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Was haben Maybrit Illner, Dieter Nuhr, Jörg Pilawa, Nena, Campino und Joachim Löw gemeinsam? Sie sind Babyboomer. Geboren zwischen 1960 und 1965, als es mit der Wirtschaft noch bergauf ging und bevor die Pille zum berühmten Knick führte. Bis heute stellen sie die Mehrheit der Gesellschaft, und doch weiß man nur wenig über sie – bis jetzt. Als Kinder fuhren die Babyboomer mit dem »Wuermeling-Pass« kostenlos durchs Land, lasen Fix & Foxi, schauten Schweinchen Dick und lauschten Winnetou-Hörspielplatten. Später hielten sie sich auf Trimm-dich-Pfaden fit, wurden von Helga und von »Dr. Sommer« aufgeklärt und sparten für ihre erste Kompaktanlage. Alleinsein war dabei stets ein rares Gut, denn auch wenn die Eltern einen meist in Ruhe ließen, war immer irgendein Altersgenosse in der Nähe. Das hat die Boomer zu routinierten Teamplayern gemacht. Aber auch zu Wachstumskritikern, Entschleunigern und Downshiftern – kurz: zu Menschen, die unsere Gesellschaft nachhaltig prägen.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2014
Als Kinder fuhren die Babyboomer mit dem »Wuermeling-Pass« kostenlos durchs Land, lasen Fix & Foxi, schauten Schweinchen Dick und lauschten Winnetou-Hörspielplatten. Später hielten sie sich auf Trimmdich-Pfaden fit, wurden von Helga und von »Dr. Sommer« aufgeklärt und sparten für ihre erste Kompaktanlage. Alleinsein war dabei stets ein rares Gut, denn auch wenn die Eltern einen meist in Ruhe ließen, war immer irgendein Altersgenosse in der Nähe. Das hat die Boomer zu routinierten Teamplayern gemacht. Aber auch zu Wachstumskritikern, Entschleunigern und Downshiftern – kurz: zu Menschen, die unsere Gesellschaft nachhaltig prägen.
Bernhard von Becker, geboren 1963, arbeitet als Rechtsanwalt und Verlagslektor. Er hat zahlreich zu Fragen des Urheber- und Presserechts veröffentlicht, unter anderem ein Werk zu gerichtlichen Buchverboten. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in München.
Bernhard von Becker
Babyboomer
Die Generation der Vielen
Suhrkamp
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2014
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe
des suhrkamp taschenbuchs 4508
Originalausgabe
© Suhrkamp Verlag Berlin 2014
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Umschlag: hißmann, heilmann, hamburg
Umschlagfoto: Garry Gay/Getty Images
eISBN 978-3-518-73717-0
www.suhrkamp.de
Come and gather all around me
Listen to my tale of woe
Got some good advice to give you
Lots of things you oughta know
Take a tip from one who’s travelled
And never stopped a-ramblin’ ’round
’cause once you get the roamin’ fever
You never want to settle down, boy
You never want to settle down
I met a little gal in Frisco
And I asked her to be my wife
Told her I was tired of roamin’
Goin’ to settle down for life
Then I heard the whistle blowin’
And I knew it was the Red Ball Train
And I left that gal beside the railroad
And I never saw the gal again, boy
I never saw the gal again
Saw the gal again
I never saw the gal again
Left that gal beside the railroad
And I never saw the gal again
Travelled all over the country
I’ve travelled everywhere
I been on every Branch Line railroad
And I never paid a nickel fare
I been from Maine to Califor’ny
And from Canada to Mexico
I never tried to save no money
And now I got no place to go, boy
Now I got no place to go
Listen to a Boomer’s story
Pay attention to what I say
Well, I hear another train a-comin’
Guess I’ll be on my way
If you wanna do me a favor
When I lay me down and die
Just dig my grave beside the railroad
So I can hear the trains go by, boys
So I can hear the trains go by
Hear the trains go
Hear the trains go by
Just dig my grave beside the railroad
So I can hear the trains go by
Boomer’s Story (Traditional)
1. KapitelCome and gather all around meBühne frei für die Boomer
2. KapitelListen to my tale of woeKindheit und frühes Leid
3. KapitelCause once you get the roamin’ feverDie Boomer stehen im Leben
4. KapitelGuess I’ll be on my wayDie Zukunft der Boomer
5. KapitelGot some good advice to give youWie wir Boomer ticken
Boomer-Zeitbogen
Man sieht uns nicht, dabei sind wir überall. Man erkennt uns nicht auf den ersten Blick, weil wir keine besonderen Kennzeichen besitzen. Wir sind das unsichtbare Skelett und Nervensystem unserer Gesellschaft. Wir bewirken, dass sie sich leise nachhaltig verändert, aber es merkt keiner. Wir sind da. Darauf muss wie auf jede Selbstverständlichkeit hingewiesen werden. Und wir werden noch eine Weile bleiben. Wir sind die Babyboomer.
Von den Menschen, die heute in Deutschland leben, ist etwa jeder vierte ein Babyboomer. Wir sind die zahlenstärkste Generation, die das Land seit dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht hat und nach aller Voraussicht je hervorbringen wird. Im Spitzenjahrgang 1964 wurden in Ost- und Westdeutschland zusammen etwa doppelt so viele Menschen geboren wie im bisherigen Niedrigstjahrgang 2009 – 1 357 304, um genau zu sein. Sollten die Babyboomer in den Jahren 2025 bis 2030 geschlossen in Rente gehen, würden die Sozialversicherungssysteme vor eine historische Belastung gestellt.
Das rückte uns Boomer in letzter Zeit vermehrt in die öffentliche Wahrnehmung. Frank Schirrmacher und Thilo Sarrazin haben mit ihren Büchern Das Methusalem-Komplott und Deutschland schafft sich ab eine laute Debatte über die Alterung der Gesellschaft und die Zeit nach der Verrentung der Boomer in Gang gesetzt.
Im Kielwasser dieser Demografieschocker hat sich mancherorts ein richtiggehendes Generationenscharmützel abgespielt. So etwa, wenn der CDU-Nachwuchs-Parlamentarier Jens Spahn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Babyboomer beschuldigte, sich den Realitäten der von ihnen verursachten Entwicklung zu verweigern. Oder wenn der selbsternannte Anwalt der Youngsters, Wolfgang Gründlinger, immer wieder herunterbetet, dass der Nachwuchs ausbaden muss, was die »Alten« (auch und gerade die Boomer) ihm eingebrockt haben, und dass das alles wie in der Ben & Jerry’s-Werbung nicht fair sei. Oder wenn jüngst der Soziologe Heinz Bude in der Süddeutschen Zeitung ernsthaft die Frage in den Raum stellte, ob es nicht gerecht sei, die Babyboomer die Kosten für ihre »nachlassende Fruchtbarkeit« selbst tragen zu lassen. In dieselbe Kerbe haut Beatrice Scheubel von der Europäischen Zentralbank, die in der Süddeutschen vorschlug, die Rentenhöhe an die Kinderzahl zu koppeln.
Klingt alles nicht gut. Die Babyboomer werden vorwiegend als Akteure und Verursacher eines bedrohlichen Szenarios gesehen. Als Vorreiter einer vergreisenden Gesellschaft. Als Menetekel eines bevorstehenden demografischen Super-GAUs. Als bedrückende gesellschaftliche Hypothek, die in nicht allzu ferner Zukunft fällig wird, oder, wie es Gustav Seibt unlängst in der Süddeutschen formulierte, als Methusalem, der sich heranwälzt wie ein Gewitter. So gesehen wären wir Boomer tatsächlich ein Boomerang, den die Wirtschaftswundergesellschaft von sich geworfen hat und der ihr fünfundsechzig Jahre später als Methusalemfratze zurück ins Gesicht fliegt. Diese Sichtweise ist verzerrt und einseitig. Leider ist sie teilweise auch richtig. Aber nur teilweise.
Wir Boomer nehmen diese überhitzten Alarmrufe sportlich. Wir besitzen ein ausgeprägtes Gruppen-Selbstbewusstsein, das uns davor bewahrt, über uns selbst in Panik zu geraten. Wir sind zwar unorganisiert wie ein Rudel Meerkatzen und besitzen keine Lobby, aber dafür sind wir immer und überall die Mehrheit.
Vielleicht haben wir uns deshalb nie die Frage gestellt, was unsere Generation ausmacht. Wie wurden wir sozialisiert, welche Vorlieben haben wir, wie ticken wir, was kann man von uns erwarten, lassen wir uns überhaupt auf einen Nenner bringen? Und, ja bitte, natürlich: Was passiert überhaupt, wenn wir in Rente gehen, ist das dann wirklich das Ende von allem?
Nahezu jede Generation besitzt ihr eigenes Profil und Psychogramm, das seinen Ausgangspunkt bei einem Namen (Golf, 68 etc.) hat, ansonsten aber weit darüber hinausreicht. Uns Boomern nähert man sich allerdings am besten über Ausschlusskriterien. Wir sind keine Anschauungslagerkämpfer wie die ewig auf forte gebürsteten »Achtundsechziger« und auch keine Zyniker und Oberflächenfetischisten wie die quadratisch-praktisch-guten »Golfer«. Wir sitzen irgendwie zwischen den Stühlen, oder besser gesagt: Wir setzen uns gar nicht erst länger irgendwo hin. Wir stehen auf keinem Fundament fester Überzeugungen, gleichzeitig spielen Werte für uns eine große Rolle.
Soweit es überhaupt eine positive Anknüpfung gibt, so wäre es eben die des Booms. Wir Boomer verdanken unsere Existenz ja dem Wachstumsrausch der späten Wirtschaftswunderjahre, als es überall »Boom« machte wie bei einem Silvesterfeuerwerk, unsere Existenzängste hingegen den Siebzigerjahren jener Zeit aufkommender globaler Krisen – Atomkrieg, Ölkrise, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung. Wir Boomer sind der lebende Beweis für das Trügerische des Wachstumsdenkens. Wir haben internalisiert, dass Wohlstand, Geburtenrate und Glück nicht dauerhaft steigerbar sind.
Wenn hier von »Boomern« die Rede ist, so ist die Speerspitze der Babyboomer gemeint, geboren auf dem Höhepunkt des so genannten Babybooms. Das waren die Jahre zwischen 1960 und 1965, als JFK, Marilyn und Adenauer gingen und LSD, die Beatles und das Farbfernsehen kamen. Als auch Deutschland, zumindest der westliche Zwilling, mit Hilfe von Meister Proper, den Pril-Blumen und Smarties endlich bunter wurde. Und bevor Emanzipation und Pille dem Boom ein Ende setzten.
Das Wort »Boomer« besagt eigentlich schon alles. Das Verb to boom bezeichnet in der englischen Sprache einen meist mit Lärm verbundenen Vorgang der Beschleunigung. Das Wort kann, zum Beispiel bezogen auf ein Flugzeug, mit »steigen«, »dröhnen« oder »brummen« übersetzt werden. Bezogen auf eine Welle kann es auch »brausen« bedeuten. A booming ship meint ein Schiff in vollen Segeln. Ein Betrieb, eine Geschäftsidee oder eine Volkswirtschaft können boomen im Sinne von »blühen« oder »florieren«. Umgangssprachlich wird to boom daneben auch in der Bedeutung von »streunen« oder »hausieren« verwendet – wie im Fall von Boomer, dem Streuner, dem Hund und Titelhelden der US-amerikanischen Fernsehserie. Dieses Streunertum wird in der Biografie, die wir hier schreiben, eine nicht geringe Rolle spielen.
Im deutschen Sprachgebrauch findet das Wort Boom seine größte Verbreitung im Zusammenhang mit den Begriffen Wirtschaft und Baby.
Ein Wirtschaftsboom – mit anderen Worten: Hochkonjunktur – ist eine Phase im marktwirtschaftlichen Konjunkturzyklus, die meistens auf eine expansive Aufschwungphase folgt, und der in der Regel eine Abschwungphase (Rezession) und gelegentlich auch eine Tiefphase (Depression) nachfolgen. Kennzeichen eines Wirtschaftsbooms sind Auslastung der Produktionsmittel, Vollbeschäftigung sowie steigende Preise und Löhne. Das buchstäbliche Goldene Zeitalter also. Ein Zustand, wo es flutscht, die Hemdsärmel hochgehen und alle gut gelaunt sind. Eine Stimmung wie im Playmobil-Park oder Happy-Hippo-Land.
Niemanden wundert, dass so etwas nicht lange gutgehen kann. Es ist ja im Grunde auch beängstigend. Was also folgt auf den Boom? Eben: Die Produktion wird so lange gesteigert (Wachstum!), bis eine Sättigung eintritt und die Spirale wieder abwärts geht. Die große Boomphase der deutschen Nachkriegszeit endete 1966, als das Bruttoinlandsprodukt erstmals seit 1949 wieder sank.
Als Babyboom bezeichnet man Phasen geburtenstarker Jahrgänge. In den USA begann eine solche bereits direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, in Deutschland begann sie ab Mitte der Fünfzigerjahre und endete um die Mitte der Sechzigerjahre.
Natürlich bedingen Babyboom und Wirtschaftsboom einander. Man kann sich zwar streiten, was zuerst da war, doch hatte die unerhörte Geburtenwelle in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre zur Folge, dass Häuser, Straßen und Autos gebaut, Energie erzeugt, Nahrungsmittel produziert und eine Infrastruktur bereitgestellt werden mussten. Wir Babyboomer bewirkten, dass alles boomte: der Immobilienmarkt, der Arbeitsmarkt und der Konsumgütermarkt. Das Phänomen des Wachstums, das jahrzehntelang unser Denken bestimmen sollte, bedeutete nichts anderes, als dass für die ankommenden Massen zu sorgen war. Dafür brauchte es weder besondere Tugenden noch Leute wie Ludwig Erhard. Es brauchte nur den Schwarm der Babyboomer.
Wir sind ein Wirtschaftsfaktor und werden es bleiben. Wir haben Kaufkraft generiert. Schon als Babys haben wir Weltmarken wie Pampers und Alete den Weg bereitet. Als Erwachsene bestimmen wir durch unser Konsumverhalten nach wie vor das Aussehen des Landes. Die Babyboomer sind ernst zu nehmende Verbraucher, weil sie als größte Bevölkerungsgruppe auch über das meiste Geld verfügen. Wo die Boomer auftauchen, klingelt die Kasse. Eine Stütze der Konsumgesellschaft also. In nicht mehr allzu ferner Zukunft werden wir Babyboomer als Pflegefall ganz neue Märkte erschließen, noch im Rollstuhl werden wir boomen. Aber bis dahin ist noch Zeit.
Eines ist klar: Es ist fast unmöglich, auch nur einen Satz über eine bestimmte Generation zu Papier zu bringen, ohne unrettbar in Abgründe voller Klischees zu geraten. Schon der Begriff »Generation« ist so gut wie gar nichts mehr wert, da er völlig inflationär gebraucht wird. Egal wohin man schaut, jede noch so geringfügige Erscheinung mit einem Hauch von gesellschaftlicher Relevanz wird gleich zu einer »Generation« gehypt und mit dem entsprechenden Stem-pel versehen: »Generation Krise«, »Generation Praktikum«, »Generation Bologna«, »Generation Facebook«, »Generation YouTube«. Und so weiter.
Alles richtig. Und dennoch. Es gibt die eine Generation, auf die das alles nicht zutrifft. Die Generation, die nicht Etikett für irgendeinen kurzlebigen Trend, sondern aus ihrer schieren Existenz heraus wichtig ist. Die Generation ohne Namen. Die relevante Masse. Die Generation der Babyboomer.
Aber was soll man über eine Kohorte von gut acht Millionen Verbindendes sagen? Ergibt es Sinn, ist es redlich, kann man es unter Diskriminierungsgesichtspunkten durchgehen lassen, eine Gruppe von Menschen ausschließlich unter dem Gesichtspunkt ihres gemeinsamen Jahrgangs zu betrachten? Zumindest aber ist es nicht statthaft, einfach über sie hinwegzugehen.
Ein Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung, David Bebnowski, hat jüngst das Buch Generation und Geltung veröffentlicht, eine Untersuchung zu etablierten und übersehenen Generationen der Nachkriegszeit. Der Titel signalisiert Grundsätzliches, indem er anknüpft an Arbeiten wie etwa Natur und Geist von Husserl oder Sein und Zeit von Heidegger. Man ist also gespannt.
Der Autor setzt an, indem er erst einmal zu bedenken gibt, wie heftig umstritten das Generationskonstrukt bei Sozialwissenschaftlern sei (der Streit fülle sogar Bände), erliegt dann aber selbst dem »besonderen Charme« dieses Konzepts. Dabei unterläuft ihm allerdings ein auffälliger Lapsus. In seiner gesamten fast dreihundertseitigen Untersuchung übersehener Generationen erwähnt er die Babyboomer kein einziges Mal!
Stattdessen beschränkt er sich auf die Betrachtung von sechs Nachkriegsgenerationen: Die »45er«, die »Halbstarken«, die »68er«, die »78er«, die »Generation Golf« und die »Generation Praktikum«. Da bleibt einem Babyboomer allerdings der Mund offenstehen. Man müsste lachen, wenn es nicht so tragisch wäre.
Was denkt sich Bebnowski dabei, was reitet ihn, wie kommt es zu dieser eklatanten Auslassung? Er selbst gibt an, er habe sich bewusst nur diejenigen Generationen vornehmen wollen, die bereits sozialwissenschaftlich und/oder literarisch erfasst und beschrieben wurden. Na dann.
Wie kommt es, dass der Generationenbegriff so tückisch ist, dass selbst gestandene Soziologen sich darin verstricken? Man kann sich der Sache wohl nur annähern. Im Englischen gibt es ein anschauliches Wort, ein Adjektiv, das auf den Punkt bringt, worum es geht: »generational«. Ein bestimmter Aspekt oder Charakterzug ist »generational«. Im Deutschen gibt es keine Entsprechung dafür, man könnte allen-
falls sagen »generationenbedingt« – genauso wie wir »generationenübergreifend« sagen, oder »Generationenkonflikt«. Ein schlichtes Wort wie generational besitzt die deutsche Sprache nicht (das Wort generativ ist mit gutem Grund kaum in Gebrauch), um auszudrücken, dass Erscheinungen nur und gerade dieser Generation eigen sind.
Um einen Generationszusammenhang oder eine Generationseinheit herzustellen, bedarf es einer zeitlichen und einer sozialen Komponente. Die zeitliche Spanne, die eine Generation umfasst, ist der durchschnittliche Abstand der Kinder zu ihren Eltern, den man zum Beispiel statistisch mit dreißig Jahren umschreiben kann. Hiernach würde alle dreißig Jahre eine neue Generation folgen – fraglich ist nur, auf welche Besonderheiten man abstellt. Um sinnvolle Einheiten zu bilden, orientiert man sich üblicherweise an historischen Ereignissen, die eine Generation prägen können und es rechtfertigen, die Mitglieder bestimmter Jahrgänge zu einer Gruppe zusammenzufassen.
Es gibt eine Theorie, die »Strauss-Howe Generational Theory«, wonach bestimmte Typen von Generationen in Zyklen immer wiederkehren. Die Autoren, William Strauss und Neil Howe, unterscheiden vier Generationentypen, die jeweils vier wiederkehrenden gesellschaftlich-sozialen Ären entsprechen.
Diese jeweils etwa zwanzig Jahre dauernden Ären, die in einer durchschnittlichen Lebensspanne jeder durchläuft, sind: Hochphase (starke Institutionen, schwach ausgeprägter Individualismus, z. B. Nachkriegsphase), Erwachensphase (Institutionen werden infrage gestellt, z. B. Phase ab Mitte der Sechzigerjahre), Aus-den-Fugen-Phase (schwache Institutionen, häufig Kulturkriege, z. B. seit Mitte der Achtzigerjahre) und Krise (Individuen besinnen sich auf Gruppenzugehörigkeiten und Werte). Die zu diesen Phasen gehörigen Generationentypen sind nach Strauss und Howe die »Propheten« (werteorientierte Aufbautypen, geboren während einer Hochphase), die »Nomaden« (pragmatische Realisten, geboren während der Erwachensphase), die »Helden« (behütet groß geworden, selbstbewusst, geboren während einer Aus-den-Fugen-Periode) und die »Künstler« (geboren während einer Krisenzeit). Wir Boomer wären demnach, halten wir so viel fest, prophetisch angehauchte Nomaden.
Wir Boomer stehen in einer Reihe mit den folgenden nennenswerten Generationen. Da wäre die »Flakhelfergeneration« der späten Zwanzigerjahrgänge des 20. Jahrhunderts, die als Schüler noch aktiv Kriegsdienst leisten mussten. Die »Kriegskindergeneration« der Dreißiger- und frühen Vierzigerjahre. Diese geht über in die so genannte »Achtundsechziger Generation«, die in den Wiederaufbaujahren groß wurde und sich im Zusammenhang der Studenten- und Protestbewegung des Jahres 1968 in der Konfrontation mit ihren Eltern sozialisierte. Dann kamen die Babyboomer.
Die ihnen nachfolgenden Jahrgänge erhielten ihre Namen interessanterweise von Buchtiteln. Sei es die »Generation X« (nach einem Roman des kanadischen Autors Douglas Coupland) der teilweise sich mit den Babyboomern überschneidenden Jahrgänge der Sechziger- und Siebzigerjahre, oder die »Generation Golf« (nach einem Buch von Florian Illies), womit die auf die Babyboomer folgenden Jahrgänge 1965 bis 1975 gemeint sind. Für die Generationen seit 1980 geraten die Bezeichnungen durcheinander, womit deutlich wird, wie schwierig es ist, ein generationenprägendes (generational) Momentum zu benennen. Und die Unschärfen in der Zusammenfassung bestimmter Jahrgänge zu einer Generation nehmen umso mehr zu, je weniger sich die gemeinsamen Ereignisse historisch-sozial auf den Punkt bringen lassen.
Die sogenannten Achtundsechziger, die wir aus Claire Bretechers Comics Die Frustrierten als ungepflegte Zausel kennen, sind die älteren Geschwister oder die jüngeren Onkel und Tanten der Boomer. Sie wurden in den späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahren geboren und profilierten sich in der Auseinandersetzung mit ihren Vätern, mit der »Tätergeneration«, den in die Naziverbrechen und ihre eigenen Lebenslügen verstrickten Menschen, von denen sie großgezogen worden waren. Die Achtundsechziger begehrten gegen den Muff der neuen Bürgerlichkeit auf und versuchten, die Utopie einer egalitären Gesellschaft zu leben. Sie ließen sich die Haare wachsen und waren im guten Fall Hippies, im schlechten Fall Terroristen. Dabei haben sie sich so oder so ziemlich ernst genommen und sind vielen auf die Nerven gegangen. Allerdings waren sie, das muss man ihnen zugutehalten, Protestler und Pioniere eines neuen Lebensstils. Von ihnen und ihren Selbstverwirklichungsprojekten ging bei aller Ego-Show zugegeben auch und gerade für ihre jüngeren Geschwister und Neffen, die Boomer, eine besondere Faszination aus. Das hatte mit der Radikalität ihrer Lebensentwürfe zu tun. Man musste immer etwas Angst haben, dass sie, zumindest verbal, gleich gewalttätig werden.
