie soll ich da die richtigen Azubis finden?«, fragte ich mich.

Auf den folgenden 200 Seiten finden Sie die Essenz von zwei Jahrzehnten Erfahrung in der Azubi-Rekrutierung und Berufsausbildung, die ich heute mehr als Passion denn als Pflicht betrachte. Seit 2016 fördern wir in Initiativen wie Spa(n)nende Perspektiven® die Ausbildung junger Menschen in Deutschland und im afrikanischen Ruanda. Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung ist die rema-Akademie, ein Bildungszentrum, in dem wir Unternehmer, Meister und Personalchefs dafür fit machen, in ihrem Betrieb auszubilden. Auf den folgenden Seiten möchte ich die dabei gewonnenen Erkenntnisse mit Ihnen teilen.

Das erscheint mir wichtig, weil so mancher Chef seine Azubis immer noch als billige Arbeitskraft sieht. Oder sich erst gar nicht weiter um die Berufsausbildung kümmert. Jenen, die so denken, gebe ich eins mit auf den Weg: Erfolg misst sich nicht an dem Druck, den man ausgeübt, und auch nicht an dem Geld, das man dadurch verdient hat. Echter Erfolg wirkt über das nächste Geschäftsergebnis hinaus tief in die Gesellschaft hinein. Die Berufsausbildung im Betrieb kann dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Das Buch zeigt, warum auch Handwerksbetriebe und kleine mittelständische Unternehmen im ländlichen Raum eigenen Nachwuchs heranziehen sollten und wie sie die richtigen Auszubildenden finden. Es wendet sich vornehmlich an die Entscheidungsträger. Das gilt ebenso für den Inhaber des kleinen Installationsbetriebs wie für die Geschäftsführerin eines 50-Mitarbeiter-Unternehmens. Auch Personalchefs, Ausbildungsbeauftragte und Fachkräfte, die sich im Ausbildungsalltag den »jungen Wilden« (Azubis) stellen müssen, finden im Buch viele wertvolle Hinweise und Tipps.

Erwarten Sie bitte keinen Ratgeber für jedes Problem im Ausbildungsalltag. So ein Nachschlagewerk würde der Vielfalt des Lebens ohnehin nur hinterherhecheln. Ich möchte Ihnen vielmehr helfen, sich selbst zu helfen. Sie lernen einige typische Herausforderungen kennen, damit Sie sich – innerlich wie auch betrieblich – darauf einstellen und vorbereiten können. So bekommen Sie ein Gefühl dafür, Ausbildung in Ihrem Unternehmen erfolgreich zu planen, einzuführen und nachhaltig zu gestalten.

[10]Als Praktiker, der mit weitschweifigen Sachbüchern wenig anfangen kann, lag mein Fokus beim Schreiben des Buches auf der Verständlichkeit und leichten Umsetzbarkeit. In einer immer komplexer werdenden Welt nützen Ihnen wissenschaftliche Theorien, die morgen schon wieder überholt sind, nämlich wenig. Statt Sie damit zu langweilen, erzähle ich Ihnen lieber wahre Erfolgsgeschichten. Sie erfahren, wo wir als mittelständischer Maschinenbauer Lehrgeld zahlen mussten und welche Lektionen wir dabei gelernt haben. Daraus entstand für unsere immer komplexer werdende Welt ein branchenübergreifendes Konzept. Die Ausbildung ist darin ein wichtiger Baustein, mit dem sich ein Unternehmen nachhaltig umbauen und stärken lässt.

Beim Lesen erfahren Sie auch einiges über die Durststrecken, die der Umbau in einen Ausbildungsbetrieb mit sich bringt. Das Tagesgeschäft geht ja weiter und der Wandel ist kein Selbstzweck. Letztlich dient auch er dem wirtschaftlichen Erfolg Ihres Unternehmens.

Betrachten Sie dieses Buch vor allem als Kompass. Als eine Orientierungshilfe, um in Ihrer Firma eine Wertekultur zu schaffen, gegründet auf Respekt, Wertschätzung, Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Selbständigkeit und Teamarbeit.

Letztlich geht es darum, bei allen Beteiligten das Wollen zu stärken. Und um spannende Perspektiven. Damit meine ich nicht nur die Erfolgsaussichten, die sich im Zuge der Nachwuchsförderung für Ihren Betrieb ergeben. Sie tun gut daran, auch die Karrierechancen und die Lebensperspektiven der Azubis ernst zu nehmen. Für die Teens von heute ist Geld lang nicht mehr die einzige und wichtigste Motivation. Der innere Antrieb ist die beste Triebfeder für begeistertes Engagement. Ein Engagement, mit dem dann auch das Unternehmen die Transformationen ins digitale Zeitalter zu bewältigen vermag.

Noch ein Wort zur Sprache in diesem Buch: Wir leben ja in einer Zeit, die Befindlichkeiten mitunter zum Maß aller Dinge erhebt. In diesem Trend möchte ich nicht den Vorreiter spielen. Wenn ich auf den folgenden Seiten daher das generische Maskulinum benutze, bevorzuge ich damit kein Geschlecht. Es ist auch eine Frage der Lese- und Sprachökonomie, Sie nicht als »Leser und Leserinnen«, »Leser*innen«, »LeserInnen« oder sonst wie anzusprechen.

Wenn ich überdies die Wörter »Azubi« und »Azubine« benutze, dann als Ausdruck meiner herzlichen Zuneigung – und um Ihren Lesefluss nicht ständig durch dicke Brocken wie »Auszubildende« ins Stocken zu bringen.

Ach ja, und falls ich von KMUs spreche, erspare ich Ihnen den Bandwurmausdruck »kleine und mittelständische Unternehmen«. Wie Sie sehen, liegt mir Ihr Lesevergnü[11]gen sehr am Herzen. Deshalb würze ich lieber mit einem Spritzer Humor als mit einer Kelle Perfektionismus.

Zum Schluss lassen Sie mich kurz auf die beiden Strichfiguren hinweisen, die Sie auf dem Cover des Buches sehen: Meister Bolle und Jule. Sie sind mehr als eine nette Illustration. Wenn die zwei sich zoffen, aneinander reiben und aufeinander zugehen, dann stehen dahinter wahre Geschichten. Geschichten von wunderbaren Menschen, die unser aller Respekt verdienen, auch wenn sie so manches Mal auf die Nase gefallen sind. Um ihre Namen nicht preiszugeben, habe ich ihnen die Identität von Meister Bolle und Jule übergestülpt – oder sie durch veränderte Namen geschützt.

Genug der Vorrede. Jetzt lassen Sie uns beginnen mit dem ersten Schritt in die Zukunft Ihres Unternehmens. Denn nichts anderes bedeutet es, den Nachwuchs zu fördern.

Ihr Reiner Rudolphi

März 2021

[13]1Standortbestimmung

1.1Mythos Null-Bock-Generation

Die Jugend von heute … hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute … widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Sokrates

Was halten Sie vom Jugendwahn? Ein seltsam widersprüchliches Phänomen. Nie haben Ältere so viel Zeit und Geld darin investiert, jung auszusehen. Viele Omas stellen ihre Enkelinnen heute beim Outfit und Make-up in den Schatten. So verzweifelt wir uns auch ans Jungsein klammern, so genüsslich klagen wir zugleich über die heutige Jugend: Die glotzen nur noch auf ihre Handys, sind zu frech, zu oberflächlich, zu dumm, zu unmotiviert … Die Klischees über Teenies und junge Erwachsene lassen sich endlos fortsetzen.

Und sie sind uralt, wie obiges Zitat des griechischen Philosophen Sokrates beweist. Erwachsene haben sich schon vor 2400 Jahren über die respektlose, undisziplinierte, maßlose, verfressene und faule Jugend beschwert. Wir Menschen lieben es, zu pauschalisieren! Deshalb sind Vorurteile kaum totzukriegen.

Dazu gehört auch die Mär von der »Null-Bock-Generation«, ein Modebegriff aus den 1980er-Jahren. Damals sahen viele Jüngere für sich kaum noch berufliche oder gesellschaftliche Perspektiven. Sie empfanden ihr Leben als sinnlos und waren frustriert. Manche litten unter Depressionen und nahmen Drogen, andere schlossen sich radikalen Gruppen an.

Wie denken Sie über die Jugendlichen und jungen Erwachsenen? Sehen Sie in ihnen das Potenzial, die Welt zu einem besseren Ort zu machen? Oder ist diese Generation die schlimmste, die es je gab? Sollten Sie zu Letzterem neigen, bedenken Sie bitte: Wenn alles zuträfe, was man der »Null-Bock-Generation« angedichtet hat, wie hätte sich die deutsche Wirtschaft dann seit den 1980er-Jahren entwickelt? Wäre sie nicht den Bach runtergegangen? Ich jedenfalls hätte mir nie einen Azubi in die Firma geholt. Wer braucht schon »Schlaftabletten dumm wie Stroh«?

[14]Zum Glück habe ich die Vorurteile über die Jugend nie geteilt. Sie widersprechen dem, was ich um mich herum beobachte und was seriösen Medien berichten. So schrieb Zeit Online am 3.2.2020:

»Deutschland hat 2019 das vierte Jahr in Folge den weltweit größten Überschuss in der Leistungsbilanz erzielt.«

Den Titel eines Exportweltmeisters bekommt man nicht mit einem Heer von Nieten. Dazu bedarf es des besten Ausbildungssystems der Welt und junger Menschen, die sich begeistern lassen. Die Lust auf Leistung haben. Und jetzt verrate ich Ihnen etwas: Beides gibt es in Deutschland und auch bei unseren europäischen Nachbarn. Man muss sich die vorhandenen Ressourcen nur zu erschließen wissen.

Damit das gelingt, sollten wir das Klischee von der Null-Bock-Generation begraben. Schon als es aufkam, war es falsch. Anfang der 1980er gingen Hunderttausende junger Menschen in Friedensdemonstrationen auf die Straße. Ein deutsches Mädchen namens Nena stürmte mit ihrem Anti-Kriegs-Lied 99 Luftballons weltweit die Charts. Dieses Aufbegehren von überwiegend jungen Menschen passt nicht zu Teens und Twens, die auf nichts Bock haben.

Viele Jugendliche und junge Erwachsene ticken eher so wie Viktor. »Ich könnte mir nicht vorstellen, mich ohne ein Praktikum auf einen Handwerksberuf zu bewerben«, berichtete er in den Badischen Neuesten Nachrichten (11.2.20). Als Zehntklässler nutzte er die Pfingstferien für ein zweiwöchiges Praktikum in einer Landschaftsgärtnerei. Später schnupperte er noch in eine Baumschule hinein, fand die Arbeit dort aber zu eintönig.

Kennen Sie das? Sie schauen sich viele Varianten an und entscheiden sich dann doch für das erste Angebot? So war es auch bei Viktor. Nach der Schule begann er die Ausbildung zum Landschaftsgärtner. Mit neunzehn Jahren zieht er ein erstes Resümee: Die Entscheidung war richtig. Die Arbeit ist abwechslungsreich. Er legt Privatgärten und öffentliche Parks an, Spielplätze und Friedhofsanlagen, gestaltet mit Pflanzen, Steinen, Spiel- und Sportgeräten.

Wie die meisten Jugendlichen so kämpfte auch Viktor anfangs mit der Umstellung vom Schulbetrieb auf den Azubimodus. »Im Winter muss man morgens auf Betriebstemperatur kommen«, scherzt er. Die Arbeit beginnt um 7 Uhr. Manchmal steht er buchstäblich im Regen, und im Sommer macht ihm bisweilen die Hitze zu schaffen. Es hat eben nicht nur Vorteile, immer an der frischen Luft zu sein.

[15]»Aber es lohnt sich, sich am Anfang durchzubeißen«, erklärt Viktor und schmunzelt. Es sei ein gutes Gefühl, für seine Arbeit Lob und Dank zu ernten. Oder durch die Straßen zu laufen und die Anlagen zu sehen, an denen man mitgewirkt hat. Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen einem Erfüllungsgehilfen im Büro und jemanden, der sich mit ehrlicher Arbeit die Hände schmutzig macht. Wer den lieben langen Tag lang Computer mit Daten füttert, verspürt zum Feierabend selten ein tiefes Gefühl der Befriedigung.

Viktors Geschichte ist fast wie eine Blaupause für viele Aspekte der Ausbildung, die ich Ihnen in diesem Buch vorstelle. Dazu gehört auch das Anbieten beruflicher Perspektiven. Viktor kann seinen Meister machen und Landschaftsarchitektur studieren. Vorerst plant er die Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker im Garten- und Landschaftsbau. Hört sich das nach einem »Null-Bockler« an?

Ich erzähle Ihnen diese Geschichte, weil sie typisch für viele junge Leute ist. Das belegen die Jugendstudien an Zwölf- bis Fünfundzwanzigjährigen, die der Öl- und Gaskonzern Shell seit 1953 durchführt. Schon 2006 war darin zu lesen, »die Protestgeneration wie auch die Null-Bock-Generation seien Vergangenheit. Die Jugendlichen seien heute vor allem pragmatisch und leistungsorientiert eingestellt und wüssten es zu schätzen, Einfluss nehmen zu können.«

Heutige Jugendliche sind pragmatisch und leistungsorientiert. Sie wollen Einfluss nehmen (Shell-Studie).

Diese Haltung hat sich bis heute sogar verstärkt, wie die Jugendstudie des Jahres 2019 belegt. In der repräsentativen Umfrage erklärten diesmal mehr als 2.500 Befragte, wie sie mit Herausforderungen umgehen. Was finden sie wichtig? Welche Lebenseinstellung besitzen sie? Das Ergebnis fassten die Autoren des Shell-Papiers in sechs Worten zusammen: »Eine Generation meldet sich zu Wort.«

Dieser Untertitel der Studie beschreibt, was wir alle 2019 durch die Bewegung Fridays for Future beobachten konnten. Nicht nur ihre sechzehnjährige Galionsfigur Greta Thunberg hatte sich zu Wort gemeldet. Abertausende von Schülern gingen jeden Freitag auf die Straße. Auch in Deutschland!

[16]

Abb. 1: Die 16-jährige Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg: Galionsfigur der Bewegung » Fridays for Future«

Offenbar interessieren sich Jugendliche sehr wohl für die Gesellschaft und für nachhaltige Lösungen, heute wie vor vierzig Jahren. Was wir Erwachsene als fehlenden Biss oder Null-Bock-Mentalität wahrnehmen, ist wohl eher ein mangelnder »Hunger« auf das, was nur uns wichtig erscheint.

Das Wort bokh stammt aus der Sprache der Roma und bedeutet nämlich genau das: Hunger. Kann man es der heutigen Jugend verdenken, wenn ihnen der Appetit aufs Immer-so-Weitermachen der Elterngeneration vergangen ist? Der Klimawandel zerstört ihre Welt und damit ihre Zukunft. Es ist richtig, die Jugend hat keinen Bock, sich für noch mehr Konsum, noch mehr Profit und ein noch höheres Bruttoinlandsprodukt abzurackern. Sie will nicht leben, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben. Durchaus gut zu leben. Und dafür setzt sie sich auch gerne ein. In diesem Sinn äußert sich auch die Shell-Jugendstudie 2019:

»Die Jugendlichen sind […] weiterhin bereit, sich in hohem Maße an Leistungsnormen zu orientieren, und hegen gleichzeitig den Wunsch nach stabilen sozialen Beziehungen im persönlichen Nahbereich. Sie passen sich auf der individuellen [17]Suche nach einem gesicherten und eigenständigen Platz in der Gesellschaft den Gegebenheiten so an, dass sie Chancen, die sich auftun, möglichst gut ergreifen können. Mehr als bislang legen viele Jugendliche inzwischen Wert auf eine deutlich bewusstere Lebensführung, ihre Ansprüche an eine nachhaltige Gestaltung von Umwelt und Gesellschaft artikulieren sie deutlich und vernehmbar.«

Junge Menschen von heute unterscheiden sich also kaum von denen früherer Generationen. Sie mögen anders sprechen, sich anders kleiden, an ihrem Smartphone kleben und es toll finden, alle 30 Millisekunden ein Selfie zu posten. Aber selbst diese Klischees sind nicht in Stein gemeißelt. Diese Erfahrung hat auch Meister Bolle mit Jule gemacht.

Jan Bolle ist Elektroinstallateur. Er hat seinen Betrieb vom Vater übernommen, der ihn in der Wirtschaftswunderzeit gegründet hatte. Nach einer unerfreulichen Erfahrung mit einem Azubi vor einigen Jahren, hat sich Meister Bolle lange keinen – wie er zu sagen pflegt – »jungen Wilden« mehr in den Betrieb geholt. Es sei schon anstrengend genug, fünf Monteure und eine Bürokraft zu bändigen – vor allem dann, wenn es sich bei Letzterer um die eigene Frau handelt.

Eines Tages spricht ihn auf dem Wochenmarkt plötzlich Hannes Spiekermann an, ein Bekannter aus dem Schützenverein. »Sag mal, ›Elektro-Bolle‹ bis du das?«, fragt er überrascht. Dabei deutet er auf das leuchtend gelbe Firmensignet von Jans schwarzem, um den Bauchnabel herum stark ausgebeultem Poloshirt. Im weiteren Gespräch klagt Hannes dem Vereinskameraden sein Leid.

»Ich weiß nicht, was ich mit meiner Tochter anfangen soll. Jule ist nicht normal. Als sie klein war, wollte sie immer Erfinderin werden. Erfinderin! Ein Mädchen! Kannst du dir das vorstellen?«

»Nä, unmöglich«, antwortet der Meister aus tiefster Seele. Abgesehen von seiner Frau hat er immer nur mit Männern zusammengearbeitet.

»Jule will ›was mit ihren Händen‹ tun«, erklärt Hannes. »Irgendwas Technisches. Sag mal, bildet ihr im Betrieb eigentlich aus?«

Jetzt steckt Meister Bolle in der Falle. »Ein Mädchen? Bei sechs Kerlen? Wie soll das gehen?«, ziert er sich. Er will seinen Schützenkameraden nicht vor den Kopf stoßen. Wie Meister Bolle nur zu genau weiß, ist mit den Launen eines weiblichen »Pubertiers« nicht zu spaßen. Bei ihm zu Hause lebt nämlich eines dieser sprunghaften Geschöpfe.

Fast gelingt es ihm, den Vorstoß seines Kameraden abzuwehren, aber dann mischt sich Bea ein, seine Frau. Sie ist Feuer und Flamme von der Idee und der Betrieb könne [18]dringend »frisches Blut« gebrauchen. An dieser Stelle kapituliert Meister Bolle. Er könne sich die »junge Dame« ja mal ansehen, lenkt er ein.

Als er sich Jule dann ein paar Tage später »mal ansieht«, ist er, vorsichtig ausgedrückt, nicht auf Anhieb von ihr begeistert. Sie verkörpert so gar nicht das Bild von einem Lehrling, wie er sie von früher kannte. Ihr Hauptschulzeugnis gefällt ihm nicht, und schon gar nicht ihr Jargon, ihre zerrissenen Jeans, ihr Nasenpiercing und das Smartphone, das sie ständig umklammert, als sei darin ihre Seele gespeichert. Wenigstens kann sie sich beherrschen und starrt nicht alle Nase lang auf das Display. Trotz des Grinsens seiner Frau ist Meister Bolle drauf und dran, das berühmte Ende mit Schrecken einzuleiten, statt sich einen Schrecken ohne Ende einzuhandeln. Pro forma stellt er Jule eine letzte Frage.

Abb. 2: Je mehr gegenseitiges Verständnis, desto weniger Generationskonflikte

»Wo siehst du dich heute in zehn Jahren?«

»Ich möchte was verändern«, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen. »Ständig stehe ich unter Strom. Überall sehe ich, wie viel cooler die Sachen sein könnten. Ich will sie besser machen, als sie sind.«

»Genau, was wir brauchen«, sagt Bea, ehe Meister Bolle zu Wort kommt.

Insgeheim hat Jules Antwort auch ihn berührt. Unterschätzt er vielleicht die jungen Wilden? »Also gut«, gibt er sich geschlagen. »Du kannst bei uns anfangen.«

[19]Wie Meister Bolle so beschleicht viele Inhaber und Ausbildungsverantwortliche in Handwerksbetrieben und KMUs der Eindruck, heutige Bewerber für Ausbildungsplätze hätten ein niedrigeres Bildungsniveau als vor zehn oder zwanzig Jahren. Dies ist nur bedingt richtig. Der Berufsbildungsbericht 2020 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zeigt ein differenzierteres Bild.

Demnach gab es 2019 etwa 9 Prozent mehr Abiturienten als noch zehn Jahre zuvor. Offenbar beenden heute mehr Realschüler und Hauptschüler die Schule mit einem höheren Abschluss als früher. Dieser »Sog nach oben« hat die Hauptschulabschlüsse ausgedünnt: Deren Zahl ist gesunken. Der Anteil von Azubis ohne Hauptschulabschluss wiederum schwankte lediglich um rund 3 Prozent.

Der bessere Schulabschluss eines Schülers bedingt auch nicht zwangsläufig bessere Kompetenzen. Diese untersucht ja seit der Jahrtausendwende die PISA-Studie. Über deren 18. Auflage meldete die Redaktion der Tagesschau (3.12.2019):

»Anders als noch im Jahr 2000 liegt Deutschland in der aktuellen PISA-Studie über dem OECD-Durchschnitt. Ernüchternd ist jedoch: Im Großen und Ganzen verbesserte sich seither kaum etwas.«

Laut dem Bericht sieht es nach wie vor düster aus bei der Schlüsselkompetenz für das Lernen: dem Lesen. Hier liegt Deutschland unter den 79 teilnehmenden Ländern der PISA-Studie nur auf Platz 20. All diese Entwicklungen zusammengenommen, scheinen es den kleineren Betrieben im ländlichen Raum fast unmöglich zu machen, noch viel versprechende Auszubildende zu finden. Aus diesem Grund verweigern sich viele Firmen ganz der Nachwuchsförderung. Zu Unrecht, wie Sie auf den folgenden Seiten erfahren werden. Eine solche Abstinenz ist für Ihr Unternehmen sogar schädlich.

Lesen ist die wichtigste Schlüsselkompetenz zum Erwerb von Bildung.

Unbestritten haben sich im Handwerk und in den KMUs die Umstände geändert. Erfolgreich auszubilden erfordert heute andere Kompetenzen und Methoden. Doch wer an den richtigen Stellschrauben dreht, kann nach wie vor gute Azubis finden und zu wertvollen Fachkräften ausbilden.

Das Geheimnis des Erfolgs nennt sich »intrinsische Motivation«. Dazu später mehr. Vorerst nur so viel: Wenn junge Menschen etwas wirklich wollen, dann strengen sie sich dafür auch an. Manche entwickeln dabei eine unglaubliche Energie. Oft brauchen sie nur jemand, der sich auf sie einlässt und sie anleitet, um sie »auf Spur zu bringen«. Gelingt es erst, sie für eine Berufsausbildung zu begeistern, können sie für jeden Betrieb eine große Bereicherung sein.

[20]Wie wir gesehen haben, brauchen Sie die »Null-Bock-Generation« nicht zu fürchten. Von Einzelfällen abgesehen, hat es sie nie gegeben. Die Jugend von heute besitzt viel Potenzial. Man muss es nur aus den Teens und Twens herausholen, wie Sie im nächsten Kapitel erfahren werden. Nachwuchs für den eigenen Betrieb heranzubilden, lohnt also nach wie vor. Trauen Sie sich! Azubis beißen nicht.

Abb. 3: Rohdiamant: Bei manchem »ungeschliffenen« Azubi erkennt nur der geübte Blick, wie brillant er einmal sein wird

1.2Rohdiamanten: nicht immer schön, aber voller Potenzial

Hört auf, nach dem äußeren Eindruck zu urteilen – urteilt gerecht.

Bibel (Joh. 7,24)

Haben Sie je einen Rohdiamanten gesehen? Bei manchen dieser Steine erkennt schon der Laie den Kristall (siehe Abb. 3). Andere Diamanten gleichen anfangs eher einem unscheinbaren Klumpen. Nur der Fachmann erblickt in ihnen das Potenzial zu einem großen Brillanten. Er sieht das Ergebnis, ehe das lange Schleifen und Polieren überhaupt begonnen hat. Genauso verhält es sich bei vielen Jugendlichen, die sich auf einen Ausbildungsplatz bewerben.

Ich versuche, in jedem dieser Jungen und Mädchen einen Rohdiamanten zu entdecken. Eine echte Herausforderung!

[21]Warum ist es gerade bei Jugendlichen so schwer, das Juwel zu sehen, zu dem sie einmal werden können? Nun zum Teil liegt es an der ungewissen Zukunft, die niemand genau voraussehen kann. Das gilt für alle Bewerber, auch für Erwachsene.

Bei Fünfzehn- oder Sechzehnjährige kommt erschwerend hinzu, dass sie in vieler Hinsicht noch »unfertig« sind. Über diese Entwicklungsphase zwischen Kind und Erwachsensein schreibt die »Handreichung für ausbildende Fachkräfte« des Bildungsministeriums (S. 19–20):

Das Jugendalter spielt eine bedeutende Rolle im Leben eines Menschen, weil sich hier die größten körperlichen, geistigen und sozialen Veränderungen abspielen: die geschlechtliche Reifeentwicklung, Loslösung vom Elternhaus, Berufswahl und Beginn der Berufsausbildung und vieles mehr. Dies bringt große Verhaltensunsicherheiten bis hin zu möglichen Identitätskrisen mit sich.

»A Schwôb wird erschd mit vierzich gscheid«, behaupten die Schwaben. Unter meinen ehemaligen Azubis gibt es viele helle Köpfe, die noch weit entfernt sind vom »Schwabenalter«, das mit dem vierzigsten Geburtstag eintritt.

Viele junge Menschen sehnen den Tag ihrer Volljährigkeit herbei. Sie reden so, als hätten sie bis dahin nur ein Dasein als Raupe geführt. Jetzt endlich können sie die Metamorphose zum Schmetterling beenden und aus der Obhut der Eltern davonflattern. Doch obwohl der Gesetzgeber ihnen mit 18 allerlei Rechte und Pflichten einräumt, gibt es keinen Stichtag für ihre Entwicklung.

Ich kann ein Lied davon singen, wie schwer die meisten Bewerber oder Azubis auch noch in der sogenannten Nachpubertät einzuschätzen sind. Wohl zeigen Neunzehnbis Zwanzigjährige weniger oft die für Jugendliche typischen Gefühlsausbrüche, doch gefestigte Persönlichkeiten sind sie deshalb noch lange nicht.

Der Mensch erfährt in der Jugend die größten körperlichen, geistigen und sozialen Veränderungen.

Überdies trägt jeder Mensch ein Päckchen mit sich herum, manchmal auch ein Riesenpaket aus Erziehung, Umwelteinflüssen, Erfahrungen und den Erbanlagen. Obwohl man den Einfluss der Gene auf die Persönlichkeitsentwicklung oft überschätzt, ist er kaum von der Hand zu weisen.

Dazu führten der Verhaltensgenetiker David T. Lykken und der Psychologe Auke Tellegen an der Universität von Minnesota eine aufsehenerregende Studie an eineiigen Zwillingen durch. Solche Geschwister besitzen exakt die gleiche genetische Grundaus[22]stattung. Wie die US-Forscher in der Fachzeitschrift Psychological Science1 berichteten, besitzen Zwillinge selbst bei identischen gesellschaftlichen Voraussetzungen ein unterschiedliches Glücksempfinden. Laut ihrer Untersuchung resultiert das Glücksniveau eines Menschen nur etwa zur Hälfte aus seinen Erbanlagen. Die Lebensumstände steuern dazu etwa 10 Prozent bei. Somit können wir mindestens 40 Prozent unseres Glücks durch eigenes Denken und Handeln wachsen oder verkümmern lassen.

Es gibt also eine wissenschaftliche Grundlage für das alte Sprichwort »Jeder ist seines Glückes Schmied«. Mit der Berufsausbildung stellt ein Mensch Weichen. Wie er diese »Lehrjahre« meistert, beeinflusst vielleicht den Lauf seines ganzen späteren Lebens. Diejenigen, die ihn ausbilden, spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Der Mensch ist zu etwa 40 % seines eigenen Glückes Schmied.

1.3Die Welt verändert sich, und was tun Sie?

Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.

Chinesisches Sprichwort

Die Erkenntnis klingt wie eine Binsenweisheit: Die Welt dreht sich immer schneller. Vielleicht haben Sie schon einmal von Moore’s Law gehört, benannt nach Gordon Moore, dem Mitbegründer von INTEL. Diese Faustregel sagt, dass »sich die Komplexität integrierter Schaltkreise […] regelmäßig verdoppelt«. Moore bezifferte den Zeit[23]raum für einen Verdoppelungsschritt auf achtzehn Monate. Daraus ergibt sich ein exponentieller Anstieg, denn das Doppelte vom Doppelten ist das Vierfache, dann das Acht- und hiernach das 16-fache.

Nun bräuchte Sie das wenig zu interessieren, wenn sich solche exponentiellen Entwicklungen nicht in so vielen Bereichen des Lebens zeigten. Auch in der Wirtschaft. Der Wandel durch die fortschreitende Digitalisierung etwa beutelt seit Jahren den Einzelhandel und andere Branchen. Die wiederholten Filialschließungen und Entlassungen bei GALERIA Karstadt Kaufhof zeigen, wohin es führt, wenn Unternehmen sich nicht schnell genug anpassen. Die Kaufhauskette hat ihr Konzept in den letzten Jahren nur linear angepasst: Hier ein bisschen mehr online, dort durch noch weniger Personal Kosten sparen – das war zu kurz gesprungen. Gerade die persönliche Beratung unterscheidet ja den lokalen Einzelhandel vom Onlinegeschäft.

Den Unterschied zwischen linearem und exponentiellem Fortschritt veranschaulicht folgendes Beispiel. Angenommen, Sie gehen auf der Straße 30 große Schritte, jeder so lang wie der vorhergehende. Dann kämen Sie etwa 30 Meter voran. Liefen Sie indes 30 exponentielle Schritte – jeder doppelt so lang wie der vorige –, hätten Sie schon dreizehn Mal die Welt umrundet. In diesem Tempo verändert sich unser Leben. Unternehmen, die da nicht Schritt halten, werden abgehängt.

Ist der erste Schritt nur 1 m lang, bringen Sie 30 exponentielle Schritte 13 Mal um die Welt.

Nun wissen Sie nicht erst seit der Lektüre dieses Buches, dass nichts beständiger ist als der Wandel. Trotzdem sind Unternehmen, die sich rasant transformieren, in der Minderzahl. In den letzten Jahren hatte es fast den Anschein, als wäre der Wandel in der Welt immer noch nicht brutal genug. Viele Firmen wurschtelten weiter vor sich hin, als gäbe es kein Morgen.

Bis zum Beginn der Corona-Krise im Jahr 2020.

Plötzlich waren Dinge möglich, die bis dahin undenkbar schienen. Von überall hörten wir neudeutsche Wörter, die mit »Home« beginnen: Home-Office, Home-Schooling, Home-Conferencing … Wird sich der uns von der Pandemie aufgezwungene Sprung in der Digitalisierung zum Home-Run für die deutsche Wirtschaft entwickeln? Ich wage das zu bezweifeln.

Der globale Lockdown hat gezeigt: Unternehmen, die notwendige Änderungen hinausschieben, können fast über Nacht von der Bildfläche verschwinden. Flexible Betriebe dagegen haben die Krise besser gemeistert. Mit flexibel meine ich nicht, die Hälfte der Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken. Ich rede auch nicht vom Umstellen [24]der Lieferketten, sondern von echter Transformation. Corona sollte allen bewiesen haben:

Je mehr sich die Welt verwandelt, desto mehr müssen sich die Betriebe umwandeln.

»Das machen wir schon seit dreißig Jahren so und es hat gut funktioniert.« Mit diesem Totschlagargument verweigern sich leider viele dem notwendigen Wandel. Heute ist Querdenken ohne Berührungsängste gefragt.

»Kostümbildnerinnen schneidern Atemschutzmasken – und die sind begehrt«, titelten die Stuttgarter Nachrichten am 27.3.2020, dem Monat des ersten nationalen Lockdowns. Binnen weniger Wochen verlagerte der Allendorfer Heizungsbauer Viessmann einen Teil seiner Produktion auf die Herstellung von Beatmungsgeräten, mobilen Intensivstationen, Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln. Auch kleine Betriebe können sich anpassen, wie etliche Messebauer bewiesen. Sie produzierten während der Zwangspause Spuckschutzwände aus Plexiglas.

Die Zukunft wird zeigen, wie nachhaltig diese aus der Not geborenen Transformationen sind. Zumindest zeigen die Beispiele: Ist der Leidensdruck erst groß genug, kommen Veränderungen in Gang, die bisher unmöglich schienen. Im Hinblick auf die Ausbildung in Ihrem Betrieb sollten Sie mit dem Absprung aber nicht bis zum letzten Moment warten. Dann könnte es schon zu spät sein.

1.3.1Zunehmender Fachkräftemangel

Ursache von Wirtschaftskrisen ist der Fachkräftemangel, denn: Giergetriebene Spekulanten entwickeln sich immer zu Dilettanten.

Alfred Selacher

Der wachsende Fachkräftemangel ist eine Veränderung, die das Handwerk und das produzierende Gewerbe schon seit Längerem spüren. Vor einiger Zeit besuchte ich den Automobilzulieferer Adient. Dort wusste man bis 2016/17 schon neun bis zehn Monate im Voraus, wer im nächsten Jahr eine Ausbildung beginnt. Um einen Ausbildungsvertrag zu ergattern, mussten die Schüler in Deutsch und Mathe mindestens auf einer Drei stehen.

Dann brachen Adient die Bewerber weg. Notgedrungen musste der Betrieb seine Ansprüche herunterschrauben, um überhaupt an Azubis zu kommen. Das Gleiche erleben wir landauf, landab. Die größeren Unternehmen rekrutieren jetzt auch Viererkandidaten. Dabei fällt auf, dass selbst dort viele, die hauptamtlich für Ausbildung verantwortlich sind, die Vorlieben ihrer heiß begehrten »Beute« nicht richtig kennen und daher die falschen »Köder« auswerfen.

[25]Seit 2013 untersucht das auf Einstellungstests spezialisierte Unternehmen u-form Testsysteme die Azubi-Rekrutierungstrends. Dazu befragt das Team sowohl Schüler wie auch Ausbildungsverantwortliche. Wie die Studie aus dem Jahr 2019 zeigte, entscheiden sich Jugendliche öfter für Unternehmen, die ihnen mehr Sicherheit und gute Aufstiegschancen bieten. 69 Prozent achten zudem auf eine hohe Ausbildungsvergütung. Sie ist den Bewerbern wichtiger als bessere Verdienstaussichten in der Zukunft.

Jugendliche suchen heute Sicherheit, Aufstiegschancen, eine gute Vergütung und genügend Freizeit.

Schichten ist bei den Kids dagegen überhaupt nicht angesagt, ebenso wie Arbeit am Wochenende. Am liebsten hätten sie eine Ausbildung bei einem bekannten Konzern rund um den Kirchturm, damit sie möglichst viel von ihrer Freizeit haben. Work-Life-Balance heißt ihr neues Mantra.

Diese Wünsche können, so die verbreitete Meinung, nur große Unternehmen und Konzerne erfüllen. Deshalb schöpfen die auch das Gros der Bewerber ab. Es scheint, als bliebe für Handwerksbetriebe und kleinere Firmen da kaum noch etwas übrig. Wie sie aus dieser Zwickmühle herauskommen, werden wir später sehen.

1.3.2Die Grenzen der Digitalisierung

Computer sind nutzlos. Sie können nur Antworten geben.

Pablo Picasso

Die Digitalisierung verändert die Welt wohl stärker als irgendetwas sonst. Allseits ist das Modewort »Industrie 4.0« zu vernehmen. Manch kleiner Betrieb fürchtet, mangels Kapital auf der Strecke zu bleiben. Doch das muss nicht sein, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

Im Maschinen- und Werkzeugbau zerspanen wir das Material fast noch so wie vor fünfzig Jahren. Lediglich die Steuerung hat sich verändert. Heute arbeiten CNC-Maschinen weitgehend selbständig, wo früher viel Handarbeit vonnöten war.

Bei der Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker lernen Azubis nach wie vor bis zur Erschöpfung, wie man mit einer Feile einem Metallstück zu Leibe rückt. Da können wir »alten Hasen« ihnen noch was vormachen. Und wenn die Azubis später beim Programmieren der Fertigungszentren die Nase vorn haben, dann ist das nur gut. Deshalb sollten Sie ja den Staffelstab an den Nachwuchs weitergeben: damit der mit Kraft und Begeisterung die neuen Techniken aufnimmt.

[26]Und was ist mit der voll digitalisierten und vernetzten Fertigung? Bislang ist Industrie 4.0 kaum mehr als ein schicker Name, den sich die deutsche Forschungsunion der Bundesregierung ausgedacht hat. Dahinter verbirgt sich keine Neuerfindung des Rads. Vom 3D-Druck für Einzel- und Sonderteile einmal abgesehen, wird die Digitalisierung klassische Verfahren der Produktion nicht abschaffen. Auch in Zukunft wird man Metalle und Kunststoffe durch Drehen, Fräsen, Schleifen und Bohren in Form bringen.

Nichts ist beständiger als der Wandel? Es stimmt tatsächlich! Der wachsende Fachkräftemangel ist ernst, doch wie wir sehen werden, kein unlösbares Problem. Deshalb spreche ich lieber vom gestiegenen Bedarf zur Fachkräfteentwicklung. Hierbei brauchen wir im Handwerk und in der Produktion die Digitalisierung nicht zu fürchten. Wir sollten uns vielmehr mit ihr verbünden, um unsere analogen Qualitäten zu stärken und zu verbessern. »Um Gas, Wasser und Scheiße«, wie der Volksmund sagt, »muss man sich immer kümmern.«

Die größte Herausforderung stellt für viele Unternehmer eher das Gesamtpaket des Wandels da. Wer sich ihm verweigert, wird abgehängt. Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Wir werden sehen.

1.3.3Rien ne va plus – nichts gilt mehr

Es gibt keine Sicherheit, nur verschiedene Grade der Unsicherheit.

Anton Neuhäusler

Das Einzige, was heute feststeht, ist, dass nichts mehr feststeht. Oder um es in der Sprache des Roulettes auszudrücken: Rien ne va plus – »nichts gilt mehr«. Die Welt war noch nie so unbeständig, so unsicher, so komplex und so vieldeutig wie heute. Stabilität war gestern. Heute ist VUKA.

Dieses Akronym stammt aus der englischen Fachliteratur (VUCA). Im Deutschen setzt sich das Kürzel zusammen aus den Worten …

Volatilität (oder Unbeständigkeit, engl. volatility),Unsicherheit (engl. uncertainty),Komplexität (engl. complexity) undAmbiguität (oder Mehrdeutigkeit, engl. ambiguity).

Die Unbeständigkeit äußert sich in unzähligen Facetten, von denen ich Ihnen einige bereits vorgestellt habe. Neben der Digitalisierung sorgt auch der Wandel von Werten für ständige Veränderungen.

[27]So achten die Konsumenten in reicheren Ländern zunehmend auf Nachhaltigkeit. Fondsgesellschaften ziehen vermehrt ihr Kapital aus Unternehmen, die sich zu wenig um den Klima- und Umweltschutz kümmern. Die neue Achtsamkeit spürt auch der kleine Handwerker, etwa wenn immer mehr Kunden ihre Heizung von Öl auf erneuerbare Energien umstellen.

Weil Konsumenten zunehmend auf Nachhaltigkeit achten, verlieren »Umweltsünder«-Konzerne das Geld ihrer Investoren.

Auch die Globalisierung steigert die Unbeständigkeit. Einige Multis konkurrieren inzwischen mit Regierungen um die Macht. Ebenso Terroristen und das international vernetzte organisierte Verbrechen.