Bamberg - Karin Dengler-Schreiber - E-Book

Bamberg E-Book

Karin Dengler-Schreiber

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Beschreibung

Bamberg lebt mit seiner Geschichte. Das schöne Stadtbild mit all seinen Kirchen, Palais und Bürgerhäusern ist zugleich ein spannendes Geschichtsbuch. Es hat sich in weit über 1000 Jahren entwickelt, von einer Burg im "Wilden Osten" zur Hauptstadt des Hochstifts Bamberg, vom Bischofssitz zur Universitätsstadt und zum Welterbe. Der Band, der neben neuen wissenschaftlichen und archäologischen Erkenntnissen auch Anekdoten, literarische Zitate und Abbildungen wie Puzzlesteine zu einem Gesamtbild zusammenfügt, folgt den Spuren dieser Entwicklung. Die Geschichte, die im Fluss und in den Hügeln, in Mauern, Straßen und auf Plätzen wohnt, wird in diesem Buch in konzentrierter und unterhaltsamer Weise erzählt.

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Karin Dengler-Schreiber

Bamberg

Kleine Stadtgeschichte

BIBLIOGRAFISCHE INFORMATION DERDEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEK

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

4., aktualisierte Auflage 2020

© 2020 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

Gutenbergstraße 8 | 93051 Regensburg

Tel. 0941/920220 | [email protected]

ISBN 978-3-7917-3211-4

Reihen-/Umschlaggestaltung und Layout: Martin Veicht, Regensburg

Satz: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. Donau

Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg

Printed in Germany 2020

eISBN 978-3-7917-6192-3 (epub)

Unser gesamtes Programm finden Sie im Webshop unter www.verlag-pustet.de

Inhalt

Vorwort

Vor der Bistumsgründung

Eine Burg in der Francia Orientalis / Ein verlorenes Lied: Der Untergang der Babenberger / Die Babenberger: Verräter oder Opfer? / Ein königliches Gefängnis / Ein kaiserliches Geschenk

Die große Zeit (1007–1248)

Die Gründung des Bistums Bamberg / »Die Fülle des Silbers und Berge von Gold« / Das erste Loblied auf Bamberg / Papst Clemens II. und seine »süßeste Braut« / Liebesbrief an Bamberg / Der Held und der Lehrer: Gunther und Meinhard / Hofnarr und Heldenepen / Otto der Heilige: Bischof und Diplomat / Eine Karriere im 12. Jahrhundert / Das Kloster Michelsberg / Vom Wachsen der Stadt / Eine der modernsten Brücken ihrer Zeit / Barbarossas Diplomat: Eberhard II. / Tod in Venedig: Hermann II. / Der erste Bamberger Meranier-Bischof: Otto II. / Der zweite Bamberger Heilige / Ein Königsmord und ein neuer Dom: Ekbert I. / Der Königsmord / Von Kemenaten und Stadtmauern / Abgesang

Der Kampf der Bürger um Selbstständigkeit (1250–1450)

Die Bürger und ihre »Stat« / Hugo von Trimberg (1235–1313) / Die »Historia von der Zwietracht« / Die Immunitäten und das »Mitleiden« / Der Muntäterkrieg / Der Fluss und die Mühlen / Das Brückenrathaus / Die jüdischen Viertel / Die zweite Stadt des Buchdrucks / Albrecht von Eyb, »Lobspruch auf Bamberg« / Die gute Zeit des späten Mittelalters / Götz von Berlichingen auf Bambergisch

Die Zeit der Kriege (1450–1650)

Bauernkrieg und Markgrafenkriege / Die Artikel der Bamberger vom 11. April 1525 / Verzögerte Gegenreformation / Verbrecherischer Abgrund: die Hexenmorde / Der Dreißigjährige Krieg

Triumph des Barock (1650–1800)

Auf dem Weg aufwärts / Wiederaufbau nach dem Dreißigjährigen Krieg / Das barocke Wirtschaftswunder und die Schönborns / Die Dientzenhofer / Reformen und Rückschläge / Die Schatten des Glanzes: Armut und Not / Bamberg und Posen / Der Sozialreformer: Franz Ludwig von Erthal / Beginn der Romantik

Von der »mittelmäßigen« Stadt zum Welterbe (1802–2020)

Umbruch und Säkularisation / Ein emanzipierter Bürger – Dr. Marcus / E. T. A. Hoffmann / Das Bamberger Stadttheater / Biedermeier im Verein / Verschlafener Aufbruch ins Industriezeitalter / Gründerzeit / Die Juden und der Hopfenhandel / Bamberg als Garnisonsstadt / Der Erste Weltkrieg und die Bamberger Verfassung / Der Bamberger Reiter – ein deutscher »Erinnerungsort« / »Kunigundes seidener Faden« im Zweiten Weltkrieg / Oberzentrum und Welterbe / Die Universität in der Altstadt

Anhang

Zeittafel / Literatur / Ortsregister (allgemein) / Ortsregister (Bamberg) / Personenregister / Karte von Bamberg / Internetadressen / Bildnachweis

Vorwort

Von der Burg im wilden Osten des Frankenreiches zum caput orbis, dem »Haupt der Welt« – ein Bilderbuchstart in der Zeit um 1000. Einige Jahrzehnte lang war Bamberg Zentralort des Reiches, überhäuft mit Gold und Würden, mit Wissen und Kunst. Von diesem Kapital zehrt die Stadt zum Teil bis heute. Dazu kamen die Schätze aus ihrer 800-jährigen Funktion als Hauptstadt des Hochstifts Bamberg, des fürstbischöflichen Staates. Nach dem Ende dieses Staates 1802 konnten die Bürger der Stadt anfangen, ihre Kräfte zu entfalten; die Stadt wuchs, setzte Stadtteil um Stadtteil an.

Doch die Identifikation mit Bamberg erfolgt weiterhin über die großen Zeugen der Vergangenheit, die mittelalterliche und die barocke Stadt mit ihren Kirchen und Palästen. Diese Identifikation ist in Bamberg überaus intensiv und wurde noch verstärkt durch die Verleihung des Titels »Welterbe« 1993. Die Stadt lebt mit und inzwischen zum Teil auch von ihrer Vergangenheit.

Die »Kleine Bamberger Stadtgeschichte« will die großen Linien dieser Vergangenheit bis in die Gegenwart verfolgen und anschaulich machen. Natürlich ist das angesichts des vorgegebenen Buchumfangs und der Fülle wissenschaftlicher Literatur nur sehr kursorisch möglich; das Schwierigste an einem solchen »Geschichtskonzentrat« ist die Auswahl dessen, was nicht weggelassen wird.

Eine solche Arbeit ist nur mit vielfältiger Hilfe möglich. Ich danke der Staatsbibliothek Bamberg für die kompetente und unbürokratische Hilfe bei der Beschaffung von Wissen und vor allem ihrem Fotografen, Herrn Raab, für die besonderen Bilder, die er immer wieder findet. Ich danke dem Stadtarchiv, dem Historischen Museum und der Stadt Bamberg für ihre Bilder ebenso wie Dr. Zink und Dr. Gunzelmann für ihre prüfende Lektüre meines Textes und meiner Familie für ihre Geduld. Vor allem aber bin ich dankbar, dass diese Stadt nach so vielen Jahren des Studiums noch immer Überraschungen bereithält, Anregungen, Fragen und stets wieder Momente des Glücks angesichts ihrer Schönheit.

Bamberg,

 

im Mai 2020

Karin Dengler-Schreiber

Vor der Bistumsgründung

Eine Burg in der Francia Orientalis

Im wilden Osten des Frankenreiches besetzte eine Burg den Rand eines Hochplateaus, das steil in das weite Tal der Regnitz abfällt. Dieser Bergsporn ist einer der Ausläufer des Steigerwalds, getrennt von seinen Nachbarhügeln durch tiefe, steile Bachtäler. Die Regnitz bildete hier, kurz vor ihrer Mündung in den Main, zahlreiche Nebenarme zwischen großen Sandflächen – eine Situation, die sich bei den häufigen Hochwassern immer wieder veränderte. Der Talgrund war weitgehend bedeckt mit Wald. Auf einzelnen höher gelegenen Stellen – Inseln, Wörthen – fanden sich Spuren von Besiedlung.

Auf dem Hochplateau, das zum Domberg werden sollte, reichen die Zeichen der Anwesenheit von Menschen – Steinbeile und Topfscherben, Schichtaugenperlen und Tonstempel – über 5000 Jahre zurück. Seit etwa 1400 Jahren ist es kontinuierlich bewohnt. Die Archäologen gruben Reste von Häusern aus, die aus dem 7. Jahrhundert stammen. Zu ihnen führte wohl ein mit Bohlen befestigter Weg, dessen Reste am feuchten Fuß des Dombergs in der Lugbank gefunden wurden.

Wer hat diese Siedlung gebaut? Die Scherben, die die Bewohner hinterließen, erzählen Überraschendes: Hier lebten Slawen und Germanen offenbar friedlich beieinander. Nachdem die Franken 531 das Thüringerreich zerstört hatten, war das Bamberger Land eine Zeit lang relativ dünn besiedelt. Die Lücken im Siedlungsnetz füllten Slawen, die in Oberfranken einsickerten. Für die Germanen vermutet die Forschung einen Bevölkerungsmix aus altansässigen Gruppen, umgesiedelten Thüringern und fränkischen Zuwanderern.

Schon im 8. Jahrhundert hatte die Siedlung auf dem ›Domberg‹ überörtliche Bedeutung, ausgezeichnet durch ein Steingebäude, was in jenem abgelegenen östlichen Teil des Merowingerreiches höchst ungewöhnlich war. Dorthin machten angeblich im Jahr 718 Herzog Hetan und seine junge Frau Bilihild ihre Hochzeitsreise: Sie kamen nach Bamberg, wo viele vergnügliche Festlichkeiten veranstaltet wurden und die Stämme der Franken den Herzog feierten. Noch streiten sich die Gelehrten, ob die Ersterwähnung Bambergs tatsächlich auf 718 datiert werden kann, ob Bamberg ein Stützpunkt der fränkischen Herzöge aus der Familie der Hedene gewesen sei und was nach deren Aussterben aus der Burg wurde. Doch die Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte zeigen eindeutig, dass die Burg um diese Zeit ein wichtiges Machtzentrum und ungewöhnlich stark befestigt war.

Die Babenburg war schon im 8. Jahrhundert ein wichtiges regionales Machtzentrum und wurde im 9. und 10. Jahrhundert ausgebaut und mit einer starken Steinmauer befestigt. – Zeichnung Walter Sage 2002.

Ein verlorenes Lied: Der Untergang der Babenberger

Im Lauf des 8. und 9. Jahrhunderts begannen die Slawen, sich staatlich zu organisieren und führten Feld- und Raubzüge in die westlichen Regionen durch. Karl der Große reagierte darauf mit einem systematischen Ausbau der Grenzgebiete. In diesem Grenzsicherungssystem musste auch die Burg auf dem Bamberger ›Domberg‹ eine wichtige Rolle spielen. Um 800 wurde sie zur »Babenburg« ausgebaut und mit einer fünf Meter starken Steinmauer umgeben. Schon die Kosten einer solch gewaltigen Baumaßnahme zeigen die politische Bedeutung der Burg und lassen Macht und Reichtum der Bauherren erahnen.

Das waren die Grafen des Volkfeld-, Radenz- und Grabfeldgaus, eine Familie, die nach ihrem Leitnamen Poppo als »Popponen« oder nach ihrem Hauptsitz Bamberg als »Babenberger« bezeichnet wird. Arnulf von Kärnten (887–899), der illegitime, aber machtbewusste vorletzte Karolinger, versuchte die gefährliche Machtkonzentration der Babenberger in Ostfranken zu zerschlagen, indem er systematisch den Einfluss der Konradiner, der Familie seiner Frau Oda, in Ostfranken erhöhte. Der entscheidende Streich war die Neubesetzung des Würzburger Bischofsstuhls, den Arnulf dem Konradiner Rudolf gab. Die Feindschaft der beiden Sippen steigerte sich bis zu einem Krieg, der selbst in jener gewalterfüllten Zeit allgemeines Aufsehen erregte – die »Babenberger Fehde«.

899 wurde Arnulfs Sohn Ludwig († 911) von den Großen des Reiches zum König gewählt. Ludwig war damals erst sechs Jahre alt und stand ganz unter dem Einfluss der mütterlichen, konradinischen Verwandtschaft. Der für ihn regierende Erzbischof Hatto von Mainz (891–913) betrieb die Entmachtung der Babenberger weiter. Ab 902 begannen sie, sich mit kriegerischen Aktionen zu wehren. Adalbert und seine Brüder Adalhard und Heinrich zogen aus der Burg, die Babenbergk genannt wird, in den Kampf gegen die konradinischen Brüder Everhard, Gebhard und Rudolf. In dieser Schlacht fiel Heinrich, und sein Bruder Adalhard wurde gefangen genommen. Als kurze Zeit danach der Konradiner Graf Everhard an seinen Verwundungen starb, ließ sein Bruder Gebhard seinen Gefangenen Adalhard enthaupten.

Vielleicht war das der Anlass für Adalberts zweite Offensive: Er besetzte Würzburg und verjagte Bischof Rudolf und die Familie des verstorbenen Everhard. Die nächsten drei Jahre war Adalbert wieder unangefochtener Herr in seinem Bereich. Doch dann brach er erneut zu einem Kriegszug auf. Im Frühjahr 906 griff er Konrad d. Älteren in seinem Sitz Fritzlar an. Konrad fiel gleich beim ersten Zusammenstoß. Die flüchtenden Konradiner wurden niedergemetzelt und Adalbert ließ seine Leute drei Tage lang plündern, bevor sie schwer beladen mit Beute zur Babenburg zurückkehrten. Für diese Untat sollte er sich auf einem Hoftag in Trebur im Juli 906 verantworten. Inzwischen allerdings ging es längst nicht mehr um die Privatfehde zweier verfeindeter Familien, es ging um die Macht im Reich. Zwei große Blöcke standen sich gegenüber: Hinter den Konradinern standen auch die Bayern unter ihrem Herzog Luitpold, hinter den Babenbergern vor allem die Sachsen. Ohne seinen Schwager und Freund, den mächtigen Sachsenherzog Otto, hätte Adalbert in einem Prozess auf dem Hoftag keine Chance gehabt. Otto aber war zu diesem Zeitpunkt daheim unabkömmlich, denn die Ungarn waren im Juni 906 das erste Mal in Sachsen eingefallen. Also reiste Adalbert nicht nach Trebur. Daraufhin wurde ein Heereszug gegen ihn beschlossen. Am 2. September 906 lag der 11-jährige König mit seinem Heer bei Stegaurach westlich von Bamberg. Adalbert von Babenberg begab sich am 9. September ins Lager des Königs, um sich ihm zu unterwerfen. Üblicherweise begnadigte der König daraufhin seinen Vasallen und gab ihm seine Ämter zurück. Doch Adalbert wurde gegen jeden Usus ergriffen und hingerichtet.

Die Konradiner hatten gesiegt und verteilten unter ihren Anhängern die Besitzungen der Babenberger. Erzbischof Hatto sicherte sich wertvolle Güter; der Löwenanteil, darunter die Babenburg, fiel an König Ludwig. Nach dessen Tod 911 wurde Konrad, der älteste der konradinischen Brüder, in Forchheim zum neuen König gewählt. Er regierte sieben gewaltreiche, erfolglose Jahre lang. Kurz vor seinem Tod rief er seinen Bruder Gebhard zu sich und soll zu ihm gesagt haben: Wir können, Bruder, Truppen sammeln und führen, wir haben Burgen und Waffen – nur kein Glück und nicht das Zeug dazu, König zu sein. Nimm also die königlichen Insignien, die heilige Lanze, die goldenen Armreifen, den Mantel und das Schwert der alten Könige sowie die Krone und bring sie zu Heinrich (dem Herzog der Sachsen). So begann das Zeitalter der Ottonen, des für Bambergs Schicksal ausschlaggebenden Geschlechts.

HINTERGRUND

DIE BABENBERGER – VERRÄTER ODER OPFER?

Die Ereignisse vor der Hinrichtung Adalberts von Babenberg werden von den Chronisten ganz unterschiedlich erzählt. Nach Regino von Prüm habe Adalbert nach längerer Belagerung den Mut verloren, die Tore der Burg Theres geöffnet und sich der Gnade des Königs ergeben. Aber dem König wurde verraten, dass Adalbert nach dem Abzug des Heeres sofort wortbrüchig werden wolle. Daraufhin sei er gefesselt vorgeführt und hingerichtet worden. Bei späteren Geschichtsschreibern sieht die Geschichte ganz anders aus: Danach kam Erzbischof Hatto von Mainz in die Babenburg und überredete Adalbert unter der Zusicherung freien Geleits ins Lager des Königs zu kommen. Unterwegs bat er um ein Frühstück, woraufhin Adalbert mit ihm in die Burg zurückkehrte. Als sie nach dieser Unterbrechung ins Lager kamen, wurde Adalbert ergriffen und zum Tod verurteilt. Er erinnerte den Erzbischof an seinen Schwur, doch dieser erwiderte kühl, er habe ihn ja einmal sicher in seine Burg zurückgebracht; mehr habe er nicht versprochen. Was gibt es Schändlicheres als solche Treulosigkeit?, fragt Widukind von Corvey. In dieser Version wurde die ›Story‹ schon bald nach den Ereignissen überall erzählt. Im Lauf der Zeit gerann sie zu einem Heldenlied, in dem Adalbert die Rolle des Guten und Hatto den Bösen spielte, der schließlich eines grässlichen Todes starb, von Ratten gefressen oder im Ätna verschmort. Noch 250 Jahre später berichtete Otto von Freising († 1158), der seine Abstammung über die österreichischen Babenberger auf Adalbert zurückführt, in seiner viel gelesenen Chronik, dass die Geschichte nach einer Überlieferung durch das ungelehrte Volk in Raststätten und Höfen bis heute zu hören ist. Doch das Lied ging verloren; es gibt davon keine schriftliche Aufzeichnung.

Ein königliches Gefängnis

Nach dem Ende der Babenberger Brüder hört man jahrzehntelang nichts von Bamberg. Die nächste Nachricht betrifft erst das Jahr 963: König Otto belagerte Berengar zwei Jahre lang auf dem Berg San Leo. Schließlich nahm er ihn samt seiner Frau Willa, seinen Söhnen und Töchtern durch eine List gefangen und schickte ihn nach Bamberg in die Verbannung, wo er später verstarb, berichtet Thietmar von Merseburg. Wer waren Berengar und Willa und warum verbannte Otto d. Große (936–973) sie nach Bamberg?

Berengar II. von Ivrea († 966), der Enkel des letzten karolingischen Kaisers, hatte in den Wirren nach dem Zerfall des Karolingerreiches 945 Norditalien erobert. Als dessen legitime Erbin aber galt Adelheid, die junge Witwe des letzten Königs von Italien. Deshalb wollte Berengar sie zur Heirat mit seinem Sohn zwingen und ließ sie, als sie sich weigerte, auf der Burg Garda gefangen setzen. Adelheid wandte sich nun um Hilfe an den deutschen König Otto d. Großen. Dem kam dieser Hilferuf offenbar nicht ungelegen: Welcher Held kann schon dem Flehen einer 20-jährigen Prinzessin widerstehen, sie aus der Gewalt eines mächtigen Bösewichts zu befreien, wenn für Rettung und Hochzeit auch noch der Gewinn eines Königreichs winkt? Nach der Hochzeit mit Adelheid nannte Otto sich König der Franken und Langobarden und ging gegen Berengar vor. Ende 963 gelang es ihm, ihn und seine ehrgeizige Frau Willa gefangen zu nehmen. Um sie endgültig auszuschalten, verbannte er sie nach Bamberg.

Daraus lässt sich für die Babenburg dieser Zeit zweierlei schließen: Erstens war die Burg wohl so befestigt, dass sie als ausbruchssicher gelten konnte, und zweitens war sie geräumig und komfortabel genug, um für einen König und seine Familie als Aufenthaltsort akzeptabel zu sein. Berengar starb am 6. August 966 in Bamberg und wurde dort wie für einen König üblich bestattet. Willa zog sich in ein unbekanntes Kloster zurück. Das Grab Berengars, das sicher in oder bei der Burgkirche lag, ist nicht mehr zu identifizieren.

Ein kaiserliches Geschenk

Am 27. Juni 973 schenkte Kaiser Otto II. (973–983) auf Fürbitte seiner Mutter Adelheid hin seinem Vetter, dem Herzog Heinrich von Bayern, die Burg Bamberg und Stegaurach in Graf Bertholds Grafschaft Volcveld mit allem, was dazugehörte: Dienstleuten beiderlei Geschlechts, Gebäuden, Kirchen, bebauten und unbebauten Ländereien, Wiesen, Weiden, Wäldern, Forsten, Förstern, Zeidlern, Wassern und Wasserläufen, Mühlen, beweglichen und unbeweglichen Sachen, Wegen und weglosem Land, mit Abgaben und Einkünften. Ein wahrhaft kaiserliches Geschenk. Aber auch ein Kaiser verschenkt so etwas nicht ohne Grund. Warum tat er das?

929 hatte König Heinrich I., der Vogler (919–36, Sohn Hadewigs, der Schwester der drei Babenberger Brüder), eine folgenschwere Entscheidung gefällt: Er bestimmte entgegen der bisherigen Tradition, dass das Reich in Zukunft nicht mehr geteilt werden, sondern nur noch dem jeweils ältesten Sohn zufallen solle. Dies führte zu generationenlangem Streit unter den Ottonen. König Heinrichs ältester Sohn, Otto d. Große, übertrug seinem unzufriedenen Bruder Heinrich das Herzogtum Bayern, das damals von der Oberpfalz bis zur Adria reichte. Heinrich regierte in seinem regnum selbstständig wie ein König und vererbte es seinem Sohn, Heinrich dem Zänker. Als Kaiser Otto d. Große am 7. Mai 973 starb, versuchte seine Witwe Adelheid, den Frieden in der Familie zu erhalten: Sie drängte ihren Sohn, Otto II., seinen Vetter Heinrich mit einem äußerst wertvollen Geschenk für sich zu gewinnen. Dieses Geschenk war Bamberg. Doch der Versuch schlug fehl. Ein Jahr später begann Heinrich der Zänker zusammen mit den Herzögen von Polen und Böhmen den Aufstand. Er wurde gefangen genommen und schließlich in Utrecht inhaftiert. Kaiser Otto II. besetzte 976 Heinrichs Hauptstadt Regensburg, Bayern wurde zerschlagen und an verschiedene Fürsten vergeben.

Herzog Heinrich d. Zänker von Bayern bekam 973 Bamberg geschenkt. Sein Sohn, der spätere Kaiser Heinrich II., hielt sich als Kind hier auf. – Aus dem Regelbuch von Niedermünster, Regensburg.

Heinrich II. gründete mit Zustimmung seiner Gemahlin Kunigunde 1007 das Bistum Bamberg. – Krönungsbild im Perikopenbuch Heinrichs II.

Das Perikopenbuch Heinrichs II. entstand im Auftrag des Kaisers 1007–12 im Kloster Reichenau und repräsentiert den prächtigen Aufwand des Herrscherpaares Kunigunde und Heinrich für ihre geliebte Stiftung Bamberg.

Des Zänkers Frau Gisela ging mit ihren beiden kleinen Söhnen, dem 3-jährigen Heinrich (dem späteren Kaiser Heinrich II.) und dem 2-jährigen Brun, damals wohl nach Bamberg. Thietmar von Merseburg, der Biograf Heinrichs II., erzählt nämlich, dass Heinrich von Kindheit an Bamberg besonders geliebt habe. Der einzige Zeitraum, in dem er Bamberg lieben gelernt haben kann, ist die Zeit zwischen seinem 3. und seinem 5. Lebensjahr. Denn mit fünf Jahren kam der Bub zur Erziehung zu Bischof Abraham von Freising und 980 wurde der Siebenjährige zusammen mit seinem Bruder Brun in die Schule nach Hildesheim geschickt, wo er zum Kleriker ausgebildet wurde.

Diese frühe Beziehung Heinrichs zu Bamberg hielt ein Leben lang. Nach dem Tod seines Vaters 995, der nach seiner Unterwerfung 985 Bayern zurückbekommen hatte, wurde Heinrich der neue Herzog. Er war jetzt der mächtigste und reichste Mann im Reich nach dem König. Heinrich hätte unter den Königstöchtern Europas wählen können. Doch er heiratete Kunigunde, die Tochter des damals noch nicht besonders bedeutenden Grafen Siegfried von Luxemburg. Die beiden verband zeitlebens eine enge emotionale Bindung.

1002 kam die große Wende für das Herzogspaar Heinrich und Kunigunde. Am 23. Januar 1002 starb völlig überraschend in Italien Kaiser Otto III. mit 21 Jahren. Die deutschen Fürsten mussten deshalb einen neuen König wählen. In dem nun ausbrechenden ›Wahlkampf‹ konnte Heinrich durch Schnelligkeit, Entschlossenheit und eine gewisse Skrupellosigkeit die entscheidenden Punkte gewinnen. Er setzte sich schließlich durch, wurde am 7. Juni 1002 zum König gewählt und von Erzbischof Willigis von Mainz gesalbt und gekrönt.

Die große Zeit (1007–1248)

Die Gründung des Bistums Bamberg

Der 1. November 1007 ist das entscheidende Datum in Bambergs Geschichte. An diesem Tag stimmten auf der Synode in Frankfurt die Bischöfe des Reichs der Gründung des Bistums Bamberg zu. Stifter dieses Bistums war König Heinrich II. Schon seit seinem Regierungsantritt 1002, so berichtet Thietmar von Merseburg, habe Heinrich insgeheim die Errichtung eines Bistums geplant und deshalb mit dem Bau einer Kirche mit zwei Krypten in Bamberg begonnen. An seinem 34. Geburtstag, dem 6. Mai 1007, schenkte der König der neuen Kirche, deren Hauptaltäre an diesem Tag geweiht wurden, umfangreichen Besitz.

Doch dem Plan Heinrichs stellten sich erhebliche Schwierigkeiten entgegen. Der zukünftige Sprengel des Bistums gehörte zu den Diözesen Eichstätt und vor allem Würzburg, deren Bischöfe auf diese Gebiete verzichten mussten. Lange Verhandlungen gingen der Synode von Mainz am 25. Mai 1007 voraus, bei der Erzbischof Willigis von Mainz, einer der mächtigsten Männer seiner Zeit und Freund des Königs, und die anderen Bischöfe des Reichs der Bistumsgründung zustimmten. Bischof Heinrich von Würzburg übergab als Zeichen für sein Einverständnis dem König sogar seinen Bischofsstab, allerdings erst, nachdem dieser in Geheimverhandlungen versprochen hatte, sich für die Erhebung Würzburgs zum Erzbistum einzusetzen. Ende Juni 1007 bestätigte Papst Johannes XVIII. die Gründung des Bistums, das aber nicht Würzburg, sondern Mainz unterstellt und in den besonderen Schutz des Papstes genommen wurde. Damit waren die Hoffnungen des Würzburgers auf eine Rangerhöhung gescheitert und er widerrief seine Zustimmung. König Heinrich II., der im Oktober 1007 in Aachen auch die weltlichen Fürsten für die Neugründung gewonnen hatte, berief deshalb für den 1. November eine erneute Bischofsversammlung nach Frankfurt ein. Durch eine eindringliche Rede und indem er sich dreimal vor ihnen zu Boden warf, konnte er die 35 anwesenden Bischöfe von seinem Plan überzeugen.

Noch am selben Tag setzte er seinen Kanzler Eberhard, gleichaltrig mit dem König und ihm eng vertraut, als neuen Bischof von Bamberg ein, der auch sofort von Willigis geweiht wurde. Dann stellte Heinrich 27 Urkunden aus, mit denen er dem neuen Bistum Besitz übereignete, eine Ausstattung mit umfangreichen Gütern, Klöstern, Stiften, Höfen, Rechten und Einkünften, nicht nur in der Umgebung Bambergs, sondern in der ganzen Südhälfte des Reiches. Er verwendete dafür all seine Erbgüter und schenkte auch in den folgenden Jahren seines Lebens dorthin alles, was er ergattern konnte, um seine Gründung reich, schön, glänzend und berühmt zu machen.

Was veranlasste ihn, so zu handeln? Es gab ein Bündel von Motiven für die Bistumsgründung. In der Gründungsurkunde ist etwa die Christianisierung der Slawen genannt. Tatsächlich gibt es Indizien dafür, dass im Bamberger Land bis in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts heidnische Slawen lebten. Als ausgesprochenes Missionsbistum aber war Bamberg nicht geplant. Bestimmend dürfte auch Heinrichs Wunsch gewesen sein, das obere Maintal zu einer königsnahen und politisch zuverlässigen Machtbasis zu machen, wobei es zunächst zu Konflikten mit dem Markgrafen von Schweinfurt kam. Markgraf Hezilo, ein Nachfahre der Babenberger, war der mächtigste Mann am Obermain. Er hatte Heinrich II. zunächst bei dessen Bemühungen um die Königskrone unterstützt, in der Hoffnung, als Belohnung das Herzogtum Bayern zu erhalten. Doch nach der Wahl vertröstete Heinrich II. Hezilo längere Zeit. Daraufhin vereinigte sich der Graf mit dem ebenfalls vom König beleidigten Polenherzog Boleslaw Chrobry zum offenen Aufstand. Heinrich II. ging sofort mit kompromissloser Härte gegen Hezilo vor. Der Aufstand brach zusammen, Heinrich II. feierte am 8. September 1003 in Bamberg ein Siegesfest. Hezilo wurde zwar 1004 begnadigt und erhielt seine Eigengüter zurück, nicht aber die Grafschaften. Diese Herrschaftsfunktion wurde dem neuen Bistum übertragen und stand damit der Verfügungsgewalt des Königs sehr nahe.

Das bei weitem gewichtigste persönliche Motiv für die Bistumsgründung war aber sicher jenes, das Heinrich II. auch jeweils als Erstes nennt: sich einen Erben zu schaffen, Christus zu seinem Erben zu machen. Kinderlosigkeit war für einen mittelalterlichen Dynasten eine Katastrophe. Denn eines der wichtigsten Instrumente mittelalterlicher Lebensbewältigung, ein Element allgemeiner und staatlicher Ordnung war die Familie, das Geschlecht, das Haus. In einer solchen Welt ist Kinderlosigkeit schlimmer als der eigene Tod. Für Heinrich erwies sich die Situation als besonders bedrückend, weil er auch keine erbberechtigten männlichen Verwandten hatte. Mit ihm starben die Ottonen aus.

Wer sollte also für die memoria, das Totengedenken von Heinrich und Kunigunde sorgen? Sie machten deshalb viele Gedenkstiftungen und gründeten Totenbünde mit gegenseitigen Gebetsverpflichtungen; aber ihre wichtigste Stiftung ist und bleibt Bamberg. Damit hatte das Paar Heinrich und Kunigunde einen ›Erben‹, dem sie ihre ganze Liebe und Fürsorge zukommen lassen konnten. Damit begann Bambergs »goldenes Zeitalter«.

»Die Fülle des Silbers und Berge von Gold«

Vierundzwanzigmal hielt sich Heinrich II. während seiner Regierungszeit mit seinem Hof in Bamberg auf, bevorzugt an seinem Geburtstag und zu hohen Kirchenfesten. Ein besonderes Ereignis war die Weihe des Doms am 6. Mai 1012. Dazu reisten 45 Bischöfe und ungezählte Adelige an, um das Fest mit dem König zu feiern. Noch größer war die Menge an Ostern 1020: Papst Benedikt VIII., vom Kaiser wiederholt eingeladen, kam nach Bamberg, um mit Heinrich den militärischen Schutz des Kirchenstaates gegen die Byzantiner zu beraten. Bischöfe und Fürsten aus ganz Europa hatten sich zu diesem Anlass hier versammelt und erlebten, wie der Papst die von Kaiserin Kunigunde finanzierte Kirche St. Stephan und die Thomaskapelle in der Pfalz, der »Alten Hofhaltung«, weihte. Auch Ismahel/Melus, der Herzog von Apulien, war gekommen. Er starb am Tag vor dem Fest und wurde im Dom begraben. Die Erinnerung an ihn blieb lebendig, denn er hat dem Kaiser als Gastgeschenk den kostbaren, goldgestickten Sternenmantel mitgebracht, auf dem Heinrich als »Zierde Europas« (decus Europae) bezeichnet wird.

HINTERGRUND

DAS ERSTE LOBLIED AUF BAMBERG

Abt Gerhard von Seeon (1004–27) schrieb wenige Jahre nach der Bistumsgründung ein Preislied auf Bamberg, das er mit Jerusalem, Athen und Rom verglich. Er rühmt die Fülle des Silbers und die Berge von Gold, die hier aufgehäuft seien, die Edelsteine und die schimmernden Seidenstoffe und vor allem die Menge der Reliquien, die den Menschen damals wertvoller als alles andere schienen. Hier ist das Haupt dieser Welt (caput orbis), die Wiege jeglichen Ruhms