Back to the USSR - Katrin Boeckh - E-Book

Back to the USSR E-Book

Katrin Boeckh

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Beschreibung

1991 löste sich die Sowjetunion auf - 2022 überfiel Russland die Ukraine. Auch wenn Letzteres nicht zwingend aus Ersterem folgte, so hängen beide Ereignisse doch zusammen. Während den meisten Ländern Ost- und Südosteuropas nach dem Ende des Sowjetsystems die politische und wirtschaftliche Transformation gelang, trägt Russland noch immer schwer am historischen Erbe der sowjetischen Strukturen. Mit seinem Großmachtstreben, der Neigung zu militärischen Interventionen, der Position des Präsidenten als monarchischer Diktator und dem Umgang der Bevölkerung mit gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen zeigen sich dort noch heute deutliche Spätwirkungen der Sowjetzeit. Katrin Boeckhs Geschichte der Sowjetunion und ihrer Nachwirkungen setzt ein mit der Entstehung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken nach der Oktoberrevolution 1917. Sie zeichnet die Etablierung ihrer Staatlichkeit und ihre imperiale Expansion nach, bis hin zu ihrem Verfall sowie der Entwicklung im Nachfolgestaat Russland. Neben der politischen Geschichte und ihren Akteuren gilt es, auch die Gesellschaft nicht aus dem Blick zu verlieren: jene Mehrheit, die das System vor allem aushielt, jene, die dagegen ankämpften, und jene, die zu Hunderttausenden als "Volksfeinde" in den Gulag gesperrt oder umgebracht wurden. Was von dem, was die macht- und ideologiegetriebene Politik der herrschenden Kommunistischen Partei gebot, kam wie in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, im Alltag der Bevölkerung an? Ins Blickfeld kommen der lange Arm der Partei, die ökonomischen Auswirkungen der Planwirtschaft, die kulturpolitischen Besonderheiten im Zeichen des Diktats des Sozialistischen Realismus, die gesellschaftliche Formierung des Homo Sovieticus, des "Neuen Menschen", und schließlich - trotz massiver Repression - das Überleben der Religion. Boeckhs Erzählperspektive ist ähnlich einer "Mauerschau": Es ist der Blick des "Westlers" gleichsam über die Mauer des Eisernen Vorhangs nach Osten, um die Vergangenheit dort aus der zeitgenössischen Sicht und aus der räumlichen Distanz zu kommentieren.

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Seitenzahl: 582

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Die Autorin

Prof. Dr. Katrin Boeckh ist apl. Professorin für Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie Historikerin am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg (Foto: IOS/neverflash.com).

Katrin Boeckh

Back to the USSR

Russlands sowjetische Vergangenheit

Verlag W. Kohlhammer

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Umschlagabbildung: Tobias Merkle, nach einer Vorlage von Adobe Stock.

 

1. Auflage 2023

 

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

 

Print:

ISBN 978-3-17-031342-2

 

E-Book-Formate:

pdf:         ISBN 978-3-17-031343-9

epub:      ISBN 978-3-17-031344-6

Inhalt

Vorwort

1            Depression: Das Russische Reich und der Sturz des Zaren

2            Enthusiasmus: Die »Große Sozialistische Oktoberrevolution« und die Gründung des ersten sozialistischen Staates

3            Terror: Stalinismus und die »Revolution von oben«

4            Heldenmut im Zweiten Weltkrieg 1939/1941–1944/45

5            Triumph: Kalter Krieg zwischen Imperialismus und Illusion (1945–1953)

6            Chruschtschows frostiges »Tauwetter« und Gagarin im All (1953–1964)

7            Stabile Stagnation unter Breschnew und der in die Jahre gekommene Sowjetmensch

8            Krise und Reformstau: Andropow und Tschernenko

9            Perestroika 1985–1991

10          Das Chaos der Freiheit: Jelzins Transformations-Turbulenzen (1991–1999)

11          Back to the USSR: Putins »Russische Welt«

Anmerkungen

Zitierte Quellen und Literatur

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Im Jahr 1991 löste sich die Sowjetunion auf. 2022 überfiel Russland die Ukraine. Wenn auch Letzteres nicht zwingend aus Ersterem folgte, so hängen beide Ereignisse dennoch zusammen. Der vorliegende Band stellt eine Verbindung her, die sich aus dem Bestand des ersten sozialistischen Staats der Welt und der Kontinuität seiner Strukturen in Russland über sein Ende hinaus ergab. Dargestellt wird die Entstehung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken nach der Oktoberrevolution 1917, die Etablierung ihrer Staatlichkeit und ihrer imperialen Expansion bis zu ihrem Verfall sowie die Entwicklung im Nachfolgestaat Russland.

Neben wichtigen politischen Akteuren werden auch jene beschrieben, die das System aushielten (die Mehrheit der Sowjetbürger) und dagegen ankämpften (Dissidenten und Regimekritiker), sowie jene, die zu hunderttausenden als »Volksfeinde« in den Gulag gesperrt oder umgebracht wurden. Die Schilderung der politischen Ebene wird dabei mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit verknüpft, um situativ nachzuvollziehen, wie im Alltag der Bevölkerung ankam, was die macht- und ideologiegetriebene Politik der einzigen und herrschenden Partei gebot.

Die Darstellung zielt auf ein Publikum ab, für das der Staatssozialismus im östlichen Europa keine erlebte Zeitgeschichte darstellt, sowie auf Leser, die sich grundsätzlich über Politik und Gesellschaft der UdSSR informieren wollen. Aus Gründen des Sprachflusses wird nur gelegentlich auf inklusive Formulierungen zurückgegriffen; generische Ausdrücke schließen Frauen immer ein. Russische Personen- und Ortsnamen sowie gängige Begriffe werden der besseren Lesbarkeit halber im Text transkribiert.

Katrin Boeckh

1          Depression: Das Russische Reich und der Sturz des Zaren

Vermessung

Das Russische Reich reichte von der Ostsee bis an den Pazifik und vom Kaspischen Meer bis zum Eismeer. Sein Zentrum war zunächst Moskau, um das herum ab dem 14./15. Jahrhundert ein immer mächtigeres Herrschaftsgebiet entstand. Es griff in den beiden folgenden Jahrhunderten auf den Unterlauf der Wolga aus, nach Ostsibirien; im 18. Jahrhundert folgte ein breiter Vorstoß nach Westen, dann an die Ostsee und an die Schwarzmeerküste. Im 19. Jahrhundert kamen Polen und Finnland, das Transkaukasus-Gebiet und Mittelasien sowie die Amur-Region in Fernost hinzu. Dieses Territorium war insgesamt zweieinhalb Mal so groß wie das restliche Europa.

Das Russische Reich war ethnisch heterogen und multireligiös. Die Volkszählung des Jahres 1897, die eine Gesamtbevölkerung von knapp 126 Millionen Menschen erfasste und nach der Muttersprache auf die ethnische Zugehörigkeit schloss, bezifferte den Anteil der Russisch Sprechenden auf etwas über 44 % (etwa 56 Millionen), jenen der Ukrainisch Sprechenden auf knapp 18 % (über 22 Millionen) und jenen der Weißrussisch Sprechenden (knapp 6 Millionen) auf nicht ganz 5 %, so dass die Ostslawen zusammen mit knapp 84 Millionen die Mehrheit der Gesamtbevölkerung (etwa 67 %) stellten. Während die Polen mit knapp 8 Millionen auf über 6 % kamen, die Juden mit 5 Millionen auf 4 % und die Kasachen mit über 3 Millionen auf über 3 %, belief sich der Anteil der Wolgatataren mit 1,8 Millionen auf 1,5 %, der Deutschen mit 1,8 Millionen auf 1,4 %, der Litauer mit 1,7 Millionen auf 1,3 %, der Letten mit 1,4 Millionen auf 1,1 %, der Georgier mit 1,4 Millionen auf 1,1 %, der Baschkiren mit 1,3 Millionen auf 1 % der Gesamtbevölkerung, jener der Armenier auf 0,9 % (1,2 Millionen), der Moldauer auf 0,9 % (1,1 Million) und der Esten auf 0,8 % (1 Million).1 Vorherrschende Konfession war die Orthodoxie, Minoritäten gehörten der jüdischen Religion, dem Islam, der katholischen Konfession und dem Protestantismus an. Sibirien und Mittelasien war vom Islam geprägt, aber auch vom Buddhismus und von Naturreligionen. Sozial gesehen waren 1897 etwa 80 % der Bevölkerung Bauern, die übrigen gehörten dem Adel, der Geistlichkeit, den Behörden, der Armee und städtischen Gruppen an.

Autokratie

Zusammengehalten wurde das russische Imperium durch die Autokratie der russischen Zaren und Zarinnen. Ab dem 18. Jahrhundert wurde die Verwaltung zentralisiert, im 19. Jahrhundert ausgebaut. Dafür hatte man das ganze Land in etwa hundert administrative Einheiten eingeteilt – in Gouvernements oder Gebiete, die im europäischen Teil von einem Gouverneur verwaltet wurden; an den Randgebieten unterstanden sie einem General-Gouverneur, der mehrere Gebiete gleichzeitig verwaltete. Daneben bestanden Formen der Selbstverwaltung auf lokaler und regionaler Ebene, auf städtischer und ländlicher Ebene. Über Jahrhunderte hinweg war die Macht der Zaren durch die schwache Position des Adels nicht angetastet und von den Untertanen nicht in Zweifel oder in Frage gestellt worden, die Mehrheit der Bevölkerung besaß kaum politische Partizipationsmöglichkeiten.

Im 19. Jahrhundert aber gerieten die Massen in Bewegung: Es waren die Narodniki, die »Volksfreunde«, die versuchten, die Bauern zu politisieren und unter ihnen einen russischen Sozialismus, die Idee des »einfachen Mannes« und der russischen Volksgemeinde zu propagieren. Insbesondere Intellektuelle und Adlige gingen mit idealisierten Vorstellungen in die Dörfer, wo sie allerdings auf wenig Verständnis trafen. Viele von ihnen wurden wegen ihrer neuartigen Ideen verhaftet und landeten in Gefängnissen.

Eine Richtung innerhalb der Narodniki verlegte sich daraufhin auf Terrorakte. 1881 fiel Zar Alexander II., der Reformer-Zar, der ab dem Jahr 1861 die Aufhebung der Leibeigenschaft durchgesetzt hatte, dem Bombenattentat einer revolutionären Gruppe zum Opfer. Es war das insgesamt sechste Attentat auf den Zaren; der Polizeiapparat hatte es nicht verhindern können. In der Folge wurde dieser ausgebaut und die Alleinherrschaft des nächsten Zaren, Alexander III., damit weiter gestützt. Alexander begann, innenpolitische Beschränkungen durch Zensur, die Bevorzugung des Russischen und eine Ausbreitung der Bürokratie zu forcieren und gleichzeitig zu den Modernisierungsprozessen im westlichen Europa aufzuholen und die Industrialisierung des Landes voranzubringen. Während Wirtschaft und Industrie rasch wuchsen und der Eisenbahnbau die entfernten Regionen im Reich erschloss, entstand in Russland erstmals eine Schicht von Industriearbeitern, die massenhaft vom Land in die Städte strömten. Diese wurde die Zielgruppe der ersten sozialrevolutionären Verbindungen, die sich in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei organisierten. Unter Zar Nikolai II., der 1894 den Zarenthron bestieg, gärte es weiter. Streiks von Arbeitern und Studentenunruhen in den Jahren 1901 und 1902 verwiesen auf schwelende soziale Probleme.

Im Zeitalter des Imperialismus griff Russland, geographisch bedingt und zu spät für Kolonien in Afrika, in den Fernen Osten aus, um dort Märkte, Bodenschätze und Land für bedürftige Bauern zu erschließen. Der Bau der Transsibirischen Eisenbahn, die 1902 eingleisig und 1938 zweigleisig fertiggestellt war, ermöglichte die logistische Anbindung.

Japan zeigte sich als aufstrebende Macht in der Konkurrenz um die Mandschurei und um Korea. Den Krieg gegen Japan 1904–1905 verlor Russland. Während weite Kreise in Russland inklusive Militärangehöriger auf Frieden gedrungen hatten, verweigerte der Zar diesen. Die russische Niederlage nach der Seeschlacht von Tsushima am 15./28. Mai 19052 vermittelte nach außen hin das Bild von Rückständigkeit, da erstmals eine europäische Macht einer asiatischen unterlegen war. Die militärische Niederlage, die jahrzehntelang nicht vergessen wurde, verstärkte die ohnehin große soziale Unruhe im Land.

Es war die Arbeiterschaft, die aufbegehrte, als im agrarisch geprägten Russland die Großindustrie wuchs. Auch wenn die Arbeiterschicht noch relativ dünn war, siedelte sie in strategisch wichtigen Orten: in den Hauptstädten Sankt Petersburg und Moskau sowie in anderen größeren Städten. Um dem Zaren in friedlicher Absicht zu übermitteln, welche Willkür die Arbeiter in den Fabriken erfuhren und unter wie großer Armut und Rechtlosigkeit sie litten, kamen am Sonntag, dem 9./22. Januar 1905, über 100.000 Arbeiter in Sankt Petersburg zusammen. Als sie eine Bittschrift an den Zaren übergeben wollten, wurde die Demonstration blutig beendet und Truppen schossen in die Menge.

Das Massaker am »Blutsonntag« löste landesweit Streiks aus. Die Arbeiter stellten vor allem wirtschaftliche Forderungen, an den Randgebieten des Reiches, in Polen, im Kaukasus und im Baltikum ging es auch um nationale Anliegen. Die Ansprüche schraubten sich immer weiter nach oben, und schließlich ging es um die Reform des Gesamtstaates. Am Höhepunkt der Streikbewegung trat in Sankt Petersburg ein Rat, ein »Sowjet der Arbeiterdeputierten«, als eine Art politisches Vertretungsorgan der Arbeiter zusammen. Auf dem Land bildeten sich ähnliche Räte.

Begleitet wurden die Arbeiterunruhen durch Aufstände von Bauern im ganzen Land. Das Zentrum der Bauernaufstände lag an der mittleren Wolga, entzündete aber dann einen Flächenbrand, der den Süden von Bessarabien bis an den Ural sowie den Kaukasus, den Westen und die baltischen Provinzen erfasste.

Die Regierung ließ die Bewegung niederschlagen. Der Petersburger Arbeitersowjet wurde im Dezember 1905 verhaftet. Der Aufstand in Moskau brach ebenfalls zusammen, wobei sich die Kämpfe gegen die aufständischen Bauern bis 1907 hinzogen. Diese Aufstände standen noch nicht unter der Führung einer politischen Partei, und sie ebbten ab, als der Zar einlenkte und einige liberale Reformen einführte. Er dämpfte den revolutionären Schwung durch das Oktobermanifest vom 17./30. Oktober 1905. Dieses sagte eine Verfassung zu, allgemeine Wahlen für eine Reichsduma, die als zweite Kammer neben dem Reichsrat als Organ der Legislative eingesetzt werden sollte, und die Grundrechte für alle Bürger.

Insgesamt wurden die Massen politisch aktiver und selbstbewusster, und der Zar wurde nicht mehr als unangefochtener Herrscher wahrgenommen. Außerdem entstanden nun politische Parteien und parlamentarische Fraktionen. Zu diesen gehörten die rechtsliberalen Oktobristen (benannt nach dem Oktobermanifest) und die links-liberalen Konstitutionellen Demokraten – die »Kadetten«, nach ihren Anfangsbuchstaben K.D. Die Kadetten stellten in der ersten, 1906 einberufenen Duma und in der zweiten Duma (1907) die stärkste Partei.

Letztlich waren die Ergebnisse der aufständischen Jahre mager. Die Duma erhielt nur wenige Rechte; in den Worten Max Webers bildete sich ein »Scheinkonstitutionalismus« aus. Zwar hatte der Zar ein Wahlrecht oktroyiert, damit aber die alten Eliten begünstigt, nämlich die konservativen, meist adeligen Grundbesitzer. Diese, organisiert in den konstitutionell-konservativen Oktobristen und als Konglomerat rechtsgerichteter, monarchistischer Parteiungen, die als sogenannte »Schwarzhundertschaften« firmierten, wurden führend in der dritten Duma (1907–1912) und vierten Duma (1912–1917). Soziale Reformansätze für die Arbeiter wurden dabei nur im Ansatz verwirklicht und beschränkten sich auf Regelungen zur Kranken- und Unfallversicherung. Dennoch ist der parlamentarische Ansatz für die Geschichte Russlands bedeutsam, denn er zeigt, dass es eben nicht so war, wie man immer wieder vernehmen kann, dass in Russland immer nur eine einzige Partei und eine Autorität geherrscht habe, und dass dies daher auch künftig so bleiben werde oder solle. Vielmehr gab es erste Ansätze zu Parteien, parlamentarischer Mitsprache und zu Möglichkeiten der Partizipation. Die Chance und die Zeit, dies alles zu entwickeln, bestanden jedoch nicht.

Die Partei der Bolschewisten vor der Revolution und Lenin im Exil

Entstehung und erste Prägungen der Bolschewisten als Vertreter jener Partei, die monolithisch die sowjetische Geschichte bestimmte, haben ihre Vorgeschichte im 19. Jahrhundert. Ihre Ursprünge liegen in Parteien mit linker Ausrichtung, die sich für die Interessen von Bauern einsetzten und damit die Mehrheit der Bevölkerung des Russischen Reiches im Blick hatten. Ausgangspunkt war zunächst die sozialpolitische Bewegung der Volksfreunde, der Narodniki. Ihre Träger waren Intellektuelle, die ihre gewohnte Umgebung verließen, als einfache Arbeiter lebten und eine Revolution befürworteten, um den Sozialismus einzuführen. »Ins Volk gehen« – unter dieser Parole machten sich Tausende von jungen Leuten auf den Weg und klärten in messianischer Überzeugung die Bevölkerung über soziale Missstände auf. Die bekanntesten Vertreter dieser Richtung waren der Philosoph Alexander Gerzen (1812–1870), Nikolai Tschernyschewski (1828–1889) und Pjotr Lawrow (1823–1900). Sie propagierten die Erneuerung Russlands durch eine Bauernbewegung hin zu einem Sozialismus, in dessen theoretischem Mittelpunkt die Dorfkommune stehen solle. Über diese könne man das Entwicklungsstadium des Kapitalismus umgehen und unmittelbar den Sozialismus erreichen. Das Misstrauen der Bauern gegenüber den Intellektuellen konnten sie aber kaum überwinden, zumal diese auch dem Zaren loyal ergeben waren und die terroristischen Absichten der Narodniki sie abschreckten.

1876 ging aus den Narodniki eine geheime Organisation hervor, Semlja i Wolja (Land und Freiheit), die sich 1879 aufspaltete in eine gemäßigtere Gruppe (Tschorni Peredel – Schwarze Umverteilung; diese machte sich für die Agitation unter den Bauern stark) und in eine terroristische Gruppe namens Narodnaja Wolja (Volkswille; sie beging 1881 das Attentat auf Alexander II.). Führungsfiguren von Tschorni Peredel wurden dann im Exil Anhänger des Marxismus.

Als Refugium für Exulanten ist besonders die Schweiz hervorgetreten, wo eine Gruppe unter dem Namen Oswoboschdenie Truda (Befreiung der Arbeit) im Jahr 1883 entstand, deren Gründer Pawel Axelrod (1850–1928), Wera Sasulitsch (1849–1919) und Wasili Ignatow waren. Initiiert hatte sie Georgi Plechanow (1856–1918), der bedeutendste Vertreter dieser Gruppierung. Er wurde der geistige Vater der russischen Sozialdemokratie und erster Parteiführer, Freund und Vaterfigur für Lenin. Er war einer der frühesten marxistischen Theoretiker Russlands und zunächst ein Mitglied der Narodniki, distanzierte sich aber dann von deren Terrormethoden. 1880 ging er ins Exil in die Schweiz, wo er bis zur Oktoberrevolution blieb und hier von der marxistischen Literatur Westeuropas wesentlich beeinflusst wurde.

Die Gruppe »Befreiung der Arbeit« hatte Rückwirkungen auf Russland, wo Zirkel entstanden, die nach deren Vorbild marxistisches Gedankengut verbreiteten. Einen Teil von ihnen fasste Lenin zu einem Kampfbund für die Befreiung der Arbeiterklasse zusammen, der sich mit anderen marxistischen Organisationen zusammen auf einem Parteitag in Minsk 1898 als Russländische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (Rossijskaja Sozial-Demokratitscheskaja Rabotschaja Partija, RSDRP) formierte. Es waren zwar nur insgesamt neun Personen, die hier die Partei gründeten, aber immerhin legte man auch eine Struktur fest und setzte drei Delegierte als Mitglieder des Zentralkomitees ein. Außerdem eröffnete man die Zählung für die weiteren Parteikongresse; der Kongress in Minsk wurde als der I. Parteikongress in der Geschichte der Partei geführt. Lenin trat 1899 der Partei bei und prägte sie wie kein anderer, sogar über seinen frühen Tod hinaus.

Dass sich Lenin politisch gegen die Zarenherrschaft engagierte, hat auch biographische Gründe. Geboren wurde er 1870 als Wladimir Iljitsch Uljanow in Simbirsk, heute Uljanowsk an der Wolga, als Sohn eines wohlhabenden Lehrers und Inspekteurs der Volksschulen des Gouvernements Simbirsk und einer deutsch erzogenen Mutter (ihr Nachname lautete Blank, sie war die Tochter eines Arztes aus Petersburg, der eine Frau aus einer deutschen Kaufmannsfamilie geheiratet hatte). Ein einschneidendes Ereignis in seiner Jugend prägte Lenin sein Leben lang: Einer seiner Brüder war als Student in Petersburg in Kontakt mit radikalen-revolutionären Kreisen gekommen, wurde wegen eines Attentatsversuchs von dem Regime Zar Alexanders III. 1887 als Terrorist zum Tod verurteilt und hingerichtet. Lenin selbst wurde ein Studium an einer Universität daraufhin untersagt. Nach einem Selbststudium und dem Examen der Jurisprudenz in Kasan schloss sich der junge Lenin den russischen, marxistischen Sozialdemokraten an. Im Untergrund verfolgte er die Idee einer kommunistischen Revolution in Russland, hielt aber die Bauern für zu träge dafür. Auf einer ersten Reise nach Westeuropa – nach Deutschland, Frankreich und in die Schweiz – 1895 stellte er Kontakt zur Gruppe »Befreiung der Arbeit« und zu Führenden der internationalen marxistischen Bewegung her. Wieder in Russland wurde er nach Sibirien verbannt, wo er theoretische Arbeiten über die ökonomische Situation Russlands und über die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie verfasste. Zwischen 1900 und 1905 hielt er sich in Westeuropa auf. Als Vertreter der Russländischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gab er zusammen mit anderen – Plechanow, Axelrod – das Zentralorgan der Russländischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei heraus, die Zeitung Iskra (der Funke; 1900–1905). Diese wurde in verschiedenen deutschen Städten gedruckt – in Leipzig, später in München und dann in Stuttgart; nach Russland konnte sie wegen der dort herrschenden Zensur nur geschmuggelt werden.

In dieser Zeit formulierte er seine Vorstellungen über die Partei, die den Kern des Leninismus bildeten: das Bekenntnis zum Proletariat als eigentlicher Basis der Revolution, die Absage an die russische Intelligenz und deren Zirkel und schließlich ein elitäres Parteiverständnis. Unermüdlich propagierte er seine Idee, dass die Partei angeführt werden solle von einem kleinen Häuflein von Berufsrevolutionären, und forderte eine straffe Parteiführung und ein starkes leitendes Zentrum. Nach einem kürzeren Aufenthalt in Genf zog Lenin nach München. Dort ließ er sich bei dem sozialdemokratischen Gastwirt Rittmeyer in der Kaiserstraße 53 in Schwabing illegal nieder. Er verwendete mehrere Decknamen, darunter auch »Meyer«. Im Jahr 1901 erschien die von ihm in München mit herausgegebene sozialistische Zeitung Sarja (»Morgenröte«). Wesen, Programm und Ziele der Partei fasste er in der 1902 in Stuttgart gedruckten Schrift »Was tun? Die größten Fragen unserer Bewegung« zusammen. Sie enthielt Richtlinien für die revolutionäre Taktik, propagierte die straff organisierte Kaderpartei und machte Lenin im sozialistischen Milieu bekannt.

In Russland selbst traten die Anzeichen einer politischen und wirtschaftlichen Krise immer stärker hervor. Obwohl eines der mächtigsten Länder der Welt, war das zarische3 Russland bis ins ausgehende 19. Jahrhundert noch überwiegend landwirtschaftlich geprägt; vielerorts herrschten noch Feudalstrukturen. Eine verstärkte Industrialisierung setzte erst seit der Regierung von Zar Nikolai II. (ab 1894) ein. Das darauf schnell anwachsende Proletariat, die Arbeiterschaft, litt unter miserablen sozialen Verhältnissen. Als in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts auf den industriellen Aufschwung eine Depression folgte und viele Betriebe stillgelegt wurden, stiegen auch die Zahlen der Arbeitslosen. Wellen von Streiks und Protest gegen die niedrigen Löhne und die schlechten Arbeitsbedingungen gingen durch das Land, ebenso auch blutige Auseinandersetzungen, da die Polizei rigoros gegen die Proteste vorging. Die Bauern waren ebenfalls unzufrieden, vor allem nachdem sie die Missernte von 1902 in eine tiefe Verschuldung trieb. Nach dem Petersburger »Blutsonntag« 1905 und den vielen toten Demonstranten folgten landesweite Aufstände. Eine ganze Kette revolutionärer Aktionen erreichte im Winter 1905/06 einen Höhepunkt.

Dies alles registrierte die Russländische Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Ein nächster Parteikongress wurde zunächst nach Brüssel einberufen, aber 1903 nach London verlegt. Die Agenda sah die Diskussion des Parteiprogramms und des Parteistatuts vor, was zur Spaltung der Sozialdemokraten führte und dazu, dass die Bolschewisten als solche in Erscheinung traten. Die Frage, über der man sich zerstritt, war jene der Parteimitgliedschaft: Wollte man eine Massenpartei oder eine Elitepartei? Lenin befürwortete Letzteres; er wollte unter den Bedingungen der zaristischen Repression nur aktive Mitglieder, Berufsrevolutionäre, in der Partei haben und Mitläufer fernhalten. Die Partei sollte so aussehen, als sei sie die in sich geschlossene Avantgarde der Arbeiterklasse. Demgegenüber strebten Axelrod und Lew Trotzki (1879–1940) als gemäßigte Sozialisten (die späteren Menschewisten) eine offene Mitgliedschaft für alle Interessierten an. Letzteres setzte sich durch, und Lenin unterlag zunächst.

Anschließend stritt man jedoch über die Frage der nationalen Gliederung der Partei und die Vertreter des jüdischen Bund (der 1897 gegründete Allgemeine jüdische Arbeiterbund von Litauen, Polen und Russland, eine säkular und sozialistisch ausgerichtete Arbeiterpartei) verließen die Sitzung, nachdem sich Lenin gegen einen föderativen Aufbau ausgesprochen hatte. Von diesem Moment an hatten die Anhänger Lenins die Mehrheit und konnten Lenins Vorstellungen auf dem Parteikongress durchsetzen. Seine Gegner, Axelrod und andere, ließ er aus der Redaktion der Zeitschrift Iskra ausschließen und setzte seine Kandidaten für das ZK durch. Aus dieser Zeit stammt die Begrifflichkeit, denn nunmehr wurde zwischen Bolschewiki als den Anhängern der »Mehrheit«, und den Menschewiki als den Anhängern der »Minderheit« unterschieden. Die endgültige Spaltung zwischen Bolschewisten und Menschewisten folgte 1912, begründet in der Auseinandersetzung zwischen einem revolutionären oder reformistischen Kurs der Partei.

Lenins Ideen gaben seither den Ton an: Für Lenin war der zentralistische Kurs der Partei wichtig, der von einer straffen Parteibürokratie gelenkt werden sollte. Autonomistische und demokratische Tendenzen lehnte er ab, sie wären seiner Ansicht nach in anarchistische Erscheinungen ausgeartet. Dies betonte er immer wieder, unter anderem in seiner Schrift »Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte rückwärts«, die er 1904 vorlegte.

Insgesamt war der Londoner Parteitag aus der Sicht der Zeitgenossen keine besonders herausragende Angelegenheit, viele konnten vielleicht auch nicht antizipieren, welche Brisanz in den Ansichten Lenins steckte. Allerdings erkannte sein damaliger Gegenspieler Trotzki durchaus scharfsinnig, wo die Gefahren lagen, die Lenin mit seiner Argumentation provozierte. In seiner Betrachtung »Unsere politischen Aufgaben«, in Genf 1904 in russischer Sprache publiziert, kritisierte Trotzki Lenins Parteistruktur deutlich: Durch den von Lenin vorgegebenen Weg könnte eine Situation entstehen, in der die Partei durch die Parteiorganisation, diese durch ein Zentralkomitee und das wiederum durch einen Diktator ersetzt werden könnte. Trotzki demaskierte also bereits damals das antidemokratische Element in der leninistischen Konzeption des Sozialismus, auch wenn er dieses dann später in Kauf nahm und zu einem führenden Akteur und engen Mitstreiter Lenins in der Revolution wurde.

Erster Weltkrieg und der Weg in das Jahr 1917

Dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo am 28. Juni 1914, das als Kriegsauslöser gilt, folgte ein österreichisch-ungarisches Ultimatum gegen Serbien. Als dieses nicht vollständig erfüllt wurde, setzte eine Kaskade gegenseitiger Kriegserklärungen der jeweils verbündeten europäischen Staaten ein. Der russische Kronrat fasste am 12./25. Juli 1914 den Beschluss, Serbien zu unterstützen; im selben Monat wurde die Generalmobilmachung eingeleitet. Am Beginn des Großen Krieges im August 1914 stand Russland als Verbündeter Frankreichs und Großbritanniens den Mittelmächten gegenüber: dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich; auf einen Krieg war Russland weder ökonomisch, politisch noch militärisch vorbereitet.

Die russischen Truppen zwangen die österreichisch-ungarischen Einheiten zunächst aus Ostgalizien und schließlich im März 1915 aus ganz Galizien zum Rückzug. Zugleich wurden sie aber nach der Schlacht bei Tannenberg im August 1914 aus Ostpreußen verdrängt. Eine breite Offensive der deutschen und österreichisch-ungarischen Seite ab Juli 1915 hatte den Verlust großer Territorien in Polen, Litauen und Galizien zur Folge. Nach katastrophalen Niederlagen übernahm Zar Nikolai II. am 23. August/5. September 1915 das militärische Oberkommando. Einen Erfolg brachte der russische Durchbruch an der Ostfront der Mittelmächte in Wolhynien und der Bukowina im August 1916.

Nach zwei Jahren Krieg stand Russland allerdings vor dem wirtschaftlichen und militärischen Zusammenbruch. Die Kriegsmüdigkeit der russländischen Soldaten stieg. Neu eingezogene Mannschaften waren immer schlechter ausgerüstet und wurden oft unzureichend ausgebildet an die Front geschickt. Dazu kamen Rohstoffengpässe, Energiemangel und Transportprobleme, so dass die heimische Industrie den Materialbedarf an der Front nicht mehr befriedigen konnte.

Dazu machte sich in der Heimat Verbitterung breit, weil die Landbevölkerung den weitaus größten Teil des russischen Heeres stellte und die Einberufung dringend nötiger arbeitsfähiger Männer verkraften musste. Die Erträge der Höfe gingen zurück, die Armut in den Dörfern stieg und erreichte auch die Städte. Hunger machte sich breit. Die Enttäuschung der Bevölkerung darüber, dass sich der Zar und die eingesetzten Regierungen als unfähig erwiesen, den Krieg zu beenden, wuchs, vor allem in der Hauptstadt. Diese trug seit Beginn des Krieges nicht mehr den deutschen Namen Sankt Petersburg, sondern hieß nun Petrograd. Bald würde sie abermals umbenannt werden in Leningrad, nach jenem Protagonisten, der nicht nur die Stadt, sondern ganz Russland umgestalten würde.

Die Februarrevolution 1917 und das Ende der Monarchie

1917 waren es zwei Umstürze, die das bestehende Herrschaftssystem in Russland zerrütteten, beide Male wird der Begriff der Revolution verwendet. Das Ende der Zarenherrschaft kam eher unauffällig, unversehens und auch nicht als Staatsstreich, sondern als Endpunkt einer Bewegung »der Straße«; somit wurde diese »Revolution« ausgelöst »von unten«, aus einer sozialen Bewegung, die sich zunehmend politisierte. Es begann mit einem Demonstrationszug anlässlich des recht jungen Weltfrauentages am 23. Februar/8. März 1917. Als Frauen aus Protest gegen die schlechte Versorgungslage durch Petrograd zogen, schlossen sich ihnen Bauern, Soldaten und Arbeiter des Putilow-Werks an, eines großen Maschinenbaubetriebs (heute das Kirow-Werk), die sich bereits vorher im Streik befunden hatten. Weil Zar Nikolai auf die Demonstranten schießen ließ, kippte die Lage, denn die Petrograder Garnison solidarisierte sich mit den Demonstrierenden, auch mit der Begründung, sie wolle nicht auf Frauen schießen. Dies wurde entscheidend für den weiteren Verlauf der Erhebung.

Zar Nikolai, der sich im Hauptquartier der nördlichen Front in Pskow aufhielt und vergeblich versucht hatte, nach Petrograd vorzudringen, trat auf Anraten von Militärvertretern und konservativer Duma-Abgeordneter am 2./15. März 1917 zugunsten seines Bruders Michail zurück. Dieser verzichtete aber schon am folgenden Tag auf den Thron angesichts der Ausweglosigkeit, die Monarchie zu retten. Aus den Reihen der Duma bildete sich ein Komitee, das sich selbst damit beauftragte, die öffentliche Ordnung herzustellen und eine Regierung einzusetzen. Sie trat in Form der bürgerlichen »Provisorischen Regierung« unter dem Ministerpräsidenten Fürst Georgi Lwow (1861–1925) an. Als einziger Sozialist war hier zunächst Justizminister Alexander Kerenski (1881–1970) von den Sozialrevolutionären vertreten; er löste Lwow am 8./21. Juli 1917 als Ministerpräsident ab.

Gleichzeitig formierte sich aus der Tradition des 1905 einberufenen Petersburger Sowjet ein Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten, dessen Exekutivkomitee aus sozialistischen Vertretern ebenfalls daran ging, die Neuordnung der Verhältnisse an sich zu reißen. Der Sowjet beanspruchte durch den »Befehl Nr. 1« vom 1./14. März 1917 die Oberhoheit über die bewaffneten Kräfte aller Einheiten. Demzufolge sollten sich in allen Einheiten Soldatenräte bilden; außerdem unterstünden alle Truppenteile in politischen Angelegenheiten dem Petrograder Sowjet; Befehle der Reichsduma sollten sie nur ausführen, wenn sie jenen des Sowjets nicht widersprächen. Somit behauptete der Sowjet die militärische Grundlage für die Herrschaft, während die Provisorische Regierung die formale Legitimität aufweisen konnte. Eine Zusammenarbeit beider Regierungen scheiterte aber an unterschiedlichen Vorstellungen: Der Sowjet bestand auf der ideologischen Reihenfolge der Revolutionen, vor der sozialistischen müsse die bürgerliche stehen, daher wollten die sozialistischen Repräsentanten des Sowjets nicht in die Regierung eintreten. Unabhängig davon war auch die Verteilung der Ministerposten strittig. Ähnliche Erscheinungen zeigten sich im ganzen Land: Parallel zu städtischen Dumen und ständischen Selbstverwaltungen – den Semstwos – agierten vielerorts Sowjets.

Die kurze »bürgerliche« Phase – die einzige in Russland bis 1991 – kennzeichnete einen chaotischen Übergang, der weniger Ordnung schuf als mehr die Unordnung vergrößerte und somit nolens volens den Weg in die nächste Revolution zu bahnen half. Der Provisorischen Regierung gelang es nicht, eine funktionierende Verwaltung aufzubauen; Frieden schließen wollte sie nicht.

2          Enthusiasmus: Die »Große Sozialistische Oktoberrevolution« und die Gründung des ersten sozialistischen Staates

Oktober oder November? Die Revolution, die (k)eine war

Es war nicht so sehr die militärische Schwäche des Landes, die dazu führte, dass die Bevölkerung in Russland auf ein Ende des Krieges hoffte. Was im Alltag noch schwerer wog, waren neben den mehr als drei Millionen Kriegstoten die schlechte Versorgungslage in der Heimat, die immensen Preissteigerungen für Lebensmittel und deren Knappheit. Lenin, noch im Schweizer Exil, spielte der anhaltende Krieg in die Karten: Seiner Vorstellung zufolge sollte er zum Zusammenbruch der imperialen Mächte beitragen, was zur Formierung und Machtübernahme der Arbeiterschaft in den kriegsbeteiligten, kapitalistischen Ländern führen sollte. Gleichzeitig zögerte die Provisorische Regierung die Unterstützung von Friedensbemühungen hinaus, weil sie ihre militärischen Verpflichtungen gegenüber den Verbündeten einhalten wollte. Damit enttäuschte sie aber die Massen. Erst im März 1917 befürwortete die Provisorische Regierung einen Friedensschluss ohne Annexionen und Reparationen und konzedierte den nach Selbstständigkeit strebenden Gebieten in den Grenzregionen des Imperiums kulturelle Autonomie.

In der Unübersichtlichkeit der Lage kehrte Lenin aus dem Schweizer Exil nach Petrograd zurück. Die Reisekosten und großzügige weitere Zahlungen übernahm der Kriegsgegner Deutschland, als Lenin am 27. März/9. April aus Zürich aufbrach. In einem von der Reichsregierung zur Verfügung gestellten Sonderzug wurden er und 30 Bolschewisten von der Schweizer Grenze über Frankfurt nach Sassnitz auf Rügen gefahren und gelangten über Stockholm in die russische Hauptstadt. Die Deutschen hofften darauf, Lenin werde die russische Regierung stürzen und Frieden an der Ostfront herstellen. Lenin seinerseits agierte im ureigenen Interesse – er wollte an die Macht, um jeden Preis, auch um den, als »deutscher Spion« verdächtigt zu werden. Was er bezweckte, war die Errichtung der von ihm angeführten »Diktatur des Proletariats«, auch wenn die Arbeiterschaft nur etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte.

Bei seiner Ankunft in Petrograd am 16. April wurde Lenin jedenfalls von einer begeisterten Menge empfangen. Über seine Absichten dürften nur wenige tatsächlich Kenntnis gehabt haben. Was er aber proklamierte, klang verlockend: In seinen sogenannten »Aprilthesen« (4./17. April 1917), die er programmatisch in einer Rede im Taurischen Palais vor den Bolschewisten und Räten formulierte, rief er zum Frieden auf. Die Soldaten sollten sich mit den Gegnern verbrüdern, um Vertrauen unter den Arbeitern der kriegsführenden Länder zu schaffen. Nur wenn die Macht in Ländern wie Russland und Deutschland an die Arbeiter- und Soldatendeputierten übergehe, werde das Netz der Interessen des Kapitals zerrissen und ein Friede herbeigeführt, der »wirklich alle Völker und Völkerschaften« befreien werde. »Friede den Hütten, Krieg den Palästen! Friede den Arbeitern aller Länder! Es lebe die brüderliche Einheit der revolutionären Arbeiter aller Länder! Es lebe der Sozialismus!« Seine Forderung, sofort einen Separatfrieden zu schließen, fand Rückhalt in der Armee, wo insbesondere Bauern rekrutiert waren, die in Scharen desertierten, vor allem nachdem der Zar abgedankt hatte. Wenn auch die Nationalisierung von Grundbesitz, die Kontrolle über die Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch die Sowjets bei jenen populär war, die sich eine Verbesserung ihrer sozialen Lage versprachen, stieß sie doch auf den Widerspruch anderer Bolschewisten wie Lew Kamenew (1883–1936), der weniger radikal vorgehen wollte.

Ein erster bolschewistischer Coup im Juli 1917 misslang. Der bewaffnete Aufstandsversuch in Petrograd unter der Führung der zu zögerlichen Bolschewisten wurde vom Militär niedergeschlagen. Die Provisorische Regierung ließ Anführer wie Lew Trotzki (1879–1940) und Kamenew verhaften. Lenin, als »deutscher Spion« verfolgt, wich verkleidet und ohne Bart bis Oktober nach Finnland aus.

Das Momentum für Lenins endgültige Rückkehr kam, als im August in Petrograd ein Militärputsch drohte: General Lawr G. Kornilow (1870–1918), der Oberkommandierende der russischen Truppen, rüstete zum Marsch auf die russische Hauptstadt. In dieser Lage suchte Ministerpräsident Kerenski die Unterstützung der Bolschewisten und entließ sie aus den Gefängnissen. Als Kornilow aber von Kerenski abgesetzt wurde, schritten die Bolschewisten ihrerseits zur Tat. Lenin kam Anfang Oktober verdeckt aus Finnland zurück, und er drängte darauf, den Augenblick zu nutzen. Trotzki war es, der die militärische Leitung übernahm. Er gewann Regierungstruppen in der Hauptstadt und stellte eine bewaffnete Arbeitermiliz auf. Die von ihm angeleiteten Roten Garden besetzten in Petrograd mit der Nacht zum 25. Oktober/7. November nahezu lautlos wichtige strategische Punkte wie Bahnhöfe, Brücken, Ämter, das zentrale Telefonamt sowie die Staatsbank. Dies geschah so unauffällig, dass die Provisorische Regierung keine Notiz davon nahm und erst am folgenden Tag die Bedeutung der abgebrochenen Kommunikations- und Logistikverbindungen erfasste; Ministerpräsident Kerenski verließ am Vormittag des 25. Oktober mit regierungstreuen Truppen die Stadt. Nachdem Trotzki, dem ein erheblicher Verdienst an der praktischen »revolutionären« Durchführung zukam, dem Petrograder Stadtsowjet mitgeteilt hatte, dass nun das Revolutionäre Militärkomitee die Macht übernommen habe, zeigte sich hier auch Lenin kurz und drückte in einer Ansprache seine Hoffnungen auf die Erhebung des Proletariats in der ganzen Welt aus.

Die eigentliche Machtübernahme des Petrograder Arbeiter- und Soldatenrats erfolgte durch den am Abend des 25. Oktober/7. November 1917 eingeleiteten Putsch. Das »revolutionäre« Vorgehen war aber unspektakulär und forderte »nur« sechs Tote auf bolschewistischer Seite, als die Bolschewisten den Sitz der Provisorischen Regierung, das Winterpalais, übernahmen. Was später vielfach als »Sturm auf das Winterpalais« firmierte – ein Propagandafilm aus den 1920er Jahren transportierte diese Wertung geschickt – verlief in Wirklichkeit weniger aufregend: Nachdem der Panzerkreuzer Aurora der Baltischen Flotte um 21.45 Uhr einige ungefährliche Schüsse auf den Winterpalast abgegeben hatte – in der sowjetischen Geschichtsschreibung gelten die Schüsse der Aurora als Auslöser der Revolution –, setzte die Beschießung von der Peter-Pauls-Festung aus ein. Die angerichteten Schäden hielten sich aber in Grenzen. Immer mehr Garden drangen daraufhin in den Palast ein. Sie trafen auf wenig Gegenwehr, die anwesenden Minister wurden verhaftet.

Der erst nach dem fait accompli tagende II. Allrussische Sowjetkongress der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten in Petrograd, der Delegierte verschiedener sozialistischer Parteien der Sowjets aus ganz Russland versammelte, stimmte am Abend des 25. Oktober/7. November der Machtübernahme der Bolschewisten im Nachhinein zu. Allerdings hatten die Menschewisten und rechten Sozialrevolutionäre das eigenmächtige Vorgehen der Bolschewisten abgelehnt. Erst als sie die Sitzung unter Protest verließen, kam die Mehrheit der Stimmen für Lenins Vorgehen zusammen. Auch diese Auseinandersetzung mit gemäßigten Sozialisten zeigte, dass eine Gewissheit, Lenins Coup würde erfolgreich sein, zu diesem Moment keinesfalls bestand. Lenin war volles Risiko gegangen. Der Großteil der Bevölkerung war nicht auf seiner Seite, seine Person, seine Partei und seine Ziele waren vielen unbekannt, er galt als »Spion der Deutschen«, und die Internationalisierung der Revolution, wie er sie erhofft hatte, trat nicht ein. Allerdings spielten ihm die Unentschlossenheit der Provisorischen Regierung, deren Fehlentscheidungen in der Kriegssituation (darunter die Einführung der Todesstrafe an der Front durch Kerenski) und die drückenden sozialen Missstände im Land in die Hände.

Ansonsten erregte das Geschehen auf den Petrograder Straßen nicht viel Aufmerksamkeit, die

»so genannte Oktoberrevolution hatte stattgefunden, ohne dass die Opernvorstellung von Modest Mussorgskis ›Boris Godunow‹ im Marinski-Theater unterbrochen wurde. Der Straßenbahnverkehr auf dem Newski [-Prospekt im Zentrum Petrograds] lief weiter. Zwar hatte man vielleicht 20.000 Menschen auf dem Schlossplatz gezählt, jedoch beteiligten sich lange nicht alle an der Eroberung des Winterpalastes. Der Kontrast zur Beteiligung an der Februarrevolution konnte nicht größer sein. Die Bewohner Petrograds lebten offensichtlich in einer Zeit des Umbruchs, der Systemwechsel fand jedoch weitgehend ohne sie statt.«1

Mittlerweile erließ der II. Allrussische Sowjetkongress als neue regierende Macht in Petrograd die ersten politischen Befehle in Form von Dekreten. Diese waren durchaus populär: Noch in der Nacht von 26. Oktober/8. November auf 27. Oktober/9. November 1917 wurde das »Dekret über das Land« zur entschädigungslosen Enteignung und Aufteilung des Großgrundbesitzes verabschiedet und begründet mit der Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln in der Industrie, Landwirtschaft, im Verkehrs- und Bankenwesen. Dieser Schritt sicherte Lenins Regierung die Unterstützung der Bauern. Sie profitierten von der Enteignung der landwirtschaftlichen Güter, die sie übernahmen. Bereits im Frühjahr 1918 war der Boden großenteils verteilt. Die Bauern verfügten nun über eine Scholle – auch wenn diese in dicht besiedelten Gebieten sehr klein ausfiel und sie nicht ihr Eigentum war – und sie waren der hohen Pachtabgaben und Verpflichtungen der vormaligen Großgrundbesitzer ledig. Bis zum Ende der Sowjetunion gehörte nun zum persönlichen Eigentum der Sowjetbürger nur ihr Arbeitslohn, Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs und Mobiliar. Alles andere verstand sich als »sozialistisches Eigentum«, über das sich der Staat die Verfügungsgewalt vorbehielt.

Am selben Tag wie das Landdekret folgte in Erkenntnis der Ausweglosigkeit des Krieges das »Dekret über den Frieden«. Dieses beinhaltete die Aufforderung an alle kriegsführenden Staaten, Frieden zu schließen »ohne Annexionen und Kontributionen«, also ohne die Aneignung fremder Territorien und Geldzahlungen. Gleichzeitig richtete es sich an die »Arbeiter der fortgeschrittensten Nationen der Menschheit« und an die kriegsbeteiligten Staaten Deutschland, England und Frankreich, auf deren Hilfe man bei der erfolgreichen »Befreiung der werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen von jeder Sklaverei und jeder Ausbeutung« hoffe – das Ziel einer proletarischen Weltrevolution war hier formuliert, die auf Russland übergreifen solle. In derselben Sitzung des II. Allrussischen Sowjetkongresses wurde zudem eine provisorische Arbeiter- und Bauernregierung als »Rat der Volkskommissare« (Sownarkom, SNK) unter der Leitung Lenins gebildet.

Die von den Volkskommissaren erlassenen Anordnungen veränderten die staatlichen und administrativen Institutionen und Behördenstrukturen von Grund auf. Unter Auflösung der bestehenden Gerichte installierte das Dekret des Rates der Volkskommissare vom 22. November/5. Dezember 1917 »Revolutionstribunale der Arbeiter und Bauern« und berief eine Arbeiter- und Bauernmiliz ein. Die Enteignung der Industriebetriebe bestätigte das »Dekret über die Arbeiterkontrolle« im Nachhinein. Für die Arbeiter änderte sich aber kaum etwas, denn sie hatten es nur mit einer ausgetauschten Leitungsebene zu tun: An die Stelle der Direktoren und Eigentümer traten Betriebskomitees als »kollektive Unternehmer«.

Währenddessen lief der Alltag weiter; niemand schien sich um die neue Regierung zu kümmern, wie eine Bolschewistin der ersten Stunde beobachtete:

»[D]as alte Petersburg mit seinen vielen Spießern begriff, spürte, verstand noch nicht die ganze Größe des Geschehens. Die Stadt lebt weiter in ihrem Alltagstrott. Dort im Smolny [der Sitz des Petrograder Stadtsowjets] brodelt der Kessel der Revolution, verschmelzen Jubel, Wachsamkeit und Verantwortungsbewußtsein zu einem großen Gefühl. Auf den Straßen Petrograds aber gehen die Menschen an diesem trüben, nassen Herbstmorgen gleichgültig den kleinen Dingen des Alltags, ihren gewöhnlichen Sorgen nach. Der eine hastet zur Arbeit, der andere, um sich nach Lebensmitteln anzustellen. An den Straßenecken klebt an den Häuserwänden ein kleines, ganz unauffälliges Blatt Papier mit dem kurzen Dekret der Sowjetregierung über die Berufung der Volkskommissare. Die Passanten eilen vorüber, gehen ihren Angelegenheiten nach. Den Anschlag nehmen sie nicht wahr.«

Und wenn doch, konnten sie mit neuen Begriffen wie »Volkskommissare« oder »Bolschewiki« nichts anfangen.2

Die Machtübernahme konzentrierte sich zunächst auf die Hauptstadt. Der militärische Widerstand gegen die Bolschewisten, den die Provisorische Regierung nach Lenins Machtübernahme noch durch eine Offensive in Richtung Petrograd unternommen hatte, endete, als der Generalstab Kerenskis am 17. November 1917 von den Roten verhaftet wurde. Kerenski selbst gelang die Flucht ins Ausland. Nach Petrograd zogen andere Städte und Zentren nach, in denen lokale Sowjets die Machtübernahme einleiteten. In Moskau dauerte der bewaffnete Aufstand eine Woche. Erst am 26. Oktober/3. November eroberten die Bolschewisten den Moskauer Kreml. Auf dem flachen Land, wo etwa 80 % der Bevölkerung lebte, blieb man zunächst ohne Kenntnis von dem Putsch und erfuhr erst zeitverzögert von den Ereignissen. In den ländlichen Gebieten verhalfen Militärangehörige den bolschewistischen Räten zur Übernahme von Regierungsorganen, in industriellen Zentren gelang dies durch einfachen Wechsel der lokalen Regierungen. Diese Vorgänge gingen nicht ohne Blutvergießen vonstatten: Insgesamt berichteten die Bolschewisten von etwa 500 Toten.

Auf die Ablösungserscheinungen in den Grenzgebieten des russländischen Reiches reagierte das Dekret über die »Deklaration der Rechte der Völker Russlands« vom 2. November 1917. Die nicht-russischen Völker nutzten nämlich die chaotischen Verhältnisse im Land, um sich von der Zentrale zu lösen und eigene Staatlichkeiten zu errichten. Von November 1917 bis Mai 1918 hatten Georgien, Estland, Finnland, die Ukraine, Estland, Weißrussland, Armenien und Aserbaidschan ihre staatliche Unabhängigkeit proklamiert. Ihnen kam die Deklaration weit entgegen. Die Petrograder Regierung konzedierte nicht nur die Gleichheit und Souveränität aller Völker Russlands, sondern auch das Recht auf staatliche Selbstständigkeit. Die sich formierenden Staatlichkeiten konnten aber meistens nur kurzzeitige Episoden überstehen, denn bis 1939 bewahrten sich nur Finnland und die baltischen Staaten ihre Souveränität, letztere wurden im Zuge des Zweiten Weltkriegs ebenfalls in die Sowjetunion integriert.

Abb. 1:    Kopf der gestürzten Statue von Zar Alexander III. in Moskau 1918.

Insgesamt war die »Große Sozialistische Oktoberrevolution« im November 1917 ein Wendepunkt für die russische, die ost- und gesamteuropäische sowie für die Weltgeschichte. Ihre Folgen und der Aufbau des ersten sozialistischen Staats der Welt veränderten Europa bis heute. Die Zuschreibung als »Revolution« hat in diesem Sinn ihre Berechtigung, auch wenn sie selbst nur als ein Putsch einer kleineren Gruppe ohne mehrheitliche Unterstützung der Bevölkerung zu charakterisieren ist. Im Selbstverständnis der Kommunistischen Partei der Sowjetunion war die »Große Sozialistische Oktoberrevolution« der Beginn einer neuen Ära in der Menschheitsgeschichte und der volle Triumph der »heroischen Arbeiterklasse«, geführt vom »lichten Genius des unsterblichen Lenin, des großen Lehrers der Werktätigen der ganzen Welt«, wie das 1961 angenommene Programm der Kommunistischen Partei der Sowjetunion formulierte.3

Die »Diktatur des Proletariats« formiert sich

Den Terminus »Diktatur des Proletariats« hatte Lenin von Marx und Engels übernommen, die ihn nicht als verfassungsrechtlichen Begriff verstanden. Lenin interpretierte ihn aber im juristischen und institutionellen Sinn um als eine »durch kein Gesetz beschränkte und sich auf Gewalt stützende Machtausübung«.4 Diese sicherte er sich letztlich gewaltsam, denn bei den Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung am 12./25. November 1917 fuhren die Bolschewisten nur mäßige Erfolge ein. Von den insgesamt 41,7 Millionen abgegebenen Stimmen erhielten sie nur 9,8 Millionen, die Mehrheit, 22 Millionen (58 %), ging an die Sozialrevolutionäre (SR), die in der Duma an der Regierung beteiligt gewesen waren. Auf die Menschewisten und Bürgerlichen entfielen die übrigen Stimmen.

Als im Januar 1918 die Konstituierende Versammlung zusammentrat, weigerte sich die Mehrheit, die staatliche Gewalt an die bolschewistischen Räte zu übertragen. Lenin ließ sie daher mithilfe der Roten Garden gewaltsam auflösen; er hielt sie für »überholt« durch die »Diktatur des Proletariats« als eine »höhere Form der Demokratie«.5 Damit hatte sich das Rätesystem durchgesetzt.

Der am 25. Januar eröffnete und von Lenin gesteuerte III. Allrussische Kongress der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten übernahm damit vollständig die Staatsgewalt. Der Sowjetkongress war es auch, der die Gründung der »Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik« proklamierte (ab März 1918 die »Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik«, RSFSR) als Bund »freier Nationen, als Föderation nationaler Sowjetrepubliken«.6

Die erste Verfassung der RSFSR nahm der V. Allrussische Kongress der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten am 10. Juli 1918 an. Sie verstand als ihre wichtigste Aufgabe die Errichtung der »Diktatur des städtischen und ländlichen Proletariats und der ärmsten Bauernschaft in der Gestalt einer starken Allrußländischen [sic] Sowjetmacht zwecks vollständiger Unterdrückung der Bourgeoisie, Vernichtung der Ausbeutung eines Menschen durch den anderen und der Herstellung des Sozialismus, unter dem weder eine Klasseneinteilung, noch eine Staatsgewalt sein wird.«7 Der Verfassung zufolge standen alleine den Räten die gesamte zentrale und lokale Gewalt und die Vertretung der werktätigen Bevölkerung in den Städten und Dörfern zu. Höchste gesetzgebende, verfügende und kontrollierende Organe wurden der Rätekongress und das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee, welches von ersterem gewählt wurde und zur Führung der laufenden Geschäfte den »Rat der Volkskommissare« bestimmen sollte, bestehend aus 17 Volkskommissariaten.

In der Verfassung fehlte die Ausgestaltung des Justizwesens, d. h. die Installierung von Gerichten, Richtern, Staatsanwälten, Verteidigern usw. Auch von einem gleichen Wahlrecht war nicht die Rede. Vielmehr wurde ein Dreiklassenwahlrecht eingeführt, das die Arbeiter vor den Bauern bevorzugte und die »kapitalistischen Klassen« von allen partizipatorischen Rechten ausschloss. Demnach besaßen kein aktives und passives Wahlrecht unter anderem die Händler und Personen, die von Einkünften ihres Vermögens lebten oder Lohnarbeiter beschäftigten, Mönche und Geistliche, verurteilte Verbrecher, Agenten der zarischen Polizei. Arbeit wurde zur Pflicht aller Bürger erklärt. Eine allgemeine Wehrpflicht wurde eingeführt und die Bildung einer sozialistischen Roten Armee der Arbeiter und Bauern angeordnet, wobei nur den Werktätigen das »Ehrenrecht« zustand, die »Revolution mit der Waffe in der Hand zu schützen«. Hingegen wären die besitzenden Klassen im Interesse der »Sicherung der vollen Macht der werktätigen Massen« völlig zu entwaffnen. Auf der Basis ihres revolutionären Selbstverständnisses verzichtete die sowjetrussische Verfassung von 1918 und die erste gesamtsowjetische Verfassung von 1924 ganz darauf, bürgerliche Individualrechte als Grundrechte aufzunehmen. Damit unterschieden sie sich deutlich von den Vorstellungen freiheitlicher Gesellschaften. Das Verständnis für die Notwendigkeit von Grundrechten als subjektive Rechte, die von den staatlichen Organen nicht angetastet werden dürfen, fehlte in der Sowjetunion, denn die Regierung ging davon aus, sie vertrete ohnehin die Rechte ihrer Bürger. Die Grundsätze dieser Verfassung nahmen alle künftigen Verfassungen der UdSSR auf.

Der Austritt aus dem Weltkriegsgeschehen brachte der Lenin-Regierung Sympathien im Land ein. Der Volkskommissar für Äußeres, Lew Trotzki, unterbreitete den kriegsbeteiligten Staaten ein Angebot für einen Waffenstillstand, den zwar die Mittelmächte, nicht aber die Entente-Mächte annahmen. Weil in Brest-Litowsk, wo die Friedensverhandlungen begannen, zunächst keine Übereinstimmung zustande kam und nur die Ukraine einen Separatfrieden schließen konnte, brach Trotzki gegen den Wunsch Lenins die Verhandlungen ab und erklärte den Krieg für Russland für beendet. Lenin drängte jedoch auf Frieden und setzte die Annahme eines Friedensvertrages durch, am 3./16. März 1918 unterzeichnet von der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik und den Mittelmächten sowie ihren Verbündeten. Er sah für Sowjet-Russland territoriale Verluste an der West-Grenze durch den Verzicht auf Polen, Litauen sowie das Kurland und die Anerkennung der Selbstständigkeit Finnlands und der Ukraine vor. Weiter sollte Russland demobilisieren. Reparationen waren nicht vorgesehen. Der IV. Sowjetkongress (14.–16. März 1918) ratifizierte den Frieden, aus Protest dagegen verließen allerdings die linken Sozialrevolutionäre den Rat der Volkskommissare.

Sowjetrussland schied damit als Kriegsteilnehmer aus, akzeptierte große Gebietsverluste und die militärische Besetzung weiter Landesteile. Andererseits stabilisierte der Vertrag die Macht der Bolschewisten, wenn auch zu einem außerordentlichen Preis: Ein Drittel des Agrarlandes und mehr als die Hälfte der industriellen Gebiete waren verloren, und Polen, die baltischen Länder sowie die Ukraine erhielten die staatliche Unabhängigkeit – jedoch zunächst noch unter deutscher Schutzherrschaft. Nach der Niederlage Deutschlands annullierte die Sowjetregierung am 13. November 1918 den Vertrag von Brest-Litowsk.

Auf den Pariser Friedenskonferenzen war Sowjetrussland nicht stimmberechtigt, nach außen hin war aber nun für Frieden gesorgt. Dies ermöglichte den Bolschewisten im Land, dass sie sich an die innere Konsolidierung ihrer Position machen konnten. Eine Stütze war dabei die Pressezensur. Sie sicherte Partei und Behörden die Deutungshoheit über alle Veröffentlichungen und verhinderte das Aufkommen kritischer Stimmen. Das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee bezeichnete die Pressefreiheit am 4./17. November 1917 als »konterrevolutionär«. Wenige Monate später setzte das Volkskommissariat für Justiz eine oberste Zensurbehörde ein. Lenin, der die Zensur zur Zarenzeit kritisiert hatte, führte sie nun selbst wieder ein. Nachrichten kontrollierte und verbreitete zunächst die »Russische Telegrafenagentur« (ROSTA), die 1925 von der TASS (»Telegrafenagentur der Sowjetunion«, abgelöst wurde. Erst ein Mediengesetz des Jahres 1990 beendete die staatliche Kontrolle sämtlicher Presseerzeugnisse, der literarischen Werke und aller medialer Stellungnahmen in der Sowjetunion.

Roter Terror

Gewalt in jeder möglichen Form gegenüber Militärangehörigen und Zivilisten gehört zu den Begleiterscheinungen der Oktoberrevolution. Zunächst wurde diese ungelenkt ausgeübt, nicht nur von den Bolschewisten, sondern auch von ihren Gegnern. Allerdings legten Erstere von Anfang an die Strukturen der Gewaltanwendung fest, als sie sich die politische Führung im Bürgerkrieg erkämpften: anfangs noch gegen die Mittelmächte und gegen ausländische Interventen, dann gegen anti-bolschewistische Frontstellungen wie die »Weißen«, die »Grünen« und andere, aber auch gegen streikende Beamte, gegen Bauern, die sich den Bolschewisten widersetzten, und gegen »innere« Opponenten wie die Menschewisten und andere konkurrierende politische Gruppierungen. Gewalt war für Lenin ein legitimes Mittel, dies betonte er in öffentlichen Reden immer wieder. Als er im August 1918 in der Stadt Nischni Nowgorod einen Aufstand befürchtete, wies er dort an, Personen, bei denen Waffen gefunden würden, zu erschießen und politisch Unzuverlässige und Menschewisten in Massen abzutransportieren (Brief vom 9. August 1918 an den Vorsitzenden des Sowjets von Nischni Nowgorod). Lenin sprach eine recht klare Sprache, wie mit »Klassenfeinden« umzugehen war: Die reichen »Bettwanzen« und die »Schufte-Flöhe« seien zu zerquetschen, wie er in einem Aufruf an die »Werktätigen und Ausgebeuteten« unmissverständlich formulierte.8 Weiter galten »Parasiten« und »Blutsauger« wie »Spekulanten«, »Müßiggänger«, »korrupte Elemente«, »Rowdies«, »Diversanten«, »Hooligans«, »Spione«, »Banditen« und andere als »Volksfeinde«.

Gewaltanwendung sah man auch gerechtfertigt, um öffentliche Streiks niederzuringen. Diese waren etwa in Petrograd von Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltung nach dem bolschewistischen Putsch ausgerufen worden. In den Augen der neuen Herren war dies »Konterrevolution« und »Sabotage«. Gegen diese und weitere politische Delikte gründete der Rat der Volkskommissare am 7./20. Dezember 1917 eine politische Polizei, die sogenannte Tscheka (die Abkürzung für die russische Bezeichnung der »Außerordentlichen Allrussischen Kommission für den Kampf gegen Konterrevolution, Spekulation und Sabotage«), später mehrfach umgruppiert und umbenannt in GPU, OGPU, NKWD ab 1934, MGB 1946 und KGB seit 1954. Der erste Leiter der Tscheka war der Pole Feliks Dzerschinski (1877–1926), berüchtigt als »Eiserner Felix«, der forderte, »organisierte Gewalt gegen die Aktivisten der Konterrevolution« einzusetzen.9

Die Tscheka, konzipiert als »bewaffneter Arm der Diktatur des Proletariats«, wurde hauptsächlich eingesetzt zur Bekämpfung der Opposition und der angeblichen Konterrevolution sowie zu in- und ausländischen Geheimdienstaktivitäten. Auch in der Roten Armee verfügte sie über Abteilungen. Bei der Machtübernahme und -konsolidierung in Petrograd und anderen Städten während des russischen Bürgerkrieges war sie ein wichtiges Instrument zur Durchsetzung der Herrschaft der Bolschewisten und dafür verantwortlich, dass deren Machtausübung mit Terror verbunden war. Willkürliche Verhaftungen und Erschießungen, Folter und andere Gewalttaten gingen auf ihr Konto. Die 1920 gegründete Auslandsabteilung der Tscheka sammelte über die sowjetischen Grenzen hinaus Informationen aller Art, war aber auch für Attentate verantwortlich.

Abb. 2:    Oben: Der Platz vor der Lubjanka in Moskau mit einem Denkmal zu Ehren Dzerschinskis in den 1970er Jahren. Die Statue wurde 1991 gestürzt; Diskussionen über ihre Rückkehr halten an. Unten: Währenddessen harrt das Denkmal im Skulpturenpark »Museon« in Moskau aus.

Die gnadenlose Verfolgung aller, die sich gegen die Bolschewisten stellten, wurde durch zwei Attentate angeheizt. Lenin selbst überlebte am Abend des 30. August 1918 in Moskau einen Anschlag, als er nach einer Rede in einer Fabrik von zwei Kugeln getroffen worden war. Nachdem am selben Tag in Petrograd ein Sozialrevolutionär, der junge Dichter und Offizier Leonid Kannegiser (1896–1918), den Leiter der Petrograder Tscheka, Moisei Urizki (1873–1918), ermordet hatte, schrieb der Vorsitzende des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees (VTsIK) Jakow M. Swerdlow (1885–1919) das Attentat auf Lenin ebenfalls den Sozialrevolutionären zu. Die Anarchistin Fanni Kaplan (1890–1918) wurde als Attentäterin identifiziert und verhaftet. Sie trug zwar eine Waffe bei sich, aus der aber kein Schuss abgegeben worden war. Kaplan gestand die Tat bei ihrer Vernehmung. Sie begründete sie damit, dass sie Sozialrevolutionärin sei, der Verfassungsgebenden Versammlung anhänge, dass Lenin ein Verräter der Revolution sei und die Idee des Sozialismus entstellt habe. Vier Tage nach dem Attentat wurde sie erschossen, ohne Prozess und ohne genauere Klärung der Hintergründe. Zweifel an der Täterschaft bleiben.10

In der Folge ließ der Volkskommissar für Innere Angelegenheiten, Grigori I. Petrowski (1887–1958), alle auffindbaren Sozialrevolutionäre verhaften, und eine Welle von Verfolgungen erfasste anti-bolschewistisch eingestellte – oder dessen verdächtige – Personen. Nach beiden Attentaten radikalisierten die Bolschewisten ihre Maßnahmen. Noch am selben Tag erklärte das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee, dass die »Arbeiter und Bauern mit einem roten Massenterror« auf den »weißen Terror der Feinde der Arbeiter- und Bauernmacht« reagieren würden.

Die Tscheka gab am 2. September 1918 den Befehl, alle bekannten Menschewisten und Rechten Sozialrevolutionäre, bedeutende »Vertreter der Bourgeoisie, der Gutsbesitzer, der Fabrikanten, der Kaufleute, der konterrevolutionären Popen und alle der Sowjetmacht feindlich gesinnten Offiziere« aus dem Verkehr zu ziehen. Sie seien in »Konzentrationslager« einzuweisen und, im Falle von Widerstand, »sofort zu erschießen«. Dies gelte auch für Personen, bei denen Schusswaffen und Sprengstoff gefunden werde (Nachsicht sei nur gegenüber Arbeitern, Bauern und Soldaten angebracht), weiter für ehemalige Gendarmerieoffiziere und Kreispolizeichefs. Diese Anordnung wurde geheim weitergereicht, »Ausplaudern« wurde geahndet.11 Der Rat der Volkskommissare traf am 5. September 1918 einen entsprechenden Beschluss, der den »Roten Terror« einleitete. Darin hieß es, Terror solle die Sicherheit im Hinterland gewährleisten, Klassenfeinde seien in »Konzentrationslagern zu isolieren« und alle Personen, die in Verbindung zu Weißgardisten, Verschwörungen oder Aufständen stünden, seien zu erschießen.12

Damit wurde die Verfolgung von Oppositionellen der unterschiedlichsten Herkunft programmatisch grundgelegt; die Anklage der »konterrevolutionären« Tätigkeit nahm hier ihren Anfang. Das Schreckensregime der Roten war daher keine planlose und ungerichtete Reaktion auf das Lenin-Attentat, sondern es wurde systematisch ausgeführt, die Namen der Opfer wurden in der Presse abgedruckt. Lenin selbst war dabei ein »bösartiger Schreibtischtäter, der menschliche Tragödien, Leid und Elend ignorierte« und der »die Schergen der Tscheka zu Höchstleistungen bei der Vernichtung von Feinden« antrieb.13 Er stand in enger Verbindung mit Dzerschinski, gab ihm praktische Hinweise für Verhaftungen, die am besten nachts durchzuführen seien, und nahm die sadistischen Foltermethoden der Tschekisten in Kauf.14

Es ist davon auszugehen, dass die Anzahl der Opfer des »Roten Terrors« während des Kriegskommunismus mehrere hunderttausende betrug. Weder von den Zahlen her noch von der Willkür der Verfolgung war der Terror der Tscheka vergleichbar mit den Verfolgungen der politischen Opposition in der Zarenzeit durch die berüchtigte Ochrana. Auch lagen die Verhaftung von Personen, die Untersuchung ihrer Vergehen, ihre Aburteilung und die Strafvollstreckung – nicht selten die Hinrichtung – in einer einzigen Hand: jener der Tscheka-Mitarbeiter. Willkürliche Machtausübung sollte dabei nicht nur die Feinde der neuen Herren treffen, sondern auch dazu beitragen, die Bevölkerung generell in Angst und Schrecken zu versetzen. Die Namen der Hingerichteten wurden daher auch in Zeitungen veröffentlicht. Erst nach dem Ende des russischen Bürgerkrieges 1920 wurde der Tscheka die Berechtigung entzogen, eigenmächtig die Todesstrafe anzuwenden. Der Einsatz der Tscheka insbesondere während des Bürgerkrieges wurde in der Propaganda so heroisiert, dass »Tschekist« eine öffentliche Ehrenbezeichnung wurde und weiter als Bezeichnung für die Angehörigen der Geheimpolizei in Gebrauch blieb.

Lenin wies die Einrichtung eines ersten Lagers für politische Gefangene in der Provinz Pensa – südöstlich von Moskau – im August 1918 an, weitere Lager für Gegner der Bolschewisten folgten. Immer mehr Personen wurden verhaftet. Im Mai 1921 belief sich die Zahl der in Lagern Festgehaltenen noch auf etwa 16.000 Personen, im September 1921 betrug sie bereits über 70.000.

Als weiteren Haftort für die politischen und sonstigen Gefangenen ließ Lenin am 13. Oktober 1923 eine ehemalige Klosterkolonie auf den Inseln des Archipels von Solowki als SLON (Solowezki Lager Osobennogo Nasnatschenija, Solowezker Lager besonderer Bestimmung) einrichten. Bis 1929 war es das einzige seiner Art. Mittelpunkt des Lagers war der Klosterkomplex auf der Hauptinsel. Unter der Verwaltung der OGPU besaß es eine eigene Verwaltungsstruktur und ein eigenes Geld- und Telegraphensystem. Die Häftlinge wurden für Waldarbeiten eingesetzt, für die Torfgewinnung und für andere physisch belastende Arbeiten. Innerhalb der sieben Jahre seiner eigenständigen Existenz wuchs die Zahl der Häftlinge in Solowki auf 70.000 an. Ein Beschluss des Rats der Volkskommissare vom 10. Juni 1925 über das Ende der Inhaftierung »politischer Verbrecher« linker Parteien in Solowki bedeutete nicht die »Auflösung des Konzentrationslagers«, wie die sowjetische Presse erklärte, sondern »lediglich die Verlegung eines Teils der Häftlinge«. Dennoch nutzten die Bolschewisten den Beschluss, um auf die »Humanität« des Regimes zu verweisen.15

Die eine Partei

Die Sowjetunion bezeichnete sich zwar als Räterepublik und führte dies auch in ihrem Namen, aber bald waren es de facto nicht die Räte, die den Staat lenkten, sondern die Partei der Bolschewisten allein. Genauer gesagt entschieden die Parteispitze und die führenden Männer. Basisdemokratischen Elementen kam die Aufgabe der Deklaration und Bestätigung getroffener Beschlüsse zu. Der Widerspruch zwischen der proklamierten Herrschaft des Volkes und der tatsächlichen politischen Machtausübung durch die Männer an der Spitze der Partei wurde in der Frühzeit der Sowjetunion zementiert und er hielt bis zum Zusammenbruch der UdSSR an. Lenin, Vorsitzender des Rats der Volkskommissare, Kopf und gleichzeitig Symbol der Partei, bekleidete kein Parteiamt. Dennoch hatte er eine Sonderstellung in der Partei, die »von niemandem, nicht einmal von seinen radikalsten innenpolitischen Opponenten, in Frage gestellt wurde, [sie] war also nicht mit seinen Funktionen, sondern mit seiner Person verbunden«16.

Die staatstragende Bedeutung der Partei setzte Lenin durch, als er auf dem X. Parteitag im März 1921 eine Resolution über das Prinzip der »monolithischen Einheit der Partei« verabschieden ließ, die eine Bildung von Fraktionen und Gruppierungen innerhalb der Partei untersagte. Damit wurde die innerparteiliche Opposition – »Trotzkisten und linke Kommunisten« – ausgeschaltet. Lenins Linie hatte sich gegen Trotzki durchgesetzt, der die Gewerkschaften, nicht aber die Partei, als höchste Organisationsform der Arbeiterklasse betrachtete. Die kommunistische Partei der Bolschewisten verstand sich unter Lenin von ihrer Struktur her nicht als Massenorganisation, sondern als Kaderpartei. Sie besaß in den ersten Jahrzehnten nur wenige Mitglieder, ihre Anzahl stieg vor allem unter Chruschtschow: Waren es 1918 noch 390.000 Parteimitglieder, so betrug ihre Anzahl im Jahr 1983 über 18 Millionen. Dabei unterlagen die Bewerber aber einer Überprüfung. Eintrittswillige benötigten die Empfehlung eines Parteimitglieds, und sie mussten eine einjährige Bewährungszeit im Kandidatenstatus absolvieren.

Die gewerkschaftliche Vertretung wurde ebenfalls auf dem Parteitag als »Schule der Verwaltung«, »Schule der Wirtschaftsführung« und »Schule des Kommunismus«,17 deren wichtigste Aufgabe die Erziehungsarbeit der »werktätigen Massen« zugunsten der Partei sei, etabliert.18 Gleichzeitig gab man die bisher mögliche innerparteiliche Diskussion auf, die Parteidisziplin wurde massiv gestrafft und die Anhänger einer wirklichen Räterepublik wurden zurückgedrängt.

Damit war die kommunistische Partei im Einparteienstaat das tragende und unangefochtene politische Fundament. Als »freiwilliger Kampfbund von Gleichgesinnten« vereinigte sie »Menschen der Arbeiterklasse, der werktätigen Bauernschaft und der schaffenden Intelligenz«.19 Sie nahm die Führungsrolle in Staat und Gesellschaft, über alle »Organisationen der Werktätigen, sowohl der gesellschaftlichen als auch der staatlichen«, wahr. Ursprünglich waren es Berufsrevolutionäre gewesen, die sich als »Avantgarde des Proletariats« sahen und den »Klassenkampf« anleiteten und in diesem Sinn den Umsturz in Russland durchführten. Nach der Machtübernahme in Petrograd war aus ihnen eine Organisation linientreuer Kader entstanden. Hervorgehend aus der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (Bolschewisten)« – SDAPR(B) –, wurde die kommunistische Partei nach der Oktoberrevolution mehrfach umbenannt: Zunächst in »Kommunistische Partei Russlands (Bolschewisten)« – KRP(B) –, dann 1925 in »Kommunistische Partei der Sowjetunion (Bolschewisten)« – WKP(B) – und schließlich im Jahr 1952 in »Kommunistische Partei der Sowjetunion« – KPdSU –; die »Bolschewisten« verschwanden aus dem Namen. Anders als Marx, der in seiner Staatstheorie den Bestand der Partei für überflüssig hielt, nachdem die Macht revolutionär übernommen worden war, wies Lenin dieser eine weitergehende Funktion zu, nämlich jene eines Transmissionsriemens für die Weiterentwicklung des Kommunismus. Damit war in der Sowjetunion die Führungsrolle der Partei gegenüber dem »Proletariat«, der Bevölkerung, ein unverrückbares Dogma, die Autorität der Partei war von Vornherein gegeben. So wirkte sie auch per se in die staatlichen Institutionen hinein, da der Staatsapparat faktisch völlig vom Parteiapparat abhängig war.

Im Vergleich mit dem Zarenreich wurde die Sowjetunion weitaus autoritärer regiert, auch wenn die kommunistische Partei erklärte, sie würde im Namen des Proletariats handeln. Allerdings war sie alles andere als demokratisch strukturiert, und die von ihr und durch sie getroffenen Entscheidungen entstanden nicht durch demokratische Abstimmungen, sondern durch Vorgaben von oben. Zudem waren alle Institutionen, die eine Möglichkeit der Mitsprache für die Bevölkerung geboten hätte, staatlich kontrolliert, darunter die Presse und die Verlage, die der staatlichen Zensur unterlagen. Die Partei sorgte dafür, dass alles gleichgeschaltet wurde. Kritik an der Partei und an ihrer Führung wurde damit von Anfang an unterbunden. Die Weltsicht der Herrschenden, aktuelle Parteisitzungen und Regierungserfolge propagierte das Parteiorgan Prawda (die »Wahrheit«), deren erste Nummer auf das Jahr 1912 in Sankt Petersburg datiert.

Der organisatorische Aufbau der Partei bestand nach dem allmählich entstehenden Territorialprinzip aus vier Organisationsebenen: der Unionsebene, den Sowjetrepubliken und autonomen Gebieten (hier gab es 14 regionale Parteiorganisationen), den örtlichen Parteiorganisationen in den Kreisen, Städten und Bezirken sowie als Grundorganisationen den sogenannten Zellen am Arbeitsplatz. Auf allen diesen Ebenen bestanden Exekutivkörperschaften und ständige Parteibehörden (»Komitees«, »Büros«, »Sekretariate«), die von hauptamtlichen Mitarbeitern besetzt waren. Die übergeordnete Territorialeinheit war jeweils für die unteren führend. Die oberste Ebene bildete die Unionsebene, auf der alle vier Jahre der Parteikongress tagte. Dieser wählte das Zentralkomitee (ZK), aus dessen Reihen wiederum das Politbüro (in den Jahren zwischen 1952 und 1966 das Präsidium) hervorging. Vorsitzender dieses politischen Führungsorgans der Partei war der Generalsekretär. Er hatte in einer Doppelfunktion zugleich die Führungsspitze im Staat inne.

Säuberungen waren ursprünglich ein regelmäßig durchgeführter Kontrollprozess, mit dem die Partei »schädliche Elemente« aus ihren Reihen siebte. Nach einer ersten Generalsäuberung 1921 wurden fast ein Viertel der Parteimitglieder (etwa 160.000) ausgeschlossen. Teilsäuberungen folgten diesem Muster, etwa 1925 in den Hochschulen und 1926 auf Dorfebene. Gründe für Parteiausschlüsse waren Verhaltensweisen, die für Parteimitglieder nicht als akzeptabel galten: Bestechung, Amtsmissbrauch, aber auch Beharren auf der Kirchenzugehörigkeit, Verstöße gegen Anweisungen oder die Parteidisziplin und Ähnliches.

Auch und gerade der Umstand, dass die politischen und Regierungsämter durch die Partei bestimmt wurden, verdeutlichte die Macht der Partei. Wer die Partei führte, regierte den Staat, und zwar ohne Einschränkung, denn eine Gewaltenteilung wie in bürgerlichen Staaten war nicht vorgesehen. In der UdSSR hatte die Justiz ihre Unabhängigkeit eingebüßt, und eine Trennung zwischen Exekutive und Legislative, die Grundlage der Demokratie schlechthin, bestand in der UdSSR de facto nicht.

Kriegskommunismus und Bürgerkrieg 1918–1920

Die nächsten großen innenpolitischen Umwälzungen der Bolschewisten in Sowjetrussland liefen unter den Bedingungen des sogenannten »Kriegskommunismus« bis 1920 ab. Die Weichenstellung für viele Grundzüge des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens wurden in dieser Zeit gelegt; dabei war es nicht die »Diktatur des Proletariats«, die dafür verantwortlich zeichnete, sondern vielmehr die Partei, die in alleiniger Machtvollkommenheit die politischen Ziele durchsetzte. In dieser Zeit wurden energische Anstrengungen unternommen, um die Wirtschaft des Landes und damit zusammenhängende Bereiche einer zentralen Lenkung zu unterstellen, während alle Ressourcen und Produktionsergebnisse vorrangig dem Unterhalt der Roten Armee zukamen. Dazu gehörte in der Praxis, dass Produktionsmittel in der Industrie, dem Verkehrs- und Bankensektor sowie Großgrundbesitz enteignet wurden, dass Produktion, Verteilung und Konsum von Ressourcen zentral verwaltet wurden, dass die Wirtschaft bürokratisiert wurde und dass Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung dieser Ziele angewandt werden konnte.