Bang Bang Bali - Henrike von Kuick - E-Book

Bang Bang Bali E-Book

Henrike von Kuick

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Beschreibung

Karo hat die Rolle in einem Film ergattert, welcher auf Bali gedreht werden soll. Die junge Schauspielerin spekuliert auf Sonne, Strand und Erholung und findet sich im Smog und Verkehrschaos, umgeben von einer völlig fremden Mentalität wieder. Die Insel des ewigen Lächelns begegnet ihr und dem jungen Filmteam als korrupter Moloch und treibt die neuen Sterne der Filmindustrie an den Rand des Wahnsinns. Immer wieder sehen sich die sechs mit Wolkenbrüchen, sengender Hitze und mit ihrer eigenen Unfähigkeit in der Fremde konfrontiert. Für Sexszenen werden verschimmelte Hostels oder der nächtliche Dschungel auserkoren und anmutige Schwimmszenen in tosenden Wellen gedreht. Es gibt mörderische Sonnenbrände und nie enden wollende Durchfälle. Karos Neurosen steigern sich ins Unermessliche. Fast manisch versucht sie, sich zu verlieben, doch wird sie immer wieder vor den Kopf gestoßen. Denn in dieser Ausnahmesituation mit Schlafentzug, Hunger, Chaos und dem immer größer werdenden Druck ist sich jeder selbst der Nächste. Eine Tour de Force im vermeintlichen Paradies. Erschreckend amüsant, herzerweichend böse und an den unmöglichsten Stellen unsagbar komisch.

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EPUB

Seitenzahl: 575

Veröffentlichungsjahr: 2022

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periplaneta

Für meine Eltern,

die mich immer so sein lassen haben,

wie ich bin.

Dank an Thomas Manegold und Periplaneta

für den Mut, dieses Buch zu verlegen.

Henrike von Kuick ist Schauspielerin.

Sie war an verschiedenen Theatern engagiert

und spielt in Kino und TV-Produktionen.

Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

„Bang Bang Bali“ ist ihr erster Roman.

Henrike von Kuick: „Bang Bang Bali“ 1. Auflage, Dezember 2022, Periplaneta Berlin, Edition Periplaneta

© 2022 Periplaneta - Verlag und Medien Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlinperiplaneta.com

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Dieser Roman ist von beruflichen Erfahrungen und realen Ereignissen inspiriert.Die Handlung und alle handelnden Personen sind jedoch frei erfunden.

Coverfoto: Jordan Marchand (unsplash.com)Autorinnenfoto: © Nadja Klier (nadjaklier.de)Lektorat: Petra von Kuick, Nikoletta KissProjektleitung, Satz & Layout: Thomas Manegold (manegold.de)

print ISBN: 978-3-95996-241-4epub ISBN: 978-3-95996-242-1

Henrike von Kuick

BangBangBali

Roman

periplaneta

Prolog

Durst! Was für einen Wahnsinnsdurst ich hatte! Sehnsüchtig sah ich zum Getränkeautomaten und zählte noch einmal die Cents in meiner Hand. Es reichte nicht. Mein Hals krampfte. Als weißer, blonder Turm ragte ich aus der Reihe der Wartenden heraus. Wo waren all diese kleinen, schwarzhaarigen, dunkelhäutigen Menschen so plötzlich hergekommen? Und diese Gepäckmassen! War das alles Handgepäck? Ich suchte Blickkontakt, vielleicht ein Lächeln, eine kleine Aufmunterung. Sie sahen durch mich hindurch. Ich war allein, das spürte ich nun. Allein und auf dem Weg zu einem anderen Kontinent. Alle zehn Minuten bewegte ich mich in der Schlange einen halben Schritt nach vorn. Ich blickte auf die Sicherheitsschranke, dahinter stapelten sich dreiundzwanzig Stunden Flugzeit. Vorsichtig steckte ich die Hand in meine Hosentasche und fühlte nach meinem kleinen Schatz, der Schlaftablette. Gewisse Vorteile hat es eben doch, einen Arzt als Vater zu haben. Entspannt guckte ich den schreienden Kindern mitten ins Gesicht. Eltern schwenkten verzweifelt iPads, auf denen Trickfilme liefen.

Ich schwebte weiter, wie in einen endlosen, langweiligen Traum hinein und stand plötzlich direkt vor meinem Sitzplatz. Mit einem Schlag war ich wach. Noch einmal verglich ich die Nummer über dem Sitz mit der auf meinem Ticket. Sie stimmte überein. Das war mein Platz? Oder hatte sich die Frau am Schalter verdruckt? Das vor Stolz strahlende Gesicht meines Kumpels erschien vor meinen Augen. Wie hatte der sich feiern lassen, mir diesen heißbegehrten Sitz am Notausgang klargemacht zu haben! Auf unglaublich viel Platz und Beinfreiheit, so weit das Auge reicht, sollte ich mich freuen. Noch wenige Stunden zuvor hatte ich ihm aus dem Flieger von Berlin nach Amsterdam geschrieben:

„Ich hocke gerade auf dem kleinsten Sitzplatz ever!“

„Entspann dich und freu dich auf das Paradies auf der Langstrecke“, kam als Antwort. Das Paradies also. Es gibt Businesssitze und Economysitze und Comfortsitze. Mein Platz gehörte in keine der Kategorien. Ein Notsitz? Ein Kindersitz? Ein Scherz? Da hatte sich wohl jemand Sparsames gedacht: ,Ach guck an, da haben wir noch zwanzig Zentimeter übrig. Da zimmern wir was Kleines, Feines mit einer Lehne rein.‘

„Sie sind so schmal und der Platz ist trotzdem zu klein“, stellte die ältere Dame auf dem Nachbarsitz fest.

,Herzlichen Glückwunsch zu dieser scharfen Beobachtungsgabe‘, dachte ich und lächelte. ,Jetzt hör auf, so blöde zu lächeln und setz dich endlich hin. Die denken noch, mit dir stimmt was nicht!‘, ärgerte ich mich.

Also gut, das Paradies. Eine rund nach oben verlaufende Wand. Anlehnen konnte man sich daran schon mal nicht. Es sei denn, man war ein Halbmond. Halbmonde konnten sich hier bestimmt bequem anlehnen und es sich mit ihrer halben Sichel so richtig schön gemütlich machen. Ich nicht. Doch die Wand war nun einmal da und ich auch und der Sitz. Wir würden uns irgendwie anfreunden müssen.

Ich legte meinen Rucksack ab und probierte verschiedene Hinsetztechniken aus. Auf und nieder bis ich eine Variante gefunden hatte, auf dem Stuhl einzurasten, ohne auf dem Schoß meiner Sitznachbarin zu landen. Man stelle sich in lockerer Position mit dem Rücken vor den Sitz, lasse sich nach hinten fallen und schwenke den Po kurz vor der Landung scharf nach links. Hinplumpsen und so tun, als wäre es das Normalste der Welt. Nun langsam und unauffällig die Taille nach rechts biegen und sich sichelförmig an die Wand lehnen. So bleiben. Am besten für die nächsten dreiundzwanzig Stunden.

Das Ehepaar neben mir wirkte, als würde es dort schon seit Urzeiten sitzen, die Füße ordentlich nebeneinander, die Hände auf den Knien, die Blicke geradeaus gerichtet. Wo wollten die überhaupt hin? Bali ist Engländern doch viel zu heiß. Da gibt’s doch keinen Tee und keine harten Kekse. Kekse! Tee! Ich hatte Hunger! Sauhunger und Saudurst!

Den Nachmittag hatte ich beim Sport verbracht, und als ich mich endlich bereit fürs Kofferpacken fühlte, war es plötzlich höchste Zeit, zum Flughafen zu fahren. Nun war es Nacht und das alles schon ziemlich lange her. Ich fror. Das kleine, dünne Deckchen konnte ich um mich wickeln, wie ich wollte, irgendein Körperteil blieb immer frei. Eisiger Wind pfiff unter den Stuhlreihen hindurch. Meine Sitznachbarn froren anscheinend nicht. Englische Hornhaut oder so. Wahrscheinlich wohnten sie irgendwo an der Küste in einer dieser grauen, trüben Hafenstädte. So eine kühle Brise machte denen gar nichts aus.

„Eine zweite Decke, bitte“, piepste ich der großen blauen Frau hinterher. Sie hörte mich nicht. Kein Wunder, ich hörte mich selbst kaum. Plötzliches Stimmversagen durch die Erniedrigung, in eine Ecke gepfercht zu sein. Da meine Ecke nicht mal eine Ecke, sondern nur ein kleiner Winkel war, bekam ich nicht mehr als ein hohes Hauchen hervor.

„Sorry?“, versuchte ich einen neuen, kläglichen Anlauf.

Die blaue Frau hatte gute Ohren. Sie drehte sich halb in meine Richtung. „Da muss ich erstmal sehen, ob sich da was machen lässt.“ Damit stakste sie geschäftig hinter ihren Vorhang.

Wie bitte? Ich sollte nicht nur einen ganzen Tag auf diesem Witzhocker verbringen, sondern auch noch diesem Bodenfrost ausgeliefert sein? Fassungslos starrte ich aus dem Fenster, bis ich begriff, dass da gar kein Fenster war. Ein Fensterplatz ohne Fenster. Noch fassungsloser starrte ich auf die beige Wand mit den komischen Noppen. Was für ein hässlicher Farbton! Zwei Eisklumpen steckten in meinen Turnschuhen. Ich versuchte die Zehen zu bewegen. Angeblich sollte einem davon ja wärmer werden. Ich spürte keine Veränderung, nur eine Gänsehaut, die meine Waden emporkroch. Das Märchen vom Mädchen mit den Streichhölzern fiel mir ein. Sie hatte wenigstens Streichhölzer und drei Versuche sich zu wärmen. Sobald ich meine Stimmbänder wieder unter Kontrolle hätte, würde ich danach fragen. ,Drei Streichhölzer, bitte!‘ Und dann mach ich euch mal Feuer unter’m Arsch!

England ignorierte höflich meine Schmach. Klein und erbärmlich kam ich mir vor. Ich drückte mich an die Wand und tat, als würde mir das alles überhaupt nichts ausmachen.

Mir gegenüber saß ein Model oder eine befreundete Stewardess der Crew. Auf jeden Fall kannte man sich. Unmengen an Aufmerksamkeit bekam sie von den großen, blauen Frauen geschenkt. Das Model saß entgegen der Flugrichtung auf einem Klappsitz.

‚Na hoffentlich wird der nicht schlecht‘, dachte ich. Rückwärts fliegen war bestimmt nicht ohne. Sie trug offene Schuhe mit Absätzen und ihr Rock reichte nicht mal über die Knie. Auch das Model zupfte verfroren an ihrer Decke. Allerdings hatte sie zwei davon. Sie bekam nicht nur Decken, sondern auch Wasser und Tee gebracht. Dazu fürsorglich falsch-freundliche Blicke aus allen blau uniformierten Richtungen. Diese falsche Freundlichkeit eben, die weniger schöne Frauen schönen Frauen vortäuschen. Auch ich bewunderte das Model und versuchte mich zu beherrschen, sie nicht ständig anzustarren. Wie ein Magnet gegen dessen Anziehung ich ankämpfte. Wieder trafen sich unsere Blicke. Schnell sah ich weg und schämte mich. Sie sollte sich nicht auch noch belästigt fühlen, wenn ihr schon so kalt war. Aber so hinreißend ich sie fand, mit ihrer Schönheit vereinnahmte sie all die Fürsorge der Angestellten. Auch ich brauchte Decken und Wasser und Essen. Ich schielte zu ihr hinüber. Sie sah mich an. Verdammt! Wo sollte ich auch hingucken? Rechts kein Fenster, links England aus Stein und gegenüber ein Model.

Leidend blickte sie zu Boden.

,Wahnsinn‘, dachte ich in meiner zerbeulten Jeans und Turnschuhen. ,So einen Flug in Feinstrumpfhosen anzutreten.‘

„I’m feeling a bit hungry“, säuselte sie und schloss traurig die Augen.

Sie sprach mir aus der Seele. ,Das habt ihr nun davon! Gleich gibt’s die erste Tote an Bord!‘ Natürlich würde sie als Erste dran glauben müssen. Bestimmt aß sie nur einmal in der Woche. Fiel diese eine Mahlzeit aus, würde es ernst werden.

,Hör auf mit den Zähnen zu knirschen!‘, motzte ich mich an. ,Konzentrier dich auf einen Punkt und ignoriere den Hunger!‘

Aber auf welchen Punkt? Wie machten das die anderen Passagiere? Ich sah mich um. Jeder blickte auf einen kleinen Bildschirm, der sich in der Lehne des Vordersitzes befand. Ich hatte keinen Vordersitz und keinen Bildschirm. Logisch, schließlich saß ich auf dem Königsstuhl, am Notausgang mit Beinfreiheit, im Paradies um genau zu sein. Zu schade, dass ich keine zwei Meter langen Beine besaß, so hätte ich den enormen Platz wenigstens schön ausnutzen können. Wieder schielte ich zum Model, wieder erwischte sie mich. Langsam fühlte ich mich wie ein Stalker. Hinter dem Vorhang klapperten den Stewardessen. Was machten die da? Seitdem wir die Startbahn verlassen hatten, wurden Schubfächer aufgerissen und wieder zugeschmissen. Wahrscheinlich aßen sie alles alleine, den gesamten Proviant eines Langstreckenfluges. ,Erstickt daran, ihr blöden, blauen Riesen!‘, dachte ich.

Mein Blick verschwamm irgendwo nach links unten zum Fußboden. Rauschen.

„Pasta or Chicken?“

Wo kam die denn her? Plötzlich aufgetaucht aus dem Nichts stand sie im Gang mit ihrem Wagen, die blaue Mutti mit dem Essen.

„Chicken!“, sagte ich schnell und riss an dem Tablett in ihrer Hand. Aber was war das? Spürte ich einen leichten Gegenzug? Sie hatte doch wirklich festgehalten! Gönnte sie mir meine Mahlzeit nicht? Prüfend sah ich ihr ins Gesicht und zweifelte an ihrem Lächeln. Ihre Missgunst sollte an meinem Glück nichts ändern. Mein Abendbrot war mir sicher. Nur wohin damit? Benötigt man am Notausgang einen Tisch? Natürlich nicht. Der würde doch nur die Beine beim Ausstrecken stören oder die Fluchtpassagiere beim Flüchten. Ein Wunder geschah. Mit einer geübten Bewegung schupste die Blaue den England-Oma-Arm von meiner Armlehne und zauberte ein kleines, feines Tischchen hervor. Zack nach oben, zack nach rechts, zack nach unten und eingerastet. Keine zwei Sekunden und schon war ich eingesperrt wie früher im Kinderstuhl. Ich ruckte vorsichtig daran herum. Nichts zu machen. Ich würde so lange eingeklemmt bleiben, bis sie mir zeigte, wie man das Gerät zurückklappte.

Die Oma neben mir versuchte noch immer den Deckel der Aluverpackung abzuziehen, da war meine schon leer. Alles hatte ich verschlungen, auch das Brötchen, auch die Butter und den Reis.

Aus einem Tütchen pulte ich meinen Schatz heraus. Eine Halbe würde vollkommen reichen, hatte mein Vater gesagt. Auf keinen Fall mehr als eine. Lebensgefahr oder so, bla bla. Ich biss hinein, um sie zu teilen. Igitt, war das bitter! Schnell würgte ich alles mit der letzten Wasserpfütze herunter.

„Good night“, wünschte ich England und versuchte zum letzten Mal, meine Decke zu richten. Schlafbrille auf und auf die Narkosekeule gewartet.

1

Sonnenstrahlen durchfluteten den Gang. Hinter dem Vorhang schepperte es. Frühstück! Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich hatte mindestens sechs Stunden grausame Flugzeit verschlafen. Stolz betrachtete ich die Abdrücke meiner Schlafbrille im Spiegel und kehrte noch stolzer mit geputzten Zähnen auf meinen Platz zurück. ,Da staunst du, England!‘, dachte ich und knallte mit Schwung in meinen Winkel. Ob die beiden wohl auch etwas Schlaf gefunden hatten? Wahrscheinlich waren sie vorsichtshalber wach geblieben. Wer wusste schon, ob man sich auch im Schlaf so gerade halten konnte. Lebte der Mann eigentlich noch? Grau und reglos, die Hände auf den Knien, den Blick geradeaus gerichtet saß er da. Das wird ein Bombenurlaub, von einem Stimmungshoch zum nächsten!

Zum dritten Mal raste die Maschine über die Startbahn und drückte sich in den Himmel für die letzten Meilen nach Bali.

,Easy‘, dachte ich und sichelte mich gelassen an die Wand.

Es gab Abendessen.

„Enjoy your meal“, tönte die Oma neben mir. „I think it’s your last one.“

„Thank you“, bedankte ich mich höflich und pikte mit meiner Gabel in ein Stück Hühnchen. Dort blieb sie stecken. Ich starrte in meine letzte Mahlzeit.

Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Ich sah zum Model. Das Model hatte überlebt und hielt ebenfalls ein Tablett auf den Knien. Ordentlich und langsam führte sie kleine Bissen zum Mund und kaute ausdauernd darauf herum.

,Dein Essen wird kalt!‘, ermahnte ich mich. Ich steckte meinen Finger in mehrere Stellen und begann, alles von heiß bis lauwarm zu verschlingen. Hätte ich mir etwas mehr Zeit damit gelassen, wenn mir klar gewesen wäre, dass es wirklich die letzte Mahlzeit war? Jedenfalls die letzte essbare.

Bali. Der Flughafen ausgelegt mit dicken Teppichen, schwüle Hitze, klebriger Schmutz überall. Mit jedem Einatmen saugte ich eine schmierige, dichte Masse in meine Lunge. Ich folgte einem WC-Schild und blickte kurz darauf in eine Toilette ohne Toilette, dafür vollgeschissen bis zur Wand hoch. Ich trabte weiter der Masse hinterher. Ich war da. Irgendwo. Irgendwo anders.

Ich lief vermeintlich bekannten Flugzeuggesichtern nach und blieb schließlich dort stehen, wo alle stehenblieben, in einer Reihe vor einem großen Kasten. Dort thronte eine Uniform auf einem Hochsitz. Schwarze Haare, dunkler Teint. Brav packte ein Schaf nach dem anderen seinen Pass auf den Tresen. Den Pass und einen Zettel. Wahrscheinlich eine gesonderte Einreiseerlaubnis oder, ach was wusste ich, auf jeden Fall nichts, was mich betraf. Der nächste. Pass und Zettel, Pass und Zettel. Ich versuchte mich abzulenken. Anscheinend benötigten alle außer mir dieses Formular. Von einem Zettel hatte mir niemand etwas erzählt, also würde bei mir der Ausweis genügen. Die Uniform winkte. Ich war dran. Vorbildlich trat ich an den Kasten, stellte mich auf die Zehenspitzen und legte meinen Pass und mein Flugticket auf die Kante. Wenn ich schon kein Formular parat hatte, so doch wenigstens einen anderen Zettel. Die Uniform schüttelte den Kopf. Er wollte etwas anderes. Ich schob das Ticket dichter zu ihm hin. Flugticket oder nicht, Zettel war Zettel. Das Kopfschütteln wurde energischer. Ich bemühte mich um einen hilflosen Gesichtsausdruck. ,Jetzt drück doch mal ein Auge zu. Blond, weiß und allein reisend, da kannst du doch kein ausgefülltes Formular verlangen!‘ Ohne die Miene zu verziehen, begann die Uniform plötzlich zu krakeelen. Wie in Trance sah ich ihm dabei zu. Was für ein seltsames Bild. Dieses starre Gesicht mit offenem Mund, aus dem es nur so heraus plärrte. Der macht ja gar keine Atempausen, staunte ich. Umrisse verschwammen bis nur noch der Mund übrig blieb und das Kreischen in meinen Ohren. Ich sah eine Hand über den Tresen gleiten. Sie schob mir meinen Kram und ein Formular entgegen und zeigte auf einen Stehtisch in einer Ecke.

,Wirklich?‘, rief ich mit den Augen. ,Ich darf nicht vorbei?‘

Das Geschrei bekam eine neue Note. Wut wäre keine Übertreibung. Es blieb mir nichts anderes übrig, ich musste meinen Platz dem Ansturm der Fluggäste freigeben, welche hinter mir ungeduldig und übermüdet von einem Fuß auf den anderen traten.

Resigniert sah ich zu, wie sie der Reihe nach den Kasten passierten. Ausgeschlossen fühlte ich mich, allein in der Ecke an meinem Barackenholztisch. Dunkel erinnerte ich mich, dieses Formular schon einmal gesehen zu haben. Im Flugzeug! Neben mir! England hatte emsig darauf herum gekritzelt. Interessiert hatte mich das nicht die Bohne. Rentenschrieb fürs Ausland wahrscheinlich, was ging mich fremdes Elend an? Ein grober Fehler.

Die Schlange bewegte sich weiter und weiter an mir vorbei. Jeder, aber wirklich jeder packte diesen ausgefüllten Schein auf den Tresen. Wie hatte das passieren können? Wann waren diese Zettel denn ausgeteilt worden, und wo war ich da gewesen?

Ich zog das Papier zu mir heran und versuchte, meine letzten grauen Zellen zu aktivieren. ,Jetzt bleibst du mal ganz ruhig und guckst, was du überhaupt eintragen sollst. Das kann ja nicht so schwer sein‘, redete ich mir gut zu.

Ja, was sollte ich eintragen? Meine Adresse auf Bali! Meine Aufenthaltszeit! Woher sollte ich das denn wissen? Ich kannte nicht einmal das aktuelle Datum!

Nach der Nationalität wurde gefragt.

‚Na siehst du‘, versuchte ich mich zu beruhigen, ,ein Feld kannst du schon mal ausfüllen.‘ German schrieb ich mit dem Stift, der auf dem Tisch lag. Das Feld blieb weiß. Der Stift war leer. Ich kniete mich hin und durchwühlte meinen Rucksack. Kein Stift. Wozu auch? Das Zeitalter des Briefeschreibens war schließlich vorbei. Ich sah zu den Zombies in der Schlange. Wie ferngesteuert schleppten sie sich vorwärts. Da traute ich mich nicht ran. Ohne Stift konnte ich das Ding aber nicht ausfüllen, und ohne das ausgefüllte Teil würde ich an dem Kasten nicht vorbeikommen.

Beleidigt sah ich zu, wie einer nach dem anderen stolz seinen Zettel vorlegte. Niemand beachtete mich. Schnurz egal war ich ihnen in meiner bekloppten Hilflosigkeit.

,Angriff!‘, entschied ich. Im Tunnelblick visierte ich den nächstbesten Beamten-Thron an und drängelte mich kurzentschlossen an den Platz ganz vorne in der Reihe. Der eisige Blick der Beamtin im Kasten bohrte sich durch meine Stirn. Tausende Messerstiche schossen in meinen Rücken. Die Zombies hinter mir waren zum Leben erwacht! Empörtes Gezeter wurde laut, Koffer rumsten bedeutungsschwer auf den Teppich. Wer es nicht vor mir geschafft hatte den Schalter zu passieren, den würde meine Aktion nun lebensbedrohliche Sekunden kosten. Ich hatte eine schwere Straftat begangen, dessen war ich mir bewusst. Nicht nur vorgedrängelt, sondern, zu allem Übermaß, auch noch unerlaubt in den Sicherheitsbereich eingedrungen. Klein und elend fühlte ich mich, aber ich brauchte einen Stift.

Die Beamtin zeigte irgendwo in die Ferne.

Mein Blick folgte ihrem Finger. Da war nichts.

Weg sollte ich, sagte sie. Sie habe nur einen Stift.

,Aha, und den will sie also nicht rausrücken‘, dachte ich und blieb hilflos am Tresen stehen. ,Los, jetzt frag sie nochmal‘, bettelte ich mich an.

Nein, die Mutreserve war aufgebraucht. Ich schlich von dannen, zurück zu meinen Tisch.

Was für ein Verein. Ausgefüllte Formulare verlangen und keine Stifte anbieten. Sollte ich hier jemals rauskommen, würde ich auf dem Rückweg den ganzen Laden mit Kugelschreibern pflastern. Ich wählte die Nummer des Produzenten, Frank van Beek, der nun seit eineinhalb Stunden vor dem Flughafen auf mich wartete. Es klingelte. Warum rief ich ihn an? Ich wusste es nicht. Sollte er sich durch sämtliche Sicherheitsbereiche und Absperrungen schlagen, um mir einen Stift zu bringen? Die Verbindung brach ab. Ich versuchte es wieder und wieder, bis nicht mal mehr ein Rufzeichen erklang. Wut! Ich spürte sie sich langsam von den Zehen bis zum Kopf in mir ausbreiteten. Ich musste zugeben, in meiner momentanen Situation war Wut höchst unangebracht. Fest biss ich auf meine Unterlippe. Ein riesiger Schreianfall versuchte sich den Weg in die Flugzeughalle zu bahnen. Hing mein verdammtes Schicksal jetzt wirklich an einem Kuli? Wieder drückte ich auf die Produzentennummer. Zumindest könnte der mir die Adresse meines Aufenthalts durchgeben, mein Ankunfts- und Rückflugdatum, oder mir einfach nur beistehen, diesen scheiß Zettel auszufüllen!

Übermüdet, wütend, ein leeres Formular vor der Nase, keinen Stift, keine Ahnung, keine Sprache, indonesische Gesichter überall und Teppichhitze. Die Vakuumblase in meinem Kopf wurde größer und größer. In wenigen Sekunden würden auch die letzten handlungsfähigen Zellen verschluckt werden, und ich würde für immer und ewig an diesem Tisch stehen bleiben. Tatkraft war gefragt. Ich hob meinen Rucksack vom Boden. Er schien, fünfzig Kilo schwerer geworden zu sein, voll von der Schuld für den unfassbaren Ärger, den ich dem nächsten Kastenbeamten bereiten würde. Wieder durchbrach ich den Sicherheitsbereich. Das Kinn auf dem Kastenrand stammelte ich Bruchteile von Sätzen. Ich hatte mir doch überlegt, was ich sagen wollte, oder? Nein. Einfach losgelaufen war ich, und nun holperte dieses seltsame Gefasel aus meinem Mund. War das überhaupt Englisch? Stumm blickte der Beamte von seinem Thron auf mich herab. Dass ich weder Stift besaß, noch wusste, was ich eintragen sollte, hatte er wohl begriffen. Ein Verbrecher war ich, ein Landeseinbrecher. Wer fliegt schon nach Bali und hat keine Ahnung, wo er herkommt, wo er hin will und wann wieder zurück. Der Beamte sagte etwas, ich verstand nichts. Dass ich für die Einreise einen Sprachkurs in Indonesisch ablegen musste, hatte mir niemand gesagt. Ich stotterte Anfänge und Enden von Sätzen. Einfach nur, um dieser bedrohlichen Stille zu entkommen, die sofort einsetzte, wenn ich kurz nach Luft schnappte. Der Beamte guckte. Mir fiel nichts mehr ein. Schließlich guckte auch ich. Noch einmal würde ich mich nicht wegschicken lassen. Frank van Beek wartete. Unglaublich genervt drehte der Beamte das Formular in meine Richtung und knallte mir einen Stift an die Tresenkante. Wir einigten uns bei Adresse und Aufenthaltsort auf „Bali“. Dann zeigte er auf die auszufüllenden Felder und ich schrieb, keine Ahnung was. Hatte ich überhaupt etwas geschrieben oder waren die Spalten leer geblieben? Als ich zur Gepäckausgabe kam, war die Erinnerung bereits gelöscht.

Es musste einige Zeit vergangen sein, seitdem der letzte Koffer abgeholt worden war. Um mich herum gähnende Leere, bewegungslose Kofferbänder. Nicht ein Urlauber weit und breit. Nur der dicke Teppich, die schwere Hitze, ein paar Indonesier und ich. Verstört sprach ich einen Beamten an. Bei dem Wort „Koffer“ griff er plötzlich meinen Arm und zog mich mit sich. Wir liefen in die Vorhalle und wirklich, da stand er! Mein kleiner, grauer Koffer. Sofort fühlte ich mich nicht mehr ganz so einsam. Mein Kumpel war wieder da! Mein Freund aus der Heimat! Doch er war nicht allein. Vier Uniformen bildeten einen Halbkreis um ihn. Stimmen hallten durch meinen Kopf. Stimmen von Freunden und Verwandten. Ratschläge, Hinweise, Bilder von Schlagzeilen blinkten auf. ,Schließ deinen Koffer ab! Kleb ihn zu! Pass gut auf ihn auf!’ Noch am Flughafen hatte mein Kumpel gefragt, ob ich das Schloss am Koffer nicht auch benutzen wolle. Süß sah das aus, das kleine Schloss. Abgewinkt hatte ich. Lächerlich, wer schließt denn heutzutage seinen Koffer ab? Ich war doch kein ängstlicher Oberspießer! Außerdem würde ich garantiert die Zahlenkombination vergessen, und wer sollte mir dann den Koffer aufsägen? Dunkle Gedanken. War da nicht eine Australierin mit Koks im Gepäck in den Nachrichten gewesen? Saß die nicht seit Jahren im Knast, angeblich unschuldig und wartete auf ihr Urteil? War das Gefängnis nicht auf BALI?! Herrschte in Indonesien bei Drogenmissbrauch nicht immer noch die Todesstrafe? Sogar auf dem Flugticket hatte ich eine Warnung gelesen! Todesstrafe. Die ganz alte Schule eben. Das war’s. Endstation. Der Beamte, der meinen Oberarm hielt, rief der Uniform-Clique etwas zu und gab meinen Arm an einen von ihnen weiter. Watte überall, drinnen in mir, um mich herum, überall Watte. Eine Uniform nahm mich, die andere meinen Koffer. Würden wir direkt zur Green Mile rollern? Nein, zum Lachen war mir gar nicht. Wie war mir überhaupt? Offensichtlich befand ich mich kurz vor einer Verhaftung im Ausland! Ich war Opfer einer miesen Schmuggelattacke geworden! Warum aber benahm ich mich, als würde mich das alles überhaupt nichts angehen? Ein neues Formular wurde mir hingehalten. Was denn nun? Wollten wir uns nicht um die Drogen in meinem Koffer kümmern? Gerade hatte ich mich mit meiner Verhaftung abgefunden.

Der Zettel wurde auf eine flache Bank geklatscht. Die Uniformen fuchtelten und zeigten auf das Papier. Ohne hinzusehen wusste ich schon jetzt, dass ich auch diesmal keine Ahnung haben würde, was ich eintragen sollte und, oh Wunder, mir fehlte ein Schreibwerkzeug! Die Uniformen redeten hektisch aufeinander ein. Ich stand einfach nur da und schrieb in Gedanken eine Notiz an mich selbst: ,Ergänzung zu lebensnotwendigen Dingen: Kugelschreiber!‘ Schnelle kurze Sätze schossen zwischen den Männern hin und her. Sie waren weder größer, noch kräftiger als ich, trotzdem machten sie mir Angst. Da war etwas an ihnen, etwas Fremdes, Bedrohliches. Einer blieb bei mir, der andere ruckelte mit meinem Koffer los. Sein Kumpel machte Schreibbewegungen vor meiner Nase. „Aha“, sagte ich und nickte eifrig. Er würde also losziehen, einen Stift besorgen. Und warum ließ er den Koffer in der Zeit nicht bei uns stehen? Wie festgewachsen schien der an seiner Hand zu sein und ratterte rumpeldipumpel hinter ihm her. Der war jetzt wohl seiner. Zum Glück war mein Bär im Rucksack und nicht im Koffer. Da standen wir. Der Uniform-Kumpel und ich auf dem dicken Teppich in der Hitze, umgeben von Watte. Plötzlich wedelte ein Kuli vor meinem Gesicht. Sein Partner war zurück. Eintragen sollte ich! Ausfüllen! Schnell, schnell! Warum diese Eile? Unsere innere Geschwindigkeit passte einfach nicht zusammen. Musste ich das unbedingt ausfüllen? Warum ließen sie mich nicht in Ruhe? Wenn der Knast nun doch keine Option war, konnte ihnen doch egal sein, ob ich aus diesem Flughafen komme. Aufgeregt tippten sie auf eine der Spalten auf dem Formular. Es nützte nichts, ich kniete mich auf den Boden vor die Bank, sah den Zeigefingern zu wie sie auf und nieder flogen und wusste nichts. Es tat mir ja leid, und ich wusste ihre Hilfsbereitschaft zu schätzen, aber ich hatte beim besten Willen keine Ahnung, was ich schreiben sollte. Meine Identität verblasste mehr und mehr. Dass mir mein Nachname einfiel, grenzte an ein Wunder. Ich begann, im Rucksack zu kramen. Irgendwo musste es doch Hinweise geben, Antworten auf all diese Fragen. Andere Passagiere hatten sie schließlich auch beantwortet, um nicht zu sagen, alle anderen. Niemand war mehr in der Halle. Jeder Depp hatte es geschafft, die Kontrolle zu passieren. Ich nicht. Ich hockte auf dem schmierigen Teppich, all meine Unterlagen vor mir hingefleddert und auf dem Boden verteilt. Abwechselnd nahm ich dies und das in die Hand, betrachtete es wie zum ersten Mal und hoffte, die Kumpel würden etwas Brauchbares entdecken. Pass, Ausweis, Internationaler Führerschein, Impfpass, nichts als Leere im Kopf. Ruhig war ich, seltsam ruhig, und besah mir nun das Chaos, als hätte ich eine ernstzunehmende Matheaufgabe vor mir zu liegen. Die Uniformen zeigten auf die Kästchen und diktierten, was ich schreiben sollte. Mann, waren die nett! Aber warum? Ich konnte mir ihre Freundlichkeit nicht erklären. Schnell, schnell, trieben sie mich an. Wollten die mich hier raushaben? Eigentlich verständlich. Wie ein Pennerlager sah mein Platz mittlerweile aus, verstreute Klamotten, Kram aus meinem Rucksack, dazwischen all die Dokumente, die meine Staatsangehörigkeit nachwiesen. Oder wollten die mich doch woanders hinbringen? Warum sahen sie sich ständig so nervös über die Schulter und wurden unruhiger und ungehaltener, je blöder ich mich anstellte? Sollte ich verschleppt werden? War ihre Uniform nur Tarnung? Lotsten sie verpeilte Touristinnen aus dem Flughafen, um sie dann in einen Kofferraum zu schmeißen und zur Prostitution zu zwingen? Auf dem Bali-Strich! War es langsam Zeit, nach Hilfe zu schreien?

„Hurry up! Hurry up!“, drängten sie. Mein Kopf funktionierte nicht. Ich sah auf das Formular. Was stand denn da nun drauf? Mein Name. Ich schrieb. Mein Geburtsdatum. Ich schrieb. Nummern und Daten wurden verlangt. Ich machte Striche. Das würde genügen, gaben sie mir zu verstehen. Ich raffte meine Sachen zusammen und wurde schon von einem der beiden hochgezogen.

Wir bewegten uns Richtung Kontrollpunkt. Eine Uniform rechts, eine links. Immer noch zerrte einer von ihnen meinen Koffer hinter sich her. Koffer aufs Band, Rucksack aufs Band, ich schritt durch die Schranke. Kein Alarm, kein verdächtiges Material im Gepäck. Verblüfft sah ich in die Beamtengesichter. Wozu denn dann das Ganze? Ob ich Geld wechseln wollte, fragten sie und zeigten auf die Wechselstuben, die sich vor uns aufreihten. Nein danke, sehr freundlich, dafür hatte in nun wirklich keinen Nerv mehr. Dann schönen Tag noch.

„Thank you very much“, sagte ich und machte eine Handbewegung in Richtung Koffer. Die Uniformen rührten sich nicht. Ganz dicht blieben sie vor mir stehen. Schöne braune Augen, dachte ich. Der eine zischelte etwas, ganz leise. Na nu? Ich verstand nicht. Er sagte es noch einmal.

„Give him tip!“

Ich wiederholte seine Worte als lerne ich eine andere Sprache.

„Give him tip?“ Ach so! Plötzlich begriff ich. Trinkgeld! Na klar! Tip! Deswegen die Frage nach dem Geld wechseln! Keine große Sache! Warum zitterte ich? Warum fühlte ich mich auf einmal, als wäre ein Messer auf mich gerichtet? In seiner holen Hand zeigte mir die Uniform einen Zehn Euro Schein und steckte sie dann schnell wieder in die Tasche zurück. Ungläubig sah ich ihn an. Dann begann ich, wie wild in meinem Rucksack zu kramen. Wie mies war das denn! Benutzt fühlte ich mich, gedemütigt. Deswegen also die scheinheilige Hilfsbereitschaft. Mir wurde übel. Das war ich also, die dumme Weiße mit dem Geld. Ich wollte etwas sagen wie: One moment please. I’m looking for my pocket, doch es kam nichts über meine Lippen. Wo war mein Geld, verdammt? Ich versuchte, den Reisverschluss der oberen Tasche zu öffnen. Meine Hände zitterten. ,Jetzt reiß dich zusammen! Sie wollen nur etwas Geld‘, versuchte ich, mich zu beruhigen. Ich schämte mich, wie ich da auf der Straße im Tumult hockte. ,Hör sofort auf dich zu schämen! Das ist hier gang und gäbe!‘, rief ich mir zu. Zaghaft sah ich an den Uniformbeinen empor. Die Männer waren sichtlich genervt. Das hätten sie wohl nicht gedacht, dass es so kompliziert werden würde. Endlich spürte ich mein kleines, schwarzes Portemonnaie am Boden des Rucksacks. Zwanzig Euro waren die kleinsten Scheine. Ich streckte jedem von ihnen einen hin. Das Monatsgehalt eines Indonesiers betrug fünf Euro. Sie hatten einen guten Fang mit mir gemacht. Schnell verschwanden meine Scheine in ihren Taschen. Kein Dank, kein Lächeln, kein Zeichen des Abschieds. Wo ich hinwolle, wer mich abhole, herrschten sie mich an. Reichte das nicht langsam? War ich nicht schon genug gequält worden? Wo wollte ich denn hin? Ich wusste es selbst nicht mehr. ,Frank van Beek holt dich ab‘, rief ich mir ins Gedächtnis. Dann wurden auch die letzten klaren Gedanken von Panik verdrängt. Gleich würde ich ins nächste Abzocker-Taxi geboxt werden oder doch noch verschleppt. Ich drehte meinen Kopf orientierungslos in alle Richtungen. Plötzlich sah ich ihn. Weiß und riesengroß ragte er aus der wuselnden Menge heraus. Was für ein Glück! Frank van Beek! Mein Retter. Er winkte, ich winkte und zeigte auch meinen Erpressern den großen, weißen Mann. Wie vom Erdboden verschluckt waren sie. Nur mein Koffer stand noch da. Ich ergriff ihn und stolperte verstört über die Straße. Frank begrüßte mich kurz und entspannt, übernahm den Koffer und trabte auch schon mit großen Schritten vorneweg. Ich tippelte hinterher und sog das Wasser aus der Luft in meine Lungen.

„Willst du was trinken?“, fragte Frank über seine Schulter. „Ja! Apfelschorle will ich!“, sagte ich. Er wirkte überrascht. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Kurz entschlossen machte er eine scharfe Linkskurve und marschierte in einen überhellen Laden hinein. Meinen Koffer zog er hinter sich her. Der Griff schien etwas an sich zu haben. Einmal berührt war es anscheinend schwer, ihn wieder loszulassen. Mit zwei riesigen Flaschen kam Frank zurück. In der einen Wasser, in der anderen ein Zuckerkonzentrat. „Apfelschorle gibt’s nicht auf Bali“, sagte er und hob meinen Koffer ins Auto, als hätte ich nur Federn eingepackt.

Ich kletterte auf den Vordersitz. Von hier oben konnte ich wunderbar auf das Treiben der Straße hinunter gucken.

Ich hatte mir keine Gedanken gemacht, wie es sein würde am anderen Ende der Welt, doch in was wir weiter und weiter hineinfuhren, darauf wäre ich nicht im Traum gekommen. Eine Unterhaltung war bei dem Lärm nur schreiend möglich. Abgase und Dämpfe aller Art drückten sich in meine Nase. Die Straße, gesäumt von Bretterbuden und Shops, vollgestopft mit irgendwelchem Zeug, führte geradewegs ins Verkehrschaos. Mopeds überall und aus allen Richtungen. Wer eine Hupe hatte, hupte. Dem Geräuschpegel nach besaß jedes Fahrzeug mindestens drei. An einer Ampel traten Kinder an unsere Autoscheibe. Die traurigsten Kinderaugen, die ich je gesehen hatte. Nicht traurig, tot.

„Was geben?“ fragte mich Frank. Die Kinder nahmen das Geld. Ihre Miene veränderte sich nicht. Wir fuhren weiter, die Kinderaugen fuhren mit. Tiefenentspannt betrachte ich die Hölle um uns herum. Ein Hoch auf die Nachwirkungen meiner Schlaftablette. Ich dachte an das Haus, in dem wir wohnen würden. In den Mails war immer die Rede von einem wunderschönen Haus im Dschungel gewesen. Ich sah zu Frank. Der redete ja gar nicht. Ging das schon lange so? Ich versuchte ein Lächeln in seine Richtung. Stur blickte Frank weiter geradeaus und blinzelte durch seine dicken Brillengläser in den Straßenverkehr. Na gut, dann nicht. Der warme Wind blies durchs offene Fenster über mein Gesicht. Ich betrachtete die Lichter, die Schwüle, all diese schwarzhaarigen Menschen, die am Weg auf der Erde saßen oder sich auf Fahrzeugen stapelten. Dichte Rauchwolken überall. Wer etwas zu verbrennen hatte, verbrannte es am Straßenrand, in Motorradwerkstätten, neben kleinen Wohnhütten und wer nichts verbrannte, grillte oder schweißte und zündete eben an, was er gerade zur Hand hatte. Hauptsache es machte viel Qualm und Gestank.

„Guck mal, die verbrennen Autoreifen!“, rief ich Frank entgeistert zu.

Die Straßen wurden schmaler und kleiner, die Menschenmassen nicht. Holpernd bogen wir in eine Nebenstraße.

„Hier sind überall Löcher im Gehweg“, sagte Frank. „Da muss man aufpassen.“ Ich sah hinunter und suchte den Gehweg. Meinte er die kaputten Steinplatten? Löcher waren untertrieben, Schluchten führten vom Gehweg direkt in die Kanalisation, zwei Meter tief, schätzte ich. Er hatte recht, da musste man wirklich aufpassen. Ich hielt mich am Armaturenbrett fest. Mit einer plötzlichen Linkskurve bretterte Frank in eine Einfahrt und würgte vor einem riesigen Eisengitter den Motor ab.

„Ähm, wo ist denn jetzt der Dschungel?“ Unsicher spähte ich durch die Fensterscheiben. Frank war schon vom Sitz gerutscht und machte sich mit einem Schlüsselbund am Tor zu schaffen. Zeit verging, die Schlüssel knirschten und quietschten. Es gab offenbar mehrere Schlösser zu öffnen. Er schloss und schloss und ächzte. Sollte ich Hilfe anbieten? Ich wurde kribblig und versuchte, meine Nervosität in den Griff zu bekommen. Cool und lässig, genau wie die Rolle, für die ich besetzt worden war, wollte ich den Männern entgegentreten, mit denen ich die nächsten Wochen verbringen würde. Einen sympathischen, sportlichen Eindruck wollte ich machen. Sie sollten ihre Wahl nicht bereuen. In der letzten Mail hatte Ansgar ein Foto mitgeschickt. Versammelt um einen klapprigen Tisch in irgendeiner Spelunke auf Jakarta vor halbleer gegessenen Tellern, saßen sie da. Ich hatte das Foto herangezoomt, um die Gesichter und das Essen besser erkennen zu können. Dann schloss ich die Mail und versuchte, schnell an etwas anderes zu denken. ,Das ist Jakarta‘, sagte ich mir. ,Klar, dass sie alle etwas mitgenommen aussehen und da liegt eben komisches Zeug auf den Tellern. Auf Bali wird alles anders sein.‘

Wie sich herausstellte, war das Haus im Dschungel einer von Ansgars seltenen Scherzen. Wir wohnten in einer Slum-Metropole. Lilli war die Erste, die mich begrüßte. Klein, beige, fuchsartig. Mit Karacho biss sie mir in die Beine. Biss, sprang, biss, sprang, endlich öffnete Ansgar die Haustür.

Zweimal hatten wir uns in Berlin gesehen. Castingrunde 1 und Castingrunde 2. Am Ende von Castingrunde 1 hatte ich mich schwer verliebt. Jedenfalls war ich mir ziemlich sicher gewesen. Bis zu diesem Moment, als er mir jetzt gegenüberstand.

Auch in Berlin hatte mich Ansgar an der Tür empfangen und mich in eine Männer-WG mit Hangover 3 Potential eintreten lassen. In der Küche saßen drei riesige Typen im blauen Dunst um einen vollgemüllten Tisch. Ich winkte ihnen vom Flur aus und rief: „Riecht ja gut hier.“

„Wir haben gebacken“, meinte einer der Riesen stolz.

Auf der Spüle dampfte eine Kuchenform mit schwarz, braunem Inhalt. Ansgar lenkte mich ins Wohnzimmer und schloss die Tür.

„Setz dich“, sagte er. Ich setzte mich auf eine der zerfledderten Couchen und glitt langsam mit dem Polster auf den Boden. Gut, dass er kein Licht angemacht hatte und jetzt nicht sah, wie rot ich geworden war. Ich versuchte das Polster wieder in die Couch zu schieben. „Ach lass, das rutscht eh wieder raus“, sagte Ansgar. Brav setzte ich mich auf eine andere Stelle, zog ein Knie an und lächelte. Ansgar sah mich an, ohne Lächeln. Vielleicht mal lüften, dachte ich. Anscheinend hatte hier niemand einen Opa, der einem so ausgiebig das Prinzip des Stoßlüftens erklärt hatte wie mir meiner. Draußen war es finster. Drinnen auch. Im Licht der Straßenlaterne konnte ich nur Ansgars Silhouette erkennen. War ihnen der Strom abgestellt worden? Ansgar erzählte von seinem Filmprojekt, seinem ersten Langfilm. Ich bemühte mich um einen interessierten Gesichtsausdruck und bekam ein nervöses Zucken im Mundwinkel. Ich wollte nach Bali!

„Lass uns zwei Szenen improvisieren“, schlug er vor.

,Oh nein‘, dachte ich und sagte voller Begeisterung: „Klar, gerne! Ohne Spielpartner?“

„Der bin ich“, gab Ansgar ernst zurück.

„Und was spielen wir?“, fragte ich vorsichtig. Schließlich gab es nicht einmal ein Drehbuch.

„Wir sitzen beide beim Arzt. In der ersten Szene musst du mich dazu bringen, vor dir auf die Knie zu fallen, und in der zweiten Szene musst du es schaffen, dass ich dir eine knalle.“

Ich lachte verstört. ,Bleib locker‘, ermahnte ich mich. ,Wie bringst du ihn dazu, vor dir auf die Knie zu fallen?‘ Leere. ,Macht es eine Schauspielerin aus, auf jede blöde Frage eine noch blödere Antwort zu haben? Bekommt die dafür ihr Schauspiel­diplom? Wofür hatte ich nochmal meins bekommen? Wo war das überhaupt?‘

Ansgar saß vor mir. Ich starrte ihm in die Augen und ging in Gedanken ein Schubfach nach dem anderen in meiner Wohnung durch. Ansgar atmete erwartungsvoll ein. Ich versuchte mich zu konzentrieren. ,Auf die Knie muss er fallen‘, dachte ich.

„Rutsch mal“, sagte ich zu Ansgar und streckte mein Bein lang auf dem Sofa aus. Ein steifes Bein also. Gebrochen, Prothese, irgendwie so, beschloss ich und stellte meinen Fuß plötzlich auf den Teppich. ,Mist!‘, dachte ich. ,Du hast doch ein steifes Bein! Wie kannst du das dann auf den Boden stellen?‘ Aber der restliche Körper war steif und krank. So krank, dass ich mir nicht selbstständig die Socken ausziehen konnte.

„Mir ist so warm“, sagte ich. Ansgar schwieg.

„Meine Socken sind so dick.“ Ansgar guckte, ein großes Fragezeichen im Gesicht.

„Kannst du mir meinen Strumpf ausziehen? Ich komm nicht ran“, bat ich. Es war Winter, ich trug zwei Paar Socken übereinander. Zum Casting war ich den ganzen Weg von der Straßenbahn bis zur Wohnung gerannt. Ich hielt Ansgar meinen Fuß entgegen und wünschte inständig, dass die Socke, die er nun in der Hand hielt, nicht so verschwitzt war wie die, die ich darunter spürte. Trotz allem, Ansgar kniete vor mir. Das Szenenziel war erreicht. Halbgebückt unterm Couchtisch sah er zu mir hoch und: Peng! Verliebt. ,Was?‘, rief ich entgeistert in mich hinein. ,Verliebt‘, schallte es zurück. Fassungslos starrte ich auf meinen Fuß, der noch immer vor Ansgars Gesicht schwebte. Ansgars Augen wurden noch schöner, noch tiefer. ,Und was passiert, wenn du die Rolle nicht bekommst? Dann bist du verliebt in einen Typen, den du nie wieder siehst, der mit einer anderen in die Sonne fliegt! Ekelt er sich vor dem Socken in seiner Hand?‘ Und schon checkte ich seine Hände. Hände sind das Wichtigste überhaupt. Wäre ich ein Mann mit kleinen, schmalen Händen, würde ich die mal schön in den Hosentaschen lassen. Ansgars Hände waren breit und knubbelig. Gut zum Klettern bestimmt. Auch die Schultern und der Oberkörper, eigentlich war alles an ihm irgendwie knubbelig. ,Bestimmt ist er sportlich‘, schwärmte ich. ,Vielleicht ein Schwimmer? Oder er trainiert eine Kampfsportart.‘

„Ok, spielen wir die nächste Szene“, sagte Ansgar und riss mich aus meinen Gedanken.

„Welche Szene?“, fragte ich und ärgerte mich gleich über die blöde Frage. ‚Konzentration! Zweite Szene. Bring ihn dazu, dass er dir eine scheuert!‘ Ich schwitzte, verhaspelte mich, schämte mich. Ansgar sah mich an. Ja, wie sah der mich überhaupt an? Erstaunt? Genervt? Dachte er genau wie ich: ,Mann, ist das schlecht!‘

Geknallt bekam ich jedenfalls keine. Mit drei, vier sparsamen Sätzen beendete Ansgar plötzlich unser Treffen. Die Tür fiel ins Schloss, und ich fand mich auf dem Abtreter wieder. Ich drehte mich zur verschlossenen Tür. Er würde sich melden, hatte er versprochen. Nach Weihnachten. Halb angezogen stolperte ich die Treppe hinunter und stakste verschwitzt durch den kalten Wind. „Vergiss es“, murmelte ich. Gnadenlos spielten sich die Bilder der letzten Minuten wieder und wieder vor mir ab. Ein Stechen in der Brust. Warum auch das noch? ,Ach ja‘, ich erinnerte mich: ,Du bist ja verliebt.‘

Die Tage vergingen. Die Wochen vergingen. Keine Meldung. Nichts. Jeden Abend spielte ich Theater, en suite. Also jeden Abend den gleichen Scheiß. Gerade hatte ich den Kollegen einen guten Heimweg gewünscht, da wurde ich auch schon wieder ins Kostüm gezwängt.

„Hast du zugenommen?“, fragte die Garderobiere, während sie sich mit dem Reißverschluss an meinem Rock abmühte. Jeden Abend fragte sie das.

„Kann sein“, antwortete ich, zog den Bauch ein und hielt während der ganzen Vorstellung die Luft an. Wenn sie mich zwischen den Auftritten hinter der Bühne umzog, erzählte ich ihr von Ansgar. Und in der übrigen Zeit dachte ich an ihn und träumte von ihm, und irgendwann dachte ich an uns und träumte auch von uns. Es half nichts, ich musste ihm schreiben. Eine ganz kleine SMS nur. Würde er mir die Rolle nicht geben, musste er wenigstens von meiner Liebe erfahren.

Ich habe mich in alles verliebt, schrieb ich, drückte auf Senden und betrachtete lange das Häkchen hinter der Nachricht. Hätte ich besser schreiben sollen: Ich habe mich in dich verliebt? Womöglich glaubte er noch, ich sage das, um die Rolle zu bekommen. Dann war Ich habe mich in alles verliebt, doch die bessere Variante. In alles, hieß schließlich auch in Ansgar, darauf würde er ja nun hoffentlich von alleine kommen.

„Du hast dich also in alles verliebt. Na das ist doch schon mal gut.“ Zittrig vor Aufregung las ich seine Antwort und war nun noch ratloser als zuvor. Mies fühlte ich mich, um Lichtjahre mieser als vorher. ,Also ist er nicht in mich verliebt‘, beschloss ich. Im Zweifelsfall entscheide ich mich immer für die negative Variante.

Nun fiel mir alles gleich doppelt so schwer auf dieser verdammten Theaterbühne. Unverwüstlich schien die Kölnischwasser-Wolke, die Abend für Abend aus dem Publikum waberte. Schon bevor gelacht wurde, klangen mir die Lacher im Ohr. ,Warum lachen die bloß? Das ist doch alles echt nicht lustig!‘ Ich sah meinen Kollegen beim Spielen zu und dachte an Bali, ich wartete hinter der Bühnenwand auf Auftrittszeichen und sehnte mich nach Bali, ich verbeugte mich beim Schlussapplaus und wünschte mir, in meine Garderobe zu kommen und eine Nachricht von Ansgar auf dem Handy zu finden. Nichts. Kein Wink, kein Zeichen. Bali wurde größer und größer und schien schließlich unerreichbar. Von Vorstellung zu Vorstellung wurde ich langsamer, wenn ich mich auf den Weg ins Theater machte, als bekäme ich jeden Tag ein weiteres Gewicht um den Hals gehängt. Immer kälter und dunkler wurde es auf den Straßen und immer unerträglicher. Ich wollte weg. Weg vom Dunst im Publikumssaal, von den doppelten Wodkas der Kollegen, raus aus den engen Kostümen.

Ich saß in der U-Bahn, hörte die Ansage meiner Station, sah zu, wie die Leute ausstiegen und blieb sitzen. Die Türen schlossen sich und die Bahn fuhr weiter tief in den Schacht hinein. Endstation. In einem dunklen Tunnel kam sie ruckend zum Stehen. Nun kam Leben in meine Adern. Aufgeregt sprang ich von meiner Bank. Der Fahrer war aus dem Fahrerhaus ausgestiegen und lief nun über die Schienen. Ich wedelte ihm mit meinen Armen durch die Fensterscheibe zu. Er gab mir Handzeichen zurück, ich solle mal ruhig machen. Er ahnte ja nicht, dass sich in zwanzig Minuten ein Vorhang öffnen würde, hinter dem ich erwartet wurde. Frierend stand ich an der verschlossenen Tür und hatte nur einen Gedanken: Bali! Weg! Einfach weg!

Und nun war ich weg. In der geöffneten Tür stand Ansgar nicht mehr in Winterpulli und Mütze, sondern barfuß in einem, ja was war das, einem Schlafanzug? Es war keine Berliner Hang-Over-WG, auch keine Dschungelhütte, sondern ein ganz normales, ziemlich großes Haus, soweit ich das von draußen beurteilen konnte. Ansgar trat zur Seite. Drei Typen streunerten im Wohnzimmer herum. Eine Begrüßung stellte ich mir anders vor. Hier lief man sich anscheinend wie zufällig über den Weg. Wenn man Lust hatte, wurde gegrüßt, wenn nicht, war’s auch nicht schlimm. Elias kam mit schiefem Kopf um die Ecke. Wollte er mir Hallo sagen oder einfach nur an mir vorbei? Ich machte den Anfang, schließlich waren wir Spielpartner für die nächsten Wochen.

„Hey, Hallo, gute Reise gehabt?“, kam zurück. Elias machte eine Kehrtwendung und verdrückte sich wieder. Ich schluckte. Konnte er mich plötzlich nicht mehr leiden? Elias war drei Jahre jünger als ich und wirkte eher wie mein kleiner Bruder. Ansgar aber war im Casting ganz außer sich gewesen von den Funken, die zwischen uns sprühten. Wo genau es da sprühte, blieb mir verborgen, doch das behielt ich besser für mich. Ansgar hatte mich in die Sonne mitgenommen, das war das Einzige, was zählte. Er ging die Treppe voran und führte mich zu meinem Zimmer. Es lag direkt neben seinem. Ein weißer, gefliester Raum mit einem Fliesenpodest in der Mitte. Auf dem Podest eine Matratze, darüber ein Moskitonetz. An der Wand ein altes Holzregal, eine kleine Kommode und ein blinder Spiegel. Es war schön, mein Zimmer. Die Klimaanlage rauschte, draußen bellten die Hunde und alles andere, was sonst noch in den Büschen hockte, bellte auch. Ansgar drückte auf einen der Lichtschalter und blickte stolz nach oben zur Decke. Ich folgte seinem Blick. Ein Ventilator begann seine Kreise zu ziehen. Ja, so etwas hatte ich schon einmal gesehen. Ansgar anscheinend nicht. Wie ein Wunder bestaunte er jede Umdrehung. Ich folgte Ansgar ins Bad. Stolz sah er mich an. Es war ein gutes Bad, größer als gedacht, viermal so groß wie meins zu Hause. Vielleicht war die Einrichtung schon ein, zwei, dreißig Jahre alt und die Reinigung ebenso lange her, aber es gab eine Dusche und eine Badewanne. Ansgar strahlte. Ich versuchte ein wahrhaftiges Lächeln, aber Begeisterung zu zeigen oder zu empfinden, ist nun wirklich eine meiner Schwächen. Ansgar ließ mich allein.

Ich zog meine Schuhe aus, die dicke Jacke, die dünne Jacke, T-Shirt, Unterhemd, Hose, die Socken, Strumpfhose und meine Unterwäsche, stellte mich unter die Dusche und drehte den Hahn auf. Kein Wasser. Ich drehte und drehte. Ein braunes Rinnsal traf mich. Es roch alt und eklig. Ich probierte den Wasserhahn an der Badewanne. Nichts. Nicht einmal etwas Braunes. Selbstlos hatten mir die Herren das größte Bad von allen überlassen, wie Ansgar betont hatte. Wie eine Prinzessin sollte ich mich fühlen, aber eben ohne Wasser. Ich zog meinen Bikini an und sah mich nach einem Handtuch um. Kein Handtuch. Wozu die falsche Scham. Sie würden mich ja doch bald ohne alles sehen, wenn ich an das Drehbuch dachte.

Auf der Terrasse saßen zwei Typen in Korbstühlen und rauchten.

„Peter“, sagte der mit der Glatze.

„Raffi“, stellte sich der mit dunklerer Hautfarbe vor.

„Karo“, sagte ich und glitt in den Pool.

Vielleicht war der Ort, in dem wir wohnten, arm, laut und ver­smogt, aber unser Haus war toll und dieser kleine Garten und der Pool erst recht. Ich trieb auf dem pullerwarmen Wasser, über mir der schwarze Himmel überschwemmt von Sternen. Grillen, Geckos, Vögel, alles schrie und zirpte aus voller Kehle. Doch etwas war seltsam. Der Klang. Nicht angenehm karibisch, so wie man sich das vorstellt, sondern angestrengt, kriegerisch. Sie brüllten aus ihren Büschen und Gräsern, von ihren Bäumen und Palmen in die Nacht hinein. Ich tauchte meine Ohren unter Wasser. So war es besser.

Als ich den Kopf wieder hob, hingen Frank, Ansgar und Elias am Beckenrand. Vorsichtig schwammen wir unsere Bahnen. Es war ein kleiner Pool. Nach zwei Schwimmstößen hatte man die gegenüberliegende Seite erreicht. Respektvoll schwamm erst der eine, dann der andere. So kam man sich nicht in die Quere.

„Wie läuft der Dreh?“, fragte ich blöd.

„Toll“, sagten sie fast gleichzeitig und tauschten verschwörerische Blicke. Ich schwamm noch eine Alibirunde, ertastete mit den Füßen die Treppe und stieg bis zur Hüfte aus dem Wasser.

„Kann ich ein Handtuch haben?“, fragte ich in die Runde.

Schweigen.

Verwundert sah ich in die Gesichter. Die Blicke wichen mir aus.

„Kann ich eins haben?“, fragte ich noch einmal.

„Handtücher sind hier Mangelware“, nuschelte Frank.

Und nun? Sollte ich mich nach jedem Duschen vom Wind trocknen lassen?

„Na los Frank, du bist der Produzent“, feixte Ansgar.

Frank wankte seinen Kopf nachdenklich von links nach rechts und schlürfte schwerfällig aus dem Becken. Kurze Zeit später kam er mit einem großen Badehandtuch zurück.

„Das hatte ich die letzte Woche“, sagte er und hielt es mir hin.

Ich wickelte mich darin ein und sofort wieder aus. Vielleicht hatte Frank das Handtuch nur eine Woche benutzt, doch bei wie vielen Gästen war es zuvor in Gebrauch gewesen? Mit angehaltenem Atem und die Nase in den Himmel gereckt, sprang ich von Stein zu Stein über die Wiese zum Haus. ,Schnell ins Zimmer, diesen Stinkumhang loswerden!‘ Da raste der kleine Fuchs auf mich zu, sprang bis zum Bauchnabel an mir hoch und schnitt beim hinuntergleiten einen sauberen Cut von meiner Lende bis zum Knie. Sekunden später spürte ich kleine, scharfe Zähnchen in meinen Knöcheln. Lilli biss und biss und biss. Ich versuchte zu lachen, schließlich sollte hier keiner denken, ich wäre zimperlich oder humorlos, aber warum kam mir niemand zu Hilfe? Es war mein erster Abend! In Nullkommanichts war ich von oben bis unten zerkratzt. Gequält lächelte ich in die Dunkelheit und versuchte, mir den Schmerz nicht anmerken zu lassen.

„Könnte mal jemand diesen Hund wegnehmen?“, rief ich. ,Mist, das klang jetzt aber verzweifelt!‘

„Lilli!“, rief Elias genervt.

Überrascht drehte ich mich in seine Richtung. Galt dieser genervte Unterton nun Lilli oder mir? Ich schrie auf. Der kleine Hai hatte sich in meiner Wade verbissen und zappelte daran herum. Mit gefletschten Zähnen hing Lilli an meinem Bein. ,Die reißt mir jetzt wirklich einen Bissen raus!‘, dachte ich entsetzt. Ein schönes Stück hatte sie sich herausgesucht, gutes Muskelfleisch. Ich kam bis zum Tisch, an dem der große Typ rauchte, der sich als „Peter“ vorgestellt hatte, und der Spanier oder Marokkaner, dessen Name mir nicht mehr einfiel. Plötzlich ließ Lilli von mir ab. Betäubt stand ich da. Peter und der andere schwiegen und pusteten entspannt Rauchwolken in die Nacht.

„Und was machst du?“, fragte ich den Großen mit der Glatze und rieb mir über die verwundeten Beine.

„Schnitt und Ton.“

Ich blickte zu dem Dunkelhäutigen.

„Kamera“, antwortete er und drückte seine Zigarette im vollen Ascher aus.

„Wie heißt du nochmal?“, fragte ich nach.

„Raffi“, sagte er. „Also eigentlich Raffael.“

Ich ließ mich in einen Korbsessel fallen. Das war also Bali und das hier mein Team. Frank van Beek war verantwortlich für die Produktion, das wusste ich schon, Ansgar führte Regie und Elias war mein Spielpartner. Ein Indonesier, der seltsamerweise haargenau so aussah wie Steve Urkel und eine ebenso große Brille trug wie Steve Urkel, schlenderte aus dem Wohnzimmer, setzte sich an unseren Tisch und legte ein Bein lässig über das andere.

„Tayo“, stellte er sich vor und wandte sich an den Glatzenriesen: „Zigarette?“ Peter schubste die Kippenschachtel an und ließ sie zu Tayo über den Tisch rutschen.

„Und was machst du?“, fragte ich Tayo.

„Alles.“ Damit steckte er sich eine Zigarette zwischen die Lippen und sah wieder erwartungsvoll zu Peter. Raffi holte ein Feuerzeug aus seiner Brusttasche, schnippte für Tayo die Flamme an und begann, mich mit Fragen zu löchern. Hätte ich gewusst, dass mir seine Aufmerksamkeit nur dieses eine Mal zuteil werden würde, hätte ich besser aufgepasst, aber momentan konnte ich mich einfach auf kein Kennenlerngespräch konzentrieren. Ich googelte wie wild nach Fitnessstudios, Joggingstrecken, nach irgendeiner Möglichkeit, sich zu bewegen. Ich bin sportsüchtig und erlitt gerade eine ernstzunehmende Panikattacke. Ansgar hatte gesagt, ich hätte die nächsten beiden Tage frei. Sie würden ohne mich drehen, mich hier allein lassen hinter dem riesigen, dreimal abgeschlossenem Zaun, bei 35 Grad im Schatten. ,Das kann ich nicht!‘, schrie ich in mich hinein. Zum ersten Mal, seit meiner Ankunft, traten Schweißperlen auf meine Stirn. Das iPhone dicht vor der Nase, beantwortete ich Raffis Fragen mit einem kurzen „Ja“ oder „Nein.“ Kein Fitnessstudio, keine Laufstrecke weit und breit. Panisch sah ich in die entspannten Gesichter. ,Hör sofort auf damit! Leg das iPhone weg!‘, befahl ich mir. Meine Rolle war die einer lockeren, naturverbundenen jungen Frau, das Verhalten eines Girlies, das verzweifelt nach Fitnessstudios googelt, war absolut nicht angebracht. ,Du bist hier in der Pampa. Sieh das endlich ein!‘ Ich konnte nicht. Es gab für mich keine schrecklichere Vorstellung, als ohne Fitnessstudio und Laufband auskommen zu müssen.

„Ich hab Hunger. Gibt’s hier was zu Essen?“, fragte ich in die Runde und legte resigniert mein Telefon auf den Tisch. Erstaunte Gesichter. Aber ja, auch ich brauchte Nahrung.

„Echt?“, fragte Peter.

„Ja, ihr nicht?“, fragte ich. Bereitet man nicht irgendetwas vor, wenn man Besuch erwartet, der eine zweitägige Reise hinter sich hat?

„Also ich muss was essen“, sagte ich, bevor mein Wunsch wieder in Vergessenheit geriet.

„Ich bin total satt“, pustete Ansgar.

„Bedien dich einfach“, tönte Frank großzügig.

Also gut, dann stand ich eben auf und guckte selbst, was es Schönes in der Küche gab. Im Kühlschrank fand ich Bier und Büchsenfleisch, auf dem Küchentresen Toastbrot und indonesische, eingeschweißte Billigsüßigkeiten. Das war alles. Die perfekte Ernährung für einen bewegungseingeschränkten Aufenthalt.

„Habt ihr einen Apfel oder so?“, fragte ich schüchtern.

Weit aufgerissene Augen und Verstörtheit. Gut, also keinen Apfel. Ich kramte die Süßigkeitenschale durch und musste mich mit einer Tüte getrockneter Bananenscheiben zufrieden geben.

„Iss ruhig“, sagte Frank.

,Du Gönner‘, dachte ich und steckte mir den nächsten klebrigen Brocken in den Mund. Etwas großes, schwarzes raste plötzlich quer über den Küchenboden und quer über die Glasfront der Terrassentür.

„Eine Kakerlake!“, rief ich voller Entsetzen.

Frank guckte ihr hinterher. Nickte und ging zurück auf die Terrasse.

,Eine Kakerlake! Eine richtige Kakerlake!‘, hallte es in meinem Kopf. Betont gelangweilt hingen die Männer in ihren Stühlen. ,Reiß dich zusammen! So etwas gibt es hier nun mal!‘, aber es war zu spät. Ich schrie los: „Eine Kakerlake! Die ist ja voll groß! Warum ist die so schnell?! Warum können die fliegen?!”

Kakerlaken sind nun mal das Schlimmste, was es gibt auf der Welt, das lernt man doch schon als Kind! Kakerlaken sind da, wo es eklig ist und sie überleben alles und jeden. Noch nie hatte ich eine gesehen, dafür aber die schlimmsten Geschichten gehört. Auf keinen Fall dürfe man sie zertreten! Von Gänsehaut überzogen, schüttelte ich mich bei dem Gedanken an das Knacken des Panzers unter meinem Hausschuh. ‚Aber ich habe ja gar keinen Hausschuh!‘ Schuhe mussten nach den indonesischen Höflichkeits­regeln an der Eingangstür abgestellt werden. Ich würde also barfuß auf eine Kakerlake treten! Tritt man auf eine Kakerlake, werden augenblicklich Hundertmillionen Eier versprüht, aus denen Hundertmilliarden Kakerlakenkinder schlüpfen. Der ganze Küchenboden wäre von ihnen übersät, das Haus, die Luft, alles wäre voller Kakerlaken! Niemand hatte mir gesagt, dass sie fliegen konnten! Still und heimlich würden sie in einer Ecke hocken, hieß es immer, und sofort verschwinden sobald das Licht anginge, aber diese hier tobten bei Flutlicht durchs Haus, unvorhersehbar, wo sie in der nächsten Sekunde landen.

„Was mache ich, wenn eine in meinem Zimmer ist?“, stotterte ich.

„Schreien“, sagte Peter.

Ich starrte auf den Küchenboden.

„Klemm das Moskitonetz unter die Matratze, dann kommen sie nicht ins Bett.“ Anscheinend hatte Peter bereits Erfahrungen gesammelt.

„Kann ich in deinem Bad duschen?“, fragte ich.

„Klar“, sagte Peter. Warum ich nicht in meinem eigenen Prinzesinnenbad duschte, fragte er nicht.

Peters Bad war klein und feucht, die Dusche hinter einem keimigen Gummivorhang. Ein dünnes Rinnsal lief ohne Druck aus dem Duschkopf.

Im Eingangsbereich meines Zimmers blieb ich stehen und spähte vorsichtig in jeden Winkel. Mit kleinen Schritten schlich ich vorwärts und guckte und guckte. Keine Kakerlake. Dann tat ich, wie mir Peter geraten hatte und stopfte das Moskitonetz von jeder Seite sorgfältig unter die Matratze, sodass nur noch ein schma­ler Spalt offen blieb, durch den ich mich hinein schlängeln konnte. Meine Mutter hatte mir eine Dose Moskitospray für Kleidung mitgegeben. Damit sprühte ich jeden Zentimeter des Netzes ein. Vielleicht half Moskitospray ebenso als Kakerlaken Abwehr. Ich schlüpfte in meinen Kokon. Der Ventilator über mir fledderte. Der musste aus! Ich krabbelte zurück durch den Netzspalt und ging auf Zehenspitzen zum Schalter an der Tür. Zurück auf der Matratze dröhnte die Klimaanlage durch meine Ohropax. Auch die musste aus! Für meine Nachtruhe benötige ich Totenstille, denn ich bin mit der Schlaflosigkeit meiner armen Mutter aufgewachsen. Generell wechselten wir ein Hotelzimmer drei bis viermal, bis sie das geeignete gefunden hatte. Jegliches Rauschen, Tropfen, Piepen, Summen raubte ihr den Schlaf. Mein Vater stopfte Handtücher in Lüftungsschächte, taute Kühlschränke ab, tat einfach alles, was in seiner Macht stand, um Ruhe zu schaffen. Sie tat mir leid, meine schlaflose Mutter, also lauschte ich mit. Unermüdlich, bis auch mich die Geräusche störten. Plötzlich war ich empfänglich für Töne, die ich vorher nicht einmal wahrgenommen hatte. Heute übertreffe ich meine Mutter um Welten.

Die Klimaanlage verstummte. Draußen bellten Hunde durch die Nacht.

2

Morgens stand ich an der offenen Balkontür und blickte auf ein Reisfeld. Der Kissenbatzen hatte mir eine böse Genickstarre verpasst. Langsam bewegte ich den Kopf von links nach rechts. Palmen, hohe Bäume, Reispflanzen, Wäscheleinen flatterten im Wind, warme Luft strömte mir entgegen. Sonne. Was war das für ein Gefühl in meiner Brust? Warm, kribblig, Glück? Wirklich? Ich lächelte in den Himmel und flüsterte: „Danke.“

Ich tapste die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Niemand da. Alles leer und verlassen.

,Stimmt, die drehen ja ohne mich‘, fiel mir wieder ein. Ein ganzer Tag allein! ,Jetzt entspannst du dich erstmal und holst deine Freunde aus dem Koffer‘, sagte ich mir.

Das waren zwei Gläser Bio-Instantkaffee und drei Tuben Milchmädchen. Genießbaren Kaffee gäbe es in diesen Breitengraden nicht, hatte ich in den Mails erfahren. Auf vieles konnte ich verzichten, auf Kaffee nicht. Ich versteckte ihn in der untersten Schublade des Regals in meinem Zimmer. Für das Milchmädchen kroch ich tief in den Kühlschrank hinein und verstaute es in der hintersten Ecke. Wurde fortan in unserer Runde über den furchtbaren Bali-Coffee geheult, umhüllte mich eine Aura des Schweigens.

Es klapperte am Schloss der Terrassentür. Eine Frau zog mit einem Ruck die Tür auf, trat ein und verschloss die Tür ebenso schnell wieder hinter sich. Ich staunte weniger über ihr plötzliches Erscheinen, als darüber, dass ich eingeschlossen gewesen war. Von einem Schlüssel hatte niemand etwas gesagt. Sollte ich hier gefangen sein, bis die Herren nach getaner Arbeit heimkehrten? Oder hatten sie vergessen, dass da oben noch jemand schlief?

,Hoffentlich lässt die Frau die Tür offen‘, dachte ich. Sie sei die Hausverwalterin, verstand ich, und der Hund dürfe nicht ins Haus. Ich sah keinen Hund, trotzdem nickte ich brav und betrachtete ihre langen, schwarzen Haare. Sie war zwei Köpfe kleiner als ich und wahrscheinlich älter, als sie aussah. Ich bewunderte ihren geraden Rücken und bekam einen Buckel. Wie schön aufrecht sich hier alle hielten! Bestimmt wegen des ganzen Krams, den sie auf ihren Köpfen transportierten. In den folgenden Tagen würde ich Frauen mit langen Brettern, Körben und Einkäufen auf den Köpfen am Straßenrand entlanglaufen sehen, Gewichte, die ich nicht einmal mit den Händen hätte anheben können.

Früher wäre sie nur vierzig Kilo schwer gewesen, sagte die Hausverwalterin, aber nun sei sie fett geworden. Jetzt wiege sie mehr als fünfzig Kilo.

Ich nickte. Sie blickte mir unverwandt in die Augen, doch ich wusste, sie musterte mich im Ganzen. Man solle sich nicht allzu freizügig zeigen, stand im Reiseführer. In Tempeln hatten Frauen eine lange Bluse und ein Wickeltuch zu tragen. Wir standen uns hier aber nicht in einem Tempel gegenüber, sondern in der Küche. Trotzdem herrschte eine unausgesprochene Empörung, als wären wir eben doch in einem Tempel. Die Hausverwalterin trug einen langen Rock, eine Bluse, ein Tuch um die Hüften, ein Tuch um die Schultern und irgendwie guckte aus jedem Zipfel noch ein Tuch und noch ein Tuch hervor. Ich stand da in Slip und Bikinioberteil. Ich faltete die Hände vor dem Körper und fühlte mich nackt.

„I’d like to go running. Do you know where I could do that?“ Verständnislos sah sie mich an.

„Ähm, jogging?“, versuchte ich es anders. Die Augen der Hausverwalterin verformten sich zu einem großen Oh! Das hatte sie anscheinend noch niemand gefragt.

„No!“, sagte sie laut. „No jogging!“ Vielleicht in den frühen Morgenstunden auf dem Feld, lenkte sie ein.

„Auf dem Feld?“, fragte ich. Meinte sie das Reisfeld, das ich vom Balkon aus gesehen hatte?

Tagsüber dürfe ich auf keinen Fall rennen, betonte sie. Ab einem Schritttempo, das die normale Laufgeschwindigkeit überstieg, würden einen die wilden Hunde beißen.