Bankster - Gudmundur Oskarsson - E-Book

Bankster E-Book

Gudmundur Oskarsson

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Beschreibung

Es ist das Jahr 2008. Die Finanzkrise erschüttert das isländische Bank-wesen, Island steuert auf die Staatspleite zu. Ohne vorherige Ankündigung verliert Markús über Nacht seinen Job bei seiner Bank. Völlig perplex angesichts der Tatsache, dass künftig der Verzehr von foie gras bei Kerzenschein in ferne Vergangenheiten verbannt sein soll und dass 24 Stunden täglich ohne Arbeit bewältigt werden müssen, stürzt Markús in eine schwere Lebenskrise. Seine Lebensgefährtin Harpa verliert ebenfalls ihre Stelle als Bankerin, nimmt aber sofort einen Job als Aushilfslehrerin an. Dass sie ihn immer wieder vorsichtig auf seine Ar-beitssuche anspricht, macht die Sache für ihn nicht besser. Auch ein kurzer Ausflug in die aufkeimende isländische Bürgerbewegung hilft nicht weiter. Markús klammert sich an sein Tagebuch, dem er seine Beobachtungen zur Lage der Nation anvertraut. Er scheint sich in seiner neuen Rolle zunehmend einzurichten. Doch Harpa hat ein Geheimnis, und als sie ihn von einem Tag auf den anderen verlässt, wird sein Leben erneut auf den Kopf gestellt. Banker und Gangster: Das Schicksal des Liebespaares Markús und Harpa, die für die größten isländischen Banken arbeiten und beide während der Wirtschaftskrise 2008 ihre Arbeit und Zukunft verlieren. Mit seinem einnehmenden isländischem Humor und einem liebevollen Blick für seine Protagonisten erzählt Óskarsson von der persönlichen Krise eines jungen Mannes, dessen Leben durch die weltweite ökonomische Krise aus den Fugen gerät. Es ist zugleich das eindrucksvolle Porträt einer fortschrittsverwöhnten und profitgierigen Gesellschaft, deren ökonomischer Optimismus und blinder Wachstumsglaube jäh erschüttert werden.

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Guðmundur Óskarsson

Bankster

Roman

Aus dem Isländischen von Anika Lüders

I

Vorwort

(Sechs Telefonate)

20:47 Uhr Donnerstag 2. Oktober 2008

– Hi!

– Grüß dich, mein Lieber.

– Hi hi.

– Wo bist du?

– Bin mit ein paar anderen nach der Arbeit noch was trinken gegangen.

– Und, viel los bei euch?

– Schon.

– Ist in der Hauptstadt nicht Donnerstag, wie anderswo auch?

– …

– Markús?

– Ja, dochdoch. Ist ja auch kein Besäufnis im Gange.

– Jæja. Und hast du gesehen …

– Was?!

– Hast du Geir vorhin gesehen?

– Nein.

– Das …

– Ich höre dich so schlecht!

– …

– Warte!

– …

– Papa, ich bin auf dem Weg nach draußen, warte mal!

– …

– Wurde plötzlich so laut – was hast du gesagt?

– Ich wollte sagen, dass unser Ministerpräsident da wohl kaum eine Regierungserklärung abgegeben hat.

– Was dann?

– Viel eher eine Grabrede.

– Eine Grabrede!

– Nach was Besserem hat es sich nicht angehört.

– Was hat er gesagt?

– Es war eigentlich mehr der Ton als das, was er gesagt hat.

– Und wie war der Ton?

– Trauervoll.

– Trauervoll?

– Trauervoll, mein Markús.

– Hast du dir denn schon ein Schlückchen genehmigt, Papa?

– Nein, aber das ist eine teuflisch gute Idee.

– Spricht nichts dagegen, sich vorm Schlafen einen zu genehmigen.

– Spricht nichts dagegen.

– …

– Und geradezu notwendig, nachdem man sich das angehört hat.

– War sonst noch was Besonderes?

– Nein, wollte nur wegen der Rede mit dir sprechen. Ihr seid da ja mittendrin in diesem Wahnsinnsboom, der anscheinend gerade zusammenbricht.

– Kein Grund, so pessimistisch zu sein. Schon seit Juli letzten Jahres gibt es einen Abwärtstrend und …

– Trend?

– Ja, und wir müssten bald unten angekommen sein. Dann kann es wieder aufwärtsgehen …

– Die Glitnir-Bank ist schon unten angekommen. Macht ihr euch deswegen keine Sorgen?

– Sie müssen das vorher alles gut durchdacht haben.

– …

– Die Notenbank müsste einspringen.

– Und du?

– Was?

– Machst du dir Sorgen?

– Ich lasse mich von ihnen jedenfalls nicht unterkriegen. Die Landsbanki und Glitnir sind so unterschiedliche Unternehmen, beides Banken, aber so unglaublich unterschiedliche Unternehmen.

– Das wollen wir hoffen.

– Glauben wir es. So ist es halt.

– Jæja.

– …

– …

– Schneit es bei euch?

– Ab und zu, im Augenblick aber nicht.

– Hier ist es richtig stürmisch, furchtbar winterlich.

– Nur ein kurzer Herbst dieses Jahr?

– Gemessen am Zähneklappern.

– Geh wieder rein, wenn dir kalt ist.

– Werde ich tun, wir hören uns bald wieder.

– Ja, und ich gönne mir noch einen aus der guten Flasche.

– Hast du den Whisky nicht schon ausgetrunken?

– Gerade bei den Flaschenschultern angelangt.

– Na dann hau mal rein, aber lass es nicht die Runde machen. Ich schicke eine neue, sobald du mit der alten fertig bist.

– …

– Wie bitte?

– Ja, würde ich wohl nehmen, noch so eine Flasche. Das Zeug ist wirklich gut.

– Super.

– Grüße von deiner Mutter.

– Okay, danke. Küss sie von mir auf die Wange.

– Mache ich.

– Und nicht heimlich auf den Mund, alter Mann.

– Nein, zuerst auf die Wange.

– Genau.

– So machen wir es.

– Ja, bye.

– Tschüss, mein Lieber.

Am Tag danach

– Hi.

– Grüß dich, mein Lieber.

– Was gibt’s?

– Zunächst einmal, dass das Gleichgewicht, das mal im Telefonieren steckte, verlorengegangen ist, seit man immer gleich sieht, wer anruft.

– Welches …

– Lach nicht. Sieh mal, ich habe angerufen, und du hast »Hi« gesagt anstelle des gewöhnlichen »Hallo« oder »Hier ist Markús«, und ich habe »Grüß dich, mein Lieber« statt »Grüß dich, mein Lieber, hier ist dein Vater« gesagt, bevor ich dann eigentlich fragen wollte, wie es dir geht, anstatt mich darüber auszulassen, wie sich die Technik verändert hat …

– Es hätte aber auch Mama sein können, da steht nur »Eltern« auf der Anzeige.

– Ist ja auch egal.

– Jæja.

– Ja.

– …

– Und, hast du die Mittagsnachrichten gehört?

– Meinst du das, was der Ökonomie-Professor gesagt hat?

– Ja.

– Nein, aber ich habe im Internet darüber gelesen.

– Was meint ihr?

– Wir Bankleute?

– Ja.

– Es ist gelogen, einfach unglaublich, dass es sich jemand mit einer Stelle an der Universität Islands erlauben kann, zu behaupten, dass die Banken im Land faktisch bankrott seien.

– Aber wenn es wahr ist?

– Ist egal. Es wird wahr, sobald die Leute es ernst nehmen.

– Vielleicht gibt es keinen Grund, es nicht ernst zu nehmen.

– Doch Papa, wir müssen zusammenhalten.

– Einige scheinen da nicht dran zu denken.

– Nur die Neurotiker.

– Vielleicht muss man nicht wirklich krank sein, um auf sein Geld achten zu wollen.

– Ein Bankensturm ist eine sehr ernste Angelegenheit.

– Bezeichnest du das als Sturm?

– Kaum. Aber das macht sich nicht so gut, alle Filialen voller aufgeregter Leute, die Geld in Plastiktüten stopfen.

– Im besten Fall haben die meisten ja vielleicht nur Schulden bei der Bank.

– Viele kommen, um abzuheben, was ihre Kreditkarte noch hergibt. Was soll das?!

– Kommen sie damit denn nicht durch?

– Sicher!

– Verdammter Mist.

– …

– Glaubst du denn, dass es euch genauso ergehen wird wie Glitnir?

– Mensch, die Unternehmen sind so unterschiedlich.

– Wie du schon immer gesagt hast.

– Ja.

– Hoffentlich auch unterschiedlich genug.

– Den Büchern nach sollten sie das sein. Unser Kapital ist zum Beispiel viel sicherer. 63 Prozent unserer Kredite sind durch Einlagen gedeckt. Das ist eine besonders hohe Rate, und die Bank ist daher nicht so abhängig …

– Aber was macht ihr, wenn die Leute ihre Einlagen jetzt sofort haben wollen?

– Ein großer Teil davon ist gebunden.

– Wie groß?

– Ungefähr ein Drittel. Aber davon und von allem anderen einmal abgesehen, hält keine Geschäftsbank einen Ansturm ihrer Kunden aus.

– …

– Das Modell geht davon aus, dass nur relativ wenige innerhalb eines bestimmten Zeitraums an ihr Geld müssen.

– …

– So ist es halt.

– Ja, jæja. Genug davon. Wie sieht das Wochenende bei euch Eheleuten aus?

– Wir sind nicht verheiratet, Papa.

– Aber über die Möglichkeit habt ihr trotzdem schon mal nachgedacht.

– Ja, die Möglichkeit gibt es. Das Wochenende wird wahrscheinlich ruhig, entspannt und angenehm.

– Das ist gut.

– …

– Ihr arbeitet jetzt also weniger am Wochenende?

– Ja, in letzter Zeit. Aber man hat jetzt ja sowieso immer den Computer zu Hause.

– Was für eine Hölle.

– …

– …

– Aber Papa, es gibt gerade ziemlich viel zu tun, sollen wir uns nicht besser später noch mal hören?

– Doch, unbedingt.

– Heute Abend oder spätestens morgen.

– Ja, gut, mein Lieber.

– Bye.

– Tschüss.

Nach dem Wochenende

– Markús hier.

– Na sieh einmal an!

– War das nicht viel besser so?

– Doch, aber jetzt habe ich versagt.

– Nicht so schlimm.

– Jæja. Und von wo hole ich dich gerade her?

– Von der Arbeit.

– Wann gehst du essen?

– Irgendwann nachher.

– Ich habe gerade eine dermaßen leckere Scholle gegessen, das glaubst du nicht.

– Einer toten Scholle traue ich alles zu.

– Ich weiß. Und wie war das Wochenende?

– Ziemlich schön.

– Nichts Besonderes?

– Haben Leute getroffen, sind mal durch die Stadt geschlendert – halt diese traditionellen Wochenendsachen.

– Das ist ja auch am besten.

– Manchmal jedenfalls.

– Richtig.

– …

– Spannend, auf den Ministerpräsidenten zu warten.

– Ich weiß nicht.

– Das ist eine Rede an die Nation, Junge.

– …

– Geir sollte etwas zu sagen haben.

– …

– So verbissen, wie sie am Wochenende getagt haben.

– …

– Markús?

– Ja, nein, ich habe nur eben was gelesen, aber ja, sie haben getagt. Das war auch das Mindeste.

– …

– Am Samstag sind Harpa und ich in der Sonne um den Stadtsee gelaufen, und ich glaube kaum, dass es am Konferenzhaus jemals lebendiger zugegangen ist. Ein Auto nach dem anderen und scharenweise Reporter, die alles verfolgt haben, was sich bewegt hat.

– Was, meinst du, kommt dabei heraus?

– Keine Ahnung – aber alles außer der Bekanntgabe eines gigantischen Vertrags mit ausländischen Notenbanken ist das Ende.

– Und glauben die Leute daran, an so einen Vertrag?

– Die Leute hoffen es zumindest. Es sieht halt gerade nicht so gut aus.

– Wie wenig gut?

– Was?

– Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass alles verloren ist?

– So um die 50 Prozent.

– Das …

– So ist es halt.

– …

– Aber es ist natürlich schwer zu sagen. Und ich möchte da eigentlich auch nicht weiter drüber nachdenken, in einer halben Stunde ist sowieso alles klar, und es bringt nichts, herumzuspekulieren.

– Du meinst, dass das Ergebnis vorliegt?

– Ja.

– …

– Aber Papa, hier ist eigentlich gerade alles im Arsch, und ich kann kaum …

– Kein Problem, wollte dich nur kurz hören.

– Okay, wir bleiben in Kontakt.

– Ja, tschüss.

– Bye.

Am Tag danach

– Hi.

– Jæja, mein Lieber.

– Genau, das kann man sagen – jæja.

– Wie geht es dir?

– Ich bin nicht sicher.

– …

– Vielleicht alles halb so wild. Das habe ich heute jedenfalls schon mehrfach gehört.

– Und sie haben die Bank einfach übernommen.

– Ja.

– Ein allerletztes Zucken des Rettungstrupps.

– …

– Kein Aktienkapital, keine Darlehen, nichts.

– Nur die Notstandsgesetze.

– …

– Versteht eigentlich keiner was davon.

– Man muss nichts mehr verstehen, wenn der Ministerpräsident Gott gebeten hat, Land und Leute zu segnen.

– Wahrscheinlich nicht.

– Die Aktien werden jetzt wohl kaum noch was wert sein.

– Nichts wert. Du hast es selbst gesagt, sie haben die Bank übernommen.

– Der arme Landsbanki-Bjöggi.

– Die arme Rentenkasse und du Armer und arme Mama und einfach alle.

– Das geht schnell, was?

– Das letzte Zucken ist halt ein Zucken. Ein Augenblick.

– Ja.

– …

– Die Tanten haben letzte Woche Blutwurst gemacht. Morgens sind die Schafe noch im Stall aufgewacht, und am Abend froren sie schon im eigenen Magen in den Tiefkühltruhen der ganzen Stadt.

– …

– Die Dinge ändern sich nicht nur bei uns schnell, Markús.

– Da sagst du was.

– …

– …

– Ich habe in den Nachrichten gehört, dass ihr vorhin eine Mitarbeiterversammlung hattet.

– Ja, die Minister haben vorbeigeschaut. Und hatten noch den nächtlichen Zauberstab in der Hand. Redeten davon, dass alle Angestellten und die Gehälter und so weiter bleiben, dieses ganze Gelaber.

– Ist es nicht so?

– Doch, du siehst ja, dass – ach, ich hab jetzt keine Lust, darüber zu reden. Wir haben schon den halben Weg zum Teufel hinter uns, in einem bremsenlosen …

– Nein, neinnein. Jetzt bist du idiotisch pessimistisch, mein Junge. Sie werden die Situation in den Griff bekommen, die Genies, und wenn sie es nicht können, dann müssen wir es einfach selbst tun.

– Sagen wir das.

– Glauben wir es.

– Ganz egal. Mein Kopf qualmt schon richtig, Papa. Kann ich dich nicht lieber heute Abend anrufen?

– Doch, dochdoch, absolut. Aber versuch, nicht aufzugeben, mein Lieber.

– Standhaft in deinem Namen, Amen.

– So ist es gut. Grüß Harpa von mir.

– Okay, bye.

– Tschüss.

Zwei Tage später

– Hallo.

– Grüß dich, mein Lieber.

– Hi Papa.

– Jæja.

– Wie geht es dir?

– Ganz gut.

– Nichts Besonderes?

– Nein, alles beim Alten.

– …

– Dein Onkel hat jetzt endlich den Schlittenanhänger fertig gebaut, hat verdammt lange gebraucht, aber jetzt ist er noch vorm Winter fertig.

– Das ist ja mal eine Neuigkeit.

– Ja. Hast du etwa den Neuigkeitsmangel hier in deinem Heimatort vergessen?

– Neuigkeitsmangel hätte ich jetzt auch gerne.

– …

– Hast du gestern die Nordlichter gesehen?

– Ganz sicher nicht. Wieso?

– Sie waren teilweise so gewaltig.

– Ja, und sie sind es auch jetzt noch, wenn es nicht so schneit wie gestern.

– …

– Du bist vorhin nicht ans Telefon gegangen.

– Das stimmt.

– …

– …

– Jæja, aber gibt es was Neues?

– Ich bin gerade nach Hause gekommen.

– So wenig zu tun bei der Arbeit?

– Wahrscheinlich nichts.

– …

– Vorhin hatten wir wieder eine Mitarbeiterversammlung.

– …

– Wurde ein neuer Organisationsplan vorgestellt.

– …

– Meine Abteilung wurde einfach dichtgemacht.

– Gerade eben?!

– Ja, genauer gesagt, das ganze Unternehmen, in der Form, wie es ist – war.

– …

– So ist es halt.

– Und hat man dir schon gekündigt?

– Ja.

– Mein lieber Scholli.

– …

– …

– Ich versuche gerade, ruhig zu bleiben und das zu kapieren.

– Du hast so einen Ausgang mal erwähnt, dass das möglich ist, aber vielleicht nicht ganz so – nicht so schnell!

– Im Nachhinein betrachtet …

– Aber dieses Tempo, einfach erbarmungslos!

– Sie mussten anscheinend rationalisieren. Vielleicht war es am besten, es sofort zu tun.

– Jetzt hör aber auf.

– …

– Aber trotzdem gut, dass das nicht völlig überraschend für dich kam.

– Das macht keinen Unterschied. Ich war nicht arbeitslos, aber jetzt bin ich es. Nichts macht es weniger trostlos.

– …

– Nichts.

– …

– So ist es halt.

– …

– Jetzt werden bald sicher Tausende mit meiner Ausbildung und ähnlicher Berufspraxis auf dem Markt sein.

– …

– Auf einem Markt, der kaum noch existiert.

– Vielleicht hättest du damals doch Isländisch studieren sollen, hier in der Stadt und in der Umgebung werden immer Lehrer gebraucht.

– Da sagst du was.

– Nein, ich rede einen verdammten Blödsinn, einfach das Erste, was mir eingefallen ist. So idiotisch, zu versuchen, im Nachhinein schlau zu sein.

– Und beschämend viele wollen jetzt im Nachhinein alles vorhergesehen haben.

– …

– Fast jeder Zweite hat das anscheinend alles kommen sehen.

– Was mich interessiert – ich bin schließlich dein Vater: Wie trifft euch das finanziell?

– Eher schlecht!

– …

– …

– Aber du scheinst darüber lachen zu können, das ist ein gutes Zeichen.

– Ich weiß nicht, was das war – mir ist nicht nach Lachen zumute.

– Verstehe, das ist unglaublich. Aber pass auf, dass du nicht kaputtgehst, mein Freund. Es kann sehr schwer sein, gebrochene Männer wieder aufzurichten.

– Ja, aber ich habe keine Ahnung – keine Ahnung, wie es weitergeht. Aber da sowieso alles zum Teufel geht, überlege ich gerade, einfach ein Video einzulegen, irgendein ganz blutiges.

– Ist Harpa nicht bei dir?

– Nein. Aber sie will nach Hause kommen, sobald sie kann.

– Ihr müsst gut zusammenhalten.

– Das machen wir, wir Eheleute.

– …

– …

– Hat sie ihren Job denn sicher?

– Diesen Ausdruck würde ich in Bezug auf Stellen im Finanzsektor heute nicht mehr verwenden.

– Nein. Aber grüß sie bitte ganz herzlich.

– Werde es ausrichten.

– Hast du es beim letzten Mal gemacht?

– Nein.

– Jæja, aber du versuchst, heute Abend daran zu denken.

– Ja.

– Und wir halten uns auf dem Laufenden.

– Klar.

– Tschüss, mein Lieber.

– Tschüss.

Neunzehn Minuten später

– Hallo.

– Hi Liebster, hier ist Mama.

– Hi.

– Ich habe mit deinem Vater gesprochen und wollte kurz einen Ton von dir hören.

– Wie gefällt dir dieser hier?

– Weiß ich nicht – noch nicht. Wie geht es dir?

– Papa hat dir wahrscheinlich schon alles gesagt.

– Ich weiß nicht.

– Wir wollen es hoffen, ich will das nicht alles noch mal erzählen.

– Das war auch nicht meine Absicht, ich wollte nur meinen Jungen hören.

– Okay.

– Und wie geht es dir?

– Normal halt, glaube ich – gemessen an allem.

– Ja?

– Betäubt und – anders kann ich das Gefühl nicht beschreiben. Das ist ein sehr unklarer Zustand.

– Gefühle, wahrscheinlich viele unterschiedliche Gefühle.

– So wird es sein.

– Und es ist wichtig, dass du ihnen Zeit gibst, bevor du wieder so viel von dir verlangst.

– Das sollte ich tun. Zeit werde ich wohl demnächst im Überfluss haben.

– Aber denk daran.

– Wie ich schon sagte.

– Gut, mein Lieber. Dein Vater hat gesagt, dass du Geldsorgen hast.

– Frag mich doch selbst, Mama.

– Hast du?

– Nein, ich denke nicht, nicht besonders. Sie sind halt Teil des Gesamtsorgenpakets. Aber jetzt mache ich mir Sorgen, weil du dich um mich sorgst. Das will ich wirklich nicht.

– Deine Mama denkt an dich, und du erlebst schlimme Dinge, natürlich werde ich unruhig.

– Trotzdem … ich komme schon zurecht, Mama.

– Das ist gut zu hören.

– …

– Aber wäre es nicht schön, Leber- und Blutwurst in den Süden zu bekommen, ein paar Würste? Es ist schon einige Jahre her, seit ich euch zuletzt was geschickt habe.

– Wir haben genug zu essen, Mama. Harpa hat noch einen guten Job und – sieh mal, wir sind nicht drauf und dran zu sterben.

– Das weiß ich, aber meinst du nicht, dass es schön wäre, für einige Mahlzeiten Blutwurst zu haben? Man kann auch Innereien bei Kerzenschein essen.

– Harpa und ich haben schon das eine oder andere Mal Pâté de Foie gras gegessen, auch bei Kerzenschein.

– Was?

– Pâté de Foie gras, Gänseleberpastete.

– Ach so. Die Aussprache war ein bisschen speziell, mein Markús. Hat sich dein Französisch schon verabschiedet?

– Es hat mich nie richtig begrüßt.

– Jæja, lass uns nicht über Französisches reden.

– Und auch nicht über Blutwurst, Mama.

– In Ordnung. Man ist einfach so durcheinander.

– Aber mach dir wegen mir keine Sorgen, mach das – auf keinen Fall. Das zieht mich dann erst recht runter.

– …

– Wie läuft es denn beim Unterricht mit den Kindern?

– Sie lernen.

– Papa meint, dass ich besser Isländisch studiert hätte. Lehrer werden anscheinend immer gebraucht.

– So ein Unsinn! Man muss immer seiner Überzeugung folgen, und das hast du gemacht und dich dabei gut angestellt. In schweren Zeiten sollte man sich davor hüten, Dinge im Nachhinein zu bedauern, das macht die Zukunft noch schwieriger.

– Du hast dir wohl Doktor Phil angesehen?

– Doktor was?

– Genau den.

– Nein, wen?

– Nichts, war nur ein Scherz.

– …

– Aber jæja, jetzt hast du wirklich einen Ton von mir gehört, Mama, hast dir milde Misstöne angehört und kannst dich jetzt ruhig entspannen.

– Dir geht es also einigermaßen, mein Lieber?

– Ja.

– Deine Mama ist richtig froh, das zu hören.

– …

– …

– …

– Markús?

– …

– …

– Ich bin so müde, erstaunlich, wie lange ich es am Telefon ausgehalten habe.

– Jæja, dann ruh dich mal aus.

– Ja.

– Und ruf vielleicht mal deine Schwester an. Ich habe heute Morgen mit ihr gesprochen, und sie hat sich Sorgen um ihren Bruder gemacht.

– Das werde ich tun.

– …

– Ich rufe sie heute Abend an.

– Gut. Und Gott behüte dich, mein Lieber.

– Noch bin ich nicht eingeschlafen.

– Ganz unabhängig davon.

– Okay, dich auch.

– …

– …

– Tschüss, mein Lieber.

– Bye.

II

Das Buch

Tag 2

Vorgestern rief Vésteinn an. Wir haben nicht lange darüber geredet, wie es gelaufen ist, er wollte mich treffen. Gleich am Abend saßen wir im Café und haben die Situation durchgesprochen, er, auf den Tisch gesunken, und ich, völlig schlapp, die Arme hinterm Stuhlrücken verschränkt. Er machte sich offensichtlich Sorgen um mich. Ich habe versucht, ihn davon zu befreien, indem ich immer wieder gesagt habe, dass es mir erstaunlich gut geht. Wir haben so lange geredet, dass der letzte Cappuccino-Schluck eiskalt war.

Kurz bevor wir uns verabschiedeten, hat Vésteinn mir empfohlen, Tagebuch zu schreiben, um in diesen verrückten Zeiten das Leben in den Griff zu kriegen, man geriete so leicht aus dem Gleichgewicht und würde pessimistisch. Dann meinte er noch, dass ich die letzten Tage in der Bank ja in einem gesonderten Vorwort beschreiben könnte.

Etwas früher an diesem Abend hat Vésteinn von seiner Doktorarbeit erzählt – irgendwas über politische Konflikte in der Sturlungerzeit, sehr interessant, obwohl ich mich an den Inhalt nicht mehr wirklich erinnern kann – und ich vermute, dass der Historiker in ihm die Idee zum Tagebuch mit Vorwort hatte, vielleicht will er, dass ich etwas schreibe, das später als Zeugnis einer geschichtsträchtigen Zeit gelten kann. Wir haben ausgemacht, uns so bald wie möglich wiederzusehen, dann werde ich ihn mit der Vermutung konfrontieren, dass er solche Hintergedanken hatte.

Die Idee kam mir trotz allem gar nicht so blöd vor, als ich mich gestern wieder daran erinnert und dieses Buch gekauft habe, das dickste im Laden. Ein Vorwort über die letzten Tage in der Bank kann ich aber trotzdem nicht schreiben, in meinem Kopf sind sie nichts als ein grauer Fleck. Das Einzige, woran ich mich richtig erinnere, ist das Wetter, weil es sich nicht verändert hat: die ganze Zeit wolkenlos, windig und kalt.

Tag 3

Das ist das zweite Mal, dass ich Tagebuch führe. Mit zehn oder elf Jahren musste ich es zum ersten Mal als schreckliche Zwangsaufgabe für die Schule machen. Nach den Hausaufgaben sollten wir immer etwas über unseren Tag schreiben. Ich erinnere mich noch, dass es für jeden Tag eine Doppelseite gab. Oben auf der linken Seite war ein verschnörkelter Rahmen für eine Buntstiftzeichnung, wie für ein Sofagemälde. Unter dem Rahmen stand »Liebes Tagebuch«, und der Rest der Doppelseite war voller Linien. Ich weiß noch, dass das Tagebuch für Jungs – das einzige, das es in Finns Buchladen gab – blau und das für die Mädchen rosa bedruckt war, und ich weiß auch noch, dass ich immer alle Linien auf der Doppelseite vollschreiben wollte – die unbedeutendsten Tage haben sich unter den kleinen Buntstiftbildern ausgebreitet.

Tag 4

Tag vier? In der Tat folgt er auf Tag drei und zwei, aber mal ganz davon abgesehen, ob das für mich ein Neuanfang ist oder nicht, habe ich den ersten Eintrag unbewusst so getauft.

Tag vier nach der Umstrukturierung heißt mit richtigem Namen 13.10.2008 und ist ein Montag. Harpa ist wie an jedem Werktag um 6:55 Uhr aufgewacht. Sie wollte eigentlich leise aufstehen, aber als sie sah, dass ich wach war, ist sie zu mir gekrochen, und wir haben in stiller Umarmung dagelegen, bis der Wecker wieder geklingelt hat.

Ich habe den Duschgeräuschen zugehört, gehört, wie sich der Wasserstrahl verändert hat, als Harpa sich darunter gestellt und das Wasser aus ihren Haaren gestreift hat, gehört, wie die Wassergeräusche durch den Seifenschaum dumpfer wurden. Ich konnte nicht liegen bleiben und lauschte daher nur kurz.

Nachdem Harpa zur Arbeit gegangen war, stand ich lange mitten im Wohnzimmer und starrte auf die Fensterscheiben. Es war zu dunkel draußen, um etwas anderes als das gespiegelte Wohnzimmer zu sehen, und mich mittendrin.

Tag 5

Gestern habe ich schon morgens in das Buch geschrieben. Nicht gerade bemerkenswert, selbst wenn danach nichts Besonderes mehr passiert ist.

Als ich vor der ersten Folge der letzten Sopranos-Staffel saß, habe ich über Harpa unter der Morgendusche und übers Auf-die-Wohnzimmerfensterscheiben-Starren geschrieben. Bis in den Nachmittag hinein habe ich mir die komplette Staffel angesehen, und heute Morgen wieder bei der ersten angefangen, um dann die ganze Serie in der richtigen Reihenfolge zu sehen. Harpa hat sie mir im letzten Jahr zu Weihnachten geschenkt, im Auftrag des Kerzenschnorrer-Weihnachtsmännchens. Sie meinte, wir würden … jetzt schaudert es mich, wie sich unsere Zukunft verändert hat. Mein Kopf ist voller unrealisierbarer Pläne. Es gibt so viele Dinge, die ich gedanklich noch nicht weiterverfolgt habe, die ich loswerden und vergessen muss – alles – ich muss alles neu denken. Aus irgendeinem Grund ist mir heute eingefallen, dass Harpa und ich uns vor genau sieben Jahren auf dem Oktoberfest der Uni kennengelernt haben. Das ist meine Torchance: Ich sollte sie sofort anrufen, bevor sie es tut. Dann steht es in diesem wichtigen Erinnerungsspiel nur noch 5-2 für sie.

Tag 6

Doch, das ist ein neuer Anfang, ein neues Leben, eine komplett neue Existenz, nachdem die Zukunft ausgelöscht worden ist.

Alles ist unklar. Aber es wird sich alles klären, oder was? Unklar bedeutet keine Klarheit, zeitlose Dunkelheit. Vielleicht werde ich nie weiter sehen, als der Text in diesem Tagebuch reicht? Ob sich alles klärt oder nicht … Natürlich wird klar werden, wie es weitergeht, da freue ich mich nur nicht gerade drauf, als hätte ich Angst davor, dass dieses neue Leben etwas von mir verlangt, das mir unmöglich ist.

Tag 7

Am siebten Tag … Da ich keine Welt erschaffen habe, darf ich mich jetzt nicht ausruhen, zumal es auch nur ein Donnerstag ist.

Gegen Mittag hat es geklingelt. Das passiert nur selten, wenn wir niemanden erwarten. Es war Guðni. Ich hatte ihn nicht erwartet. Er hatte mich übers Telefon nicht erreicht. Ein paar aus unserer Abteilung – bei der alten Landsbanki – wollen sich jede Woche treffen und zusammen essen. Er war auf dem Weg dorthin. Ich wollte auf keinen Fall mit, wollte mich nur kurz mit ihm über die allgemeine Lage und unsere Situation austauschen, dann verabschieden und mich wieder mit der Fernbedienung aufs Sofa hauen. Wir haben ein paar Worte gewechselt, bis ich ihm auf die Schulter geklopft, ihn gebeten habe, den anderen Grüße auszurichten, und Anstalten machen wollte, die Tür zu schließen. Guðni stand still in der Tür, er sagte nichts, steckte aber die Hände in die Hosentaschen und machte ein Gesicht, aus dem ich lesen konnte, dass es ihm wirklich wichtig war, dass ich mitkomme. Und als er dann sagte, dass ich mich nicht so anstellen solle, er reinkam, den Flurschrank öffnete und mir den dicksten Mantel in die Hand drückte, musste ich nachgeben. Aufdringlichkeit ist eine ganz neue Seite an Guðni, diesem nervenschwachen braven Mann, den man irgendwie nicht enttäuschen möchte.

Als wir ankamen, waren schon fast alle da, saßen an einer großen Tafel, und bevor ich mich versah, umarmte ich Leute und küsste parfümierte Wangen. Ich bekam einen Platz an der Ecke. Gemessen daran, wie eng es war, sind offensichtlich mehr gekommen als erwartet. Die Leute waren gut drauf, und manchmal wurde laut gelacht. Anton saß am anderen Ende des Tischs und gab lustige Geschichten zum Besten, wie auch einige andere, die noch ihren Job hatten. Wir haben uns wie immer begrüßt, als wäre nichts passiert (Anton: Coozo! Ich: Tony Capisce!). Aber ich saß isoliert in meiner Ecke und habe kaum etwas gesagt, nur automatisch beim größten Gelächter mitgelacht. Ich nahm nichts außer diesen Gesichtern wahr, die ich früher täglich gesehen hatte. Vielleicht lag es am Licht da drinnen, vielleicht an der Müdigkeit, aber es kam mir so vor, als hätte ich sie jahrelang nicht gesehen.

Jahrelang? Alles ist so anders, eigentlich müsste mehr Zeit vergangen sein, seit wir so großmännisch gedacht haben, eher zehn Jahre als zehn Tage.

Die Zeit vergeht im Moment so schnell, dass alles fast im selben Moment, in dem es passiert, Geschichte wird.

Tag 8

Es ist noch nicht Mittag, und ich liege schon vor der Mattscheibe und schreibe. Der Abspann läuft. Ich habe mir Rocky Balboa angesehen (Never give up and never stop believing). Wachstumshormone sind kein Jungbrunnen, mein lieber Sylvester, es sei denn, Jugend äußert sich durch Lächerlichkeit.

Gestern habe ich Vésteinn angerufen und ihm vom Tagebuch erzählt. Er hat sich wahnsinnig gefreut und mir jede Menge Tipps gegeben, musste aber zugeben, dass er selbst kein Tagebuch führt. In einer Woche wollen wir uns treffen. Gerade ist er nach Edinburgh geflogen, um seine Freundin zu sehen. Sie ist zum Promovieren dort, Biologie – nein, eher Psychologie.

Wenn Harpa morgens aufgestanden ist, schaffe ich es immer noch nicht, liegen zu bleiben. Heute Morgen bin ich hinter ihr her und habe versucht, frisch und fröhlich zu wirken. Hoffentlich fällt ihr nicht auf, wie schwer mir das fällt. Während sie unter der Dusche stand, habe ich Müsli und Dickmilch für sie gemischt. Sie hat am Küchentisch gefrühstückt, mit nichts an außer ihrem schwarzen Winterbademantel. Ich stand am Waschbecken und sah sie an. Wir schwiegen. Sie war noch in ihrer Morgenstarre und kaute langsam, die Hand mit der Schale auf dem Schoß und die Beine übereinandergeschlagen. Als ich die Gänsehaut an ihren Waden sah, wollte ich was sagen, habe aber weiter geschwiegen, Toastbrot gegessen und Kakao getrunken. Sie hat eine perfekte Haut: hell, aber gesund, vorne an den Schienbeinen glänzend glatt, an Waden, Fußrücken und Zehen etwas matter. Sie erstaunt mich immer wieder und macht mich schweigsam, wenn ich sie so vor mir sehe.

Harpa hat über DIE SITUATION geredet, als wir beim Kaffee saßen. Das interessiert mich kein bisschen, und als das Gespräch für mich lang genug gedauert hatte, bin ich runtergegangen, um die Zeitung zu holen. Als ich wieder hochkam, zog sich Harpa gerade an. Ich setzte mich an den Küchentisch, schenkte mir Kaffee nach und versuchte mich lieber an einem leichten Sudoku, als die Nachrichten zu lesen. Harpa schimpfte, wie sehr sie das Haareglätten hasse, sagte, dass sie dazu überhaupt keine Lust habe, ihr Haarschnitt aber nicht ohne funktionieren würde. Ich stand auf, ging ins Badezimmer und sah zu, wie sie einige Strähnen einklemmte und das Eisen langsam nach unten zog, und zwischendurch sind meine Augen nach unten zu ihren Beinen in der lila Strumpfhose gewandert. Im Herbst hat sie sich zuletzt die Haare aufhellen und den Pony schneiden lassen, genau über den Augenbrauen. Ich habe sie gebeten, die Haare so lang wie möglich zu lassen, habe ihr gesagt, dass ihre Art, die Haare zurückzuwerfen, zu ihrem Charakter gehört. Geglättet reichen sie bis zu den Schulterblättern.

Harpa fragt immer, ob ich sie nicht eben zur Arbeit bringen und dann den Jeep haben will, um etwas zu erledigen, aber ich weiß nicht, was ich erledigen könnte. Obwohl ich ununterbrochen nach vorne denke, überlege, was ich tun könnte, mit wem ich sprechen sollte, zuerst ein paar Tage vorausdenke, dann eine Woche, und auf einmal einen Monat, habe ich keine Ahnung, wie ich den Jeep nutzen könnte, und sage dann, dass sie ihn unbedingt nehmen soll.

Dieser spekulative Schuss in die Zukunft verfehlt immer das Ziel, führt immer zu hoffnungslosen Ergebnissen – aber trotzdem ist es, als würde ich das alles nicht glauben, nicht glauben, dass alles auf dem Weg zum Teufel ist. Entweder bin ich wahnsinnig optimistisch – ohne zu verstehen warum –, oder ich lasse die Realität nicht an mich heran.

Tag 9

Harpa wollte wissen, was ich da eigentlich immer mache, wenn ich mich so abseits ins Wohnzimmer setze. Ich kaute auf dem Stift herum und sagte, dass ich mir Notizen mache. Zweifellos mache ich mir Notizen, zumindest wenn es gut läuft, aber noch bevor ich antworten konnte, hatte Harpa schon das Interesse an der Frage verloren und weiter zwischen den Sendern hin- und hergeschaltet. Erst bei Eurosport hat sie Halt gemacht, und jetzt sieht sie sich ein Tennisspiel an. Das hat sie mir verkündet, gesagt, dass sie zwei heißen Kerlen zusieht, die sich mit einem gelben Ball und zwei löchrigen Kellen vergnügen, und sie hat lauter gedreht, damit ich ihr Gestöhne hören kann. Sie ist schon ziemlich gut dabei. Wir hatten keine Lust zu kochen und sind essen gegangen, saßen fast drei Stunden bei Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch und Nach-Nachtisch. Vom Restaurant sind wir auf einen Mojito in die Bar geschlendert, aber da wir dort so viele kannten, wurden es zwei. Ich habe einen guten Bekannten getroffen und war ganz seiner Meinung, als er meinte, dass …

Tag 10 – 10:37 Uhr

Das Nachtleben weckt oft das Miezekätzchen in Harpa. Da habe ich überhaupt nichts gegen. Als ich gestern so gesessen und geschrieben habe, ist sie auf einmal auf meinen Schoß gekommen, hatte die Bluse schon aus, nur um den BH musste ich mich selbst kümmern. Auch da habe ich nichts gegen, ansonsten wäre Tag 9 ein paar Zeilen länger geworden.

Jetzt sitzt Harpa im Bett und isst Rührei, das ich exakt à la Gordon Ramsey zubereitet habe. Ich höre es nicht, weiß aber, dass sie isst, während ich das hier schreibe, dass sie wie immer wahnsinnig leise isst, weder die Gabel auf den Teller knallt noch den Orangensaft schlürft. Sie isst wie auf Samtpfoten.

Tag 11

Harpa wollte nicht unter der Decke hervorkommen. Sie meinte, dass heute Supermontag sei. Im Büro gebe es nichts zu tun, sie habe in der toten Zeit schon ausgemistet und den iPod bestückt, ihre Fotosammlung sortiert und zur Sicherheit auf CD gebrannt, Leute angerufen, die sie in letzter Zeit vernachlässigt hatte, ihre Facebook-Freundesliste verdoppelt, und auf den Flachbildschirmen an den Wänden würden anstelle von Finanznachrichten in Direktübertragung den ganzen Tag über Zeichentrickfilme laufen. Wir hatten schon fast eine Stunde auf meinem Kissen gelegen und uns mit müden Morgenstimmen unterhalten, bevor Harpa in die Gänge kam. Durchs Fenster konnte man hören, dass die Stadt schon wach war.

Kurz nachdem ich allein war, bin ich aufs Klo gegangen und habe die Klopapierrolle aufgebraucht. Es war die letzte. Den ganzen Tag über wollte ich mich aufraffen und in den Laden gehen, schaffte es aber erst, nachdem ich zweimal pinkeln war. Als ich nur noch ein paar Schritte vom Laden entfernt war, fand ich es plötzlich angemessener, im Supermarkt einzukaufen, zumal ich genügend Zeit hatte, aber da das Gefühl ziemlich schwach war, reagierte ich nicht darauf und ging weiter geradeaus. Schnell hatte ich mein eigentliches Ziel vergessen und lief meiner Intuition folgend die Lækjargata in südlicher Richtung entlang und war schon eine ganze Weile im kühlen, aber schönen Wetter herumgelaufen, als mir das Klopapier wieder einfiel. Ich blieb auf der Stelle stehen und schüttelte all die schweren Gedanken über die Bankenpleite und das Laub von mir ab.

Für gewöhnlich fällt es mir auf, wenn die ersten Blätter von den Bäumen fallen, und dann sage ich im Stillen etwas zu mir, etwas über die Zeit und die Jahreszeiten, wie schnell der Sommer vergangen ist und wie langsam der Winter, und dann versuche ich, mir den Sommer, der schon fast vorbei ist, noch einmal zu vergegenwärtigen, die Sommer, die immer so schnell vergehen, dass all die Bilder im Gedächtnis unscharf sind – nur in diesem Jahr nicht. In diesem Jahr sage ich nichts zu mir. Die Straßen waren mit farblosem Laub bedeckt, das sich an den Bordsteinkanten und zwischen den Häusern angesammelt hatte, und unter den Ebereschen war ein feuerroter Fleck aus zertretenen Vogelbeeren. Auf genau so einem Fleck stand ich, als ich den Kopf hob und sah, dass alle Äste kahl waren, abgesehen von einer zerknüllten Plastiktüte, und ich fand, dass ich viel verpasst hatte, fühlte mich zerstreut und entwurzelt, schniefte und sagte ein paarmal zu mir selbst, dass der Winter in diesem Jahr aber wirklich Knall auf Fall gekommen ist.

Tag 12

Der Postbote hatte heute eine Lieferung für mich. Es waren die Blutwürste, die Mama uns versprochen hatte. In den letzten Tagen hatte ich versucht, sie davon abzuhalten, aber jetzt sind sie doch hier.